MterhaltungsMatl des Jorwärts Nr. 41. Sonntag, den 26. Februar. 1899 (Nachdmck verboten.) Vev letzte Tsg eines Vevuetheilten' Von Victor Hugo. Aus dem Französischen von Paul Linsemann. Schließlich verloren wir doch die Geduld, und Zorn mischte sich in unseren Schrecken. Einer von uns sagte zu mir:„Halten Sie ihr doch das Licht unter das Mnn." Das that ich auch. Da öffnete sie halb das eine Auge, es war glanzlos und erloschen— ein widerlicher Anblick. Ich zog das Licht zurück und rief: „Nun, Du alte Hexe, willst Du endlich antworten? Wer bist Du?" Das Auge schloß sich wie von selbst wieder. „Das ist aber wirklich zu stark," sagten die Anderen. „Noch einmal heran mit dein Licht. Sie werden sie noch zum Reden bringen." Ich hielt das Licht der Alten noch einmal unter das Kinn. Da öffnete sie langsam beide Augen, starrte uns einen nach dem andern an, bückte sich dann plötzlich und blies das Licht mit einem eisigen Hauche aus. Im selben Augenblicke fühlte ich, wie drei spitze Zähne in der Dunkelheit in meine Hand sich eindrückten. Ich erwachte schaudernd und in kalten Schweiß gebadet. Der Pnestcr saß zu Füßen meines Bettes und las Gebete. „Habe ich lange geschlafen?" fragte ich ihn. „Sic haben eine Stunde geschlafen, mein Sohn," ant- wortete er. „Man hat Ihnen Ihr Kind gebracht. Es wartet im Zinimer nebenan auf Sie. Ich wollte nicht, daß man Sie weckte." „Oh meine Tochter," schrie ich auf,„bringt mir meine Tochter her!" Xlllll. Sie ist frisch, rosig und hat große Augen. Sie ist wirklich schön! Man hat ihr ein Kleidchen angezogen, das ihr gut steht. Ich habe sie auf meine Anne genommen und sie auf meine Knie gesetzt. Ich küßte ihr Haar. Warum ist ihre Mutter nicht mitgekommen? Ihre Mutter ist krank, ihre Großmutter auch! Das ist gut l Sie sah mich vcNvundcrt an. Sic ließ sich nihig lieb- kose», umarmen und küssen. Doch warf sie von Zeit zu Zeit einen unnihigen Blick auf ihre Kinderfrau, die in einer Ecke stand und weinte. Endlich konutc ich sprechen. „Marie, meine kleine Marie!" Ich drückte sie heftig gegen meine Brust und schluchzte. Sie stieß einen leichten Schrei aus und sagte: ,.O, Sie thim mir weh, mein Herr." Mein Herr I Seit ciueni Jahre fast hat das arme Kind mich nicht mehr gesehen. Es hat mich vergessen, mein Gesicht und meine Stimme. Wer könnte mich auch mit diesem Bart, in diesen Kleidern und bei der bleichen Gesichts färbe wiedererkennen? So bin ich also schon aus dem Ge dächtniß ausgelöscht, aus dem einzigen, wo ich hätte leben wollen I Also nicht mehr Vater! Ich bekomme nicht niehr dies Wort zn hören, dies Wort der Kindcrsprachc, das so zart ist, daß es nicht mehr in der Sprache der Erwachsenen bleiben kann: Papa I Und dennoch, es aus diesem Munde zu hören, noch ein mal. ein einziges Mal, das ist Alles, was ich für vierzig Jahre Leben, die man nur nimmt, verlangen würde. »Höre, Marie," sprach ich zu ihr und nahm ihre beiden Händchen in die meinen,„kennst Du mich denn nicht mehr?" Sie sah mich mit ihren schönen Augen an und sagte: „Nein." „Sieh mich ordentlich an. Wie, Du weißt nicht, wer ich bin?" „Doch. Ein Herr." Ach. welcher Schmerz, wenn man auf der Welt nur ein das nun vor dir steht, dich ansieht und betrachtet, zu dir spricht und dir antwortet und dich doch nicht kennt! Du willst Trost nur von ihm, und es ist der einzige Mensch, der nicht weiß, daß du ihn nöthig hast, weil der Tod auf dich wartet! „Marie," fing ich wieder an,„hast Du einen Papa?" „Ja, mein Herr." „Nun, wo ist er?" Sie machte große, verwunderte Augen. „Ach, Sie wissen es nicht? Er ist todt." Da schrie sie auf. da ich sie beinahe hätte fallen laffen. „Todt!" sagte ich.„Marie, weißt Du, was das heißt, todt sein?" „Ja. mein Herr," antwortete sie.„Er ist in der Erde und ini Himmel." Sie fuhr von selbst weiter fort: „Ich bitte den lieben Gott für ihn Morgens und Abends auf Mamas Knien." Ich küßte sie auf dÜZ-Stirii.7 „Marie, sag mir Dein Gebet her." „Ich kann nicht, mein Herr. Ein Gebet sagt man nicht am Tage auf. Kommen Sie aber heute Abend zu uns, da werde ich es Ihnen aufsagen." Ich hatte genug davon. Ich unterbrach sie. „Marie, ich bin ja Dein Papa." Sie verstand mich nicht recht. Ich fügte hinzu:„Soll ich Dein Papa sein?" Das Kind wandte sich ab. „Nein, mein Papa war viel schöner." Ich bedeckte sie mit Küssen und Thränen... Sie suchte sich aus meinen Armen loszuwindcn und schrie: „Sie thun mir ja weh mit Ihrem Bart." Dann setzte ich sie wieder auf meine Knie und sah sie zärtlich an. „Marie, kannst Du lesen?" „Ja", antwortete sie.