Hlnterhaltuiigsblatt des Jorwürts Nr. 37. Dienstag, den 21. Febrnar. 1899 (Nachdruck verboten.) Der lehke Msg vines Vevurkheilten. 1<>z Von Victor Hugo. Aus dem Französischen von Paul Linsemann. XXVI. Es ist zehn Uhr. Oh, mein armes Töchterchen! Noch sechs Stunden und ich lebe nicht niehr l Ich bin dann ein Untersuchungsobjekt für die kalte Tafel des anatomischen Hörsaals. Auf einer Seite fonnt man den Kopf ab, auf der anderen Seite zergliedert man den Rumpf. Die Ueberreste wüst man in den Sarg und fort geht es nach Clamart.. Das werden sie aus deinem Vater machen, diese Menschen, von denen keiner mich haßt, die alle mich beklagen und niich retten könnten. Sie werden mich tödten. Verstehst du das, Marie? Mich kaltblütig unter Zeremonien tödten, um der Gerechtigkeit willen. Arme Kleine I Deinen Vater werden sie tödten, der dich so sehr liebte, der deinen süßen, weißen, kleinen Hals küßte, der so oft in deinen seidenweichen Locken spielte, der dein hübsches rundes Gefichtchen zwischen seinen Händen hielt, der dich auf seinen Knien reiten ließ und der des Abends deine Patschhändchen zusammenlegte, damit du beten solltest. Wer wird nun das Alles mit dir thun? Wer wird dich lieben? Alle Kinder in deinem Alter haben noch einen Vater, nur du nicht. Wie wirst du dich der Feier des Namenstages, der Neujahrsgeschenkc, der schönen Spielsachen, der Bonbous und der Küsse entivöhnen, mein Liebling?— Wie wirst du dich der Speise und des Trankes entivöhnen, arme Waise? Ja, wenn die Geschworenen wenigstens meine hübsche kleine Marie gesehen hätten, so würden sie eingesehen haben, daß man nicht den Vater eines dreijährigen Kindes tödten darf. Und wenn sie herangewachsen ist(vorausgesetzt, daß sie so lauge lebt), was soll dann aus ihr werden? Ihr Vater lebt noch in der Erinnerung von ganz Paris. Sie wird über mich und den Familiennamen erröthen. Sie wird verachtet und verstoßen werden, meinetwegen geringgeschätzt, meinetwegen, der sie mit allen Fibern seines Herzens liebt. Oh, meine kleine einzig geliebte Marie! Ist es wahr, daß Du Dich meiner schämen und mich verabscheuen mußt? Ich Unglücklicher l Welches Verbrechen habe ich begangen und zu welch einem Verbrechen gebe ich der Gesellschaft Anlaß! Oh, ist es wahr, daß ich noch vor dem Ende dieses Tages sterben muß? Wirklich? Das dunchsc Getöse, das ich von draußen vernehme, die ausgelassene Menge, die sich schon auf den Quais drängt, die Gendarmen, die sich in ihren Kasernen bereit machen, der Priester in schwarzer Robe, der Mann mit den blutigen Händen— das Alles gilt mir? Ich soll sterben! Ich, der nämliche, der hier sitzt, lebt, sich bewegt, athmet, seinen Platz an diesem Tische hat, der wie ein anderer Tisch aussieht und ganz gut wo anders stehen könnte; kurz, ich, dieses Ich, das ich berühre und fiihle und dessen Anzug die Falten macht, die ich hier sehe! XXVII. Wenn ich doch nur wüßte, wie es ist und wie man dort stirbt. Aber, es ist schrecklich— ich weiß es nicht. Der Name des Dinges ist entsetzlich, und ich begreife nicht, wie ich ihn bis jetzt habe niederschreiben und aussprechen können. Die Znsammensetzung dieser zehn Buchstaben, ihr An- blick, ihre Physiognomie ist ganz dazu angethan. um eine furchtbare Vorstellung zu erwecken, und der unheilvolle Arzt, der das Ding erfunden, hatte einen prädestinirten Namen. Das Bild, das ich mit dem gräßlichen Wort verbinde, ist undeutlich und unbestimmt, aber gerade deshalb um so unHeim- licher. Jede Silbe ist gleichsam ein Stück der Maschine. Ich baue aus den Silben unaufhörlich die Maschine— und reiße sie dann wieder ein. Ich wage es nicht, mich danach zu erkundigen und doch ist es fürchterlich, nicht zu wissen, wie es ist und wie man sich zu benehmen hat. Soviel ich weiß, ist ein bewegliches Brett dabei. Auch wird man auf den Bauch gelegt...— Meine Haare werden erbleichen, ehe mein Haupt fällt! XXVIII. Einmal habe ich sie jedoch schon gesehen. Ich fuhr eines Tages gegen elf Uhr Vormittags über den Gröveplatz. Plötzlich hielt der Wagen. Ich steckte den Kopf zur Wagenthür hinaus. Eine Menschenmenge hatte sich auf dem Grsveplatz und dem Quai angesammelt. Weiber, Männer und Kinder standen am Ge- länder. Ueber den Köpfen sah man ein Gerüst aus rothem Holz, das von drei Männern aufgerichtet wurde. Ein Verurtheilter sollte noch am selben Tage hingerichtet werden, und für ihn baute man die Maschine auf. Ich wandte den Kopf zur Seite, ehe ich hingesehen hatte. Neben meinem Wagen stand eine Frau, die zu einem Kinde sagte: „Siehst Du! Das Messer fällt nicht gut. Sie werden die Rinne mit Talg einschmieren." Damit sind sie wahrscheinlich auch heute beschäftigt. ES schlägt elf Uhr. Sie schmieren ohne Zweifel die Rinne ein. Diesmal kann ich den Kopf nicht zur Seite wenden. Ach, ich Unglücklicherl XXIX. O Begnadigung! Begnadigung! Vielleicht wird man mich begnadigen. Was sollte auch der König gegen mich haben! Man hole einen