Anterhaltungsblatt des Nr. 47. Dienstag, den 7. März. (Nachdruck verböte».) 6] VAS Vluk. Roman von I. I. David. Er hätte früher eine Städterin lieber gehabt; diese Hoffnung war ihm denn doch gemach entschwunden, und nun schien's ihm besser, er zog sich selber seine Frau, bis sie eben- bürtig neben ihm stehen konnte. Und seitdem Gabi im Orte war, wußte er mehr: sie war die Vergeltung, die ihm ein ueidenswerthes Geschick vorbehalten hatte. Sie war schön; es war kein Geheimniß, daß sie mindestens ihrer Ziehmutter, wahrscheinlich aber Beider, die ohne allen Anhang in der Welt dastanden, Erbin zu werden be- stimmt war. Ihre Bildung war ganz und gar in seine Hände gegeben; sie war unglücklich, das merkte selbst er, sonst kein guter Beobachter, und mußte sich also fort vom Hause schucn, mußte, da ihr der Makel ihrer Geburt anhaftete, froh sein, kam ein ehrenhafter Bewerber um ihre Hand. Da gab's keine Llämpse; Rupert war sicherlich selig, würde er die ihm Verhaßte los, und Salome achtete ihn. Wer that das übrigens nicht? Verdiente er's etwa nicht? Und der Stolz auf ein inakelloses Leben erhob ihn dann und beseligte die geheimsten Gründe seiner Brust. Solche Träunie spann er übrigens durchwegs erst dann, wenn er heimgekommen war. Denn seine Einbildungskraft war dürftig; im Freien verslatterte sie, die bestimmter Stütz- Punkte bedurfte, daran sie sich klammern konnte. Saß er aber in seiner Stube und war auch das letzte Lärmen verhallt, dann hing er ob seinen Gedanken. Dann lehnte der Stock in einer Ecke; über dem harten und steiflehnigen Ruhebett lag der Uebcrrock, das Tischtuch, reinlich gefaltet, daneben. Er aber saß vor dem Tische, vor den regelrecht geschichteten Schreibheften, die er auszubessern hatte, trug eine Feder hinterm Ohr, eine in der Hand, und die Pausen der leidigen Arbeit füllten holde Bilder. Dann glänzten seine hellblauen Augen, dann liebkoste er den blonden, trotz aller Mühe struppigen Vollbart; dann sah er statt der einen Stube eine ganze Reihe, statt des Bücher- spindes mit den wenigen, schön gebundenen, sorglich vor Staub behüteten Klassikern, auf das er so stolz, das ein Wahrzeichen seiner Wohnung war, mächtige Nußholzschränke; für die geringen Möbel, die er nun sein Eigen nannte und unter manchen Entbehrungen erwerben niußte, sah er stattlichen und geziemenden Hausrath. Allenthalben aber gebot Gabi nüt ihrer Aumuth, ihrer Lieblichkeit, und er suchte sich aus- zmualen, wie sie den Heimkehrenden begrüßen, wie sie einander ihre Neigung bezeigen würden, ohne ins Würdelose oder Ungeschickte zu falleu. Das füllte durch Jahre seine müßigen wie seine Feierstunden. Eine liebe Ge- wohnhcit ward es ihm; jeder neue Zug, mit dem er sein Gemälde auszuschmücken vermochte, machte ihm eine echt künstlerische Freude. Bis die Uebexzeugung, es müsse so werden, seine Seele durchdrang, so sehr, daß ihm selber auch nicht der leiseste Zweifel mehr laut war; bis er sich auf seine stillen Abende freute, wie auf eine Verheißung kaum minder stiller, doch noch holderer. Ein bestimmtes Hoffen, ein sicheres und, wie er meinte, ihm nahes Ziel war in sein Leben getreten, und darum, weil er ihm zustrebte, um seine Er- reichung nach seiner Art rang und sich mühte, statt, wie allso- lange, nur einem fernen und ungewissen Scheine nachzu- hangen, der durch die Nacht seiner Tage brach, mochte jene Zeit wohl die allerbeste heißen, die ihm überhaupt beschieden war... V. Ein starkes Strömen zieht machtvoll durch die Meere. Das gewaltigste Schiff wird wehrlos von seinem Zuge ver- tragen, nichts mag sich seiner Wucht entgegenstemmen, das nicht zerschellte davor. Aber ein Senkel, ist er nur tief genug, wird bald dahin kommen, wo die Wasser ruhen; lasse es ein Weniges weiter abrollen, dann gelangt es in das Reich des Gcgenstroms. Wer mag entscheiden, was mächtiger sei: Strom oder Gegenstrom? Und ist nicht das, was im Ver- borgenen waltet, zumeist wirksam vor dem, was den Augen offenbar und in seinen Wirkungen erkenntlich am Tage liegt? Ein starker Gegenstrom durchzog das Haus der Lohwag. In seinen Wirbeln und Kreisen war Gabi's Seele gefangen. Jeder wußte darum, nur Salome ahnte nichts. Nach ihrem Willen und nach ihrem Vorbilde wollte sie ihr Pflegekind ziehen; mächtig genug war ihre Persönlichkeit, um beeinflussen zu können. Aber was vortrefflich war an Salome, das ver- stand Gabi nicht; was schroff und eckig, das that ihr weh. Und das unbändige Blut Therese Wagner's, verstärkt durch das eines Vaters, der sich so wenig um sein Kind ge- kümmert, daß es nicht einmal seinen Namen ahnte, that das Seine: es sperrte sich gegen die unbarmherzige Ordnung des Hauses. Offene Thüren fand Gabi nirgends; nirgends jene Liebe, die sie begriff. So suchte sie Korten Neigung und ge- wann sie, wo es Salome nimmer vermuthet hätte: bei den Dienstleuten des Brauhauses. Und Salome selbst hatte sie es, ohne es zu ahnen freilich, gelehrt. Denn schlug sie das Kind gleich niemals, so wußte sie andere Strafen, die anfänglich auch wehe genug thaten. Das Mädchen durste nicht am Herren« tische