Nnterhaltlmgsblatt des Horwärts Nr. 40. Freitag, den 24. Februar. 1899 (Nachdnick verboten.) Dcv letzte Tag eines Veeuekhvilten* 13) Von Victor Hugo. Aus dem Französischen von Paul Linse mann. XXXIX. Sie sagen, daß es gar nicht so schlimm sei und daß man keine Schmerzen leidet, daß es ein sanftes Ende und daß das Sterben auf diese Art sehr vereinfacht sei. So I Also dieser sechswöchentliche Todeskampf und dieses Röcheln des ganzen letzten Tages ist garnichts? Die schreck' liche Angst dieses garnicht wieder gut zu machenden Tages der so langsam und doch so schnell verfließt, bedeutet nichts? Welche riescnlange Leiter der Qualen, die auf dem Schafott endigt l Augenscheinlich heißt das nicht„leiden". Ist es nicht ebenso schrecklich, wenn dem Verstände Ge danke auf Gedanke erlischt, als wenn das Blut Tropfen für Tropfen entrinnt? Und dann, sind die Leute so sicher, daß man nicht leidet? Wer hat es ihnen gesagt? Hat man je ge hört, daß ein abgeschlagener Kopf sich blutig wieder am Rande des Korbes ausgerichtet uud dem Volke zugerufen hat:„Das thut gar nicht weh 1" Sind die Tobten, die sie auf ihre Weise ums Leben ge- bracht, wiedergekommen und haben ihnen dankend gesagt: „Eine famose Erfindung. Halten Sie ja fest daran. Der Mechanismus ist ausgezeichnet." Vielleicht Robespicrre? Vielleicht Ludwig XVI.? In iveuiger als einer Minute, als einer Sekunde und die Sache ist erledigt. Haben sie sich jemals nur in Gedanken an die Stelle desjenigen versetzt, der da liegt, im Augenblick, wo das schwere Fallbeil das Fleisch zerschneidet, die Nervenstränge zerreißt, die Wirbelknochen zerbricht?... Ach was I Eine halbe Sekunde! Den Schmerz spürt man kaum... Entsetzlich l XL. ES ist sonderbar, daß ich unaufhörlich an den König denke. Ich vernehme eine Stimme in meinem Ohr, die mir unaüf- hörlich zuflüstert: „In dieser Stadt, zu dieser Stunde und nicht weit von hier ist in einem andern Palast ein Mann, der auch Wachen an allen Thüren hat, ein Mann, im ganzen Volke einzig in seiner Art, wie du, nur mit dem Unterschiede, daß er ebenso hoch steht, wie du niedrig. Sein ganzes Leben, Minute für Minute, besteht nur aus Ruhm, Größe, Ver- gniigen und Zerstreuung. Alles um ihn her ist Liebe, Hoch- achtuug und Verehrung. Die lautesten Stimmen werden leise, wenn sie mit ihm sprechen, und die stolzesten Stirnen neigen sich. Nur Seide und Goldschimmcrn vor seinen Augen. Um diese Stunde hält er einen Ministerrath, wo alle seiner Meinung sind, oder er denkt an die Jagd von morgen, an den Ball von heute Abend und kann sicher sein, daß bas Fest zur festgesetzten Stunde beginnt, und überläßt Andern die Vor- bercitungcn zu seinen Vergnügungen. Und dieser Mann be- steht aus Fleisch und Knochen wie du I— Es würde genügen, um das Schafott zu stürzen, um Alles dir wiederzugeben: Leben, Freiheit, Glück, Familie, wenn Er mit dieser Feder die sieben Buchstaben seines Namens*) an das Ende eines Papier- setzens schrieb— ja es genügte selbst, wenn seine Karosse Deinem Karren begegnete!— Und es würde ihm vielleicht auch recht sein— und es wird nichts davon geschehen! XLI. Auf! Zeigen wir Muth vor dem Tode, packen wir den schrecklichen Gedanken mit beiden Händen und sehen wir ihm fest ins Gesicht. Er soll uns Rechenschaft ablegen, damit wir wissen, was er ist, und was er von uns will. Betrachten wir ihn von allen Seiten, entziffern wir das Räthsel und blicken wir einmal in das Grab. Ich glaube, sobald meine Augen geschlossen sind, werde •) Gemeint ist Karl sCharles) X., der Bruder Ludwigs XVI., der 1824 zur Regierung kam und im Juli 1830 vertrieben wurde. ich eine große Klarheit und Abgründe voll Licht erblicken, wo mein Geist ohne Ende hinabwallen wird. Der Himmel wird von selbst so strahlen, daß die Sterne davon wie dunkle Flecke erscheinen und anstatt, wie sie für menschliche Augen waren, Goldflimmer auf schwarzem Sammet, werden sie wie schwarze Tupfen auf Goldstoff aussehen. Aber, es könnte ja auch ein gräßlicher, tiefer Abgrund sein, dessen Wände mit Finsterniß überzogen wären, in den ich endlos falle und Ge- stalten erblicke, die sich im Schatten hin und her bewegen. Oder ich befinde mich, wenn ich nach der Köpjüng wieder aufwachte, auf einer feuchtglitschigen