AnterhaltlmgsAalt des Horwärts Nr. 32. Dienstag, den 14. Februar. 1899 (Nachdruck verboten.) Vev lelzke Tsg eines Deenrkheilken. Von Victor Hugo. Aus dem Fraiizösischeil vo» Paul Linsemann. In einem Augenblick leerte sich der Hof von allem, was nicht Wärter oder Bagnosträfling war. Die Neugierigen aus Paris flüchteten sich unter die Thürbogen. Unterdeß regnete es in Strömen. Man sah im Hofe nur die nackten und nassen Sträflinge auf dem überschwemmten Pflaster. Ein tiefes Schweigen war ihrem lauten Getobe ge- folgt. Sie klapperten vor Kälte mit den Zähnen, ihre mageren Beine, ihre knochigen Knice schlugen aneinander. Es war ein jammererregcnder Anblick, wie sie die nassen Hemden, die Jacken, die Hosen, die von Regen trieften, über ihre erstarrten Glieder zogen. Ein Einziger, ein alter Mann, hatte noch etwas Humor bewahrt. Er schrie, indem er sich mit seinem feuchten Hemde abmühte, daß„das nicht im Programm stände"; dann lachte er wieder und streckte die Faust gen Himmel. Als sie die Marschkleidung angezogen hatten, führte man sie in Abtheilungen zu zwanzig oder dreißig in die andere Ecke des Hofes, wo die Zwangseisen ihrer harrten. Diese Zwangseisen bestehen aus langen und starken Ketten, die auf je zwei Fuß durch andere kürzere Äetteu durchquert sind, an deren Ende ein viereckiges Halseisen befestigt ist, das mittels eines Charniers in einer Ecke sich öffnen läßt und im ent- gegengesetzten Winkel durch einen Eisenbolzen geschlossen wird, der für die Daner der Reise am Halse des Zuchthaussträflings vernietet ist. Wenn diese Zwangseisen auf der Erde ausgebreitet sind, haben sie starke Aehnlichkeit mit dem Rückgrat eines Fisches. Die Zuchthäusler mußten im Schmutz auf dem über- schwemmten Pflaster niedersitzen, die Halseiscn wurden ihnen anprobirt, dann schmiedeten zwei Schmiede vom Bagno auf tragbaren Ambossen sie ihnen kaltblütig mit wuchtigen Schlägen an. Es ist ein schrecklicher Augenblick, wo selbst die Muthigsten erbleichen. Bei jedem Hammerschlag, der auf den Ambos niedersaust, der an ihrem Rücken lehnt, prallt das Kinn des Delinquenten zurück. Bei der geringsten Be- wegnng von vorn nach hinten kann der Kops wie eine Nuß- schale zerschniettcrt werden. Nach diesem Vorgange trat Stille ein. Man hörte nur noch das Klirren der Ketten und von Zeit zu Zeit einen Schrei und die klatschenden Schläge des Stockes der Bagno- Wächter ans die Glieder der Widerspenstigen. Einige von ihnen weinten; die Alten bebten vor Frost und bissen auf die Lippen. Ich sah mit Schrecken all' diese finster» Gesichter in ihren eisernen Rahmen. Also nach der Untersuchung der Acrzte, die der Gefangen- Wärter, nach dieser die Einschmiednug. Ein Schauspiel in drei Akten! Ein Sonnenstrahl brach wieder hervor. Man hätte glauben sollen, daß er all diese Hirne wieder anfeuerte. Die Sträf- linge sprangen wie auf einen Schlag in die Höhe. Die fünf Abtheilungen faßten sich bei den Händen an, und bildeten plötzlich einen großen Kreis um den Laternenpfahl. Sie drehten sich, daß es einem vor den Augen schwindelte. Sie sangen ein Bagnolied, eine Vcrbrccherballade, ans eine bald schwerinüthige, bald ausgelassen lustige Weise. Man hörte von Zeit zu Zeit schrilles Geschrei, kurzes und jähes Gelächter, von selt- sanien Worten unterbrochen, dann rasendes Beifallsgeschrei. Die Ketten, die im Takte zusammenklappten, dienten diesem Gesänge, der noch greller als ihr Lärmen war, als Orchester. Wenn ich um ein Bild des Hexensabbaths verlegen wäre, könnte ich kein besseres oder schlechteres finden. Man brachte auf den Hof einen großen Kübel. Die Bagnowächter unterbrachen den Tanz der Sträflinge durch Stockschlüge und führten sie zu diesem Troge, in dem irgend ein Gemüse in einer rauchenden und schmutzigen Flüssigkeit umherschwamm. Sie aßen. Dann, nachdem sie gegessen, schütteten sie ans das Pflaster, was von ihrer Suppe und ihrem Schwarzbrot übrig geblieben war. und fingen wieder an zu tanzen und zu singen. Es scheint, daß man ihnen diese Freiheit am Tage, W>»flBfiW>WWWWWW>BflWB>W� wo sie angeschmiedet werden, und in der darauf folgenden Nacht läßt. Ich beobachtete dieses seltsame Schau- spiel nüt einer gespannten und ängstlichen Neugier, daß ich darüber mich selbst vergaß. Ein tiefes Mitlied ergriff mich. und ihr Gelächter machte mich weinen. Plötzlich sah ich, wie ich aus der tiefen Träumerei auf- wachte, in die ich versunken war, die heulende Schaar still stehen. Sie war ganz ruhig. Dann richteten sich aller Augen aus daS Fenster, an dem ich stand. „Der Verurtheilte! der Verurtheilte!" schrieen sie alle, indem sie mit Fingern auf mich wiesen, und das Freudengeheul wurde immer stärker. Ich blieb wie versteinert. Ich weiß nicht, woher sie mich kannten, und wie sie mich wiedererkannt hatten. „Guten Tag. guten Abend!" riefen sie mir unter grätz- lichein Hohngelächter zu. Einer der Jüngsten, zu lcdens- länglichem Zuchthaus verurtheilt, ein