essen; in der Küche, mit den Mägden zusammen, erhielt es sein Mahl. Jene Scham, mit der das einmal Gabrielen erfüllt, die sie keinen Bissen hatte berühren lassen, die verlor sich bald; früh genug legte sie es listig darauf an, daß die Tante ihr:„Du wirst draußen essen" gebot. Denn es war lustiger draußen; man lachte und schwätzte und war freundlich mit ihr. Die aus Berechnung, denn niemand zweifelte, daß Salome das Kind eigentlich liebe; die aus wirklicher Zuneigung, gewonnen durch die An- muth und die plötzlich' und unbewußt aufbrechende Güte der Kleinen. Insbesondere aber hing die Susanne mit unend- licher Zärtlichkeit an ihr, nach ihrer Art. Zeugnisse dafür ver- wahrte die alte Weide: unterm Mulm geborgen lag einPüppchen mit anderen armen Spielsachen, f wie sie eben ein Dienstbote in seiner Bedürftigkeit zu spenden vermag, wie sie nur ein ganz liebefernes Kind erfreuen können. Und Gabriele spielte gerne, und selbst noch in Jahren, da sich sonst ein Mädchen mit der Puppe nicht mehr so recht vergnügt, und mit größerer Innig- keit, als sonst Kinder, wußte sie ihrem Döckchen schön zu thun, es zu hätscheln. Es war fast, als hielte sie es, wie sie selber so gerne gehalten sein wollte. Wenn es aber nachtete, und waren die endlosen Vor- lcsungen aus der Bibel zu Ende, hatte sie an RuPert'S Pfeife zum letzten Male den Kienspan gehalten— er hatte das gerne von ihr. und sie nützte mit der kleinen Klugheit des Unterdrückten Alles, was ihn irgend in gute Laune bringen konnte— dann harrte sie zur Winterszeit in starker Spannung des Zeichens, das ihr bedeutete, zu Bette zu gehen. Wie in jener ersten Nacht spähte sie dann nach dem letzten Lichtschein, aber ihr graute nicht mehr, wenn er verglomm. Dann verließ sie nach einer Zeit, die sie an den Schlägen ihres Herzens maß. ihr Lager; behende und mit unhörbarsten Schritten durchlief sie die Stube. Sie kannte schon jede Diele, die. be- treten, knarrte, und wußte sie zu vermeiden. In die Küche fiihrte der andere Ausgang ihres Zimmers; sie mochte es nicht, schien der Mond in den großen Raum. Dann gleißte das Kupfer und das Zinn an den Wänden, der rothe Ziegelboden schim» merte dann wie blutübergossen. Noch einen langen, ganz dunklen Gang durch; noch eine Thür, die behutsam geöffnet werden mußte. Dann ein tiefer, erlöster Athemzug: GabiWagner, die Nichte und Erbin Salome Lohwag's, war in der Gesell» schaft, nach der sie sich den ganzen Tag sehnte, in der sie fast nie fehlte, seitdem ihr die Susanne das erstemal den Weg und die Zeit dazu gewiesen hatte. Der Raum, in den sie trat, war enge, fensterlos und Hallenhaft hoch. Jene dumpfe Wärme, die Bauern lieben, webte darin, denn an ihn stieß die Darre, in der die keimende Gerste in Malz gewandelt wird, in der das Feuer nicht bei Tage, nicht bei Nacht erlöschen darf. Nur durch eine dünne Mauer geschieden, entsendete sie ihren schwülen Odem, ihren starken Geruch in dieses Gelaß. Selbst das Trappeln der Arbeiter vernahm man, wenn sie das Malz wendeten. Ein langer Tisch nahm den größten Theil des Raumes für sich; ein Oellämpchen gab dürftiges Licht. Darum saßen auf weißen, steiflehnigen Stühlen die Mägde des Brauhauses, spannen an ihrer Aussteuer und raunten dazu.> Obenan gebot die Susanne, die Aelteste; sprach sie. dann horchten alle die frischen, meist hübschen Geschöpfe. Keine aufmerksamer, keine mit angehaltenerem Athem, als die Gabi, und keine blickte ängstiger nach der Thür, wenn sie ging, fühlte sich befreiter, wenn nur ein Knecht oder eine Verspätete «tntrat, als die zukünftige Gebieterin Aller. Auch hatte sie mehr zu besorgen, als die Anderen ins- gesammt. Was denen als Aergstes bevorstand, das wäre ihr manchmal selbst als ein Glück erschienen. Hätte man sie nur fortgejagt I Aber ihr ahnten Strafen, die sie gar nicht auszudenken vermochte; gerade darum erbangte sie so davor. Und ein gut Gewissen hatte sie nicht, saß sie bei den Mägden und lauschte ihren Gesprächen. Es waren auch nicht die rechten Bilder, die hier von Rupert und Salome ent- worfen wurden; waren auch nicht danach angelegt, um Liebe zu erwecken. Aber jede Schwäche der Beiden lvard hier von scharfen Augen ins hellste Licht gesetzt, von spitzen Zungen ausgedeutet. Und wenn es Gabi manchmal scheinen wollte, als geschähe ihren Angehörigen denn doch zu viel, dann war immer ein solcher Strom von Mitleiden auf sie eingefluthet, war ihr Loos, jeder ihrer geheimen Schmerzen so als Beleg für die Berurtheilung der Pflege-Eltern herangezogen und ausgenützt worden, daß sie sich wohlig von so viel Theilnahme überzeugen und trösten ließ und schwieg. Sie ließ sich gerne bedauern, sich gerne preisen um das, was sie wirklich erduldete und in sich verschloß. lFortsetzung folgt.) sNachdruck verboten/ MakurnJilsensrhoiMicho AebevNrtzt. Von Curt Grottewitz. DaS Bild der Erdoberfläche erhält erst durch die Pflanzenwelt, die sie bedeckt, ihr eigenthümliches lebendiges Kolorit. Denn obwohl der geologische Aufbau, das Verhältnitz von Höhen und Tiefen und die Vertheilung von Wafler und Land die Grundlage