Ebene, krieche in der Dunkelheit umher und drehe mich wie ein rollender Kopf um mich selbst. Vielleicht weht dort ein starker Wind, der mich vor sich hin treibt, und ich werde da und dort von anderen rollenden Schädeln gestoßen. Da werden auch Pfützen und Rinnen sein, gefüllt mit einer schwärzlichen lau- warmen Brühe. Wenn meine Äugen sich nach oben richteten, würden sie nur einen finsteren Himmel erblicken, und in der Ferne ganz hinten große Rauchsäulen, die noch dunkler als die Finsterniß sind. In der Nacht schwirren kleine rothe Fünkchcn umher. Wenn sie herankommen, sieht man, daß es feurige Vögel sind. Und so wird es in der ganzen Ewig- keit sein. Auch können zu gewissen Zeiten die Tobten des Gr-ve- Platzes sich in dunklen Winternächten auf dem Platze ver- sammeln, der ihnen gehört. Das wird eine bleiche und blutige Menge sein und ich Iverde nicht dabei fehlen. Kein Mond wird scheinen uud mit leiser Stimme wird man sprechen. Das Stadthaus wird dastehen mit seiner zerfressenen Fassade, seinem ausgezackten Dach und seinem Zifferblatt, das un- barmherzig für Alle gewesen ist. Auf dem Platze wird eine Guillotine der Hölle stehen, worauf der Teufel einen Henker hinrichtet. Das wird um vier Uhr Morgens sein. Wir unsererseits werden diesmal die schaulustige Menge sein. So wird es wahrscheinlich sein. Aber wenn diese Todten als Gespenster umgehen— in welcher Gestalt werden sie da erscheinen? Was behalten sie von ihrem verstümmelten Körper? Was wählen sie? Wird der Kopf oder der Rumpf das Gespenst sein? Was wird der Tod mit unserer Seele machen? Welche Beschaffenheit läßt er ihr? Was hat er ihr zu nehmen oder zu geben? Wohin versetzt er sie? Verleiht er ihr zuweilen menschliche Augen, damit sie auf die Erde sehen und weinen kann I Ach I Einen Priester, einen Priester, der das weiß l Mein Gott, wieder der von vorhin! XL1I. Ich habe ihn gebeten, mich schlafen zu lassen, und habe mich auf das Bett gelegt. In der That, das Blut strömte mir zu Kopf, und daS schläferte mich ein. Das ist mein letzter Schlaf in diesen» Leben. Ich hatte einen Traum. Ich träumte, es sei Nacht. Mir kam es vor, ich sei mit zwei oder drei meiner Freunde, ich weiß nicht mehr, mit welchen, in meinem Zimmer. Meine Frau hatte sich im daranstoßenden Schlafzimmer zur Ruhe begeben und schlief neben ihrem Kinde. Wir unterhielten uns mit leiser Stimme, meine Freunde und ich, und was wir sprachen, erschreckte uns. Plötzlich glaube ich ein Geräusch in einem der Zimmer meiner Wohnung zu hören, ein schwaches, seltsames und un- bestimmbares Geräusch. Meine Freunde hatten es wie ich gehört. Wir lauschten: es war, als ob man heimlich ein Schloß öffnete oder als ob ein Riegel leise durchfeilt würde. Es lag etivas darin, daß uns eiskalt überlief: wir hatten Furcht. Wir dachten, daß vielleicht Diebe da seien, die sich um die schon ziemlich vorgerückte Nachtstunde in mein Haus geschlichen. Wir entschlossen uns nachzusehen. Ich sprang auf und ergriff ein Licht. Meine Freunde folgten mir einer hinter dem andern. Wir durchschritten das benachbarte Schlafzimmer. Meine Frau laa dem Kinde in festem Schlaf. Dann kamen wir in den Salon. Nichts zu sehen. Die Portraits hingen unbeweglich in ihren Goldrahinen auf der rothen Tapete. Aber an der Thür vom Salon zum Speisezimnier schien mir jemand gewesen zu sein. Wir traten in das Speisezimmer und gingen an den Wänden entlang. Ich an der Spitze. Die Thür nach der Treppe und die Fenster waren wohl verschlossen. Als ich in die Nähe des Ofens kam, sah ich, daß der Wäscheschrank offen stand, und daß die Thür dieses Schrankes nach der Wandccke zu aufgesperrt war. wie um diese zu decken. Das überraschte mich. Wir ahnten sofort, daß jemand hinter der Thür stecken müsse. Ich zog mit der Hand an der Thür, um den Schrank zu schließen, aber sie gab nicht nach. Verblüfft darüber, zog ich stärker, sie gab Plötzlich nach und eine kleine alte Frau kam zum Vorschein, mit herabhängenden Händen, die Augen geschlossen, unbeweglich, aufrecht dastehend und wie angekettet in der Wandecke. Es war ein schauerlicher Anblick und meine Haare sträuben sich noch, ivenn ich daran denke. Ich fragte die Alte: „Was machen Sie hier?" Sie antwortete nicht. Ich fragte weiter: „Wer sind Sie?" Sie antwortete wieder nicht, rührte sich nicht und hielt die Augen geschlossen. Meine Freunde sagten: „Ohne Zweifel eine Mitschuldige der Diebe. Sie selbst sind entwischt, als sie uns kommen hörten: sie hat nicht ent- fliehen können und hat sich hier versteckt." Ich befragte sie von neuem, aber sie blieb stumm, ohne sich zu rühren, ohne die Augen aufzumachen. Einer von u:ls gab ihr einen Stoß, sie stürzte zur Erde nieder. Sie stürzte wie auf einen Schlag hin. wie ein Stück Holz. wie ein todter Körper. Wir stießen sie mit dem Fuße an; dann hoben zwei von uns sie wieder auf und stellten sie von neuem an die Wand. Sie gab noch kein Lebenszeichen. Man schrie ihr ins Ohr, sie blieb stumm, als ob sie taub sei. tFortsetzuiig folgt.) Feiedvtöz Spielhttgen. (Zu seinem 70. Geburtstag.) Wenn heute irgend wer vollen Grund hätte, den Nommidichtcr fsriedrich Spielhagen zu feiern, so wäre es die bürgerlich-libcrale Welt. Wenn sie es nicht mehr mit reinstem Gewissen thim kann, so liegt es an ihr und nicht an ihrem Dichter. Sie ist älter ge- worden, manches an ihr ist verweichlicht, manches entartet; er aber ist in seiner Weise jung geblieben. Vom schwunghasten Idealismus, der einstmals die. bürgerlich- liberale Gesellschaft erfüllte, ist er nicht gewichen. Das ließ ihn austecht stehen; und so lebt er denn mitten unter uns. ein Bürger Berlins, in frischem Alter. Seine elastische Gestalt ist ge- sckimeidig geblieben, sein Wesen ist leicht erregbar, sein Auge blickt frisch und frei; es ist nicht trüb geworden, als wäre die Hoffnung in der Seele Spielhagews erstorben. Vor einem aufrechten Manu zu salutiren, ist wohl geziemend; auch wenn nian nicht die gleichen Götter, wie er, verehrt, und wenn nian selbst die Ueberzeugung hegt, daß sein ideelles Wirken nicht in die Zukunft reichen werde. Als Friedrich Spielhagen seinen sechzigsten Geburtstag feierte, da war der damalige Minister Goßlcr so unvorsichtig, dem demo- kratischen Spielhagen in sehr herzlichen Worten Glück zu wünschen. Minister sind bisweilen so unvorsichtig, besonders bei festlicher Veranlassung. In der Werktagsstimmung Pflegen sie sich dann selbst zu korrigiren. Die„Kreuz-Zeitimg" war aber damals dennoch ernstlich böse; und von ihrem Standpunkt aus mit Recht. Was der Mann künstlerisch, was er geistig-idcell zu bedeuten hätte, wie er in feiner Weise auch ein Mehrcr vaterländischer Geistesarbeit wurde, das bekümmert die.Kreuz- Zeitung" nicht: Er riecht nach 1848 und dieser Ludergenich genügt, ihn zu verdammen. Seit zehn Jahren ist es um die Geistesfreiheit noch enger geworden, und nicht blos in Deutschland. Besorgt mögen Manche fragen, ob Herr Bosse heute ebenso a�s Gratulant sich einstellen werde, Ivie Herr v. Goßler noch vor zcbn Jahren? Es giebt immer nofb Leute, die derlei ungeheuer wichtig nehmen. Spielhagen läßt sich nicht rein litcrar-küustlerisch betrachten, wie etwa die bedeutenden Schweizer Erzähler Gottfried Keller und Ferdinand Meyer. Seine Künstlerschast steht nicht so hoch; sein agitatorisch-politisches Temperament lodert zu lebhaft. Faßt man die Geistesgeschichte Deutschlands in. Großen, so steht Spielhagen literarisch zwischen dem jungen Deutschland, das die Romantik überwand und freiheitlich aufklärende Tendenzen hatte, und zwischen jener literar-künstlerischen Bewegung, die etwa um die Mitte der achtziger Fahre in Deutschland anbrach und mannigfach von sozialistischen Motiven beeinflußt war. Mit dem junge» Deutsch« land theilt Spielhagen das Pathos, wohl auch die lehrhaste Ab- sichtlichkeit. Wie Heinrich Laube im.Jungen Europa", wie Gutzkow in den„Rittern vom Geiste", im.Zauberer von Rom" den Zeitroman pflegen, der in weitem Rahmen die Gcisteskämpfe einer bestimmten Gegen- wart umspanne» soll, so versucht es auch Spielhagen von seiner liberal-demokratischen Weltanschauung aus. die Zeitfragen in um- fassenden Romanen zu erörtern. Auf die Weite des UmblickS kommt es ihm dabei mehr an, als auf künstlerische Verttefung. Wenigstens in der Mehrzahl seinerWerke. DerGruudtonbleibtpathettsch. DicS Pathos ist aber nicht mehr so sturmbewegt, wie in jenen Tagen, da die„eiserne Lerche"(Herwegh) sang, noch ist es niit Bitterkeit durchsetzt, wie das innere