Anterhaltungsblatt des Worwärts Nr. 46. Sontttag, den 5. März. 1899 4] Vzrs Vlnk. (Nachdruck verboten.) Roman von I. I. David. Es lag nicht an ihm, kam es anders. Gemuht hatte er sich in Wien an der Hochschule wahrhaftig genug danim, so sehr sogar, daß sich selbst das Band zeitweise gelockert, das den Sohn des armen Tagelöhners dem des Großbauern verband. Nur selten trafen sie sich in den engen und viel- gewundenen Gassen um die alte Universität; dann flog ein herzlicher Gruß vom flotten, die bunte Mütze und das Band tragenden Studenten zum armen Teufel von Landsmann, und ihre Wege schieden sich wieder. Die des Einen führten in die vornehmsten Gasthäuser der Stadt, die Hochschüler überhaupt besuchen; der Andere stillte seinen Hunger, wo und wie er konnte. So liefen denn ihre Bahnen erst spät wieder in einem Punkte zusammen. Zuerst erschien Franz Rüttemann, ein gänzlich Verbummelter, der sein elterliches Erbe verthan, in der Heimath, beim Bruder, der als der Aelterc, das Gut übernommen. Ein Kurzes später bewarb sich Alois Glogar, in allen Plänen und Hoffnungen gescheitert, um die Stellung des Schullehrers im Orte. Und Niemand konnte ihm nach- sagen, daß er es etwa niit den Pflichte» seines Berufes leicht genommen hätte; mochten seine Befähigung wie sein Missen höheren Aufgaben auch nicht gewachsen gewesen sein, sie genügten hier, und er hat sein Amt musterhaft versehen. Während nun der Eine mühsam und in so harter Plage sein Brot gewann, daß sich ihm langsam wieder selbst die Theiluahme jener zuwendete, die ihm grollten, daß er nur das Licht, nicht auch der Stolz von Unter-Heinzenwald geworden, lebte der Andere ein behagliches Leben. Jeder ernsten Arbeit war er durch Jahre entwöhnt; ihn dazu anzuhalten aber war sein Bruder Johann der Mann zu allerletzt. Immer hatte er den begabteren Bruder, den Liebling der Eltern, be- Wundern müssen; er war der Schwachkopf neben ihm; was der that und verthat— und es war mehr als der Hof vertrug— das war wohl angewendet und niußte einmal reichlich zinsen. Verstand er das Thun des Jüngeren nicht, dann lag die Schuld nur an ihm. Das war ihm oft genug vorgepredigt worden; er glaubte selber endlich daran. Und als ihm der Franz erst, heiingekehrt, die kühnen Neuerungen entwickelte, die er vor- hatte, da staunte er ihn an— wahrhaftig, gläubig be- wundernder können die Zeugen seiner Thaten den Heiland nicht angestaunt haben. Vor dem Rüttemann-Hofe stehen Sonnenblumen. Hoch ins Kraut geschossen, nicken sie zu ihrer Zeit mit mächtigen, gelben Blumen, dann wieder mit schwarzen Fruchtständen. Sie waren das letzte Zeugniß der ungeheuren Reformplänc des Franz, der sie der Oelgewinnung halber, weil der gewöhnliche Frucht- bau ja doch nicht mehr lohnt, im Großen hatte anbauen wollen. Aber die theuern kurzhörnigen Rinder, die er er- standen, uin einen neuen Schlag für den vortrefflichen zu züchten, den der Gau seit altersher zieht, waren längst wieder um Theile dessen verkauft, was sie gekostet. Einzig die Hopfenstangen in einem öden Felde sprachen noch von einem andern Versuche; aber auf dem Hofe stand eine zweite Satzpost und mahnte an jedem Zinstage an die Unter- nehmungen des Genies. Ihnen zu steuern hatte der Aeltcre allerdings manchmal versucht; aber das Herz fehlte ihm, mit Nachdruck dagegen aufzutreten. Er scheute jedes Aufsehen; der Andere aber nicht, und hatte vor allenr die Weiber und damit die öffentliche Meinung für sich. Schritt er mit seiner Duldermiene durch das Dorf— und er war ein hübscher Bursche, groß und schlank, mit grauen Schelmenaugen— und beklagte sein Los. das ihn zwinge, seinem. Bruder zu dienen:„Wissen Sie, Nachbarin, ich mag nichts Ueblcs gegen ihn sagen— aber da," und er wies ans die Sttrne, dawl schlugen sie allcsammt die Hände über den Kopf zusammen und beschworen das An- gedenken der seligen Rüttemännin. Die Volkesstimme war nun einmal gegen ihn: ihr zu trotzen, sie für sich zu ge- Winnen, das verstand aber der Johann nicht, dem doch manch- mal wiederum Zweifel an der Stichhalttgkeit seiner Bedenken kamen. Er hatte Aufaugs gehofft, sein Bruder werde sich um irgend eine Stellung umthun. Nichts dergleichen geschah. Er dachte daran, ihn zu verheirathen, und hielt selber Umschau für ihn; auch dazu hatte der Franz gar keine Lust. So wurde der Bauer denn von Tag zu Tag trübseliger, immer wortkarger und dann wieder ausschweifend geschwätzig. Aber auf die Frage nach seinem Ergehen kam sein ge> wohntes:„Man red't nicht gern" immer kläglicher. Eine liederliche Wirthschast dreister Mägde, die nur auf ihr Gesicht hin aufgenommen wurden, riß auf dem Anwesen ein; er wußte sich nicht davor zu helfen. Eine tüchttge Frau aber, die dem Ganzen das geziemliche Ende mit Schrecken bereitet hätte, führte er befremdlicherweise nicht heim. Der und jener meinte, aus Furcht vor den unwiderstehlichen Verführungs- kiinsten seines Bruders; denn Franz war der Frauenbezwinger, nicht allein von Unter-Heinzenwald, sondern