Mnterhaltimgsblatt des vorwärts Nr. 45. Mreitag, den 3. März. 189S (Nachdruck verboten.) s] Das Vluk. Roman von I. I. David. Zn der aber war Gabi verurtheilt. In die Schule durfte sie nicht gehen, das litt Salome nicht: denn ihrer Schwester Kind, das keinen ehrlichen Namen hatte, war in jeder Art des Wissens so weit zurück, dasj es mit den Allerjüngsten hätte beginnen müssen. Die herrische Frau begriff aber auch nicht, wozu Gabi Gesellschaft brauchen sollte. Oder verlangten Rupert und sie danach? So litt sie keine Kinderfreundschaft, kein lautes Spiel— all' das war ihr Leichtfertigkeit und somit die allergrößte und allerunverzeihlichste Sünde. Und dennoch wäre es für das Kind Bedürfniß gewesen, das nach rascher Bewegung lechzte. Denn einem Flämmchcn glich es in der lebendigen Anmuth, mit der es durch die Gänge und Hallen des Brau- Hauses dahinhuschte, kam und verschwand, che nwn's ahnte, und die so groß war, daß selbst manch ein Brauer- knecht, sonst an derbere Reize gewöhnt, dem zier- lichen Geistchen verwundert nachsah; einem Flämmchen glich das rasche Licht seiner Augen, die Sicherheit, mit der es jedes Glied seines Körpers zu regen wußte. Manchmal staunte selbst Rupert darüber. Einem Flämmchen gleich war aber auch sein Geist: behende und glücklich faßte er, dunkles war ihm hell, und ein Nachsinnen darüber schien unnöthig. An einer Stelle haften konnte er aber nicht. Und gemde das begehrte man in jedem Sinne von Ga- brielen. Man suchte sie nicht zu erziehen; man befahl und man strafte sie. wenn sie sich gegen Gesetze verging, die sie nicht begriffen hatte, mit einer Kälte, die ihr unendlich wehe that, mit Demüthigungen, die sie erbitterten. Und mit welchem Rechte ward ihr Solches zugefügt? Sie war nicht das Kind des Hauses, das wußte sie gut, und schon der Name, den sie trug, schied sie scharf genug von den Menschen, zu dcncu sie Vater und Mutter sagen mußte. Rupert ihr Vater? Sic dachte des Direktors— wie war der mit seinen Kleinen umgegangen, wie konnte der lachen und scherzen mit ihnen l Er schlug sie wohl manchmal,— aber was hätte Gabi gerne für einen Schlag gegeben, den dann ein rasches, quellendes Wort gutmachte! Aber hier gab es nicht Lob, nur Tadel. Hier hieß es endlose Gebete nachsprechen, bekennen, daß man verworfen und verrucht und ein Kind der Sünde sei. Was war das nur? Noch wußte sie es nicht, aber schon grübelte sie scharf und viel darüber. Und von all den Lehren des Glaubens, mit denen man ihr Hirn marterte, von all den Bibelsprüchen haftete mir je einer darin: Erzwungene Opfer haßt der Herr, und danach der Satz: Alles ist Schickung und verhängt von Gott. Das begriff sie an ihrem Loose, das ihr nunmehr trauriger erschien, als in jener Zeit, da sie an der Seite einer Todtcn gehungert.... So waren denn die Stunden, welche Frau Salome in die Küche bannten—-wegsehen und bestohlen werden ist Eins" — ihre Feierstunden. Daim grübelte sie an ihrem Weiher oder ahmte— ein trübseliges Thun, solch ein einsames Spielen— das nach, was sie von fern und neidvoll anderen Kindern abgesehen. Bis zur Mittagsstunde säumte sie hier; wenn aber der letzte Glockenschlag der Dorfkirchthurm- Uhr dünn und dennoch gellend verzittert war, dann stürmte sie in wilder Hast heimwärts. Das Brombcergenist vorbei, schloff sie durch eine Lücke im Zaune; ihre Haare slogen, ihr Herz pochte, und nur der eine Gedanke:„Nicht zu spät kommen, um Gotteslvillen nicht!" lebte in ihr, wenn sie durch den Garten über das knarrende Brücklein lief. Und dennoch berauschte sie die rasche Bewegung i und saß sie dann am Tische, sittsanl und still, das Gesichtchen noch glühend und in hartem Kampfe mit ihren hämmernden Pulsen, dann schwoll eine stille Freude über ihre List und ihre Gelvandtheit in ihr. Frau Salome aber freute sich, wie blühend das Kind gedeihe... Es winde Herbst. In den Nußbäumen des Hofes standen, von Buben umlärmt, Meisenkasten, und Frau Salome konnte die lante Gesellschaft nicht fortbringen, trotz ihres Grollens; denn die Dorsjugend übte hier ein ersessenes Recht, an dem Rupert nicht rühren ließ, weil es seinem Weibe ein Gräuel war. Es wurde frostig; die letzten Drachen, denen Gabi mit leisem und gewaltigem Sehnen nachgesehen, der« schwanden; am Himmelteiche aber standen noch Wagen und führten sein Eis in die Keller des Brauhauses. Sie aber sah sich in die Stuben gebannt. Ein mächtiger llnmuth haderte in ihr; Niemand sah's, nur die alte Susann' strich ihr etwa verstohlen über das braune, gewellte Haar: „Hast's schlecht. Halt' aus! Wird besser werden." Dann haschte sie immer nach der Hand ihrer einzigen Freundin, der sie sich schon am ersten Tage mit einem geschluchzten:„Dich mag ich, Dich und sonst Niemanden da!" an den Hals ge» warfen und küßte sie. Sic wurde stiller und stiller; mit