abgeben, welche die EnNvicklung der Vegetation bedingt, so bildet doch diese erst daS belebende und ausschmückende Element in der starren, kahlen Bodenformation. Die Pflanzenivelt hat sich nun über die ganze Erde in sehr grotzer Mannigfaltigkeit verbreitet, aber man kann doch nicht sagen, datz sich etwa auf gleichem Boden auch die gleichen Pflanzen entwickelt hätten. Der wesentlichste Faktor bei der Vertheilung der Gewächse über die Erde war ohne Zweifel die Wärme. Denn in allen Zonen find die Pflanzen durchaus verschieden und in Ge- genden, in denen die nöthige Wärme nicht vorhanden ist. an den Polen und auf den höchsten Gebirgen, fehlen sie ganz. Aber die Wärme ist auch nicht der einzige Faktor in der geographischen Ver- theilung der Pflanzen. Denn sonst mühten diese für eine bestimmte Wärmezone alle gleichartig sein. Als zweiter Faktor tritt denn nun daS Wasser auf oder besser: der Gehalt des Bodens an Feuchtigkeit. Wir finden an feuchten Niederungen ganz andere Pflanzen als auf dürren Haiden, und auf heitzen Sandsteppcn, die jahrelang keinen Tropfen Regen bekommen, wächst überhaupt nichts. Die mineralische Zusammensetzung des Bodens scheint dagegen nicht den Einflutz zu besitzen, den man ihm noch vor verhältnitzmähig kurzer Zeit zuschrieb. Es giebt allerdings eine sogenannte Kalkflora, d. h. Pflanzen, die mlf kalkrcichem Boden stehen. Doch haben neuere Beobachtungen gelehrt, datz die meisten Gewächse sehr grotze Mengen Kalk vertragen können und datz sie nur deshalb nicht auf Kalkboden zu finden sind, weil ihnen hier die typischen Kalkpflanzen den Platz wegnehmen. Es ist ähnlich wie mit den Weiden in einem dichten Erlenbruch. Die meisten Weiden würden hier gedeihen, aber die dicht wachsenden Erlen unter- drücken die sehr lichtbedürftigen Weiden. So kommen allerdings noch eine Menge individueller Eigenschaften hinzu, die die letzte und definitive Vertheilung der Arten bedingen, aber doch ist es jedem. der auch nur ein paar Pflanzen in Töpfen gezogen hat, ohne weiteres Erfahrungssatz, datz dem Boden doch eine größere Bedeutung, ohne Zweifel die dritte Stelle nach der Wärme und dem Wasser zuzu« weisen ist. Aber es fragt sich nur, wie beeinflußt der Boden die Pflanzen? Der Streit um den sogenannten guten und schlechten Boden ist noch jetzt nicht entschieden. Früher glaubte nian einmal, in dem Humus, den verrotteten Bestandtheilen ehemaliger Pflanzen, das wirksame Agens des guten Bodens gefunden zu haben; jetzt schreibt man dem Humus in dieser Beziehung keine oder eine nur sehr geringe Bedeutung zu. Man kennt ja jetzt die Nährstoffe der Pflanzen genau und berücksichtigt auch, datz die Nahrung nicht nur im Boden vorhanden, sondern auch in einer verdaulichen Form vorhanden sein mutz. Die letztere Erkenntnitz ist besonders werthvoll, denn wie ein Rind nur vegetabilische Nahrung verdauen kann, obwohl es in der animalischen dieselben Nährstoffe finden würde, so vermag auch die Pflanze vermittelst der Wurzeln ihre Nahrung auch nur in be- stimmter wässeriger Lösung aufzunehmen. Weil aber darin die individuelle Verdanungssähigkeit jedcriPflanzenart wiederum in Be- tracht kommt, deshalb kann auch die Lösung der Frage, was als guter und schlechter Boden zu gelten habe, nur eine sehr unbestimmte sein. Die Frage ist besonders schwierig, wenn eS sich um die sehr anspruchsvoklen und zum grohen Theil aus anderen Gegenden stammenden Kulturgewächse handelt. Aber auch die wildwachsenden Pflanzen, die. soweit es die menschliche Kultur erlaubt, noch natürliche Vegetationsbilder darstellen, sind nicht so ohne weiteres nach gutem und schlechtem Boden zu rubriziren. P. Gräbner, der nach dem Altmeister Ascherson wohl der intimste Kenner der norddeutschen Pflanzenwelt ist, glaubt, wenigstens für diese eine grotze Scheidung der Gewächse danach vor- nehmen zu müssen, ob das Wasser eines Bodens einen bestimmten Prozentsatz von aufgelösten Mineralstoffcn enthält. In einem Artikel im Archiv der Brandenburgia„Heber die Bildung natürlicher Vegetationsformationen im norddeutschen Flachlande" theilt er die Pflanzenwelt der norddeutschen Tiefebene in 18 Vcgetations-Land- schaften ein. Davon entfallen 10 auf solche Böden,' in denen sich mindestens 2 Theile Mineralstoffe in 1 000 Theilen Wasser auflösen. Weniger als diese 2 Theile beträgt der Gehalt an Wasser- löslichen Mineralstoffen bei den 8 übrigen Vegetations-Landschaften. Zu diesen gehören vor allem die Sandsteppen, die Haiden, die Kiefernwälder und die Moore. Sie unterscheiden sich sonst hauptsächlich im Feuchtigkeitsgehalt. So ist sehr trockener. an wasserlöslichen Mineralftoffen arnrer Boden Sand- steppe, während derselbe Boden, wenn er reich bewässert ist, zum Heidemoor wird. Diese letzteren werden häufig verwechselt mit den Grünlandmooren, und beide werden im gewöhnlichen Leben als Sümpfe bezeichnet. Mein daS Grünlandmoor ist vom Haidemoor ganz verschieden. ES ist zwar ebenso nah, aber gerade antzcrordentlich reich an Mineralstoffcn. Die Pflanzen- Welt ist denn auch bei beiden Sümpfen eine durchaus