Hnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 48. Mitttvoch, den 8. März. 1899 (Nachdruck verboten.) 6] Das Vluk. Roman von I. I. David. Aber noch einen anderen Stoff hatten die Mädchen, waren sie so unbelauscht und für sich. Es ist ein elendes Loos, das einer Bauernmagd gefallen ist; sie sieht genießen und soll entbehren. So stand ihnen Allen denn eine Fackel im Dunkel ihrer Tage: die Hoffnung, geheirathet zu werden, einmal am eigenen Herde, und mochte er noch so ärmlich sein, zu gebieten; ein Mittel wußten sie, das ihnen die Gegenwart erträglich machen konnte. Eine jede hatte ihren Burschen, von dem sie hoffte, er werde sie einmal heimführen, und der ihr zuweilen die Genüsse zugänglich machte, nach denen sie verlangte. Davon erzählten sie nun, von den Lustbarkeiten des Tanzbodens, von den Herrlichkeiten eines Jahrmarktes in der Kreisstadt, die Gabi noch nicht einmal betreten, so nahe sie wohnten. Die kleinen Geschenke, die sie' erhalten, wiesen sie einander vor: das Band, den dünnen Silberreif, dem meist ein„Vergißmeinnicht" in Wort und Bild er- höhte Bedeutung lieh. Und nicht ohne eifersüchtigen Neid vernahm Gabriele davon, die sich über Alles nach Musik, nach dem tollen Wirbel eines dörflichen Tanzes sehnte, nun sie der Winter stille zu sitzen zivang. ihr selbst die Freude nahm, die sie Sommers vom Himmelteichc laufend empfunden. Meinten sie aber völlig unbelauscht zu sein, dann wurden sie offener. Dann erörterten sie rückhaltlos die Gründe, warum gerade wieder eine ihrer Genossinnen so plötzlich den Dienst verlassen gemüßt. Denn es war sonderbar— aber nirgends vergingen sich die Mägde so oft, wie in dieseni Hause der unbarmherzigen Strenge. Gabi wußte kaum mehr, wie viele Male sie in den wenigen Jahren ihres Hierseins das finstere:„Das fällt wie das liebe x?ieh. Das vergißt um nichts Ehre und Seligkeit" ihrer Tante gehört, wenn wieder einmal eine ängstlich ins Zimmer gekommen war, um es mit rothgeweinten Augen zu verlassen. Hier aber lernte sie Sinn und Deutung dieser Worte begreifen, der ohnedies vieles fremd und nachdenk- lich erschien, woran ein Bauernkind von erster Jugend ab gewöhnt ist. Es geschah aber auch wieder, daß selbst das Surren der Spinnräder verstummte, daß alle achtsamst dasaßen. Dann hatte die Susanne das Wort. Die allein hatte mehr erlebt und niehr erfahren, als ein ganzer Haufen. Sie war hübsch gewesen.„Guckt nur, Affen, ich war's. Es wissen mehr davon." Und sie hatte Verehrer gehabt— mehr als die Anwesenden zusammen. Sie mußte zu fingern anfangen, wollte sie die Zahl zusammenbringen, und langte nicht mit einer Hand dabei. Und sie geizte keineswegs mit ihren Erfahrnngen; das that sie auch mit Dingen nicht, die eine ihres Standes schwerer erschwingen kann. Sic erhob auch kein Lamento, war sie wieder einmal am Schlüsse einer ihrer Liebesgeschichten; es war nur eben nichts daraus geworden, sie hatte eben wieder kein Glück gehabt. Und doch wieder Glück. Dann lächelte sie eigen, und alle, bis auf Gabi, verstanden sie. Höchstens daß ein Mädchen die Schürze vors Gesicht schlug und ein bitterliches Schluchzen begann. Das störte die Redende weiter nicht; sie spann ihren Faden zu Ende nud meinte, sie