einer scheuen Bestissenheit that sie, waS man ihr gebot. Mit gleicher Unlust Alles, und Salome irrte stark, wähnte sie, ihre Zucht beginne zu fruchten. Denn an manchen Ort ihrer neuen Heimath hatte sich Gabi, ein heimliches Kätzchen, ge- wöhnt— an ihre Menschen nicht. Aber noch immer wußte sie sich nicht zu beherrschen, den Schleier nicht festzuhalten, der ihr Seelenleben mehr und schattender den Augen ihrer Umgebung umhüllte. Einmal noch hat sie ihn voll gelüstet; dann freilich sank er für immer nieder, und keiner konnte mehr in ihr lesen, dem es zuge- standen hätte. > Einem regnerischen und sturmreichcn Herbste war in jenem Jahre ein rauher und früher Winter gefolgt. Das bedeutet für das Weberland, das einige Stunden an der Oder aufwärts liegt, Mißwachs des Wenigen, das dort ge- dciht, Hunger und Elend. Ihre Boten sah man bald; zer- lumpte Kinder, Garnsträhnchen in der Hand, die sie verkaufen zir wollen vorschützten, klopften hohläugig an die Pforten der Bauernhöfe; mit schwachen Beinchcn, die nur schlecht gegen den Frost der Landstraße geschützt waren, kamen sie zu Mittag und verschwanden, noch eh' es dämmern wollte. Im Dunkel brachen sie auf, in schaudernder Wintcrnacht kamen sie heim mit dem Erbettelten. Auch im Brauhause sprachen sie vor. Um den großen Herd in der Küche drängten sie sich, verschlangen heißhungrig, was man ihnen gab, und sahen mit dem scheuen Wolfsblick des Elends auf Frau Salome und Gabi, wenn sie ihre Gaben verthcilten. Denn das Kind mußte dabei immer zu- gegen sein, so peinlich ihm der Anblick der Jammer- vollen das Herz schnürte.„Sie muß geben lernen, denn sie wird's einmal können," verfügte die Mutter, freilich nicht, ohne daß Rupert höhnisch:„Red' ihr's nur ein I" brummte. So vertheilte Gabi an einem Dezember-Freitage wieder die Almosen mit so trüber und verdrossener Miene, daß Salome, um ihr zu zeigen, wie gut sie's habe, sich Plötz- lich an einen der Buben wendete, der gerade an einem Stück Brot kaute. Es war ein schmalwangiger Junge, und er fuhr geschreckt zusammen, als sie ihn unversehens ansprach:„Von wo bist?" Er deutete mit dem Daumen nach rückwärts:„Bei Odraun. Drei Stunden zu laufen von da." „Und woher hast das Garn?" Er kaute ruhig weiter:„Genommen?" „Und weißt Du nicht, daß das eine Sünde ist? Darf man denn stehlen?" „Man darf auch nicht verhungern," gab daS Kind ruhig zur Antwort. „Willst bei uns übernachten? Es ist gar kalt, und in der Darre ist's warm und Platz genug." Er schüttelte den Kopf und stand auf:„Ich muß laufen, sonst wird's ganz Nacht und ich bin allein aus meinem Dorfe und thät' mich fürchten sonst. Und ich dank' auch sür's ge- meinte Gute. Aber was macht nachher meine Mutter, wenn ich nichts heim brächte? Und die Anderen?" und küßte ihr die Hand und ging linkisch seiner Wege. Frau Salome aber wendete sich zu Gabi:„Der muß Gottes Gebot vergessen, will er nicht verhungern! Und Du dankst ihm nicht aljle Stunde?" Da sah das Mädchen mit stillen und ernsten Augen zu ihr auf.„Hat's besser wie ich," flüsterte es so dumpf, als wisse eS kaum, was aus ihm spreche. „Das Blut, das Blut!" schrie cS in der stolzen Frau. „Sie will betteln und vagabuudircn durch die Welt. Alles, alles, nur nicht stillesitzen und gut thun." Ihre Hand zuckte, aber sie zwang sich gewaltsam. Am nächsten Tage aber er- schien sie zu einer Zeit, da sie sonst nie darin zu sehen war� in der Stube. Ihr Gesicht glühte, und nicht allein von der Flamme des Herdes, daran sie gestanden:„Herr Glogar!" Herr Glogar erhob sich mit jener Achtung, die ein Dorfschnllehrer immer der Pflegemutter seiner bestzahlenden Schülerin ent- gegen bringen wird.„Herr Glogar, mir scheint, Sie geben der Gabi zu wenig ans. Sie hat viel nachzuholen, verstehen Sie mich I Den ganzen Tag muß sie zu thun haben. Keine müßige Stunde darf sie haben. Und rechnen muß sie, viel rechnen, das braucht sie und sonst nichts. So will ich's l" Er wagte keine Gegenrede; aber kauni daß sich die Thür hinter der Zürnenden geschlossen, griff er Gabi unter's Kinn: „Mußt nicht weinen, Gabi, wir werden Dir nicht weh' thun. Und jetzt lies weiter, aber mit Gefühl, mit mehr Gefühl: Zu Aachen in seiner Kaiserpracht.. IV. Zu den verschiedensten Stunden des Tages hatte Herr Alois Glogar, seitdem Gabriele Wagner seine Schülerin war, bereits den großen Hof des Brauhauses durchmessen. Nie zuvor war dieser von ihm betreten worden, und auch jetzt wäre es ihm nicht entfernt beigekommen, sich etwa unter den Nuß- bäumen zu verweilen oder theilzunehmen an der Lustbarkeit derer, die dort ihre müßigen Stunden zu verbringen gewohnt waren; sondern, so wie sein Tagewerk vollbracht war, zog er immer gc- lassen seiner gesetzten Wege; denn er war ein sparsamer Mann, weil er es sein nnißte, da es seine Grundsätze nicht duldeten, daß er