Mnterhaltungsblatt des Nr. 33. Mittwoch, den 22. Februar. 1899 (Nachdruck verboten.) Dev lehke Tag vines Vevuvkheilken. 11� Von Victor Hugo. AuS dem Französischen von Paul Linsemann. Und wie sollte es auch anders sein? Dieser Priester ist der Gefängniß-Geistliche. Sein Amt ist, zu trösten und zu erniahnen, und er lebt davon. Die Sträflinge und Kranken fallen in das Bereich seiner Beredsamkeit. Er hört ihre Beichte und gewährt ihnen geistlichen Beistand— das ist sein Benif. Er ist alt geworden in dem Beruf, Menschen auf ihrem letzten Gange zu begleiten. Seit Langem ist er daran gewöhnt, was die andern niit Schaudern erfüllt; seine weiß gepuderten Haare sträuben sich nicht mehr; Zuchthaus und Schaffst sind ihm alltägliche Dinge. Er ist dafür abge- stumpft. Wahrscheinlich hat er ein Notizbuch, in dem er auf der einen Seite die Sträflinge, auf der anderen Seite die zum Tode Venirthciltcn verzeichnet. Er wird am Abend vorher benachrichtigt, daß er am andern Morgen um die und die Stunde einen mit seinem Heilspruch trösten soll. Er fragt, ob es ein Sträfling oder ein zum Tode Verurtheilter ist. Er liest seine Notizbuchseite durch und erscheint dann. Auf diese Weise kommt es, daß die, die nach Toulon oder nach dem Greveplatz gehen, Gemeinplätze für ihn sind, sowie er einer für sie ist. O! Wenn man mir doch statt seiner irgend einen jungen Vikar oder einen alten Euro aus dem ersten bcstcnKirchspiel geholt hätte, der vor seinem 5camin sitzt, ein Buch liest und auf nichts weiter vorbereitet ist. Man sagt ihm: „Es soll ein Mensch hingerichtet werden, und Sie sollen ihn trösten. Sie müssen bei ihm sein, wenn man ihm die Hände schnürt, wenn man ihm die Haare abschneidet; Sie müssen auf seinen Karren steigen, um mit Ihrem Kruzifix ihm den Henker zu verbergen, Sie müssen mit ihm bis zum Grsveplatz auf dem holprigen Pflaster fahren, durch die ekel- hafte, blutgierige Menschenmenge. Sie müssen ihn am Fuße des Schaffots umarmen und dort bleiben, bis sein Kopf vom Rumpfe getrennt ist." Dann führe man ihn zitternd und schaudernd zu mir her. — Ich will mich in seine Arme, zu seinen Füßen werfen. Er ivird weinen, wir beide werden weinen. Er wird Worte des Trostes finden und ich werde getröstet sein. Mein Herz wird den Weg zu seinem finden. Aber was ist dieser Gefängnißpriester für mich und ich für ihn? Ein Unglücklicher, ein Schatten, wie er deren schon so viele gesehen hat. Einer mehr in der Zahl der Hin- richtungen. Ich habe vielleicht Unrecht, daß ich ihn so ab- lehnte, er ist doch ein guter Mensch, ich ein schlechter. Ach, das ist nicht meine Schuld. Der Athem eines Verurtheilten beschmutzt und verdirbt alles. Man bringt mir soeben Essen. Sie haben geglaubt, daß ich hungrig sei! Eine delikate und ausgesuchte Mahlzeit; ich glaube gar ein Hühnchen und sonstige schöne Dinge. Ich habe zu essen versucht. Aber beim ersten Bissen ist mir alles tvieder aus dem Munde gefallen. Es schien mir bitter und übelriechend zu sein. XXXI. Es ist ein Mann mit dem Hute auf dem Kopfe bei mir eingetreten, der mich kaum ansah. Er klappte einen Maßstab auf und fing an, die Mauersteine von unten bis oben zu messen. Er sagte mit lauter Stimme bald:„So geht's," und bald:„So geht's nicht." Ich fragte den Gendarmen, wer das sei. Es scheint ein Architekt zu sein, der im Gefängnitz angestellt ist. Auch seiner- seits schien die Neugier in Bezug auf meine Person geweckt zu sein. Er wechselte ein paar Worte mit dem Schließer, der ihn begleitete, heftete dann die Augen auf mich, schüttelte sorglos den Kopf und fuhr dann fort, mit lauter Stimme zu sprechen und zu messen. Als er fertig war, näherte er sich mir und sagte mit seiner hellen Stimme:„In sechs Monaten, guter Freund, wird das Gefängniß mal besser aussehen." Seine Geste schien auszudrücken: s «Schade, daß Sie nichts mehr davon haben." Er lächelte fast. Ich sah schon den Augenblick kommen. wo er mit mir zu scherzen anfing, wie man mit einer jungen Frau am Hochzeitabend spaßt. Der Gendarm, der bei mir war, ein alter langgedienter Soldat, übernahm statt meiner die Antwort. „Man spricht nicht so laut in einem Sterbezimmer." Der Architekt ging. Ich blieb zurück wie einer von den Steinen, die er maß. XXXII. Hernach begegnete mir etwas Lächerliches. Mein alter Gendarm wurde abgelöst, dem ich undank- barer Egoist nicht einmal die Hand drückte. Ein anderer nahm seinen Posten ein, ein Mensch mit niedriger Stirn, förmlichen Ochsenaugen und dummem Gesicht. Uebrigens achtete ich nicht weiter darauf. Ich kehrte der Thür den Rücken und saß vor dem Tisch. Ich versuchte, meine Stirn mit der Hand zu kühlen. Meine Gedanke» verwirrten meinen Verstand. Ein leichter Schlag traf meine Schulter. Ich drehte den Kopf um. Es war der neue Gendarm, mit dem ich allein war: Er redete mich etwa so an: „Haben Sie ein gutes Herz?" „Nein," erwiderte ich. Meine schroffe Antwort schien ihn zu verwirren. Indessen fuhr er zögernd fort: „Man ist nicht so boshaft zum Vergnügen." „Warum nicht," versetzte ich.