weithin über die Gemarkung der Ortschaft. Gerade das aber war es, was den Lehrer noch mit dem Genossen ferner Tage verband. Eigentlich mochten sie ein- ander nämlich gar nicht, vielleicht weil jeder den Andern durchschaute, weil Glogar überdies den Franz beneidete. Der aber hielt den Schulmeister fiir einen Pharisäer; er hatte nicht gar Unrecht damit, soferne der sich nicht wenig auf seine Tugendhaftigkeit zu gute that, die freilich nie auf die Probe gestellt worden war. Diesem aber war sein Geselle einfach ein Lump; aber er bewunderte ihn darum nicht um ein Haar minder, verachtete ihn insgeheim, weil er so ganz verbauert war und sich sogar etwas zu gute that darauf und schon um sein: „Ist nicht mein Geld," mit dem er sich über jeden Unfall hinwegzutrösten wußte, der den Hof— und meist durch sein Verschulden—.bettaf, und bestaunte doch wieder jene Gewissenlosigkeit, die das Loos des eigenen Bruders so leicht nahm und die des Franz Erfolge auf dem weiten Felde der Liebe erklärte. Davon hörte Glogar nämlich am liebsten, der gar nichts Gleiches erlebt oder doch zu be- richten hatte; davon sprach der jüngere Rüttemann überaus gern, weil er wußte, wie wunderlich peinvoll gemischte Empfindungen das in seinem Zuhörer erweckte. Er war kein verschwiegener Liebhaber, das konnte ihm niemand nachsagen. Er nannte die Namen seiner Schönen ganz ruhig, machte kein Hehl daraus/ wie er mit der zu bandeln begonnen, wie er die schon am Schnürchen habe, noch daraus, wie er seine Siege zu erringen wisse. Er hatte Zeit, seine Anschläge zu verfolgen; er war dreist, war immer noch, trotz der Spuren, die wüste und durchzechte Nächte zurückgelassen, ein hübscher, ranker und kräfttger Junge, der vor allem seine wunderliche Zwitterstellung vor- trefflich zu nützen wußte. Denn bei den Bäuerinnen und ihren Töchtern war er der Ebenbürttge, den nur ein trauriges Schicksal und der Zwang einer ungerechten Erbordnung in eine mißliche Lage gebracht; bei den Mägden aber ihresgleichen, ein armer Teufel, der trotz ihnen von seiner Hände Arbeit leben mußte, allenthalben der Gebildete hart vom Unglück Verfolgte, der aber immer noch über ihnen Allen stand,„ein bischen verwunschener Prinz, weißt", der sich zu ihnen herabließ, um sie zu sich zu erheben, der sich von ihnen im Leid trösten lassen wollte. „Das thut's, probir's!" schloß er häufig. Und wenn dann Herr Glogar mißbilligend dreinsah, dann dacht' er für sich: „Dummer Teufel, kannst es ja nicht," und fühlte sich in seiner Klugheit. Glogar aber ward fast traurig dabei; nicht nur dann, wenn der Johann hereinkam, während sie so bei- sammen waren, auf der Ofenbank saß und den Bruder mit seinen großen, nicht gar klugen Augen ansah und verwundert mit dem mächtigen Kopfe nickte, bis er sich über ein Kurzes mit schwerfälligen Beinen wieder erhob und sein:„Ja, der Franz," vor sich hinsprach, dessen Bedeutung niemanden, ihm selber vielleicht am wenigsten jemals klar wurde." Den bemitleidete der Lehrer, sich selber aber auch. Eine süße Empfindung; denn zu tiefst war er fest überzeugt, auch er könne Aehnliches erleben, und er wolle nur nicht. Oder hatte ihn: nicht Die und Jene in Wien Zeichen gegeben, wie sie ihn gar nicht ungern sehe? Aber er wollte nicht; damals nicht aus Mangel an Chic und Erfahrung, nunmehr aber aus Grundsatz und wurzelwüchsigen lleberzeugungen. Herr Glogar war Philosoph; nicht in dem Sinne allein, wie es ein Dorfschullehrer überhaupt sein muß, der einmal sich stolzere Flüge gesetzt hat und nicht verzagen ivill. Der Satz aber, aus dem seine Welt- und Lebensweisheit ruhte, der ihm manchmal selbst ein lächelndes Behagen abzwang, hieß: Es giebt eine ausgleichende Gerechtigkeit, nicht erst im Jenseits, schon hienieden. Was immer ihm zustieß, er trug's leicht in diesem Glauben. Unter diesem Gesichtspunkte gewann sein Leben Ziel und Ve- deutung. Ihm war viel abgebrochen worden in jedem Be- tracht, damit ihm viel erstattet werden könne. So freute er sich denn selbst mit mancher Entbehrung, die er sonst unwillig ertragen hätte. Geruhig schrieb er sie bei seinem Gott auf's Kerbholz, von dessen lebendigem Walten er fest überzeugt, der ihm reich und stark genug war, um zu zahlen. Warum hatte er ihn sonst nicht verkommen und ganz zu Grunde gehen lassen? Und daß er wußte, welcher Beschaffenheit dieses Entgelt sein müsse, das war ihm ein deutliches Zeichen dafür, es sei ihm noch aufgespart. Oder war er nicht ein hübscher Mensch? Er war groß, von ansehnlicher, blondbärtiger Erscheinung und bestem Rufe. Warum sollte ihn nicht eines der reichen Bauern- Mädchen, die er in der Schule hatte, warum nicht vielleicht selbst eine Erbtochter ins Herz schließen und aus dem Banne der kleinlichen Armuth erlösen, die ihn so sehr be- drückte? (Fortsetzung folgt.) SottttkÄgsplandevet. Nicht immer waren unsere Künstler so tapfer, wie gerade jetzt fn München, wo sie eine Kundgebung gegen den armen Dr. Lieber und seine parlamentarischen Helfer