Mlerhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 36. Sonnwg, den 19. Februar. 1899 (Nachdruck»erboten.) Dov le�ke Tsg eines Veeuekheilken. Lt Von Victor Hugo. Aus dem Französischen von Paul Linsemann. Er fuhr fort: „Was willst Du noch wissen? Meine Geschichte? Gilt, höre. Ich bin der Sohn eines anständigen Kerls. Es ist nur schade, daß der Henker eines Tages sich die Mühe gegeben hat. ihm seine Halsbinde zit fest zuzuschnüren. Es war zur Zeit, als durch die Gnade Gottes noch der Galgen herrschte. Mit sechs Jahren hatte ich weder Vater noch Mutter; im Sommer schlug ich am Rande der staubigen Chaussee Rad, damit mau mir einen Sou zur Wagenthür hinauswarf. Im Winter lief ich barfuß im Schmutz und blies mir in meine erstarrten Fäuste. Durch meine Hosen blickten die Schenkel. Mit neun Jahren habe ich angefangen, mich durch meiner Hände Arbeit zu ernähren.• Von Zeit zu Zeit leerte ich eine Tasche, stahl einen Mantel, mit zehn Jahren war ich ein ausgemachter Spitzbube. Dann habe ich immer mehr zu- gelernt und mit siebzehn Jahren war ich ein Meister in meinem Fach, Ich erbrach einen Laden, ich machte einen falschen Schlüssel. Ich wurde dabei ertappt. Da ich das ge- schliche Alter hatte, schickte man mich ins Zuchthaus. Das ist wirklich kein Kinderspiel, man muß auf einer Pritsche schlafen, klares Wasser trinken, schwarzes Brot kauen, eine dumme Kugel hinter sich her schleppen, die zu gar nichts nützt. Dabei noch Stockschläge und Sonnengluth. Zudem wird mau noch geschoren, und ich hatte so schöne kastanicn- braune Haare!... Trotz alledem brummte ich meine Zeit ruhig ab. Fünfzehn Jahre, eine gehörige Portion I Ich>var zweiunddreißig alt. Eines schönen Morgens gab man mir mein Marschbillet und sechSuudsechzig Franks, die ich in meinen fünfzehn Jahren gespart hatte, wo ich sechzehn Stunden täglich, dreißig Tage monatlich und zlvölf Monate jährlich hatte arbeiten müssen. Aber ganz gleich, ich wollte ein ehrlicher Mensch mitsiueiueu sechsundsechzig Franks werden, und ich trug edlere Gefühle unter meinen Lumpen als ein Abbe unter seiner Soutane. Aber der Teufel saß in dem Paß l Er war auf gelbem Papier ausgefertigt. In dem Passe war ich als„Entlassener Sträfling" bezeichnet. Ich niußte ihn überall zeigen, Ivo ich durchkam, und ihn alle acht Tage dem Maire des Dorfes vorweisen, wo ich gezwungen war, zu nächtigen. Eine schöne Empfehlung: ein Sträfling l Ich jagte damit Furcht ein, die kleinen Kinder liefen davon, und man schloß die Thürcn. Niemand wollte mir Arbeit geben. Ich ver- zehrte meine sechsuudscchzig Franks. Aber ich lvollte doch leben. Ich zeigte meine Arme, die zur Arbeit tüchtig ivaren, man schloß die Thüren. Ich wollte nüch«m einen Tagelohn von fünfzehn Sous verdingen, von zehn Sous, von fünf Sons. �Nichts! Was thnn? Eines Tages hatte ich Hunger. Ich stieß mit dem Ellenbogen die Ladenscheibe eines Bäcker- ladcns ein, ergriff ein Brot, und der Bäcker ergriff mich. Ich konnte daS Brot garnicht mal aufessen und wurde doch zu lebenslänglicher Zwangsarbeit vcrurtheilt, mit drei Feuernialen auf der Schulter.— Ich werde sie Dir zeigen,»veun Du willst.— Die Strafe wegen Rückfalls. Ich wurde wieder nach Toulon zurückgebracht. Da war ich wieder in Toulon, aber diesmal mit der grünen Mütze. Ich»vollte fliehen. Zu dem Ziveck hatte ich nur drei Mauern zu durchbrechen und zwei Ketten zu durchschneiden. Als einziges Werkzeug hatte ich einen Nagel. Dennoch ent- kani ich. Man feuerte die Lärmkanone ab. Wir Sträflinge haben viel Achnlichkeit mit den römischen Kardinälen. Auch wir sind in Roth gekleidet und man feuert die Kanone ab, wenn wir— ausbrechen. Das Pulver war diesmal umsonst verknallt. Ich hatte keinen gelben Paß, aber auch kein Geld. Ich begegnete einigen Kameraden, die auch ihre Zeit ab- gesessen hatten, oder ausgebrochen waren. Ihr Führer schlug Mir vor, mich ihnen anzuschließen; sie plünderten und mordeten auf den Landstraßen. Ich schlug ein und fing an todtzuschlagen, um zu leben. Bald war es ein Personen-, bald ein Postwagen, bald ein Ochsenhändler zu Pferde. Wir nahmen das Geld, ließen das Pferd oder den Wagen stehen, und verscharrten den Mann unter einem Baum, wobei wir nur Sorge trugen, daß die Füße nicht herausguckten. Dann tanzten wir auf dem Grabe, damit man nicht sehen sollte, daß die Erde frisch aufgeworfen war. Dabei wurde ich alt und grau, ich lag im Buschwerk im Hinterhalt, schlief unter freiem Himmel, wurde von Wald zu Wald gehetzt, aber war doch frei und unabhängig. Aber Alles hat mal ein Ende und so auch mein Gewerbe. Die Gendarmem nahmen uns in einer schönen Nacht beim Kragen. Meine Kameraden entkamen, nur ich, der Aelteste, bin unter den Krallen dieser Katzen mit den galonirten Hüten geblieben. Mau schleppte mich hierher. Ich hatte bereits alle Sprossen der Leiter bis auf eine er- klommen. Ob ich ein Taschentuch gestohlen oder einen Menschen getödtet, das war jetzt für mich gleich belastend. Wegen wieder- Holter Rückfälligkeit mußte ich bestraft werden. Mit meiner Person hatte nur noch der Henker zu thun. Mein Prozeß war kurz.