Hnterhaltungsblatt des WorwSrts Nr. 49.. Donnerstag, den 9. März. 1899 (Nachdruck verboten.) ?> Das Vlttk. Roman von I. I. David. VI. Am schweigenden Weiher hatte die Bekanntschaft zweier armer und liebeverlasscner Kinder angehoben, an einem heißen Junitage, und nichts verkündete in ihrem Anbeginn, mit welcher Leidenschaftlichkeit sich Gabi dermaleinst, wenn auch nur für kürzeste Frist, an das Angedenken des Gespielen klammern sollte. In ihrer hohlen Weide saß sie und starrte in das Gluthen des schwülen Hochsommermittags: in das Flimmern, Flirren und Glitzern, das vom uugeregten Gewässer rückstrahlte und die Welt durchflammte und erfüllte. Da brach ein Schatten in all das Licht; denn ganz unversehens staunten große, schwarze, wimpernlose, ein wenig entzündete Augen zur Einsamen herüber. Und- in eine Sttlle, die so tief war, als schliefe der Tag selbst und die ganze Natur verhielte den Athem, ihn nicht zu wecken, klang ihr jähzornig ängstliches:„Geh' weg, hörst? Ich brauch' Dich nicht I" hinein.„Ich dachte nur!" kam's zurück, und das abgemessene Hochdeutsch dieser Worte war das erste, was ihr neben seiner Häßlichkeit an ihm auffiel.' Sic aber ballte die Fäustchen:„Hast nichts zu denken, hörst? Geh' weg. Ich mag Dich nicht, aber schon gar nicht. Bist mir zu garstig." Der Bube zuckte zusammen, als habe ihn ein unvcrsehener Peitschenschlag getroffen; aber er wagte keine Widerrede, und in unterwürfigster Demuth entfernte sich Eduard Böhm. Des nächsten Tages erschien er wieder. Zum andern Male vertrieb ihn ihr Gebot, und so hielten sie es fortab eine Zeit. Bis Gabi fast neugierig wurde, was der wunder- Ii che Geselle eigentlich von ihr begehre, und ihn nur noch anherrschte, um zu sehen, ob er ihr noch gehorche: denn sie gebot desto lieber, je minder ihr eigenes Wollen im Hause selbst etwas vermochte. Hier galt es immer. Sie duldete ihn also manchmal von ferne; dann hielt er sich stille, und sie be- nahm sich, als wäre niemand zugegen, spielte mit ihrem Püppchen, nur vielleicht etwas zierlicher als sonst, oder knusperte an den Bißchen. die ihr, der am Tische der Eltern jeder Bissen widerstand, die Susanne zuge- steckt. Dann schielte er verlangend nach ihr hinüber und blieb dennoch stumm. Bis einmal ihre Guwmthigkeit es ihrem Wunsche abgewann, sich bitten zu lassen. Sie schlich hinter ihn. der gerade aus die Wasser hinaus starrte:„Da hast. Iß!" Er langte rasch danach:„Ich danke auch schön." Sie kehrte sich behend ihrem Unterschlupf zu:„Giebt's nichts zu danken. Das Hab' ich, wie viel ich will." „Du hast es aber gut!" rief er bewundernd. „Meinst?" Ein ganz unkindlicher Hohn, ein entsetzlicher torn brach aus dem einen Worte.„Meinst? Dummkopf I iarsch, der Teich gehört mein." Aber, mochten sie immer im Bösen geschieden sein, ohne daß der Knabe nur ahnte, was Gabi erzürnt, das Eis war nun einmal gebrochen. Danach fielen Regentage ein, die jeg- liches ans Haus banden; aber ein jedes ersehnte auch den wannen Sonnenstrahl. Und als der endlich über die Erde glitt, da lebte ein Glücksgefühl in Gabi. Zum ersten Male erwiderte sie seinen Gruß und beide verhielten sich still, wie sie's gewohnt. Bis ihn Gabi einmal ganz unvermittelt aus ihren Träumen heraus anrief:„Du, was hast gedacht?" Er besann sich erst:„Wann, jetzt?"—„Narr, damals, wie Du zuerst hergekommen bist I" Da lächelte der Junge ganz leise:„Ich dachte nur, weil wir beide so einsam sind, denn ich hatte Dich oft allein ge- sehen, so könnten wir vielleicht Freunde werden." „Warum bist Du's? Ein Bub I Ich lvollt', ich wär' einer. Geh' Dich raufen und laß mich in Ruh'." Er wiegte sachte den unschönen Kopf. Dann streifte er bedächttg den viel zu kurzen Aermel seines Rockes, das schlechte Hemd auf. Ein magererr, überschwacher Arm kam zum Vor- schein. Sie kehrte sich in einem Schauder:„Dann..." „Und_ das ist noch nicht Alles," sprach er, achtlos für ihren Zwischenruf.