Schulden mache. Er war aber auch nervös, wie alle seines Berufes, denen es Ernst damit ist; so ertrug er denn keinerlei Lärmen, weil er nur zu oft verurthcilt war, derlei zu hören, verächtete innerlich die Bauern, zu denen er nach Art und Abstamniung doch gehörte, im Gefühle seiner höheren Bildung, und neidete ihnen doch wieder ihr Loos, das den Reicheren volles Genießen des Daseins nach ihren Wünschen gestattete, den Armen aber mindestens nicht jenen Wider- spruch zwischen Schein und Sein anfnöthigte, der ihn so sehr peinigte. Aber Herr Glogar ging in der Regel auch nicht un- mittelbar heim ins SchulhauS, hatte er die Unterweisung Gabi's beendigt. Die endlos lange Dorfstraße verfolgte er allerdings mit steifen und sorgfältig gleichgemachten Schritten; dabei hielt die Linke den Behälter einer Brille, die er nur im Amte zur Erhöhung seines Ansehens trug, die Rechte einen Stock mit schönem und mit den zierlich verschlungenen Anfangsbuchstaben seines Namens geschmücktem Elsen- beinknauf; sein Haupt war ein wenig gesenkt und, wie ein Sinnender, hielt er sich nicht gar gut. So achtlos und in sich versunken er aber auch erscheinen mochte, so wenig wäre einem seiner Schüler zu rathen gewesen, darauf bauend an ihm ohne den gebührenden Gruß vorüberzulaufen. Das macht kindlichen Seelen in der Regel bekanntlich vielen Spaß, und gerade in der Beziehung verstand der Schul- lehrer von Untcr-Heinzenwald gar keinen und sah mit unerbittlicher Strenge darauf, daß ihm von der Achtung, die er als sich zustehend empfand, und von ihrem Ausdruck auch nicht das mindeste Titelchen vorenthalten werde. Aber noch vor der Kirche bog er ab; ein Borgärtlein durchschritt er und betrat ein ansehnliches Gehöfte, das allerdings nicht mehr so stattlich und wohlhäbig aussah, wie zur Zeit, da die Eltern von Johann und Franz Rüttemann noch hier ge- boten. Ohne vieles Fragen trat er ins Zimmer; das war so herkömmlich, daß ihn die hübsche Hausmagd selbst dann zu ihrem jungen Gebieter ließ, wenn der noch in den Federn lag. Es mußte darum keineswegs noch früh am Tage sein. Es war eine alte Verbindilng, die zwischen Beiden be- stand. Bon Kindesbeinen auf kannten sie sich; die gleiche Schulbank hatten sie erst im Dorfe, dann in der Stadt ge- drückt. Jnimer vertrugen sie sich ganz gut, so ungleich sie sein mochten; denn Glogar galt für keinen guten Kopf, fast für ein wenig beschränkt. Er mußte sich hart Plagen, Dinge zu fassen, die seinem begabteren Freunde nur so zu- flogen. Dennoch kam er vortrefflich, hesser jedenfalls als Rüttemann vom Flecke. Und wenn die Dorfweisen im Zweifel waren, was und ob der Franz überhaupt etwas werden wolle, dann war irgend ein Bedenken an der glänzenden. Zukunft des Anderen gänzlich ausgeschlossen: der mußte eine Leuchte der Wissenschaft, ein Professor werden. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Die Gefifzichke wem fecanften Vvin. Von Aug» st B o ir d e s o n. Es ist viele Jahre her seit dem Augusttag, an dem ich mit Gratisflihrlverl auf einer leeren Branntiveintonne des Gasthofes Sjöncvad meinen Einzug in Halmstadt hielt, um meine Studien zu beginnen, und dem Sonntage, da ich als Kandidat der Medicin meine Lieben daheim mit der Botschaft erfreuen konnte, daß die schwersten Sorgen wegen meiner Studien nun überstanden wären. Än diesem Sonntage hatte sich die ganze Familie bei Onkel Johann Anders auf Sjöncvad versammelt. Als ich dort meinen andern Onkel Elias traf, den Gastwirth in Köinge, der ein alter Spaßvogel war, gratulirte er mir nicht, wie die andern Verwandten, sondern gab mir statt dessen folgende Geschichte zum besten: „Höre, August," sagte er,„weißt Du, es ist eine Schande, wie ivenig die Aerzte heutzutage verstebcu I Du kennst ja den Kosen, den Gemeindcdiencr bei uns zu Hause?" Ja, ich kannte den Kosen. „Ja, siehst Du, der Kosen hatte sich eines Tages betrunken,— es war um die Eisbahnzcit im vorigen Winter— und sich das eine Schienbein furchtbar zerschlagen, lind es schmerzte und wurde so schlimm und ganz blau und schivoll an, daß es ganz gefährlich aussah, lind da gab es dann natürlich keine» anderen Ausweg, als daß sie ihn nehmen und ihn m die Stadt zum Krankenhaus fahren mußten. Dann kam der Doktor hinein und sollte sich das schlechte Bein ansehen, und'da sagte er sogleich: „Es ist am besten, es abzunehmen!" sagt' er. Aber da sagte Kosen: „Nein, liebster Herr Doktor!" sagte er.„Ich bin Gemeinde- dicncr," sagt' er,„da müssen wir doch noch ein bischen warten." Am anderen Tage kam der Doktor natürlich wieder, lind das Bein war noch gerade ebenso schlimm und blau und geschwollen. Und der Doktor meinte in seiner Weise, wie am Tage vorher: „Es ist am besten, es abzunehmen!" Aber Kosen bat sich wieder mit den Worten los: „Nein lieber Herr Doktor I" sagte er.