Pathos in der moderneren Auklageliteratur, denn Spielhagen ist, wenn er auch manches Fragezeichen setzt, im Ganzen doch ein Mann der Gläubigkeit. Er vertraut der bürgcr- lichcn Ordnung, der bürgerlichen Gemeinschaft, wenn sie tapfer und tüchtig in Reih und Glied steht. Er zeigt darin Wesensverwandt- schaft mit dem weniger geistreichen, weniger politisch erregten, aber gestaltuugskräftigercn Gustav Frcytag. Es ist darum einem neuen Geschlecht schlver, sich vorzustellen, wie in den sechziger Jahren und noch nach siebcnzig die Romane Spielhagen's unmittelbar zündeten, wie sie die akademische Jugend zumal beschäftigten, wie sie Keime Spielhagewschcr Weltanschauung verbreiteten: so daß es geradezu piltzig erscheint, wenn irgend ein gespreiztes liberales Herrchen heute, weil es mit rhetorischem Brustton prunken kann und als„Politiker" gefeiert wird, sich so geberdct, als hätte er Wunder was gcthan. Man kann auch statt des liberalen sich andere politische Herrchen vorstellen. Für die humorvolle Bctrachttmg der Welt ist Spielhagen's Weise nicht ge- schaffen. Seine Kunst ist hierzu nicht naiv genug, im Sinne der Schiller'scheu Aesthctik. Sie ist eher sentimental- rhetorisch. Dies Senttmeutalische drängt sich auch in den Romane» vor, die sich im Großen vom Tendenziösen frei halten und die. künstlerisch gesehen, zu den besten Arbeiten Spielhagen's zählen. So in der berühmt gewordenen„Stunnfluth". Sentiinentaliich ist ailch die Art, wie Spielhagen Mnsscnbelvegnngen faßt. Es fällt ihm schlver, zu realer Klarheit zu gelangen. Wenn er des sozialen Leides gedenkt, so ist er als Dichter natürlich ivcit davon entfernt, so wenig Mitgefühl zu kennen, wie zur Zeit ein Thcil der liberalen Gemein- schaft selber. Aber doch hat er so viel vom OrduungSpastor in seinem Geblüt, daß er nicht ctlvaS wie mystisches, geheimes Bangen empfände. Die gährende Bewegung bereitet ihm einige Pein. In seiner ganzen Knustmanicr lebt die romanhafte lieber- treibung. DaS Kräftige wird ihm leicht zum Dämonischen, wenn es seine Anttpathie reizt. Das Boshaft? zum Satanische». So entfernt er sich leicht von der Wirklichkeit der Dinge und bc- leuchtet phantastisch, effcktrcich. Manchmal erscheint ihm das preu- ßische Jnnkerthum in ähnlicher Färbung, wie einem Sndcruiann. Die uaiv-mcnschlichen Maße verschwinde». Die aufgepeitschte nervös- nnruhige Phantasie glaubt übermenschliche Gestalten zu schauen. Was außerhalb des bürgerlichen Geleises sich bewegt, reizt diese Phantasie. Das sensible Hirn sieht dann Gestalte» in übernatürlicher Größe, in übernatürlichen Konturen. Dann bekomnien diese Gestalten etwas Theatralisches, maskenhaft Starres. So ist es, wenn er an das irreguläre Maß eines Bismarck oder eines agitatorischen Genies, wie Lassallc denkt. In seinem Zeitroman.In Reih und Glied" modelt er sich z. B. einen Lassalle. Selbstverständlich nicht im trivialen Sinn eines Schlüsselromans, wo durchsichtige Anspielungen gemacht werden, um ein scusationsliisternes Publikum zu reizen. Das kann Felix Philipps auch, wenn er Bismarck in das Gewand eines alten entlasscnen Fabrikdirektors steckt. Den Schlüssel zu den inneren Gesetzen, die in Ferdinand Lassalle nothwendig wirken, ivollte Spielhagen finden. Aber die Einzelzüge verrinnen bei Spielhagen, der kein sonderlicher Bildner ist. Vor der überhitzten Phantasie taucht ein Spuk auf. Das Genie des'Modells wächst zu ungeheuerlicher Größe; aber ebenso der tragische Dämon in seiner Brust, der Wille zur Macht, die Leidenschaft des Gehirns, die schließlich alle Gemüthsrcgnngcn tödtet»nd den Helden selber, nachdem er über Leichen geschritten, zum verziveifclten Ende treibt. Nirgends ei» Lächeln über Menschlichkeiten, alles das stocksteif düster vorgetragen I Das läßt die Zeitromane Spielhagen's, so geistreich ausgebaut, so stimmungsvoll sie im Einzelnen sind, gerade für den Leser, der zu anderer Beobachtuugsweise sich geschult hat, veraltet erscheinen. Der Hauptrnhm Spielhagen's niht trotz Allem im Roman. Was er fürs Theater schnf, was er als Lyriker samnieltc, das zündete nicht, wie die Erzählungen zu ihrer Zeit zündeten. Ein arbeitsreiches Leben liegt hinter Spielhagen. Auf die Kreise, auf die er wirken ivollte, hat er gewirkt. Bald