— Wahrhaftig, ich fing �an, alt zu werden und zwar zu nichts mehr nütz. Mein Vater ist gehängt worden, und auf mich wartet die Guillotine. Da hast Du meine Geschichte, Kamerad." Ich war beim Zuhören starr geblieben. Er fing noch lauter an zu lachen als zuvor und wollte meine Hand er- greifen. Schaudernd wich ich zurück. „Na, mein Freund," sagte er,„Du siehst mir gar nicht tapfer aus. Werde nur nicht noch feige vor Deinem Ende. Freilich, wenn man über den Grövcplatz marschieren muß, hat man wohl keine augenehme Empfindung. Aber das ist bald geschehen I Ich wollte, ich wäre dabei, um Dir den Purzel- bäum vorzumachen. Wahrhaftig, ich würde meine Berufung schießen lassen, wenn man mich heute mit Dir köpfen wollte. Derselbe Priester könnte uns beide bedienen. Ich nehme, was Du übrig läßt. Du siehst, ich bin ein guter 5lerl. Nun? Willst Du? Aus reiner Freundschaft I" Er kam noch einen Schritt auf mich zu. „Ich danke Ihnen," antwortete ich ihm und stieß ihn zurück. Neues Gelächter über meine Antwort. „Ach so, Ihr seid wohl ein Marquis? Er ist ein Marquis!" Ich unterbrach ihn: „Mein Freund, ich habe Sammlung nöthig. Lassen Sie mich in Ruhe." Der Ernst meiner Worte machte ihn mit einem Male nach- denklich. Er nickte mit seinem grauen, beinahe kahlen Kopfe. Dann kratzte er mit den Nägeln die haarige Brust, die nackt aus dem offenen Hemde herausstarrte. „Ich weiß schon," murmelte er zwischen den Zähnen,„dex Pfaffe." Daun nach einigen Minuten Stillschweigen. „Na ja", sagte er fast furchtsam,„Sic sind ein Marquis. Allerhand Hochachtung! Aber Sie haben da einen schönen Rock, her Ihnen nicht viel mehr nützen wird I Der Henker wird ihn nehmen. Geben Sic ihn mir, ich werde ihn ver- kaufen, damit ich mir ivieder Tabak kaufen kann." Ich zog meinen Rock aus und gab ihn ihm. Er schlug mit kindlicher Frcnde in die Hände. Als er mich im Hemde und vor Frost zitternd dastehen sah, sagte er: „Sie frieren, ziehen Sie dies hier an. Es regnet, und Sie könnten naß iverdeu. Auch muß man anständig auf dem Karren erscheinen." Er zog seine unfönnige graulcinene Jacke aus und zog sie über meine Arme. Ich ließ ihn gewähren. Dann lehnte ich mich an die Wand. Ich vermag nicht, den Eindruck zu be- schreibeu, den dieser Mensch auf mich machte. Er untersuchte den Rock, den ich ihm geschenkt, nach allen Seiten und stieß in jedem Augenblick einen Freudenschrei darüber aus. „Die Taschen sind noch ganz neu. Der Kragen nicht ab- genutzt. Ich werde wenigstens fünfzehn Franks dafür bc- kommen. Welches Glück! Tabak für nieine letzten sechs Wochen!" Die Thür ging wieder auf. Wir wurden beide abgeholt. Ich wurde nach dem Zinuner geführt, wo die Verurtheilten ihre letzte Stunde erwarten, und er wurde nach Bicetre ge- schafft. Lachend trat er in die Mitte des Piquets, das ihn eskortiren sollte, und sagte zu den Gendarmen: »Irren Sie sich mir ja nicht. Ter Herr und ich. wir haken nur die Schale gewechselt. Halten Sie mich ja nicht für ihn. Zum Teufel! das würde mir jetzt garnicht Passen, wo ich Geld zu Tabak habe I" XXIV. J Dieser alte Verbrecher I Er hat mir meinen Rock geraubt, kenn ich habe ihn unfreiwillig hergegeben. Er hat mir diesen Lumpen zurückgelassen, seine plunderige Jacke. Wie sehe ich darin aus? Ich habe ihm meinen Rock nicht aus Gleichgiltigkeit oder aus Barmherzigkeit abgetreten. Nein! Nur darum, weil er stärker war als ich. Wenn ich ihn abgewiesen hätte, würde er mich mit seinen groben Fäusten geschlagen haben. Ich und Barmherzigkeit! Ich war voll von schlechten Gedanken. Ich hätte ihn mit meinen Händen erdrosseln mögen, den alten Räuber! Ihn mit meinen Füßen treten mögen l Ich fühle, wie mein Herz vor Wnth und Bitterkeit schwillt. Ich glaube, daß mir die Galle übergelaufen ist. Der Tod macht den Menschen bösartig. XXV. Sie haben mich wieder in eine kleine Zelle geführt, wo nur die vier Wände zu sehen sind, viele Eisenstangcn an den Fenstern und viele Riegel an der Thür. Das versteht sich schon von selbst. Ich bat um einen Tisch und einen Stuhl. Außer- dem um Schreibzeug. Alles wurde mir gebracht. Dann ersuchte ich um ein Bett. Der Schließer sah mich mit erstauntem Blick an, als ob er fragen wollte: Woz« denn das? Jedoch wurde mir in einer Ecke ein Feldbett aufgeschlagen. Gleichzeitig kam ein Gendarnl und ließ sich in meinem söge- nannten Zimmer nieder. Haben sie Furcht, daß ich mich mit der Matratze ersticken könnte? (Fortsetzung folgt.) Sottttketgsplctttdvvek. „Er repräsentirte gut." Wenn man diese Worte so vielfach der- nimmt, wie jetzt nachdem Tode Felix Faurc's, so sagt man fich, es ist verdammt wenig, was von einstiger Herrlichkeit übrig blieb. Er gab als Präsident eine leidliche Dekoration ab. Wenn auch heutzutage