Vertheidiger her, aber schnell I sJch will gern ins Zuchthaus. Fünf Jahre— ja selbst zwanzig Jahre— sogar lebenslänglich mit der Vrandmarkung, aber schenkt mir das Leben! Ein Sträfling kann doch umhergehen, er sieht die Somre! XXX. Der Priester ist wieder bei mir. Er hat weiße Haare, sieht sehr milde aus und macht einen ehrwürdigen Eindruck. In der That ein vortrefflicher und mildthätiger Mann. Heute früh bemerkte ich. wie er seine Börse in die Hände der Gefangenen leerte. Woher kommt eS, daß seine Stimme weder bewegt noch erregt ist? Woher konimt es, daß er zu mir noch nichts geredet hat, was meinem Geiste oder meinem Herzen zugesagt hätte? Heute früh war ich zerstreut. Ich hörte kaum, was er mir sagte. Denoch schienen mir seine Worte recht überflüssig. Sie machten nicht den geringsten Eindruck auf mich. Wie der naßkalte Regen draußen, so glitten sie an mir ab. Aber als er eben in meine Zelle trat, that mir sein Anblick sehr wohl. Unter all diesen Menschen ist er der einzige, der noch so etwas Menschliches für mich übrig hat, sagte ich mir. Und ich dürstete nach guten und tröstenden Worten. Wir setzten uns. Er auf den Stuhl, ich auf das Bett. Er begann:„Mein Sohn.. Dies Wort öffnete mein Herz. Daun fuhr er fort: „Mein Sohn, glaubst Du an Gott?" „Ja, mein Vater." „Glaubst Du an die heilige, apostolische, römisch-katholische Kirche?" „Gewiß." „Du scheinst zu zweifeln, mein Sohn." Er sprach lange auf mich ein und machte viele Worte. Als er genug zu haben glaubte, erhob er sich und sah mich zum ersten Male seit Beginn seiner Rede genau an und fragte: „Nun?" Ich betheuerte, daß ich ihm zuerst mit Eifer, dann mit Aufmerksamkeit, hernach mit Ergebung zugehört hätte. Ich erhob mich gleichfalls. „Bitte, lassen Sie mich allein." „Wann soll ich wiederkommen?" „Ich werde es Jhucil sagen lassen." Daun ging er hinaus, ohne ein Wort zu sagen. Ab« er schüttelte doch den Kopf, als ob er bei sich sagte: „Ein Gottloser." Nein— ein Gottloser bin ich nicht. Aber was hat mir der Greis gesagt? Nichts Enchfundenes, das einen zur Selbst- einkehr führt, das einem Thränen entlockt, das einem die Seele erschüttert, das von Herz zu Herzen geht. Nichts Eigenes von ihm, das auf meine Lage Pakte.— Im Gegen- theil I Ich kann mir nichts Oberflächticheres und t�er- schwommencres vorstellen, das ans alles und für alle anwend- bar ist. Schwulst, wo Tiefe nöthig war. Seichte Worte, wo Schlichtheit am Platze war. Kurz, ein rührseliger Brei und frommes Geplärr. Hie und da ein lateinisches Zitat, vielleicht aus dem heiligen Augustinus, oder dem heiligen Gregorius. Mir kam es vor, als ob er eine Lektion aufsagte, die er schon zwanzig Mal hergeleiert, oder als ob er ein Thema noch- mals durchginge, das in seinem Gedächtnisz unverlöschlich eingetragen war. Nicht ein Blick in seinem Auge, nicht eine Betonung in seiner Stimme, nicht eine Bewegung mit seinen Händen. lFortsetzung folgt.) (Nackdru.l verboten.) Mebev tms Schiefw erden. „Fritz, sitz' nicht so krumm—"„Anna, wie schlecht Du Dich wieder hältst I Du mutzt ja schief werden!" So und ähnlich tönt's beständig ans dem Munde von Eltern und Erziehern der heran- wachsenden Generation entgegen. Wenn man als ungesehener Zeuge im Kreise einer grvtzeren Familie weilen könnte, so würden lanni fünfzehn Minuten vergehen, ohne datz»um derartige Ermahnungen zn hören bekäme. Es ist das nicht übertrieben, die Kinder werden entsetzlich damit gequält— beim Essen, in der Schule, beim Arbeiten, immer. Ob mit Grund? Ja, wenn der Erfolg allein für die Zweikdicnlichkcit einer Sache motz- gebend ist. dann möchte man diesem beständigen Berufen doch recht zweifelhaft gegenüberstehen. Denn kaum ist das gefürchtcte „sitz gerade", ans däs der Oberkörper momentan in die Höhe schnellt, verklungen, so hocken die Kleinen wieder da mit vornübcrgcbengteil Schultern, das Kinn auf der Brust. „Aber eine aufrechte Haltung ist doch so nothwcndig für die Jugend", wird nian mir einwerfen. GeWitz, es liegt nur fern, das zu bestreiten, nur werden Ermahnungen nichts oder doch nur sehr wenig dabei helfen— und das a»S dem einfachen Grunde, weil die Kinder gar nicht anders als krumm sitzen können. Ihre Rückenwirbel und ihre Schultcrknochcn sind— häufig infolge Skrophnlose, antzerdem aber noch dnrch eine Menge anderer Einflüsse, welche der Grotz- und auch Klcinstadtjugcnd gefährlich werden— so schwach und marklos, datz eine straymie Körperhaltung einen geradezu unnatürlichen Heroisiuns ihrerseits bedingen würde; mit einem schwachen Körper, zumal in so frühen Jahren, Pflegt aber selten eine eiserne Willenskraft ver- bundcn zu sein. Wenn indessen jener gesund und gestählt ist, dann bedarf eS des letzteren gar nicht zur Erreichung des erwähnten Zwecks— dann sitzen die Kinder ohnedies gerade. Mit andere» Worten also: das Krummsitzen ist nur das Symptom eines Nebels, und wie man nie die einzelnen Symptome einer Krankheit