„Ich kann gut lesen. Mama hat mich bnchstabiren gelehrt." „Schön, lies ein bischen," sagte ich und zeigte auf ein zerknittertes Blatt Papier, das sie in dem einen Händchen hielt. Sie schüttelte ihr hübsches Köpfchen. „Ach, ich kann nur Fabeln lesen." „Versuch nur immer. Lies." Sie entfaltete das Blatt und buchstabirte mit dem Finger: „ll. N- Nr. T, E. I. L- teil. Urtheil..." Ich riß es ihr aus der Hand. Es ist mein Todes- urtheil. das sie mir vorlas. Das Kindermädchen hatte das Blatt für einen Sou gekauft. Mich kostete es doch er- hcblich mehr! Ich kann nicht mit Worten beschreiben, was ich litt. Meine Heftigkeit hatte das Kind erschreckt. Sic war dem Weinen nahe. Plötzlich sagte sie: „Geben Sie mir doch mein Blatt wieder. Ich will damit spielen." Ich gab sie dem Kindermädchen zurück. „Bringen Sie sie fort." Ich sank auf meinen Stuhl zurück, schwennüthig, hoff- nungslecr und verzweifelt. Jetzt sollten sie kommen, nichts hält mich mehr fest, die letzte Fiber meines Herzens ist zerrissen. Jetzt bin ich geeignet für das, was sie mit mir vorhaben. J XLIV. Der Priester und der Gefangenwärter sind gute Leute. Ich glaube, sie haben eine Thräne geweint, als ich mein Kind wegführen hieß. Vorbei. Ich muß jetzt fest werden, wenn ich an den Henker, an den Karren, an die Gendarmen, an die Volks- menge auf der Brücke, dem Quai und an den Fenstern denke und an das, was für mich auf dem schauerlichen Greveplatz bestimmt ist, den man mit den Köpfen pflastern könnte, die er hat fallen sehen. Ich glaube, mir bleibt noch eine Stunde um mich an all das zu gewöhnen. XI.V. All' das Volk wird lachen, in die Hände klatschen und Wesen glühend liebt, es mit seiner ganzen Liebe liebt und! seinen Beifall äußern. Und unter all' diesen freien Menschen, Mc mit 6cm Kerkermeister noch nicht vertraut sind, die der- gnirgt zu einer Hinrichtung lanfen. unter dieser Menge von Köpfen, die den Platz beschatten, wird mehr als ein Haupt sein, das bestimmt ist, dem meinen in kürzerer oder längerer Frist in den rothen Korb zu folgen. Mehr als einer, der jetzt meinetwegen auf den Platz kommt, wird dahin feinet- wegen kommen. Für diese unseligen Menschen giebt es auf dem Gröve- platz einen unseligen Ort, einen Anziehungspunkt, eine Falle. Sie gehen so oft um ihn herum, bis sie selbst drin liegen. XLVL Meine kleine Marie k— Man führte sie von mir zum Spielen fort, sie sieht die Menge durch das Fenster des Miethswagcns und denkt schon nicht mehr an jenen„Herrn". Vielleicht werde ich noch Zeit haben, einige Zeilen für sie niederzuschreiben, damit sie sie eines Tages liest und nach fünfzehn Jahren über den heutigen Tag weint. Ja, von mir soll sie meine Geschichte erfahren und Warum der Name, den auch sie trägt, blutbefleckt ist. (Schluß folgt.) SonntÄgsplaudevei. So hätten wir denn eine Operettcn-Ncvolte I Einen verspäteten fastnächtlichen Schwankt Man könnte über die Tollheit herzhaft lachen, wäre sie nur nicht auf so ernstem Untergrund emporgewachsen. Gewiß ist der Nationalismus im heutigen Paris zur Karikatur um- geschlagen. Aber die Zeiten sind lange vorüber, in denen man mit Grund sagen konnte, das Lächerliche tödtet. Herr Dsroulede wäre fönst schon lange todt und er hätte sich die Bravour ersparen können, mit der er dem General Roget das Kommandowort zurief: Braver General, rette das Vaterland, bewahre das heiligste Gut der Armee I Der bombastische Dichter Dsroulede war an sich schon eine komische Gestalt. Seine Verse lassen sich nicht gut mit der nüchternen deutschen Hofpoesie irgend welcher Art vergleichen. Bei Döroulöde äußerte sich der überhitzte, phantastische, tollgcwordeue Dilettantismus. Aber Deroulede ist der Europäer, der sich mit Zähigkeit zu blamiren weiß. Wenn die Blamage ausdauernd sich wiederholt, so lebt in ihr auch etwas von der Kraft der Reklame, der modernen Siegerin. Sie hat Herrn Deroulede immer tvieder obenauf er- halten, sie hat ihm immer wieder trotz seiner Narrheiten Anhänger zugeführt. An seiner Seite und mit der Patriotenliga standen in jüngster Zeit Jules Lemaitre— merkwürdig unkritisch für einen sonst so feinen kritischen Kopf— und FranyoiS Coppä, ein glatter, gewandter Poet und ein Mitläufer in politischen Dingen. Die Blamage über die Operettenrevolte niag zunächst den Nationalisten in den Gliedern liegen. Für eine Weile! Aber die chauvinistische Ausschweifung, in der Deroulöde's Narrheit sich so ivcit auswachscn konnte, wird nicht so bald ruhen. In dem Kampf, der gegenwärtig zwischen bürgerlichem und militaristischeni Gcmeinschasts- sinn in Frankreich entbrannt ist. war der Boden für Exaltationen jeglicher Art gut vorbereitet: und dam, pflegt es mit Exaltationen so zu ergchen, wie niit