waren seine Werke Ivie ein Weckruf, bald eine Mahnung zur Einkehr. Zu den bestimmenden Geisteni, die vorwärts treiben, gehörte er nicht. Aber in jener Zeit, wo sein Fühlen auf reichere Verwandtschaft stieß, als heute, hat er zu den Gemüthern eindringlich zu reden verstanden; und das ist gewiß nicht wenig. Vor vierzig Jahren erschien das Buch, daS Spielhagen's Namen zuerst und mit einem Schlag im geistigen Dasei» Deutschlands berühmt machte: cS waren die„problematischen Naliiren". Ter- Roman erschien zu einer Zeit des Drucks, der Müdigkeit und frömmelnder Reaktion. Er>var ein Zeitdokumcnt geworden. Seither schuf Spielhagen. Sein Lebenswerk war nur durch emsigen Flcijj möglich. Aber wiewohl er zu den angesehensten Schrislstellcrn Deutschlands zählt, Rcichthümcr hat er nicht erworben, Geld hat er nicht gemacht. An der Elbe zu Magdeburg ist er nrn 24. Februar 1827 als Sohn eines Rcgierungsraths geboren, die Ostsccküstc, Stralsund und Rügen nennt er seine wirkliche Hcimath. Dorthin ward er als Kind verpflanzt, von dort holte er die ersten Jugendeindrückc, die am tiefsten haften bleiben. Später studirte er. Philologe sollte er werden. Bald trieb es ihn zur Literatur; er arbeitete im Zeitnngs- feuilleton und übernahm eine Stelle als Redakteur. Das Aufsehen, das die»problematischen Naturen' machten, führten ihn vollends der freien Schriftstellcrci zu..Hammer und AniboS' und die»Stnrm- fluth' gelten als die reinsten künstlcrischcu Gaben, die Epiclhagen nach seiner Natur den deutschen Lesern zu bieten hatte.——ß. Kleines»Aeuillelon. — Spielkarten. Man schreibt uns: Zu dem vorgestrigen Feuilleton über Spielkarlen erlaube ich mir mitzuthcilcn, datz ich ein alpines Kartenspiel»Hundert und onus" kenne, das alten, italienischen Ursprungs ist und ganz deutlich die vier Klassen darstellt. Es sind 86 Karten in Bertvendung: je neun Spade sital.=- Schwerter, Säbel), Coppe(— Kelche— psäffisch), Denan(runde, gelbe Münzen) und Bastone(Rübe). Ich hab's sowohl auf dem Jndcnbnrgcr Baucrnwcg. als im Gailthal an der Grenze WelschlmidS, unterm Placken zu Tunau, Ivo noch nnt schwarzer Kreide am Saumweg steht:»Vis. per lZsrmania" und im Lungan Sefunde». Natürlich in abgelegenen Hochthälern. Sonst herrschen axcn, Brandln, wo der Bauer den Herren stechen kann, und Itaab biato vor.(Laub bieten ist tirolisch). Tie lateinischen Worte verdolmetschte sich daZ Boll und sagt: Spotz'en, sprichwörtlich beim Kartenspiel:»Spohcs san koani Amerling!" Dönorre, Koppel für Toppe und Max'l für Baston,(auch Baschtl). Die Karten, ivcnn lang gebraucht sind, sehen auf den Lcdhöfcn oder in enger WirthSeinsainkcit. wie die Schindeln ans. Sie sind voll steifen Drecks n»d man könnte Schindeldächer mit ihnen flicken.— Dieselben Karten sind auch bei den Ezcchen in Gebrauch. Wegen der.Säbel' nnd.Kelche', in denen man clwaS.Hnssitischcö' zu sehen vcnncint, werden sie besonders von den Jung-Czcchcn bevor« zugt.— — Wie schüht»ia>« sich vor der Influenza? Ein Wiener Arzt, Dr. Karl Heitier, entwirst in».Wiener Tageblatt' folgende Schilde- rnng dieser Krankheit: Die Influenza ist eine miaömatisch-kontagivsc Krankheit in dem Sinne, das; die MiaSuicn thcilwcisc ans dem Boden unter tcllnrifchcn Einflüsse» erwachsen. thciliveise der Krankheitskcim jedoch im Wege dcS Kontagiums von Per- son zu Person übertrage» werden kann. Die Krankheit vermag jedes Organ zu bcsallcn, und es werden, wie gewöhnlich. jene Organe zumeist ergriffen. welche über« Haupt geringe Widerstandsfähigkeit besitze». ES ist zivar eine alte Phrase, die vom»locus minoris resistentiae' spricht, allein sie bleibt ewig neu. ES ist eine Thatsachc, das; Individuen, die zu Erkrankungen der Reipiralionsorgane, deS Danncs, des GchörS it. f. iv. neigen, auch sür die Influenza am cmpfänglichsie» sind. Iin Allgemeine» kann gesagt werde», dast minder widerstandsfähige Menschen mit ge- schwächte»! OrganismnS die besten AngriffSobjelte für die Influenza bilden. Einen absoluten Schutz gegen die Krankheit giebt cS nicht. Relativ kann man sich auf zwei Wegen vor ihr schützen. Erstens dadurch, da st man den tellnrischcn Einflüssen anszmoeichcn trachtet. Das ist allerdings leichter gesagt, als gethan. Demi nicht jeder ist in der Lage, einen hochgelegenen Ort anfzujnchcn, ivcnn Nebel die Lust erfüllen. Vor allem aber trachte man, den Körper durch kalte Waschnngcn, Ab- rcibnngcn und gute Nahrung zn stählen. Ilnter den an Influenza erkrankten Individuen hat man wieder zwischen geschwächten und kräftigen Personen zn unterscheiden. Die crstercn sollen zn Bette gehen nnd den Körper ausnihcn. Gegen daS Fieber sind kalte Ein« Packungen des ganzen Körpers in Anwendung zn bringen. Antipy- retika jedoch weniger zn empfehlen. Kräftige Leute jedoch werden durch foreirte Märsche nnd durch den Aufenthalt in frischer Luft ihre Gesundheit wiedererhalten.