Mensch mit bleifarbenem Gesicht, betrachtete mich neidisch und sagte:„Der ist glücklich! der wird um einen Kopf kürzer gemacht. Lebewohl, Kamerad." Ich kann nicht sagen, was in mir vorging. In der That, ich war ihr Kamerad. Der Greveplatz ist die Schwester von Toulon. Ich stand sogar tiefer als sie; sie erwiesen mir eine Ehre. Ich schauderte. Ja, ihr Kamerad! Und einige Tage später könnte auch ich ein Schauspiel für sie sein. Ich war unbeweglich, wie gelähmt, am Fenster geblieben. Aber als ich die fünf Abtheilnngen auf mich zukommen sah, unter Zurufen einer teuflischen Vertraulichkeit; als ich das lärmende Zusammenschlagen ihrer Ketten, das Tapsen ihrer Füße, ihr verworrenes Geschrei vernahm, da kam es mir vor, als ob diese Schaar von Teufeln zu meiner elenden Zelle hinaufkletterte. Ich stieß einen Schrei aus. ich warf mich mit Gewalt gegen die Thür, um sie einzustoßen— aber ich konnte nicht fliehen, die Riegel waren von außen vorgeschoben. Ich klopfte, ich schrie vor Wuth. Dann glaubte ich die schreck- lichen Stimmen der Sträflinge immer näher zu hören und ihre gräßlichen Köpfe schon am Fensterbrett zu sehen. Ich stieß, einen zweiten Angstschrei alls und fiel ohnmächtig zu Boden. XIV. Als ich zu mir kam, war es Nacht. Ich lag in einem elenden Bett; das Licht einer Laterne, die an der Decke schwankend hing, ließ mich andere Lagcifftättcn auf beiden Seiten der meinigen, in Reih und Glied geordnet, er- kennen. Ich begriff, daß man mich in ein Lazareth ge- schafft hatte. Ich blieb einige Augenblicke wach, aber ohne Gedanken und ohne Erinnerung, völlig im Glück versunken, in einem Bett zu sein. Sicherlich, zu anderen Zeiten hätte dieses Hospital- und Gefängnißbett mich vor Ekel zurückschaudern lassen; aber ich war nicht mehr derselbe Mensch. Die Bett- tiicher waren grau und von grobem Stoff, die Bettdecke dünn und löcherig; man fühlte den Strohsack durch die Matratze. Aber was macht's! Meine Glieder konnten sich nach Belieben zwischen diesen zwei groben und kärglichen Decken ausstrecken; ich fühlte nach und nach aus dem Mark der Knochen die schreckliche Kälte schwinden, die ich schon so lange empsirnden. Ich schlief wieder ein. Ein großer Lärm weckte mich. Es war kamn Tag. Der Länn kam von außen. Da mein Bett am Fenster stand, so setzte ich mich ausrecht hin, um zu sehen, was los war. Das Fenster ging auf den großen Hof von Bicetre. Dieser Hof war voll Menschen; zwei Reihen Veteranen hatten Mühe, in der Mitte dieser Menge einen Weg freizuhalten. der den Hof durchquerte. Zwischen dieser doppelten Reihe Soldaten sichren polternd langsam fünf lange Karren voll Menschen; es waren die Sträflinge, die fortgeschafft wurden.- Die Karren waren unbedeckt. Jede Bagno- Abtheilung nahm einen ein. Die Sträflinge saßen auf beiden Längs- feiten einer an den anderen gelehnt.�aber getrennt durch die gemeinsame Kette, die sich durch den Karren hindurch aus- dehnte. Am Ende der Kette saß mit geladenem Gewehr ein Bagnowächter.- Man hörte Ihre Eisen klirren und bei frter Erschütterung des Wagens sah man ihre Köpfe enipor- schnellen und ihre herabhängenden Beine hin- und her- schaukeln. Die Lust durchrann ein feiner und eisigkalter Regen, der auf ihren Leinenhosen festklebte, die früher grau, jetzt schmutzigschwarz geworden waren. Von ihren langen Barten, von ihren kurzen Haaren tropfte das Wasser. Ihre Gesichter waren bläulich geftoren. Sie zitterten am ganzen Leibe und ihre Zähne klapperten vor Kälte und Wuth. Uebrigens konnten sie keine freie Bewegung machen. Einmal an dieseKctte angeschmiedet, ist man nur noch ein Bruchtheil dieser schrecklichen Bagno-Ab- theilung, die sich wie ein einziger Mensch bewegt. Der Ver- stand muß weichen, das Halseisen vcrurtheilt ihn zum Tode; und was den Körper anbetrifft, so darf er Bedürfnisse nur zu festgesetzten Stunden haben. So traten sie, ohne sich bewegen zu können, die meisten halbnackt, mit bloßem Kopf und herab- hängenden Füßen, ihre fünfundzwanzigtägige Reise an, auf denselben Karren verpackt, angethan mit denselben Klcidungs- stücken, für die glühende Julisonne wie für die eisigen Regenschauer des November. Man könnte sagen, daß die Menschen den Himmel zur Hälfte in ihren Henkcrdienst stellen wollen. Es hatte sich zwischen der Menge und den Karren irgend ein widerliches Gespräch entsponnen, Beleidigungen auf der einen, Prahlereien auf der anderen Seite, Flüche auf beiden Seiten. Aber auf ein Zeichen des Führers sah ich Stockschläge blind- lings auf die Karren regnen, die die Schultern oder Köpfe trafen, und es trat wieder die äußerste Ruhe ein, die man Disziplin nennt. Aber die Augen waren voll Rachedurst, und die Fäuste der Elenden ballten sich auf ihren Knien. Die fünf Karren, von Gendarmen zu Pferde und Bagnowärtern zu Fuß eskortiert, verschwanden nacheinander unter dem hohen bogenrunden Thor von Bicettc. Ein sechster folgte ihnen, in dem durcheinander