beim Hang zum Dekorativen Schein und Prunk in der Repräsentation für Viele mannigfache Geltung haben, es bleibt so wenig Übrig, wenn man immer wieder hört? Er war im Gnmde ein guter Mann und verstand es, auch äußerlich sich Würde zu geben. Die französische Karikatur, an der sich der gallische Witz so gerne übt, hat die imiere Schwäche dieser rein repräsentablen Künste denn auch bald herausgefühlt, und der schöne Felix mit dem untadeligen Beinkleid galt ihr in der letzten Zeit nicht viel mehr, wie etwa ein selbstgefälliger Handlungsreisender ohne eigenen Charakter, ohne besondere Physiognomie.' Nicht die jetzige öffentliche Gestaltung in Frankreich allein hat das verschuldet: denn Felix Fanre war der Mann nicht, der durch sich selbst stürmische Erbitterungen veranlaßt und ihnen trotzt. Es war. als wollte die Satire am Präsidentcn-Gigerl all die überschweng- lichen Thorhciten vergessen machen, mit denen die Eitelkeit sich vor- mals an denselben schönen Felix geklammert hatte. Man braucht nur an die pathetisch vorgetragene Legende vom Gerbergescllen Felix Faurc sich zu erinnern. Herr Faure war gewiß niemals thätiger Gerbcrgeselle. Aber eS giebt einen prickelnden Gegensatz, wenn man den ehemaligen Gerbergescllen Arm in Arm mit dcm mnchtigen Russenzaren aufmarschieren läßt. Dabei soll der frühere Gerbcrgeselle auch nicht einen Etikcttefchler begangen und sich so feierlich bewegt haben, als sei er alle seine Tage auf lönig- lichen Bahnen gewandelt. Auch Frau Faure. die bescheiden Bürger- liche, bekam ihren gehäuften Anthcil am Ruhm des Gatten. Statt einfach zu denken, es wird am Ende kein Hexenkunststück sein, die sogenannte Etikette leidlich zu bewahren, hat gerade eine gewisse demokratische Eitelkeit, der man gewiß nicht blos bei Franzosen be- gegnet, sich an dem Gedanken erquickt: Seht, wie unser Felix mit Leuten umgeht, die„auf der Menschheit Höhen geboren sind". Die selbstgefällige Schwäche verflog, und in nichts verbiß sich der zähe Witz bei der öffentlichen Erscheinung Fanre's so zähe, als gerade darein, wo man vordem schwärmte. Faure wurde der Schönmann mit dem wohlfrisirten Wachspuppenkopf. Man höhnte über seinen Zylinderhut ivie über den Faltenbug an seiner Hose. Sati- rikcr und Chronikenschreiber wurden unerschöpflich, wenn sie ans das Thenia von Faure, dem„Elegant", kamen. Es war wie verdoppelte Selbstpcrfiflage an der Schwärmerei, in der man zuvor im schönen Felix den Mann sah, von dem für Frankreichs Machtstellung eine neue Energie zu erwarten sei. Ein soldattscher Schönmann, Herr Boulanger trüben Angedenkens,- hatte ähnliche Urtheilswandlungen zu erfahren. 2■— � Während ernste, schwere Sorgen an die französische Nation heran- treten, kann man bei uns kannegießernde Spießbürger genug hören, die auf französische Ereignisse Ivie etwa auf irgend einen ulkigen Sport Hinblicken. Ginge es nach ihnen, es würde ihnen je töller, je bester Spaß machen. Kaum war die Nachricht vom Tode des Präsidenten eingettoffen, und die Kannegießerei ging flott an. In einem Thcil unserer wohlgesättigten Bürgerschafbschcint die Enipfin- dung hierfür völlig geschwunden zu sein, daß man in unserer Welt nicht isolirt leben könne und daß jede Aktton im Hause des Nachbars im eigenen Haus zugleich fühlbar sei. Wenn es drunter und drüber ginge, so stellen sich diese Leutchen das vor, dann könnte man mit ruhiger Schadenfreude so zuhören, wie man vielleicht zuhorcht, wenn im Nachbarflnr eine laute Familienszene sich ereignet. Wäre das nicht Stumpfsinn, der sich der Tragweite gewisser Ereignisse nicht bcwilßt wird, num möchte über die protzenhaste Ucberhcbnng staunen, die in derlei Acnßerungcn sich kundthnt. Als ob fremdes Bolksdasein uns nicht bekümmert, als ob es ein Spielball wäre, uns zur Ergötzlichkeit. Mit dem gefestigten Selbstverttanen, das da ausruft,„komme, was da wolle, ich bleibe aufrecht l" hat dieses renommistische Selbstgenügen nichts zu schaffen. Es ist nützlich, in öffentlichen Verhandlungen nicht selten daran erinnert zu werden, wie sehr dies Selbstvertrauen und die Wirklich- keit nicht übercinstinmien. Wäre das Selbstvertrauen stark vor- Händen, warum dann all die Erregung über fremde Volkssplitter im machtvollen Deutschland? Müßte man dann Reichstags-Debatten haben, bei denen die Reichsvertreter feindlich sich entfenicn und schweigen? Wie wären einzelne Nrthcile, wie das cniente Geschrei der Stumm und Genossen zu erklären? Warum die Unruhe und Heftigkeit ans der Rechten im Parlament, wenn de» bittereu Empfindungen von Hnndcrttauscndcn bitterer Ausdruck gegeben wird? Wären die Herrschaften ihrer Sache innerlich gewiß, sie würden doch im KraftbeNmßtsciii die Kritik besser vertragen und auch dem gehässigen Vorwurf gleichmiithiger begegnen. Statt dessen braust die Versammlung auf: Zur Ordnung I zur Ordnung! wenn irgend ein temperamentvoller Sprecher temperamentvoll au