kurirt, sondern diese selbst, so sollte es anch hier geschehen. Keinem vcrnünf- tigen Arzt fällt es ein, bei einem schweren Magenleiden den mangelnden Appetit des Patienten durch scharfe Würzen und dergleichen mehr anregen zu wollen, denn er weitz ganz genau, datz dieselben einer- seits' den Magen schwächen, gerade weil sie ihn reizen, und datz er andererseits die vermehrte Nahrungszufuhr noch nicht zn verdauen vermag. Eines ähnlichen Mitzgriffes erlvcist man sich aber schuldig, wenn man ein elendes bleichsüchtiges Kind durch ewiges Nörgeln nervös macht und zu einer Körperhältnng zwingt, die es ennüdct. Ob übrigens jemand vom Krnmmsitzcn schief wird, ist noch sehr zweifelhaft— es kann hie und da wohl geschehen, in der Regel liegt aber die Ursache tiefer mW zwar sehr häufig da. wo anch die Quellen für jenes zu finden sind— in schlechter Ernährung und daraus rcsultirendcr. Blutarmuth und Muskelschwäche, in un- zweckmätzigcr Kleidung, welche das normale Wachsthum henimt, und schlietzlich im Mangel an gesunder Bewegung und frischer Luft. Ich will mich nicht über alle diese Punkte näher verbreiten, sondern mich begnügen, kurz darauf hinzuweisen. Kur über die Kleidung bei den Mädchen möchte ich ein paar Worte sagen. Die meisten Mütter leben noch immer in dem Wahn, datz ein schwacher Rücken durch ein Korse t gestützt und der ganze Ober- körper durch dasselbe in die richtige Stellung gebracht werden müsse. Soviel auch die Acrzte ihnen zu beweisen trachten, datz die Knochen zu ihrem Wachsthnm und ihrer naturgcmätzen EntWickelung des Spielraumes bedürfen— sie lassen sich nicht überzeugen.„In der Nacht tragen die Kinder ja kein Korset"— lautet ein beliebter Aus- spnich aus weiblichem Munde—„und in der Nacht wachsen sie am meisten."„Vcrmuthlich, lveil sie dann kein Korset tragen", mützte die Autwort darauf heitzcn, wenn— jener Satz richtig wäre. Er ist's aber nicht. Das vermehrte Wachsen in liegender Stellung ist nur scheinbar, der Körper streckt sich momentan, um dann bald wieder seine frühere Längenproportionen anzunehmen. Man kann das nach inehnnonatlichem Kraukenlager stets beobachten. Selbst ältere Personell machen nach diesen den Ein- druck, als ob sie grötzer gelvorden wären, aber selbstverständlich nur für eine kurze Weile. Dagegen giebt das Ruhe» im Bett die schönste Gelegenheit, sich allerhand falsche Gliederstellungen an- zugewöhncn, die, weil sie sich allnächtlich iviederholen, in jugendlichen Jahren zu direkten Verkrümmungen führen können. Dem mutz eben die freie Bewegung am Tage, bei der jedes Glied gleich viel geübt wird, entgegcuarbeitcil. Wie»un, wenn Brust, Rippen und Hüften in einen engen Panzer cingezivängt sind? Zudem ist solch' ein Toilettcustück fast nie so vollkoimnen in seinen Matzen, datz es den Oberkörper in die vorschriftsmätzige Form bringt. Einmal ist dieser, einmal jener Theil ein wenig zu kurz oder zu lang— zn irgend einer falschen Biegung wird die Figur in jedem Fall genöthigt. Auch, datz die Ausdünstung der Haut beeinträchtigt wird, was seine unleugbare Rückwirkung auf die Knochciibilduug hat, darf nicht ver- gessen lverden. Ungleich mehr, als durch diese Marter-Jnstrulnente, schaffen die Leute Nutzen, wenn sie die Kinder statt auf Federbetten, auf Sprungfeder-, Rotzhanr- oder allenfalls auch Seegras-Matratzen schlafen lassen. Diese hindern den Körper immerhin an den schlimmsten Verrenkungen! während es ihn» auf weicher Unterlage fast unmöglich ist, sich gerade auszustrecken. Auch zum Bedecken ist eine wollene Decke zweckmätziger als ein Federbett, das allzu viel Hitze erzeugt und dadurch ungünstig auf Blutzirkulation und Nerven wirkt. Eine Ursache des SchicfwcrdcnS bildet zweifellos das Tragen schwerer Gegenstände. Viele Kinder hängen die Schultasche, statt' sie auf den Rücken zu schnallen, an den Ann. ES hält furchtbar schwer, dieser Gewohnheit entgegenzuwirken— in ganz jugendlichem Alter geht es wohl noch, aber werden die Kleinen erst älter, so glauben sie ihrer Würde ctwaS zu vergeben, wenn sie mit dem Tornifter auf dem Rücken einhcrspazicrcn. Ich habe es an mir nahestehende» Kindern wiederholt beobachtet, datz sie trotz Schelte und Strafen nicht von ihrem Vornrtheile lictzen. Man hatte ihnen daheim die Tasche regelrecht aufgeschnallt, aber kaum waren sie antzer Gesichts- weite des väterlichen HauicS, so wurden fix die Riemen gelöst und zusammcngcknotct über den Ann gehängt. Jedenfalls ist cS durchaus nothwendig, in der crlvähntcn Hinsicht Strenge walten zu lasten. Ebenso darf man denKindern nicht gestatten, datz sie beim Schreiben, Zeichne» oder ähnlichen Arbeiten die Ellenbogen an den Körper angeklemmt halten. Beide Arme müssen fest aufgestützt ans der Tischplatte ruhen. Leider sitzen sie in der Schule nur oft so eng aneinander, datz dies thatsächlich unmöglich ist. Um so mehr scheint eS angezeigt, diesem schädlichen Emflutz daheim entgegen- zuwirke». Alles. IvaS bisher