„Wenn Sie weiter nichts zu sagen haben, lassen Sie mich ungeschoren. Was wollen Sie denn eigentlich?" „Verzeihen Sie, nur zwei Worte. Wenn Sie einen armen Mann glücklich machen können und Ihnen das nichts kostet, würden Sie das nicht thun?" Ich zuckte die Achseln. „Sie sind wohl nicht recht gescheut? Sie wählen ein seltsames Gefäß, um damit aus dem Brunnen des Glückes zu schöpfen. Ich sollte jemanden noch jetzt glücklich machen können?" Sein Gesicht nahm einen geheimnißvollen Ausdruck an, der zu seinem Aussehen garnicht paßte, und er sagte mit ge- dämpfter Stimme: „Ja, Sie können mich glücklich machen. Mein ganzes Glück wird! von Ihnen kommen. Ich bin ein armer Gen- darm. Der Dienst ist schwer, die Löhnung gering, mein Pferd gehört mir und kostet ungeheuer viel. Da spiele ich denn in der Lotterie. Man muß doch das Glück ver- suchen. Bis jetzt fehlten mir. um zu gewinnen, nur die guten Nummern. Ich suche überall sichere, aber treffe immer daneben. Ich setze auf 76, und 77 kommt heraus. Es nützt mir nichts, wenn ich sie weiterspiclc, sie kommen doch nicht... Bitte, nur noch einen Augenblick Geduld, ich bin gleich fertig.— Nun ist jetzt eine schöne Gelegenheit für mich. Sie werden ja heute hingerichtet. Es ist erwiesen, daß die Leute, die auf diese Weise ums Leben kommen, die Lotterie im Voraus sehen. Versprechen Sie mir, morgen Abend zu erscheinen— was verschlägt Ihnen das?— und mir drei Nummern zu geben, drei gute. Wie? Ich habe keine Furcht vor Gespenstern, seien Sie unbesorgt.— Hier ist meine Adresse: Popincourt-Kaserne, Treppe A, Nr. 26, am Ende des Korridors. Sie werden mich doch wohl wiedererkennen, nicht wahr?— Kommen Sie meinetwegen heute Abend, wenn eS Ihnen bequemer ist." Ich würde es nicht der Mühe für Werth gehalten haben, diesem Dummkopf zu antworten, wenn nicht eine Wahn- sinnige Hoffnung mein Hirn durchkreuzt hätte. Wenn man sich in einer so verzweifelten Lage, wie ich, befindet, glaubt man zuweilen, eine Kette mit einem Haar durchbrechen zu können. „Höre," sagte ich ihm, und verstellte mich so gut, als es einer, kurz vor seinem Tode kann,„ich kann Dich in der That reicher als der König machen, und Dich Millionen gewinnen lassen. Unter einer Bedingung." Er riß die blöden Augen auf, „Welche? Welche? Ich will Ihnen alles zu Gefallen thun I" „Sin stelle der drei Nummern verspreche ich Dir vier. Aber wechsle die Kleider mit mir." „Wenn es weiter nichts ist," sagte er und fing an, die ersten Haken an seiner Uniform aufzumachen. Ich hatte mich von meinem Stuhl erhoben. Ich beobachtete alle seine Bewegungen, mein Herz schlug. Ich sah schon die Thüren vor der Gendarmen-Umform sich öffnen und den Platz, und die Straße und den Justizpalast hinter mir liegen. Aber unschlüssig kehrte er sich ab. „Ach so— Sie wollen von hier fortgehen?" Ich begriff, daß Alles verloren war. Dennoch machte ich einen letzten, doch gänzlich unnützen und verrückten Versuch. „Allerdings," sagte ich ihm,„aber Dein Glück ist dann gemacht." Er unterbrach mich. „I bewahre! Und meine Nummern? Damit sie gut sind, müssen Sie ja todt sein." Ich setzte mich wieder hin, stumm und hoffnungsleerer als je. XXXIII. Ich schloß die Augen und bedeckte sie mit beiden Händen. Ich suchte in der Vergangenheit die Gegenwart zu vergessen. In meiner Träumerei ziehen nacheinander die Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend an mir vorüber, sanft, friedlich, lachend. Sie tauchen als blumige Inseln aus dem Abgrund der finsteren und verworrenen Gedanken auf, die in meinem Hirn wirbeln. Ich sehe mich als Kind wieder, als munteren und lachenden Schulbuben mit meinem Bruder spielen, in der großen Allee des verwildeten Gartens herumtoben, wo ich meine ersten Lebensjahre verlebte. Es war dies der ehemalige Garten der frommen Schwestern, über den mit seiner bleiernen Kuppel der Dom von Val-de-Gräcs ragt. Vier Jahre später. Ich bin immer noch da. Noch ein Kind, aber schon tyrannisch und leidenschaftlich veranlagt. Ein junges Mädchen ist in dem einsamen Garten. Die kleine Spanierin, mit ihren großen Augen, langen aaren, von bräunlicher Hautfarbe mit goldigem Schimmer. ie Lippen roth und die Wangen rosig. Eine Zlndalusierin von vierzehn Jahren, Pepa. Unsere Mütter haben uns geheißen, herumzulaufen; wir gehen ganz züchtig spazieren. Man hieß uns spielen. Wir plaudern. Kinder desselben Alters, aber nicht des gleichen Geschlechtes. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck vervotm.) SpiellraLken. Die Karten sollen nach einer Uebcrlieferung im Jahre 1392 oder 1399 zur Unterhaltung des wahnsinnig gewordenen Königs Karl VI. von Frankreich erfunden sein. Diese Annahme gehört aber in das Reich der Sage, da es schon lange vorher Karten gab. Meist wird angenommen, daß diese aus dem Oriente stammen, wo sie bereits früher in Gebrauch waren. Anfangs scheinen sie nur beim Wahrsagen benutzt worden zu sein. Hierfür, wie auch für den orientalischen Ursprung sprechen die Namen, die die Spielkarten ursprünglich in' Italien und Spanien trugen. Im erstcren Lande hießen sie„Naibe", im letzteren .NaibeS", Wörter, die ans dem orientalischen Ausdruck für Prophc- zeihung. Vorhcrsagung abgeleitet sind. Ferner ist die Aehnlichkcit zwischen den Karten in ihrer einfachsten Form und dem Schachspiel, das vom Orient stammt, unverkennbar. Die ersten Kartenspiele bestanden aus 36 Blättern, unter denen der König, der Ritter und der Bube die einzigen Figuren waren, die übrigen hatten nur einen Zahlenwerth und hießen„gemeine Soldaten". Bei der ursprünglichen Fonn des Schachspiels finden wir ebenfalls einen König, einen Wisir, einen Reiter und die PionS(indische Fußsoldaten). Der einzige Unterschied war. daß bei den Karten die Figuren statt zweimal, viermal vorhanden waren. Zudem waren die Karten früher im Osten und Süden Europa's bekannt, als im Norden und Westen. .historische Spuren führen darauf, daß man zuerst in Italien, dann in Deutschland, England. Frankreich und Spanien Karten spielte. Die italienischen Karten wurden 1299 mit Bildern versehen, während sie früher ohne Bilder vorkamen. Die älteste bekannte Spielkarte, von der Blätter erhalten smd, stammt aus Genua und ist ans Papier von Baumwolle, wie eS besonders von den Arabern schon um die Mitte des 7. Jahrhunderts hergestellt wurde. Die ältesten italienischen Karten dagegen sind aus Linncnpapier, daS weit später auftritt. Bon Italien kamen die Spielkarten wahrscheinlich im 13. Jahr- hundert nach Deutschland. Im Jahre 1321 schon verbot Bischof Gottfried III. von Würzburg seinen Geistlichen das„sündige" Kartenspiel; ein Gleiches that Kurfürst Balduin von Trier 1327, woraus hervorgeht, daß dieses Spiel damals schon viel gespielt wurde. Nicht viel später als in Deutschland, tritt in England die erste Spur vom Kartenspiel ans, wie aus einer Stelle m Ansti'S „Geschichte des Hosenbandordens" hervorgeht. Dort ist eine Wirth- schaftsrechnung des Königs Eduard I. von 1278 angeführt, in welcher der Posten vorkommt:„Für daS Spiel die vier Könige — VIII sh V ct." Um 1464 muß in England das Kartenspiel schön recht bekannt gewesen sein, da in den Parlamentsakten des Jahres die Spielkarten als ein verbotener Einfuhrartikel aufgeführt werden. Unter Heinrich VII. war ihr Gebrauch wahrscheinlich allgemein. denn es wird von öfteren Verlusten dieses Königs im Kartenspiel berichtet. In Frankreich findet sich die erste Erwähnung der Spielkarten in den„Annales de Provence" um 1361. Wie es scheint, wurde der Bube damals„Tuchim" genannt, welcher Name einer Räuberbande entlehnt war, die zur Zeit die Grasschaft Venaisin verheerte. Nach einem jüngst entdeckten Manuskript indessen müssen die Karten schon um 1340 in Frankreich bekannt gewesen sein. Der Hauptgrund, weshalb man den Franzosen die Erfindnng der Spielkarten zuschrieb, war das Vorhandensein einer Lilie ans jedem Bilde. Dieses Em- blem kam aber schon in früherer Zeit auf römischen Zierbildenr und im Mittelalter auch an den Szeptern und Kronen der deutschen Kaiser und denen der englischen Könige vor dem Einfall der Normannen vor. Zudem haben gerade die ältesten französischen Karten, von denen noch Proben vorhanden sind, keine Lilien ans ihren Bildern. Die Karten, tvelche Jacques Gringonneur für den schivachsinnigcn Karl VI. erfunden haben soll, werden von den Gelehrten in die Mitte des Ib. Jahrhunderts verlegt. Sie weichen von den anderen Spielen wesentlich ab, sind mit schönen Illustrationen geschmückt und ettva dreimal so groß als unsere Karten. Zwei Blätter dieses überaus kostbaren Spieles sind in Ebeling's„historisch- grotesk- komischem Bilderatlas" getreu den Vorlagen entsprechend in Gold- und Farben- druck nachgebildet. Sehr interessante Proben von Karten finden sich auch unter den historischen Merkwürdigkeiten im British- Museum. Sie sollen ans dem Jahre 1440 stammen. Zu dieser Sammlung gehören auch vier Karten, die Ivahrscheinlich 1480 angefertigt sind imd zufällig in einein alten Buche gefunden wurden, das man 1842 gekauft hatte. Was die Herstellung der Karten betrifft, so sind die ältesten Spiele gemalt worden, und zwar thcilweise mit großer Kunst- fertigkeit. Im Mittelalter Ivaren besonders die deutscheir Karten« machet