könne mit ihrem Geschicke wohl zufrieden sein. Oder hatte sie ihre Jugend nicht genossen? Flog nicht jetzt noch beim Erinnern an verhohlenes Glück ein ferner Abglanz besserer Tage über ihr verwittertes Gesicht? Um welchen Preis sie es erkauft— wen ging es was an? Dann hatte sich in der Regel auch die Betrübte be- ruhigt, und nun erst fand sie ein gutes Wort für sie. „Wer sich ausweinen will, bei dem Hilst kein Zureden; er hört's nicht einmal so recht. Ist mir auch nicht anders gegangen." Und schon als ihrer Trösterin hingen sie ihr an; hätte sie auch nicht vor ihnen gesessen, ein Sinnbild dessen, wie es einmal mit ihnen werden mochte, hätte sie auch nicht das Alles schon durchgelebt und verwunden gehabt, was sie noch erdulden zu müssen fürchteten. Verfing aber einmal gar nichts, wollte sich eine gar nicht faffen im Leide, dann pflegte sie der Gabi einen Wink zu geben. Stellte sich die in Positur, dann wirkte zumeist die Neugierde. Das Schluchzen schwieg, die Schürze sank nieder; Aller Blicke weilten auf der zierlichen Gestalt des Mädchens, das den Kopf zur Seite neigte und nun Verse deklamirte, die es kaum und heimlich aus den Büchern gelernt, die ihm Herr Glogar im Verborgenen zugesteckt. Denn er war nicht für einseitige Verstandesbildung;„Lektüre er- zieht" war einer seiner Grundsätze. Ob Gabi das Ge- lesene auch verstand? Darum sich zu kümmern, hatte er die Zeit nicht; ihm genügte, konnte sie ihm in einer ver- hohlenen Minute Gedichte, die er ihr geliehen, wieder her- sagen. So erklangen denn, verwunderlich genug, die pathetischen Verse Schillcr's in dieser mährischen Spinnstube und fanden Gehör. Oder ein kleines, doch wohllautendes Stimmchen sang gedämpft und um so mehr mit Empfindung Volkslieder. Woher die Gabi zuflogen, das hätte Nie- mand sagen können; aber jeder Ton, jedes gereimte Wort hafteten bei ihr, daß es ordentlich ein Staunen war. Danach rühmten Alle ihre Kunst; in vollem Zuge schlürfte sie das Lob, fühlte sich bewundert, die Erste, bis sie wie trunken ward davon. Und nun, mit jähem Sprunge ans wehmüthigen und klagenden Lauten zum tollsten Uebermuth, begann sie, das meistbelobte ihrer Stückchen zum Besten zu geben. Sie äffte Herrn Glogar nach in Worten und Bewegungen und machte das wahrhaftig wunderwürdig gut. Nicht ohne geheime Gewissensbisse, nicht ohne sich jedesmal nachträglich die schwersten Vorwürfe zu machen. Denn sie wußte, daß sie der Lehrer gern hatte, und pflegte das sonst zu erwidern; sie kannte die Macht einer Thräne, die stumm in ihrem Auge glänzte, über ihn. Aber sie konnte sich nicht helfen: der Mann war ihr un- endlich drollig, und sie vermochte, wo sie es durfte, einer Laune desto minder zu widerstehen, je beklemmter und gehaltener sie sich sonst fühlte. Und das rufende Mahnen in sich beschwichtigte sie mit dem Vorsatze, ihre Aufgaben so besser zu machen, vielleicht gar eines seiner Lieblingsgedichte mit allerschönster Betonung ihm vorzusagen. Das machte ihn ja immer vollends glücklich. War aber auch das vorüber, die Zeit zum Schlafengehen gekommen, die Lampe verlöscht, das letzte Flüsterlvort ge- tauscht, dann huschte sie wiederum ihrer verstohlenen Wege heimwärts. Hinter ihr klang