gesagt ist, gilt indessen nur für gesunde Kinder, die noch nicht schief sind. Ist dies bereits eingetreten oder zeigt sich auch nur eine entweder ererbte oder durch einen Fall verursachte Disposition dazu, so werden die genannten Vorsichts- matzregcln nichts nützen. Es bleibt dann nichts Anderes übrig, als so schnell wie möglich einen Spezialisten zu Rathe ziehe». In früheren Zeiten vermochte zwar ärztliche Kunst vcrhältnitzmätzig wenig in solchen Fällen zn lhnn, die gcsammte orthopädische Be- Handlung mit Streckbetten, Geradchaltem:c. gab keinem schief- gewachsenen oder gar verwachsenen Kinde seine geraden Glieder wieder. Kaum, datz sie hier und da kleine Besserungen erzielte. Wie anders heute l Es erscheint dem Laien wie ein Wunder, wenn er ein Kind, das er mir mit kläglich vcr'riimmtem Rückgrat oder gar einem Buckel gekannt hat, nach halb- oder ganzjähriger Kur wieder- sieht, gerade wie eine Kerze. Erstaunliche Resultate erzielt vor allem Hetznigk in Göggingen bei Augsburg. Dieser Mann, seines Zeichens Mechaniker, der weder studirt noch überhaupt eine regelrechte wissenschaftliche Ausbildung genossen, hat ganz ans sich selbst heraus eine Methode erfunden, vermöge deren er anch die schlimmsten körperlichen Verbildungcn in jugendlichen Jahren heilt. Das hcitzt, das Wort„Methode" ist wohl nicht ganz richtig, insofern, als er jeden Einzelfall für sich bc- handelt. Die Prinzipien, von denen er dabei ausgeht, beruhen auf der Beobachtung und Nachahmung der Natur. Er hat den Van des menschlichen Körpers als Autodidakt bis ins Kleinste studirt und kennt die Bestimmung nnd Spannkraft jegliche» Muskels, die Trag- fähigkcit jedes Knochens, sotvie die Art, wie er sich bei dieser oder jener Gelegenheit in seinen Gelenken dreht, wie nur Wenige. Wenn er den Patienten nun Maschinen anlegt, so haben diese nicht, wie bei de» älteren Orthopäden, den Zweck, den Körper durch Zerren oder Einpressen getvisser Theile in eine normale Form zu zwängen, soudcrn sie dienen vielmehr dazu, die schwächeren Glieder zu entlasten und ihre Arbeit entweder den stärkeren oder häufiger noch der Maschine aufzubürden. Wekch' eine Erleichterung dem Kranken dadurch geschaffen wird, braucht wohl nicht erwähnt zn werden. Ein großer Vorzug seiner Maschinen ist deren Leichtig- keit. Da giebt cS weder schwere Cisenstangen und Schrauben, noch komplizirte, Rücken und Hüften umgreifende Bänder— der ganze Mechanismus setzt sich oft aus nichts als einem haarfeinen elastischen Schuppen- oder Netzpanzer zusammen, so klein von Volumen, datz man solch' ein Ding in die Tasche stecken könnte, und dabei an Gc- wicht kaum ein Kilo schwer. Keine Maschine gleicht der anderen, denn jede ist für den betreffenden Fall konftruirt, dem sie dienen mutz. Sofern sie nicht eine vollkommene Heilung zn Stande zn bringen vermag— derart, datz sie dem Kranken späterhin unentbehrlich wird— so giebt sie ihm doch das Ansehen und die Leistungsfähigkeit eines normalen Menschen, während er sie trägt. M. K o s s a k. Kleines �enillekmu c. Was eine„Berichtigung" Werth ist. Schon niancher hat schlechte Erfahrungen mit Berichtigungen gemacht, die er aich falsche Nachrichten, die irgeudtvo über ihn auftauchten, einsandte. So um« fassender Erfahnmge» auf diesem Gebiete dürften sich aber Wohl nur wenige zu erfreuen haben, wie der bekannte englische Schrift- steiler Hall Caine. Er erhielt eines Tages von einein Bekannten die Anfrage, wie es mit seinem neuen bereits angekündigten Roman »Der Trunkenbold" stehe, und er antwortete darauf mir folgendem amüsanten Brief, den die„Jllustrated London News" abdrucken: „Greeba Castle, Insel Man. 27. Jan. S9. Mein lieber, Sie fragen mich, ob ich Ihnen nichts Genaueres über mein Buch„Der Trunkenbold" angeben kann, wann und von ivem'er verlegt wird. Nach allem, was von diesem Buche und über seine Veröffentlichung bereits gesagt worden ist, mag es vielleicht ein Schlag für Sie sein, wenn Sie hören, daß ich niemals an ein solches Buch, ein solches Thema, einen solchen Titel und an solche Methoden der Veröffentlichung gedacht habe. Sie werden mich nun fragen, wanun ich dann einem so weit verbreiteten Gerücht niemals entgegengetreten bin. Ans demselben Grunde, wie ich hundert andere Gerüchte über niein Thuir und Lassen unlvider- sprochen gelassen habe, weil es unmöglich ist, jeden Jrrthnm zu berichtigen, und wenn mau etwa den einen von vielen widerlegt, es sofort so scheinen würde, als ob ich die übrigen dadurch bestätige. Außerdem hat mich die Erfahrung gelehrt, daß es nutzlos ist, eine irrige Angabe zu widerrufen. Ist die Lüge witzig genug, so wird sie sich weiter verbreiten, und kein Widerspruch wird da helfen. Vor vier oder fünf Jahren erzählte jemand, ich hielte„alle Frauen für geringer als alle Männer". Beinahe das Gegenthcil ist meine Meinung, und so berichtigte ich, aber kein Mensch hörte darauf, und die Liige fuhr fort, gerade den