„Ich bin Gemeinde- dicncr". sagte er,„wir müsse» dahcr'noch ein Weilchen tvarten und zusehen, ob cS nicht besser wird." Aber dann, am dritten Tage, als der Doktor kam— das Bein war noch ebenso schlimm und bla» und geschwollen— da sagte er: „Nein", sagte er,«nun hol' Mich der Teufel, wenn wir noch eine Minute länger warten!" sagte er.„ES ist am besten, eS ab- zunehmen!" Aber Kosen bat so innig für sein Bei»: „Nein, liebster, gutester Herr Doktor!" sagte er.„Sehen Sie, ich bin Gcincindcdicn'er", sagt' er,„und darum bin ich so besorgt um mein Bein. Lassen Sic mir es wenigstens noch bis morgen!" Na, da durfte er es denn»och bis nächsten Morgen behalten, Aber wäre es dann nicht besser, dann müßte... Aber siehe, kaum war der Doktor aus dein Krankenhanse fort- gegangen, da verlangte Kosen seine Kleider, und dann bestellte er sich im Gasthof Poftfuhrtvcrk und fuhr geraden Wegs zur„Alten vom Königsberg", der greisen Britta Lene. Du hast ja wohl von ihr schon reden gehört, denke ich! Und die Alte behandelte das Bein mit Pflastern und Salben, so daß sie, meiner Scel', den Kerl so gesund machte, daß er vom Königsberg beim gehen konnte! Als er dann gelegentlich wieder zur Stadt kam, meiner Treu, begegnete er da nicht auf der Straße den Doktor? �,Was Teufel I Bist Du draußen und gehst?" sagte der Doktor und' guckte Kosen groß au. „Ja, gewiß bin ich das," sagte Kosen. «Was hast Du denn gemacht, daß Du Dein Bein hast behalten können?" ffagte der Doktor. „Ja, hol' mich der Teufel," rief Kosen,„ich bin eben bei der„Alten vom Königsberg" gewesen, und sie hat so gut gegimck- salbert. daß ich nun ein Kerl bin, der Mazurka tanzen, kann, wenn ich will," sagte er. Und dann machte er einige Mazurkaschritte auf der Gasse, so daß es auf dem Steinpflaster tschcpperte. „Ja. na, das war ja sehr gut," sagte der Doktor und wollte weitergehen. Aber da packte Kosen ihn beim Arm und sagte: „Nein, warten Sie ein wenig, Herr Dokter I" sagt er.„Jetzt Hab' ich aber solche heftigen Kopfschmerzen," sagte er.„Was glauben der Herr Doktor, daß ich dagegen thun soll?" „Hol' Dich der Teufel! Ich kann das doch nicht hier mitten auf der Gasse sagen," erwiderte der Doktor und gimz. „Ne, ne," schrie Kosen ihm nach.„Aber glauben der Herr Doktor nicht, es wär am Besten, ihn abzunehmen?!..." Damit wandte mein Onkel mir den Rücken und lachte, so daß ihm die Thräncn über die Backen herabliefcn. All' die anderen Verwandten lachte» auch und ich ebenfalls, obgleich es mir schien, als wäre es eine wenig artige Gratulationsrede, die mein nächster Verwandter niir da gehalten. Aber ich kann jetzt sagen, daß Onkel Elias' Geschichte sich später fiir mich als weit segensreicher erwiesen hat, als alle anderen Glück- wünsche meiner Verwandten zusammengenommen. Wenn ich in Gesellschaft, trotz freundlicher Ermahnungen, mich wenig versucht fühlte, etlvas zu erzählen, brauchte ich imr mit dieser kleinen Ge- schichte zu kommen von Kosen und dem Doktor, um sogleich, davon befreit zu sein, in den nächsten Stunden eine ondere zum Besten zu geben. Die Zuhörer, Gelehrte und Laien, Männer und Frauen warfen sich augenblicklich voll Entzücken und Eifer auf die delikate Frage von den vermeintlichen Vorzügen der Quacksalber vor den studirten Aerzten, sobald es sich darum handelt, kranke Beine, Fieber und dergleichen zu heilen. P. 8. Zum Schluß muß ich Nock, mittheilen, daß ich einige Zeit später Kosen traf und ihn bei der Gelegenheit fragte, ob diese Geschichte meines Onkels Elias wahr wäre. Da wurde er jedoch wild und sagte: „Das ist Alles ganz verdammt gelogen! Ich habe niemals ein schlimmes Bein gehabt, weder beim Doktor im Krankenhaus noch bei der Alten vom Königsberg!"— Kleines Isenillekon. c. Nauchcr-Wettkiimpfe in früherer Zeit. Heute hört man nichts mehr von Ranchcr-Wettkämpfen, während sie früher recht bc- liebt gewesen zn sein scheinen. Eine englische Zeitschrift weiß einige recht bezeichnende Beispiele davon aufzuzählen. So fand im Jahre 1723 in Oxford ein großer Naucher-Wetlkampf statt. Die Bedingungen waren folgende: Derjenige, ob Mann ob Fran, der zuerst 3 Unzen Taback ausrauchen konnte, ohne etwas zu trinken oder den Schauplatz zu verlassen, sollte einen Preis von 12 Schilling erhalte».