Anterhallungsblatt des vorwärts Nr. 44. Donnerstag, den 2. März. 1899 2] Das Vlnk. (Nachdruck verboten.) Roman von I. I. David. Die Frau wurde sehr blaß:„Ach Hab' mich mein Lebtag �cplagt. und was Du hast, das Hab' ich mitgeschafft. Und soll .ch mir darum in meinem Hause sagen laffen, oaß ich nichts taug'? Bin ich dafür alt geworden? Und warum? Weil ich so thun will, wie jeder Christcnmensch thäte? Sag' Du, was Du willst: da hat sich doch Manche in Seiden vor ihr zu schämen, und sie ist stolz und kalvinisch blieben und hat ge- hungert und sich nicht gemuckt. Oder hat sie Dich angebettelt? Und Du schimpfst sie ins Grab hinein? Und schreist mit mir, wie nie? Das ist schlecht, und Du bist's und sonst Keiner mehr in dem Zimmer!" Er lentte ein:„Und was willst Du mit dem Kind?" „Brav soll sie werden, die Gabi!" „Und glaubst, Du kannst sie dazu machen? Bedenke, cS wird sein Lebtag kein Baucrnpfcrd englisch. Das Blut macht's da aus. Wird's bei Menschen auch nicht viel anders sein." Sie hiell noch eine Nuß in der Hand; so gewaltsam schloffen sich ihre Finger darüber, daß man es krachen hörte:„Brav will ich sie machen, oder sie soll mir nicht leben, die Gabi." Es klang wie ein Eid, und wer die Frau sah und wie ihre Augen flammten unter den grauen Haaren, der wußte, daß es ernst gemeint war. Er zuckte die Achseln:..Thu', ivas Du mußt. Aber mein ist sie nicht." „Soll's nicht sein. Hat man die verdorben durch Güte. wird man's hier nicht." Sie muß mir brav werden, die Gabi!" Es war eine schwere Fahrt, die Salome Lohwag noch des gleichen Tages antrat. Sie hatte sich wohl dazu heraus- geputzt, und Rupert, der um den Wagen herumschlich, um ihr sein gewohntes:„Mußt Dich nicht tummeln mit dem Heim- kommen, aber schon gar nicht", zum Abschied nachzurufen, staunte ordentlich, wie stattlich und herrenmäßig sein Weib einherschritt. Selbst etivas Schmuck hatte sie angelegt und freute sich, daß der Pächter sein schönstes leichtes Gespann hatte ans dein Stalle ziehen lassen. Man sollte sehen, daß es ordent- liche Leute waren, zu denen die Gabi kam. Aber eine Freude hatte sie nicht mit sich; stumm fuhr sie durch das blühende Land, durch die Städte und Flecken, mit denen es übersäet ist. Oft wurde sie ehrfürchtigst gegrüßt, wenn ihr Wagen an einem der Wirthshäuser längs der hohen weißen Straße vor- überfuhr. Das hatte sie sonst erfreut: das waren ihnen Pflichtige Leute, und sie wußte von Jedem, wie hoch er bei ihnen iin Schuldbuche stand, und konnte so im Fahren be- rechnen, um wie viel ihr Einfluß und damit ihr Vermögen gewachsen war. Heute ließ sie's gleichgiltig, immer ernster und ftnstcrcr sah sie darein, und wendete sie sich rückwärts und sah nach dem Vrettchen, das bestimmt war, mit Gepäck beladen zu werden, dann seufzte sie ivohl gar. Aber noch strenger schaute sie in die Welt, da sie am nächsten Tage heimfuhr. Sie war länger fortgeblieben, als sie gedacht: doch nicht das war es, waS sie also verstimmte. Ihr war wie Einem, der unversehens in eine Pfütze getreten. Ein häßlicher Geruch, ein häßlicheres Erinnern verfolgte sie. Nicht an das, was sie vor Gericht zu thun gehabt; rasch und sicher, eine kluge und in Geschäften befahrene Frau, batte sie das abgewickelt. Aber der Bilder im„Hause" des Theater-Direktors konnte sie nicht ledig werden, in jener einen, engen Stube, die überfüllt>var mit Kram, mit liederlich hcrunl- liegenden fremdartigen Gewändern, nnt kreischenden Kindern; von der aus man auf die Bühne mit ihrem annseligen Gerümpel sah—„ein großer Vortheil, verchrteste Gönnerin, insonderlich die Leitung der Proben anlangend", hatte der Direktor versichert— in der immer und garstig der Brodem schwälender Oel- lampen athmete. Dort hatte sie ihr Schwesterkind gefunden; sie konnte den Ekel nicht einmal dann verwischen, wenn sie auf die Kleine schaute, die in dürftiger Anmuth neben ihr saß, in ihrem schwarzen Kleidchen, das wunderlich genug zusammengeschneidert war; nicht den Groll gegen die Todte, lveun sie des annoch leeren Brettchens in ihrem Rücken gedachte. Die ännste Bauernmagd sparte und scharrte, wenn sie eine Tochter hatte— die Todte aber... Ohl Rupert hatte recht gehabt?„Still, Gabi," fuhr sie. aus ihren Träumereien heraus, das Mädchen an, dessen schmale Wänglein sich in der neuen und raschen Lust des Fahrens geröthet hatten und das sich neugierig vom Sitze er- hob. Es duckte ohne Besinnen nieder; nur rascher athmete es und schwieg. Es war ganz dunkel, als sie heimkamen. Oft und oft hatte Rupert in jenen Stunden ausgespäht und ein ingrimmiges „Wo das nur bleibt? Das treibt sich in der Welt herum und liederlicht den Herrgott vom Himmel herunter" vor sich hingcbrummt. Nun kam er der Letzte zum Wagen; aber gelaffen bot er seiner Frau die Hand und fuhr dann damit prüfend seinen Pferden über die Rücken. Sie fühlten sich ein »venig feucht an, und„Lump,»venu Du nur die Thiere noch einmal übcrhetzen»virst I"»vetterte er auf den Knecht los. Er sah nicht, daß neben Saloine ein schmächtiges, etwa acht- jähriges Mädchen saß, hörte kaum auf das:„Das ist die Gabi. Rupert," seines Weibes. Nur flüchtig wendete er sich: „So? Grüß' sie Gott", und ging in seinen kurzen und drollig breiten Schritten auf das Brauhaus los, aus dessen Schorn- steinen starke weiße Wolken gen Himmel qualmten.