manchmal ein kleines Kreischen; sie wendete sich nicht, sie kannte das: die Brauers- knechte verstellten den Mädchen den Weg und trieben ihre Späße mit ihnen. Sie aber eilte in ihr Bett; Schlaf fand sie freilich keinen. Denn nun begannen die Dinge, die sie kaum vernommen, erst ihr wirres Spiel in ihr. Noch sann sie wenig darüber nach, aber Ahnungen kamen ihr doch schon und bewegten insgeheim ihre Seele. Sie aber liebte das; diese ruhelosen Nächte, in denen ihr jeder Laut bekannt war. Sie sah in die Nacht; da glitzerte der Rauhreif auf den Bäumen; da gurgelte, ihrem überfeinen Ohr vernehmlich, der.Bach unter seiner Eisdecke; da klangen gewohnte Schritte; sie unter- schied jeden danach, und jeder war ihr im guten oder bösen Simie wichtig; da bläffte der Hofhund sein kurzes, böses Bellen, das sie so haßte. Und dennoch fteute sie sich wieder darauf; sie erschrak gerne, sie liebte es, wenn ihr Herzschlag jählings stockte, um dann doppelt stürmisch wieder ein- zusetzen. So schuf sie sich selber Schrecknisse, um sich ängstigen zu können davor, um ein lüsternes Grausen. Die ganze Natur lebte ihr, aber sie lebte nicht in der Natur, die der Seele Gabi's fremd und feindselig gegenüberstand. Oder sie wog die Neigung der Pflege-Eltern ab— das Einzige, womit sie jemals rechnen lernte. Rupert sah sie doch wohl nicht ungerne; er hatte ihr selbst eine Freude gemacht einmal. Er war hcimgcritten gekommen, und wie sie vor der Thüre stand, da hob er sie vor sich aufs Pferd und um- trabte den Hof. Ihre Wangen hatten geglüht, Alles jauchzte in ihr; aber sie hatte diese Lust hart mit Fasten, mit dem Auswendiglernen von Bibelversen büßen müssen. Das ward ihr von Salome gethan, und sie konnte es nicht verbinden noch vergessen. Gegen die Wohl- thaten, die ihr allstündlich vorgezählt wurden, empörte sich ihr junger Stolz, und sie sann ob Plänen, wie das wettzumachen sei. Sie fand nicht einen, und so. in Betrachtung und TräuiNfiN vergingen ihr die Winternächte. Bis es graute, dann nuchtc sie hinaus, wann noch die frostigen Sterne am Himmel standen. in die Ställe, die Mellerinnen überwachen. Sie that es; aber sie war eine Andere am Tage als bei der Nacht. Mürrisch und schweigsam trieb sie ihr Wesen; die geheimen Vertraulich- ketten, welche sich die Mägde ihr gegenüber erlaubten, brachten sie in Harnisch, und sie wußte sich doch nicht zu schützen davor. Ihre tiefen Augen sahen verträumt in die Welt; das Ge- heimniß, das in ihnen schlief, zu lösen, versuchte niemand. Aber ihr Thun war ihr leidig; verhaßt die dumpfe und stickige Luft der Ställe, verhaßt das Lernen, dessen Zweck sie nicht begriff; ihr ganzes Sehnen eine unbelauschte Stunde, die sie, von wüsten Träumen genarrt, verschlummern konnte— die sinkende Nacht. Denn mit dem Wechsel von Licht und Dunkel waren ihr Lust und Leid verknüpft. Strenge geschieden waren sie, und so sehr das eine gebunden an die Sonne, das andere an ihr Erlöschen, daß sie kaum mehr wußte von Freuden, die ein freieres Haupt zum hellen Himmel erheben können. Sie ward schreckhaft; ein jeder Ruf, der sie unversehens traf, ließ sie sich ver- färben, und sie wurde danach nur mühsam Herrin ihrer Glieder. Eine ungeheuerliche Phantastik