„Aber wenn sich die vom Dorfe prügeln mit den Böhmen, dann kommen sie: Halt' mit Böhm. Ich habe mitgehalten: danach haben die Anderen auf mich gepaßt und haben mich durchgehauen, weil ich nicht mit ihnen gegangen bin, und kein Mensch hat mir geholfen. Und über» Haupt: Jeder prügelt mich, wer gerade Lust hat, und der- langt dann noch, ich soll für ihn Partei nehmen. Das kann ich nicht, und so geh' ich lieber dorthin, wo ich keinen treffe. So bekomme ich wenigstens nur von den Deutschen Schläge, und ich gehöre doch zu denen, wenn sie mich auch beneiden, weil ich schöner spreche und nicht so bäuerisch wie sie. Denn sie haben's nur von ihren Eltern gelernt, ich aber vom Herrn Lehrer in der Schule, und ich gebe gut acht, daß ich genau so spreche wie er und die gebildeten Leute." „Hast keine Eltern, Böhm?" „Ich denke kaum mehr, daß ich sie hatte." Ein stärkstes Mitleiden regte sich in ihr. Sie'machte sich schmal:«Rück zu, Böhm." Er tbat's, und nun, die Höhlung bot beiden Raum, saßen sie lange ernsthaft und sinnend bei» sammen. Damals wurden sie Freunde, und fommerlang wuchs dieses Gefühl, bis Gabi einmal von ihrem Teller weg einen guten Bissen für ihn aufsparte. Den trug sie ihm zu:„Das war für mich, das Hab' ich nicht von der Susann'." Er aber war froh damit, denn er erkannte den tieferen Sinn dieser Spende. Sie sahen sich auch im Winter, dann strich er ums Hintere Thor, und die Ge- fährtin kannte die Zeit, in der er ihrer zu harren gewohnt war, und verfehlte sie niemals. War's auch nur, daß sie einander die Hände drücken konnten, denn ob sie gleich wußte, daß ihre Gaben ihm sehr willkommen wären, und sie dachte, er nehm' es vielleicht nicht so genau— sie mochte ihm doch nichts mehr geben, was heimlich der Speisekammer enttragen wurde, nichts, das sie nicht einen Verzicht und ein eigenes kleines Opfer kostete. Es wurde wieder Sommer. Oester und für länger wie ungestörter konnten die Beiden einander sehen. Nun wäre es dem Mädchen längst nicht mehr zu Sinn gekommen, daß Eduard Böhm ihr fremd und nicht zu ihr gehörig sei. Viel- mehr, sie harrte seiner schon mit Ungeduld; dann hockten sie zusammen und mit ewig heiserer wie klagender Stimme be- richtete er der Genossin von seinem Leben, entrollte düstere und leidcnvolle Bilder, die nur desto trauriger waren, weil er gar nicht zu empfinden schien, wie übel ihm das Schicksal mit- gespielt, weil er alles mit stumpfer Ergebung hinnahm. Denn er konnte darum leichter ausharren und ertragen, weil ihm schon in jungen Jahren bewußt war, die Leiden der Gegen- wart seien ein Uebergang zu einem Ziele, das ihm damals schon klar und wohlerwogen vor der Seele stand, während sich Gabi nicht Ende, nicht Ausweg aus ihren Be- drängnissen wußte. Er war willensmächtig und hell- denkend; er schwärmte nicht, und was er fürchtete, das waren nicht Schatten, die aus dunklen Tiefen der eigenen Seele auf- tauchen, das hatte leibhaftiges Leben und verstand das mit Püffen und mit Schelten ihm eindringlichst fühlbar zu machen. Und an nichts davon hat es ihm jemals gefehlt; er war ortsfremd und verwaist, und trug ihn die Erinnerung in ver- gangene Tage, dann sah er auch darin nichts Holdes. Eine tolle Laue des Zufalls hatte ihn hierher verttagen, dem in der fernen Großstadt die Mutter für nun und alle Tage schwieg. Da