berühmt. Wie bei Meßbüchern, so tvurde auch bei den Spielkarten ans die Verschönerung viel Kunst und Geschmack ver« wendet. Die Charakterkarten, der König, Ritter und Bube, prangten in Purpur und Kamroisin und waren nicht selten ans Goldgrund gemalt. Natürlich war auch der Preis solcher Arbeit angemessen, daher konnten sick, nur die Neichen der Karten bedienen. Als jedoch die Deutschen zwischen 1361 und 1360 den Holzdrnck auf die Karten anwendeten, wurde das Kartenspiel auch den weniger Be- mittelten zugänglich. Die Einführung der Metnllplatte» machte die Fabrikation noch einfacher. Nunmehr nahm die Ausfuhr billiger Spielkarten aus Deutschland einen großen Umfang an.' Anfangs war Nürnberg der Hanptort für die deutsche Kartcnmanufukatur geivesen, später ivetteiserten mit ihm Mm. Augsburg. Leipzig, Dannstadt, Mannheim, Frankfurt a. M.. München, Hamburg, Stralsund. Der Umstand, daß alle Gelvinnspiele als eine Art von Kriegs- fühnmg anacschen werden können, tritt besonders an dem Schach- und Kartenspiel hervor und unterstützt die Annahme, daß das eine nur eine Modifikation des andern ist. Nach Einige» stellten die Karten ursprünglich die vier Klassen dar, den Adel, die Geistlichkeit, die Kaufleute und die Bauern, so daß Pique eine Lanze und so den Ritterstand bedeute, Coeur den KlernS(indem man sich unter den Geistlichen die xens dn choeur, de» geistlichen Chor, denkt). die. Carrean(ivas soviel wie Diamant bedeutet und auch im Englischen diamond heißt) den Handclsstand und Treffe(trikolium),. das Kleeblatt, die Landlente. Für Treffe sagt man im Englischen auch club und im Spanischen basto(Knüttel). Spätere Veränderungen werden den Franzosen zugeschrieben. Sie verwandelten den Ritter in eine Dame, von denen eine jede sich auf eine bestimmte Persönliä)kcit bezog. Die Könige ivnrden dargestellt als David(Pique), Alexander(Treffe). Karl der Große (Coeur) und Cäsar(Carreau). Die Buben, die früher als Diener (valets) der Ritter auftraten, bezogen sich ebenfalls auf bestimmte Persönlichkeiten und hießen Ogier, Lancelot, La Hire und Hektar von Gelard. Als den Geistlichen in Deutschland im 14. Jahrhundert hier und da das Spiel verboten tvurde, suchten sie sich dadurch zu helfen, daß sie eine„Heiligenkarte" ersannen, um dem Spiele den Anschein frommer llebungeir zu geben. Bei derselben traten an die Stelle' der Könige, Ritter und Buben bestimmte Heilige, wovon der Eichel- ober den Namen Wenzel nach dem heilige» Wenzeslaus behielt. Den Grünober stellte der heilige Sebastian vor, iveshalb er noch heute öfters Baste genannt Ivi'rd. Daher ist die Annahme falsch, nach der die Bilder Ober und Wenzel erst um die Mitte des 16. Jahr- Hunderts entstanden sein sollen. Sie kommen schon auf den ältesten deutschen, bis auf uns gelangten Karten vor. Diese sind in Nürnberg von 1360. bis 1360 in rohem Holzschnitt hergestellt. Mit- hin kann � das erste deutsche Kartenspiel, wie öfters angegeben wird, nicht aus � dem Jahre 1391 stammen. Dieser Jrr- thum ist wohl dadurch zu erklären, daß in dem genannten Jahre ein neues Kartenspiel, daS.Landsknechtsspiel", aufkam. Es hat mit dem Hazardspiel gleichen Namens nichts zu thun, sondern kam schon gegen Ende des 17. Jahrhunderts wieder ab. Einzelne Spiele dieser Ali sind uns erhalten; sie bestehen aus 33 Blättern, aus 12 mit Zahlen und 21 benannten Bildern: Pfeif, Wärst(3 Blätter), Ein- lehrt. Auszahlt, Dellcr, Glas(2 Blätter), Narr(2 Blätter), Thuler (2 Blätter), Werda(2 Blätter), Miau(2 Blätter) und Hott (3 Blätter). Zur Zeit der französischen Revolution verschwanden die Zeichen des Königsthums von den Karten. Aus den vier Königen tvurden Genien iies Krieges, des Friedens, des Handels und der Kunst, während die Königinnen in Göttinnen der Freiheit und die„Balets" als Mitglieder der alten Ritter, in vier Männer, welche die Gleich- heiten des Ranges, der Stellung, der Rechte und der Pflichten dar- stellten, verwandelt wurden. linter dein Kaiserreiche wurden diese Karten aber wieder abgeschafft, und Napoleon l. beauftragte den be- rühmten Maler David,' die Skizzen zu neuen Karten zu entwerfen. Diese wurden aber nicht volkSthümlich, weshalb man bald zu den alten Mustern zurückgriff. Die Bourbone» ersetzten den napolco- nischen Adler durch ihre Lilie. Jetzt ist jedenfalls die französische Karte am meisten in Gebrauch.