Interhallungsblatt des Dorivärts Nr. 35. Freitag, den 17. Februar. 1899 (Nachdruck verdaten.) Vov letzke Tag vrnes Vevurkheilken. 8� Von Victor Hugo. AuS dem Französischen von Paul Linsemann. Der Beamte sah mich groß an. „Sie? Wirklich? Na, was sagen Sie denn dazu? „Sie sind aber neugierig I" antwortete ich. „Warum?" erwiderte er.„Jeder hat seine politische Meinung. Ich achte Sie zu sehr, um anzunehmen, daß Sie keine haben. Was mich anbetrifft, so bin ich völlig der Meinung, daß die National-Garde wieder eingeführt werden muß. Ich war Sergeant in meiner Kompagnie und wahrhaftig, das machte mir viel Vergnügen." Ich unterbrach ihn. „Ich glaubte nicht, daß es sich darum handelte." „Worum denn? Sie sagten, Sie wüßten die Neuigkeit?" „Ich dachte an eine andere, mit der Paris sich auch heute beschäftigt I" Der Dununkopf verstand mich nicht; seine Neugier wurde rege. „Noch eine Neuigkeit? Wo zum Henker können Sie denn die Neuigkeiten her haben? Welche denn? Legen Sie los I Wissen Sie, Herr Abbe, welche er meint? Sind Sic mehr auf dem Laufenden als ich? Bitte erzählen Sie doch. Worum handelt es sich?— Sehn Sie mal, ich habe Neuigkeiten zu gern. Ich erzähle sie dann dem Herrn Präsi- deuten; das macht ihm Spaß." Und so ging das alberne Geschwätz ins Unendliche weiter. Er wandte sich bald an den Priester, bald an mich. Meine einzige Antwort war ein Achselzucken. „Nun," sagte er zu mir,„an was denken Sie denn?" „Ich denke," antwortete ich,„daß ich heute Abend nicht mehr denken werde." „Ach so I Das ist's," erwiderte er.„Sie sind auch zu schwermiithig. Herr Castaing plauderte." Pause. Daun: „Ich habe auch Hekrn Papavoine das Geleit gegeben; der trug eine Otterfellmütze und rauchte ganz gemüthlich seine Zigarre. Die jungen Leute von Le Nochelle plauderten zwar nur mitciueinander. Aber sie Plauderten doch." Noch eine Pause, dann fuhr er fort: „Narren! Schwärmer! Sie sahen aus, als ob sie die ganze Welt verachteten.— Sie, junger Mann, finde ich wirk- lich sehr nachdenklich." „Junger Manu!" warf ich ein.„Ich bin älter als Sie; jede Viertelstunde, die verfließt, macht mich um ein Jahr älter." Er glotzte mich einige Minuten lang mit albernem Staunen an, dann kicherte er verstohlen: „Sie wollen wohl scherzen, lieber Freund! Aelter als ich I Ich könnte ja beinahe Ihr Großvater sein." „Ich mache keinen Scherz," antwortete ich ihm ernst. Er öffnete seine Schnupftabaksdose. „Hier, mein Lieber,— ärgern Sie sich nicht! Eine Prise. Seien Sie mir nicht böse." „Haben Sie keine Furcht— ich habe nicht mehr viel Zeit, Ihnen böse zu sein." Gerade als der Wagen auf dem holperigen Wege wieder einen Stoß bekam, stieß seine Schnupftabaksdose, die er mir hinstreckte,� an das Gitter, das uns trennte. Sie rutschte ihm aus der Hand und fiel dem Gendarmen vor die Füße. Der ganze Inhalt war verschüttet. „Verfluchtes Gitter," schrie der Beamte. Er wandte sich zu mir. „Na. sehen Sie. bin ich nicht recht zu bedauern? Mein ganzer Tabak ist zum Teufel!" „Ich verliere mehr als Sie," erwiderte ich lächelnd. Er mühte sich, seinen Tabak wieder zusammenzukratzen und murmelte dabei zwischen den Zähnen: „Mehr als ich l Das ist leicht gesagt. Kein Tabak in Paris I Das ist schrecklich!" Der Gefängnißgcistliche tröstete ihn mit einigen Worten. Ich weiß nicht, ob ich zerstreut war, aber mir kam es so vor, als ob dies die Fortsetzung der Predigt war, deren Anfang ich zu hören bekommen hatte. Allmälig entspann sich eine Unterhaltung zwischen dem Priester und dem Beamten; ich ließ sie ruhig sprechen und bin wieder meinen eigenen Gedanken nachgegangen. Als wir an den Zollschlagbaum herankamen, war ich ohne Zweifel noch immer zerstreut, aber in Paris schien mir doch ein größerer Lärm zu sein als gewöhnlich. Der Wagen hielt einen Augenblick vor dem Zollhaus, die städtischen Zollbeamten untersuchten ihn. Wenn ein Hammel oder ein Ochse zum Schlachthaus geführt wird, so muß man ihn verzollen, aber für einen menschlichen Kopf zahlt man keinen Zoll. Wir fuhren vorüber. Als wir über den Boulevard gekommen waren, fuhr der Wagen schnell durch die alten, krummen Straßen des Faubourg Saint-Marceau und der Cito, die sich schlängeln und durch- kreuzen wie die zahllosen Gänge in eincni Ameisenhaufen. Auf dem Pflaster dieser engen Straßen wurde das Rasseln der Wagenrüder so laut, daß ich nichts mehr von dem Lärm in der Stadt hörte. Als ich durch den viereckigen kleinen Ausschnitt sah, schien es mir, als ob das Gewoge der Passanten stockte, unr den Wagen zu sehen, und als ob Kinderschaaren hinterher liefen. Auch glaubte ich hin und wieder auf den Plätzen einen Mann oder ein altes Weib in zerlumpten Kleidern zu sehen, manchmal beide zusammen, die in der Hand einen Stoß gedruckter Blätter hielten, um die die Vorübergehenden sich rissen. Sie brüllten dabei auL