Kessel, kupferne Schüsseln und Reserveketten klapperten. Einige Bagnowärter, die sich in der Kanttne verspätet hatten, rannten herans, um ihre Abtheilung einzuholen. Die Menge verlief sich. Das ganze Schauspiel verschivand wie ein Blendwerk. Man hörte das dumpfe Geräusch der Räder und der Hufe aus der ge- pflasterten Straße von Fontaineblcau allmälig schwächer werden; das Knallen der Peitschen, das Klirren der Ketten und das Geheul des Volkes, das der Reise der Sträflinge alles Unglück wünschte, hörte bald auf. Und das ist erst für sie der Anfang der Leiden. Was sagte mir doch mein Verthcidiger? Das Zuchthaus! Tausendmal lieber den Tod. eher das Schaffott, als den Bagno, eher das Nichts, als die Hölle, eher meinen Hals dem Messer Gnillottn's darbieten, als dem Halseisen der Zucht- Häusler! Das Zuchthaus— gerechter Himmelt (Fortsetzung folgt.) EvkÄlkttttg und Iii der Sturm« und Drangpcriode der Bakteriologie war der Begriff der Erkältung mimodern geworden, weil manche glaubensstarke Lazillcnjägcr den Mikroben als Krankheitserregern eine alles beherrschende Stellung einräumten und auch die bisher als Erkältungs- krankhciten aufgcfahien Leiden den Infektionskrankheiten zuzählten. Beim großen Publitinn, aber mich bei den ärztlichen Praktiker» fand diese Anschauung wenig Anklang. Jni Volke ist noch immer die Erkältung der hinreichende Grund für die verschiedenartigsten Nebel. oft gcmig für solche, die mit WittcruiigSeinflüsse» nur sehr mittelbar zu th»» habe». Bei der Erkältung spielen nicht nur niedrige Temperatnrgradc eine wichtige Rolle, sondern auch Luftfeuchtigkeit, Durchnässung, Luftdnick« Vcrändenmge», überhaupt schroffe Wittcrungsübergänge. Wäre die Kälte die Hanptm-sache, so müßten die Erkältungs- krankhciten gerade in den kältesten Monaten am zahlreichsten auftreten. Das ist aber nachweislich nicht der Fall, wenn eS auch fest- steht, daß diese Leiden im Winterhalbjahr häufiger sind, als zur Sommerzeit, wo die Krankheiten der VerdauungLorgane vorherrschen. Die Nordpolfahrer, die doch gewiß unter den Ünbildcn der Wittcrnng zu leiden haben, erzähle» nichts von Schimpfen und Huste»; die Hclgoländer Schiffer, die simidculmig an der Düne im Wnffcr stehen, um den vollen Booten beim Landen zu helfen, leiden durchaus nicht an Rheuma, und die Gebirgsbewohner, die im Winter oft und lange im Schnee waten müssen, lachen über die Furcht der Städter vor nassen Füßen. Man wird einwenden, daß Nordpol- fahrer wetterfeste, widerstandsfähige Männer mid Hnfel- und GcbirgS- bewohucr von Jugend an gegen Kälte und Näste abgehärtet feien. •j KuS der. K ö l n i f ch e n Z e i t u n g ;ö Das mag gelten. Aber sehen wir unL das Heer der Touristen und Radfahrer an l Von den Tausenden, die im Sommer hohe Berge besteigen, sind weitaus die meisten körperlich Dnrchfchnittsnatnren. Städter ohne besondere Abhärtung. Jeder Bergsteiger weiß, daß man beim Erklimmen eines steilen Gletschers oder eines Schnee- selbes viel Schweiß vergießen mutz und dabei— wenigstens bei Sonnenschein— oft knietief in feuchtem Schnee geht; er erinnett sich, wie oft der heiße, schwitzende Körper vom Regen durchnäßt und wie schnell man wieder trocken wird. Auf den Gipfeln umweht zumeist den erhitzten und erschöpften Wanderer ein eisiger Wind. Und trotz alledem,— wenn die Touristen vor den Schutzhütten zu- sammen sitzen und von ihren Krastleiswngen und den übcrstandenen Fährlichkeiten erzählen, wird der Fluß ihrer Rede weder durch Niesen noch durch Husten unterbrochen. Sie setzen wohl ihre heilen Glieder aufs Spiel und muthen ihrem Herzen viel zu, aber sie er- kälten sich nicht. Ebenso setzen sich die Radfahrer, besonders im Winter, allen Erkältungsmöglichkciten ans, und dennoch wissen die Aerzte nichts von einer Zunahme der Erkältungen bei den Radlern. Da drängt sich denn dem nicht voreingenommenen Beobachter nun doch der Gedanke auf: wenn ungünsttge Wittemngsverhältniffe bei einer nicht über dem Durchschnitt stehende» ttörperverfasimig unter gewissen Umständen Erkältungen nicht hervorrufen können, inuß es »och ein Drittes geben, das bei der Entstehung der nun einmal vorhandenen Krankheiten den Ausschlag gicbt. Und dieses Dritte sind wahrscheinlich eben die Bakterien. Es ist also schwache oder zeitweise geschwächte Körpcrkonstitutton der Boden, migiinstige Witterimg das geeignete Milieu, in dem krankheitcrregcnde Mikroben ihre Wirksamkeit entfalten können. Das Schutzorgan gegen Kälte, die Haut, antwortet ans einen starken Kältereiz mit der Zusammenziehuna ihrer zahlreichen kleinen Blutgefäße und der Verminderung ihrer Ausscheidungen, der gas- förmigen und des Schweißes. Das so verdrängte, abgekühlte Blut strömt in die tieferen Organe zurück, und diese werden blutreicher und kühler. Je ausgedehnter und wärmer die abgekühlte Haut- fläche, je gefüllter ihr Blutgefäßiietz war, je länger die Kälte ein- gewirkt hat. desto größer ist die Abkühlung