sie heimgegangen, hatte der Arm des Gesetzes nach ihrem Kinde gegriffen. Von einem großen, wüsten Hause erzählte er dann, dessen Insassen die freie Luft nur selten, nur zu bestimmten Zeiten, nur strenge überwacht auf einem öden Hosraum athmen durften, auf den auch nicht der Schatten eines grünen Blattes fiel. Dort hatte er Monate verbracht, denn niemand Ivollte sich seiner erbarmen. Ihm waren Sttolche und Diebe Genossen gewesen; mit ihnen auf hartem Holzlager schlief er, theilte ihre Mahlzeiten, vernahm ihre Reden, athmete den Dunstkreis des Elends und des Ver- brechens. Derweilen aber suchte und forschte man, wo er wohl zu Hause sei, bis man ausfand, in einem»veltfernen Dorfe Mährens sei sein Großvater vor Jahren ansässig, begütert ilnd heimathberechttgt gewesen. Dorthin sendete man den Knaben, einen üblen Gast, der niemandem gelegen kam und gegen den man sich wohl verwahrt hätte, wäre die Lage der Dinge nicht zu klar gewesen, den man mindestens entgelten ließ, was er nicht verschuldet und was ihn selber zu aller- härtest betraj>.> Die Schütte Stroh fürs Lager, den Bissen Brot, daß er nicht verhungere, weigerte man ihm nicht. Ihm mehr zn geben, ihn auch nur das unvergällt genießen zu lassen, das wäre jedem ein Unrecht erschienen. Er mußte wissen, daß er das Gnadenbrot des Dorfes genieße, mußte erkennen, wie sehr er jedem verschuldet sei, wie wenig als ihresgleichen sie ihn betrachteten. Oder war er bei seiner Schwachheit auch nur zu den geringsten Diensten nütze? Er war ein Fremder ge- kommeu, niemand wünschte, daß er bleibe, und täglich sang man ihm das Lied, wie froh man sein werde, wüßte man ihn erst wieder draußen. Und die Kinder thaten's den Alten nach; ging Eduard Böhm aus der Schule, dann umschwärmte ihn die Jugend. Krähen, die eine kleine Eule aufgespürt haben, der er mit seinen kurzsichtig blinzelnden Augen, dem schwarzen Haarschopf in der Stirne, dem schüchteren und feindseligen Gesichte auch schier glich. Nur daß ihm� die Wehr- haftigkeit des Kauzes gebrach, nur daß ihn Feindseligkeiten nicht mehr erregten. Eduard Böhm wußte, ihm konnte niemand helfen, nicht einmal Herr Glogar, der seinen Verstand und den Eifer, mit dem er lernte, wohl schätzte, der nach seiner eigenen Dürftig- keit manches Zfür ihn that und ihm dennoch nicht mochte. Denn etwas Scharfes, wie Netzendes lag in allem, was er that: er war mißtrauisch, selbst wo er empfing, als fürchte er, irgend wem Anrechte an sich und seine Dankbarkeit zu geben— so recht nach Anlage und Erziehung einer von jenen, die zu den Höhen des Lebens ansteigen, wenn sie nicht ein achtloser Fußtritt trifft, während sie noch im Staube kriechen. Aber sich oder Anderen Wohl zu thun, die kostbarste Kunst verstehen und erlernen die freilich nie. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Dev Avlkere. Von Georges de Lys. Dort unten, in der nebligen, von Sümpfen mit schlammigen Ufern durchschnittenen Haide vereinen sich die dünnen Schatten der Birken mit den schrägen Strahlen der untergehenden Sonne. In unabsehbarer Ferne zeichnen sich die sammetgclben Weideplätze aus, in deren Einförmigkeit der Ginster mit den goldenen Trauben, das zitternde Haidekraut und die Farrenkräuter mit ihren fächerartigen Blättern einige Abwechselung bringen. Durch den reinen Abendhimmel wehten mildere Düfte, und das Zwitschern der Vögel verstummte in der Ruhe der Natur, die, ihrer Arbeit und ihres Schaffens müde, langsam einschlief. Petrus, der Ochscnknecht des Meisters Perdrizet. des reichen Pächters des Gutes Natclierc, dessen Gebiet das ganze rechte Ufer der Vcyle umschließt,— das