anderen Thatcn, die allgemeines Anfschcn machen, und wären sie selbst Kapitalverbrechen. Krankhafte Räch- ahmungsreize werden ausgelöst. Wogt in Frankreich die Erregung zwischen den Nationalisten und der bürgerlichen Demokratie hin und her, so erregt man sich bei uns gewaltig(über„proletarische Nohhciten" und deren Ursachen. Es ist dabei eigenthümlich zu beobachten, wie man üoer jeden physischen Schlag, über jedes rüde Wort sich so unsäglich entrüstet: und wie man andererseits Acuhennigen, die tiefer provoziren und verletzen, nebensächlich einschätzt. Alle die Leute, die ein geistiges Untcrthänigkeitsverhältniß ihrer Arbeiter auf- recht erhalten wollen, sind am meisten über das individuelle Bewußt- sein des modernen Arbeiters verdrossen. Sie flagen ganz naiv: Wie kommt mein Untcrthan, mein Brodsklave zum lebhafter ent- wickelten Gefühl für eigenen Werth, eigene Ehre. Von ihrem Hoch- muthödiinkel aus können sie es nicht fassen, wie die Herrensprache oft tiefer verwunden kann, als eine leibliche Mißhandlung: ja. tvie es eine Leutseligkeit giebt, die geradezu empört. Ohnedies ist die Empfindlichkeit des Armen, der im Leben so viel herumgestoßen wird, häufig wachsamer, als die deS Mannes im gesicherten Wohlsein. Wenn nun irgendtver im Hcrrenbcwußtscin den Armen hochfahrend anschnauzt, so meint er getrost: Deni thut's nicht besonders weh. Der ist's nicht anders gewöhnt: und ist er auffahrenden Temperaments, dann platzt er leicht mit ehrenrührigen Vorwürfen heraus. Das ist nur ein„mo- ralischer Schlag, ein moralischer Fußtritt". Den soll der Arbeiter getrost einstecken. Mit einer Art von Falstaff-Philosophie denkt der Mann mit dem Herren-Hochmuth: Davon trägt der arme Teufel keine Beule mit sich. Und wenn der Gekränkte reagirt, sagen wir mit Fausthicben reagirt. so ist er der aufgehetzte, unverbesserliche Rohling. Man wird aber daS menschliche Werthbewußtsein des Arbeiters nicht mehr niederdrücken können, auch ivcnn man gegen seine parla» mentarischen Vertreter mit bureaukratischer Schneidigkeit vorgehen zu können glaubt. Wen will man durch diese Schneidigkeit einschüchtern? Der Selbstbewußte wird vor ihr nicht zurückschrecken, auch wenn sie in heroischer Geberde aufträte; im Uebrigen wird sie, wenn ein Prä- sident das Recht des Parlaments nicht energisch genug wahrte, nur zu aufgeregten Szenen führen. Daß dabei die Schneidigkeit durchaus nicht Meister der Situation bleibt, das konnte man erst jüngst er- fahren. Die Parlamentsvertreter sind keine Unterbeamten, denen man kraft seiner höheren Rangordnung imponirt. Verschnörkelt noch wird'manchmal das Herrenrecht auch auf Gebieten aufrecht erhalten, wo es nur noch komisch unzeitgemäß wirkt. Mit der Ernsthaftigkeit, mit der man in Wien allerlei possir- liche Dinge treibt, ist man neulich dort an eine„Dichter- Enquete" herangetreten. Das heißt, man hielt Umftage bei verschiedenen Bühnendichtern, wie sie es mit dem dankbaren Verneigen vor dem verehrlichen, vielköpfigen Publikum hielten. Das{ist ein Schema, das schon mannigfach besprochen wurde. Offenbar ist noch ein Rest von Sklavendemuth in der komischen Sitte des Vorbeugens und abermaligen Verbeugcns enthalten. Hat denn der Dichter wie ein abgerichteter Pudel vor dem Publikum schön auf- zuwarten? Als die Theater noch vorwiegend höfische Mäcenaten-Ein- richtungen waren, hatte die Sache ihre richtige Veranlassung. Jede fürstliche Persönlichkeit, die ein Ludwig der Vierzehnte im Kleinen sein wollte, durfte es verlangen, daß ein seltsamer Kauz, wie der Dichter nun einmal ist, sich vor der Gnadensonne ver- neige. Inzwischen ist soviel von ftcicr Kunst die Rede gewesen; die stolzesten Phrasen wurden bei Festgelegenheiten hervorgeholt. Aber der Bühnendichter hat sich nach wie vor in würdeloser Bedienten- hastigkeit zu verneigen. Die Unsitte hat in neuester Zeit bei uns in Berlin zu einem gcwiffen Sport geführt. Die Freunde des Autors rasen, die Feinde zischen, um ein Nichts oft. Mit den, Autor wird auf diese Weise ein rüdes Hetzspiel getrieben. Man muß nämlich bedenken, in welcher Nervenverfassun'g ein Autor sich befindet, der um Ehre und oft um nothwendigen Lebensunterhalt kämpft: dann erst wird man seine seelische Folter begreifen. Allein das Hetzspiel wird nicht abkommen: in unseren Luxustheatern gewiß nicht. Ge- schüft ist Geschäft, und der Dichter wird beim Rockschoß gefaßt und vor die Rampe gczerrt: denn das„nnimirt" das Publikum: es bringt neue Erregung und ist ein Spiel im Spiel. Also ist es geschäftsdienlich: und wäre der dichtende Künstler ein neuer Shake- speare, er müßte sich dennoch dem