planen. Das mutz man sagen. Woher denn plötzlich die laute Lust, wider die parlamentarische Kunst- aufsassung zu dcmonstriren? Es sind schon andere 5kunsturtheile ergangen; sie kamen von staatlich autorisirten Stellen und konnten unmittelbaren Einslntz auf die Kunstpflege üben. Sie waren von Voraussetzungen ausgegangen, über die man nach dem heutigen Stand kulturgeschichtlicher Erkenntuitz nicht mehr dcbattirt. Sie verlangten Mägdedienste von der Kunst � and die Künstlerschaft hörte derlei gelassen an und lächelte vielleicht insgeheim. Oefseiitlich darf man es ja mit Leuten in Amt und Würde nicht verderben. Ist denn alle Welt so reizbar geworden? Und mutz man dem pathetisch selbstgerechten Dr. Lieber mit gleichen Mitteln begegnen? Man denke nur im Allgemeinen an den Entrüstungseifer im Par- lameM und man wird gerade über das Vorwalten der ver- feinerten geistigen Elemente nicht sich beklagen dürfen. Wie fitten- stramm und ehrpusselig wird da über Religion, Familie und Ehe gesprochen, und manche Rede kann man vernehmen, die einer «apuzinade zum Verwechseln ähnlich ist. Da trifft Irgendwer den salbungsvollen Pastorenton, der in»seiner Sünden Maienblüthe" gleichfalls mit keckerer Freiheit buhlte. Als Parlamentssprecher fühlt solcher Mann den Berus in sich, zu verleugnen, was er von reiferer Geisteskultur erobert hat, und ein Poltron zu werden, wenn er zum Fenster hinaus ans Volk sich wendet. Wo solche Mittel für Leute gelten, die sich andererseits im Führerglanze sonnen, da sollte man nicht so naiv jedes Wort ge- wichtig nehmen. Lieber hat sich seinen Schönbart gestrichen und in selbstgefälliger Laune ein bischen gezetert. Ist damit irgendwas wider eine' neue Kuustentwickelung gesündigt worden? Die„Flie- g enden Blätter" haben gewitz ein grotzeS Publikum von Behaglichen, an das sie sich wenden; wie oft haben sie sich in ihrer possirlichcn Weise über die Modernen lustig gemacht. Sie mutzten ja ihren vielen braven Leuten einen willkommenen Spatz machen. Darum ist Niemand gehemmt worden, der in, neuen Kunstschaffen nicht blos«in Mitläufer und Manteldreher, sondern eine selbständige Persönlichkeit war. Als der Schreiber dieser Zeilen zu Böcklin's siebzigstem Gebnrts- tag in Meyer's Konversationslexikon nachschlug, um über einige äutzere Lebensumstände des Malers sich zu infonniren, da stictz er plötzlich auf den verblüffenden Satz: Mit der„Farbengebung" Böcklin's stände es nur„so, so!" Es war ein älterer Jahrgang Meyer's, in dem das zu lesen war. In einer neueren Ausgabe Meyer's ivar vom „prächtigen Farbenzauberer' Böcklin die Rede. So kann Jemand in zehn Jahren zu einem Zauberer avanciren und das in einem Konversations- kexikon, einem Werk, das im Allgemeinen von Fachleuten und mit kritischer Vorsicht bearbeitet wird. Daran sei hier wieder erinnert. Will man nunmehr eine par- lamentarische Aeutzerung so gar empfindsam auffassen? Ein Einzelner und ein einzelnes Kunstwerk ist im Reichstag be- sprocheN worden. Franz Stuck allein mag empfindlich sein. Ueber die kunstkritischen Aeutzerungen Lieber's wird er sich leicht hinweg- setzen. Er wird mit Fritz Reuter denken: Wcr't mag, de mag't l Etwas Anderes ist es, wenn sein künstlerischer Ernst angegriffen wird und wenn Dr. Lieber wie ein Neunmal-Schlauer ausrief:„Hohne- picpeln lassen wir uns nicht I" Niemand trat gegen diesen Vorwurf, der einen angesehenen Künstler trifft, einen Mann also, der mit jeder neuen Arbeit'seinen ernst errungenen Namen zu behaupten hat. energisch auf. Von parlamcMarischen Debatten wird man, wie die Sachen liegen, keine künstlerischen oder grotzgcistigeu Anregungen erwarten. Sie sind Jnicressenlämpftn und Nützlichkeitsbedurfnissen dienstbar. Das lietze sich freilich vermeiden, datz man so leichthin über das Wollen eines Künstlers von Rang abUrtheile. Wo die Leutnantswürde so heilig ist, datz die ganze Rechte in unruhe- vollen Lärm emsbricht, wenn sie angetastet wird, sollte man auch mit der Künstlerwürde etivas vorsichtiger umgehen. Man braucht nicht gleich dasselbe Matz von Schonung für die Künstler zu be- anspruchen. Das wäre vielleicht eine lleberhebung. Aber zur Ehre des deutschen Namens trägt auch eine angesehene Künstlcrschnft etivas bei. Im Augenblick lätzt sich das im fernen Spanien beobachten. Ein braver deutscher Kapellmeister mit Namen Zumpe wird in Madrid fast enthusiastisch gefeiert; er hat dort das Ver- ständnitz für Richard Wagner's Kunstweise erschlossen. Man kann das am Ende gleichfalls die Arbeit eines Pioniers nennen. Wer weitz, ob in Madrid nur ein paar Menschen den ganzen überquellenden Sitteneifer, wie er in unserem Parlament sich offenbart, verfolgen; und um einen simpeln deutschen Musikanten drängt man sich in Madrid. So sind die Werths alle relativ. Es ist klar, datz Franz Stuck nicht aus frivoler Absicht dem Reichstag eine„Schmiererei" hatte anhüugen wollen. Wer über seine Malerei„Jagd nach dem Glück" derart abspricht, der hat eben weder die