— Otto Lehmann. Kleines Feuilleton. ev. Sonnen- iiud Tandbäder im Alterthum. Dr. Marlnse giebt in den„Wiener Medizinischen Blättern" einen beachtensivcrthcir Beitrag zur Geschichte der Naturheilkunde und im Besonderen der Anwendung von Licht und Wärme als Heilmittel. Im Alterthum war man zur Heilung von Krankheiten fast ganz ans„natürliche" Verfahren angewiesen und machte von solchen auch einen um- fassenden Gebrauch. Im alten Griechenland gaben schon die vielen gymnastischen Ucbnngen, die mit blosjcm Körper in freier Luft und freiem Sonnenschein ausgeführt wurde», reichlich Gelegenheit zu Luft- und Sonnenbädern. Bei den Römern dagegen, wo die Gymnastik weniger einen Thcil der Volkscrzirhung ausmachte und wo man auch den Körper mehr ver- hüllte, hatte das eigentliche Sonnenbad eine weite Verbreitung, gc- Wonnen. Entweder bestanden diese Sonnenbäder darin, dag man nackt in der Sonne spazieren ging oder in der Sonne lag, oder daß man in einem besonderen Anbau des Hauses, dem sogenannten Solarium, den Körper den Sonnenstrahlen aussetzte, entivcdcr«n- mittelbar auf dem Boden oder auch auf Polster gelagert. Die Solarien entsprachen ungefähr unseren Erker» oder Balkons und waren wie diese mit einem Gitter versehen, um ein Herabstürzen zu verhindern. Die Sonnenbäder werden entivcdcr„trocken" genommen oder nach vorhergegangener Salbung des Körpers. Jnsoivcit werden die Sonnenbäder als ein Mittel zur Erhaltung der Gesundheit im All- gemeinen betrachtet und angewandt, während ihre Benutzung zur Beseitigung von Krankheiten ein ganz besonderes Kapitel der Heil- künde bildete. Der alte Hippokratcs spricht wenig davon, er erwähnt aber ausdrücklich, das; die Erivännung durch die Sonne ein Heilmittel sei. Cclsns empfiehlt Schwächliche» daS Spazierengehen in der Sonne, „wenn es der Kopf erlaubt"; fcnicr sollen Fettleibige durch den Sonnenbrand mager werde». Die ersten genaueren Angaben über die AiUvendnng der Sonnenbäder zur Vertreibung von Krankheiten verdanken wir dem alten- Herodot. Dieser weist besonders darauf bin. dasi daS Sichsonnen einer Wiederherstellung und Zunahme der Muskulatur günstig sei, das; es besonders im Sommer von Schtväch- lichcu nicht bei allzu großer Hitze vorgenommen tverden solle. und daß man besonders den Rücken von der Sonne bcschcincn lassen niüsse, weil dort vorzugsweise die Willens- uerven gelegen seien; wenn aber diese heiß seien, so werde der ganze Körper kräftiger. Der Kopf aber solle durch eine Bc- deckung geschützt tverden. Ein späterer griechischer Schriftsteller AntylluS sagt, daß der Sonnenbrand, mäßig angewandt, die innere Transpiration fördere, ivohlthätigen Schweiß hervorrufe, die Zunahme des Leibes hindere, das Fleisch krästtge und das Fett schivindcn mache. Er empfiehlt die Sonnenbäder besonders Waffer- süchtigen, Engbnistigcn und solchen, die an ständiger Mattigkeit des Kopfes leiden. Auch nach vorheriger Salbung des Körpers habe der Sonnenbrand die eigentlichen Wirkungen, doch trockne und bräune er den Körper mehr, der gleichsam in der Salbe geröstet tvcrde. Sehr natürlich sei eS auch, sich auf einem großen mit Ocl getränkten Thierfell in die Sonne zu legen. Ju schweren Fällen sollte auch, wenn der Kranke eine Verzögerung nicht vertragen konnte, die»atür- liche Sonnenwärme durch die Hitze eines Feuers ersetzt werden dürfen. Eine ganz besondere Art der Wärniebehandlung bestand ferner in den sogenannten Sandbädern. Auch der Sand wurde ursprüng- lich von Gesunden zur Kräftigung und zur Vermeidung von Krank- heiten benutzt. Hippokratcs kennt das eigentliche Sandbad»och nicht, und erst die späteren Schriftsteller, vorzüglich tvicderum Herodot, widmeten ihm eine ausführliche Beschreibung. Herodot empfiehlt es für Asthmatiker, für Gichtkranke, für Fettleibige, siir Wassersüchtige, sür Menschen, die an Brnstkatarrhcn leiden, und über- Haupt gegen alle chronischen Krankheiten. Nur Kinder sollten von der Anwendung der Sandbäder ausgenommen sein. Diese Bäder wurde» in der Weise genommen, daß am Mceresstrande oder auch im Flußsande tiefe Gruben ausgeworfen wurden, in die sich der Kranke hineinlegte, nachdem sie von der Soime stark erhitzt waren. Nun wurde der ganze Körper mit heißem Sande zugedeckt, mit Aus- nähme natürlich des Kopfes, der bedeckt sein mußte. Der Körper sollte so gelegt werden, daß das Gesicht in den Morgenstunden nach Süden und um die Mittagszeit nach Norden gerichtet war. In manchen Fällen wurde der Kranke nacheinander in zwei oder auch drei verschiedene Gruben gebracht. Je nach der Krankheit mußte die Stellung liegend oder sitzend sein. Nach Einstellung des Schweiß- ausbruchcs wurde ein Bad in Meerwasscr oder süßem Wasser genommen und der Körper reichlich mit Ocl eingerieben. Es sollten im allgemeinen nicht weniger als 14 und nicht mehr als 21 Sandbäder genommen tverden, war dann ei»e Besserung zu erkennen, so konnte noch nach einer Pause von 2— 3 Tagen eine neue Reihe von Bädern zu- gelassen werden. Später nahmen die Araber den Gebrauch von Sandbädern an, und auch noch im Mittelalter wurden sie zeitweise angcwaiidt.