Geschäftsinteresse des Unter- nehmers fügen und mit seinem süßesten Lächeln vor den Berehrungs- würdigen sich verbeuge»!, die Geld genug haben, den Spaß zu be- zahlen. Man könnte eine Satire darüber schreiben, wie die Herren Dichter, die Einen aus rein persönlicher Eitelkeit, die Anderen auS solidarischen» Geschäftsinteresse, sich zur Frage des Hervorrufs ver- halten. Der einzige Wildenbruch lehnt daS Lächerlich- Unwürdige geradezu und bestimmt ab. Er für sein Theil möchte sich emanzipiren. Der Einzelne freilich kann eS nicht. Ein gelvicgter Handelsmann, wie Oskar Blmnenthal, der Meister unserer Tage im Theatersport, steht auf dein entgegen- gesetzten Standpunkt. Wie soll man, meint er, entscheide»»,»vas Er- folg ivar, als durch die statistische Aufnahme der Hervorrufe? DaS ist Geist vom Geiste Blunienthal's, des Theatcrhändlers. Ein Theatergcschäft muß glatt sein, nießbar und genau zu kontrollircn. Zehn Hervorrufe, und die Dichtung ist so und so viel„baar in Reichsmark" Werth. Darum ist es manchinal so putzig. wei»n ein Dichterlein mit höchst gelcuken Beinen möglichst rasch»vicdcr hervortritt, damit die Zahl der Hervorrrife ansehnlicher werde. Der Bein-Bchende hat dann entschieden den Vorzug vor de»»» Schwerblütigen, den etwa gichtischcs Reißen plagte. Nicht zn verachten ist eine starke, ansdanerndc Familicnstütze. Ein Dichtcrsinann»nit reicher, arbcits- Ivilliger Familie kann inrmcr einen netten Wett-Rekord erreichen. Aergcrn sich die Andern über den Uebereifcr, um so besser. ES »vird gezischt, das Zischen wird niedergeklatscht: es ist ein edler, künstlerischer Sport: und wenn der Autor dann ein Dutzend Mal »»»d drüber hin und her geschoben wird, so kann er lachen. Er hat dann den Genie-Rekord erreicht. So wird im Reiche des kapitalistischen Betriebes Kunst ge« macht, jene Kunst, von der es heißt, daß sie ii»it schachernden und feilschenden Elementen»»ichts zu thun haben solle.— Alpha. Kleines Feuilleton. — w— Kalter Wind. Voller Nachmittags-Soimcnschcin lag auf den Straßen. Alles sah licht und freundlich aus. Dein jungen Mädchen, das im fchivarzcir Einsegnungskleid dahinging, den Vluinenstrauß in der kleinen, zu»» ersten Mal behandschuhten Rechten, schien sogar über den» Alltngstrciben Festlichkeit zu liegen. Ei» warmer Glanz strahlte ihr aus Allem entgegei», und ihre Augen leuchteten. Zwei Frexndimien schritten ihr znr Seite. Ihre steinen Gesichter Sliihten vor Eifer und Wichtigkeit. Und wenn sie ciuch in- ihren Alltagskleidern gehen mußten, ini kurzen Röckchen, dünneni Jackett und blauer, nicht ganz frischer Schürze, so hatten sie doch in ihre Zöpfchen ein frisches, buntes Band geflochten. Mit der einen Hand hatten sie ihre ältere Freundin untergefaßt, die andere hatte sie in den Schlitz ihrer Jacketts geschoben. So gingen die Drei schweigend gegen den Wind. Der wirbelte Papierfetzen und Staub auf und trieb das Alles den Bürgersteig entlang. „Hu. ist der Wind kalt I" sagte das eine Mädchen und beugte den Kopf weit vor. damit ihm der Schmutz nicht ins Gesicht fliege. „Ach, das finde ich garnicht!" antwortete die Eingesegnete, die den Kopf lächelnd aufrecht trug und nur die Augen schloß, wenn ein jäher Windstoß ihnen ganze Wolken Staub ins Gesicht warf. „Na weißt Du l Du in Deinem dünnen Umhang, friert Dich denn gar nicht!" machte die Erste erstaunt. „Na... Die Sonne scheint ja so schön... Ach, Kinder I Ich freue mich ja so ans meine Tante... Wie sie neulich bei uns war, erzählten wir natürlich auch, daß ich eingesegnet werde. Da hat sie mich sofort eingeladen... Ihr müßt nämlich wissen, Tante ladet sonst keinen Menschen ein. Nicht mal uicinc Mutter, die doch ihre Schwester ist, hat sie eingeladen. Schon seit sechs Jahren waren wir nicht bei ihr... Gott, ich Ivciß noch, ich Ivar dainals solch kleiner drolliger Babh.. Sic lachte, daß sie ihren Oberkörper vorbeugen mußte...„Und da hat nun meine Tante ein Kinderkleid zu liegen. Fei», pikfein. Mit Smnmtpasscn und einem Gürtel anS Perlen, und einen Seideneinsatz hatte es vorn, und unten herum war der Rock mit, lauter ausgcschlagencn Blumen bedeckt. Ach, es war entzückend Und das zog mir meine Tante an. Sic wollte blos mal sehen, wie es fitzt. AIS ich es aber wieder ausziehen sollte, fing ich natürlich an zu heule». Ha, wie komisch ist man doch, wenn man noch so klein ist. Nicht wahr?" fragte sie kichernd. Die Andern, die einen ganz rothen Kopf bei der Schildennig des Kleides bekommen hatten, nickten nur. „Ja. und Nim." fuhr die Eingesegnete fort,„nun sagte sie, ich sollte mich vorstellen in meinem Einscgnungskleid. Ich solle aber auch bestimmt