Theil des Publikums gegen mich aufzubringen, den ich am liebsten für mich gehabt hätte. Vor zwei Jahren behauptete jemand, ich hätte für mein eigenes Werk Reklame machen wolle», dadurch daß ich einige Tage vor' scincin Erscheinen mich„interviewen" ließ. Ich bat den Jnterviclver, zu erkläre», Ivie eS wirklich der Fall war, daß ich ihm ausdrücklich verboten hatte, ein Wort von unserer Unterredung zu veröffentlichen, bis fünf Tage nach der Beröffent- lichnng vergangen wären, die Erklärung blieb unbeachtet. Vor einem Monat hatte ein Humorist ausgesprengt,„ich hielte mein Gesicht dein von Chnstus ähnlich", und ich war wieder dumm genug, mich darum zu kümmern, aber kein Mensch achtet auf meine Berichtigung, und die Lüge blüht weiter. Im Vergleich zu diesen Gerüchten ist das. Ivoranf sich Ihre Frage bezieht, ganz harmlos; es ist zwar einfältig, vorauszusetzen, daß ein Mensch, der Ivie ich das Publikum kennt, seinem Buche einen so umnöglichen Titel geben würde, aber wenn Sie auch diesen Brief veröffentlichen sollten, so weiß ich doch, daß ich in den Nachschlagebüchern von IlXX) lesen werde, daß ich 189g einen Roma» veröffentlicht habe, der„Der Trunkenbold" be- titelt war. Die Moral davon scheint zu sein, daß es dumm ist, irgend etwas zu widerlegen. Je mehr Grund vorhanden ist, einen Jrrthnm zu berichtigen, desto mehr ist cS unklug, wenn man es wirklich thnt. Mit Tank und Gruß Hall Caine."— ES giebt freilich auch Schriftsteller, die die tollsten über sie umgehende» Gerüchte mit einein zufriedenen Schmunzeln hinnehmen, weil so etwas— Reklame macht. Auch soll es schon Leute gegeben haben, die etwas „berichtigten", was von keinem behauptet worden.— ie. Die Acrzte als Gegner vou Nicseuhällserii. In New- Dork niacht sich in ärztlichen Kreisen eine Agitation gegen den Bau allzu hoher Gebäude bemerkbar. Es wird hervorgehoben, daß sie zunächst das Leben der Bewohner gefährden, da bei Ausbruch eines Brandes die Ausrüstung der Feuerwehr nicht niehr genügt, um das Feuer in den höchsten Stockwerke» zu erreichen. Diese Angaben sind Ivohl vorläufig nur für die berüchtigten amerikanischen„Himmclkratzcr" gillig. Man baut dort zwar auch sogenannte„feuersichere" Hänser, die aber nach der übcrcuistinunendcn Ansicht aller unvoreingenommenen Leute keines- wcgS feuersicher sind. Die erhöhte FenerSgcfahr spielt aber für die Gegnerschaft der Acrzte nur eine nebensächliche Rolle. Den Haupt- grnnd zu ihrer Bckämpsnng sehen sie vielmehr darin, daß sie den Sftaßcn das Sonnenlicht entziehen. Die moderne wissenschaftliche Gesund- heitspstcge hat nachgewiesen, daß dcrSonncnschein der größte Bakterien- fcind der Natur ist. Eine sechsstündige Belichtung mit direkten Sonnen- strahlen tobtet unfehlbar alle Keime, selbst solche von der LebenSzähigkcit des Tuberkelbazilliis. Es giebt Aerzlc, die bis zu der Behauptung gehen, daß die Menschheit zu einer Zeit, wo sie noch keinerlei Mittel zur Bekämpfung der Bakterien selbst ergreifen konnte, unfehlbar hätte zu Grunde gehen müssen, wenn nicht daS Sonnenlicht in ausgiebigem Maße als schützende Macht gegen diese winzigen und dem Menschen früher ganz unbekannten Feinde aufgetreten wäre. Es ist ohne Zweifel zutreffend, daß eine Zunahme der heutigen Mode, die Häuser immer höher zu bauen, zu einer Gefahr für das gesnndheitsgemäße Leben in Großstädten werden kann. Nicht nur. daß das Sonnenlicht auf den Straßen selbst dadurch au Menge und Dauer verkürzt wird, erhalten auch die unteren Stock- werke der Häuser innner weniger Sonne, wenn sie sich in der Nachbarschaft von Riesenbauten befinden. Die in New- Dork er- scheinenden„Medicnl News" sehen geradezu eine Zunahme der Sterblichkeit unter den Städter» voraus, die gezwungen sind, stimdcnlaug in solchen Räume» ohne Zutritt von' Sonnenstrahlen zn arbeiten. Man will sogar statistisch festgestellt haben, daß schon jetzt die Krankheiten der Athmungsorgane, besonders Lungen- entzündung und Schwindsucht, unter den Arbeitern, die sich in solchen von großen Gebändelt verschatteten Räumen aufhalten müssen, häufiger sind, als bei denen, die unter normalen Bedingungen leheii. Hierin liege also eine große Gefahr und die städtischen Be- Hörden seien verpflichtet, dem Geiz der Kapitalisten, der behufs möglichster Ausnutzung eines Bonplatzcs auf eine große Höhe der Gebäude hindrängt. Schranken zu ziehen, chamit das allerhaltende Sonnenlicht überall Zugang finde.— Theater. Im Deutschen Theater tvurde am Sonnabend Georg H i r s ch f e l d' s Kömödie, Pauline" zum ersten Male auf- gfestihrt.