— Literarisches. th. H. Dierking, Die praktische Grammatik zur Erlernung der e n glischen Sprache sür den Schul-, Privat- und Selbstunterricht. Straßburg i. E. Straßburger Druckerei und Verlagsaustalt. Preis geb. 2,bl) M.— Die praktische Grammatik vereinigt die Vorzüge einer guten Grammatik mit denen eines nach pädagogischen Grundsätzen aufgebauten UebungSbnches. Das Buch zeichnet sich durch eine Reihe werthvollcr Neuerungen auS, von deiien die folgende besonders hervorgehoben zu werden verdient: Bei jedem neuen englischen Worte ist die Aussprache mit deutschen Buchstaben angegeben. Der Lehrgang ist der lebendigen Praxis entnommen, vermeidet alles Trockene und Ermüdende und ist daher geeignet, auf den Lernenden anregend zu wirken. Das Buch kann Lehrern und Schülern empfohlen werden.— Erziehung ,md Nntcrricht. 1. Ein„Vogelschutz-Verein" an einer fran» z ö s i s ch e n Knabenschule. Man geht jetzt allenthalben energisch bor. die Vögel vor der sie bedrohenden Vernichtung zu schützen. Auch in Frankreich hat sich eine Liga von Vogelsrcuiiden gebildet, die den Schutz der Vielverfolgtcn organifiren will. Jetzt kommt dieser eine Unterstützung von einer Seite, von der sie sich's am wenigsten hätte vcrmuthen können: in einer französischen Dorf- schule hat ein Lehrer die Schuljugend zum Schutze der Vögel aufgeboten und ans ihr einen„Vogelschutz-Vercin" gebildet. In der kleinen Ge- meinde Coupray(Dep.Loine-st-�larue) war es, wo der Lehrer Gibet, als Ivicdcr einmal sehr viele Klagen eingelaufen waren, daß die Jungen die Nester ausgenommen hätten, aus den Gedanken kam, die Vögel unter den Schutz dieser ihrer Feinde zu stellen. Er hatte damit gut gerechnet, Kinder fühlen sich ebenso gern als„Protektoren", wie sie gern zerstören, je nachdem der Fall gerade liegt; und sie vollziehen beides mit demselben Eifer. Ein richtiger Verein wurde also gegründet. Jeden Sonnabend während der Sommermonate tritt das „Bureau" um halb ein Uhr unter dem Vorsitz des Lehrers zusammen, kontrollirt die Aussagen der Mitglieder und führt ein„Protokoll" über alle die Ncsters die beschützt werden sollen, und auch über die schädlichen Thicre, die nian zu vernichten sucht. Dies ist der„Rechenschaftsbericht" über daS Jahr 1893: Die Zahl der behüteten Nester betrug im ganzen 570, im einzelnen 274 Schwalben-, 80 Zaunkönig-, 37 Nachtigall-, 17 Distelfink-, 12 Meisen-, 53 verschiedene Nester. Andererseits wurden mit Hilfe von Fallen vernichtet 24 Siebenschläfer und 80 Junge. 4 Wiesel, 25 Natten und mehr als 300 Mäuse. Das ist eine bescheidene Ein- richtung, fügt die französische Zeitschrift, der wir diese Zahlen ent- nehmen, hinzu, aber sie belastet das Budget nicht und verrichtet trotzdem gute Dienste.— Archäologisches. gk. Römische Oelpressen in Tri p o Iis. Interessante Aufklärungen über das Alter und die Bedeutung der alten Stein- denkmäler von Tripolis und der Bcrbcrci, die unter dem Namen „senams" bekannt sind, brachten die Verhandlungen, die die letzte» beiden Sitzungen der Londoner„Locisty of Antiquaries" fast ganz ausfüllten. Die senams, die sich über das Land zerstreut finde», sind Steinbaue, die großen schmalen Thoren ähnlich sind. Die beiden Pfosten haben einander entsprechende Löcher, in die hölzerne Querstangen eingefügt tverden. Ihr arabischer Name bedeutet „Idol", und man hat diese Baue gewöhnlich als Gegenstände des religiösen Kultus auS der vorrömischen Zeit betrachtet. M.J. L. Myres, der darüber rcferirte, führte nun den Nachtveis, daß es sich hier um römische Oelpressen handelt, wie sie in ähnlicher Art auch sonst in römischen Ländern, z. B. in Carien, in Gebrauch waren. Vor den senams liegt in der Regel ein flacher Stein mit einem biereckigen oder runden Kanal in der Oberfläche,(der früher als Altar beschrieben wurde) und ein massiver Stein mit tiefen Zapfen- löchern, dessen Bedeutung man bisher nicht zu erklären vermochte. Myres zeigt, daß die senams wie die mit einem Kanal versehenen Steine in römische Steinmörtelfundamente eingebettet sind, also nicht vorrömischen Datums sein können, daß die beiden Arten von Steinen als Prcßbcttcn und Gewichtsstcine aufzufassen sind und daß die senams selbst Stützpunkte des Hebels waren, mit denen solche Pressen in Bewegung gesetzt wurden. Ucberrcste von Oclmiihlsteincn und Mühltrogen auf den Baustellen dieser senams bestätigen diese Ansicht. Achnliche Pressen werden im Gebrauch auf römischen Monumenten mehrfach dargestellt; auf einer Gemme im Berliner Anttquarinm ist auch ein solcher senam als Stützpunkt des Preßhcbcls dargestellt. Dieser Anschamulg schlössen sich in der Dislussion alle Redner an. Nn-Z dem, was hierbei borgebracht wurde, ist noch manches bon Bedeutimg. Die «en-uns wurden in der Regel auf erhöhtem Terrain gefunden. An manchen Orten war die alte Presse, abgesehen von dem hölzernen Beiwerk, genau so erhalten, wie sie ursprünglich in Gebrauch gewesen ivar.