Gebiet ans der anderen Seite garnicht gerechnet— trieb zwei kräftige Ochsen von der Arbeit nach Hause. Er schritt ihnen in jenem wiegenden Gange vorauf, den der lehmige Boden des Erdreiches seinen Bauern verleiht, und wandelte * auf dem von Wagenspuren durchfurchten und von Schmutzpfützcn durchschnittenen Wege dahin. Sein junger, von einem spärlichen Barte umrahmter Kopf, dcffen Haare in farblosem Blond schimmerten, wiegte sich schläfrig auf kräftigen Schultern. Schlottrig hingen die Arme am Körper her- nieder und begleiteten in langsamen Bewegungen den Rhythmus seines schwerfälligen Ganges. Dennoch schimmerten die blaßgrauen Augen zuweilen blau und verliehen dieser einförnngen Physiognomie auf Augenblicke einen ganz andern Charakter. Die Thiere folgten dem Manne und senkten ihre zusammen- gekoppelten Stirnen, um hier und da einen Grashalm zu fressen. den sie langsam und ruhig lviederkäuten. Als sie sich der Furth näherten, begannen sie vor dem Wasser zu schnüffeln. Petrus hielt sie mit einem Zungenschnalzen auf und legte seinen Treibstachel zwischen ihre Hörncr gegen das Joch. Am Ende des Weges zeichnete sich in der Hecke eine Lichtung ab, die auf einen großen Hof hinausführte, um die sich die Gebäude einer Meierei herumzogen, die die Blicke des Bauern auf sich lenkten. Unbeweglich blieb er stehen, und ein schwernnithiger Schatten huschte über sein Gesicht; endlich entriß er sich dieser Betrachtung und stampfte in stummer Wuth gegen sich selbst mit seinem Holzschuh auf den Erdboden. Er trieb mit dem Stachel die Ochsen an, die in das Bett der vehke eindrangen, während er selbst den Steg überschritt, der mit der Furth parallel lief. Bald erreichte er den Pachthos Ratelisre. Die Thiere stießen ein fröhliches Gebrüll aus, das ihre Nüstern, auS denen ein heißer Dampf aufstieg, erzittern ließ. Vor dem Stalle blieben sie stehen, und hielten geduldig ihre Stirn hin, die fie schüttelten, als der Bauer sie von dem Joch befreit hatte. Nachdem Petrus seine Thiere an die mit reichlichem Futter versehene Krippe gebunden hatte, betrat er die große Stube mit dem gebahnten Fußboden»md setzte sich mit müder Bewegung vor eine große Schüssel mit Gemüse, die ihm die Magd des Pacht- Hofes, die Cathaut, vorsetzte, deren sienndschaftlichen Rippenstoß er nicht einsnal zu fühle» schien. Er aß langsam, mit jenen, ge- ränschvollcn und taktmäßigen Rhythmus der Kinnbacke», den der Bauer sich durck seinen Verkehr mit den Thieren angewöhnt, die langsam und geduldig kauen, ebenso wie fie schwerfällig und abge- messen dahcrschreiten, wenn fie den Pflug durch die fetten Furchen ziehen. Ms das Mahl beendet war, erhob sich Petrus, die beiden Fäuste schwer auf den Tisch legend, faßte linkisch an den Rand seines Hutes, um zu grüßen, und verließ den Pachthof, gleichgiltig gegen den einladenden Wink der Magd, die ihn von neuem beim Vorübergehen in die Seiten stieß. Er entfernt sich mit schleppendem Schritte nach einem kleinen, mit blühendem Hagedorn und wilden Rosen bewachsenen Fußpfad. Hinter ihn, sinkt die Dämmerung hernieder, während ihm gegenüber der Horizont im Golde der verschivnndenen Sonne flammt, dann zun, Zenith hinaufsteigt, um schließlich in einem malvenfarbigen Firmament zn versinken, an dem der erste Stern sein blasses Lächeln entzündet. In der Feme wird die Todtenstille von dem Quaken der Frösche unterbrochen; nur die Schritte des Bauern lassen sich auf dem Fuß- Pfad vernehme», während erschreckte Vögel mit lauten, Flügelrauschen von den Sträuchen, aufflattern. Gleichgiltig die Augen auf den Boden heftend, wandert Petrus dahin. Indessen