— ss. Langlebigkeit bei Irrsinnigen ist eine häusig beobachtete Thatsache, die neuerdings in England eine erhöhte Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Kürzlich starb in einem dortigen Asyl ein Mann, dessen Lebcnsgcschicht« jetzt viel besprochen wird. Im Alter von 20 Jahren verübte er einen Mordversuch und war bereits zu einer schivcrcn Strafe vcrnrtheilt, als man fand, dast er blödsinnig war�und ihn nach Bedlain schickte. In diesem Jrrenhanse blieb er 21 Jahre bis 1804. Dann wurde er in das neueröffnete Breadmoor- Asyl überführt, Ivo er noch über 34 Jahre lebte. Während der öd Jahre, die er im Irrenhaus verbrachte, soll er keinerlei Neigung zu Gewalt- thatcnnichr gezeigt haben, erwar ein ruhiger, fricdlichcrSchivachlopf, der sich meist nnt allerhand Spästcn abgab. Als er am Ansang dieses Jahres starb, ivar er 84 Jahre alt. als Todesursache wurde Alters- schwäche angegeben. Dr. Blandford hat kürzlich auf andere ähnliche Fälle hingeiviesen. In einem kleinen Asyl für bessere Stände lebten liiitcr seincr Aussicht gleichzeitig 24 weibliche Kraule. Bon diesen waren vier über 80 und drei über 70 Jahre alt, sie hatten 44 bis 52 Jahre im Jrrcnhausc verbracht. Die Berichte über andere englische Asyle, besonders die älteren Berichte, enthalten mehrere Fälle ähnlicher Langlebigkeit bei Geisteskranken.— Literarisches. kg. Eine groste Zahl merkwürdigerZeitungen und Z e i t, ch r i f t e n, von denen selbst die meisten Einheimischen keine Ahnung haben, giebt es in N e w- D o r k. Es sind dies die fremd- sprachlichen, ivobei aber die täglichen deutschen, französischen und italienischen Blätter gar nicht in Betracht gezogen werden. Es giebt unter den periodischen Zeitungen solche in arabischer, griechischer. russischer, türkischer, finnischer, polnischer, skandinavischer u. a. m. Sprache. Einige von diesen sind sogar älter als mehrere der grasten modernen Tagcsblättcr in Ncw-Iork. So ist besonders interessant die acht Seiten umfassende griechische Wochcnschrist.Atlantis', die in reinem Altgricchisch geschrieben ist. Sie besteht seit etwa sechs Jahren und hat neben ihrer Verbreitung unter den 15 000 Griechen in den Vereinigten Staaten eine groste Bedeutung für die amerikanischen und englischen Gymnasien gewonnen. Arabische Zeitungen giebt es mehrere, sogar ein tägliches Blatt .Kalvknb America'(»Stern von Amerika"); es vertritt die Interessen der Türken und aller Staatsangehörigen der Türkei, die austerhalb dieser wohnen, nnd ist über die ganze Welt verbreitet. Der Heraus- gcbcr rühmt sich, dast das Blatt, trotz seiner oppositionellen Haltung. Klbst in Konskantinopel viele Abonnenten habe. Ein ähnliches Journal ist.Al-Ayam'(»Chronik'), das wöchentlich zweimal er« scheint. Es führt einen Kampf gegen den Sultan im Interesse der Syrier, von denen, wie der Herausgeber behauptet, 175 000 w. Amerika leben sollen.„Al-Ayam", das«Organ der jungtürkischen Partei", ist ans rosa Papier gedruckt und illustrirt. In Oppo« sition zu diesen beiden steht ein drittes arabisches Blatt,„Al-Alam' („Die Welt"), eine Wochenschrift, von der man annimmt, dast sie von der türkischen Regierung unterstützt wird. Die Fehden zwischen beiden Parteien werden mit äußerster Erbitterung geführt. „Rarodni List' ist ein Blatt in kroatischer Sprache. Es ist das Sprachrohr sür die aus österreichischen Ländern kommenden Slavcn, die zum größten Thcil Bergleute sind nnd in Pennsylvania, Illinois. Montana und den beiden Dakotas wohnen, es hat unter diesen einen groste» Leserkreis.