kommen. Run bin ich ja neugierig, was sie zu meinem Kleid sagen wird. Sie ist nämlich eine Schneiderin! Die kann feine Kleider machen! Geschenkt will ich ja garnichts von ihr haben. Sie ist nämlich furchtbar knickerig. Na. ich sagte ja schon, seit sechs Jahren hat sie Uns nicht mehr eingeladen. Aber schneidern kann siel Mutter wollte zwar nicht, daß ich hingehe. Und ich will ja auch gar nichts von. ihr. Aber sie hat doch gesagt, ich sollte heute komnicn. Da. da!" rief sie,„sie sitzt am Fenster, sie ist zn Hanse I" Sic lief schnell den Anderen voran über den Platz. In wenige» Sätze» war sie die Treppe hinauf und klingelte. Es wurde nicht aufgemacht. Sie klingelte zum zweiten Male. Doch auch jetzt wurde nicht aufgemacht. Sie hörte aber innen ein leises Schlürfe», wie wenn jemand auf Pantoffeln ging. Unten, im FInr unterhielten sich ihre Frenndinnc». Da flüsterte sie bittend durchs Schlüsselloch:„Tantchcn! Liebes Tantchen I Mach' doch auf... Ich will ja garnichts haben... Du sollst ja nur sagen, ob ich gut aussehe..." Aber es wurde nicht geöffnet. „Ach, weißt Du I Wie Du aussiehst? sagten ihre Freundinnen, als sie herunterkam.„Ganz verstört siehst Du ans." „Ja. es ist doch wirklich kalt im Winde," antwortete sie fröstelnd und zog die dünne Pelerine zusammen.-- — Fraiicustiiiimrccht in Tcssiu. Der„Frlf. Ztg." wird ans Bern geschrieben: In einigen Gemeinden des Kantons Tessin besteht ein Francnstimmrecht. Die eigenartigen Verhältnisse des Kantons Tessin mit der allgemeinen AuSwanderrnig der männlichen Bewohner- schaft in den Sonnncnnonaten bedingen eine Uebertragung vssent- lichcr Rechte auf die Frauen, da sonst im Sommer in vielen Gc- meiudcn gar keine Beschlüsse gefaßt werden könnten. Die Gemeinde M e l a n o im Lugaiiesischen hat die Nothwcndigkcit des Franen- ftinmircchts erkannt. Diese Gemeinde hat ciiicn förmlichen Beschluß gefaßt, in Ennangclnng volljähriger Bürger männlichen Geschlechts dürfe jede znr Bürgergemeinde gehörende Familie in Bürger- angelegenhciten sich durch volljährige Frauenspersonen vertreten lassen. Die Frauen besitzen hierbei das volle Stimmrecht. Die liberalen tessinischen Blatter sind für die gesetzliche Snnktionirimg des Stimmrechts, während die ultrainontane Presse sich ablehnend verhält.— Theater. Zu Ehren Spielhagen's wurde am Freitag ini Schauspielhaus das Drama„Liebe für Liebe" auf- geführt. Das Schauspiel Spielhagen's ist für unser Geschlecht fast eine Novität. ES wird bald ein Vicrtcljahrhundert vergangen sein, seit das Stück nicht mehr in Berlin gegeben wurde. Der Dichter wurde ani Freitag vielfach gerufen. Das war eine Anerkennung für sein Gesammtschaffen. An sich betrachtet, erinnert das Drama an verklnngene Tage. Eine andere Welt, als die unsere, steigt darin auf; aber sie hat ihre feinbewegten poetischen Reize. Empfindungen und Sprache der Menschen sind hochgespannt; zumal die Frauengestalten sind in licht- verklärten Farben gehalten. Mitunter betrifft's den Hörer von heute, wie altväterlich rührende Naivetät; mitunter wird man aus der Stinminng gerissen, wenn die Menschen auf der Bühne insgesammt in Spielhagen's eigenem Geist und nicht nach ihrem besonderen Wesen sprechen. Der Eine wird geistreicher, der Andere empfindlicher. als er nach der Situation sein könnte. Ein vielverwendeter novellistischer Stoff liegt dem Schauspiel zu Grunde. Ein Todtgesagter kehrt zurück nnd in dein Besitz, den er verlassen, findet er einen Anderen. So ging's dem jungen Frei- Herrn v. Ellbcck, der in dein napoleonischcn Kriege gefallen sein sollte; man sah ihn fallen, er war verschollen vier Jahre lang; und dennoch war's eine Täuschung. Der junge Baron lebt, und seine Charlotte ist inzwischen in Liebe die Braut eines Jngcndsreundes von Fritz Ellbcck geworden. Der Verbitterte kann den„Bcrrath" nicht fassen; er wird hart und starr wider den Jugendfreund, einem bürgerlichen Pfarramtsverweser, der doch nur ehriich Liebe für Liebe gewann. Das ist der Konflilt, der sich auf dein Zeitgrund von 1813 aufbaut. Ganz trefflich ergänzten sich die beiden Schauspieler Ma tkowsky und Christians: der Eine, Matkowsky, düsteren Temperaments, der Andere mild sinnenden Geistes. Künstlerisch tiefer standen dies- mal die Damen L i n d n e r sCharlottc) und M a y b n r g sderen leidenschaftlichere Schwester, die den Trotz Ellbecks besiegt). Freilich sind so sehr idealisirte Gestalten für die Darsteller minder dankbar.