hebt sich seine Brust bald wie die eines Soldaten, dem man den schweren Tornister abgenommen, der ihn zu Boden drückt; sein Gang wird schneller, sein Gesicht hellt sich anf und die Falten, die sein Gesicht verdüstern, glätten sich, während ein Lächeln um seinen Mund spielt. Sein Blick heftet sich auf de» leichten, blauen Rauch, der seine flatternden Spiralen in der Lust bewahrt, die kein Hauch trübt. Bald zeichnet sich ein mit Stroh gedecktes Häuschen am Wegrande ab. Vor der Thür, anf den n,it Moos bewachsenen, wackligen Stufen sitzt ein Kind mit rosigen Wangen. Es erhebt sich und läuft, nnt einem lustigen Lachen anf den Lippen, Petrns entgegen. Mit seinen kleinen, bereits muskulösen Armen umschlingt es seine Beine. Der Bauer legt zärtlich die Hand anf das wirre Haar des Lkindes, dann hebt er es in einer Anwandlung von Zärtlichkeit zu seinem Munde empor und drückt zwei derbe, schallende Küsse auf die schmutzigen Wangen. „Mein kleiner Junge!" Er setzt ihn zur Erde, beugt seine hohe Gestalt, um die kleine Hand des Kindes in seinen knochigen Finger» halten zu können und tritt mit ihm in das Innere der Wohnung... Petrus Bravais war der Sprößling einer Familie von Ackerbürgern, die bescheiden auf ihrem Gute lebten. Die Bauernfamilie hatte das Ackerland seit zwei Jahrhunderten inne; die Erde war von dem Schweiß der Vorfahren befruchtet worden, und jeder älteste Sohn war dem Vater gefolgt, ohne daß das Gut zerstückelt zu werden brauchte. Auch seit der Abschaffung des Erstgcburtsrechtcs war es unversehrt erhalten; denn jede Generation hatte nur ein Kind gehabt. Indessen war Petrns mit einem Bruder Meide als Waise' zurückgeblieben, den man in der Familie nur den„Kleinen" nannte. Meide war ein verzärteltes, für das rauhe Lebe» des Bauern ungeeignetes Geschöpf; er war unter mancherlei Ent- behllmgen m der Stadt als Herr erzogen worden und wurde Advokatur-Schreiber in Lyon. Bald quälte Alcide seinen Bruder mit beständigen Bitten um Geld. Der Aeltcste erfüllte sie trotz seiner geringen Einnahmen; er kanzelte dabei aber stets seinen jüngeren Bruder ab, dessen Gehalt von 150 Franks ihn, als wahrer Reichthum erschien. Eines Tages begab er sich sogar nach Lyon, um ihm eine tüchtige Strafrcdc zn halten, und sein Zorn wuchs, als er fand, daß Alcide sich in eine kostspielige Liebelei eingelassen hatte.- Eine heftige Szene fand statt, und im Verlaufe derselben kam es zu einem Bruch zwischen den beiden Brüdern/ Ein neuer Kummer erwartete Petrns; ei» Gerichtsvollzieher stellte ihm eine Vorladung wegen Aufstellung seiner Vormundschafts- rechnung zu. Alcide Ivar majorenn. Der Notar, den er befragte, hielt ihm die Taxe des Gesetzes unter die Augen; er mußte nach- geben. Petrns konnte jedoch die Zerstückelung des väterlichen Gutes nicht ertragen. Er machte Schulden, um dem„Jüngeren" seinen Theil auszuzahlen und er hoffte, durch seine Energie und seinen Muth die Scharte wieder auszuwetzen. Er lebte mehr als bescheiden und überarbeitete sich. Da rief ihn eine beunruhigende Depesche von neuem nach Lyon. Zitternd betrat er das Haus des verstoßenen Bruders und fand darin nur eine Frau, die in Kindesnöthen im Sterben lag. Alcide war auf der Flucht; er hatte sich bei seinem Chef der Fälschung und Unter- schlagung schuldig gemacht, und der Sohn des auf der Flucht be- sindlichen Vaters wurde schon bei der Geburt eine Waise. Vor diesem Kleinen, vor der doppelten Schande seines Geschlechts, mußte Petrns vergessen, daß er liebte und geliebt wurde. Ja, die lustige Rosette, die Tochter des Pächters Marty, für die er arbeitete, um seine Besitzung wieder