„Glas Naroda' ist ebenfalls ein slavischeS Wochenblatt. Den russischen Polen tvird von der»Hrvatske New Uorske Novine' die geistige Nahrung geliefert. Die Interessen der in den Vereinigten Staate» lebenden Russen werden im»Amerikansky- Rustky Wicstnil' wahrgeuommen, das Blatt tvird von einem eifrigen Patrioten, der auf den schönen slavischen Namen— John Smith hört, herausgegeben. Für die Finländer, die in Massachusetts. Michigan nnd Minnesota Kolonien haben, wird in Netv-Dork wöchentlich ein illn- slrirtcs Jonnial, in reinstem Finläudisch geschrieben, gedruckt. Sie haben übrigens ihre eigenen Schulen, und man erzählt, dast die dort angestellten Lehrer in der Regel viel eher von den Kindern das Fiiiländischc als diese von ihnen das Englische lernen. Die Skandi« navicr haben mehrere Blätter, das schwedische gehört zn den ältesten fremdsprachlichen Zeitungen in New-Aork. Ein armenisches Wochenblatt Hail findet guten Absatz; in der hebräischen Sprache werde» viele Tages-, Wochen- und Monatsblättcr gedruckt. Bis vor einem Jahre erschien auch eine chinesische Zeitung in Rew-Uork, sie ging aber, da sie keine Leser finden konnte, wieder ein.— Erzichliug nnd Unterricht. — Der Ausschuß für v o l k s t h ü m l i ch e ll n i v e r s i t ä t§« Vorträge in Dänemark erklärt sich, wie man der»Tägl. Rundschau' mittheilt. niit den ersten Ergebnissen seiner Thäligkeit zufrieden; die Bemühungen des Kopciihagener»Volks- Universitäts- Veroinö", den englischen llniversity Erstcnjion-llnterricht in Dänemark cinziiführeii, haben lebhaften Anschluß gefunden. Nach den Mitthei- liliigen, die dem von Ilniversitälslehrern eingesetzten Ausschüsse znge- gangen sind, hat man bisher an 15 verschiedenen Orten besondere llniveisitätsvereine errichtet und an zehn weitere» sind solche in der Bildung begriffen. Infolge dessen vermag der Ausschuß den an ihn herantretenden Wünschen um Veranstaltung von Vorträgen nur thcilwcisc zu entsprechen. Immerhin tvird dicicr Tage an 15 Orten mit den Vorträgen begonnen werde», wobei grostentheils ja � ein Dozent denselben Bortrag in inchrcren Städten hält. Die Gegenstände nnd Orte sind:„Neuzeitliche Raturlehre' in Kopenhagen und Ring- stcd;»Die Bakterien und ihr Leben' in Kopenhagen. Aarhus und Nanders;.Hauptabschnitte in der Geschichte der dänischen Sprache' in Kovenhagen;»Die produktive Arbeit und ihre Bedingungen' (Schaffungen der Wcrthc) in Kopenhagen, Ryborg, Kolding nnd Hclsingör;»Die Blüthczcit der städtischen Kultur'(besonders ii� dem alten Florenz und dem alten Nürnberg) in AarhnS und HorsenS: »Die ivirthschaftliche Entivickclimg Dänemarks' in Aalborg, Hjörring und FredrikShavn.— Die Hanptkosten tragen die örtlichen Vereine, doch steuern auch einige Kopenhagencr Stiftungen bei. Im klebrige» hofft man auf eine staatliche Unterstützung.— Völkerkunde. c. Einen Schlangentanz dcrüingeborenen auf den Pbilippiiicn schildert nach eigenen Beobachtungen der amerikanische Reisende E. F. Todd, der mehrere Jahre_ auf den Philippinen zugebracht hat, in folgender Weife:»Mein Führer, ein — 160— ■ Eingeborener, hatte nnch eingeladen, einem Schlangentanz, der beim Mondaufgang stattfinden sollte, beizuwohnen. Wir schritten durch dichtes Gestrüpp, bis wir plötzlich auf etwa vierzig Eingeborene sticheil, die völlig bewegungslos, wie aus Marmor gehauen, am Boden kauerten."Mein Führer hatte mich vorher gewarnt, kein Wort zu sprechen und kein Geräusch zu machen, da das de» Zauber brechen und den Zorn der Medizinmänner auf mich lenken würde, der ernstliche, vielleicht unheilvolle Folgen für mich haben könnte. Während einiger Mnutcn hörte mau keinen Laut, dann sprang hinter einem Baume eine abschreckende, nackte Gestalt hervor, iii jeder Hand eine sich krümmende Schlange haltend. Die Gestalt tanzte bis in die Mitte der Gruppe; zu ihr gesellten sich noch mehrere, die alle ans der halbdunklen Umgebung hervorschossen, bis etwa zwanzig nackte Wilde da waren, von denen jeder eine bis fünf Schlangen aller Arten und Größe hielt, und wie sie sich in Verrenkungen hin und her wanden, schienen Menschen und Schlangen eine sich windende Masse zu sein. Der einzige Laut, den man hörte, war da? Zischen der Schlangen. Die Zeremonie dauerte eine halbe Stunde, dmm warf jeder der Tänzer auf irgend ein verabredetes Zeichen seine Schlangen zur Erde und liest sie entschlüpfen. Ich war halbtodt vor Schrecken, als ich eine groste Schlange sich in der Richtung bewegen sah, in der ich mich befand: aber sie schlüpfte ins Dickicht.' Mein Führer erzählte mir später, dast diese Zeremonie zweimal jährlich vollzogen würde und dast man die Schlange immer entschlüpfen lieste; es sei aber nie vorgekommen, dast Tänzer oder Zuschauer von den bei der Feier benutzten Schlangen gebissen Ivurden."