erwuchs in ihr; sie stand wehrlos vor den Schatten, die nicht von ihr ließen, vor den Stimmen, die sie umklangen, und das stete Sinniren machte sie verschlossen und feige und trotzig. Was sie davon erkennen konnte, das gefiel Salomen ganz wohl, und der sonderbare Hochmuth erfreute sie sogar, der manchmal aus des Äindes Wesen aufbrach. Aber snicht allein einer Tobten gedachte Gabriele nun- mehr sehnend. Auch einem Unbekannten und einem Fernen flogen ihre Träume nach. Wenn sie fertig war mit der Hoff- nung, ihr Vater werde einmal kommen, sein verlorenes und unseliges Sind heimzuholen in die Genüsse seines Reichthums, werde ihr reichlich zurückzahlen, was er ihr so lange vor- enthalten an Zärtlichkeit, wenn sie nichts mehr wußte, was sie sich noch wünschen konnte, und Rupert und Salome stau- nend gestanden waren von ihrer Herrlichkeit, von der nur die Susanne ihr Theil haben sollte, dann suchten ihre Ge- danken eine große, große Stadt, die sie sich gar nicht schön und prächtig genug vorstellen konnte. Den Schritten eines Knaben folgten sie. der sich mühselig durch das Gewimmel und Gewoge in den Straßen Wiens, von wo alle klugen und gewitzten Leute kamen: der Lehrer und der Schulze und der Ritttemann Franz, Bahn brach, um zu den Höhen des Lebens zu gelangen und Gabi zu sich emporzuheben. Dann sah sie ein ganz sonderbar verkniffen Gesicht, das ihr dennoch lieb war, denn es gehörte dem einzigen Freunde, den sie jemals gehabt im Geheimen; dem einzigen gleichaltrigen Genoffen ihrer unseligen Kindheit, der nicht minder elend ge- Wesen, Wie sie: es trug die Züge Eduard Böhm's. (Forffetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Eirn? Vevkanttke. Bon Einer, die besser ist als ihr Ruf, soll hier die Rede sein. Richtiger müßte ich sagen: besser als ihr Geruch; denn es handelt sich um nichts Wichtigeres oder vielmehr Geringeres als um die— Zwiebel. Jedermann weiß, in wie kümmerlichem Ansehen sie augenblicklich steht, und mancher hält sich vielleicht schon die Rase zu, wenn ihrer nur Erwähnung geschieht. Ich tvill auch gern zugeben: das Aroma der Zwiebel ist nichts weniger als verlockend. Beißend, scharf, zuweilen sogar widerwärtig, war es wohl auch der Grund. weshalb die Pflanze in einen so üblen Ruf kam. Nichtsdestoweniger giebt es wohl kaum einen einzigen Kulturmenschen, dessen Magen nicht schon Bekanntschaft mit der Zwiebel gemacht hätte. Man weiß es nur nicht— man ahnt eben kaum, in wie mannig- facher Gestalt dieser Proteus der modernen Küche bei der Zu- bereiwng von Speisen zur Verwendung kommt. Allerdings sollte dies immer mit der größten Diskretion geschehen; schon deshalb, weil die Knolle neben den oben erwähnten mißlichen Eigen- schaften noch eine weitere besitzt, daß sie der Verdanungs- thätigkeit des Magens einen ziemlich thatkräftigen Wider- stand entgegensetzt.' All das hinderte jedoch nicht, daß nian ihr zu gewissen Zeiten die größte Verehrung darbrachte. In China' und Egypten genoß sie einen förmlichen Kult, und die Feinschmecker der französische» Küche schwelgten schon im Vorgenuß der kulinarischen Wonne, wenn sie erfuhren, daß das Menu eine Zwiebelsuppe oder gar den vielgerühmten Zwiebelbrei k la Soubwe