verschiedene. Während beim Grünlandmoor sehr harte Riedgräser aus fettem Boden emporsprosscn, ist das Haidemoor meist mit niedrigen, dürren zum größten Theil haidekrantartigen Pflanzen. Torfbeeren, Porst, An- dromeda, Torfmoos dicht überzogen. Es zeigt sich hier mich, daß ein solcher nährstoffreicher Boden, wie es das Grünlandmoor in hohem Grade ist, zugleich ein sehr schlechter Boden sein kann. Denn auf ihm wächst nur sehr geringwcrthiges Futter, während andererseits ein arnrer Boden wie derjenige der Kiefernwälder, recht iverthvolle Erwäge liefern kann. Zu den rnincralstoffreichen Vcgetations- fornrationen gehören außer dem Gründlandmoor unter anderem die Buchenwälder, die Erlenbrücher, die Auenwälder die Wiesen. Die Buchenwälder kommen vor allem ans kalkig-Ichinigem Boden vor. Aber es sind auch hier wohl mehr die physikalischen Eigenschaften des Bodens, die die Buche hier so gut gedeihen lassen, als die chemischen. Die Buche liebt nahrungsrcichen Boden, und sie liebt zugleich eine gewisse Feuchtigkeit, ist dabei aber empfindlich gegen Kälte. DieS ist der wesentlichste Grund, warum ihr nährstoffreiche sandige Niederungen nicht zusagen. Auf Höhenlagen aber bewahrt der Lehmboden die Feuchtigkeit besser wie Sandboden, der der Buche zu trocken ist, und er ist doch zugleich nicht so kalt wie die Niedcnmg mit ihrem hohen Grundwasserstand und ihren starken Frösten. Daß die Buche nicht wesentlich an die chemischen Bestandtheile des Lehm- bodens gebunden ist, geht daraus hervor, daß in Niederungen liegender kalter Lehmboden für ihr Gedeihen ebenfalls nicht ersprießlich ist. Andererseits gedeiht die Buche in künstlich bewässerten sandigen Parkanlagen sehr gut. Und was von der Buche gilt, das trifft auch zu von ihren Bcgleitpflanzcn, dem Leberblümchen, der Anemone, dem Lungenkraut und anderen Gewächsen, welche der Formation des Buchenwaldes angehören. Man sieht jedenfalls, welche Menge von Bedingungen erfüllt sein müssen, damit in der Natur gerade die und die Vegetation und keine andere entsteht. Die Erlenbrücher, die Auenwälder, die Wicsenpflanzen haben neben der Vorliebe für nahrungsreichen Boden zugleich das gemein- schaftliche Bcdürfnitz nach reicher Bewässcrnng. Aber auch sie unter- scheiden sich trotzdem in ihren Existenzbedingungen nicht unerheblich. Vor allem sei hier erwähnt, datz Wiesen auf natürlichem Wege da entstehen, wo zeitweise Ilcberschwemmung und Eisgang stattfindet. Einzelne Bäume ertragen allenfalls Ilcberschwemmung, und das sind diejenigen(Birken, Eichen, Pappeln), die die Fonnatton der Auen- Wälder bilden. Eisgang dagegen, der die Rinde der Bäume be- schädigt und den jungen Nachwuchs vollständig umbricht und daher nicht aufkommen läßt, vernichtet Bauni und Strauch. Hier können nur Gräser, nur krautartige Pflanzen gedeihen, und eben diese bilden die Formatton der Wiese.' So wichtig eS ist, die Hauptfaktoren für die Vertheilung der Pflanzen festzustellen, so geht doch schon aus dieser kuzen Beschreibung einiger norddeutscher Vegetationsformationen hervor, datz immer eine Menge von Ursachen zusammenwirken müssen, um solche Pflanzen- landschaftcn entstehen zu lassen. Und was für»Norddeutschlaud gilt, das gilt für Europa, das gilt für die ganze Erde. Dabei kommt es indetz häufig vor, datz gerade Vcgetationssormationen, Ivelche in einem der Hauptfaktoren ganz verschieden sind, dennoch grotze Ucber- einstimmung zeigen. Eine norddeutsche Landsteppc hat mit einer mexikanischen oder afrikanischen Wüste mehr Aehnlichkeit als mit einem norddeutschen Buchenwald, obwohl sie mit ihm in einer Wärmezone liegt. Bei manchen anderen sich ent- sprechenden Vegetationsformationen ist dagegen der eine grotze Lebensfaktor, die Wänne, so ausschlaggebend, datz er fast allein in Betracht kommt. Um menschliche Ansiedelungen entsteht eine Vegetatton, welche wesentlich auf die Bodenlockerung und Anhäufung von Dungstoffen angewiesen ist. Bei uns wachsen an solchen Stellen Brcmmesseln, Quecken, Disteln. Aber auf genau denselben Stätten südlicher Zonen vermögen diese Unkräuter nicht zu gedeihen und zwar einzig aus dem Grunde, weil dort eine gröhere Wörme herrscht. Die Pflanzen aber, die in der Nähe menschlicher Wohnungen im Süden wachsen, find durchaus andere. Dort treten gar Palmen als Schuttpflanzen auf. Wie Ernst H. L. Krause in seinen Floristischen Notizen bemerkt, die er im„Botanischen Zentralblntt" veröffentlicht, wächst in Westindien die Kokospalme und im Norden von Kreta die Dattelpalme an verlaffenen menschlichen Wohnstätten, und die am weitesten nach Norden vordringende Zwergpalme, die Cdamavroxs humilis, wächst in Italien wild an Mauern. ES giebt aber auch Pflanzen, die einer Menge von Formationen angehören. Eine solche Pflanze ist bei uns die Birke. Auch die Zwergpalme Italiens ist nur mitunter Schuttpflnnze. Häufig kommt fie auch als Unterholz neben anderen Straucheln im Walde vor. Recht eigentlich ist ihr Standplatz aber auf Heiden. E. Krause weist darauf hin, dafi sie dieselbe Rolle wie unser Wachholder spiele. Und dieser bildet ja ein sehr