©iir Kanal führte von dem Prestbett, dem sogenannten„Altar", zu einem Reservoir, in dem das gepreßte Oel gesammelt wurde. Einige dieser Einrichwngen waren sehr groß und enthielten mehrere Pressen. Oft waren sie auch durch ein römisches Kastell gegen Wüsteuränber geschützt. Die Gegend von Tripolis war die ausgiebigste Oelgegend der römischen Welt. Die Stadt Leptis mußte allein Cäsar.100 000 Pfund liefern. Severus, der ans dieser Stadt stammte, erhielt so große Kontributionen von den Städten in Tripolis, daß nach seinem Tode eine genügende Menge Oel zurückblicb, um die Bäder und Gymnasien nicht nur vou Rom, sondern auch von anderen Städten Italiens zu versorgen. Daß das ganze jetzt fast völlig verwüstete Land in den Zeiten vordem Einbruch der Araber dicht mit Olivenwäldeni bedeckt gewesen sein muß, zeigt auch die große Zahl der Reste von Oelprcsse», die sich überall im Laude finden. Daß aber die Oelpressen später als alte„Idole" angesehen wurden, suchte einer der Redner so zu erklären: Während der Kriege Justiuinns wurde die alte Oelindustrie zerstört und die Gegend thatsächlich entvölkert: dann sei sie von einem heidnischen, Steine anbetenden Stamme besetzt und von diesem, da er ihre eigentliche Bestinmmng nicht erkannte, als Gegenstand der Götzen- Verehrung benutzt worden. Die Araber hätten dann diesen feststehenden Gebranch vorgefunden und die Steinbauten dementsprechend „ssnams"- Idole genannt Ein Anderer machte denigcgenüber darauf aufmerksam, daß die Araber vor Mohmned selbst Steiuanbetcr gewesen wären und Spuren davon ancb jetzt noch unter ihnen gcfimdeu würden, sie könnten also selbst auf diese Deutung der Oelpressen gekommen sein: ebenso wurden an der syrischen Küste römische Meileusteine häufig als„detbsls" benutzt und mit Oel gesalbt. Auch darauf wurde hingeiviescn, daß in Japair noch heute ganz ähnlich loustrnirte Pressen im Gebrauch sind.— Geographisches. — D i e größte Meerestiefe ivurde bisher zu 8515 Meter angenommen. Diese Tiefe ist vor einer Reihe von Jahren durch die „Tuscarora", ein amerikanisches Schiff, im Südwesten der Insel Urup inr Kurilenarchipel unter 4A Gr. 45' nördlicher Breite und 152 Gr. 26' östlicher Länge gemessen Ivorden. Nach der„Revue scientifique" hat nun das englische Kriegsschiff„Pingonie" zwischen de» Gcsellschafts- und den Kcrmandek-Jnseln Mecrestiefcn von mehr als 9006 Meter erreicht, und zwar an mehreren Stellen, die durch Zwischenräume getrennt sind, wo die Tiefe weit geringer ist, derart, daß dadurch die Regel bestätigt wird, daß die größten Tiefen sich nicht anf hohem Meere, sondern in der Nähe des Landes finden.— Aus dem Pflanzenleben. — Ein i n t e r e s s a n t er B a u m, eure Wellnigtomu xigjantsn (Sequoia), auch Mamniuthbaum oder kalifornische Riescntanne ge- nannt, steht in einem Garten zn Wachenheim iRheinpfalz). Er hat eine Höhe von 21 Metern oder 74 Fuß, Stammumfang am Boden 4 Meter— 14 Fuß, Stammumfang 8 Meter vom Boden 1,20 Meter Dieser Baum wurde 1848 als schivache Pflanze ans England be- zogen im Alter von etwa sechs Jahren, ist demnach nun 57 Jahre alt und bürste jetzt wohl eines der stärksten Exenrplare in ganz Deutschland sein. Bor etwa 80 Jahren wurde die Wellingtonie in England eingeführt und verbreitet; ihre Hcimath ist Kalifornien. Der Banm ivurde kürzlich photographisch aufgenommen, um das Bild einem Werke:»Interessante Bäume Deutschlands" bcizufügeu.j— Geologisches. — Die Entstehung der Diamanten. Die künstliche Darstellung von Diamanten gelang bekanntlich Moissan, indem er Kohle in geschmolzenem Eisen löste und dieses dann plötzlich so weit abkühlte, daß die Masse eine feste Rinde erbielt. Ursache der Eni- stehung ist der Umstand, daß sich die noch fliissige Masse im Innern der festen Schale nicht mehr der Volumenzunahme beim Erstarren des Eisens entsprechend stei ausdehnen kann. Es entsteht hierdurch ein sehr bedeutender Druck, welcher das Krystallisiren des ans- geschiedenen Kohlenstoffes bedingt. Nach analoge» Erscheinungen, z. B. bei Arsen, kann man annehmen, daß der Kohlen- stoff unter dem hohen Drucke, welcher bei den Versuchen Moissan's herrscht, zunächst in den flüssigen und dann in den festen Zustand übergeht. Aus dem Eisen erhielt Moissan die Diamanten dadurch, daß' er dasselbe mittels Säuren auflöste. CrookeS glaubt, daß. wenn es möglich sein werde, den Kohlenstoff bei hinreichend hoher Temperatur, etwa 5800 Grad Celsius, einem geniigcnden Drucke, etwa 2300 Atmosphären, auszusetzen, es gelingen werde, den- selben zu verflüssigen und dann auch größere Diamanten zu er- halten. In ganz ähnlicher Weise kann