im Innern. ES ist demnach erklärlich, daß Menschen, die erhitzt aus heißen Räume» heraustreten, sich leicht erkälten. Ziehen sich die Hantgcfäßc nicht rasch zusammen, etwa wenn die Haut schlaff und verweichlicht ist, so ist die Abkühlung natürlich sehr erheblich. Die zurückströmende Blntmeng« ist so bedeutend, daß sie den Druck des Blutes im Innern in einem Grade erhöht, der Menschen mit schwachen oder tranken Kreislauforganen, also Hcrzlcidcndcn oder älteni Leuten mit brüchigen Blutgefäßen, vcrhüugmßvoll werden kann. Für sie ist der Genuß alkoholischer Getränke zur Erwärmimg zweckwidrig; denn der Alkohol bewirkt Erweiterung der oberflächlichen Blutgefäße und setzt so mehr Blut der Abkühlung ans. Einige von der Lust unmittelbar berührte Schleimhäute, wie die der Nase, der Ohrtrompete, der Luftröhre, erleiden durch die Kälte eine Schädigung, indem gewipe Zellen an ihrer Oberfläche gelähmt werden, die sonst das Eindringen feinster Körperchcn, also auch der Mikroben, abwehren. Ans die Kchlkopfschleimhaut scheint Kälte geradezu als Reiz zn wirken und. ähnlich wie das Einathmen reizender Gase, einen SntzüudungS- znstaiid hervorzubringen. Da die Bakterien zum Gedeihe» der Feuckitigkeit bedürfen, ist gerade naßkaltes Wetter das eigentliche ErkältnngSwetter, um so mehr, als kalte und feuchte Lust einen größeren Wärmeverlust des Körper? verursacht als kalte und trockene. Sehr große Kälte begünstigt deshalb weniger das Entstehen von Erkältimgen, weil unser Kälteschntz-Organ ans einen so starken Reiz prompt mit der kräftigen Zusammenziehung der oberflächlichen Blut- gcfäße antwortet; ans geringe Nältereize aber tritt diese Reattion später und schwächer oder auch gar nicht ein. Mit Recht sind daher die Uebergangszeiten vom Herbst zum Winter und vom Winter zum Frühling gefürchtet, lieber die Bedeutung des Luftdrucks für diese Erkrankungen sind die Akten noch nicht geichlossen. Wie eine Entzünduiig aus einer Erkältung entsteht, ist noch immer nicht genügend erklärt. Man hilft sich mit der Annahme, daß der durch die Vrkältting geschädigte Organismus für die Wirk- samleit der in der Lust vorhandenen Krankheitserreger einen guten Nährboden abgebe. Diese Aimahme erklärt auch, warum man in einer verhältnißmäßig keimfreien Lust, wie es die auf hohe» Bergen, an oder ans dem Meere, ja, schon auf dem freien Lande ist, Erkältungen weniger ausgesetzt zu sein scheint, also, um auf unser Beispiel zurnckznloinmcn, warum Hochtouristen und Radfahrer wenig von ihnen z» leiden haben. Begreiflicherweise werden Menschen, deren Widerstandsfähigkeit ans irgend einem Grunde geschwächt ist, Blutarme, durch Krankheiten Erslböpfte. Verweichlichte, leicht Opfer der Erkältung. Viele sind ganz bcionderS zu Erkältimgen veranlagt, weil ihr« Körpcroberfläcke in ihrer Gcsannnthcit oder an einzelnen Stellen sehr empfindlich ist, mid sie außerdem noch angeboreiie oder crivorbciic Abnormitäten eines der Luft leicht zugänglichen Organ? habe». Der eine, dessen Nascnschleimhaut ctivas zu stark gewulstet ist. bekommt jedesmal, wenn er nasse Füße hat, ciucn Schnnpsen. ein anderer, der zn große oder zerklüftete Maiideln hat, wenn er rauhe Lust ciiiathmct. eine Maiidelentzünkmz, ei» dritter, dessen Zähne nicht in Ordmmg find, Zahnschmerzen. wer eine Eiitziinduiig des mncrn Ohres durchgemacht hat, holt sich leicht durch Erkälinng einen Rückfall oder eine neue. (Schluß folgt.) Nleines FeuMvkon. — Heirathögebräuche in Japan. Wie der japanische Schrift- steller Tamura erzählt, ist das Cölibat in Japan vollständig un- bekannt. Junggesellen, die es aus irgend einem Grunde versäumen, sich eine Lebensgefährtin zu erwählen, giebt es dort nicht. Die Männer heirathen in jugendlichem Alter, trennen sich von ihren Frauen und verheirathen sich wieder, die Ehescheidungen sind eben leicht durchführbar. Kaum erreichen die Jünglinge das achtzehnte und die Mädchen das sechzehnte Lebensjahr, haben die Eltern mir mehr einen Gedanken, die Kinder so schnell und so vorthcilhast wie nur möglich zu verheirathen. Den Eltern handelt es sich dabei iveniger darum, ob die Kinder in der Ehe glücklich sind, sondern hauptsächlich, dah der Name der Familie nicht ausstirbt. Die japanischen Sitten gestatten absolut nicht, das; ein Verlobter sich seiner Braut nähert und ihr vielleicht den Hof macht. Der Brnutignnr ftnousko) muh fich ganz darauf verlassen, ob die Eltern eine gute Wahl in der Brant(mvusms) getroffen haben. Das Wort„lieben" sborsnj), einer trau gegenüber angewendet, gilt einfach als unhöflich. Ehen, aus iebe'geschloffen, sind daher in Japan äußerst selten und vcr- Ursachen, lvenn sie vorkommen, immer großen Skandal. Es muß fich in ei»em solchen Falle schon um einen sehr hohen Funktionär handeln, wenn die Heirath ohne öffentlichen Lärm hingenommen wird. In neun Fällen von zehn dreht es sich dabei immer um «ine Tänzerin, die wegen ihrer schönen Gestalt