charakteristisches Unterholz in lichten Kiefer- Wäldern und ragt in verknippeltcn Zwergexcmplaren auf öden Haiden oft nur wenig über den Boden empor. Es ist jedenfalls sehr merkwürdig, das; Pflanzen, die cutwickelungsgeschichtlich ein- ander ganz fern stehen, landschaftlich einander vertreten können und also in ihren Lebensgeivohnheiten sehr viele Berührungspunkte haben. Man muff aber eben bedenken, das; die verschiedenen Existenz- saktoren nach sehr verschiedenen Richtungen ivirken. Die Wärme verthcilt die Pflanzen in der Richtung von Norden nach Süden, die Luftfeuchtigkeit entsprechend der Hauptausdchnnng der Kon- tinente nach Westen und Osten. Das Wasser scheidet die Pflanzen der Niederungen von denen der Höhen, der Boden- gehakt, das Licht vertheilt sie wiederum anders. Die verschiedenen Richtungen der Bertheilung kreuzen sich aber an sehr vielen Punkten, und so tverden Pflanzen einander nahe gebracht, die sich nur in einigen Beziehungen gleichen und in den übrigen sehr ver- schieden sind. Die Möglichkeit, an einem bestimmten Orte zu wachsen, liegt für die Pflanze in ihrer Anpassungsfähigkeit begründet. Auf diese, n Gebiete hat die Forschung seit Dariviu's Zeit gcivaltige Fortschritte gemacht. Aber es ist doch seltsam, dost,>vic der ausgezeichnete Phystolog Schimpcr in seiner kürzlich erschienenen„Pflanzen- geographie" koustatirt, Schutzmittel der Pflanzen gegen Kälte noch gänzlich unbekannt sind. Wie deutlich sind die BcrtheidignngSmittel der Pflanzen gegenüber dem Licht, der Trockenheit, gegen die An- griffe von Thiercn. Aber Ivorin der Schutz der Pflanzen gegen Kälte besteht, das läßt sich bei dem heutigen Stande der lvissen- schaftlichcu Hilfsmittel noch gar nicht erkennen. Wie sorgfältig sind die Thiere durch Pelze, Federn, Hufe, Fettschichten gegen die Kälte geschützt. Bei den Pflanzen ist nichts derartiges»vahrzn- nehmen. Vorhanden sein aber mnsz der Schutz irgendwie. Viele Pflanzen können freilich keinen Grad Kälte ertragen, manche sterben sogar schon, wenn die Tcniperawr noch nicht ganz auf den Nullpunkt gesunken ist. Sic können also gar kein Mittel gegen die Kälte de- sitzen. Andere dagegen vertragen sehr tiefe Tcnipexaturen. Aber niemand kann einer Pflanze ansehen, ob sie vom Frost zerstört»ver- den wird oder nicht. Im Ganzen ist starke Kälte ein IcbcnSfcindliches Element für die Pflanze. Nach den Polen zu und auf die Höhen der Gebirge hinauf nimmt die Zahl der Pflanzenartcn stetig ab. Es ist vielleicht nicht uninteressant, einige Zahlen z» erfahren, die Wilh. Schibler im Jahrbuch des Schivcizcr Alpenklnbs über die Schneeflora der Land- schaft Davos angiebt. Davos in Graubüudcn bildet einen Hoch- gcbirgskomplex, der für das Aufkommen einer Kälte vertragenden Pflanzemvelt besonders geeignet ist und darum auch als Typus für den ganzen Kanton betrachtet werden kann. Während in den Höhen von 2600— 2925 Meter Davos 301 uivale Pflanzen beherbergt, und der ganze Kanton 479 aufiveist, stimmen die Zahlen in den höheren Lage» für beide Gebiete ziemlich mit einander übcrein. Auf Bergen von 2925—3087 Meter kommen in Davos 58 Blüthenpflnnzcn, auf Höhen von 3087— 3250 Meter 32 Pflanzen und von 3250—3412 Meter sogar noch 14 Pflanzen vor. Darüber hinaus gedeihen auf der Spitze eines 3414 Meter hohen Berges nur noch 5 Pflanzen. Eine sehr seltsame Erscheinung ist es, das; von den Pflanzen der Hochalpeuflora viele mit denen nordischer Länder identisch sind. So sind auf dem Körbshor» in DavoS von 96 nivalen Gcivächfcn 55 nordische. Aber das Vorkommen dieser nordischen Pflanzen auf den Alpen ist ein wichtiges Zeugnih für die Eiszeit. Während dieser Periode verbreiteten sich jene mit dem nach Süden rückenden Eise ebenfalls nach dieser Richtung, und als das Eis schmolz und es nach und nach wieder wärmer in Mitteleuropa wurde, zogen sich die nordischen Pflanzen thcils wiederum nach Norden zurück, zum Theil aber wanderten sie, der Wärme weichend, immer höher auf die Berge hinauf, wo dieselbe Kälte herrscht»vie im hohen Norden. In Amerika, das seiner Länge nach von dem hohen Gebirgszuge der Kordilleren durchschnitten wird, sollten es demnach die nordischen Pflanzen leicht haben, auf dieser Gebirgskette bis nach Süd-Amerika zu wandern. Thatsächlich gelten auch die Kordilleren als eure wichtige Verbrcitungsstrahe für die Pflanzen. Einen neuen Beleg für diese Ansicht ist die Auffindung der Alpen- Arnika durch F. W. Neger in den chilenischen Anden. Diese Pflanze war bisher nur auf der nördlichen Halb- kugel bekannt, als ihr südlichster Vcrbreitungspunkt galt bisher die Sierra Nevada in Kalifornien. Von da bis nach Chile kann sie nur ganz allmälig gelangt sein. Es ist also anzunehmen, das; sie noch an verschiedenen Stellen der großen Gebirgsstraße von Kalifornien bis Chile gefunden wird. So sind auch die Gebirge eine wichtige Straße, meist aber eine sehr scharfe Grenze für die Verbreitung. Der Umstand, daß Mitteleuropa im Süden durch eine hohe Gebirgswand in seiner ganzen Breite ab- gesperrt wird, kostete uns zur Eiszeit eine Anzahl unserer schönsten Pflanzen, besonders der vielen stattlichen Bäume, die Nordamerika und Ostasicn vor uns voraus haben. In beiden Gebieten konnten die Pflanzen vor dem Eise sich nach dem Süden flüchten. In Europa fanden sie in den Pyrenäen, Alpen, Karpathen u. s. w. eine unüber- steiglichc Wand und mußten zu Grunde gehen. So ist die Richtung der Gebirge ein neuer recht bedeutsamer Faktor in der Vertheilung der Pflanzen über die Erde.