„Rupert!" rief sie ihm nach. Er achtete nicht darauf.„Rupert, ich Hab' »nit Dir zu reden!" „Daun komm zu»nir!" klang es schon ferne. Sie folgte ihm. Gabi aber kletterte ungeschickt genug vorn Wagen herunter; an das Trittbrett hielt sie sich, guckte sich»nit großen, braunen Augen uin, sah die freinde Welt und wußte nicht, was thun. Die Pferde»vurden ausgeschirrt, verlöscht die Laternen auf dein Kutschbock, die eine Weile lang ihr Gcsichtchcn mit eigenem Schimmer Übergossen hatten. Sie aber blieb immer noch allein, und es hungerte sie mächtig. Es»vard völlig Nacht, und ihr bangte; unter den Nußbäumen war Kerzen- licht und ein lautes Wesen. Endlich klang es hart und scharf über den Hof herüber:„Gabi,>vo steckst Du?" und müde, zaghaft und unsicher trippelte sie dem Wohnhause zu, das fortab ihre Hcimath»verden sollte und ihr so ungastlichen Empfang ge- boten hatte. Unter den Nußbäumen saßen noch zwei Zecher schweig- sam. Nun stieß der Eine den Nachbar an:„Hast das Kind geseh'n? War das schön, Herrgott und Heiland!" „Seit wann küm»nerst Dich schon um Mädeln, wenn sie noch so klein sind?" lachte der Andere.„Ober dcnkst Du an die Zukunft? Aber wir könnten geh'n, meinst nicht? Es »vird»nir»nieder zu spät sonst, und ich Hab' morgen zu schaffen. Zahlen kann ich so»vieder, gelt Franz? Gehst »nit heim?" „Ich Hütt' noch zu thun, Johann." „Wo denn»vieder?" Keine Antwort kam; der Größere ging langsain und für sich dorftvärts. Dabei fuhr er sich manchmal mit der Hand übcr's glattrasirte Gesicht und pfiff leise, doch nachdrücklich die Melodie eines Chorals vor sich hin. Er hatte eine be- achtenslverthe Fertigkeit darin, sie so zu ändern, daß sie noch vollkommen kenntlich blieb und dabei dennoch einem Gassen- Hauer bedenklich ähnelte, und das war immer ein Zeichen allerbester Laune bei Herrn Franz Rütte»nann. III. Es wird iinmer ein Tag der Entscheidung für das Leben eines Menschen sein, tvmm er sich zum ersten Male seiner Ver- gangenheit beimißt wird. Unglücklich das Kind, bei welchein dies eintritt, denn ih»n sollte eigentlich blos die Gegcnlvart gegenwärtig sein; ihr hat's zu leben: denn die Sorge uin das Kommende gebührt dem Vollkräftigen; über Gewesenein sinnen, ist Sache des Greises, der gerne wüßte,»vie und von»velchen Wurzeln er also geivorden ist,»vie er sich fühlt. Und lvenn Gabi's Antlitz zu Zeiten einen»nüden und alten Zug»vies, der fremd genug zu seiner Lieblichkeit stand, dann hatte die erste Nacht im neuen Hein» daran zu arbeiten begonnen, und was ihr folgte, ihn vertieft und vollendet... Aber Gabi klagte darum nicht. Sie wagte das nicht, »veil sie Niemanden sah, der ihr hätte helfen können. Einem stärkeren Willen»var Geivalt über sie gegeben worden; der hatte ihr alsbald gezeigt, wie starr und unbarmherzig er diese zu gebrauchen gedenke. Seine Nähe hatte sie schon beim ersten ernsten und stummen Abendbrot, seine volle Wucht unmittelbar darnach, da man sie zu Bette geschickt, empfunden.„Ich werd' Dir's heute zeigen. Komm'!" hatte die Tante gesagt; der Oheim nickte nur stumm ab, als sie ihm gute Nacht bieten wollte. So ging sie denn ängstig hinter der Frau einher, durch ein großes Zimmer, darin zwei Betten standen, in ein noch größeres, das unendlich öde und kahl, in dem ein einsames Lager bereitet war. Sie schmiegte sich eng und bänglich an ihre Führerin:„Da soll ich schlafen, Tont' V Ich kann's nicht!" klagte sie. Sie erhielt keine unmittelbare Antwort:„Kniee nieder, falte die Händ' und bct'!" Sie gehorchte, dann ließ sie die fragenden Augen wandern: „Ich kann nicht beten, Tant'!" Eine fast zornige Stimme erwiderte:„Und warum nicht? Hast's nicht gelernt?" „O ja," flüsterte Gabi.„Aber zu wem denn? Ich sehe keinen Jesus und keine Muttcrgottcs und keinen Heiligen." „Sie ist abtrünnig geworden," schrie es in Salomcns Seele.