geheirathet ivird. Wie eine Heirath eigentlich zn Staude komint, beschreibt Tamnra sehr ausführlich. Eltern, welche Kinder bcsihe», trachten einander kennen zu lernen und die gegenseitigen Familienverhältnisse auszn- kundschaften. Sind die jungen Lente mit der getroffenen Wahl einverstanden, dann bereiten die Eltern der Braut die Mitgift vor. Ein japanisches Sprichwort sagt: Der Vater dreier Töchter muß sehr reich sein, und wenn er sie verheirnthet hat, tvird er ein armer Mann sein. Vorsichtige Eltern lege» bei Geburt einer Tochter Biri- Plantagen, die sehr kostbares Holz liefcm, an und verkaufen dasselbe, wenn das Mädchen verhcirathct wird. Also eine Ansstattnugs-Versichernng ähnlich lvie in Europa. Die Mitgift besteht in allen erforderliche» Hansntcnsilicn und wird, wenn sie zusammengestellt ist, den Freunden gezeigt. Tamnra schildert in eingehender Weise die LermnhlnngSzcreinonien. Nach der Trauungsfcicrlichkeit folgt das Hochzeitsmahl, das aus den er- lesensten Gerichten besteht. Und nun beginnen die Leiden und Freude» der jungen Frau. Eine 16jährige Mousm« ist dem Gatten voll- ständig ausgeliefert, er kann mit ihr schalten und walten, wie er will. Das Gesetz erlaubt der Brant. drei Tage nach der Hochzeit wieder eine Woche in ihrem väterlichen Heim zuzubringen. Am siebente» Tage holt der Gatte seine Angetraute wieder heiin. Hat die junge Frau nun schon in den ersten Tagen von ihrem Manne schlvere'Kränkungeu erfahren, dann darf sie' sich nach dem Gesetze weigern, in das Haus des Gatten zurückzukehren. In diesem Falle Ivird die Ehe ohne jede Prozedur getrennt. Dies ist die einzige Gelegenheit, bei welcher die Japancriil die Ehescheidung verlangen kann. Theater. — M. Die„Freie Volksbühne" brachte am Sonntag vor den Mitgliedern der ersten Lbtheilnng Max Dreye r'S derb zu- greifende Komöhje„In Bebaudlung" zur Aufführung. Das Stuck wurde mit außerordentlich lebhaftem Beifall aufgenommen; man crfteute sich an dem frischen lustigen Spiel und nahm die amüsanten Züge, die darin stecken, mit großer Heiterkeit hin. Es wäre unter diesen Umständen vielleicht Unrecht, wollte man das Stück allzn ernsthast nach seinem literarische» Gehalt werthe» und den Nachweis versuchen, daß es an manche» Stellen brüchig ist. Man hat es ja auch' wohl kam» als einen Versuch, ein Problem des Lebens tiefer zn fassen und zn lösen, aufgenommen, sondern lachte herzlich über die Verspottung der beschränkten Philister in der kleinen pommersche» Hafenstadt und ihrer maßlosen und doch nur so äußerliche» Wohlanständigkeit. Nun. imd daß zwischen hindurch auch zwei so brave und tüchtige Menschen, die so gut zu einander paffen, sich schließlich finden, das war auch etwas, das die Sache nicht gerade un- angenehmer mächte. Das Stuck hat also seine Kraft bewiesen, ein paar Stunden hindurch gut und angenehm zu miterhalten. Auch die Aufführung als solche gefiel sehr. j£s wurde flott gespielt, wenn man auch einwenden muß, daß die Schauspieler zum Thcil denn doch etwas zu herzhaft unterstrichen und so in der au sich schon recht kräftigen Zeichnung die feineren Linie» verwischte». Das gilt freilich weniger von den Darstellern der Hauptrollen als von den Vertretern der ehrsamen Kleinstadt. Außerordentlich gefiel Frau Prasch-Grevenberg, deren kräftiges, munteres Spiel öfter zu Beifall auf offener Szene Anlaß gab. In Herrn K a i ß l e r als Berthold Wiesener hatte sie einen Partner, der sehr frisch auf ihre» Ton einging.— Musik. A u S der Woche.— ES ist nicht leicht, abseits von der Heer- straße der allgemein zugänglich gemachte» Mufilauffiihrnngen nach verborgenen Schätzen zn suchen; meistens aber lohnt sich die Mähe. So bedurfte es geradezu einer Spnrsucht, um de»„Verein s ü r klassische Kirchenmusik" mit seinem nculiche» Konzert im Beethovcniaal zu entdecken; Näheres über den Verein selbst war nicht zn erfahren, außer daß er etiva ein Jahr alt ist. Nun noch die heitte Stellung, in die ein moderner Kunstfreund und sein Publikum gerathen, wenn sie einer kirchlichen Musik gegenüber- steh»! lind was heißt hier„klassisch"? Das Konzert selbst klärte darüber am allerwenigsten auf. Wir hörten, nachdem kleinere, meist nur überhaupt religiöse Stücke vorangegangen waren, die„Kreuz- fahr er,, von Gade, ein nach Motiven aus Taffo's„Befreitem Jcmsalem" von Carl Andersen gedichtetes Oratorium, das anscheinend in Berlin weniger, anderswo häufiger zu Gehör kommt. Gade, der vielgeschmähte Romantiker-Epigone, kommt auch hier mit geringem, einfachem Gepäck ans; der Gesammteindruck gehört jedoch zn dem Erfreulichsten, was geboten werden kann. Die Aufführung zeigte fast durchweg neben gutem Willen die Sprödigkeit des Neuen. Am �bestens war wohl.die Sopranisten Fräulein Haberlandt als„Armida"; der ungeschlachte Gesang des Bassisteu Herrn H e r r n; n ii n paßte nicht übel zum„Peter von Amieus"; an Stelle des den„Rinaldo" singenden Tenoristen hätten wir einen