— — ff. Musik. Unsere alte Oper kann sich im Laufe der Zeit doch nicht gänz» lich damit begnügen, auf ihren— will sagen: auf den Lorbeeren des Theaters des Westens ansznrnhen. Ab und zu muß diese Stühe anstnudshalber durch eine kleine Regung unterbrochen werden. Dann verspricht man mit gewichtiger Miene eine Erstaufführung ivie d'Albert's„Abreise", eine Ncueinstudirung wie Webcr's„Enryanthe", oder dgl. m. Dann ist es wieder still. Und endlich erscheint von den versprochenen Stücken eines auf dem Wochcnzettel. Nun läuft man, nun kauft man, nun ist maii froh, einige Tage vorher um ein Häuflein Geld einen halbwegs brauchbaren Platz zu bekommen. Dann wird abgesagt, verschoben. Nun läuft man, verlangt, erhält zurück. Und dann ist's still— nur die„Weiße Dame" oder sonst was geht um, und nur Berichte über zahllose Einführungen neuer Werke an Bühnen draußeil in Provinzen und Staaten unterbrechen die Stille... Und nun endlich die thatsächliche Prcmisre eines Stückes, in welchem ganze drei Personen spielen— vermnthlich zn viele, als daß sich die Oper eine Doppelbcsetznng leisten lönnte. So war für vorgestern„Die Abreise" angekündigt, sainnit zwei anderen Einaktern. Erst hieß es: Reihenfolge n b c. Dann hieß es dringend nnd stand schwarz ans weiß: Reihenfolge b a c. Und schließlich kam doch wieder die Reihenfolge a b o. Das war nicht übel: so stand ein eigenartig modernes Werk zwischen zwei Vertretern älterer Gattung, ein schlichtes, cffcltloscS Knnftwcrt zwischen zwei grellen Schlagern. Der Abstand wurde dadurch scharf beleuchtet, und das schlichte Werl' hatte sich in der ungülissigsten Stellung zu bewähren. Es hat sich denn auch mit all seinen verborgenen Krästen energisch beivährt; daß der Koniponist fünsmal danlcn konnte, ist wohl nicht einmal der Hauptbeweis dafür. Wir stehe» vor einem„musikalischen Lustspiel"— ein Titel, der unseres Erinnerns»lindesteus noch nicht verbraucht ist. Das iväre also ein besonderer Punkt in der Entwickclung der kölnischen Oper weitereii Sinnes. Man darf fast schon von einem„nulsikalischen Konversationsstück" sprechen: die Zcitbcstinimung„Ende des 18. Jahr- Hunderts" könnte beinahe zu Gunsten der Gegenwart fehlen. Die Dichtung stammt von deni als fruchtbarer Schriftsteller- bekannten A n g u st von S t e i g e n t e s ch(1774—1828) und ist„eingerichtet" von dcnr jetzt in der Opern- und Operntextivclt vielgenannten Friedrich Graf Sporck. Sie besteht aus kurzen Versen mit fast lauter männlichen Reimen, tvas allein schon einen wunderlichen Eindruck ergicbt; ihr Inhalt ist, kurz, die Nnschlüssigkeit eines Ehemanns, der erst bereit ist, abzu- reisen und einem allzu dicnsteiftigcn Freund das Terrain zu über- lassen, und der endlich nach Ungewissem Hin und Her doch bei seinem Weibchen bleibt. Was diesen Rahmen füllt, ist ein so zartes Ge- webe dünnster Fäden, daß man auch nach mehr als einmal Lesen des Stückes nicht ganz sicher ist, jeden einzelnen Faden zu er- kennen. Iliid diese so gar nicht im Alltag unserer Operntcxlc liegende Dichtung, iir der es auch gar nichts Spektakulöses weder fürs Ohr noch fürs Auge giebt, konnte wohl nur ein Tonkünstler zu komponiren unteniehmcn, dem cö mit seiner Kunst allcrrcinster Ernst ist. Als solchen kennt man Eugen d'AIbert schon seit langem, weiingleich seine Kompositionen gerade in Berlin hinter spcktaklllöseren zurückgesetzt zu werden Pflegen und seine„Abreise" erst an anderen Orten ihre Erfolge holte, che sie hierher kam. Die Musik begleitet den Text ohne dialogische Unterbrechung und ohne Zcrtheiluug in Nummern. Sie schwebt in einer liebenswürdig heiteren Einfachheit dahin, großen- thcils ivalzcrartig(zumal Ivo es den geschäftigen Dritten gilt), und hebt den an sich'etwas herb anzuhörenden Text in die Sphäre einer frohen weichen Stimmung hinauf. Lange Zeit hindurch läßt sie uns in dieser Sphäre und in dem Anschein einer etwas gar simplen Mache. Ilm so plausibler wird uns dann ihre Steigerung gegen Ende. Die Stellen, da Luise ihren Gcniahl charakterisirt:»Ich kenne einen Mann, der will und weiß nicht, was?" u. f. w., da dann Beide sich zu einem Duett vereinigen(dem einzigen mehr- stimmigcn Sah im Ganzen), und-da endlich der Freund seine Bcr- blnffnng knndgicbt: diese Stellen gehören durch die Macht ihres schlichten Ausdrucks zu dem Packendsten, was wir an dramatischer Musik kennen. Die Darstellung durch Frau Herzog und die Herren Hoff- mann und S o m m e r. sowie die Orchester-Leitung Dr. M u ck' s waren sehr tüchtig, ein noch flotterer, graziöserer Gesannntton ist allerdings innner noch möglich. Von den zwei Stücken, die diese Novität umrahmten, war das erste der schon bekannte„Haschisch" von Che lins, eine färben- prächtige, aufgeregte und musikalisch gut gestimmte Haremsgeschichte; Frl. Hi edler sang und spielte