einem inneren Schaden im öffentliche» Dasein Zensur übt. Der amtliche Zensor, das ist ganz was Anderes. Der kann nicht Machtfälle genug erhalten. Welche Gewissenslast ruht aber auf ihm I Wenn mau erwägt, wofür er zu sorgen hat. Von den Marken NordschlcswigS an bis tief an die Elbe hin muß er dar- über wachen, daß die Blätter sich keiner aufreizenden Sprache bc- fleißigen. Welche Sittengcfahr für Deutschland, wenn er in einem Kalender eine Novelle Maupassant's oder die Zügellosigkeiten von Witzblättern durchschlüpfen ließe. Die deutscheu Witzblätter von heute und zügellos I Vielleicht' hätte Maupassant's Studie Gnade vor dem Zensor gefunden, wenn es sich nicht um einen Arbciterkalender gehandelt hätte. Denn Maupassant ist ein literarischer Name. und nur ein ganz schneidiger Säbclraßlcr könnte ausrufen: Mir ganz egal. Ist doch ein Schmierfink. Aber wie man Arbeiter, wenn sie sich ver- gehen, strenge züchtigt, so bewahrt man sie um so zärtlicher davor, daß ihr Sitteuheil durch frivole Schriftsteller nicht gefährdet werde. Der Abgeordnete Barth kam jüngst iin Landtag ans die Theater- zensnr und einzelne ihrer kostbarsten Stncklein ans den beiden letzten Jahren zu sprechen. Selbst der grimmig ernsthafte v. d. Recke fing leise zu ichmuuzcln an, als im Parlament, wo man sich sonst mit solchen Lappalien, wie mit künstlerischer Freiheit abgiebt, Sächelchen zitirt wurden, über die man in aller Welt schon lachte. So, wenn der Zensor im Cyrauo von Bcrgcrac so feinfühlig war. die Ruhe der Ehemänner durch leichtfertige gaskognische Kadetten nicht stören zu lassen. Nicht einmal erwähnt werden sollte es, daß Ehemänner bisweilen in ihrer Ruhe belästigt werden könnten. Oder daß nicht davon geredet werden dürfe, wie der kleine Teckel ein Klystier erhält. Der Miiiistcr selbst fand, daß der Zensor da wohl gar zu säuberlich zu Werk gegangen sei; aber, wandte er sich trinmphirend an Herrn Barth, widerführe Ihnen, als Zensor, nichts Mcnschliches? Herr Barth indessen hat vcrmuthlich nicht den geringsten Ehrgeiz. Zensor zu werden, wenngleich der Minister sich auf den Onkel Gottschall. den Hostath in Leipzig beruft, der die Theaterzensur als Nothwendigkeit preise. Gottschall ist die richtige Autorität hierfür. Der Veraltete für die veraltete Einrichtung. Ihm scheint die Zensnr freilich nichts. In seinen Werken ist kein Athen, eines neuen Geistes zu verspüren. Worauf sollte der Zensor da Jagd machen? Auch ist Gottschall züchtig, wie es dem hohen Alter wohl ansteht. Zudem hat er mit der tumultuirenden Jugend Aergcr genug gehabt. Sie wollte den Litcraturpapst des„Leipziger Tageblattes" durchaus nicht anerkennen. Nun fitzt Herr v. Gottschall da. Die schönsten Jamben-Dranien hat er mit epigonenhafter Geflissenheit geschrieben; nicht eiunial die Hof- Theater kümmerten fich darum. Wenn man dergestalt seinen Ruhm überlebt hat, so kann man sich der Anerkennung eines Ministers oder eines Banketts zn irgend einer Geburtstagsfeier um so mehr erfreuen. So hat mau denn in diesen Tagen zu Frankfurt den achtzigjährigen deutschen Recken, den Nachdichter der Nibelungen und Marineschwärmer von 1843 gefeiert. Auch seine Zeit ist um; auch er ist im Wesen cpigonisch geblieben, trotz seiner Sprach- und Redekunst und trotz seiner optimistischen Gedankendichttmg von Deminrgos. Wo er, wie in seinen deutschen Hieben, gegen die moderne Eutwickelung aus seiner Teutschthümelei heraus Rcclenschläge anszuihcilen glaubte, da lächelten die Anderen, und von fern erblickten sie im Mienenspiel des aufgeregten, tapferen Fechters einen Schimnier von Donquixoterie.— Alpha. Kleines FeuMekon. ie.� Ucber die Siijtjic der schiffbaren Waffcrstrasze» im europäischen Nnssland vcröffentlichl die«lisvuo cis eine genaue Zusanunenstellung. Die Gcsainintlänge der Flüsse und Kanäle beträgt danach iii� jenem Lande 108 154 Kilometer, wovon 73 923 Kilometer für Schiffe und der übrige Theil nur für Flosse fahr- bar sind. Die Kanäle haben eine Gesammtlänge vo» 798 Kilometer, die kanalisirtcn Flüsse eine solche von 1017Kilomcrcr. Beinahe die Hälfte der schiffbaren Wasserwege entfällt allein auf das Stronigebict der Wolga. Die Zeitdauer für die Schifffahrt ist natürlich nach der geographischen Lage verschieden: für die Rciva und den Ladoga- über den Onega-See wird sie auf 158— 220 Tage angegeben. für den Nseineii auf 221—240 Tage. für die westliche Dwina ans 213 bis 244 Tage. für die nördliche Dwina auf nur 150— 100 Tage. Während der letzten fünf Jahre sind vom Staate nahezu 120 Niill. Mark für Verbesserung der schiffbaren Wasserwege ausgegeben worden.— — Ter amerikanische..Fleischtrust". Die grossen amerikanischen SchlachthauSsi rmen Arm mir, Nelson, Morris, Swisft und die Hainmond Pöcking Co. haben den amerikanischen Fleischmarkt mono- polisirt. Man bezeichnet diese Häuser häufig mit dein Namen„Der Fleischtrust", obwohl sie in keinem direkten Znsammenhang stehen. Aber sie vertragen sich, machen einander leine Konkurrenz und hau- deln in stillschweigendem Einverständnis.