schuldenfrei zu machen, würde nie den Sonnenschein unter sein Dach bringen! Eine allmächtige Pflicht ver- sperrte seinem Glücke den Weg, und er fügte sich. Er gab dem Neu- geborenen seinen Namen und setzte es bei dem Advokaten durch, daß der unwürdige jüngere Bmder nicht verfolgt wurde. Zu diesem Zwecke mußte er aber sein Gut verkaufen. Die Liquidation lieh ihm nur die StrohhiUte und den daran anstoßenden Garten. Außerdem mußte er noch die Amme für den Kleinen bezahlen. Deshalb vermiethete sich Petrus als Knecht bei dem Meister Perdrizet, dem Besitzer des nächsten Pachthofes. Obwohl er Rosette seit diesen Ereignissen ausgewichen war, hatte er doch das Verhältniß nicht gelöst. Er zählte auf den eigen- nützigen Charakter des Vaters Marth, der das Verlöbniß von selbst lösen würde. Doch Wenn Rose's Vater auch von dem Verkauf von Bravais' Besitzung erschüttert war, so hatte er sich doch bald anders besonnen. Allein konnte er seine Güter nicht bcwirthschasten; hatte er dagegen Petrus als Schwiegersohn bei sich, so sparte er einen Knecht. Außerdem brauchte er Rosette keine Mitgift auszuzahlen, da diese als einzige Tochter ja doch das ganze Vermögen ihres Vaters erben ivürde. Petrus hätte also für seine eigenen Interessen gearbeitet, ohne die Thalcr des alten Pächters anzugreifen. Dieser würde, so' lange er lebte, nur noch reicher werden, und seine Tochter konnte bei der Erbschaft nur gewinnen. Petrus saß, in tiefes Nachdenken versunken, in seinem Zimmer, als sich die Thür nach einem heftigen Klopfen öffnete, und in der- selben das pfiffige Gesicht des Vater Marth erschien. .Na, mein Junge. Du hast Dir also Entbehnmgen auferlegt, Deinem Binder zu Liebe, wie man mir gesagt hat? Das ist sehr schön, aber man hat nicht daran gedacht,' daß man Verpflichtungen hat.... Haha, Du bildest Dir vielleicht ein, meine Tochter wäre für einen Habenichts da... na. habe nur keine Furcht, Du Dumm- köpf," fügte er hinzu, als er den jungen Mann blaß werden sah; .Du sollst sie trotzdem haben." Petrus zuckte zusammen; der Mte hielt den Finger an die Nase und fuhr fort: .Aber Dir, mein Junge, gebe ich keine Mitgift; Du wirst zu uns kommen und es dort wie ein Sohn haben. Ihr werdet mein ganzes Vermögen bekommen, wohlverstanden nach meinem Tode. Für den Augenblick wirst Du Deine Baracke verlausen; damit kannst Du die Hochzeitskosten bestreiten." „Das Haus meines Vaters verkaufen?— niemals I" Der alte Bauer sah ihn an, kratzte sich die Nase und sagte dann nach kurzem Zögern: „Na gut, behalte Deine Hütte; dieses Gefühl ehrt Dich; doch Du wirst zu uns kommen!" Petrus dachte an Noöl, den Sohn seines Bruders, der in den Augen des Gesetzes als sein Kind galt und erklärte: „Ich kann nicht!" „Was? ivas ist das?... Slh. ich sehe, wohin Du hinaus willst, mein Bürschchcn. Du möchtest eine Mitgist haben,>un das ver- kaufte Stück Land wieder zurück zu kaufen? Auch das soll geschehen, ich werde es erwerben, das soll Rose's Mitgist sein; aber es wird mit meinem Besitzthnm vereinigt werden,' und wir werden das Ganze bebauen. Das ist Dir doch recht?" schloß er mit pfiffiger Miene. „Ich hoffte, Ihnen die Wahrheit verbergen zu können, Vater Marly murmelte Petrus niühsam,„doch ich lau» Ihre Tochter nicht Heirathen; ich habe ein Kind, das ich bei der Amme erziehen lasse I" „Ja, wenn ein Kind da ist," versetzte der Pächter,„so kann es an meine»» Vermögen natürlich keinen Anthcil haben. Für solches Unkraut habe ich nicht gearbeitet;»im so schliimner, es thut mir leid um Dich! Na, dann werde ich Rose mit Allan vcrhcirathen. Du weißt doch, der Meiereibesitzer, Dein Nachbar, der