„Die mußt Du im Herzen tragen," sagte sie laut. „Ich kann's aber nicht."Ich hab's nicht gelernt." „So wirst Du's jetzt." Eine tönende Stimme sprach ihr Wort um Wort vor; verwirrt, muthlos schluchzte sie ein Kinderstimmchen nach. Dann ging Salome; das Händchen, das sich an ihren Rock klammerte, streifte sie ab; das flehende: „Ich fürcht' nüch so allein, Tant', ich werd' sterben vor Angst!" überhörte sie. Das Licht hoch in der Hand haltend, verließ sie die Stube. Gabi aber sah ihr immer noch ungläubig nach; ein riesenhafter und ungeheuerlich wachsender Schatten lief über die Dielen, die weiße Wand entlang. Eine Thür fiel ins Schloß, und sie flüchtete in ihr einsames Bett, das ihr so unendlich groß erschien. Ein schmales Streifchen Licht glänzte noch von ferne; das erlosch, und das Kind drückte fein Köpfchen in die Kissen und schrie auf inl Leide. Es war eine häute Nacht f im' Hofe war ein Hin- uno Widergehen, ein Rollen und Klirren. Manchmal lohte eine phantastische Gluth darüber hin, daß die Kleine aufsprang und meinte, es brenne im Hause. Dazu sang der Bach und sauste der Nachtwind; schwanke Zweige schlugen an die Scheiben, und das Lärmen scheuchte sie wieder zurück in ihr Lager. Dann erhob sie oft ihren sehnsüchtigen Ruf:„Mama, Mama!" Nur ganz leise; sonst, so un- hörbar er fein nwchte, er hatte immer Erwiderung gefunden. Und wie die heute nicht kommen wollte, ihre verlaugend ausgebreiteten Aermchen nichts fanden, das sie umfassen konnten, da erkannte Gabi erst ihren Verlust und feine ganze Größe. DaS jagte sie wieder auf, zur Thür hin. Aber nicht den mindesten Laut vernahm sie, der sie irgend trösten konnte. Da warf sie sich in unsäglicher Beklemmung auf den Boden; an die harten Dielen klammerte sie sich und weinte so lange, bis sie die Müdigkeit und Bängniß in den Schlummer wiegten. Und dennoch hatte Salome's waches Ohr ihr ruheloses Irren, ihr bewegliches Klagen belauscht. Aber sie verhielt sich stille.„DaS thut wie ein wilder Vogel; der lernt schon stillehalten. Sie muß sich gewöhnen, und käm's ihr noch so sauer. Ich werde sie ziehen; der taugt kein gut Wort, wie es der Theres nicht getaugt hat. Brav muß sie werden," dachte sie. Und wie viel an ihr zn bessern war nach den Begriffen ihrer Tante, das hatte die schaudernd an der religiösen Verwahrlosung des Kindes gesehen:„Nicht einmal wo Gott wohnt und wie nian betet, weiß sie. Aber der Rupert darf mir nicht Recht behalten, darf nicht! Und müßte ich ihr noch anders kommen, als wie sie's meint." Und der Gedanke an Rupert und an ihren Sieg über ihn brachte ihr den Schlaf, den sie so lange hatte ersehnen müssen, wie noch nie. Oberhalb des Brauhauses liegt ein Himmelteich. Verborgene Wasser speisen seine in einer tiefen Mulde geborgene Fluth, und seine stille Fläche schweigt immer, auch an durchstürmten Tagen, ruhig und fast ungeregt. Rings an seinen Ufern blühen rothe Rohrkolben, mit satter Gluth leuchtet die Wcidenrose, Weiden nicken mit ernsthaft überhangenden Zweigen, und an sonnen- heißen Tagen mag man den' schrillen und durstigen Ruf des Regenpfeifers vernehmen. Es ist ein trauriger Ort. und nur selten kommen spielende Kinder hierher, rmi flache Steine über die Gewässer hintanzen, um Papierkähue darüber hingleiten zu lassen. Er aber ward der liebste Aus- enthalt Gabi's; hierher flüchte sie, wenn ihr der Frost in ihrem neuen Heim die tiefste Seele durcheisen wollte.' Eine alte und mächtige Weide stand ganz vermorscht und kernfaul am Gestade; in ihrer Höhlung barg sie sich, wenn sie grübeln wollte, und sah auf das Glitzern und Sonnenflirren, das allenthalben war, bis ihr fast traumhaft und schwindlig ward, bis sie in halbem Schlummer die Augen schließen mußte. Dann kamen ihr Bilder; dann glaubte sie die Atutter zu sehen, die ihr so ferne war und an deren Angedenken sie sich stets inniger klammerte, je minder man es im Hause ehrte. Denn ob sie nun lachte, ob sie sang— beides hier Vergehen l— immer war es Rupcrt's höhnisches Wort:„Die ganze Mutter, das Blut, ja das Blut!" und immer ward Salome dann doppelt hart und abweisend gegen sie. Was konnte die Todte begangen haben? War es nicht vielleicht nur, daß sie ihre Gabi lieb gehabt? Oder war es vielleicht eine Schuld, überhaupt nur arm gewesen zu sein? Denn der Ohm mochte sie nicht; das wußte dieKleine. das sah sie klar, wenn es ihr nianchmal scheinen wollte, als schliefe in der Tante eine ge- Heime Zärtlichkeit für sie. Aber warum strich sie ihr dann nie das Haar? Warum küßte sie nie den Mund des Kindes? Bin ich vielleicht garstig geworden? dachte sie anfangs. Darüber tröstete sie aber ihr Abbild, das sie vom Weiher her grüßte und das sie häufig und gerne beguckte. Denn sie wußte um ihre Schönheit, die man ihr früh und laut genug gepriesen. und sie freute sich bannt, wie mit jeder Liebkosung, jedem holden Worte, das ihr wurde, wenn sie über den Hof ging. Sie mußte gesetzte Schritte dabei machen, das forderte die Tante, und der Oheim hatte für jede heftigere Bewegung jene hämische Bemerkung, die sie so haßte und die ihr den ganzen Mann so widerwärtig machte. Denn eine starke Leidenschaft- lichkeit schlief in ihr. Sie konnte ehrlich lieben und ehrlich Feind sein schon in jungen Jahren. Und nichts vertieft ein Gefühlsleben so. wie die Einsamkeit. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboicii.) BergMvze» (Schluß.) Es liegen an vielen Stellen auf den höheren Gebirgsabhäiigcn gewaltige Massen von Schutt und losem Geröll, die für gewöhnlich, festgehalten durch die flache Neigung ihrer Lagerstätten, keinerlei Gefahr für die darunterliegenden Wohnstätten bedeuten. Aber eine Folge von außerordentlichen Regengüssen, ein Anwachsen der Quellen, eine oberhalb des Schuttes angehaltene und im Frühling schmelzende Lawine und ähnliche Umstände können das ganze Fundament solcher Halden in einen schlüpfrigen Brei verwandeln, auf dein alsdann die gewaltigste» Massen von Geröll, Mergel und zum Theil riesigen Blocken lvi'e auf einer Gleitbahn ins Thal hinab- kommen. Genügten doch die furchtbaren Regengüsse des Sommers 1897, um selbst im Riesengebirge nebe» den bekannten lieber- schwennnungen auch eine Menge' kleinerer Bergstürze oder Fels- fchlipfe nach sich zn ziehen, denen ebenfalls an mehreren Stellen Menschenleben zum Opfer gefallen sind. Im Jahre 1797 ivurde der Bricnzcr See infolge eines solchen Schuttstmzes, der einen Theil von Bricnz zerstörte und dann sich in den See ergoß, auf mehrere Monate getrübt. Auch solche Katastrophen können oft recht gut vorausgesehen werden, so daß bei rechtzeitiger Vorsicht wenigstens das nackte Leben und zuweilen das bewegliche Gut gc- rettet werden kann. Ja, als 1779 sich die Schutthalden des Zürich- bcrgcs nach anhaltender Durchträntung des Erdbodens am Neujahrs- tage gegen Oberstraß in Bewegung setzte», brachte man es sogar fertig s durch schnelle Eutwässerungsarbeitcn den Untergrund der gleitenden Massen soweit auszutrocknen, daß der Bergrutsch wieder zum Stehen kam. Aber solche Beispiele von aufmerksamer Be- obachtung und entschlossenem Handeln sind leider so selten, wie die Katastrophen selbst häusig sind. In der Regel sind diese gleitenden Schuttmassen Iveit weniger gefährlich, als die eigentlichen, sich schneller und mit verheerender Gewalt bewegenden Felsstürze. Selbst einer der gewaltigsten Schutteinbrüche der neueren Zeit, der Sturz dcS Hirzlibcrges im Frühling 1868, dessen Ursache eine schmelzende Lawine war, bewegte sich trotz der Höhe von 459 Metern, aus der er hcrabkam, laugsanr genug, um den Bewohnerir von Bitten im GlarnS Zeit genug zur Flucht zu lassen. Im oberen Theile des Rutsches, wo der Schlamm mit gewaltigen Stcinblöckcn untermischt war, vollzog sich die Be- wcgung mit der furchtbaren Geivalt eines herabdonnernden Wasserfalles, ganze Wälder vor sich hcrfegcnd, aber zuletzt gelang es doch einem breite», oberhalb des Dorfes stehenden Wäldchen, unter eigener Vernichtung die größte Menge der herabkommenden Stein- blocke aufzuhalten, und nun floß der schlämm in langsamcrem Strome 48 Stunden lang gegen und über das Dorf hin. So ge- niächlich und gleichsam rücksichtsvoll spielt sich bei den eigentlichen Felsstürzen, wenn ihre Beivcgung einmal begonnen hat, die Kata- ftrophc nicht ab. Die eindrucksvolle Schilderung, lvelche Berlepsch in seinen Bildern aus de» Alpen von dem furchtbaren Bergsturz — r bei Goldau giebt, gewährt ein Bild von der plötzlichen, vcr- heerenden und alle anderen Ausdrücke der Naturkraft über- treffenden Gewalt, mit der die einmal entfesselten Elemente der Schwere und Bewegung auf diesen geneigten Abhängen sich Bahn brechen. Und doch spielte sich auch hier, wo Hunderte von Meuscheu dem Schicksal nicht zu entrinnen vermochten, die Katastrophe gleich- sam in mehreren Absätzen ab. Erst begannen die Rasenflächen der Rnthiweide an der halben Höhe des Roszbcrgcs lebendig zu werden, dann bewegten sich ganze Tannenwälder der Tiefe zu, Matten und Wiesen, Häuser und Höfe hoch oben am Abhang begannen zu gleiten und dann endlich erfolgte unter Donnern und Krachen, Brausen und Rollen der plötzliche Zusammensturz der ganzen Steinbergerfluh. Nun erst begann das eigentliche Zerftörungswerk. Von dem schauerlichen, wirbelnden Durcheinander der Milliarden Bestandtheile vom hausgrohen Block bis zum Staub- atom, in welche sich gleich darauf die steile Bergwand ausgelöst hatte, und die nun mir wahnsinniger Eile über den geneigten Berg- abhang ins Goldauer Thal hinabsaustcn, hat Berlepsch eine unver- gestliclje Schilderung entworfen:„Hausgroste Gebirgsbrockcn mit aufrecht darauf stehenden Taimen sausten, wie von dämonischen Fäusten geschleudert, frei schwebend, gleich fliegenden Vögeln, hoch durch die Lüste; andere Felsenscherben ricochettirten wie Geschosse einer Riesenkanonade, von Zeit zu Zeit aufsetzend, immer wieder in hohem Bogen emporgeschnellt; noch andere � prallten auf ihrer Sturzbahn mit ihren Sturmesgenossen zusammen und zerspritzten wie die Funken weißglühender Eisenstangcn unter der Wucht des Eisenhammers. Es ivar eine Szene aus den, Titanen- kämpfe der griechischen Mythe." Noch heute