„Viele versuchten es," berichtet ein Augenzeuge,„und man dachte allgemein, ein Schncidergescll von St. Peter im Osten würde siegen, da er schneller rauchte als alle Anderen, und schon nahe am Ziele war; aber Plötz- lich ivurde er so krank, daß man befürchtete, er würde sterben, und ein alter Mann, ein Baumeister, der gemächlich rauchte, geivann einen Borspruna und siegte; er erzählte mir auch, daß er danach an demselben Abend noch 4 oder 5 Pfeifen rauchte." Vor 40 Jakren noch verpflichtete sich ein Mann, ein Pfund starker importirter Zigarren in zwölf Stunden' zu rauchen. Die Wette wurde auf einem Thcmsc-Dampfer ausgetragen, der zwischen London und Chelsea verkehrt. Um 10 Uhr Morgens begann die Wette. Hundert Zigarren, die zusammen ein Pfund wogen, sollten geraucht werde»; und schon in der ersten Stunde waren 13 Zigarren lonsumirt. Nach neun Stunden hatte der Rancher 83 Zigarren verpaßt, und es>var ihm nun natürlich ein Leichtes, in den noch folgenden drei Stunden die fehlenden 14 zn rauchen. Der Sieger erklärte, daß er sich während der ganzen Zeit durchaus wohl gefühlt habe. Ein ander Mal setzte man einen Preis, bestehend in estiein soliden silbernen Zigarrenkastcn und 2(X) Zigarren, für den ans. der die größte Anzahl von Zigarren in einem Zeitraum von zwei Swiiden aufrauchen würde. Während des Wcttranchcns ivar Essen, Trinken oder gar Medizin verboten. Von den 17 Bewerbern zogen sich zehn bereits nach Ablauf der ersten Stunde zurück; der Sieger aber rauchte, ohne Untcrbrechnng. m den zwei Stunden 10 Zigarren, während sein nächster Rivale es nur auf 7 brachte. Auch in Lille wurde ein solcher Wcttkainpf veranstaltet; unter den Bürgern der Stadt gab es enragirte Raucher, und' es sollte ausgemacht werden, wer der„Champion" im Rauchen in der Stadt iväre. Jeder Bewerber erhielt eine Pfeife, SO Gramm Tabak und einen Topf Bier. Wer mit dem Tabak zuerst fertig war, sollte Sieger sein. Nachdcin daS Signal gegeben war, Ivar die Luft sofort mit dicken Rauchwolken erfüllt. Nach 13 Minuten hatte ein 4Sjähriger Arbeiter den Tabak aufgeraucht, 7 Minuten später der zweite. In einem amerikanischen Wcttkampf niit Zignrrcttcn hat der Sieger 100 Zigyrretten in 3 Stunden 3S Minuten geraucht.— u. Prüfung auf Farbcubliudheit. Bekanntlich werden See- lcutc und Eisenbahu-Bcamte sowie solche, die einen dieser beiden Berufe ergreifen wollen, auf Farbenblindheit untersucht, d. h. es wird geprüft, ob sie die Farbe» normal wahrnehmen können, oder ob sie gewisse Farben mit einander verwechseln oder einzelne Farben gar nicht wahrnehmen. Natürlich ist es für Leute, die berufsmäßig auf farbige Signale achten müssen, sehr wichtig, daß sie die Farben richtig � erkennen, denn sonst können sie ja unversehens große Unglücksfälle herbeiführen; übrigens ist die Prüfung auf Farbenblindheit um so iiothwcndigcr. als diese Anomalie durchaus nicht selten vorkommt, sondern etwa bei 1 pCt. aller Menschen. Die friiheren, vielfach sehr komplizirten Priifnngsmethoden sind jetzt durch ein ebenso einfaches, wie praktisches Verfahre» ersetzt. Dem Examinanden wird eine Anzahl Paftellstiftc gegeben und die Aufgabe gestellt, mit jeden« Stift die Farben- bczcichnung desselben niederzuschreiben. Jemand, der einen grünen Stift etwa zur Bezeichnung der rothen Farbe verwendet, oder um- gekehrt mit den, rothen Stift das Wort„grün" hinschreibt, hat so- fort bewiesen, daß er farbenblind ist, also keine Stellung bekleiden kann, bei der es auf richtiges Erkennen von Farben ankommt.— — Die Narzissen-Inseln. Diese Bezeichnung verdient in vollen« Maße jene südwestlich von England gelegene Inselgruppe, die man auf der Landkarte unter den« Namen Scilly-Jsles findet. In den Großstädten, vornehmlich aber in London, erscheint im Frühjahr eine Fülle wilder Narzissen auf dem Blnmenmarkt. Jedermann kauft diese zarten, duftenden Lenzesboten ebenso gern wie Veilchen und Maiglöckchen, und selbst Leilte, die eigentlich kann« Geld für eine» derartigen Luxus übrig haben, erstehen ab und zn ein Siränßch-!'. da es bedenkend wohlfeiler«st als andere Frühlings- blumen. Wnrge Londonev aber nur wissen es, daß die lang- gestielten weißen und gelben Bllithe», niit denen ihre Millionenstadt in den letzten Jahren förmlich überschwemmt wurde, fast ausschlietz- lich von den Scilltz-Jnseln kommen. Dort beschäftigen sich nicht nur die Fanner und Gärtner mit dem Züchten der für den Verkauf be- stimmten„Lilics", wie die Scillyauer die wilden Narzissen getauft haben, sondern auch Gutsbesitzer, Veainte, Krämer und Fischer haben kann« ein Interesse, das sie niehr in Anspruch nimmt als das Ge- deihen ihrer wohlriechenden Pfleglinge. Selbst das Schaufenster des Drognenhändlers und Apothekers gleicht dem eines Blumenhändlers. Die eigentlichen Rarzissenfariner senden oft 20 000 fertig gebundene Stränßchcn auf einmal als Eilfrachtgnt nach den verschiedenen Theileu des britischen Reiches. Ii» Marz des Jahres 1807 wurden zum Beispiel nicht selten an einem Tage 700 Zentner frischgeschnittcncl Blüthen verschickt.— Theater. — r. Iii« Schiller-Theater wurden am Mittwoch zwei Stücke aufgeführt, die sich in ihren« Wesen beträchtlich von einander unterschieden. Neben B j ö r n s o n' s„Neuvermählten", worin auf modernen« Untergrnnde fein diffcrcnzirte Stinimnngs- bilder in zarte» Tönen ausgemalt sind, gab«nan einen derben Schwank aus dem allersröhlichstcii Mittelalter.