vollem Halse. Halb neun schlug die Uhr am Gerichtsgebäude im Augen» blick, wo wir in den Hof der Conciergerie einfuhren. Der Anblick der großen Treppe, der schwarzen Kapelle und der un- heimlichen kleinen Fenster machte mich erschauern. Als der Wagen anhielt, glaubte ich, daß auch mein Herz zu schlage» anhalten müsse. Ich nahm alle meine Kräfte zusammen. Die Thür öffnete sich schnell wie der Blitz. Ich sprang aus meinem rollenden Kerker und trat mit raschen Schritten zwischen zwei Reihen Soldaten unter die Wölbung. Es hatte sich schon ein Auflauf auf Meinem Wege gebildet. XXIII. So lange ich in den öffentlichen Gallerten des Justiz- Palastes ging, fühlte ich mich beinahe frei und behaglich; aber meine ganze Entschlossenheit verließ mich, als man vor mir niedrige Thüren öffnete und ich geheime Treppen, verstohlene Vorplätze, lange, stickige und dumpf hallende Gänge sah, wo nur die aus- und eingehen, die verurtheilen oder die der- urtheilt werden. Der Beanite begleitete mich noch immer. Der Priester hatte mich verlassen, um in zwei Stunden wiederzukommen; er hatte anderweitig zn thun. Man führte mich in das Kabinet des Direktors, dem ich von dem Beamten übergeben wurde. Es war ein richtiger Tauschhandel. Der Direktor bat ihn, einen Augenblick zu warten. Er theilte ihm mit, daß er ihm ein neues Wildpret zu übergeben, daß er es auf der Stelle nach Bicstre zu bringen habe, sowie der Gefängnißwagen wieder angespannt sei. Zweifelsohne der Verbrecher, der heute verurthcilt worden ist. Er muß sich diesen Abend auf den Strohsack niederlegen, den ich kaum benutzt habe. „Es ist gut," sagte der Beanste zu dem Direktor,„ich werde einen Augenblick warten; wir werden die Protokolle zn gleicher Zeit ausfertigen, das geht ganz gut." Unterdessen brachte man mich in einen kleinen Raum, der an das Zinimcr des Direktors stieß. Dort ließ man mich allein, natürlich gut verriegelt! Ich weiß nicht, woran ich dachte, noch ivie lange ich drinnen war, als plötzlich ein lautes Lachen an mein Ohr schlug, das mich aus meiner Träumerei weckte. Ich blickte zitternd empor. Ich war nicht mehr allein in der Zelle. Bei mir war ein Mann von ungefähr fünfund- fünfzig Jahren, von mittlerer Größe, mit runzligem Gesicht grauen Haaren, vorn übergcbeugt, aber doch von stämmiger Gestalt. In den grauen Augen ein schielender Blick. Auf dem Gesicht ein bittres Lächeln. Schmutzig, inLumpengehüllt, halb entblößt— kurzum, ein widerlicher Anblick. Es schien, als ob die THA sich geöffnet, ihn hereingespicen und dann sich wieder ge- schlössen hätte, ohne daß ich etwas davon bemerkt hatte. Wenn der Tod doch auch so kommen könnte! Wir sahen uns einige Sekunden lang starr an. der Mann und ich. Er lachte dabei noch immer, es hörte sich an. als ob einer röchelte. Ich war halb erstaunt, halb erschrocken. „Wer sind Sie?" fragte ich ihn endlich. „Schnurrige Frage!" antwortete er.„Ein Todeskandidat." «Ein Todeskandidat? Was ist das?" Diese Frage verdoppelte seine Heiterkeit. „Das will sagen," rief er unter unbändigem Gelächter. «das Henkerbeil wird in sechs Wochen mit meinem Kopf dasselbe Spiel treiben, wie mit Deinem in sechs Stunden. Haha I Es scheint, daß Du nun endlich verstehst." In der That. ich war blaß geworden, und meine Haare sträubten sich. Es war der andere Vcrurthcilte, der heute Verurtheiltc, der, den man in Bicötre cnvartete.— mein Erbe. lFortsehung folgt.) (Nachdruck verboten.) Das Eßbeptoift. Der Mäilchciicr Maler Richard Nicmcrschmid, der auch sonst schon der angewandten Kunst wcrthvolle Dienste leistete, hat einige Modelle für Eizbcstcckc geschaffen, welche die herlvnimlichcn Formen wesentlich umgestaltet zeigen. Sind nicht seit vielen Menschenaltcrn die Stiele der Tischincsscr steif und grade? Höchstens bogen sich die Konturen innerhalb der geraden Hanptrichtnng ein Ivcnig hin und her: dnS war eine Erbschaft aus der Rokolozcit. Sonst aber war Alles starr und steif. Wie zierlich und abwechSlnngsvoll war dagegen noch bor zwei bis drei Jahrhunderten der Griff des Messers gestaltet, zu einer Zeit, da der zur Tafel geladene Gast sein eigenes Messer in rcichgeschmnckter Scheide bei sich trug, um sich beim Mahle seiner zu bedienen I So führte Cosimo von Medici sein Estgcräth in einem ledernen Bc- hältniß in Form eines Fisches mit sich. Jeder hatte nur ein solches Tischmesscr für den eigenen Gebrauch, und dieses konnte dann freilich ein Lnxnsgcgenstand sein. Bei der Vorliebe der Renaissance- zeit für Alles, was die eigene Persönlichkeit auszeichnete, zögerten reiche Herren nickit, der Kunst derartige Aufgaben zu stellen. So blieben uns zahlreiche Messer ans jener Zeit mit reich verziertcin Griff er- halten. Oft ist er ans phantastisch in einander verschlungenen Menschen- und Thiergcstaltcn gebildet, häufiger aber besteht er aus