— In dieser Komödie kommt„ein Ekel" vor, und das soll e n typischer Vertreter der Sozialdemokraten sein. Darum keine Feindschaft, Ritter Georg, lieber sozialdemokratische Vorstellungen, wie sie der eklige Kunstschlosser Radtkc zum Besten giebt, wird jeder. der einigermaßen einsichtig ist, lachen. Wer nicht getroffen wird, kann sich nicht verletzt fühlen; und im übrigen wäre das eine ganz kleinliche Bewegung, die nicht einmal ein bischen Spöttelei auf ihre Kosten vertrüge. Georg Hirschfeld hat Zeit. Er hat das süße Vorrecht der Jugend, thörichte Streiche zn machen. Er wird noch besser begreifen lernen und dann wird er einsehen, daß daS gerade kein richtiger„Jenosse" ist, um in seiner Sprache zu bleiben, der ein Dienstmädchen verachtet, weil sie eben der Herrschaft dient. Er wird die Nothwendigkeit und die Vorbedingungen verstehen, die ein armes Mädchen vom Lande bestimmen. Auch wird er es nicht für einen Programmpnnkt halten, eine Person darum zu hassen, iveil sie adliger Abstammung ist. lieber die Dummheiten der jungen bürgerlichen Demokratie ist man längst hinausgewachsen. Die Sache ist hier nur darum erörtert worden, um zn zeigen, wie sich selbst in Köpfen, die literatnrfühig gelten wollen, ein sozial- demokratischer Typus abspiegelt. Wenn man von den satirischen, wie den empfindsanien Neben- teudeiizen der Komödie absieht, kann man an ihrer Instigen Wahrheit nnd an der saftigen Gestalt sPanlinen's, des Berlinisch- gesunden Dienstmädchens, seine Freude haben. Man muß darum nicht gleich in literarkünstlerische Andacht verfallen oder den Verfasser bange befragen: Mit solch' kleinem Gerede gicbst Du Dich ab? Die Hauptsache ist, daß Jemand, der schaffen will, sehen lernt. Bisher hat sich Hirschfeld nur im eigenen Familicnhause um- gesehen. Da ist in gewisser Beziehung selbst Paulinen's Küche eine weitere und reichere Welt. Eine winzige und geistig wenig anregende Welt: aber all' das ist relativ. Neue sinn- liche Eindrücke hat Hirschfeld vcrwerthcn können. Für ihn war es schon ein Gewinn, daß er den Stoff in freierer Komik gestalten konnte. Schilderte er den Familienjammer noch so naturalistisch, mit der naturalistischen Schablone war er zugleich im Stofflichen selber befangen. lieber Panlineii'S kleine Abenteuer ist sonst nicht viel zn sagen. DaS Mädchen hat's in Berlin mit seiner Herrschaft recht gut ge- troffen. Geld haben die Leutchen zwar nicht.— der Mann ist Maler—, aber andererseits hat man noch nicht gehört, daß ein Dienstmädchen von den Rcichthümern„der Herrschaft" viel abbekommen hätte. Panline Ivird gut behandelt, das heißt, der Maler und seine Frau betrachten sie als gleichberechtigte» Menschen. Sind das edle Naturen! Panline ist frisch, tanzt gern und ist gnictschvergnügt; so erlaubt sie sich mit den Männern, die dem drallen hübschen Ding nachlaiifcn. allerlei Späße. Bald versetzt sie den Einen, bald läßi sie einen Anderen vergeblich„beim Rollkrug" warten, immer weiß sie Ausflüchte, und das ist ihre Vcrgnüglichlcit. ES gehört ja nicht viel Witz dazu, aber sie gehört eben zur großen Nation der dummen Puten; und Jeder darf nach seiner Fatzon selig werden. Ernsten Schaden richtet sie mit ihrem Getändel nicht au; es kommt z» einer Keilerei auf einem Tanzboden der Hascnhaide; dabei werden ein Turnlehrer und ein Schneider leicht verletzt, der Eine am Kopf, der Andere am Widerpart, aber Beide nicht an edleren Thcilcn. Panline selbst bleibt rein und sie wird den treuen Radtke Heirathen, da sie, wie Desdcmona mit ihrem Othello, mit ihm Mitleid empfindet. Der arme Teufel kanutc seinen Vater nicht; so ward daS Findelkind henimgestoßen und unglücklich. Das„entschuldigt' Radtkc's„Genossenschaft� und wenn Radtke aus Paulinen wirklick eine„Genossin" macht, so sehe er nur zu, daß sie nicht nach seinem Bilde gcrathe. Ganz prächtig waren Frau Lehmann als Panline und ins- besondere Herr Müller als Vater Klinisch, ein Berlinisches Original ans der Hasenhaide. Faßt man weniger frisch nnd derb zn.' so können Paulinen's lose Streiche.' leicht einen minder naiven Charakter gewinnen. Die Aufnahme der Komödie hat mit ihrem Werth blutwenig zu schaffen. Man applandirte wie toll und zischte wie toll. Man war erregt, als gälte es ein nervcnaufreizcndes Sportereigniß. Die Einen setzten ihre ganze pathetische Hitze für den Stolz der Familie nnd der Frcnndc ein, die Anderen hatten nicht Humor genug, über fdiescn hitzigen Eifer, wie über eine eitle Menschlichkeit, zu lächeln.——ff. Ein neuer Lubliner wurde im Schauspielhaus mit leidlichem Behagen aufgenommen. Der neue Lubliner, eine Komödie „Das fünfte Rad" ist den älteren zum Verwechseln ähnlich. Das liegt in dem Schlag Lubliner's. Ein Mann, der sich selbst empor- gearbeitet hat, gilt vor der hochmüthigen Frau und der Welt als eine Null im Hause ,' als das fünfte Rad, weil er keine großen Worte macht und scheinbar den Pantoffel über sich schwingen läßt. Aber er hat's inwendig sitzen. Er bringt eine verfahrene Liebesgeschichte zwischen seiner Tochter und einem Maler ins Loth und erweist sich in solchen Dingen erfahren, wie daS tüchtigste Kuppelweib. — 148— Ehre der diskreten komischen Kunst Vollmer's in der Hauptrolle!