künstlerische Individualität Stucks, noch die neugewonnene Lust an dekorativer Wirkung in Deutschland mit aufmerksamem Sinn kennnen gelernt. Franz Stuck gehört zu jenen eigenthümlichcn Er- schcimmgen unserer Tage, die direkt aus bäuerlicher Umgebung in eine grundverschiedene, nervös erregte, meinetwegen sogar hyper- rasfinirte Gesellschaft gerathen. Als Kind auf einem bayerischen Dorfe emporgewachsen, hat er sich heute in München ein Haus nach rein persönlichem Kunsigeschmack erbauen lassen. Er möchte sich sein ganzes Leben zun, Kunstwerk unigestalten, wie jemand, der ein luxus- und kulturverwöhnter Nachkomme ist, nicht wie jemand, der unmittelbar erst seine bäuerliche Vcrgangcnhett verlassen hat. In seiner Physiognomie selbst ist ein Stück dieser Lebensgeschichte zu lesen; mit dem derben, festen Grundcharakter des Kopfes vermengten sich die anerworbenen sensitiv- nervösen Züge. DieserMann hat mit heftigem Temperament phantastisch-dekorative Motive ersonnen. Ii, erster Linie ist er auf delorativ-malerische Wirkung bedacht. Dabei bevorzugt er das Düstere und das Packende. Er kann sich leicht verhauen, übergeistreich werden und ins Bizarre gerathen. Es kann ihm ebenso durch sein heitzblütiges künstlerisches Temperament ein kühner Treffer gelingen,: wie sein grotzes Bild vom Krieg, das in semer Art ein Zeitdoknment ist. Hier reicht das Dekorativ-Malerische an monumentale Wirkung. Bor mehreren Jahren sah ich in München das Gemälde, als es an die Oeffentlichkeit kam. Sein Eindruck ist mir treu geblieben. Die Ge- stall des Krieges kommt grotz einher, unbewegt und un- beweglich, nicht leidenschaftlich erhitzt, sondern mitleidslos, in kalter Furchtbarkeit, wie eine Verkörperung neuzeitigen Kriegswesens. Das Bild ist in der Neuen Pinakothek zu sehen. Man kann nun über die Malerei, die für den Reichstag bestimmt ist, verschiedener Meinung sein. Die Arbeit Stucks kann man jedoch nur im Verhältnitz zur EntWickelung des dekorativen Stils betrachten. Will man eine gemalte Anekdote, in der der Vorgang aber ja hübsch platt deutlich sich auspräge, oder will man eine allegorische Dar- stellung parlamentarischen Getriebes, sei es im pathetischen, sei es im humoristischen Sinn— der Maler könnte ja einen niedlicken Kuhhandel versinnbildlichen— so wird man freilich mit dem Bilde Stucks nichts ansangen können. Aber nur wenn man nicht mit unbefangenem Auge sieht, sondern auf ein Zwcckmätzigkeitsprinzip schwört, kann man zu einem Urtheil kommen, wie es Herr Dr. Lieber gefällt hat. Er will sich eben sein Theil denken und seine besondere parlamentarffche Erbaulichkeit haben. Er will den dekorativ- malerischen Entwurf nicht auf sich wirken lassen. Das freie phantastische Spiel ist ihm zuwider. Ja, er kann sich seine malerische Wirkung nicht einmal vorstellen. Vielleicht verlangt man auch Unmögliches vom Maler, wie man mich fast Unmögliches vom Baumeister des Reichstages erwartet hatte. Im höchsten Wortsinn ist die Gegenwart nicht schöpferisch. Wir stehen nicht auf gefestigtem Wirthschafts- und Kulturboden; urfd von der Kunst verlangen»vir einen neu-vollendetc» Stil? Manche meinen, eS sei dem Baumeister Wallot der ungeheure Wurf gelungen; er habe einen neuen Profaustil, wie ein Zauberer geschaffen. Aber das ist gar zu wohlwollende Anhängerschaft. Hexenmeisterliches darf man nicht erwarten; gewitz nicht von einem Einzelnen, ohne Vor- läufer. Die neue Kunstform für das neue Parlamentswesen ist nirgends noch entstanden; also hat auch die innere Ausschmückung der Parlamentsgebäude nichts Originales. Frostige Allegorien der Beredsamkeit oder ähnliches können von guten Menschen gewitz auf Bestellung gemalt werden. Ob damit mehr gewonnen wäre, als mit eine», frei-phm, tastischen Entwurf, der aus dekorative Wirkung abziell?— Kleines Feuilleton. —o— Alto Bekanntschaft.(Nachdruck verboten.) In das lärmende Getriebe des Alltags klang das dumpfe Getöse der Kirchen- glockcn. Alle, die den Glockenrufen folgten, mutzten sich durch das Älltagsgewirre drängen und beim Stratzciiüberschreiten warten, bis die Geschäftswagcn vorüber waren. Sie zogen meist familienweise giir Kirche. Eben trat aus einem Hause eine solche Familie. Voran ging der Vater- mit seinem Sohn. Der Junge stak in frischen, neuen Hosen und neuem Rock. Vorn auf der Brust hatte er ein kleines, weiß- grünes Sträustchen. In den Händen, die in schlvarze Handschuhe gezwängt waren, trug er ein neues, glänzendes Gesangbuch. Der Vater hatte fich ebenso würdevoll und feierlich gekleidet. Trotz des kalten, feuchten Märzwetters ging er ohne Mantel. Sein langer, schwarzer Gehrock war von oben bis unten zugeknöpft und stand vorzüglich zu dem Ernst des Gesichts. Auch der Zylinderhut war frisch gebügelt. An seinen, ziemlich erhabenen Bäuchlein war zu sehen, daß er ein kleiner Geschäftsmann war, dessen Frau ihm red- lich zur Seite stand. Das war ihr, die mit zwei Töchtern folgte, auch anzusehen. Verschiedene Geschäftsleute, die vor