einem freien Stabe, an dessen oberem Ende eine winzige Statuette befestigt ist. Wie gesagt, diese Gebilde sind reizend, aber für den Gebrauch völlig unzweckmäßig. Weder die reich verzierten Griffe mit ihrem volleren Umfang, noch die dünnen Stäbchen werden sehr bequem in der Hand liegen. Aehplich steht es mit den Griffen aus Achatslein oder Korallenästen, wie sie im 17. und im Anfang des 18. Jahr- Hunderts beliebt waren. Sie drücken recht empfindlich die Handflächen des Speisenden. Alle diese Messer sehen gefällig aus, sind aber nicht fiir den praktischen Gebrauch. Dann begann man um 1700, dem Messergriff stärkere Fülle zu geben, und so cntlvickelten sich die heut üblichen Formen. Sie sind nicht eben geschmackvoll, aber jedenfalls zweckdienlicher als die der Rcnaissancczcit. Aber ließen sich nicht beide Tugenden vereinen? Unsere Zeit liebt das Praktische, aber sie verschmäht nicht Eleganz und Schönheit; mau sucht die»othwcndige Gestalt durch gefällige Linien zu umschreiben, die zugleich auf den Verwendungszweck des Gegenstandes hinweisen. Nieincrschmid'S Versuche folgen dieser Richtung. Der Mcffer- stiel verdickt sich bei ihnen wesentlich gegen das Ende hin und ist nach unten, das heißt nach der dem Teller zugekehrten Seite stark gekrümmt. Ein Ausschnitt an dieser Stelle aus der Fülle des Griffes sorgt dafür, daß das Ganze nicht zu schwer und plump wirke. So faßt man das Geräth an der Stelle, an tvclchcr es die Hand am bequemsten ausfüllt, und das Schlankwcrdcu nach dem Ansatz der Schneide hin gicbt der Form Eleganz. Auch die Schneide ist nicht in der ganzen Ausdehnung gleich breit. Sie tritt nicht un- mittelbar aus dem Heft hervor, wie bei der üblichen Form, sondern sie entwickelt sich erst aus einem kurzen, schmalen Fuß heraus, der in zierlichem Bogen zu der Schneide hinüberführt. Auch ist die ganze Schneide gekrümmt, und zwar nach der entgegengesetzten Richtung wie der Stiel, so daß die Form des ganzen Gcrälhs eine angenehm schwingende Linie iniie hält. Die Schneide läuft in einer breiten Spitze aus.' Dies ein Vorschlag, welcher sich natürlich viel- fach variire» läßt. Eigentlich ist die spitze Form des Meffers die ursprüngliche. ES hatte theilwcise auch als Gabel zu dienen zu den Zeiten, als diese noch nicht gebräuchlich war. Man erzählt, daß erst der Kardinal Richelieu die abgerundete Mcsscrendignng einführte, weil ein zu seiner Tafel geladener Herr die Angewohnheit hatte, das Meffer als Zahnstocher zu gebrauchen. So üben Sitten und Unsitten ihren Ein- stuß auf die Geräthformen. Heute dürfte es ungefährlich sein, der Abwechslung zu Liebe wieder auf die alte Form zurückzugreifen. Wie das Messer hat auch die sehr viel jüngere Gabel ihre Ge- Kalt im Lauf der Zeit geändert. Schon im 12. Jahrhundert bringt eine vornehme Dame von Byzanz ihre Gabel und die Ge- wohnhcit, sie beim Esse»! zu gebrauchen, nach Venedig mit, wo das Instrument einiges Aufsehen erreiste. In Westeuropa be- diente sich desselben hauptsächlich die Hand des Vorschneiders. ES gab zwar auch Gabeln zum Essen, aber der Gebrauch war nicht all- gemein; man führte damals das Messer zum Mund, ein Gebrauch, der heute verpönt ist. So hält es Jakob von Falke in einer kultur» geschichtlichen Studie der Erwähnung Werth, daß Ludwigs XIV. Besteck eine Gabel enthielt. Die früheren Gabeln bestanden nur aus zwei geraden, oft sehr langen Zinken, die unmittelbar au dem kurzen Griff an- setzen; bei anderen sind die Zinken kürzer und sitzen an einem Stiel. Die Schanfclfonn stammt ans England; sie deutet darauf hin, daß die Gabel nicht nur zun. Aufspießen, sondern auch nach Art des Löffels benutzt iverden soll. Hier knüpft Riemerschmidt's Umbildung an. Er überlegt, baß die Zinken ebensogut ihren Dienst thun, wenn sie noch kürzer werden, und indem er die Schaufel nicht bis zum Ende spaltet, gewinnt er oben eine breite Fläche, welche ganz wie der Löffel zum Aufnehmen der Speisen benutzt iverden kann. Ein etwas tieferer Einschnitt kommt in die Mitte, ein ziemlich flacher auf jede Seite. So eist- stehen vier Zinken, welche sich dadurch, daß sie zu zwei Paaren zusammengefaßt sind, gefälliger ausnehmen, als tvenn alle Einschnitte gleich lang wären. In anderem Sinne bestand schon früher eine Verbindung zwischen Gabel und Löffel. Schon im 15. Jahrhundert hatte man betvegliche Löffelstiele, welche mit ihren beiden Zinken in entsprechende Oeffnnugen der unteren gewölbten Fläche eingriffen. War der Löffel gebraucht, so zog man den Stiel heraus, der nun als Gabel dienen konnte. Lag nun das Mundstück ohne Handhabe da, so erinnerte es an jene kleinen flachen Trinkschalcn. ans denen der Löffel ent- stand. In einer Schweizer Alpenklubhütte bin ich derartigen Löffeln mit ziemlich großen runden Schalen begegnet. Die Schale bekam dann aus BcqnemlichkcitSgründen