enthalte. Und selbst wir brauchen die Nase nicht zu rümpfen, wenn wir von der Schwärnierei jener Völkerschaften für die Zwiebel vernehmen. Die alten Germanen bewiesen ihr, als sie zuerst Be- Kumtschaft mit ihr machten, ein geradezu zärtliches Wohlwollen. So sagt der Römer Sidonius ausdrücklich von den Bnrgnnden. also einem Stannne. der doch verhältnißmäßig früh zu kultureller Blüthe und politischer Machfftellung gelangte: sie röchen nach Knoblauch und nach Zwiebeln. Die Hausfrau, die selber vor dem Herde weilt, weiß recht gut, daß sie ohne Zwiebel nicht auszukommen vermag. Wenn sie über ein Stück Gartenerde verfügt, so ist auch bestimmt ein Theil davon dem Anbau dieser vielhäutigen Knollenfrucht gewidmet. Dieser selber ist ebenso einfach wie lohnend. Am besten, man beginnt schon im Herbst damit. Der Boden werde reichlich aber nicht verschwenderisch gedüngt, um Kraft für die Bestellung zu gewinnen. Dann bleibt er bis zum Frühjahr liegen, wo man entweder den Samen ans- sät oder Steckzwiebeln in die Erde thut. Der Boden sei zu diesem Zweck recht sorgfältig bearbeitet. Etwa vorhandene Steine sind fortzulesen, jede Erdscholle soll zu Pulver zerstoßen werden. so daß das Beet wie glatt gehobelt erscheint. Schon nach einiger Zeit lugen die kleinen, glänzend grünen Spitzen neugierig zur Sonne empor, um, unter deren wänncnden Strahlen, von Tag zu Tag lustiger zu gedeihen. Diese sogenannten„Zwicbelpfeifen" finden vielfach m der ländlichen Küche Verwerthung; sie ersetzen zum Theil den zarteren und nicht immer zu Gebote stehenden Schnitt- lauch. Die Ernte kann, wofern man mit der Aussaat frühzeitig genug begonnen, schon im August stattfinden. Die Reife selber macht sich dadurch bemerkbar, daß sich die Blätter umlegen und dann allmälig welk werden. Allein man hüte sich auch vor etwa zu frühem Abernten, weil sonst die Zwiebel bei feuchter Witterung leicht anfault und vor allein keine Dauerfrucht bildet. Denn der Hansfrau wird immer zumeist daran liegen, daß sie gerade eine solche erhält, damit sie während des Winters hin- reichend versorgt sei. Die aus dem Boden genommene Frucht wird an luftiger Stelle ausgebreitet und getrocknet. In Rußland thut man sie noch außerdem in einen Leinwandbentel und bringt sie einige Stunden in den Ranchfang. Dadurch wird nämlich das spätere Auswachsen der Knollen vermieden, und diese bleiben bis spät in das nächste Frühjahr hinein vor jedem nnzeitigen Keimen bewahrt. Unsere Hausfrauen können sich leider noch immer nicht recht zu dieser Methode entschließen. Jedoch thun sie unrecht daran. Denn das im Ranch enthaltene Kreosot nimmt der Zwiebel auch nicht eine einzige ihrer guten Eigenschaften; es macht sie widerstandsfähig gegen schädliche Einwirkungen, gerade wie das Ranchfleisch allein durch dieses Verfahren ans Monate dem Tisch des Menschen als Nahrungsmittel erhalten bleibt. Die Verwendung der Ziviebel in der Küche ist so nionnigfach, daß ihre zahlreichen Widersacher erschrecken würden, wenn sie davon Kunde erhielten. Das Geheimniß des Wohlgeschmacks beruht eben darin, daß man sie so diskret wie möglich verwendet. Dem odiösen Geruch wird niemand so leicht das Wort reden, aber der kräftigen Würze, die von ihr