• Sie stehen sich besser so. Wie sie den Flcischmarkt kontrollircn, beherrschen sie den Handel in Schlachtvieh. Sie bcstimiucu die Fleischpreise und diktircn den Bieh- züchtcrn die Bedingungen. Sic beherrschen den Markt in frischem Fleisch, ebenso wie den Verkauf deS Fleisches in Blechbüchsen-, sie bestimme» de» Rabatt, den die Bahnen, welche sie benützen, ihnen für ihre Fleisch« tranSporte zu bewillige» haben. Die amerikanische Fleischindustrie hat durch die Chicagoer Schlachthaus-Firnrcn eine vollständige Waird- luiig erfahren. Die Fleischer sind einfach Fleischhändler geworden, und von der atlantischen Küste bis zum Pacific gelten die Preise, die in Chicago gemacht werden. Händler, die sich diesem Chicagocr Monopol zu widersetzen wagte», wurden rasch erdrückt; durch ihre kolossalen Mittel, durch den rationellen Betrieb und durch systema- tische Ausnützung aller Abfälle können die großen Schlachthäuser ihr Fleisch billiger liefern, als die einzelnen Fleischhändler. Die genannten Häuser liefern das Fleisch für die meisten europäischen Armeen. Der englische Soldat im Nilfeldzuge, die japancsischcn und chinesischen Krieger im letzten Kriege dieser Voller, die Vereinigte Staaten- Armee nicht minder, wie die spanische im letzten Kriege, der deutsche, französische und russische Soldar iu den Kasernen essen vielfach, manchmal über- wiegend. Fleisch aus Chicago. Im letzten Jahre betrugen die Sendungen von Fleisch in Blechbüchse» von Chikago aus 023,027,722 Pfund und von frischem Fleisch 1,000,859,808 Pfd. Dazu kommen bei 15 Millionen Rindcrviertcl: über 2'/ä Millimicit Rinder kamen in dein genannten Jahre in Chicago au und wurden geschlachtet. Die Ziffern des jährlichen Geschäftsbetriebes dieser Häuser sind enormc; dieselben haben in den letzte» fünf Jahren zwischen 000 und 800 Millionen geschwankt; das Gcsammtgeschäft des letzten Jahreö wird mit 1000 Mill. Dollars angegeben.— Musik. A ii 3 der Woche. An der Frage, wie eine wahrhaft Volks- thiiinlichc oder speziell eine den Bedürfnissen der Arbeiterklassen engeren Sinnes entsprechende Mnsikvflege anzulegen wäre, werden wir uns wohl noch lange die Zähne ansbeißen. Geschehen ist in dieser Hinsicht bisher blutwenig, in Berlin vielleicht am aller- wenigsten. Ter springende Punkt wird nicht etwa in der Wahl tendenziöser Lieder liegen, sondern darin, das-, an die Stelle des Unechten in iniscrcm Mnsiktreiben Echtes, des Geküiiftelteii Natürliches, des Verunreinigens der Kunst durch fremdartige oder einseitige Interessen das rein Künstlerische, an Stelle virtuoser llebertrcibnngcn des Fachmäßigen eine Verständlich- keit für weite Kreise, zugleich aber auch an Stelle deS Unverständnisses dieser eine vernünftige Kiinstbildung, und — als ein Hauptmittel für all das— an Stelle des Durch- einandennischens vieler Darbietungen eine größere Einheitlichkeit, sowie an Stelle des Heransreißens künstlerischer Leistungen ans dem sie tragenden Ganzen ein Zurückführen zu ihrem ncitürlicheu Boden trete. Herr Kapellmeister Carl Zimmer könnte mit seinen „Sinfonie-Koiizerten" im.Deutschen Hof" wohl noch am ehesten ans diesem Wege sein: allein entweder sind ihm zu sehr die Hände gebunden, oder es ist auch ihm das Wesen einer Papula- rifiruug der Tonkimst noch nicht aufgegangen, oder eS ist beides der Fall. Seine»„Becthoven-Sinfonic-Zhklus", der am 21. d. M. bei der 8. Sinfonie angelangt sein wird, hatten wir bereits(am 30. Oktober v. I.) mit Freuden begrüßt. Das Konzert vom 10. d. M., das wir probeweise anhörten, hatte kein besseres Programm als etwa die„populären Philharmonischen"', das Orchester ist noch sehr— sagen wir: jung; der Dirigent könnte die Blechbläser mehr zurück- halten, brauchte den Mittelsatz des Presto in der 7. Sinfonie nicht so verschleppen, und dergleichen mehr; aber in seinem Dirigircn liegt viel Temperament, Bestimmtheit und Natürlichkeit. Und wer ist schuld daran, daß das vom Borstand dieses Orchesters an den Magistrat gerichtete Bittgesuch um Einrichtung eines städtischen Or- chesiers—'unseres Wissens— gar keinen Erfolg hatte? Wo bleibt und was ist die Antwort des Magistrats? Einstweilen bieten für das oben angedeutete Ideal einer Volks- thümlichen Musilpflege noch den annehmbarsten Ersatz, charaktcristi- scher Weise, die allwöchentlichen tinentgeltlicheu Orgelkonzerte. Neulich hörten wir eines von denen, die Mittwoch Mittags in der Maricnlirche stattfinden. Die Seele dieser Konzerte ist Musikdirektor Otto Dieuel; er war auch anscheinend die treibende Kraft für die Herstellung der dortigen, werthvolleu Orgel. Was wir diesmal von seinen Gesangs- und Orgcl-Kompositioncn hörten, zeugte von einem fciiisimiigcn, sehr melodiösen Schaffen, das von moderner Komplizirtheit ziemlich entfernt bleibt. Nach dem