Wüllner(—der am ttl.' d. M. wieder besonders gut disponirt war und am 25. seinen Zyklus schließen wird—) gar gerne gesehen. Das Konzert war nur mäßig gut besucht. Möchte doch der Verein sowohl im eigenen als im allgemeinen Interesse nächstens einerseits mehr aus sich herausgehen, durch genügende An« zeige seiner Absichten, andererseits hinwieder sozusagen mehr in fich hineingehen und das schwierige Problem einer neuen Pflege der Kirchennmsik direkter anpacken; vielleicht vermag er auch das Seinige zur Förderung der Angelegenheit einer Gcsammtansgabc Hadert'S beizutragen, auf die Ivir später zurückkommen werden. Ilm in jenes Konzert überhaupt noch zu gelangen, mußte ich mich aus einem der herrlichsten Träume herausreißen— eben hatte der Hornist der„M ü n ch e n e r Kammermusik-Vereinigung" die F-dur-Sonotc von Beethoven begonnen. Wie wundervoll diese Gesellschaft spielt, kann vielleicht nur der ermessen, der hier zu Lande täglich zwischen mittelmäßigen und guten Leistungen hin- und hergeworfen wird. Könnte doch jede, von diesen Künstlern so plastisch herausgearbeitete Phrase phonographisch festgehalten werden! Zn denen, die davon und selbst von der„Siißlichkcit" des Flötisten viel zu lernen hätten, dürfte auch die Klavierspielerin Bertha Visanska gehören. Ihr Ab- sehn von allein irgendwie äußerlich Effcltvollen zeugt für ein echtes ernstes Knnstlcrthnm und' ihr Können in so früher Jugend sowohl von Eifer als auch von günstigen Aussichten. Aber mit einem solchen Mangel an Plastik und GesühlSwärme zu spielen und beispielsweise den Mittelsatz von Bccthoven's Sonate ox. 101 so schaal zu machen, wie es die Genannte that, ist doch nicht blos auf Rechnung der Anfäiigcrschaft zu setzen. Noch eine Bitte: möchten unsere Virtuosen solche Mischlinge wie Präludium und Fuge von Bach- d'Albert bleiben lassen! Sehr vornehm und weich und ohne das sonst vom Virtuosen schier unzertrennliche„Outrireu" spielte Paul de C o u u e in einem vom Petersburger Konservatorium aus- gehenden Konzert mit dem Philharmonische» Orchester; vielleicht tritt ihm Fräulein Visanska etivas von ihrer Robustheit ab. Wer hat die arme Anna Weißhahn so zugerichtet? WaS wir von ihrem Konzert hörten, deutete auf einen jener unseligen Gesangslehrer, die so lange mit dem berüchtigten„Stimme heraus!" arbeiten, bis die Stinnne auch wirklich hinansgetricben ist. Material und Vortrag sind nicht übel; hoffentlich geht die Dame sofort zu einem wirklichen Gesangslehrer und läßt sich nicht abschrecken, wenn es dann einige Monate nur elementare Piano-Uebungen giebt. Auch D i n a M e h l e n d o r f f steckt derzeit in einer nicht ganz glücklichen Stininibildnng. Einige Lieder von Max Stange, dic'fie n. a. sang, sind eine nette Klciiinialcrci, so recht bürgerlich lieblich nnd gut verwcnbar. Den Gipfel der Konzertqual in letzter Zeit bildeten wohl Herr und Frau Verö-Margo aus Budapest, jener als Komponist, diese als Sängerin. Was die sich wohl unter Deutsch- land vorstellen?! Am Sonntag fanden ivir zum ersten Male Gelegenheit, eines der populären Konzerte des Waldemar Meyer- Quartetts zu hören und bekamen im Allgemeinen den günstigsten Eindruck; d«n letzten Konzert, vom 12. März, wünschen wir einen noch reichlicheren Besuch. So gut wie neu war ein Streichquartett von F-mol! von Verdi(kleine Partitur- Ausgabe an der Kaffes; eine solche Ver- ciingnng von melodiösem Wohlklang und von reichhaltiger, oft kühner Harmonie ist in unserer Zeit, die so gern das Eine auf Kosten des Anderen bevorzugt, geradezu ein Muster. Die gnnze QiiartctlgescNschaft", einschließlich der bei Schubcrt's„Forellen- quintcU" mitwirkenden Herren Drehschock und Krüger. spielt mit einer lieblichen Feinheit, könnte aber aus dieser doch manchmal etwas mehr herausgehen, besonders der Primarius— der sich in einem Biolinstnck und zwei Zugaben auch als Virtuose und in dem sonst nicht üblichen Amiielden der Zugaben als ein Fürsorger für sein Publikum erwies— könnte manche Mclodiestelle weniger trocken spielen. O kämen doch die Meiniiiger bald wieder k Das neuliche Philharmonische Konzert preßte uns wieder diesen Wunsch ab. Doch machte es uns bekannt niit einer tüchtige» Sängerin C a in i l l a L a n d i, und mit der Ouvertüre zu dem in München und Leipzig mit Interesse ausgeführten„Bärenhäurcr" von S i e g sri c d W a g ue r. Soweit sich daraus nrtheilen läßt, haben wir es hier nicht nur mit einem tüchtigen, sondern auch mit einem siir voltsthiimlichere Knust geeigneten jungen Meister zu thmi.