— Kleines Feuillekon« ss. Wie diele Fische die Nordsee liefert, hat Dr. Ehren- bäum in den Mittheilungen des deutschen Seefischerei- Vereins zu berechnen versucht. Danach beträgt der Werth der Fische, die jährlich ans der Nordsee gefangen werden, rund 164 Millionen Mark. Eine richtigere Vorstellung als diese einzelne Zahl gelvährt die An- gäbe, daß der Ertrag der Nordsee-Fischerei jährlich 150 und höchstens 180 Millionen Marl ausmacht. Die einzelnen Staaten, deren Küsten an die Nordsee grenzen, sind an diesem Ertrage in sehr verschiedenem Grade betheiligt. England zieht jährlich ein Kapital von fast 35 Millionen Mark aus den Gelvässern der Nordsee, Schottland etlva 23'/» Millionen, so daß sich der Antheil Großbritanniens an der Nordsee- Fischerei auf beinahe drei Viertel des Gesammtcrtrages beziffert. An dritter Stelle steht Holland mit einem Fischerei- ertrage von 19 Millionen, dann folgt Frankreich mit einem solchen von i2>/2 Millionen Mark. Erst an fünfter Stell« steht Deutschland, das sür etwa 10 Millionen Mark Fische jährlich aus der Nordsee gelvinnt. Rorivegen erzielt einen Ertrag von 3.8, Belgien einen solchen von 3,6 und Dänemark von 1,6 Millionen Mark. Wieviel die Fische wiegen, die jährlich in der Nordsee gefangen»Verden, läßt sich nur annähernd ermitteln, weil nur in Großbritannici» darüber eine Statistik geführt»vird. Legt mai» das dort festgestellte Ver- hältniß zivischcn Werth und Geivicht zu Grunde, so»vürde man die Menge von 17>/2 Millionen Zentnern erhalten. Nun kann man noch weiter gehen und diese Fischmcngcn mit dem Flächen- inhalt der Nordsee vergleichen, der einschließlich des Skagerak und bis zum 62. Grad nördlicher Breite gerechnet 572 160 Quadratkilometer beträgt. Daraus»vürde sich ein jahrlicher Ertragswerth von 286,7 M. sür das Quadratkilometer oder 2,87 M. für das Hektar ergeben. Dem- entsprechend dürfte jedes Hektar der Nordseefläche jährlich etwa SO1/« Pfund Fische liefern. Die Berechnungen, die früher Professor Hcnse» in Kiel sür die Ostsee bei Eckernförde und bei Hela aufgestellt hat, stehen mit den obigen Angaben in Einklang. Bei Eckernförde liefert die Ostsee jährlich ebenfalls etlva 31'/z Pfund Fische pro Hektar, während bei Hela der Ertrag auf etlva das Doppelte ange- (leben»vird. Auch das Ergcbuiß der Fischerei im Knrischen Haff timmt mit dem in der Nordsee beinahe übereil», indem jenes Haff einen Ertrag von etlva 3'/« Mark pro Hektar ablvirft. Die Fischerei im Frischen Haff ist»vescntlich gelvinnbringender und ergiebt einen Nutzen von 7'/» Mark pro Hektar. Wenn man die Nordsee und die Ostsee mit ihren Haffen zusamnieimimmt, so»vürde das Ergebniß ihrer Befischung durch die Srunme von 3 bis 7 Marl pro Hektar ciuigcrnlaßcn zutreffend angegeben sein.— Theater. Im Bellealliance-Theater gab's am Sonntag eine Art von Kehraus. Man führte ein neues Drama„Die Gräfin von Schwerin" von Ernst W i ch e r t anf, u>»d damit erlebte daö Bellealliance-Theater seine letzte, ernstere Premiere. Bald wird es umgeivandelt sein ui»d als Tingeltangel vor dem Halle'schen Thor neu erstehen. Wichert's gutgemeintes Schauspiel bclvegt sich auf alten Pfaden. Romanhafte Vorst'ellllngen, Roinanfiguren sollen belvegte geschichtliche Vorgänge erklären. Wenn man dabei an die rauhe Welt der Wirk- lichkeit denkt, so streifen dabei derlei roinailhafte Erläuterungsversuche nicht selten an die Grenze des Komischen. In seiner Masse empfindet das theatergläubige Publikum nicht so kritisch,»vaS ist ihm auch die Politik mis der Staufenzeit? Es hält sich an die Liebesgeschichten: und so gefiel ihm auch das Drama vom Seelen- leid der verliebten Schlve'riner Gräfin. Die junge Dame ist von hitzigem Geblüt. Deirn sie ist Slavin von Abstammung;»md die Slavinuen im dciltschen Roman sind nun einmal Wildkatzen. Sie hat dem alterilden Grafen v. Schlverin ihre Hand gereicht, tviclvohl sie im Herzen eigentlich dem jungen Waldemar, dem Sieger, König von Dänemark und Herrn der Slaven, zugethan»var. Daraus entspinnt sich in der Folge Unheil und kirchlich- staatliche Wer- »vickelung. Der Graf von Schlverin steht eigentlich im Mittelpunkt der Handlung. Er führt den Doppelkampf wider den König Waldemar, den Wortbrüchigen. Er hat seine Ehre und die seines jungen Weibes zu»vahreii, die er freilich in der Weise unklug alternder Ehemänner zu arger Gelvisscnsbcdrängniß zwingt. So treibt er die Frau dem königlichen Blihlcn förmlich in die Arme. Für's Zweite kämpft der Graf zugleich um sei»» Lehen»md für daS Deutsche Reich. Daraus ergeben sich die Gruppen, die gegeneinande» stoßen, von selber. Der Graf Schlverin fühlt sich als Lehensmaim des