einen Handgriff, der zunächst kurz und breit war. Ans der Kreisform wurde dann die ovale, und die spitz zulaufende Schale, doch war die Spitze früher gegen den Stiel gekehrt. Spätere Zeiten wendeten sie nach vorne, und das 19. Jahrhundert ließ sie immer schmaler zusammengehen, bis die neueste Zeit auch hier wieder abschwächend einwirkte. Au die Abstammung des Lössels von dem Gefäß erinnert eine Form, welche im 15. Jahrhundert in Deutschland in Gebrauch Ivar und welcher man zu bestimmtem Zweck auch wohl noch vor ein paar Jahrzehnten begegnen konnte: ich meine den anfrcchtstchenden Löffel. Bei eincni Exemplar, das der Rennissance angehört, wird die Stand- fläche dadurch hergestellt, daß der Stiel sich keilförmig unter den Gnmd de? Löffels schiebt und unten mit einer platten Fläche endet. Ich sah auch einen modernen fiir Medizin bestimmten Löffel aus Porzellan, der zum Zwecke des Fcststchcns mit kleinen Füßen vcr- sehen war. So ließen sich die vorgeschriebenen Tropfen leicht mit Gewissenhaftigkeit abzählen. WaS nun den Stiel betrifft, so wurde er zwar schlank und stabförmig, aber er blieb meist kurz, bis die Mode der breiteren Kragen ein geschicktes Speisen mit diesem Instrument zn schwierig machte. Darauf wurden die Stiele länger und verbreiterten sich dem bequemen Festhalten zn Liebe nach dem Ende hin. Erst die neuere Zeit gestaltete diese Verbreiterung zu dem häßlichen vier- eckigen Schild, dessen Ursprung wohl auf die Gewohnheit zurück- zuführen ist, an dieser Stelle den Namen des Besitzers einzugravircu. Ricmcrschmidt läßt seinen Löffelstiel von dem breiteren oberen Ende, das zierlich abgerundet ist, allmälig nach dem Löffclansntz hin schmaler zulaufen, dann folgt eine Anschwellung, welche ans die breitere Form vorbereitet, und nun setzt der Löffel in Herzform an, mit der Spitze nach dem Stiel gekehrt. Ob diese Form sich ein- bürgern läßt, erscheint fraglich. Sic ficht gefällig ans. aber sie dürste sich nicht als bequem erweisen. Eher empficht es sich wohl, bei der üblichen Form zu bleiben und nur die vordere Spitze abrundend zu verbreitern. Ich deutete schon nebenbei an, Ivie das Alter der Eßwerkzenge ein verschiedenes ist. Im Mittelalter behalf man sich zunächst mit dem Messer allein, dann kam erst im 14. Jahrhundert allmälig der Löffel hinzu, den das Alterthum schon gekannt hatte. Endlich machte das Hotel Rambouillet sich um allgemeinere Einführung der Gabel verdient. Die Dreizahl mußte genügen. DaS18i Jahrhundert brachte dann verschiedene Formen von Löffeln für besondere Zwecke, für Saucen, Suppen, Kaffee n. f. w. Die neuere Zeit hat noch Fischgabeln und Käse- messcr hinzugefügt, sowie besondere Instrumente, um sich mit Butter und Käse zn bedienen. Aber damit stehen>vir doch kaum am Ende des Raffinements. Betrachtet man einen Kasten mit amerikanischem Spcisegcräth.so bemerkt man darin allerlei geheimuißvolle Instrumente, deren Gebrauchswerth nur Leuten bekannt ist, die in Amerika an landesüblichen DinerS theilgenommcn haben. Da fehlt z. B. nicht die Säge, mit der man jenseits des Wassers das zähe und doch weiche Brod in Scheiben thcilt■A'P- Kleines Leuillekon- — lieber den Rhein in Holland klagt ein Schweizer im „Luzcrucr Vaterland": Was niich in Lehden ganz wehmüthig stimmte, war der Anblick des Rheines. Matt, fast stillstehendes Ge- Wässer, schleppt er sich ki!er in schmutzigen Kanälen! Armer Sahn meiner blauen heimathlichen Gletscher! So mutztest du enden! Ve- kanntlich theilt sich der Rhein gleich nach seinem Erscheinen auf holländischem Boden in zwei Arme. Der südliche ist der stärkere und sollte darum billigcrmatzen„Rhein" heitzen. Statt dessen nennt man ihn die Waat, späterhin die Mcrwede, schlietzlich die Maas, nachdem er sich mit dem Flusse dieses Namens vereinigt hat. Was bei Rotterdam flietzt und dort den prächtigen, mit Hunderten von Dampfern und Seglern aller Welt- theile geschmückten Hafen bildet: es sollte eigentlich„Rhein" heitzen; man nennt es aber„Maas". Dem nördlichen Arme ist der Name„Rhein" noch eine Zeit lang belasscm Nachdem die Waal sich abgetrennt, flietzt der Strom als„Niedcrrhcin" weiter. Aber es dauert nicht lange, und er mutz seinen Namen an denjenigen von „Lek" tauschen. Als solcher ergietzt er sich in die Maas. In einem ärmlichen Wässerchen allein, das nordwärts auf dein Rheine nbflietzt, lebt der Name fort und zivar in der geradezu unartigen Ertveiterung von„Krummer Rhein"! Datz daS Wässerlein in Krümmen flietzt, rechnet man ihm im Plnttlande, das die schnurgerade gezogenen Kanäle liebt, zur Schande an. Schwermüthig von solch entehrender Behandlnng, windet sich der dünne Wnsscrfadcu,„Krummer Rhein" gescholten, durch da? ebene Land bis Utrecht, wendet sich dann hier gen Westen, um in leidlich geradem Laufe— als flackerte das Lebenslämmchcn noch einmal auf— zum Meere, d. h. zum Grabe hinzuschleichen. Als „alter Rhciir" keucht er müde durch die Stadt Lehden. DerLeydencr Stadtplan höhnt ihn darob„Galgemvasser": de Niin, gcnamd „Gakgcwatcr".