„ V e r b o t e u e F r ü ch t e" hieß er. Nach einen« Zwischenspiel von Cervantes, wie auf dem Zettel steht, hat Emil Gött hier das Thema von dem gestörten Liebhaber einer Strohwittwe als Lustspiel bearbeitet; nachdem es vor Jahren in, Schauspiclhause gegeben worden, kam das Stück an minder vornehmer Stätte wieder zun« Vorschein. Dank der lustigen Darstellung, in der sich manches komische Talent ausleben konnte, gefielen die„Verbotenen Früchte" ungemein. Die beide» bramar- basirendcn Gecken, denen in« nissige» Kamin manche Fährlichkcit zugedacht ist, wurden von den Herren S ch n« a f o w und L a n r e n c e drollig gegeben, während Helene Rosner den fahren- den Schüler in schmucker Hosenrolle spielte. Grete Meyer und Albert P a t r y gaben das Ehepaar; namentlich beim Manne brach die Lebenslust mit vielen« Gepolter hervor. Nicht ganz einwandsfrei stand eS um die Aufführung von Björnson's Lustspiel. Ju der Darstellung des Herr!« O l in a r mußte man den nach Selbständigkeit dürstenden jungen Gatten für einen übellaunigen Schwätzer halten, den mehr die Eitelkeit als ernstes Streben plagte, ans den Uinklanimcrnngcn der Familie loszukonimcu. Fein pointirt wurde die Rolle der Gattin von Frau H a ch m a n u- Z i p s e r dargestellt.— Musik. Seit der Zeit, da die deutsche Literatur die„Weltliteratur" in« weitesten Maße auszunehmen begann— in Gocthe's letzter Zeit und durch ihn— ragen innerhalb dieser Weltliteratur die serbischen Volkslieder weit hervor. Ihre Melodien freilich sind nicht ebenso bekannt geworden. In neuerer Zeit begann man sie zu sammeln: ein 1853 gegründeter„Belgrader Gesangverei n" nahm sich ihrer an,«uid vorgestern stellte er sich— unserm Pnblitiim bei „Kroll"-(im Neuen Opern- Theater) vor. Seine eigentlichen Prograimnmniimern sang er im Urtext, doch bringt ein ansschlnß- reiches und hübsch ausgestattetes Büchlein die deutschen Ueber- setznngen. Der Chor singt ohne Instrumente„a capella"), der(unten genannte) Dirigent dirigirt ohne Taktstock und ohne Komödie, die Männer tragen Gescllschaftsauzug, die Frauen das trotz mancher steifen Züge prächtige Natio»alkostüin. in mannigfaltiger Variirung. Weder die Männer- noch die Frauenstinimen reichen sehr weit hinauf, die Männerstininicn jedoch weit hinunter. Die einzelnen Stimmen reize», namentlich bei dem häufigen solistischen Heraustreten aus dein Chorgesang, nicht eben durch besonderen Wohllaut; allein der Zu- saininenklang ist musterhaft, die Gesammtwirkmig die beste. Die Lieder selber sind aus dem ganzen südöstlichen Europa, wo immer Serben wohnen, zusammengetragen. Die Texte zeigen eine geringere Poiutirthcit, als wir sonst im Volksgesange gewöhnt sind, und dafür ein stärkeres Hinarbeiten auf das Stimmungsbild. Die Lieder „wurden durch den Vcrcinschormeister St. Mokranyatz genau so, wie sie vom Volke gesmigcn werden, aufgezeichnet««nd dem Sinnc des Textes und der' musikalischen Melodie gemäß kunstgerecht harmonisirt." Man achte sehr auf diese etwas traurige Mär': danach ist also die Mehrstimmigkeit der vorgeführten Lieder ein Kunstprodiikt, vermuth- lich kann« von besonderem Nationalcharakter; das Urlicd i» seiner Einstimmigkeit oder«ielmehr Homophonie bekommen wir nicht zu hören— auch das Begleitungsinstrnmcnt. die„Gusle", fehlt und wird nur eben in einem der Lieder durch Chorbegleitung ersetzt. Von einer„eintönigen Schwermüthigkeit", an die wir vielleicht zuerst denken, wenn es slavische Volksweisen gilt, ist nur hier und da etwas zn spüren. Vielmehr treten«neistens die niaiinigfachsten Stimniungen nicht nur, sondern auch die üppigsten Wechsel der Ton- arten nud des Rythmus vor uns. Dieser selbst ist noch nicht zu jenen« marsch- und tanzartigen Taktshstem geworden, in das sich heute das allermeiste Material des Volksgesanges einfügen lassen muß— wir konimen darauf noch demnächst in einer Besprechung zurück. Alles in Allem gebührt dem Unternehmen dieses Vereins, der jetzt zum ersten Make eine so kühne Fahrt unternimmt, hohe Anerkennnng; schade, daß hier— wenn wir recht berichtet sind— nur mehr ein Konzert bevorsteht!— sz. Völkerkunde. Kannibalismus am Kongo. Konnnandant Coster« maus gicbt interessante Anffchlüsse über die Wienschenfresserei, die am Kongo als eine ganz natürliche Sache angesehen wird. Die Häuptlinge suchen sich auf jede Weise Menschenfleisch zu schaffen. Wer aus dem Napfe des Häuptlings trinkt, seine Matte betritt, seinen Schurz streift, wird sofort getödtet und von dem Häuptlinge und seineu Männern aufgeftessen. Das gleiche Schicksal haben die durch Ueberraschuug oder im Kriege Ge- fangenen wie die gekauften Sklaven, doch nehmen nie Weiber an diesen Mahlzeiten theil. Die Opfer werden auf ein Flechtwerk ge- legt; die Kehle wird ihnen durchschnitten. Der dabei knicende Häuptling wird von dem warmen Blute bespritzt, das seine Weiber über den ganzen Körper ausbreiten, mn die moralischen und physischen Kräfte des Häuptlings zu erhöhen. In allen großen Dörfern giebt es ein Beiuhaus, in dem in einem Käfige aus Bambus die unteren Kinnladen der Aufgefressenen aufbewahrt werden. Je voller der Käfig, um so größer gilt der Erfolg. Auch die den„Proben" Er- liegenden werden verspeist und ihre ganzen mit Roth gefärbten Schädel werden auf einen Pfahl vor dem Hanse des Fetischmannes gesteckt.