ausgeht, muß man ein uneingeschränktes Lob zolle». Zumal die Hausmannskost kann ohne Zwiebeln nur schwer auskommen. Allerdings versteht auch allein die wirklich geschickte Köchin mit der twiebel richtig nnizugehen. Nur wer Bescheid weiß zwischen den öpfen des Herdes und die Speisen gut abzuschmecken versteht, soll überhaupt die Zwiebel als Würze verwende». Zu scharf geröstet oder gar angebrannt, nimmt sie dem Gericht jeglichen Wohl- aeschmack. Daher will sie fast bei jeder Schüssel anders gebraucht sein: bald so fein zerhackt, daß sie nicht einmal vcrmnthet werden darf, bald in behäbigen Scheiben und dein Auge sofort kenntlich; hier in rohem Zustande, dann wieder ganz verkocht und verdünstet. Den leidigen Zwiebelgeruch, der sich so gern in der Küche an den Geräthschaften festsetzt, verbannt man sehr leicht, indem man diese tüchtig mit trockenem Sande abreibt. Auch sonst ist die Verwendbarkeit der Zwiebel im Haushalt so vielfach, daß sie kaum ersetzt werden kann. Eine einzige Ziviebel wiegt gcwissennatzen eine ganze Hausapotheke auf. Bei tatarrhali- scheu Erkrankungen dient sie mit bestem Erfolg dazu, den lästigen Hustenreiz zu vertreiben. Man zertheilt sie, dämpft sie mit Kandis- zucker oder noch besser mit ungehopfter Bierwürze und nimmt dann von dem so entstehenden Safte alle zwei Stunden einen Theelöffel voll ein. Den eingekochten Saft sollte man in jeden« Haushalte vor- räthig haben. Sogar gegen die Bräune kann man sich der Hilfe der Zwiebel bedienen. Auf dem Lande legt ma», wenn Kinder von dieser heimtückischen Krankheit befallen werden, gekochte Zwiebeln, die nocki heiß sind, auf die Fußsohlen der kleinen Patienteii, giebt ihnen einen Theelöffel voll Alaun und Zucker, zu gleichen Thcilen gemischt, ein und umwickelt die Brust mit einem Prießuitz'schcn Umschlag.„Das endete alle Roth," schrieb eine Mutter, deren Kindlein schon eine Beute des Todesengels zu sein schien. Auch sonst hält unsere Landbevölkerung bei mancherlei Mißlichkeiten, unter denen der Körper zu leiden hat, gar viel auf die Zwiebel. Ihr Saft, vcnnischt mit etwas Essig, der aber gut und vor allem durchaus rein sein muß, stillt das Nasenbluten und ist ferner ein ausgezeichnetes, sofort wirkendes Mittel bei Insektenstichen. Eine Zwiebel, drei bis vier Stunden in Essig gelegt, dann in der Mite getheilt und auf Hühner- äugen gebunden, löst deren schnierzende Hornhaut so vollständig, daß man sie schlechtweg mit der Hand herausheben kann. Eine ähnliche Wirkung erzielt man mit der häutigen Lauchknolle auch bei den ebenso häßlichen. als lästigen Warze,?. Ziviebelsaft ist ein ebenso billiger wie haltbarer Leim, selbst an Metall, das sich sonst nicht gut einci» Klebstoff gefallen läßt. Man wäscht den Gegen- stand, der beklebt werden soll, zuvor mit Sodn ab und strc!,l>t dann Zwiebelsaft darüber. Das Papier wird jetzt darauf gedrückt und hastet, einmal angetrocknet, so fest, daß es nur schwer wieder entfernt werden kann.