„Galgenwasser" der blauäugige Gletschersohn„Galgen- Wasser" der Stronr der Reben und der Lieder, der Rhein der Lorelcy, der Donau grotzcr Nebenöuhler, den schon die Römer den„Stolzen" nannten!„Galgenwasser" von Amts wegen genannt, behandelt wie eine faulige Pfütze!— Wahrlich zu viel der Unbill!— Betrübt bis in den Tod, windet der Arme sich zur Stadt hinaus, um bald darauf den Tod zu suchen. Bei Katwick ergietzt sich der alte Rhein ins Meer— oder besser gesagt: er wird ins Meer gegossen. Ans eigener Kraft kan» cr's nicht erreichen, der hilflose Greis. Von Schleuse zu Schleuse mutz er fortgepmnpt werden, bis ein letzter Hcbcdruck ihn ins Meer hinausbefördert.— Eine Gcnugthnnng bleibt in dieser Vittcrnitz allein: der Gedanke, datz am Rande dieses so verächtlich behandelten Gewässers, in einer Mühle, deren Rad es trieb, der Welt kein Geringerer als Rembrandt geschenkt wurde, der Müllerssohn ans Lehden. Hier am alten Rheine stand seines Vaters Mühle und nach dein Flusse benannte sich die Fainilie„Van Rhijn". Rembrandt vom Rhein— das tröstet cinigcrmatzcn I— — Jiitcrcssantc Enthüllungen macht eine englische Zeitschrift Über die Art der Herstellung verschiedener Handelsartikel. Man sollte es zum Beispiel kaum für möglich halten, datz eine Uhr, die zur Hälfte in der Schweiz und zur Hälfte in Deutschland angefertigt worden ist, in England weit billiger zum Verkauf gelangt, wie in den beiden ersten Ländern. Dies ist thntsächlich der Fall mit einem jenseits des Kanals sehr beliebten Wcckcruhrwcrk, das statt des ohrenbetäubenden Lärms, den die bei uns am meisten bekannten Alarmuhren ausführen, nach Art der Spieldosen eine hübsche Melodie ertönen lätzt, die sich so lange wiederholt, bis man aufsteht und das Uhrwerk abstellt. Jeder Brite kann diese hübsche Uhr für 7 M. 50 Pf. erstehen, während wir sie mit 10 M. 50 Pf. bezahlen müssen. und der Schweizer sie noch nicht einmal dafür bekommt, obgleich sein Land die ivichtigsten innere» Theile dazu liefert. In Amerika werden die nmfikallschrn Wecker sogar noch viel thcnrcr verkauft, als in China, Ivo taufende von Exemplaren in Gebrauch sind. Das Material und die einzelnen Bestandtheile vieler anderen Artikel werden oft hin und her durch die ganze Welt verschickt, che sie ganz fertig gestellt in die Hände der Käufer gelange». Die jetzt stark in die Mode gekonimcne» Damcii-Portemvnnaics aus Leder mit silbernen Ornamente» haben wohl in den meisten Fällen weit mehr von der Welt gesehen, als ihre Besitzerinnen. Das Silber zu den Verzierungen kommt zum grötzten Theil aus Ainerika und wird in Deutschland vcr- arbeitet. Von hier gehen die einzelnen Metallstückchcn nacki England, wo man sie mit der sogenannten„Hall-Mark", dem Stempel der Goldschmiede- Innung, versieht. Nun schickt man die zierlichen Figuren wieder zurück nach Deutschland und befestigt sie auf den in Frankreich oder Holland fertiggestellten PortcmomiaicS, deren Material wiederni» ans Brasilien oder Argentinien herstammt. Dann erst werden sie nach allen Richtungen der Windrose versandt, um endlich in den Handel zu kommen. Auf welche eigenartige Weise die Käufer oft betrogen werden, ersieht man aus folgendem iiitcr- cssantcn Beispiel; Die weitaus grötzte Anzahl jener ans China, In- dien und Japan„importirtcn", unter allen möglichen exotischen Namen angepriesenen Seidenstoffe ist ein spottbillig hergestelltes deutsches Fabrikat, das über England nach Indien geschickt ivird, wo man es niit phantastischen Mustern bedruckt und direkt nach London zurücksendet. Von dort erhalten wir cS wieder, um es als ver- hältnitzmätzig viel zu thcurcS,„echt orientalisches" Produkt zu kaufen.— �— Australische Forschungsreise. AuS S i d n e h wird der „Franks. Ztg." geschrieben: Der niit den Untersuchungen auf F u n a f n t i betraute Biologe Alfred F i n ck h ist nunmehr wieder hierher zurückgekehrt. Seine viermonatlichen Untersuchungen über die Koralleuformatiouen der Insel haben zu dein Ergebnitz ge- führt, datz das Wachsthinn derselben ein außerordentlich langsames ist. Eine um so rapidere Zunahme zeigten andererseits ver- schiedeue Algen, welche bei der Bildung der Riffe eine Rolle spielen. Bei diesen ist das Wachsthum durch die vorgenommenen Messungen nämlich auf>/z bis 1 Zoll im Jahre nach- geiviesen worden. Diese Algen ähneln äutzerlich der Gattung �.ckiantum, und ihrer außerordentlichen Lebenskraft sind die aus- gedehnten Massen von sogenanntem Halimedajand, ivelche den Boden der Lagunen auf eine Länge von 12, bezw. eine Breite von S eng- tischen Meilen bedecken und stellcntvcise eine Schicht bis zu 80 Fuß Tiefe bilden, zuzuschreiben. Herrn Fiiickh ist es autzerdem gelungen, ein Exemplar des von Ludivig Becke und anderen Forschern bc- schricbenen Pal» oder Tiefsecfisches nach Sydney zu bringen. Der Paln, von dem bisher noch kein Exemplar in den naturhistorischen Kabinetten zu finden war, lebt nur in Tiefen von 100 Faden und mehr. AnSgewachsciie Exemplare erreichen eine Länge von bis zir 6 Fuß. Charakteristisch für den Fisch sind auch die grotzcn Augen. Das von Herrn Fiiickh hierher gebrachte Exemplar, das seinen Platz im hiesigen naturhistorischen Museum finden soll, hat eine Länge von 4 Fuß. ES wurde Nachts von ztvei Eingeborenen ge- fangen.