— Geographisches. !o. Ein großartiger Wasserfall in Inner- Afrika wird von dem englischen Afrikarcisenden Poulett Weathcrlcy, der in der Gegend des Moero- und Tanganjika-See's längere-seit der Elefantenjagd obgelegen hat, in der„British Central-Africa- Gazette" beschrieben. Die Erforschung des Wasserlanfes des Luapula, des Hauptquellflusses des Kongo, zwischen dem Bangweolo- und dem Moero-See fand durch den Reisenden im Juni vorigen Jahres statt und führte zu der genauen Besichtigung der sogen. Johnston-Fälle. Der Bericht darüber traf bei der Zeitschrift aus dem derzeitigen Lager des,' englischen Elcfantenjägers am Bangtveolo-See<11 Grad 20 Minuten südlicher Breite) ein. Wcatherley hatte das westliche Ufer des Moero am 9. Juni verlassen, und am 21. desselben Monats den Platz Mulangali erreicht, wo der Kivise, ein linker Zufluß des Luapula, seine Entstehung nimmt. Wenige Kilometer südlich von diesem Platze schlägt das Flüßchen eine östliche Richtung ein, um den Luapula ein wenig oberhalb der Wasserfälle zu erreichen, in deren Nähe ein Feldlager ausgeschlagen wurde. Von den Fällen selbst giebt Weatherley eine begeisterte Beschreibung. Man würde, so schreibt er, vergeblich versuchen, den grandiosen Charakter dieses Schanspiels der Phantasie vorzuspiegeln. Das um- gebende Land bietet nichts Merkwürdigeres, ganz anders aber der Fluß: seine Wasser erfüllen im Sturze die Lust mit einem betäubenden Lärm und entzücken das Auge durch ihre wunderbare Schönheit. Die Felsen haben auf die ganze Länge der Fälle das Aussehen eines rothen Konglomerates, so sind sie von der Kraft der reißenden Gewässer zerspalten und zerstückelt. Am Fuße der Fälle bilden sie eine einheitliche Fläche, eben wie die eines Tisches, aber je weiter man die Stromschnellen aufwärts verfolgt, desto rauher, eckiger und zersprengter wird ihr Aeußeres. Uebcrall sieht man nur Felsen und immer wieder Felsen, über die die Wasser hinstürzen, tobend, kochend und schäumend. Wenn der Zuschauer am Fuße eines der Fälle steht und über die ungeheueren Massen schneeigen Schaumes hinaufblickt, so erscheinen die Wasserstnrze so schroff, daß man jeden Augenblick glaubt, von ihnen verschlungen zu werden. Man ist wie betäubt, wenn man von der Spitze eines Felsens ans rings um sich die rasenden Wäger vorüberschießen sieht. Ein Mensch würde in einigen Metern Entfernung beim lautesten Rufen die menschliche Stimme nicht mehr vernehmen. Riesenhafte grüne Wogen erheben sich in die Luft, thcilen sich und stürzen in schneeigen Wolken hernieder. Mitten in diesem Getöse sieht man hier nnd da ruhige Becken klaren Wassers, in deffen stiller Fläche sich die großartigen Felsgrnppen wie in einer glänzenden Eisfläche wicderspiegeln— ein wunderbarer Gegensatz' majestätischer Ruhe zu jenem ewig wechselnden Aufruhr. An einem bestimmten Thcilc seines Laufes angekommen, wendet sich der Flnß im rechten Winkel, und nun erreicht das Schauspiel seinen Höhepunkt: das Getöse ist schrecklich, der Fluß scheint von einer Raserei ergriffen zn sein über feine enge Gefangenschaft in dem schmalen Bett zwischen den felsigen Ufern, es scheint zuiveilen, als ob sogar die Felsen von der Gewalt des Stromes erzittern. Hier ist das Flußbett wie ein enger Kanal in den Felsboden hineingeschnitten. Einige 100 Meter- weiter unterhalb theilt es sich in hunderte von getrennten Kanälen, die ebenso viele Wasserfälle bilden, zwischen denen die Felseninseln scheinbar ihren Halt kaum zu wahren ver- mögen. Jenfeits dieser Stelle ivird der Fluß dann wieder zu einem weiten unruhigen Wasserlanfe und bewahrt dieses friedliche Aentzere bis zu seinem Eintritt in den Moerosee. Die prachtvolle Naturerscheinung der' Johnston-Fälle hat noch eine besondere Be- dentung in dem Lichte der neuesten Forschung gewonnen. Man weiß heute, daß der Bangweolo-See allmälig'mehr und mehr zu- fammenschrumpft. Sein südlicher Theil. auf dem»och vor 15 Jahren der Aftikareiscnde Giraud mit einem Boote imiherfuhr, bildet heute nur noch einen Sumpf, durch den der Fluß Tsckinmbesi von Osten her sein Bett gegraben hat, um sich direkt in den Luapula zn ergießen. Auch der nördliche Theil des Sees vermindert seine Fläche und seine Tiefe von Jahr zu Jahr, und immer neue Inseln tauchen aus der