— sz, Erziehung und Unterricht. «. Praktische Botanik in Londoner Schulen. Der Unterricht in der Votanil soll nach einem Beschluß des Londoner Schulraths bereits in den Kleiiiliilberschulen beginnen. Die Er- fahrung hat gelehrt, bah, Ivo innner die Oberlchrmn einer solchen Schule sich für die Pflege von Blumen und Gemüse interessirte und die Kinder darauf hinwies, dies von grohcm Wcrthe für die Erziehung gewesen ist. Lehrerinnen, die sich dieses Mittels bedienen wollen, werden Geld erhalten, um Samen, kleine Blumentöpfe, Hyazinthengläser, Erde und Kisten, die sie für Blnmenkisten per- wenden können, anzuschaffen. Während der Sommerfcrien sollen die Kinder die Blumen zur Pflege mit nach Hanse»ehincn, um sie am Schluß der Ferien wieder in die Schule zu bringen. Ferner soll alle vierzehn Tage eine Kiste mit Gewächsen aus Hyde Park, St. James Park, the Green Park und Kcnsington Gardens an etwa 12V Schulen geliefert werden, an denen die Botanik praktisch gelehrt wird. Es soll auch nach diesen Blumen gezeichnet werden. Man will den zarten Geist der Kinder nicht etwa mit der schwierigen Nomenklatur belasten, sondern ihnen durch Demonstrationen der Blumen und Blätter die ersten Kenntnisse der Blumcnwelt bei- bringen und in ihnen zugleich die Neigung erwecken,„noch mehr zu lernen*. Damit wäre ein erster Schritt gethan, der allgemeinen Unkcnntinß der Flora, die bei de» Großstadtkindern überall fest- gestellt wird, entgegenzuarbeiten. Es wird ein großer Fortschritt sein, heißt cS in dem uns vorliegenden Bericht, den Kinderaugen die Wunder der Feldblume» zu erschließen, ihnen eine neue An- schauung von Blumen und Pflanzen beizubringen. Felder und Wiesen würden für die so geschulten Kleinen einen ganz veränderten Anblick darbieten.— -.v Psychologisches. lcA.„Rechtser* und„L i n k s e r*. Soweit man in der Geschichte zurückgreifen mag, innner wird man finden, daß die rechte Hälfte des Körpers gegenüber der linken bevorzugt, daß die rechte Hand für edler als die linke gehalten wird, da sie bei den meisten Menschen stärker und geschickter ist. Das geht so weit, daß allein die Entwickclnng dieses höher stchendcn Gliedes einen Theil der Erziehung ausmacht. Gclvöhnlich»verde» auch die linkshändigen Menschen als anormale betrachtet, und man will ihre„Gebrechlich- keit* möglichst bemänteln dadurch, daß man sie schreiben, zeichnen, essen, grüßen u. s. w. mit der bei ihnen weniger entivickclten Hand lehrt. Aber erst seit kurzer Zeit hat sich die Psychologie daran gemacht, den Werth dieser Uebcrlegcnheit genauer festzustellen. Gewöhnlich bediente man sich zu solchen Messungen eines Dynamometers, bei dem es sin den verschiedenartigsten Anordnungen) immer darauf ankam, mit der Hand eine Feder zusammenzudrücken; die Kraft, mit der dies geschah, wurde wie bei einer Waage. durch eine Nadel auf einer Skala, i» Kilogramm ausgedrückt, angezeigt. So wollte Manonvricr eine mittlere Kraft von 4V Kilogramm bei der Rechten, von nur 36 Kilogramm, das ist etwa Vi weniger, bei der Linken ermittelt haben. Die Resultate der verschiedene» Unter- suchungen stimmten aber durchaus nicht Überein. Es war ersichtlich, daß sie zum großen Theil von der mehr oder weniger geschickten Art, mit der die Feder zusammen- gednickt wurde, und nicht nur von der Kraft abhängig waren. Nun- mehr hat der Forscher Van Viervlict diese Untersuchungen wieder aufgenommen und ist mit anderen Methoden zu allgemeinen Er- gebnissen über die Bedeutung der Rcchtsseifigkcit und LinkSsciligkeit gekommen, die ganz überraschend sind. Er theilt sie jetzt in einer umfangreichen Arbeit in der„Revue Philosophique* mit. Man hat schon längst gefunden, daß dasselbe Gewicht, abwechselnd ans die ausgestreckte rechte und linke Hand gelegt, auf der letzteren schwerer zu wiegen scheint. Die Mnskelanstrengnng, die dazu ge- hört, ein Gewicht in dieser Lage abwägend zu halten, läßt sich mit der Rechten leichter als mit der Linken übertvindcn. Bau Biervliet Ivandte also folgendes Verfahren an: er hängte an jede der beiden Hände einer Versuchsperson, und zwar an die cnt- sprechenden Stellen der gleichen Finger Gewichte mit Hilfe metallischer Fäden an, und ließ llrthcilc darüber abgeben, ob die Gewichte bei ausgestrecktem Arm gleich schwer schienen oder nicht. Es zeigte sich natürlich, daß die Versuchspersonen Gewichte für gleich schwer er- klärten, die eS in Wirklichkeit nicht sind. Dagegen wurden im Durchschnitt für gleich gehalten Gewichte, die sich wie 10 zu 9 verhielten i die Rechte hielt'das schwerere, die linke daS leichtere Gewicht, llmge- kehrt ivurde nun aber bei einer großen Zahl von Linkshändigen festgc- stellt, daß das Verhältniß der beiden Gewichte, die für gleich geschätzt wurden, sich ebenfalls wie 10 zu 9 verhielt, wobei natürlich die Linke das schwerere Getvicht hielt. Bei Leuten, die jahrelang anstrengend Vorzugs- weise mit der einen Hand arbeiten, verschiebt sich das Verhältniß zu gunstcn dieser, aber bei Professoren, Ingenieuren, Aerztcu und Studenten, die zumeist untersucht wurden, blieb eS stets annähernd dasselbe, sodaß es van Biervliet für einen natürlichen und erblichen Unter- schied hält. Dies brachte ihn aber weiter auf den Gedanken, zu untersuchen, ob nicht ein entsprechendes Verhältniß in der Empfind- lichkeit oder der Schärfe zwischen