— Kulturgeschichtliches. glr. Eine alte Erzschmelzstätte auf der schwäbischen Alp wird in dem neuesten Heft des„Archiv für Anthro- pologie" von A. Hcdingcr beschrieben. ES ist eine alte Kulturstätte, die eine Reihe von Kulturperioden umfaßt. Sic liegt südöstlich von Feldstettcn tOberamt Münsingen) auf einen! etwa 100 Meter terrassensörmig ansteigenden Hügel, dem Natterbnch, der mit Resten von Verschanznngen versehen ist. Auf der Spitze finden sich die Spuren einer altgermanischen Kulturstätte, ivic sie uns ans den er- haltenen Beschreibungen bekannt sind. Mchrhimdertjährige Buchen umgeben in einem Ringe einen auf dem Gipfel liegenden See. Im weiteren Umkreise dieses Ringes ist die Erde überall schlvnrz, d. h. mit Holzkohlenrestcn imprägnirt, die tvohl zum Schmelzen des überall in Mengen herumliegenden Erzes verwendet wurden. Etwa 30 Meter unter der Spitze des Hügels finden sich östlich ebenfalls starke Holzkohlenrestc und dreierlei Formen von Resten irdener Geräthe, von denen die eine Art noch ohne Drehscheibe gemacht ist. Reste von Wällen sind an den verschiedensten Stellen zu bemerken, aber ebenso auch Maliern mittel- nlterlichen Ursprungs und Spuren einer Kapelle. An der ivest- lichen Seite des Sees>var eine große Menge von„Eiscilschlackcn" und Feiierstcinen in allen Größen und Formen, an einer Stelle sogar aiigchäiift, zu finden. Die Schmclzprodnkte besitzen zweierlei Formen: eine kngelig-höckerige im Innern niit Höhlungen(Blasen) von,'gleichmäßigem Gefüge und Ansehen und eine strahlige, stark eiscnoxydhaltige mit vielen kleinen unregelmäßigen Höhlungen. Die chemische Analyse von fünf Schlackenprobcn ergab mit Sicherheit, datz es sich hier um eine alte Eisenschmelzstätte handelt. Auch Reste des Schmelzofens wurden noch gefunden, d. h. jurassische Steine, die so roth gebrannt sind>vie Ziegelsteine und eine Anzahl roth ge- branntcr Thonfragmente. Die aufgesundencn Feuersteine waren alle mit Kanten,>vie sie sich zum Feuerschlagen eignen. Nach Hedinger's Ansicht hängt der Natterbuch mit einen! grotzcn befestigten Lager auf der schwäbischen Alp aus der ersten Zeit der Völkerwanderung zu- sanmien, das nordwärts vom„Heidcgrab" am Hohen Neuffen beginnt, auf der Alp, an den Hängen des Donauthales sich überall verfolgen läßt, auf den Höhen tvie Lochen, Drcifaltigkeitsberg u. s.>v. seine Ivcstliche Begrenzung findet und bei Wcrbertingcn in Oberschivabcn mit eine»! großartigen, gegen die Römer gerichteten Doppelwall endigt. Ganze Völkerschaften mit Weib, Kind und Vieh hatten innerhalb dieses großen befestigten Lagers Platz, und sie blieben so lange auf der Stelle, bis sie irgendivo einen definitiven Sitz finden konnten,»vorauf sie dann von anderen, ans dem Norden nach- nickenden Schaarcn abgelöst wurden. Es scheint nothwendig, alle diese zum Theil großartigen Wälle zusammen zu bringen, da sie alle einen ähnlichen Charakter haben. Die Entstehung derselben wird in das 5. bis 0. Jahrhundert». Chr. fallen. Bei dieser Annahme er- giebt es sich leicht, die verschiedenen primitiven Schmelzstätten, die man auf der schwäbischen Alp schon gefniiden hat, als Anfertignngsstätten für Waffen, Haus- und Ackcrgeräthe zu denken. Vielleicht finden sich bei weiieren Nachforschungen auch noch Gutzformen. Auf jenem groß- hügeligen Plateau fanden aber die sich dort Niederlassenden alles, was sie bei ihrer einfachen Lebensweise zu ihrem Unterhalt brauchten. Zum Feuerschlagen ivurde immer ein harter und ein weicher Feuer- stein benutzt. Da sich überall Bohnerz fand, war das Feuerschlagen sehr erleichtert. Als Mittel, um die Funken aufzufangen, hatte man Zunder oder Wollhaare von Thicren oder Flaum von Wcidesamen-. kätzchcn, wie sie die Eskimos noch heute benutzen. Die zum Theil recht grotzcn Blöcke von Schmelzproduktcn zeigen einen recht guten Prozentsatz Eisen, 70 pCt., der für die primitive Erzeugung gewiß nicht wenig ist. Wahrscheinlich ist übrigens der Natterbuch früher höher gewesen und erst in späteren Epochen eingeebnet worden.