— Aus dem Pflanzenleben. — Ueber einen interessanten Fall vonPflanzen- ornithophilie, d. h. Anpassung des Baues der Blüthe an eine durch Vögel herbeizuführende Befruchtung, aus der chilenischen Flora lag der Akademie der Wissenschaften zu Berlin(Sitzungsberichte 1898) eine Mittheilung von Friedrich Joholv in Santiago (Chile) vor. Es handelt sich um Puya chilensis Mol., eine unter dem Namen„Cardon" bekannte, an der chilenischen Küste sehr verbreitete, riesige Erd- Bromeliacce. Der schenkcldicke Stamm breitet sich, fchlangenartig gekrümmt, mehrfach verzweigt und mit großen, schuppenförnngen, infolge von Feuer häufig verkohlten oder sonnengebräuntcn Blatt- resten bedeckt, am Erdboden aus. Jeder Ast trägt an seiner Spitze eine große Rosette von über hundert starren, meterlangen, schwert- förmigen und am Rande dornig gezahnten Blättern. Aus der Mitte einer der stärkeren Blattrosetten sprießt zum Beginn des dortigen Frühjahrs(im September) bei älteren Pflanzen ein mächtiger Blüthenstaud empor, der einschließlich seines armdicken Stieles bis zu drei Meter hoch wird und eine einfach zusammen- gesetzte Aehre von zylindrischer Gestalt und vom Umfange eines menschlichen Körpers darstellt. Jeder der 60 bis 80 seitlichen, schwach nach auswärt» gerichteten Zweige des Blüthen- standes trägt an seiner Basis etwa ein Dutzend kurzgestielter, ein wenig nach oben gerichteter Blüthen. die ihre Oeffnung dem Rande des Blüthenstandes zukehren. Oberhalb des die Blüthen tragenden Theiles sind die Zweige nur mit Hochblättern besetzt, die iii ihrer Achsel keine Knospen erzeugen. ES ragen also an jedem Blüthen- stande 60—80 nackte, anscheinend jeder Bedeutung entbehrende Zweig- enden in die Luft hinaus. Die einzelne etwa 4 cm lauge und 2 cm dicke Blüthe hat eine am Rande glockenförmig nach außen gebogene grünlichgelbe, geruchlose Blumeukrone, die von drei freien, mit überstehenden Rändern so fest an einanderschließenden Blüthenblättern gebildet ist, daß ein Ausfließen deS reich vorhandenen Nektars ver- hindert wird. Staubgefäße und Stempel lassen einen weiten Zugang zum Blütheiigrunde frei, die Selbstbefruchtung ist er- schwert, dagegen die Fremdbestäubung durch Körper, die nach einander in verschiedene Blüthen dringen, erleichtert.> Der großkörnige Pollen ist sehr klebrig und tiefgelb. Im Grunde her geöffneten Blüthe findet sich ein'/»— Vi Gramm schwerer Tropfen einer wasserhcllcn Flüssigkeit, die von de» mit langen Schlitzen sich öffnenden Septaldrüscn des oberständigen Fruchtknotens abgesondert wird, nur geringen Zuckergehalt besitzt und hauptsächlich bei Nacht abgeschieden wird, so daß der Nektarrcichthum der Blüthen während der Riorgenstunden. wo noch keine Flüssigkeit verdunstet ist, ani größten ist. Die Bestäubung der Puya-Bliithe wird in der Regel durch einen Bogel besorgt, der das im Grunde der Blumeukrone angesammelte Wasser trinkt und an dessen Kopf sich der klebrige Pollen anheftet. Es ist dies der in: Lande sehr verbreitete „Tordo" oder chilenische Staar, der an Farbe und Gestalt dem deutschen Staar sehr ähnlich ist. Um die süße Flüssigkeit, von der in jeder Blüthe ein bequemer Schluck vorhanden ist, zu erlangen, setzt sich der Staar auf eins der sterilen Enden der Seitcnzweige deS Blüthenstandes und trinkt hierauf die einzelnen Blüthen, die am Grunde des Zweiges sitzen und deren Oeffnung nach außen, also ihm zugekehrt ist, eine nach der nndeni aus. Die Staarc besuchen die Puya- Blüthe so regelmäßig, daß sie zur Blüthe- zeit der Pflanze statt des ihnen zukommenden rabenschivarzc» ein goldig gefärbtes Haupt besitzen. Am Fuße der Hauptcordillicren. wo die Puya cbilsusis mit gelbem Blüthenstaube durch die Puya coercula mit orangerothem Pollen vertreten wird, haben die Staäre zur Blüthezeit dieser Puha-Art