— Silve st erFrey. Kleines Feuillekon. — Eine Schicksals- Tragödie nach dem Leben. Ans Debreczin wird dem„Neuen Wiener Journal" vom 4. ds. be- richtet: Gestern wurde hier ein Grabstein gesetzt, dessen Inschrift an das Fawm der griechischen Tragödie erinnert und auf der ganzen Erdenrunde wohl ihresgleichen nicht finden dürste. Es ist dies der Grabstein der früher sehr wohlhabenden Bauernsamilie Moritz, deren Mitglieder fast sämmtlich durch gewaltsamen Tod endeten. Den Grabstein liest der siebenbürgische Knlturverein, dem das letzte Mit- glied der Familie 14(XXI Gulden testamentarisch hinterlassen hatte, errichten. Die Inschrift des Grabsteines lautet: Hier ruhen im Herrn Josef Moritz sou. gestorben im 62. Lebensjahre. Er wurde von seinem Sohne erschossen. Frau Josef Moritz son. gest. im 47. Lebensjahre. Sie wurde von ihrer Tochter erschossen. Elisabeth Moritz gest. im 17. Lebensjahre durch Selbstmord. Sic hatte ihre Mutter erschossen. Josef Moritz gest. im 27. Lebensjahre im Kerker. Er hatte seinen Vater erschossen.— — Die ersten Diamanten in Südafrika. Der„Kölnischen Volkszcitung" wird geschrieben: Im Jahre 1867 kam ein Jrländer, John OMeilly, ein Jäger und Händler in den nördlichen Theilen Südafrika's, auf seiner Reise von dort zurück zur Küste des Indischen Ozeans mit seinen Ochsenwagen zu einer Farm am Orangeslnst. Der Eigenthiimer, ein Nachkomme der ersten holländischen Ansiedler. Schalk van Niekerk, gab ihm Gastfreundschaft, für die die BörS ja bekannt sind. Am Abend nach seiner Ankunft fast OMcilly mit der Familie vor dem Farinhaus und bemerkte, wie die Kinder seines Gastgebers mit Steinchcn spielten, die ihm austergewöhnlich schienen. Er fnig, woher sie diese schönen„Kiesel" hätte», und er erhielt die Antwort: dast es deren viele unten am Flusse gebe. Unter den Steinchen, mit denen die Kinder spielten, fiel O'Neilly eines besonders auf, wegen seiner eigenthiimlichcn Form und seiner Durchsichtigkeit. Er bat Herrn van Niekerk, ihm den„Kiesel" zu schenken. Derselbe gab sofort seine Einwilligung und erklärte, dast ein kleiner Knabe einer auf der Farm lebenden Buschmannsfamilie den Stein vor einiger Zeit seinen Kindern gegeben habe. O'Neilly liest den Knaben rufen und erfuhr, dast derselbe ihn beim Baden im Sande des Flustbettcs sah, und da er so schön hell leuchtete, habe er ihn mitgenonnncn. Auf seiner Weiterreise zeigte O'Neilly den Stein einigen jüdischen tändlcni, denen er begegnete. Diese erklärten, es sei ein werthloser opas, ohne allen Werth für den Handel' In Grnhanistown ging er zu Doktor Atherstonc, der nicht nur als praktischer Arzt, sondern auch als allgemein Ivisscnschafttich hochgebildet in der Kapkolonie einen guten Rnf hatte. Atherstone besichtigte den„Kiesel" einige Zeit, dann holte er daS Stück einer zerbrochenen Fensterscheibe, und nachdem er dasselbe mit dem Stein wiederholt zerschnitten hatte, erklärte er den Stein für einen Diamanten und stellte den Preis auf 5/s Karat. Die immer gröstcr werdende Anzahl der Sucher nach Diamanten zerstreute sich an den Ufern des Orangeflusses bei Schalk van Niekerks Farm, und da die Ausbeute dort bald erschöpft war, gingen viele an die Ufer des Valflusses, wo die Ausbeute reicher war. Inzwischen hatten einige groste Londoner Juweliere Experten nach Südafrika gesandt, und ihr Gutachten fiel zu Ungunsten des Diamantreichthums Südastika's aus. Zu gleicher Zeit aber und 'Zwar 1871 hatten einige der ersten