wird jedem Rigibesncher an der gegenüberliegenden Flanke des Roßberges die breite Sturz- bahn des fast 100 Jahre alten Bergrutsches gezeigt, die in einer Breite von 5 und in einer Länge von 0— 7 Kilometern fast von der Höhe des Berges bis zur Straße zwischen Arth und Steinen hinab- zieht und die'Thalsohle bis weit auf den entgegengesetzten Abhang hinauf verwüstet hat. Glücklicherweise sind Katastrophen dieses UmfangeS selten und noch seltener, vielleicht einzig dastehend, sind derartige Einbrüche, wie sie in vorhistorischer Zeit, ja wohl schon in einer früheren geologischen Epoche das Thal des Vordcrrheins zwischen Flims und Versam, Reichenau und Jlanz zugeschüttet hat. Die Schutthalde dieser, sonst unseres Wissens beispiellosen Katastrophe, die vielleicht allein in den Alpen den Namen eines Bergsturzes, nicht mir eines Felssturzes verdient, beginnt an jener merkwürdigen Bereinigungs- stelle des Vorder- und Hinterrheins, wo die von Chur kommende Straße den Stroin verläßt, um hüben und drüben an den Berg- wänden emporzusteigen. Sie zieht hier über Versam und Kästris, dort über Tamins und Flims, auf- und absteigend zwischen bedeutenden Berghöhen und tiefen Tobel». und umgürtet einen öden Landstrich von 3 bis 5 Kilometern Breite und 12 Kilometern Länge, um sich endlich bei Jlanz wieder zu vereinigen. Dieser ganze Landstrich zwischen den beiden Heer- straßen, aus Berg und Hügel in verlvorrener Gestaltung bestehend, von dichten Tannen- und Lärchenwnldcrn überwuchert, von acht kleinen Seen erfüllt, bildet den Schauplatz cincS einzigen Berg- sturzes, der schon vor der Eiszeit von den hohen Kalkwänden des Segnespasses hcrabgckoinmeu sein muß. Ter Rhein und seine Nebenflüsse haben sich in tiefen, unzugänglichen Schluchten ihre» Weg durch das Bergland gebahnt, das durch diesen Sturz eiitstand, die Straßen aber folgen weit vom Strome entfernt hüben und drüben in beständigem Bergauf und Bergab den Dörfern mid Städten, welche allmälig. die wilde Einöde zu beiden Seiten der Rhciuschlucht fliehend, hoch an den Flanken des ehemaligen RheinthaleS entstanden sind. Als ragender Denk- stein der alten Katastrophe aber reckt»och- heute hoch über Flims der Crnp da Flem oder Flimser Stein nördlich von Flims seine kahlen und steilen Felswände, von denen sich einst vielleicht die nieder- stürzenden Fclsmassen gelöst haben, 1500 Meter empor. Ob solche Bergstürze gewaltigsten' UmfangeS häustger oder nur ganz vereinzelt an der heutigen Gestaltung der Alpenthälcr gearbeitet haben, bleibt wohl der weiteren Forschung vorbehalten zu entscheiden, daß aber im Kleinen nicht nur die nagende Kraft der Berggewässcr, sondern auch die unmittelbarer wirkende Kraft der Schwere oft genug ihre Veränderungen an der Gestalt der Berge hervorbringen, beweisen fast jährlich gewaltige und oft genug schreckensvolle Ereignisse.— R e i n h o l d S p a>» c e r. Nloines Lteuillekon. Ii. Vornehm. Die alte Frau war eben dabei, sich einen Alpen- beilchentopf auszusuchen. Da wurde die Ladcnthür aufgerissen, und ein Schwann junger Damen drängte herein. Die eine, mit de», sicheren und würdevollen Ausdruck der jungen Frauen, trat vor. Die andern gingen neben und hinter ihr. Sie traten an der Vcr- käufcrin vorbei auf den Ladentisch zu, wo die abgeschnittenen Blumen in hohen Vasen standen. „Was kostet dieser Topf?" fragte die alte Frau, ein Alpen- Veilchen hochhaltend. Die Verkäuferin Ivollte den Preis nennen, da rief die junge Frau„Was kosten die Azaleen? Diese hier, mit den langen Stiele», und diese mit den kurz?» Stielen?" > Die Verkäuferin wollte sich wieder der alten Frau zuwenden, nachdem sie den Damen zugerufen hatte:„Bitte, einen Augenblick!" Doch da rief eins der jungen Mädchen:„Und die Rosen?" Die Verkäuferin wendete sich um:„Bitte einen Augenblick!" Da flüsterte ein anderes junges Mädchen, daß es in dem kleinen Laden bis in jede Ecke gehört werden lonntc:„Ach, ist das hier cine vornehme Bedienung!" damit drückte sie ihre Nase in eine Rose, daß die Blätter der Blume auseinanderfielen. Die Verkäuferin sah die alte Frau an. Diese zwinkerte mir mit den Augen, setzte den Blumentopf zurück auf das Gestell in die Reihe der anderen Alpenveilchen und legte die Arme über der Brust zu- saminen. Die Verkäuferin ging zu den Damen, die dabei waren, die Blume» aus den Vasen zu zerren und sie durcheinander zu werfen. „Was wünschen Sic?" fragte sie höflich. „Etwas Tafelschmuck. Ein bischen was Besonderes!" antwortete die junge Frau. „Da flnd hier Azaleen... oder Nelken... oder Orchideen. Ach bitte, werfen Sie die Blumen nicht so umher!" bat sie noch immer ruhig. Tie jungen Mädchen sahen spöttisch lächelnd einander an. Die junge Frau fragte nach den Preisen.