Eingangs Gesagten kommt es für volksthiimliche Wirkung der Knust immer wieder mehr auf echte und reine Kunst als etwa ans die Gattung der Musik an. Es mußte nicht eben eine überfeinerte Liixiisgcsellschaft sein, die nenlicki in der Singakademie o lange tobte, bis der Cellist David Popper endlich seine dritte Zugabe losließ, eine Wiederholung seines„Spani- schcn Tanzes". Seit Jahrzehnten nimmt er, vor allem, de» Rang eines ausgezeichneten Musikers im engsten Sinne ein— wofür auch der wifienschaftliche Nachweis nicht fehlt— und gilt als der wohl bcdcittciidste Künstler ans dem Violoncell. Als seinen speziellste» Vorzug möchte ich seine Fähigkeit rühmen, mit dem geringsten Aufwand von Mitteln und mit einem luibcdingten Abichen von allen Nebenintereffen zu wirken. So liegt ihm nichts crner, als das„Dick Auftragen"; sein Ton ist das Aeußerste an Verbindung von Zartheit und Fülle. Auch seine Kompositionen, von denen ich allerdings nur erst zu kleineren znrccht kam, dürften über das Niveau von Virttiosenstückchen hinausreichen. Daß Herr Popper bald wiederkomme, wünschen wir insbesondere angesichts'des alltäglichen Durchschnitts unserer Ronzertgeber. Unter den Klavierspielern dieser Woche hätte Sergius v. Barteneff, der die Fähigkeit deS musikalischen Prägens— wenn wirsosagen dürfen— in ziemlichem Maß besitzt, obschon er hinwidcr tmrch das Bestreben, viel Klang hervorzubringen, manches verwischt, mehr Zulauf verdient. Daß K a t i c G o o d s o n in Riozart's„Türkischem Marsch" stecken blieb, war nicht eine jener„Schicksalstücken", über die der Be- nrthcilcr hinwegsehen soll, sondern vielmehr als eine„Strafe des Schicksals" für ihr Herunterreißen dieser eine ganz andere Kunst erfordernden Piöcc, das um so bedauerlicher lvar, als die Spielerin sonst auf guten Wegen ist. Eine iiatiirgemäßere Musikpflege steckt auch in dem eigens für die Vcrttetiing' eines modernen Komponisten arbeitenden„Hugo Wolf- Verein" und in den Liedern seines Schützlings. Wir hörten das dritte Abonnements-Konzcrt, mit lauter Kompositionen von Hugo Wolf, darmitcr mchrercn bislang unbekannten. Auch in ihnen waltet Echtes und Natürliches: sie streben weniger als andere moderne nach Extra-Kiinststticken, sind auch einigermaßen melodiös und bleiben doch immer bei der gegenwärtigen Hauptforderung an die Licdcrkniist: bei dem innigen Hincinschmiegen der Musik in den Geist deS Texte?(nicht in seinen Buchstaben). Herr Pank Müller als Klavierspieler und Frl. Hertha Ritter als Sängerin— die Tochter eines Meisters der musikalischen Lyrik, von dem aus sie zu Hugo Wolf ein irrtcressantcs Bindeglied bildet— sind anscheinend die„Stiitzcn" des Vereins. Die sympathische Altstimme vo» Therese Vehr bedarf nicht erst einer besonderen Rührnung. Der ebenfalls recht sympathische halbe Alt von Elly Schellenberg ist es Werth, daß der Dame eine gründliche Verbesscrimg ihres Singens gewünscht werden kann. Wer sich über die typischen Verhältnisse in diesen Dingen orientircu will, wird von den zwei folgenden der„Drei gesangspädagogischen Vorträge" von Schultze-Strelitz jedenfalls Gewinn haben. 62, Erziehung und Unterricht. — Die für die H a n d e l s h o ch f ch n l e z n L e i p z i g vom sächsisKen Ministerium des Inner» erlaffene Prüfungsordnung ist soeben veröffentlicht worden. Die wesentlichen Bestimmungen der- selben find folgende: Am Schluffe jedes Semesters werden von Oster» 1900 an unter dem Vorsitz eines Kommissars Prüfungen vor einer Prüfnngskommisffon abgehalten. Die Prüfungen sind zweierlei Art: 1. für K aufleut« zur Erlangung eines Diploms, 2. für Handelslehramtskandidaten zum Nachweise der Lehr- befähignng an Handelsschulen. Beide Prüfungen sind öffentlich. Vorgeschriebene Prüfungsgegcnstände sind für beide Prüfungen: Höheres kaufmännisches Rechnen, Buchhaltung, deutsche Handelskorrespondenz und Kontorarbeiten. Volkswirthschnfts- lehre, Finanzwisienschaft, Grundzüge der Handelsgeschichte und Wirthschaftsgeographic, Handels- und Wechselrecht. Prüflings- gegenstände nach Wahl sind die anderen an der Handelshochschule gelehrten Fächer, z. B. Handelskorrespondenz in fremden Sprachen, Technologie u. s. w. Die Prüfung besteht ans schriftlichen Arbeiten unter Klausur und einer mündlichen Prüfung. Bei der Lehramts- Prüfung kommt noch eine größere häusliche Arbeit und eine größere häusliche Probelektion an der öffentlichen Handelslehranstalt mit sich anschließender iniiiidlichcr Prüfung über didaktische und pädagogische Stoffe hinzu. Außerdem haben' die Lehramtskandidaten nach der Art ihrer Vorbildung noch kleinere Prüfungen als Nachweis ihrer allgenicinen Bildung zu bestehen und müssen sich an den kaufmännischen Uebnugen der Handelshochschule betheiligt haben.— Völkerkunde. — JrdencS Geschirr, ein Topf und ein Dreifuß, von dm Kr« mir aus Algier, wurde von Duinont der anthropologischen Material: 115 Lasten, enthaltend 1310 kl Holz und 1219 kl Kupfer- Platten, die von 4V TrägernZzu transportiren sind.