ihrer Thür standen, er- kannte» den Familienvater. Sie grüßten und sahen ihm mit neidischem Lächeln nach. Wie er so stolz und selbstbewußt an der Spitze seiner Familie dahinzog I Ja, der Klempnenncister Mosow war ein tüchtiger Mann. Er konnte sich sehen lassen mit seinen An- gehörigen I Das war ja auch der Zweck des Marsches zur Kirche. Er hätte zwar auch ebenso gut eine Equipage nehmen können. Aber seine Bekannten sollten doch' mal sehen, wie er seiner Familie vor- stehen konnte und daß er allen Angehörigen das zukommen ließ, was ihnen gebührte. Solche Gedanken bewegten ihn; da stieß ihn seil? Junge m?, indem er seinen kleinen runden Hut zog. Klcmpncrmeister Mosow folgte der Richtung des Grußes. Er hatte den Insasse?? einer Eqllipage gegolten, die sich zluischen Stratzcnbahne?? und Lastivage?? durchz>vä?igte. Die Insassen der Eqllipage stellten auch eine z?lr Kirche eilende Fa- milie dar: Vater und Sohn auf dem Vordersitz, Mutter und Tochter auf dem Rücksitz. Den? Klenipnermeister war, als kenne er den Mann in der Equipage. Doch verschwand der Wagen gleich hinter Straßenbahnen. So fragte er denn seinen Jungen:«Wer war denn das «Mein Freund Gustav." «Ach, ich meine, wie der Vater heißt!" sagte Herr Mosow un- geduldig. «ftirschncr, Maurermeister Kirschner!' «Und der Junge wird mit Dir zusa?mnen eingesegnet?" «Ja." „Na, warum hast Du das denn nicht schon früher gesagt?" fragte Herr Mosow ganz elltrüstet. „Ja... ich wußte doch nicht, daß Du Herri? Kirschner kcintst." Herr Mosow hatte fich schon rückwärts nach seiner Frau ge- wendet:„Denk Dir. Augufte, der Kirschner! Hast Du ihn gesehli? In der Equipage! Mit seiner gaiizci? Familie! Unsereins lällft zu Fuß, uild{o'n Schurke leistet sich die Equipage I Das ist doch wirk-? lich doll I Das geht doch über die Hutschnur I" Die Frau und die Töchter waren ebenso entrüstet und voller Wuth. Sie beriethen einen Allgenblick miteinander. Die Frau sagte auf alle seine Vorschläge:„Ja, ja; das wäre ja ganz gut. Aber besser wäre doch, Du gingest gleich l Er hat doch sicher die goldene Uhr und'ne Kette bei sich. Und baares Geld schließlich auch. Rasch, gethqn, ist halb gewonnen." „Siehst Du, das habe ich ,nir arlch gesagt I" Und er eilte schnell davon, während seine Angehörigen allcii? den Weg zur Kirche fortsetztei,. Die Einsegimilg war fast beendet. Die Konfirmandc» ginget, eben zur Dreien vor nach dem Altar, um dort den Segen des Pastors zu enipfauacn. Da ging die große Eingaligsthür. Vor- sichtig war sie geöffnet werden, knarrte aber doch. Die Gemeinde sah sich unwillig nach de» Störenden um. Herr Mosow war ,nit einen? Herrn, der auch festlich gekleidet war, näher getreten. Als die Gemeinde bemerkte, daß die beiden ergeben und fronm? ihre Köpfe senkten, wendete sie sich befriedigt wieder den? Vorgang am Altar zu. Auch die - beiden Zuspätgekonlmenen schieuen nllr Augen für den Gottesdienst zu habei?. Der Küster, der sie inuncr noch anstarrte, verlor seinen ver- ärgerten Arisdruck über ihre Aufn?erksainkeit. Und als mm das Schlrlßgebet gesprochen wurde und der letzte Vers i,n Kircheugewölbe ividerhallte, da war es, wie wenn sich eil? Leuchten über die beiden Männer ergoß. Ihre glühenden Gesichter stachen ab von den durchftorenei? der andern. Erschüttert von der Macht des Wortes, vom Gesang rmd dem Orgelspiel beugten sie sich vor. „Da ist er, da ist er!" meinte Herr Mosow flüsternd zu dem Andern. De» nickte. Als die Gemeinde hlliausdrängte, da zlväugte rr sich durch zu dem Maurenneister:„'n Tag, Herr Kirschiler I" Der wurde blaß und that, als kenne er ihn nicht. Da sagte der Herr— sie waren noch auf den Stufen der Kirche:„Ach. Sie erkennci? mich wohl nicht?... Wir sind doch alte Bekannte I Ich bin der Gerichtsvollzieher Brandt II"-- — Das Gehirn von Heliuholtz, dem großen Naturforscher und Gelehrten, hat, wie die„Wr. Med. Bl." schreibeir, Dr. Hanse- mann, Professor der pathologischen Anatomie an der Berliner Universität, untersucht. Die Ergebnisse dieser Uutersuchling sind sehr merklvürdig. Zllnächst konstatirte Hanscmann, daß das Ge- wicht des Helmholtz'scheir Gehirns 1440 Gramm betrug. Zlim Vergleiche mag dienen, daß sich bei Cuvicr 1600, bei Gauß 1492, bei Franz Schubert 1420 Gramn, Hirilgewicht fanden, und daß man als Durchschnittsgewicht 1363 Gramm annimmt. Also in Beziehung auf das Gelvicht luar das Gehir?? Helmholtz' nichts sehr Auffälliges. Dagegen zeigte sich die Gliederung deS Organs als eine geradezu verblüffend reiche und mannigfaltige. Die Zahl der Windungen des Stirnhirlles zum Beispiel war so groß, das; ,nan die sonst leicht allf- stndbarcn kleinen Nebcnlvindnngen kaum mehr unterscheiden konnte. Das sonderbarste Ergebniß der Untersuchung war aber, daß noch de?ltliche Reste eines allerdiilgs längst vergangenen Entzündungs- Prozesses llachweisbar waren. Indem Professor Hansemann dies mittheilte, erwähnte er, daß Helmholtz öfter zu ih,n geäußert, er (Helinholtz) habe in seiner Jugend einen