trefflich. Das andere war„Ver- g i ß in ein i ch t", Tanzmärchen in einein Akt von Richard Goldberge r. Es wurde vor Kurzem hier eingeführt. Daf; wir ihm damals keine Sonderbesprechnng gewidmet, hat nnS nachher nicht gereut. Zwar lästt sich der Musik ein ziemlicher Reichthui» an Melodiosität und geschickter Anpassung an all den vielfältige» Tand nachsagen, der da auf der Bühne arrangirt ioird. Aber arrangirter Tand ist das Ganze trotzdem. Dast anderswo die Ver- suche,' auch dem Ballet eine Moderne zu gebe», es aus der Ferne des Phantasiestückes— oder vielmehr des Stückwerks ohne Phantasie— in die Nähe der heutigen Welt zurückzuführen, bereits zu einer neuen Balletgattung geführt haben(„up-bo-dv�-biUIot" nennen es die Engländer): dafür interessirt sich unser Openitheatcr aiischeinciid gar nicht. So konnten wir uns wieder eine jener Blumengeschichten vormachen lassen, bei denen es uns nur dauern nmfe, daß et IT die hübschen Einzelheiten im Dienst einer so krassen Welt von llnmotivirtheitcn stehen. Dieser Wust von vorwiegend nur ornamentalen Bewegiingen: diese Lichtcffekte, für die sich keine andere Bedeutung findet, als daß die Augen der Mitivirkenden geschädigt»Verden: dieses Herumstehen der Masse» von Figurantinnen, bis die eine oder andere Gruppe an die Reihe des Tanzens kommt: zuletzt die mit unheimlicher Macht über diese Bilder heraufziehende Lange- weile:— all das lassen»vir uns so ruhig gefallen, als ob es nicht anders sein dürste. Und einer besseren Sache ivaren die darauf verwendeten Kräfte der Ausstattung, Darstellung«. s.>v. gewiß würdig:»venu wir keinen Einzelnen besonders hervorheben, so jei damit namentlich die Tüchtigkeit der Gesanuntleistung anerkannt.— 8Z. Kunst. —hl. Eine Ausstellung für künstlerische Photo- g r a p h i e ist in den Räumen der Akademie, Unter den Linden veranstaltet. Sie giebt reichhaltige Proben für die Tendenzen, die in der Gegenwart das Streben, zu einer künstlerisch»verthvollen Photographie zu gelangen, beherrschen. Man geht nicht mehr allein daraus auS, die Photographie zu größtmöglicher Schärfe zu ent- Wickel»», sondern man bemüht sich, die Natur künstlerisch zu sehen und durch geschickte Ausschnitte in den Motiven etlvas»vie Stimmung in das Bild hinüberznretten. Es ist in allen diesen photographische» Bildern offensichtlich. daß die modern: Malerei zu diesen Bemühungen den entscheldcnden Anstoß gegeben hat, ja man kann bei der über» großen Mehrzahl von ihnci» deutlich erkennen, nach»velcher Richtung im engere» Sinne oder selbst nach»velchem einzelnen Künstler es gearbeitet ist. So ist es auch ganz natürlich, daß in den Arbeiten der verschiedenen Nationen die Gegensätze wiederkehren, die auch in ihren Gemälden zu Tage treten. Da sind die feinen, in zarten ver- schtvimmenden braunen Tönen gehaltenen Landschaften eines Charles M o ß, die»vie Landschaften der Schotten wirken, oder die geschmackvollen Porträts von L. Anna n. bei denen man an Whistlcr denkt. da arbeiten die Belgier Mi sonne und Alexandre ganz im Sinne der stärksten Freilichtmalerei: die Pariser sind glatt und elegant»vie ein Pariser Durchschnittsmaler u. s. f. Ani»veilesten in diesem Wetteifer mit der Malerei gehen aber die Mitglieder des„Wiener Camera- Clubs" und einige Hamburger Photographen, von den erstercn besonders Henneberg»nid Kühn sJnnsbrnck), aus Hamburg Th. und O. H o f m e i st e r und Einbeck. Schon in ihrem Format gehen sie tveit über das bei Photographien geivohntc hinaus: und als Ver- fahren»vählen sie den Chrom- Gummidruck, der ein starkes Bearbeiten der Platte gestattet. Die Konturen, die sonst bei Photo- graphie» so fest umrissen und scharf hervortreten, sind ähnlich»vie auf modernen Gemälden viel»vcnigcr bestimmt, der Vordergrund ist stärker herausgearbeitet, der Hintergrund allgemeiner, mehr an- deutungsiveise behandelt. Kein Zivcifel, daß sie beim ersten Ein- druck eine überraschende Wirkung erzielen, daß man fast vermeint, es nicht mit mechanischen, sondern mit rein künstlerischen Rc- Produktionsverfahren, etlva dem Steindruck, zu thun zi» haben. Aber es scheint doch, daß der eigentliche Charakter der Photographie damit vcrivischt ist, daß die spezifische Eigenschaft der mechanischen Platte, Linien, Zeichnung absolut getreu»viederzngcben, verloren und eine eigentliche Stimmung nicht dafür eiiigetauscht ist, und dies um so»veniger, je mehr sich das Motiv der modernen intimen Landschaft nähert. Die Arbeiten der Belgier zielen nicht so Ivcit, und sie erreichen mehr: in ihren Landschaften geben starke Kontraste in den Tönen und Motive, die lineare Elemente genug enthalten, die Grundlage der Wirkung. Auch in Deutschland arbeiten einzelne in dieser »bescheidenere Art. Die ausgezeichneten PortraitS von Matthies- M a s u r e n sind hier in erster Linie zu erlvähnen.