— » �- lSrkf. Ztg.) Technisches. — Milch in Pulverform. Nach der„Revue intern." besteht ein neues Verfahren zur Darstellung kondensirter Milch in Pulverform, bei Anwendung einer niedrigen Temperatur zur Ver- hütung einer Zersetzung der Albuminoide ünd Schmelzung der Fett- kiigclcheii, im Nachstehenden: Zur Entfernung des Wassers läßt man die Milch gefrieren, wobei zur Jsolirung der Eiskrhstalle die Masse bewegt, dann nnttelst Zentrifuge die Milch abgeschieden wird. Dieser Vorgang wird wiederholt, bis das Produkt 80—95 pCt. feste Be- standtheile enthält. Man sterilisirt dasselbe durch erhebliche Teinperatur-Ermedrigung, konzentrirt dann die gefrorene Milch im luftleeren Raum bei einer Temperatur von 38 Grad. In den lust- leeren Raum leitet man 5lohle»säure zur Verhinderung der Oxydation und giesit die halbfeste Masse in Formen! die so er- haltenen Blocke zerhackt man, trocknet dieselben bei 38 Grad in einer Kohlensäure-Attnosphare, kühlt auf 0 Grad ab und pulvert bei dieser Temperatur.— Humoristisches. — Auf der Vicinalbahn. Reisender:„Warinn geht denn die Stationsuhr um 2 Stunden zu spät?" Stativ irsdiener:»Damit die Züge fahrplanmähig ab- gehen!"— — Emanzipirt. Radfahrerin szn ihrer Freundin): „Denk' nur, Lcne Müller tvill absolut nicht Radfahren lernen: sie sagt, ihr sei am wohlsteu, wenn sie sich im Haushalt beschäftigen könne!" Freundin:„Ach Gott, die verdrehte Person war ja immer scholl so emanzipirt."— — W i e die Alten s u n g e n zc. Schauspieler(zu seinem Sohn):„Sei heute recht brav, Siegfried, dann bekonunst Du von mir morgen drei gute Bonbons Junge:„Willst Du mir nicht einen davon als Vorschuß gebe», Papa?"—(„Flieg. Bl.") Gesellschaft zu Paris vorgelegt, das sowohl i» Bezug auf die Zu- sammcusetzuug wie auf die Formen durchaus mit dein Geschirr der n e o l i t h i s ch e n Periode übercinstinnnt. Dasselbe besteht nämlich aus einer oberen Schicht rothen Thoncs voir— l mm Dicke und einer inneren Schicht schivarzcn Thones, in dem mit bloßem Auge Kohlenstückc, Kies und Sandkörner sichtbar sind. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man zu der Ansicht gelangen, daß die äußere und die innere Schicht aus zwei verschicdeueir Substanzen be- stehe, das Gegciltheil wird aber sofort bewiesen, lvenn man ein Stückchen der schlvarzen Silbstanz ausglüht. Dieselbe wird dann ebenso roth lvic die äußere Schicht. Das Geschirr ist also nicht ge- nügend stark gebrannt worden, um eine gleichmäßig rothe Farbe zu zeigen. Die Kohle, die in dem Thon enthalten ist, ist demselben mlil nicht etwa bereits als Kohle zugesetzt lvorden, sondern im Zu- stände vegetabilischer Ueberrcstc, die während des Brandes zu Kohle wurden. Man ersieht dies daraus, daß die vegetabilischen Theilchen während des Brandes einen Theil ihres Umfnngcs eingebüßt haben, was wiederum der Gruud für die große Porosität dieses irdenen Geschirres ist. Ein Stück dieser Äohlentheilchen von»nehreren Millimetern Stärke ist von O. Lignier, Professor der Botanik in Caen, als von Taxusholz hcrriihrend erkannt worden. Man weiß nun, daß, je reiner ein Thon ist, um so schwieriger ein Brennen desselben ist und daß ein unr so längeres Trocknen demselben vorhergehen muß. Reine Thoue sind aber für die Töpferei halbwilder Völker unbrauchbar, sie ziehcir möglichst unreine Thone vor, die sie brennen können, ohne daß sie reißen. Solche Thone kommen in sumpfigem Gelände vor. Gleicher Art müsse» nach Ansicht von Dumont auch die Thone gewesen sein, deren sich die Völker der neolithischen Zeit zur Herstellung ihrer Topfwaaren bedieoten, denn sie hatten weder Zeit noch Geduld noch die Gelegenheit, ein lang- wieriges Trocknen der angefertigten Geräthe dem Brennen voraus- gehe» zu lassen.(„Globus".) G es»ndheitsp flege/ — Die Brenn nessel als Heilmittel bei Blut- a r m n t h(Aiuimie) empfiehlt nach eigenen Beobachtungen neuer- dings ein schwedischer Arzt Dr. Hjalmar Agner. Die Brcnunesscl bildet von jeher iir Schweden ein sehr beliebtes und allgemein ver- breitetes Heilmittel gegen Blutarnmth. Angewandt wird Haupt- sächlich die gewöhnliche Brennnestel(Urtica, dioica), aber auch eine Abart derselben, die Urtica rircirs, besitzt die gleichen Eigenschaften. Aus den am beste» im Frühjahr gesammelten Wurzeln und Stengeln mit halberschlosseneu Blättern»vird in frischein Zustande eine Suppe, in gettocknetem ein Aufguß, eine Hand voll auf V* Liter Wasser, bereitet und alle 1—2 Tage mehrere Tassen davon genoinmen. Aguer selbst giebt an, daß er verschiedene Male unzweifelhafte Er- folge»lach Anwendung der Brenunessel gesehen habe. Jedenfalls verdienen seine Beobachtungen Aufmerksamkeit,»uusoinehr, als das »»»schädliche Mittel demnächst Jedermann zur Hand sein»vird,»urd wegen seiner llnschädlichleit eine Probe damit schon gewagt werden lau».