Wasserkopf leichter Art gehabt. Dieser Krankheitsprozeß führte natürlich zu einem andauernd etwas vermehrten Hirudruck, woraus sich die tiefen Eindrücke auf der Junenseite des Schädels erklären und auch die allffallcnde That- fache, daß Helmholtz inmitten völliger Gesundheit nicht selten an leichten Ohnmachtsanfällen litt, die ihn in den Ruf eines Epileptikers gebracht hatten, zumal er sie selbst als cpilcpttforme bezeichnete. Auf die einst vorhandene Hir>?wassersucht, welche, wie nicht erst gesagt werdei? muß, vollkommen arlsheilte, wies auch die ungewöhn- liche Artsdehnung der Gehirnhohlräume hin und nicht zun? wenigsten der i?n Verhältnisse zur nicht großen Statur ungewöhnlich große Kopfumfang. Ucbrigens wurde auch bei Cuvier und Rubiustein ein arisgchciltcr Wasserkopf gefunden.— Theater. Im Berliner Theater jagei? sich die Novitäten, und sie gleichen sich. Am Freitag gab es wiederum eine Wiener Komödie: „D?e neue Richtung" von Marcus Brociner und Alexander Engel. Wiederum eine dünne Ha?-mlosigkeit, auf die einzugehen überflüssig erscheint. Wer rettet uns vor dieser Flrith von Stücken, die in? Ernst wie im Scherz karnn groß genug ge- wachsen sind, um sonst ein ZeiwngSfcuilleton zu füllen? Eine magere Humoreske mit e?nem altbekannten Einfall wird auf drei Akte a?lsgereckt. Ein Philister soll sich ein- mal austoben; ein Syrupdichter, dessen Arbeite,? keinei? rechten Absatz rnehr finden, soll sich der neuen Richtung an- bequenren, keine Moudscheinverse mehr machen, sonder?? kopfüber sich ins Leben stürzen, wo es am wrldesten ist. Aber aus einem zahmen Karpfen wird niemals ein wilder Hecht; und so verdrießt den BonboilS-Poetcn sein erstes unrcaelmäßigcs Abenteuer mit einer malenden Dilettantin, die im Grunde auch ein ehrsames Philisterweibchei? ist, und reuig kehrt der Dichter zu seiner tugend- haften Hausfrau ulld damit auch zu seinen Tugenderzählnngei? für Haus und Familie zrlrück. Lau ließ man das laue Lustspiel an sich vorübergehen; die parodistischei? Scherze, die auf Kosten eines bekannten Berliner TheaterdircktorS gemacht wurden, machten lvohl einigen Leuten mancherlei Spaß.' Aber wie viele außerhalb der Prcmiörenbesilcher sind es denn, die das Original dieses Direktors, seinen Schinirrbart, wie sein gespaimtcs Verhältniß zu den leidigen Frcnldlvörtem kennen? ' In Ton und Haltung hatte Herr Hansen die Eigenheiten deS Direktors gut abgesehe??. Sonst gab den schüchterne,? Zucker- Poeten- det schüchterne' Liebhaber, die Backfischrolle der theatralische Backfisch£.— ff. Musik. Aus der Woche. Es sind bereits Andeutungen gefallen, daß die Wagiier-Vcrcine ihre Aufgabe erfüllt i?ild sich über- lebt hätten. Das Konzert der Wagner- Vereine Berlin und Berlin-Potsdam vom letzten Montag ließ nichts davon merken?lnd erinnerte ui?s daran, daß i?? wenigen Monaten wieder die Festspiele in Bahrellth beginnen. Solche Wagner-Konzerte leiden von vornherein nnter dem gleichen widerspruchsvollen Ucbel, das Wagner selbst erdulden nntßte, als er irdischer Roth halber Konzerte gab. Ihre Hauptstücke siud ja doch nur Theilc aus Wagner'schen Dramen, also eine Geschnrackslvidrigkeit und speziell eine Sünde wider den Wagner'schen Geist. Immerhin ist die Sünde hier geringer, als lvenn in anderen Konzerten konzertlvidrige Stücke aufgeführt werde»: hier fügen sie sich doch noch eher als dort zu einer annähernden Einheitlichkeit zusammen und erscheinen trotz allem als Bestandtheile einer großen, wenigstens historisch ge- schlossenen Bewegung. Ein Zielpunkt dieser Bewegung ist nun auch B e r l i o z. Daß er nichl blos Programm-Mnsiker, sondern auch Dramatiker war, sollte ,uis durch eine Hauptiunumer jenes Kouzertes in Erinueruug gebracht werden. Es war dies ein Stück aus den „IT r o j a n e r n"; Bemerkungen über die Schicksale dieses Werkes (nicht in Berlin) enthält das wieder sehr gut verfaßte Programm- buch dcö Konzertes. Soweit sich urtheileu ließ, haben wir es nicht nur?nit einer sehr ausdrucksvollen und reich instrnmcntirten, sondern auch mit einer an Stellen der Steigerung sehr wohlklingenden Musik zu thllii. Unter den übrigen Nummern des Konzertes war lvohl die zweite Hälfte des I.Aktes von Wagncr's„Parsifa l" das Wichtigste. Hier hatten sich mit den? verstärtte??' philharmonischen Orchester der Lehrerinnen- Gesangverein und der Berliner Lehrcr-Gesangverein vcrbm?den. Die Chorgnippen sind im Drama selbst auf drei Höhen— musikalisch rmd räumlich— vertheilt; das wiederzugeben ist im Konzert schon von vornherein kaum möglich, und diesmal scheinen die Proben nicht ausreichend gewesen zi? sein, so daß rnanches recht sehr schwairkte. Das soll das Verdienst des Dirigenten, des Wagner-Veteranen Josef Sucher, nicht sch???