— Historisch-moderne F e st s p i e I e. Zweite Mittags- Vorstellung am Sonntag, den IS. Februar. Auf„Aristophmies" folgte W o I f g a n g Kirchbach's Weihe- spiel„Die letzten Menschen", ein Zukunftstramn. Auf dem Theaterzettel wird ein Moment angeführt, das dies Spiel ent- schuldigt. Es ist vor siebzehn Jahren in Italien entworfen worden. Damais war Kirchbach ein Jüngling, und jeder deutsche Jüngling nahezu hat nach vollendetem Abitunentenexamcn das Kleist'sche Sedürfnih, den Lorbeerkranz von Gocthe's Stirn zu reitzen. Indessen ist Herr Kirchbach heut kein Jüngling mehr, und überdies' war er Jahre hindurch an den„Dresdener Nach- richten" als Kritiker thätig: Warum denn kommt er uns noch mit schön gereimter, glatter und doch papicrner Literatur, die ihren Ge- danken'.ms faustischen Motiven aller Welt zusammenholt? Kirchbach's Dichtung hat durchaus allegorischen Charakter. Selbst w!> die Sprache lyrisch belvegt sein soll, hat sie etwas steif Allegorisches. Das Persönliche, das sinnliche Temperament fehlt, und es drängen sich abstrakte Bezeichnungen aneinander wie „Daseinsfülle",„Lebensleide" u. a. m. Bei seinen Allegorien handhabt ftirchbach antike mythische Typen. Er behauptet, von Rcnaissanccgemälden beeinflußt zu sein. Ich mußte, wenn ich des Stoffes gedachte, mir ein Gemälde dcS starken italienische» Künstlers Segantini vor Augen halten: Eine alpine, vergletscherte Landschaft in ihrer erhabenen Oede und ein letztes, Verzlvcifeltes Menschengewimmel. Bevor die Erde erkaltet, zaubert der große Pan in Kirchbach's Traum noch einmal einen Frühling hervor. Die Rosen duften, die Früchte schwellen und der Gott selber, Pan, der Feiste, mit dem Bocksbein, girrt um Liebe bei dem letzten Mcuschcmveib, der schönen Eva. Der Gott wird grotesk- possirlich, und vielleicht meinte 5tirchbach mit der grotesken Manier originell erscheinen zu können. Aber ohne vcrlvegcncn Humor wird man bei derlei Versuchen leicht kindisch. Vom letzten Weib weiß der letzte Mann, Ahas. noch nichts. Ilm seine Seele ringen die Vertreter des reinen Prinzips, die luftigen Sirenen, und die schmutzigen Genien von Erde und Wasser, die Faune und Nixen mit ihrem König, dem all-wmidelbaren Proteus, dem der Mensch und Herr über die geheimen Kräfte der Natur Krone und Purpur entwindct. Dafür rächt sich Proteus am reinen Ahas. Er lockt den reinen Mann zum Weibe, daß er es erkenne; und so erlebt das letzte Meuschenpaar einen letzten Sündenfall. Der große Pan aber, der Alllvaltcr und Allbefrnchtcr ans Erden, von Eva in seine» heiligsten Gefühlen verhöhnt, geht sterben und mit ihm erstarrt alles Dasein und die Erde irrt als vereister Ball durch die Räume. So schwirren hellenisch-antike und jüdisch- christliche Ideen durcheinander. Es giebt aber keine organische Einheit. Man wird nicht mit belvegt. So hörte man die Verse gelassen an und ließ die Sprecher auf der Bühne ruhig dcklamiren; und nur eine kleine Minderheit der Hörer meinte, es müsse sich bei erbaulicher Sprache auch gleich tief Er- bauliches empfinden lassen und rief den träumerischen Autor.— fi". Physikalisches. — Neues über Röntgenstrahlen. Eine interessante Anwendung der Röntgenstrahlen ist, wie die„Münch. Allg. Ztg." be- richtet, jüngst von den englischen Physikern Eh. T. Heycock und F. H. Neville gemacht worden. Sie stellten Legirungcn von Metallen her, die bezüglich ihrer Durchlässigkeit für die bezeichneten Strahlen ein möglichst verschiedenes Verhalten zeigen. Durch langsames Abkühlen brachten sie diese Legirüngen zunächst zum Erstarren und schnitten dann aus denselben dünne Scheiben aus, welche mit Hilfe von Röntgenstrahlen photographirt wurden. Die erhaltenen Photogramme mm ließen mit größter Deutlichkeit die den einzelnen Besiandthcilen entsprechenden Krystallablagerungen in der erkalteten Masse erkennen. Besonders deutlich war dies der Fall, wenn Gold mit Natrium oder wenn Gold oder Kupfer oder Silber mit Aluminium lcgirt wurde. Es sind demnach beim Erstarren von Legirüngen im Aligemeinen analoge Erscheinungen zu beobachten, wie beim Gefriere» von verdünnten oder beim Erkalten von kon- zentrirten Salzlösungen, woraus die schon seit längerer Zeit bekannte Thatsache folgt, daß Legirüngen nichts anderes als Lösungen von Metallen sind.— Astronomisches. Die Temperatur der Sonne. Ueber die unerträg- liche, ganz ungeheuere Hitze, die auf der Sonne herrschen muß, existire» vielfach sehr übertriebene und merkwürdige Vorstellungen. Mehrere Millionen Grad wurden noch vor 20—30 Jahren meistens- theils angegeben. Die schärferen Messungen in neuerer Zeit haben zu sehr viel geringeren Zahlen geführt, die jedoch außerordentlich von einander abweichen; von 70000 bis zu 2000 Grad ist eine 8roße Anzahl von Schätzungen vorhanden. Diese große Ver- hiedenheit erklärt sich einmal aus der Unsicherheit, die über die Absorption der Wänne in unserer Lust herrscht, und dann aus unserer Nnkenntniß darüber, wie sich die Ausstrahlung eines warmen Körpers mit seiner Temperatur ändert. Unter den vielen Strahlunasgesetzen