— Ans den» Thierleben. u. A u s d a u e r e i n e s H u n d e s. I. Theodor Beut erzählt bei der Schilderung einer kleinen Forschungsreise an dem Westufer des Rothen Meeres und den» Berg Erda folgende Episode: Hier verloren»vir unseren kleineu Hund, der allenthalben»nitgeivandert war, und nach vergeblichem Suchen gaben>vir es auf, das Thier »viederzufinden. Der kluge Hund war jedoch, wir wissen nicht, wie, auf seiner Fährte in fünf Tagen»ach Mohammed Gol zurück- gegangen, ohne Futter,»uit sehr wenig Wasser, durch die Wüsten- wege, auf den Wegen, auf denen»vir gekommen»varen, eine Entfernung von über 120 Meilen. Der Hund ging bei seiner Ankunft gerade!» Weges dem Hafendamm zu, schwainn» zum Schiff und wurde von unseren arabische» Schiffsleuten mehr todt als lebendig an Bord gezogen. Nachdem er hier zwei Tage lang geruht und ge- fresse» hatte, sprang das Thier»viederum ins Wasser und machte sich»ach den Bergen auf. um nochmals drei Tage laug nach uns zu suchen. Als dies vergeblich»var, kehrte es noch einmal»rm und be- gab sich»vieder ztim Schiff, das er schließlich noch einen Tag vor unserer Ankunft daselbst erreichte, so daß er, als»vir endlich dort anlangten, uns»nit»vildfreudigen Begrüßungen enipfangen konnte.— Meteorologisches. — Das neue Observatorium auf den» Moni- b l a n e. Aus Genf»vird berichtet: Nachdem I. Vallot, der Leiter der Wetterstation auf dein Montblanc, eine Zeit lang versucht hatte, durch eine alljährliche gründliche Aufräumung gegen die beständig wachsende Einschneiung des alten Obscrvatoriniiis anzukämpfen, hat er sich nunmehr entschlossen, diesen Bau nach einer andern Stelle zn verlegen. Er hat als Baugrund eiilcn in der Nähe gelegenen Felsen geivählt. Die Konstruktion ist»nit Hilfe von Eiseiidrähteu, die sie u» den Stand setzen, den» Wind zu ividerstchen, in den Felsen eiir- gelassen. Sie hat lvie die alte doppelte Wandung und ist voll- ständig»nit tkupferplatten bedeckt. Das neue Observatorium mißt 10 Meter Länge, 6 Meter Breite und 5 Meter Höhe. Rings herrnn läuft eine Gailerie von 1 Meter Breite: auf jeder Seite befindet sich ein Erdaufwurf, um die Beobachtungen in freier Luft zu er- möglichen. Die Instandsetzung des neuen Observatoriruns erfordert den Transport einer verhältniß, näßig geringe».Menge von Bau- Notizen. — Die Sch lesische Gesellschaft für Volkskunde hat am 12. Februar eine Aufführung s ch l e s i s ch e r Weih- n a ch t s s p i c l e in möglichst getreuer, den bolksthiimlichen Charakter wahrender Wiedergabe veranstaltet.— — Die zweite Ausstellung des Verbandes deutscher Illustratoren»vird im Anschluß an die Große Berliner K u u st a u s st e l l u i» g von» 7. Mai bis 17. September stattfinden. Die Bedingungen sind iin Allgemeinen dieselben lvie im Vorjahre: jedoch ist das Gesannntergcbniß der AuSivahl der Jury der Große»» Kunstausstellung zu unterbreiten.— — Der Verein bildender Künstler Dresdens (Sezession) hat der Berliner Sezession den Beschluß mit- gcthcilt, daß er im Einvernehmen mit ihr die diesjährige große Kunstausstellung in B e r l i u nicht beschicken»verde.— — Die F r ü h j a h r S- A u s st e I l u i» g des Vereins bildender Künstler Münchens„Sezession" ist am 15. Februar er- öffnet worden.— — Es scheint, daß die llcbersicdcluug der drei bedeutendsten Karlsruher Maler Graf 5i a I ck r c u th. Pötzelberger und G r e t h e nach Stuttgart in der Absicht vorgenommen ist, die F ü h r c r r o l l e. die Karlsruhe bisher im Knustlebeir Süd- dcutschlands gespielt hat. auf die sch iväbische Hauptstadt zu übertragen. Nahezu drei Viertel aller Studi- r enden in 5karlsruhc sollen die Absicht haben, ihren Lehrern nach Stuttgart zu folgen.— — Ein internationaler Kongreß für den körn- m erz i eilen Unterricht»vird vom' 4. bis 8. Mai d. I. in Venedig tagen.— ar. Die Berliner Physikalische Gesellschaft hat sich zu einer allgemeinen deutschen e r»v e i t c r t. Eins der größten Verdienste, das sich die 1845 begründete Gesell- schaft erivarb. ist die Herausgabe der„Fortschritte der Physik", die gegenlvärtig von den Professoren Börn- st e i n und A ß»» a u n rcdigirt»verde».— — Der Oberst a. D. Heinrich Hart! ist zum ordentlichen Professor der Geodäsie an der Wiener Universität ernannt lvorden. Er»var bis zum vorigen Jahre Leiter der geodätischen Gruppe des österreichischei» militär- geographischen Instituts,»velchcr auch die Trianguliruugs-»»»»d Nivellements- Ab- thcilungcn nnterstehcu.— — Der bekannte Chef-Ingenieur und Elektriker W. H. P r e e c e am Londoner P o st a»n t tritt, nachdem er am 15. Februar 05 Jahre alt geworden, von seinen» Posten zurück.— — Die Bürger von Glasgoiv, ohne Unterschied der Partei, haben auf einer großen Versammlung beschlossen, G l a d st o n e ein Denkmal zu errichten. Schon auf dein Meeting»vurden 20000 Mark gesammelt.— Verantioortlicher Redallcuri Auglist Jacobetz w Berlw. Druck und Bcrlaz von Max Babing in Derltn.