älern; als Airrfortas bewährte Herr Scheide mantel feine wohlbekannte Meisterschaft, und in zwei anderen Rollen gab sich Herr Emil Severii? viele und erfolgreiche Mühe, seine Befangenheit und seinen anscheirreuden Mangel an Routine zu über- winden. Frau Rosa Sucher sang die Kassandra in den „Trojanern" und dann noch den Schlub von„Tristan und Isolde"; der Blnnienhagel. der sie begrüßte, ivoNtc vermnthlich gegen den stillen Abzug einer noch so wirkungskräftigcn Künstlerin von unserer Oper Seinonstrircn. Wenn schon ein so außerordentlich werthvoller Abend wie dieser an die gegenwärtige Schwierigkeit einer idealen Konzertvorfnhrnng mahnte, so that es noch weit nichr die 5. Aufsührnng unserer Singakademie am 3. d. M. Direktor B l u m n e r— diesmal durch H. Kawerau vertreten— hatte schon vor 11 Jahren einen Bach'schen„Kantatenzhtlus" aufführen lasse», und dieses Konzert brachte ihn zum 4. Mal. Der gutgemeinte, aber äußerst gefährliche Licblingsgcdanke der meisten Konzertgcber, das Publikum mit Vielem bekannt zu machen, verleitete hier zu einer Zusanmieu- stcllung aus mehreren Kantaten von Bach. Nein! 2�/4 Stunden diese nicht genug einheitliche, aber um so cinförnügere Lyrik anhören»nisten, für deren musikalische Feinheiten wohl vielen Hörern ein eingehenderer Kommentar als die immerhin dankcns- werthe Einleitung zu dem Programmbüchlein willkommen wäre; sich zurückversetzen in die Musik einer subjektiven Innerlichkeit, die gläubig und zufrieden sich der Welt freut und endlos bei den nnm- iichcn Ergüssen verweilt; dann statt der relativ bündigen und kurzen Werke Bach's eine moderne Kon.pilatio» hören; und schließlich auch nicht durch eine außerordentliche Präzissioii und Frische der Auf- führung entschädigt werden: das alles läßt doch wünschen, daß die Singakademie künftig nur mehr Echteres bringe. Als Ersatz für ein Aufzählen und Beurtheilen der vier Solisten sei bemerkt, daß Frl. Helene Oberbeck, ein dünner, hoher, echt lyrischer Sopran von ziemlich guter Durchbildung, jedoch ctivas Mangel- hafter Aussprache, an dem vielen Guten, daS auch dieser Abend bot, ihren redlichen Antheil hatte. Aber um so größer kann unsere Freude sein, ivann nächstens, am 31. März, die Mathäus-Passion von Bach wiederkommt— fast fienrni 70 Jahre nach ihrer Wiedererweckung durch Mendelssohn 11. März 1829) und ebenso 170 Jahre nach ihrer Erstaufführung (Charfreitag 1729). Keime eines Fortschrittes in unserem Musikleben finden wir heute am ehesten dann, wenn wir zu den„5tleiiiercn" gehen. Das Streichquartett der Herren G e n tz u. s. w. kann sich nicht mit dem „Böhmischen� messen. Trotzdem versäunlte» wir den dritten Abend dieses Quartetts— ans dessen Abschied am 8. d. M. noch besonders aufmerksam gemacht sei— nicht ungern jenem Quartett zu Liebe. Allerdings nicht wegen einer älteren Novität von W. Berget, eines gefälligen aber recht leeren Klavierqnartettes; auch nicht wegen der syiupathische» Sängerin Martha San dal, deren gute Stimme»och gleichmäßiger und fester ausgebildet werden sollte: sondern wegen des„auf mehrfachen Wunsch wiederholten" Quintetts von Fr. Pönitz,' das wir seinerzeit nicht hatten hören können. Richard Wagner und Andere haben gegenüber der Klavier-Kammer- und Klavier-Orchestermnsik geklagt, daß sich der klappernde Klavier- klang mit dem anderer, besonders der Streichinstrumente, nie recht verbinde. Aber der des Harmoniums? I Benützt man es ja doch zum Ersatz der Bläser, tvenn im Privatkreis eine Symphonie auf- geführt rverden soll, für die sonst nur Streicher zur Verfügung stehen. Daran erinnerte mich jenes Quintett für Harmonium und Streicher. Die Klangverbindnng ist jedenfalls inniger als mit Klavier, und der unvermeidliche Verzicht auf Koloraturwerk mag ebenfalls zu einem Stilfortschritt niithelfen. Die Komposition voii Pönitz, der trotz dieses op. 56 ziemlich unbekannt sein dürfte, zeugt von einem ernsten Wollen, daS aber oen Eindruck macht, nicht recht herauszukönnen. Gura und Schwärs geben im März noch zwei populäre Abende. Voraussichtlich werden diese nicht minder prächtig werden, als es wohl der vom 3. d. M. war, den wir allerdings lieber als jenes Bach-Konzert mitgemacht hätten. Loewe's„Mummelsee" und mehrercs von Richard Strauß soll von dem wieder fehr gut disponirten Sangeskttnstler ganz besonders schön vorgetragen worden sein.— sz. Kunst. —hl. Im zweiten CornelinSsaale der Rationalgaklerie sind jetzt die letzten Neueriverbungen ausgestellt.' Auch diese sind wieder als wcrthvolle Bereicherungen des Bestandes unserer modernen Gallerie zu bezeichnen. Die Nationalgallerie ist wirklich auf dem besten Wege, eine Sammlung zu erhalten, die ein allseitiges und umfassendes Bild der modernen Kunstbewegung darbietet. In Deutschland ist ihr schon jetzt, auch in der Art der Anordnung und Ausstattung, keine Gemäldesammlung auch nur annähcnid zu vergleichen. Waren es in den ersten Jahren, wie es vor allem nothlvendig war, die Franzosen, oder überhaupt die Aus- länder, von deren Kunst Beispiele neu aufgenommen wurden, so sind diesmal vorwiegend von deutschen Malern Gemälde erworben worden. Unsere herrliche B ö ck I i n- Sammlung ist um das berühmte Selb st Porträt des Künstlers aus dem Jahre 1872 