„Ach, ist das thcncr!' schrien die Danien, als die Verkäuferin die Preise genannt hatte. „Haben Sie nichts Billigeres?" „Ja, Veilchen und Schneeglöckchen." Sie schob ihnen zwei Schüsseln voll der kleinen Bliithcn hin. „Ach nein I Das ist so etwas- Alltägliches! Das hat ja ei» Jeder! Das ist gar nicht vornehm," meinten die Damen und vcr- zogen ihre Gesichter. Tie Verkäuferin blieb ganz gelassen. „Ja," erklärte die junge Frau;„ich würde ja die Azaleen nehmen— aber Sie nuiffei, mir ein Bund Nelken zugeben." „Bedauere— ich bin nicht GeschäftSinhaberin;" das darf ich nicht I" erwiderte die Verkäuferin. „Na— aber ein paar Rosen?" „Es thnt mir leid..." Di: Verkäuferin zuckte die Achseln. „Nein, nein; dann lassen tvir es;" meinten die Damen vcr- letzt und gingen hinaus durch die Thür, die sie beim Eintritt offen gelassen hatten. „Ist das ein m, vornehmes Geschäft!" sagte die Eine„och mit einem verachtungsvollen Blick durch das Schaufenster. Die alte Frau, die sich unterdessen die Blumen an den Wänden und im Schaufenster betrachtet hatte, trat wieder zu de», Alpenveilchentopf zurück und fragte, als wenn sie nicht untcrbrochen worden Iväre:„Was kostet der Topf?" „Sechzig Pfennige!" sagte die Verkäuferin freundlich. Ohne ein Wort zu sagen, holte die alte Frau ihr Portemonnaie unter der blauen Schürze hervor und bezahlte.-- Völkerkunde. — lieber den D e s e m c r, die uralte volksthnmliche Waage der norddeutschen Küstengebiete, sprach Sockcland in der letzten Sitzung des„Vereins für Volkskunde". Er führte nach einem Bericht der „Voss. Ztg." Folgendes aus: Die Waage besteht aus eine», Stabe, der an einer Scite in eine mit Blei oder sonstwie beschwerte Ver- dickung ausläuft, am anderen Ende trägt er einen Haken zum Auf- hängen der zu Ivägenden Last. Seiner Länge nach ist er mit einer Eintheiluug versehen, gewöhnlich mittels eingeschlagener Messingstifte. Gewisse Stellen dieser Emtheilung sind dadurch hervorgehoben, daß zwei oder drei Stifte nebeneinander stehen. Die ganze Vor- richtung wird an eiuein Biudfadci� aufgehängt, dessen Eudcu an den Enden eines hölzernen Handgriffs befestigt' smd. Er wird beim Wägen so lange hin und her geschoben, bis das Gleichgewicht des Wagebalkens, als welcher der horizontal gelegte Stab gelten m»ß, erreicht ist. An der Eintheiluug des Stabes liest man das Gewicht ohne weiteres ab. ES versteht sich von selbst, daß genauere Wägmigen mit diesen, einfachen Gcräth nicht auszuführen sind, und da außer- dem die Möglichkeit betrügerischer Handhabung sehr nahe liegt, so ist der Desemer nicht nur allmälig außer Gebrauch gekommen, sou- dern vielfach sogar verboten. An seine Stelle ist die bekannte Wage getreten, die noch jetzt auf unsere» Märkten, z. B. zum Wägen der geschlachtete» Gänse benutzt wird. Statt des verschieb- lichen Aufhängepunktes bei feststehende». Gewicht, wie das dem Desemer zukommt, hat sie einen festen Aufhängepunkt und ein vcr- schiebliches Gewicht. Die auf das Verbreitungsgebiet des Desemer gerichteten Untersuchungen des Boaragendm ergaben, daß er nur in Schleswig-Holstcin, Mecklenburg, Pommern, Brandenburg, Posen, West- und Ostpreußen bekannt ist. In Mecklenburg-Strelitz kann man ihn sogar noch neu anfertigen lassen. Der Eintheiluug dcr Ge- wichtsskola liegt meist die Zahl 7 zu Grunde, aber auch die 5, 6, 10. 15 und 21. Der Vortragende hat 20 Desemer zu sammeln ver- inocht, und das Museum für Volkstrachten enthält weitere vier. Jeden- falls sind für diese verschiedenen Eintheilungeu theils allgemeinere lLieöpfundi, theils örtliche Gewichtssiffteme maßgebend gewesen. Mehrere Desemer haben eine doppelte Skala. An ihrem Gebrauchs- orte sind also zwei verschiedene Gewichtsshstenie enttveder nebeneinander oder nacheinander in Kraft gewesen. Ein aus der Gegend von Memel stammender Desemer zeigt z. B. sowohl die dem russischen, wie die dem preußischen Gewichtssysteme entsprechende Eintheiluug; er diente eben dem Grcnzvcrkehre. Von einem andere», ans Mecklenburg stammenden, ist beglaubigt, daß er die zweite Skala bei EinsMrnng des neuen Gelvichts erhielt. Betreffs der Schreib- Iveise Beiemer, die sich statt Desemer manchcrorten vorfindet, hat der Vortragende ermittelt, daß man in Schleswig- Holstein und in Lstprenfien Bescmer, überall anderwärts aber Desemer sagt. Da Nim Schnellivaage im Nussischen BeSmcni, im Dänischen BiSmcr heißt, so nimmt Sockcland an, daß der ursprüngliche Aus- druck Desemer in jenen Gegenden allmälig unter dem Einfluß der fremdsprachlichen Bezeichnung in Bcscuier umgewandelt ist. In Schleslvig-Holstcin sagt man zudem Besnier, was jener Ansicht eine rvcitcre Stütze verleiht. Auch Virchoiv ist der Ansicht, daß Desemer als der ursprüngliche Ausdruck anzusehen ist. während Andere glauben, das ursprüngliche Wort Besemer habe sich, weil man den ..Dczern"(für die Geistlichkeit) ans der Waage ablvägen mußte, in Descincr verwandelt.