Wasserfläche empor. Früher bildete der See mit den benachbarten inncr-afrikanischen Seen zusammen ein großes Biimenmeer, dem der Tschambefi(nicht zu verwechseln mit dem Sambesi) seine Wasser zuführte, während er jetzt zu einem Nebenflusse des Luapula ge- worden ist. Weiter nach Westen hin aber war das Binnenmeer durch den Rand einer Terrasse abgesperrt, und es blieb ftaglich, an welcher Stelle es diese Terrasse abwärts überschritten haben mochte. Nach den Forschungen von Weatherley ist es nun kaum mehr zweifelhast, daß die gesammten Gewässer durch den beschriebenen Engpaß der Johnston- Fälle nach Westen austreten, wie auch heute noch der Luapula den Bengweolo-See nach dieser Richtung hin und nach Norden entwässert.— Biologisches. — Der Ursprung der Jnsekten-Metamorphose, die bekanntlich bei den älteren Insekten bis zur Steinkohlenzeit und darüber hinaus nur eine sehr unvollkommene war, untersucht I. W. Tutt in dem zuletzt ausgegebenen Bande der Süd-Ost-Ver- einigung der wissenschaftlichen Gesellschaften Londons. Die Meta- morph ose erscheint ihm als eine Anpassungs-Einrichtung, welche gewisse(jüngere) Jnsektenklassen im Kampfe ums Dasein als Unterstützung gegen Feinde und Mitbewerber hinsichtlich der Nahrung und Sicherheit erlangt haben. Erlaubte ihnen die Fähigkeit des Fluges bereits, zahllosen flug- lose» Feinden zu entgehen, und legte damit den Grund zu ihrem außerordentlichen Erfolge im Lebenskampf, so wurde der- selbe durch die Fähigkeit, in den frühesten Larvenstadien Nahrung aufzuspeichern und dann ihre Iveitere EntWickelung(von dem Puppen- zum Jmago-Zustandc) in verborgener Ruhe zu vollenden, erheblich gesteigert. Die Puppe ist nicht nur den Feinden weniger sichtbar, sondern sie erlaubt, Dürre- und Kälteperiodcn ungefährdet zu über- stehen und deshalb muß man die Metamorphose als die nächste Ilr- fache jenes in beispiellosen Individuen- und Artenzahlen ausgedrückten Erfolges ansehen, durch ivelche sich die Insekten vor allen anderen Thiereu hervorheben.—(„Prometheus".) Hninoristisches. — Schnlhumor. Lehrerin(diktirt):„Der Verfolgte floh, sank erschöpft unter einer Eiche nieder und schlief ein." Lieschen(schreibt):„Der verfolgte Floh sank erschöpft unter einer Eiche nieder und schlief ein."— — 5t ü h n e Behauptung. Angler:„Ist der offerirte Fischköder auch Ivirksain?" Verkäufer:„Nach dem lecken sich die Fische alle zehn Finger ab l"— —- Z e r st r e n t. A.:„Der Doktor Pollct ist schon der zer- streuteste Mensch, der mir je vorgekommen ist." V.:„Wieso?" A.:„Bei seiner gestrigen Training sollte er seiner Braut den Ring anstecken. Was thut er? Er ergreift ihre Hand— fühlt ihr den Piils, und bittet sie, sie möchte ihm die Zunge zeigen."— („Jugend".) Notizen. 1. Pierre L o u h s. der durch seinen Roman„Aphrodite" auch in Deutschland bekannt geivordci» ist, hat sich nach Algier begeben, um dort einen Roman zu vollenden, dessen Personen Araber von heute sein sollen. Er will darin zeigen, daß die Völker, die Algerien bewohnen, die einheimischen wie die Eroberer, das geblieben sind, was sie waren, als sie in die Geschichte eintraten, daß aber auch die Vergangenheit in ihnen lebendig geblieben ist.—_ — Von Arthur Schnitzle r wurden im Wiener Burg- Theater drei Einakter:„Paracelsus",„Die Ge- f ä h r t i n" und„Der g r ü n e K a k a d n", letzterer mit starken Strichen, mit Erfolg zum ersten Male aufgeführt.— — Eine der älteste« Darstellungen der Wartburg, die für deren Erscheinung im 15. Jahrhundert und zu Be- ginn deS 10. Jahrhunderts große Bedeutung hat, ist unlängst auf dem Hintergründe eines der alten kölnischen Schule an» gehörigen Bildes, das sich bei einem Kunsthändler in München befand, entdeckt worden. Es wurde für die Gemälde- sammlnng der Wartburg erworben.— 1. Das kostbarste Buch in der Bibliothek in Stockholm ist eine Bibel. 100 Eselhäute sollen zu seinen Pergamentblättern verbraucht sein. ES sind 309 Schreibseiten, und jede Seite ist fast eine englische Elle lang. Die Deckel sind solide vier Zoll starke Bretter.— -- In M ü n st e r ist der Akademie-Professor Funcke gestorben. der unter den deutschen Hochschnldozenten eine eigenartige Stellung einnahm: er hatte niemals promovirt! Zwar hatte man, nach- dem er zum Professor berufen war, ihm den Doktortitel verliehen: aber das genügte der Fakultät nicht. Sie wollte ihn nachträglich zur Promotion bewegen, gedachte es ihm auch so leicht als möglich zu machen— der alte Herr war nicht zu bewegen.„Bin ich ohne Doktor Professor geworden, so werde ich es auch ohne ihn s ein," meinte er... Nun ist die deutsche Gelehrtenwelt von diesem Makel befteit.—_ Die nächste Nummer deS Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 5. März. Verantwortlicher Redakteur: Angnst Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.