— Verantwortlicher Redakteur: August Jacobey in Ber Technisches. — Das geräuschlose Gewehr. Heber die Erfindung des französischen Obersten Humbert, die es ermöglicht, nicht nur rauchlos zu schießen, sondern auch ohne Knall, bei Vermeidung des Rückstoßes der Gelvehre und des Rücklaufes der Geschütze, schreibt inan der„Bohemia": Der Knall entsteht,»vie man»veiß, dadurch, daß die aus dem Pulver sich eistlvickelnde» Gase, nachdem sie die Kugel vor sich her aus dein Rohre getrieben haben, ihrerseits jäh ans dem Laufe strömen und eine überaus heftige Betvegnng der Luft hervorbringen, die eben als Knall an unser Gehör dringt. Die Erfindung des Obersten Hunibert macht nun dieses jähe Austreten der Gase aus dem Rohre unmöglich: die Mündung dcS Flintenlanfes ist nämlich mit einem ventilartigen Abschluß ver- sehen, der in der Art stmktionirt, daß. sobald'das Geschoß die Mündung verlassen hat, die nachdringenden Pulvergase das Ventil schließen. Die Gase sammeln sich in einer Trommel an, spannen sich ab und cntiveichcn langsam und unhörbar durch einen sieb- artigen Abschluß. Versuche, die mit der neuen Erfindinig angestellt Ivurdei», haben, wenn auch keine völlig bestiedigende, so doch sehr annehmbare Resultate ergeben. Der Knall namentlich»vor sehr stark vermindert, die Flamme nahezu gar nicht sichtbar. Man hat also Aussicht, zum rauchschwachen Pulver auch das geräuschlose Gclvchr zu bekommen.— Humoristisches. — Höchster Effekt. Schmie rendirektor:.. Den größten Erfolg in meinem Leben hatte ich seiner Zeit am Stadt- theatcr in Wicscnbach zu verzeichnen. Denken Sie sich, ich gebe eine Novität von einem Verfasser aus der Stadt, een griech'sches Drama. Im zwcctcn Akt hat mein jugendlicher Liebhaber een' Kampf mit mir:>n scinein jugendlichen Feier treibt er mich zu nahe an die Rampe, und bnmps liege ich Sie im Orchester und falle gstade uf die große Trommel. Natürlich platzt von der kolossale» Wucht das Fell, und ich Verschlvinde Sie nun vollständig.— Nu' hätten Sic aber 'mal das Piiblikmn hören solle»»! So was von Applaus is noch in kernen Theater nich' erlebt worden:— wenigstens sechsmal bin ich Sie a»lS der großen Trommel'rausgerufen worden I" — Herbe Kritik. Symbolist:„Nun, Herr Professor, »vas sagen Sie zu meinem Kinde?" Medizinalrath:„Ja.. hin.. wünschen Sie ein ä r z t» liches Gutachten?" — Schlagfertig. Hausfrau:„...Ich»veiß nicht, Malte, sind Sie verrückt oder Ich I' Köchin:„Gnädige Frau»verde» sich doch keine verrückte Köchin gciioimilci» haben? 1"— („Flieg. Bl.") Notizen. — Herr Paul Lindau. Hof-Thcater-Jntendant in Meiningen. hat seinen Abschied genommen.— Kehre zurück, Paul, es ist Dir Alles verziehen. Dein Rudolf.— — Bon F e d o r von Zobcltitz kommen noch in dieser Saison zlvei Novitäten zur Aufführung, am 7. März ein satirisches Lustspiel„Tan,-Tain" am B c r l i n e r Th e a t c r»md Mitte März am Hamburger S t a d t t h e a t e r ein füufaktiges Drama „Neue Waffen". Das Letztere ist vom Berliner Schau- spielhause für die nächste Spielzeit in Aussicht genommen.— — In» Neuen Theater gelangt ani 28. Februar ein Schau- spiel von Richard Landsberger„Die Pflicht" zur ersten Aufführung.— — Auch in M ü n ch e n- G l a b b a ch hat man einen Versuch gemacht, billige musikalische V o l k S- II n t e r h a l t u n g s- a b e n d e einzuführen. Der erste»vnrde von etlva 1300 Personen besucht und hatte eine» großen Erfolg.— — Der Schriftsteller Rudyard Kipling liegt in New- U o r k an einer Lungenentzündung schlvcr krank darnieder.— — Friedrich von Hau segger ist im Alter von 61 Jahren in G r a z g e st o r b e n. Er ist durch Schriften über Wagner, „Wagner und Schopenhauer",„Die Musik als Ausdruck" und„Das Jenseits des Künstlers" bekannt getvorden.— — Dem englischen Maler Sir John MillaiS soll in London,»vahrscheinlich vor dein Tate-Museun», ei» Denkmal gesetzt»Verden.— — In R o in»vurden bei den Ausgrabungen an der Sixtusbrücke dreißig Fragmente von der großen marmornen Tafel aufgefunden,»vclche die Topographie des alten Rom zeigte' und die zur Zeit der Cäsaren angefertigt»vurde. � — Von» römischen � Kardinalskollegiuni»vurden folgende Bücher des Würzburger Professors der katholischen Theologie Dr. S ch e l l verdammt:„Katholische Dogmatik",„Die göttliche Wahrheit des Christenthums",«Der Katholizismus als Prinzip des Fortschritts",„Die neue Zeit und der alte Glaube".—_ in. Druck und Verla» von Max Bading m Berlin.