Diamantensucher. mehrere Meilen vom Valflust entfernt, zufällig gröstere Entdeckungen gemacht. Da, wo aus der Einöde Kimberley erstand, und jetzt die berühmten unterirdischen Minen bearbeitet werden, z. B. Du Toits Pan, De Beers Bulfontain. Hans de Beer war damals der' Eigen- thümer dieses Landstriches: er verkaufte denselben für den für ihn enorm hohen Preis von 6600 Pfd. Sterl., der im Vergleich zu dem jetzigen Werthe des Besitzes ei« Bettelgcld ist. Als die ersten Sucher ihre unterirdische Arbeit begannen, kam es nicht selten vor, dast im Lehm, aus dem sie ihre Hütten erbauten, Diamanten sich vorfanden. Die Frau eines englischen Beamten, welche mit ihrem Gemahl die neuen Felder besichtigte, spielte mit ihrem Sonnenschirm in der Erde und brachte einen Diamant, der 600 Pfd. Sterl. Werth war, zum Vorschein.— — Durchschlagskraft leichter Körper. Der„Prometheus" schreibt: Ein eigenartiges Beispiel für die Gewalt, mit der leichte, mit grotzer Geschwindigkeit begabte Körper festere zu durchdringen vermögen, führt„Engineering" an. Bei den Versuchen im Royal Arsenal über Sprenggase in Minen, wie sie kürzlich voin Kapitän Cooper Key vorgenommen wurden, wurde statt des Bohrlochs ein Gewehr mit hochexplosiblen Stoffen gefüllt und mit einen» gepresttcn Zylinder aus trocknen» Lehm(3 Zoll lang, "l'/8 Zoll im Durchmesser) verstopft. Diese„Schüsse" sollten in verschiedenen Mischungen von Lnft, Gas, Kohlenstaub je. ihre Wirkung erweise». Um den Stopfen abzufangen, ivrirde eine ein Zoll dicke gnsteisenie Ziclplatte in 26 Fnst Entfernung unter einem Winkel don 45 Grad aufgestellt. Nach drei oder vier Schüssen durch- schlug der Lehmstopsen, der nur 7Vs englische Unzen»vog, die zoll- starke Eisenplatte. Das beriihnite Talglicht, das eine eichene Thür durchschlägt,»nust sich vor dem 7>/s Unzen schweren Lehmzylinder Verstecken, der eine zollstarke Eisenplatte unter einem Winkel von 45 Grad durchdringt. ZiveifeUos muh die ihin durch die Explosion »»»itgetheilte Geschwindigkeit eine immense gewesen sein.— Musik. Die mit den ungewöhnlichsten publizistischen Mitteln vorbereitete Aufführung von Lorenzo Perosi's Kompositton„Die A n f- e r>v e ck u n g d e s L a z a r u s" hat an, Montag im Opernhause vor einem zu Tode gelangweilten Publikum stattgefunden. Es ist schwer zu verstehen, wie die in Geschäftssachen sonst überaus geschickte vatikanische Welt sich an dieses geistlose Machwerk anklammern konnte. Da verfügt sie doch über zu viel und zu gutes, stichfest erprobtes Altes. um sich solcher Schwächlinge etwa aus Bedürftigkeit anzunehmei». Es kann schon nur als eine bodenlose Geschmack- losigkeit bezeichnet werden, diesen Text zu wählen. In den unüber- bictbar einfachen Worten der evangelischen Erzählung, deren lateini- scher(Vulgata-) Text der Tondichtung untergelegt ist, sucht man vergeblich nach irgend einer Spur von' dramatischem Nerv; und das Oratoriuin— eine Rubrik, unter die doch das neue Werk gebracht werden must,— ist eine dramatische Form. Wer unbefangen den Text ansieht, findet sofort, dast das Motiv seiner Wirkung nicht in, sondern hinter den Worte» liegt; nur weil man den Personen und den» Vorgange von anderswoher eine bestimmte Bedeutung beilegt,