vermehrt: Böcklin, sich in der Arbeit unterbrechend, lauscht dem Tode, der hinter ihm auf der Geige fiedelt. Auch von Anselm F e u e r b a ch ist ein S e l b st p o r t r ä t. in schönen blassen Farben gehalten, erworben. Hans von Maröe, von den, bisher in der Nationalgallerie noch kein Werk vorhanden war, ist jetzt durch «ine iuteresfante kleine Studie vertreten, einen Ritter Georg, der den Drachen tödtet; der Hintergrund ist eine Abcndlnndschast. die in feinen weichen Tonen oe- halten ist. Von Wilhelm Leibi ein kräftiges Bild eines I a g e r s in fteier Landschaft, von Hans Thoma eine seiner Schwarz wald- Landschaften(von 1872). Unter den jüngeren der heutigen deutschen Maler sind zwei der besten Münchener. Ludwig Dill mit einer Landschaft aus der Dachauer Gegend und Hugo von Habermann mit einem guten älteren Bilde, das ihn freilich noch nicht auf der Höhe der späteren Arbeiten zeigt, und von den Berlinern Franz S ka rb in a mit einem lchönen„Abend im Dorfe"(von der letzten Berliner Ausstellung) vertreten. Von den übrigen Neu- Erwerbungen verdient vor allem eine Nadelmalerei eines unbekannten japanischen Künstlers Beachtung, eine Gcbirgs-Landschaft,„die Stromschnellen deS Katsugarawa bei Kioto". Es ist erstaunlich, wie hier der Japaner mit der Nadel wie niit einen, Pinsel zu arbeiten verstanden hat, sorg- sam und getreu in den Einzelheiten und doch mit einer kraftvollen Wirkung im Großen; die Berge, die Abhänge, das in Schnellen herabstürzende und das ruhig fließende Wasser sind voll des Lebens und lassen in nichts die überaus mühselige Nadelarbeit merken, in der das Bild, wie man aus der Nähe steht, entstanden ist.— Technisches. io. Ein außerordentlicher Bronceguß ist nach dem „Bulletin Techniqne" kürzlich in Rew-Dork vorgenommen worden. Es soll sich»m das größte Bronce-Standbild handeln, das jemals durch einen einzigen Guß hergestellt wurde. Sonst ist es bekanntlich der Brauch, daß Standbilder von außergewöhnlicher Größe in ein- zelnen Thcilc» gegossen werden, oft infto bis zu 20 Stücken, die dann erst am Platz zusammengesetzt und sorgfältig miteinander vcr- löthet werde». Eine der größten Gießereien in New- York wollte einmal einen Versuch mit der Herstellung eines Riescn-Standbildes aus einem einzigen Guß machen. Das Kolossalbild stellt den Gott Pan vor auf der Hirtenflöte blasend und sollte in dem Zentrnlpark der Stadt Aufstellung finden. Es wurde zunächst ein Thomirodcll hergestellt, worauf nach den. Vorbilde die Form hergerichtet wurde. der der amerikanische Bildhauer Gray-Bernard die feineren Details verlieh. dann wurden mit einem einzigen Guß 4200 Kilogramm Bronce in die Form gegossen. Die Statue soll vollkommen geliingc» sein und bei einer Höhe von fünf Metern nicht einen'einzigen Fehler aufweisen.— Humoristisches. — Backfisch-Sehnsucht..... Und mein höchster Wunsch ist: Einen großen Weltschmerz möcht' ich haben und Pralinös dazu essen I"— — Beim Klavierunterricht...... Ich bin mit Ihnen nicht zuftiedcn, Fräulein Sophie, es geht nicht recht vorwärts— Sie scheinen zu wenig zu üben!" „O bitte, Herr Professor, uns wurden, seitdem ich Klavier spiele, schon a ch t Wohnungen gekündigt I'— — Angenehme Eröffnung. Amtmann:.... Gewiß. für die Kreuzotter ist eine Prämie von drei Mark ausgesetzt... wo haben Sie die denn gefangen?" Bauer:«Im Birlenwäldchen!" Amtmann:„Hm, das darf ja bei fünf Mark Strafe nicht be- treten werden... da haben Sie also noch zwei Mark zuzuzahlen!"— („Flieg. Bl.") Notizen. — Der Werbeausschuß für das Anzengruber-Denkn, al hat in den ersten zwei Wochen seiner Thätigkeit bereits einen namhaften Thcilbetrag der veranschlagten Kosten, nämlich 14000 Gulden. zu stände gebracht.— — Ferdinand Zlau, einer der bekanntesten Journalisten in Paris, der Begründer und Leiter des„Journal", ist ge- st o r b e n.— — Die Direktion deS Münchener G ä r t n e r p l a tz- Theaters ist Stollberg definitiv übertragen worden. B r a ck l, dessen Kontrakt noch' bis zum Jahre 1913 lief, erhält 100 000 M. Abstand.— — Die Stadt Antwerpen bat einen Wettbewerb belgischer Künstler für den Entwurf einer Denkmünze zur Er- innerung an die bevorstehende Van Dyck-Feier ausgeschrieben. Als Preise sind 1000. 300 und 200 Franks ausgesetzt.— — Der zwölfte internationale Orientalisten« Kongreß soll in den ersten Tagen des O k t o b e r in Rom zusammentreten.— — Ei» internationaler Kongreß gegen Alkohol miß- brauch findet vom 4. bis 9. April in Paris statt. Hauptgcgen- stände der Verhandlungen werde» sein: Die Aufgaben der Mittel« s ch n I e n im Kanipf gegen den Alkoholismns; die Alkoholftage vom Standpunkt der V o l k s s ch u l e; die Aufgaben der a k a d e m i- scheu Jugend im Kampfe gegen den Alkoholismns; S ch ü l e r« und I n g e n d- A b st i n e n z v e r e i u e; der AlkoholisniuS in seinen Beziehungen zur Arbeiterfrage; Schutz der eingeborenen Rassen vor dem Alkoholismns; Bekämpfung deS AlkoholiLmus im H e e r und in der Marine.—_ PttM>»l»tli