— Medizinisches. n. Mittel gegen Verbrennungen und Ver» b r ü h u u g e n. Von einzelnen Ortskrankenkassen ist schon seit Jahren bemerkt worden, daß sie sehr stark bei Verbrennungen und Verbrühungen in Anspruch genommen werden dadurch, daß die Heilung dieser Unfälle unverhältnißmäßig lange Zeit erfordert. Die Kassenärzte, die darüber befragt wurden, waren sämmtlich der Ansicht, daß dies durch die unzwcckniäßigen Maßnahmen verursacht wird, die in den Betrieben selbst beim Eintritt eines derartigen Un- falles vorgenommen werden. Die Brandwunden werden nämlich vielfach m unzweckmäßiger Weise mit einem Gemisch von Leinöl und Kalkwasser bedeckt; hierdurch werden aber weder die Schmerzen verringert, noch die Heilung beschleunigt, im Gcgentheil: die Brandwunden werden durch dies Verfahren der- artig verunreinigt und verschlimmert, daß die Heilung nachher eine viel' längere Zeit erfordert. Die Kassenärzte empfehlen bei frischen Brandwunden zur Verminderung der Schmerzen zunächst Bestreuung mit doppeltkohlensaurem Natron und demnächst zur Heilung Verband mit einer in jeder Apotheke vorräthigen Wismuthbinde, einer so- genannten Bardcleben'schen Brandbinde, die unmittelbar auf die verbrühte, respektive verbrannte Stelle selbst gewickelt werden muß. Es erscheint zweckmäßig, daß namentlich in solchen Betrieben, in denen die Gefahr einer Verbrennung nahe liegt, sowohl doppelt- kohlensaures Natron wie auch die Brandbinden vorräthig gehalten werden.-*■ Aus dem Thierleben. — Man hat den Versuch gemacht, das O ri e n tirun g s- vermögen der Brieftauben durch die Annahme m a g n e- t i s ch e r oder elektrischer Einflüsse zu erklären. Die U n- Haltbarkeit derselben hat der belgische Brieftaubenzüchter Rodenbach, wie wir der„Tägl. Rundsch." entnehmen, durch Versuche überzeugend dargethan. Zunächst machte Rodenbach an einer blinden Taube verschiedene Beobachtungen. Er nahm sie mit ins freie Feld, etwa zehn Minuten vom Schlage entfernt. Obgleich er sie in der Richtung desselben hielt, flog sie wie bei früheren Versuchen in auf- steigender Linie empor, ohne Kreise zu beschreiben, imd schlug dann die entgegengesetzte Richtung ein, indem sie in unrcgel- mäßigen Bewegungen diesen Weg verfolgte. Sie verschwand und verirrte sich, ihr Herr hat sie nie wiedergesehen. Bei einem anderen Versuch war das Wetter kalt, ruhig und klar; Schnee bedeckte die Erde und die Dächer. Gegen 10 Uhr Morgens wurde» sechs alte Tauben in südlicher Richtung bei einer Entfernung von 30 Kilometern aufgelassen. Keine einzige kehrte an deniselben Tage zurück. Man sah sie beständig unschlüssig un, herkreisen, aus mäßiger Höhe die Umgegend prüfend. Zwei schlugen endlich die Richtung nach Südosten ein, eine dritte verirrte sich in einen fremden Schlag, die drei anderen verließen nicht die Stelle, an welcher sie in Freiheit gesetzt waren. Erst am Nachmittag des folgenden Tages. als der Wind schon die Dächer reinfcgt hatte und der die Erde bedeckende Schnee zum Thcil weggeschmolzcn war, kaineu zwei Tauben auf dem Schlage an, von Hunger und Müdigkeit entkräftet; an, anderen Tage stellten sich noch zwei andere in ausgehungerten, Znstande ein. Die sechste verirrte sich auf Nimmerwiedersehen. Sehr lehrreich sind der dritte und vierte Versuch des Belgiers als Gegensätze zu ein- ander. Zunächst sandte er zehn gute Tauben bei trübem, nebligem Wetter in südlicher Richtung fort und ließ sie in einer Entfernung von ungefähr 50 Kilometern von ihrer Wohnung in Freiheit setzen. Die erste, welche nach Westen zu aufflog, gebrauchte 3 Stunden 22 Minuten, um diese geringe Entfernung zurückzulegen, zwei andere 4 Stunden, und die letzten kehrten erst am Nachmittag zurück, als der Nebel schon fast vollständig verschlvunden war. Wenige Tage später ließ Rodenbach dieselben Tauben bei klarem Wetter und günstigem Winde wieder an demselben Orte auffliegen; die meisten legten dieses Mal den Rücklvcg nach ihrem Schlage schnell zurück, nämlich in ungefähr 45 Minuten. Bei dem fünften Versuch wurden fünf Tauben zur Nachtzeit bei tiefer Dunkelheit und nörd- lichcm Winde in südlicher Richtung, einen Kilometer vom Schlage entfernt, aufgelassen. Keine einzige kam während der Nacht nach Hause, vier kehrten am folgenden Morgen und die fünfte über- Haupt nicht zurück. Bei dem sechsten Versuch benutzte der belgische Züchter vier ältere Tauben, die dreimal bei Hellem Mond- schein zunächst auf 500 Meter, dann auf einen und schließlich auf zwei Kilon, ctcr Entfernung aufgelassen wurden. Jedes Mal fanden sie den Schlag leicht und schnell ivieder, jedoch mit dem Unterschiede, daß sie sich das erste Mal auf das Dach setzten und erst bei Tagesanbruch in den Schlag zurückflogen, weil der Mond nicht auf den Ausflug fiel und dieser somit dunkel war. Aus den Ergebnissen dieser und ähnlicher Versuche schließt Rodenbach, daß sich die Brieftauben in erster Linie vermöge der wunderbaren Ent- Wicklung ihres Gesichtssinnes orientiren. Ihr unvergleichliches Orts- gedächtniß ist ihnen dabei aber auch unzweifelhaft von großem Nutzen.