man sich, nach einer Mit- theUung des Patent- und technischen Bureaus von Rich. Luders in Görlitz, auch die natürlichen Diamanten entstanden denken und die geologischen Verhältnisse der Fundstätte widersprechen dieser An- nähme durchaus nicht. So sind die diamantführenden Krater der südafrikanischen Diamantfclder offenbar nicht nach der gewöhnlichen Art vulkanischer Eruption entstanden, denn die umgebenden Wände weisen keine Zeichen von Feuerwirkung auf. Diese Krater lvurden, nachdem sie entstanden Ivaren, von unten her ausgefüllt und die in einer früheren, weit entlegenen Zeit ge- bildeten Diamanten wurden in einem Schlannnvulkane gemeinsSast- lich niit allerlei Trümmern ausgeworfen, die von den anstoßenden'Ge- steinen abgelöst waren. Dabei ist der Boden stark eisenhaltig; ja die Eisenhaltigkcit des Bodens gilt beim Volke geradezu als An- zeichen für das Vorhandensein von Dianianten. Crookes glaubt daher, daß die dortigen Diamanten sich in der Tiefe aus ge- schiuolzencm Eisen ausgeschieden haben, womit auch ihr Eisengehalt nbcreinstimmt. Ferner sprechen dafür die oft tropfenartige Gestalt. die eigene gleichartige Ausbildung ohne bemerkbare Anwachsstelle. Desgleichen stehen der Spnnnungszustand, in welchem sich, wie das optische Verhalten zeigt, die Diamanten oft befinden, sowie die zu- weile» von ihnen eingeschlossenen koinprimirten Gase mit der An- nähme jener Entstchungsiveise im Einklänge. Man kann sich mit Crookes die Bildung rind Jsolirung der Diamauten dcnmach folgendermaßen denken: In hinreichender Tiefe befanden sich Kohlen- stoff aufgelöst enthaltende Massen geschmolzenen Eisens unter großem Drucke und von höher Teinperatur, bereit, beim Abkühlen aus- zukrhstallisircn. In iveit von der Gegenwart zurückliegender Zeit bewirkte dann die Abkühlung von oben her Risse in den überliegen- den Schichten, durch welche Wasser seinen Weg fand. Dieses wurde in Gas verwandelt, als es das glühendflüssige Eisen erreichte. Hier- durch konnte es schnell die Kanäle einschneiden, durch welche es hin- durchging, um einen Ausweg zur Oberfläche zu finden. Dampf greift geschmolzenes und selbst rothglühendes.Eisen rasch an, oxydirt das Metall. Letzteres zerfällt, und es werden große Mengen Wasser- stoff gleichzeitig mit geringen Mengen verschiedener Köhlenwasser- stoffe frei. Die vom Dampfe begonnene Erosion, d. i. Durch- brechuug der übcrliegenden Schichten durch Einschneiden von Kanälen, ivird von de» anderen Gasen fortgesetzt, und es ist leicht möglich, daß Krater von der Weite, ivie sie in Südafrika gefunden werden, in dieser Weise ausgeschnitten wurden.— Humoristisches. — Offenherzig. Mutter:„Gieb der Tante eine Hand zum Abschied, Karlchen,— nun, wie sagt man denn, wenn die Tante fortgeht?" Karlchen:„Endlich allein!"— — Variante. Sage mir, ivas für A n s i ch ts- P o st« karten Du hast und ich will Dir sagen, mit wem Du umgehst!— — Der Schreihals. Menagerie-Besitzer(zum Ausrufer):„Seien Sie mal einen Augenblick ruhig, Müller, die Herrschaften wollen die Thiere brüllen hören!"— („Lust. Bl.") Notizen. — Die nächste Auffühning der Vereinigung für„h i st o r i s ch- moderne F e st s p i e l e" im Neuen Theater,„A m p h i- tryon" von Heinrich von Kleist, soll am 5. März statt- finden.— — Julius L i e b a n soll einer Mittheilung des„B. B. C." zu- folge sein Entlassungsgesuch eingereicht haben, weil er sich mehrfach hintangesetzt fühlte und wegen angeblich nn- begründeter Kran kin e l d u n g mit einem Gage nabzug von siebenhundert Mark bestraft wurde.— — Die erste Aufführung des Oratoriums„Lazarus" von Perosi im Opernhause wird Anfang März unter Leitung des Kapellmeisters Dr. Muck stattfinden.— — In der Ausstellung der Werke bon Her m ine von Preuschen sind bisher 32 Werke verkauft worden.— Buchcr-Einlnuf. — Bruno Wagener. Heilandsliebe. Ein soziales Drama. Leipzig, Wilhelm Friedrich.— — Debüt de La forest, die Gekreuzigte oder die Märtyrerin der Liebe. Pariser Sittcnroman. Deutsch vonLudwig Wechsler. Berlin, Adolf Willdorff.— — Fritz L e n n a r, Mit den: Eselskinnback. Ein Promemoria fürs sinkende Jahrhundert. Nebst anderen Glossen. Stuttgart, Wir-Verlag(E. Krauß.) 1,80 M.— — Georg Brandes, Julius Lange. Uebersetzt von Alfred Forster, Leipzig, H. Barsdorf.— — GustavBorcherding, der Heidedichter August Freudenthal. Eine literarische Charakterskizze. Bremen, Stühle u. Schlenker. 50 Pf.— — Arbeiter-Liederbuch für vierstimmigen Männerchor. Herausgegeben von Josef S ch e n. Dresden. I. Günther. Partitur 80 Pf., Stimmen 40 Pf.— — F-ernanda LankeS-Uhlemann, Philologin, Die Stellung und Erziehung der Frau zur Ehe. Wien, Josef Dietl. 70 Pf.-_ Verantwortlicher Redakteur: August Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.