kann das von Stefan aufgestellte wohl den An- spruch auf besonderes Vertrauen erheben; denn es hat sich nach den neuesten von Prof. Summer in der Physikalisch-Technischen Reichs- anstatt angestellten Versuchen bis zu einer Temperatur von 1500 Gr. als richtig ertviesen. Prof. Warburg, der Direktor des Berliner Physikalischen Instituts, hat deshalb, wie er in der Freitag-Sitzung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft mittheilte, eine Untersuchung der Sonnentemperatnr auf der Grundlage dieses Gesetzes angestellt. Seine Berechnung ftihrt zu einer Zahl von 6249 Grad; eine solche Temperatur in»ß nian also herzustellen suchen und in ihr das Ver- halten der verschiedensten Stoffe untersuchen, um einen Begriff von ihrem Verhalten aus der Sonne zu bekommen.—(,Nat.-Ztg."j Humoristisches. — D i e vielbeschäftigte Schlange. Der amerikanische Hnmorist Mark Twain veranstaltete einmal eine Reihe von Vor- trägen in Neuseeland. Eines Tages sprach er über die„Prohibition", das ist jenes Gesetz, das den Verkauf alkoholischer Getränke ver- bietet. Mark Tlvain erklärte zlvar, daß er ein Anhänger dieser Maß- reget sei. aber er mußte anerkennen, daß sie auch ihre unangenehmen Seiten habe, und gab als Beweis dessen Nachstehendes zum Besten: Es si»d mehrere Jahre her, daß ein braver Bursche aus dem Westen in eine Stadt kam, für die das Prohibitions-Gesetz galt. Er fragte nach einem Wirthshause, aber man sagte ihm, er werde nirgendwo anders Etwas zu trinken bekommen, als bei dem Apotheker. Der brave Bursche ging also znnr Apotheker und setzte diesem sein Per- langen auseinander. Der aber erklärte: '„Ohne Rezept eines Arztes kann ich Ihnen kein Getränk ver- adfolgen." Der Unglückliche entgegnete:„Ich sterbe vor Durst»ud habe keine Zeit, einen Arzt zu suchen." „Dann kann ich Ihnen nicht helfen," lautete die Antwort,„ich darf alkoholische Getränke blos in dringenden Fällen verabreichen und speziell nur, Ivenn jemand von einer Giftschlange gebissen wurde." „Wo ist eine solche Schlange aufzutreiben?" fragte der vom Durst Gequälte. Der Apotheker gab ihm die Adresse derselben, und der Bursche eilte fort. Aber bald kam er wieder, Verzweiflung im Gesichte. „Nun?" rief der Apotheker. „Gnade!" jammerte der Andere,„die Schlange kann nicht mehr beißen bor U e b e r a n st r e n g u n g und ist obendrein auf Wochen hinaus bestellt."— Notizen. — Eine größere Anzahl von Wiener Bühnenautoren, Bahr, Bauer, Hcrzl, Leon, Karlweis, Langnianu, ebenso Blume» thal, Wildenbruch, haben in der„Zeit" ihre Zustimmung zu dem Vor- schlage erklärt, in Zukunft Hervorrufen bei Premieren nicht»nehr Folge zu leisten. Otto Erich Hartleben aber ist strikte dagegen:„Ich bitte Sie," schreibt er.„das ist doch so nett, wenn man so herauskommt— vorausgesetzt, daß man auch gerufen ist."— — Felice Cavalotti'S Lustspiel„I ep h t a's Tochter" wird im L e s s i n g- Theater während des Gastspiels von Agnes S o r ni a am 8. und 11. März in Berlin zum ersten Male zur Aufführung gelangen.—... — Hugo von H o f m a n n S t h a l' L dramatisches Gedicht „Die Hochzeit der S o b e i d e" ist von der Direktion des Wiener Burg- Theaters zur Ausführung angenommen worden.— — Björnson's Schauspiel„Paul Lange und Thora Parsberg" wurde im R e s i d e n z- T h e a t e r zu München mit Erfolg aufgeführt.— — In der P a r i s e r Weltausstellung wird eine Filiale des Petersburger H oftheaters errichtet werden, in der russische Schauspieler nur Werke russischer Schriftsteller und Komponisten zur Aufführung bringen werden.— — In L o n d o n wird zum ersten Male ein echtes chinesisches Theaterstück zur Aufführung gebracht:„Geborgte Stiefel", seit Jahrhunderten ein Repertoirstück der chinesischen Bühne, möglichst entsprechend dem Original übersetzt von Archibald L i t t I e.— ar. Der L ü tz o w b r u n n e n, dessen AnSftihrung die Stadt Berlin dem Bildhauer Professor Otto Lessing übertragen hat, wird voraussichtlich im Frühjahr 1900 vollendet sein. Für das untere Bassin der Brunnenanlaae sind vier Gruppen bestimmt.— — Der Mathematiker Sophns Li e, der zwölf Jahre lang Pro- fessor in Leipzig gewesen, ist in C h r i st i a n i a gestorben.— 1.„B l u m e n b ä d e r" erfreuen sich jetzt, so schreibt„La Fronde". bei den Pariser Damen einer besonderen Beliebtheit. Sie sollen nicht nur die Haut mit deni Parfüm„iniprägniren", sondern die große Menge der lebenden wohlriechenden Pflanzen„kräftigt und regt auch den Körper an wie ein Champagnerbad." Es giebt zwei Arten von Blumenbädern. Die eine, die trockene, ist sehr einfach: Man füllt die heiße Badewanne mit Blüten und es genügt dann, eine Stunde in diesem parfüniirten Bett znzubriiigen. Die zweite Art besteht darin, daß man Dutzende von Blumenbündeln in heißem Wasser ziehen läßt und aus diesem Wasser das Bad bereitet.— Bemutwvrtlicher Redakteur: August Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Nkax Babing in Berlin.