weitschauende», freigeistigen zweiten Friedrich, des bedeutendsten Staufenfiirsten. Ihm zur Seite steht der kluge Staatsmann und Deutschmeister Hermanii von Salza und ihm dient, was treu und edel ist, darunter auch ein mamelukisch ergebener Sarazene Hussein. Es gilt, Ostalbingien. die nördlichen Gestade Deutschlands, dem Reich einzuverleiben. Die ostalbingischen Slaven find caum erst dem Christenthum gewonnen worden und zwar durch den dänischen Ueberwinder Waldemar. Ihm stehen Papstthun, und Kirche zur Seite. Ihm Hilst auch bei der Gräfin von Schwerin der merk- würdige Mönch Placentius, ein Mann, der den schleichenden Jesuitismus vorausahnt, wenigstens in Wicherfs Auffassung. So nimmt der Roman dann seinen Verlauf. Die Gerechten find die endlichen Neberwinder. Ueber die Schauspielerei sei weiter nichts gesagt. Die Herrschasten gehen ohnedies in kurzem auseinander.' Sie mußten viel und rechtschaffen— und vergeblich arbeiten. Herr Dröscher. der unS als Direktor so manchmal literarisch kam, hat sich gleichfalls umsonst bemüht. Das Varists-Vergnügen ist für die Theater, die sich auf das weniger bemittelte Publikum stützen, zur übermächtigen Konkurrenz geworden. Als ich am Sonn- tag ins Belle-Alliance- Theater trat, machte ich mir inancherlei Gedanken darüber. Es werden gewiß neue Theaterunter,, ehmcr auftauchen. Sie müßten mit alten Mißbränchcn aufräumen: sonst ist das rapide Fortschreiten des Tingeltangels unaufhaltbar. Auch das billige Theater muß wohnlich werden. Man hat z. B. das Billet sich frühzeitig an der Abendkasie gekaust, um eventuell sich einen günstigeren Platz zu sichern. Trotz dem Billet kann man nicht in den Zuschauerraum gelangen. Der Saal ist nicht beleuchtet. Man spart und zwingt den Besucher nach dem Restanrationsranm. Natürlich, der Pächter zahlt einen unverhältnißmäßig hohen Pachtfchillmg. Das kleine GlaS Berliner Bockbier zu dreizehntel Litern kostet 3V Pf., ei» einfaches Eierbrötchcn 40. Dazu die Garderobe,— auch ihr Nutzwerth ist theuer verpachtet— mit 25 Pf. für den Mann, der Theaterzettel: das sind Nebensteuern, die geradezu überschwer belasten. Und wie sieht eS in all den Räumen aus? Die bunten Tischtücher, mit denen man allerlei Flecken nicht so deutlich sehen soll, die trist bemalten Wände I Im besseren Tingeltangel fühlt man sich wirklich ungleich behaglicher und mir scheint, nian unterschätzt den Einfluß dieser Aeußerlichkeiten und mancherlei Belästigung durch die hohen Neben- steuern.——ff. Erziehung und Unterricht. glc. Hörübungen bei Taubstummen. Obwohl man schon lange theoretisch überzeugt ist, daß es möglich ist, die Hör- sähigkeit von Taubstummen durch methodische Uebungen zu steigern, so sind doch gerade die Gehörsorgane bei der Ausbildung der Taub- stummen bis in die letzte Zeit hinein vernachlässigt worden. Systematisch in Angriff genommen hat neuerdings indessen der Wiener Professor Urbantschitsch die Frage, und über die Ergebnisse seiner zahlreichen Erfahrungen giebt er in dem März-Heft der .Deutschen Revue" einen ausführlichen Bericht. Im Jahre 1888 gelang es ihm, an einein taubstummen Knaben, der einzelne ins Ohr laut gerufene Vokale nicht zu verstehen vennochte, durch kon- sequent fortgesetzte methodische Hörübungen binnen einigen Monaten -ine sehr bedeutende Besserung des Gehörs zu erzielen. Nuimlehr stellte er an anderen Taubstummen weitere Versuche an und trat auch mit dem Leiter einer Taubstummenschule in Verbindung. Die an 60 Zöglingen angestellten llebungen ergaben so bedeutende Resultate, daß die Uebungen in mehreren Taubstuinmenanstalten inner- halb und außerhalb Oesterreichs Aufnahme fanden. Zu berücksichtige» find natürlich die verschiedenen Grade der Schwerhörigkeit. Bei den Kindern, bei denen sich beim Hincinrufen der Vokale ins Ohr noch eine Spur von Gehör zeigt, geht die Bemühung zunächst dahin, daß durch wiederholte Uebungen die einzelnen Vokale von einander unterschieden und in ihrer Eigenart erkannt werden. Mit a und o wird der Anfang gemacht: dann folgen Uebungen mit den übrigen Vokalen und darauf auch mit Konsonanten. Durch Verbindung einzelner Vokale mit verschiedenen Konsonanten zu einfachen Wörtern, wie Papa, Mama, Nase, Auge, wird die Uebuug an- regender gemacht. Jede Uebermüdung muß dabei vermieden werden, die Uebungen werden nur ganz kurze Zeiten gemacht und über den ganzen' Tag mit längeren Pausen vertheilt. Später lassen sich auch kurze Sätze auf diese Weise einüben. Unrichtig ge- hörte Worte werden so lange wiederholt, bis sie deutlich voneinander unterschieden werden. Die Stärke der Stimme, die der Vorsagende in Anwendung bringt, ist gena« zu ermitteln, bei zunehmender Hör- fähigkcit die Entfernung des Sprechenden vom Ohr allmälig zu vergrößern. Natürlich ist eine möglichst große Deutlichkeit der Aussprache anzunehmen. Diese Hörübungen wirken einerseits durch die Anbahnung einer leichter stattfindenden Gehörsanregung, anderer- seits aber auch durch die allmälige Sonderung der verschiedenen Schalleindrücke, vor allem durch eine zunehmende Verfeinerung des Hörens, durch die