— Geographisches. — AuS D a r k a n d thcilt der englische Kapitän Deasy der Lon- doncr Geographischen Gesellschaft kurz die Ergebnisse seiner im der- ganarnen Sommer in diesen Zhcilcn Zentralasiens aus- geführten Reisen mit. Deasy hatte versucht, über den Kwen- in», westlich von den durch den Rusien Roboroivskh erforschten Gc- bieten des Gebirges, einen Weg nach dem nördlichen Tibet zu finden. Der Versuch lvar indeg'en mißglückt infolge Wassermangels und des Vorhandenseins einer Kette von Schneebergen» deren Südseite er bereits ISSli aufgenommen hatte. Auch hinderte ihn der Statt- Halter der Stadt' Kcria(am Keria- Daria) daran, südivärts über Poln nach der südlich vom Ktvenlnn liegenden Wüste Aksai-Schin(.Weiße Wüste") zu gelangen. Trotzdem glückte Deasy bei diesem Versuch eine nicht unwichtige Entdeckung, indem er die Quelle des Khotan- Daria— eines Quellflusses des zum Lob-Ror gehenden Tarim— auffand. Sie liegt_ im Kwenlun- gebirge, unter 35u 35' n. Br. und 3t® 40' ö. L., also in der Rühe des oberen, zuletzt von Sven Hedin erforschten Keria-Daria, und erheblich südöstlicher, als man bisher angenommen hatte. Deasy gedachte, im kommenden Frühjahr von Uarkand ans von neuem nach dem Khvtau-Daria und der Wüste Aksai-Schin auszubrechen.— Alts dem Thierlcbe». — Löwen in D e n t s ch- O st a f r i k a. In der M a s s a i- steppe, die sich bis zum Viktoriasee und weit hinein in deutsches und englisches Gebiet ausdehnt, finden sich neben vielen anderen Thieren auch L i» iv e n. Wie die„Oestcrreichische Monatsschrift für den Orient" erzählt, ist in den Gewohnheiten und dem Charakter der Löwen wohl cttvaS Gemeinsames, doch kann nach dem llrthcil erfahrener Löwenjäger. z. B. Kirbys, jeder seine eigene Individualität besitzen, und je'uach der Lage verschieden handeln. Im Allgemeinen sucht der Löwe vor dem Menschen sein Heil in der Flucht; selbst wenn er beim Mahle gestört wird, geht er in der Regel, wenn er die Annäherung des Menschen gewahr wird, sehr schnell und erschreckt fort. Werden Löwe» in unmittelbarer Nähe überrascht, so springen sie gclvöhulich mit ticsem kurzen Grunzen davon. Ein halb verhungerter und ein vcr- wuudeter Löwe ist jedoch ein ganz anderes Wesen: dieser nimmt den unvorsichtigen Inger oft an. Ein Löwe greift jedoch niemals weiter, als auf höchstens 27 Meter Entfernung an. Er beginnt mit einem anscheinend langsamen Trab— infolge der großen Länge des Thieres ist die schnell zurückgelegte Strecke aber doch beträchtlich— pflegt in einer Eutseriumg von ungefähr 20 Schritte» zu halten, das große Haupt tief zlvische» die Schultern gesenkt und dabei nn- r.ushörlich zu brüllen. Wenn er dann nicht geschossen wird. sliirmt er mit einem heftigen Anprall an, aber springt richt. Die Sprungkraft des Löwen lvird überhaupt bei Weitem überschätzt. Die Thiere sind geradezu springfanl und geben sich sehr selten die Mühe, selbst den kleinsten Bach zu überspringen, sondern ziehen es vor, herum oder hindurch zu gehen. Mehr als 20 Fuß ebenen Grund kann ei» Löwe mit einem Sprunge überhaupt kaum decken: Kirby sah allerdings einmal eine Löwin ans ein Ufer springe», welches mindestens 20 Fuß hoch lvar, Ivobei sie gar keine Kraft ausznlvenden schien. lieber die Fähigkeit deS Löwen, Bäume zu erklettern, liegen bis jetzt wenig genaue Beobachtungen vor; doch ist ein Fall bekannt, wo eine Löwin 20 Fuß ans einen Baum kletterte, um sich getrocknetes Fleisch zu holen, das dort aufgehängt war. UebrigenS würde einem schivere» männlichen Löwen das Klettern unmöglich sein, iveil die Kraft der Klauen nicht ausreicht, um den Körper zu halten, doch würde eine Löwin eS wohl fertig bringen. Die Klauen der leichteren Leoparden und andern Kntzeuartcn sind stärker im Verhältniß zu dem Gewicht, welches sie zu tragen haben, so daß diese Thiere sehr leicht Vänme erklettern können. Wie der Tiger, so richtet sich auch der Lölve an einem Baum ailf, um den zu erreichen, der ihn verlvundet oder der seine Aufmerksamkeit nach einer Verwundung aus sich gezogen hat. Ein vollkommen ausgewachsener Löwe pflegt von einem erbeuteten Thier 40 Pfund Fleisch ans einmal zu fresse». Ist es groß genug, daß es ihm in der zweiten Nacht noch einmal Nahrung geben kann, so frißt er dann nichr. wahrscheinlich weil er mehr Zeit dabei hat. Das Freisen, wobei das Fleisch in großen Stücken verschlungen wird, ist von einem häßlichen und unangenehmen Grunzen begleitet. Hat der Löwe IVs— 2 Stunden gefressen, dann geht er zu Tränke, frißt darauf ivieder 2 Stunden iind nimmt wieder Wasser zu sich und trinkt nach einem dritten Be- such des zerrisieuen Thieres noch einmal, ehe er sich für den Tag zur Verantwortlicher Redakteur: August Jacoben in Ber Ruhe legt. Selbst wenn der Raub fern vom Waffer liegt, gehen die Lötven unfehlbar trinken. Die Thiere schlürfen laut mid augenscheinlich mit vielem Vergnügen und pausircn immer zwischen drei und vier Zügen; selten kommen sie zweimal an dieselbe Stelle des Wassers zum Trinken. Tags über liegt der Löwe in irgend einem dicken Busch mit vielem Schatten in der Nähe des geschlagenen Thieres oder in einer größeren Fläche von langem trockenem Gras. Nach den Erfahrungen verschiedener Löwenjägcr ist der ostasrikaniscke Löive dem Jäger im Ganzen nicht so gefährlich, wie der süd- afrikanische.