— Technische?. —• Die Ursache der.Millionenrisse' im F l a s ch en g l a s e. Unter Millionenrisse,, versteht man, wie E. I e n s ch in der„Zeitschr. f. angew. Chemie" mittheilt, in der Glastechnik haarfeine, in gerader Linie oder im Knick verlaufende, 2 bis 12 Millimeter lange Anritzungen der äußeren Oberfläche von Flaschen, deren masfenhastes Austreten dieser Erscheinung den Name» verlieh. Es sind diese Nisse ihrer großen Feinheit wegen im zer- streuten Tageslichte nur mit großer Schlvierigkeit wahrzunehmen; sie werden indessen in voller Schärfe und Deutlichkeit flcht, bar, sobald die Sonnenstrahlen unmittelbar im Winkel von etwa 40 Grad auf die Flaschenoberfläche fallen. Meistentheils bedecken diese Haarrisse die Flaschen ringsum von der Brust, das heißt von der Stelle ihres größten Umfanges, bis herab auf wenige Centi» meter vom Boden. Obwohl durch'diese Anritzungen der Oberfläche die Festigkeit der Flaschen für den Gebrauch des täglichen Lebens in keiner Weise vermindert wird und dieselben auch nur bei sehr hochgespannten Forderungen als Schönheitsfehler gelten könnten, so sind doch die mit derartigen Rißchen behasteten Flaschen, namentlich Weinflaschen, unverkäuflich. Beträgt nun bei einem Wanncnbetriebe mit einer Arbeitsleistung von monatlich 300 000 Stück Flaschen die Herstellung solcher mit Millionenrisfen auch nur l�/e pCt., so bedeutet dies immerhin einen Fabrikationsverlust von ungefähr 54 000 Stück sonst völlig brauchbarer Flaschen im Laufe eines Jahres, häufig jedoch steigen diese Verluste auf 5 pCt. und sogar darüber. Der Verfasser hat durch mühevolle Versuche nach der Entstchungsursache geforscht und hat sie mit Sicherheit in n, angelhafter Kühlung gefunden, denn nur aus Kühlöfen mit größeren Teniperaturschwankungen, mit zu niedriger oder ungleich vertheilter Temperatur, gingen fehlerhafte Flaschen hervor. Von Interesse ist noch die Prüfnng von Schaumwcinflaschen auf Druck, welche ergab, daß 99,57 pCt. der untersuchten einen solchen von 14, 9,05 einen solchen von 20 Atmosphären aushielten, während der Normaldruck fünf Atmosphären betrügt und 14 von den Glashütten gewöhnlich garantirt werden.—(.Techn. Rundsch.") Humoristisches. — Die große Frage. Pastor:„Nim, Fräulein Marie, haben Sie auch schon einmal emstlich nachgedacht, über die große Frage unseres Daseins?" Marie:„Bis jetzt hat noch keiner unserer jungen Herren bei mir angefragt, Herr Pastor."— — Der Apfel fällt nicht Iveit vom Stamme. Vater:„Fritz, komme her, ich muß Dich bestrafen. Deine Lehrerin sagte mir heute. Du seist der schliiumste Junge der Klasse." Fritz:„Oh, Papa, und zu mir hat sie gestcm gesagt, ich sei gerade wie mein Vater l"—(„Jugend.") — Knthederblüthe.„DaS ist eine Thatsache, meine Herren, über die das Auge des Laien wohl bedenklich den Kopf schütteln mag.— Notizen. 1. Henrik Ibsen hat, dem„Herald" zufolge, auf den Plan verzichte:, seine Memoiren zu schreiben. Er bereitet vielmehr mehrere Dramen vor, deren Aufführung„von zwei zu zwei Jahren" zu gleicher Zeit in den Theatern von Kopenhagen und Christiania statt- finden soll.— 1. Von A l p h o n s e Daudet beginnt eine Gesammt» ausgäbe seiner Werke in 13 Bänden zu erscheinen.— — Von den nahezu tausend Liedern, die bei dem von der „Köln. Volksztg." ausgeschriebenen Wettbewerb für ein„Zentrums- li e d" eingelaufen toaren, erhielten zwei den ausgesetzten Preis von 500 M. Ein Gymuasial-Oberlehrer und ein Vollsschullehrer waren die Verfasser.— — Bracco's neuestes Bühnenwerk:„S e e l e n t r a g ö d i e n", ein Drama in drei Akten, hatte bei seiner ersteil Anstühmng in Genua einen stürmischen Erfolg.— — Die neuen Erwerbungen der Nation algallerie sind jetzt im zweiten Eomelius-Saal ausgestellt.— — Der verstorbene Präsident der Londoner Akademie der Künste, Maler Lord Leighton, hat zun, Ankauf von K n n st>v e r k e n einen LeightonS-Fonds von 200 000 Mark hinter- lassen. � — Die von der Akademie der Wissenschaften in Amsterdam veröffentlichten Abhandlungen waren bisher ausschließlich in holländischer Sprache verfaßt. Von nun ab werden die Arbeiten der naturwissenschaftlichen Ablheilung in eng« l i s ch e r Sprache veröffentticht.— l. Männer-Korsetts kommen bei den englischen Dandys jetzt immer mehr in Mode. Kürzlich hat sich ein Offizier der indischen Armee zwei Korsetts mit Fischbeinstäbcn machen laßen, das eine in durchbrochenem rosa Atlas und das andere in nilgrüner Seide, beide geschmückt mit blaßblauen Lotosblumen und Lilien. Preis pro Stück 300 Mark.— Die nächste Nummer des llnterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 19. Febniar._ Verantwortlicher Redakteur: August Jacvbey in Berlin. Druck und Verlag von Viax Babing in Berlin.