ansteigende Fähigkeit, die einzelnen Wörter, Silben, und Buchstaben deutlicher von einander zu unterscheiden. Ein Rest des Hörvermögens, sei eS auch nur eine Hörspur, muß uatürlich noch vorhanden sein: vollständige, auf alle Töne sich erstreckende Gehörlosigkeit auf beiden Ohren ist indessen selten, Urbantschitsch hat sie unter 100 Fällen nur in drei Fällen nachgewiesen. Von vornherein darf also kein Taubstummer Verantwortlicher Redakteur: August Jacobry in Bei als nicht geeignet für die Hörnbungen angesehen werden. sondern erst nach vergeblich vorgenommenen Versuchen. Jedes Wort, das eingeübt werden soll, ist vorher in seiner Bedeutung zu erklären, damit der Taubstumme mit einem bestimmten Höreiiidrnck gleichzeisig die damit zu verbindende Begriffsbildung erlernt. Gerade darauf, daß man streng auf dieses Verstehen der Worte achtet, beruhen zum Thcil die großen Erfolge der Hörübungen, während man früher diese Seite stark vernachlässigt hat. Die Ergebnisse der Hebungen sind in den Fällen von ursprünglicher Sprachtaubheit oder hochgradiger Schwerhörigkeit sehr ungleich. In de» ungünstigsten Fällen mutz man sich damit begnügen, daß die Taubstummen die verschiedenen Schallquellen des gewöhnlichen Verkehrs zu hören und zu unterscheiden vermögen: bei Anderen läßt sich eine Unterscheidung der Vokale, also das sogenannte Vokalgehör erzielen. Häufig erreicht man indessen auch ein Wort- und Satzgehör, wobei von Einigen nur das direkt ins Ohr Gesprochene verstanden wird, während Andere nicht selten aus einer größeren Entfernung deutlich verstehen.— Medizinisches. — Fremdkörper in der Lunge. Ans Wien berichtet das»Wiener Tageblatt": Universitätsdozent Dr. Emil Fronz, Assistent an der Kinderklinik des Professors Dr. Freiherr» v. Widerhofer im St. Amien-Kindcrspital, tritt soeben mit einer lehrreichen Studie über»Diagnostik der Fremdkörper in den Luftwegen" hervor. Er schildert die Symptome des wahrschein» lichen Vorhandenseins eines Frenidkörpers und verzeichnet die Thatsache einer auf ungewöhnliche Weise erfolgten Feststellung eines Fremdkörpers bei einem dreijährigen Kinde, das wiederholt an Lungenentzündung gelitten habe. Es wurde konstatirt, daß das Kind bereits vor anderthalb Jahren eine eiserne Schraube gc- schluckt haben müsse, ohne damals ErslickungSanfällc gehabt zu haben. Dr. Fronz fand in der That bei der Operation in der Lunge die Schraube, die er erst durch Einführe» einer gekrümmten Zange extrahiren konnte. Dieser Fall bestätigt die von Widerhofer gemachte Beobachtung, wonach häufig an derselben Stelle wieder- kehrende Lungenentzündung den Verdacht auf das Vorhaudcnsciu eines Frenidkörpers hervorrufe. Da Kinder mit Vorliebe Gegen- stände in den Mund nehmen und schlucken, so erwächst hieraus für die Aufsichtspersonen die Pflicht, alle verdächtige» Erscheinungen genau zu beobachten.— Humoristisches. — Der Nörgler. Fremder sin den Gasthof tretend): Ein Zimmer, Kellner, und das Beschwerdebuch! Kellner: Worüber wollen Sie sich denn beschweren, mein Herr? Fremder(ungeduldig): Bringen Sie nur das Buch, eS wird sich schon ettvas finden!— — Bazillenfurcht.»Mit meiner Fran ist'S im Sommer nicht ausznhasten. Aus Furcht vor den Bazillen läßt sie sogar das Gefrorene sieden, ehe sie's ißt l"— — Bedenkliche Firma. Gebrüder Meyer, Lumpen en gros.(»Lust. Bb") Notizen. — In der„Neuen Freien Volksbühne" gelangen am nächsten Sonntag im O st e n d- T h e a t e r»Ohne Liebe", ein Lustspiel in zwei Aufzügen von Marie v. Ebner-Eschenbach, und eine Novität,»Frl. Pfannen st iel", Tragikomödie m zwei Akten von Max Gebhardt, zur Aufführung.— — Frl. Thilo P l a i ch i n g e r, eine junge dramatische Sängerin vom Stadttheater zu Straß bürg i. E., ist ftir das Berliner Opernhaus verpflichtet worden.— — In der diesjährigen Großen Berliner Kunst-AuS- st e l l u n g sollen„billige Sonntage" eingeführt werden; an jedem ersten und letzten Sonittag im Monat soll der Eintritts- preis 25 Pf. betragen.— — Von der Wiener Kunstzeiffchrift»Vor saerum" ist endlich das erste Heft des zweiten Jahrganges bei E. A, See» mann, Leipzig, erschienen. Von einem Inhalt ist kaum zu reden. Geht das so weiter, dann ist eine Erwähimng des Blattes nicht mehr zu rechtfertigen.— ar. Für den Großen Staaspreis und dieMichael B e e r- P r e i s e ist die EinlieferungSfrist auf etwa vier Wochen, auf den 13. April, verlängert worden. Die Zuerkennnng der Preise wird dementsprechend erst in der zweiten Hälfte des April er» folgen.— ar. Die Yale University, welche das höhere Schulwesen in den Vereinigten Staaten leitet, hat beschlossen, Sudermann's Roman»Frau Sorge" als das hervorragendste Erzeugniß der letzten deutschen Literaturperiode für denSchulgebraüch einzurichten. Der Professor ok German, Mr. Gruener, ist beauftragt, den Roman als Schulausgabe mit Kommentar und Einleitirng zu versehen. Man hat die Absicht. nicht mehr, wie bisher, blos die deutschen Klassiker, fanden: auch die besten Modernen den Schülern aus diese Weise zugänglich zu machen.— an. Druck und Verlag von ivtax Badjug in Berlin.