den rechten und linken Organen der Sinne überhaupt bestehe, lind mit Hilfe koniplizirtcr Versuchs- reihen, die im einzelne» aufzuführen zu weit führen würde, die aber sehr exakt durchgeftihrt sind, glanbt er dies in der That für die Ohren und die Augen nachgewiesen zu haben. Die genauere Bestimmung der Verhältnisse bei den Geschmacks- und Geruchsncrven bietet große Schwierigkeiten, die er aber zu überwinden hofft. Danach bestünde also ganz allgemein Zwischen de» beiden Hälfte» des Sinncs-NervensystemS ein Unter- schieb der Schärfe und der Empfindlichkeit von Vs, und zwar giebt es zwei vollständig entgegengesetzte menschliche Typen: die„Rechtser* säroitier) und die„Linkser"(Kandier), bei denen alle Sinnes- organe im ersten Fall rechts, in» zweiten Fall links Vs stärker ent- wickelt sind. Der„Rechtser" hat einen stärkeren Arm, er sieht mit dem rechten Auge schärfer, und er hört mit dem rechten Ohr besser als mit dem linken: umgekehrt verhält cS sich mit dem„Linkser*. Selbst die Haut soll bei dem erstcren auf der rechten Hälfte des Körpers empfindlicher sein als auf der linken. Beide aber sind normale menschliche Typen, wenn auch wenigstens in der Iveißen Rasse der„Rechtser* der weitaus gewöhnlichere ist.— Gcsnndheitspflege. — Hygiene des Rauchens. Der Hhgieniker Dr. Pank Möbius in Leipzig Hot sich in einer Vorlesung über die vielen irr- thümlichen und widerspruchsvollen Meinungen bezüglich der Wir- klingen des Tabaksgenuff'es ausgesprochen. Nach seiner Erklärung ist die häufig auftretcude Ansicht, daß das Rauche» die gleichen oder ähnliche Folgen zeitige, wie der Alkoholismics, völlig unbegründet. Weder Gedächtnißschwächc noch eine Beeinträchtigung der Urth'eilskrast könne daraus entstehen, ebenso wenig die bekannte, bei Alkoholikern vor- koinmendc Augentriibnug. Im Verein nntAlkoholismus könne tvohl der Tabaksgenuß zu dessen schädlichen Wirkungen beitrageil. Der einzige Nachtheil beim Rauchen sei allerdings der Nikotingenuß und das daraus entstchendc sogenannte Tabalsherz. Dies entstehe aber nur dann, wenn zu starke Zigarren, zu denen Havana- und Virginia- zigarren zu zählen sind, im Uebcrmaß genossen werden. Hingegen kömic man sechs bis sieben mittelstarke Zigarren täglich ohne»ach- thcilige Folgen rauchen. Den größten Schaden verursachen aber die Zigaretten, nicht nur weil sie täglich niassenhaft verkohlt werden, sondern insbesondere wegen des Einzichens des Rauches. Diese üble Gewohnheit sei die größte Gefahr für die Entstehung des Tabaksherzens, und in vielen Fällen kommt hierzu»och ein chronischer Rachenkatarrh. Im allgemeinen aber, bchailptet Professor Möbius, übe das Tabakranchcn eine beruhigende Wirkung aus und habe inanchen förderlichen Einfluß auf die Funktionen des Organisiilus.— Humoristisches. — Bei der Modedame. Stubenmädchen:„Was macht denn die Gnädige augenblicklich?* Zofe:„Ohnuiachtstoilette für eine Toilettenohnmacht.*—- — Unter Kameraden. A.:„Kamerad, sind wohl kolossal reich?* V.:„Ach, reich gerade nicht— aber blödsinnig be- g ü t e r t I*— — Darum. Freund:„Wenn Dil sie liebst, warum hcirathest Du sie dann nicht?" Junger Arzt:„Heirathen? Was fällt Dir ein?... Sie ist einer meiner besten Patienten!"— Notizen. — Der„Akademisch-Literarische Verein* wagte den Versuch, ein dramatisches Gedicht„PclleaS u n d Meli- sau de" von Maurice Maeterlinck zur Aufführung zu bringen. Die Matinee, die am Sonntag im Neuen Theater stattfand, war sehr gut besucht. Die Aufführung fand bei dem vorwiegend aus Literaten bestehenden Publikuin in einigen Szenen lebhaften Beifall. — Das Gastspiel von Agnes S o r n, a im L e s s i n g- Theater beginnt am 4. März mit einer Vorstellung der„Nora* und umfaßt ach t Abende. Die Künstlerin tritt in der„Cypriennc". in„Liebelei".„Jüdin von Toledo* und in Björnson's „Neuvermählten* auf.— — Direktor Stollberg vom M ü n ch e n e r Schauspiel- Hanse übenlimult die Leitung des dortigen Gärtnerplatz- Theaters.— — lieber das Vermögen der früheren Bnrgschauspielerin Agathe B a r s e s c n ist der K o n k u r s verhängt»vorden.— — Wie in der Leibnitz-Sitznng der Akademie der Wissenschaften nntgcthcilt wurde, sind mit dem Ertrage der Wenzel- H e ck m a n n- S t i f t n n g die Mittel zur Aussendung einer»vtssen- schnftlichen Expedition zur zoologischen und botani- scheu Erforschung des Nyassasees und der angrenzen- den Gebirgslandschaft, insbesondere des Kingagebirges, bewilligt »vorden.— — In Chicago sagte ein Professor zu seinem Auditorium, in dem sich auch Studentinnen befanden, die Frau sei»veiter nichts als„eine zweibeinige, schlecht verdauende Eule". Darob große Ent« rüstnng und Protest bei den Studentinnen. Dem Professor ivurde von der Fakultät bis zum nächsten Quartal verboten, zu lesen. RuiMifhr machen die Studenten Krach und»vollen ihren Professor wieder haben. Mrailtivortlicher Redakteur: August Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.