— Gesundheitspflege. SS. Gesnndheitsgesährliches Papier. Das in sran- zosischer Sprache erscheinende.Bulletin zur Fürsorge für schwind- süchtige Kinder" giebt die Nachricht wieder, daß die Sparkasse in Brüssel soeben eine besondere Vorrichtung getroffen hat. um sämmt- liche Sparkassenbücher und andere Papiere, die bei ihr eingehen, sorg- fältig zu desinfiziren. Zu diesem Zwecke werden alle diese Schrift- stücke für mehrere Stunden mit Fonnaldehyd-Dämpsen behandelt. DaS Verfahren, das übrigens schon seit längerer Zeit vorgeschlagen und auch verschiedentlich angeivandt wird, ist sehr einfach und verbürgt einen sicheren Erfolg. Seit seiner Einsühning in der Brüsseler Sparkasse sind angeblich alle Erkrankungen an oiisteckenden Leiden unter dein Personal vollkommen verschwunden. Genaue Untersuchungen haben festgestellt, daß die in der beschriebenen Weise tiehandelten Papiere einen vollkommen keimfreien Zustand erhalten. Gewisse Banken haben nach demselben System die Desinfektion deS Papiergeldes zur Fürsorge für ihre Beaniten eingesührt. Die Bank von England giebt überhaupt nur neue Banknoten ans. indem sie alle alten Scheine sofort nach Eingang verbrennt. An Stelle dieses durchgreifenden und sicherlich sehr empsehlenswerthen Brauches könnte auch die Desinfektion der alten Banknoten den Ziveck erfüllen. Fenier muß darauf hingewiesen werden, daß die an- steckende Gefahr des Papiergeldes noch ivcit übcrtroffcn wird durch den Znstand der Bücher in öffentlichen Bibliotheken und in privaten Leih- bibliotheken. Man kann sich vorstellen, daß ein Aufsehen erregender Roman durch sehr viele Hände geht, und daß»nter den Lesern gerode eine große Zahl von Leuten sich befindet, die durch Krankheit zur Ruhe genöthigt sind. Es wäre sehr Ivünschenswerth, daß gerade diese Bücher einer sorgfältigen gesundhcitsgemäßcii Behandlung unter- warfen würden. Allerdings find die Fonnaldehyd-Däiupfe dazu noch nicht ganz geeignet, indem unter ihnen die Haltbarkeit der Einbände zu leiden pflegt.— Technisches. — Eine automatische Maschine für Einschreibe- b r i e f e hat die Postbehörde der Vereinigten Staaten eingeführt. Der Slpparat lvird in folgender Weise gchaudhabt: eine Silbermünze von 10 Cents, die Gebühr eines Einschreibbriefes innerhalb der Staaten der amerikanischen Union. lvird in die Oeffuuug geworfen, ivoranf sich eine viereckige Eiscnplatte anto- matisch öffnet und eine Rolle weißen Papiers bloßlegt. Auf dieses schreibt der Absender seinen und den Namen des Empfängers und bewegt darauf den am oberen Thcil des Automaten befindlichen Hebel, der sodann den Briefeinwurf öffnet. Hierauf wird die Kurbel in Bewegung gesetzt, bis ein Glockensignal anzeigt, daß der Brief empfangen und die Schrcibflächc wieder verschlossen ist. Das Herausziehen des großen Hebels beivirlt die Auslieferung eines Duplikats des Aufgabescheins, auf welchem sich gleichzeitig die laufende Numnier und Quittung des Postmeisters nuiunchr befinden. Der mit der Entleerung des Apparats betraute Beamte kann keinen der Briefe sehen oder in die Hand nehmen. Die Münzen fallen so, daß sie mit jedem Briefe zusammenliegen, so daß der Aufgeber eines defekten Exemplars leicht zu ermitteln ist. Wie verlautet, sollen auch bei der deutschen Rcichspost Versuche mit dieser neuen Maschine angestellt werden.—(„Mutter Erde".) Humoristisches. — Boshafte Ablehnung. Dichterling(der mit einer jungen Dame auf den See hiuanSgerndcrt):„Jetzt möchte ich Ihnen meine neuesten Gedichte vorlesen." Dame:„Da irren Sie sich aber, wenn Sie glauben, ich könnte nicht— s ch iv i m m e n."—(„Mcggend. Hum. Bl.") — Kalt. Sie(vor einem Juwelierladen):„Moritz, ich bin wie versteinert von dem Schmuck!" Er:.. Bleib's!"— Notizen. — Die Sammlungen für das Goethe-Denkmal in Straßburg haben bisher 00 379 M. ergeben.— — E m ei u u e l Hannak, einer der hervorragendsten Pä- dagoqen Oesterreichs, ist am Montag in W i e n g e st o r b e n.— — Die 6. Versammlung deutscher Historiker lvird zu Ostern 1900 in Halle stattfinden.— — Der Vorstand des Vereins für öffentliche G e- sundheitspflege hat beschlosscu, die diesjährige Gcneralver- sammlung vom 13.— 16. September in Nürnberg abzuhalten.— — Das Aluminium soll jetzt auch zur Herstellung kiinst- l i ch e r Glieder verwendet werden.—__ in. Druck und Verlag von Atax Boving in Berlin.