bei mir um sie angehalten hat. Ich hätte Dir den Vorzug gegeben, weil Du ein guter Arbeiter bist, aber ein Kind—' danke schön I Guten Abend!" Rose liebte Petrus, doch als sie er-fuhr, ihr Verlobter wäre Vater geworden, während er ihr den Hof machte, ergriff sie ein heftiger Zorn und eine tiefe Verachtung gegen PctruS; und aus Aerger hcirathete sie Claude Allan. (Schluß folgt.) Kleines Fenillekon. — Vom Mahdi-Grab. Ein aus Khartum nach Kairo zurück- gekehrter Reisender, der mit den Siegern in Khartum eingezogen ist, gicbt eine Schilderung von dem Znstande des Mahdi-GrabeS. Ivie er es am Tage der Einnahme gesehen hat. Der Bericht lautet: „Da lag das Grab des Mahdi— rings umher breite Blutlachen. Am Abende hatte ich viele todte Derwische dort gesehen. In ihrem festen Glauben an Mohammed Achmed. den Mahdi, hatten sie sich doi't zusammenaeschaart, um sicher zu sein. und gerade deshalb hatten. sie unter unserem Feuer den Tod gefunden, lieber 150 lagei» betend vor dem Grabe, als eine 50 pfündige Lyddit-Granate»nitten unter ihnen platzte. Nur achtzehn blieben am Leben, doch waren sie schrecklich zugerichtet. Das Grab war aus Steinen und gutgebrannten Ziegeln errichtet, schön mit Stuck innen und außen geschinückt. Die Grundmauern waren an sechs Fuß dick, aus deren Mitte sich der Ärippelbau er- hob. Große Löcher waren in die Wände gerissen und der nieder- fallende Mörtel hatte das Gitter aus Bronze und Glas zerstört, welches das Grab umgab. Darunter lag Mohammed Achmed. Schon früh an» Tage hatten gewaltthätige Hände die Fenster entfernt, der Sarg war seiner rothschivarzen Decke beraubt, das Schnitzwerk zertrümmert oder von Kuriositäten-Sammlern weggebracht, die gelben Sprüche an der Wand, dem Koran und dem Gebetbuche des Mahdi entnommen, waren vernichtet worden. Schon war die Mahdi-Legende zerstört, als»nan den Leichnam aus dem Grabe hob. Er war roh cinbalsamirt worden, die Züge aber noch erkeirnbar. Das Volk, welches ihn sah, war äußerst betroffen. Sie hatten geglaubt, das Mausoleum sei nur ein Markstein der Stätte, von der aus der Mahdi in Fleisch und Blut zum Himmel empor- gefahren sei, um von da mil göttlichen Rathschlägen wiederzukommen. Der Kopf und andere Körpertheile wurden— angeblich für Aerzte— aufbewahrt, der Rumpf in den Nil geworfen. Später zerstörte eine Pulverexplostoi» das Denkmal ganz, und die Trümmer wurden be- seitigt. Der Platz ist der Erde gleichgemacht."— — Die russisch-schwedische GradmcfsnngS-Expedition wird infolge einer Anregung ihrer russischen Mitglieder eine größere Fülle von Arbeiten erledigen, als anfänglich geplant war. Die Expeditton wird nämlich außer ihrer eigei»tlichen Aufgabe auch eine Reihe von physikalischen Forschungen, die mit derselben nicht in»inmittelbarem Zusammenhang stehen, unternehmen. Auf diese Weise wird die Expedition der Wissenschaft selbstverständlich noch werthvollere Dienste leisten können, als von ihr erwartet wurde. Eine natürliche Folge ist es aber, daß auch die Kosten der Expedition das ursprünglich festae- setzte Maß übersteigen werden. Die schwedische Regierung hatte für diesen Zweck 100 000 Kronen angewiese»». Nunmehr hat sich jedoch das schwedische Komitee der Expedition an die Regierung mit dem Ersuchen gewendet, diese Subvention um 05 000 Kronen zu erhöhen, welchem berechtigten Verlangen die Regiening wohl Rechnung tragen dürfte. Seitens der russischen Regiening wird die Expedition mit einem größeren Betrag»uiterstützt' und außerdem stellt sie für die Zwecke derselben zwei Schiffe von je 1000 Tonnen zur Verfügung. Ferner sind für die russischen Theilnchmcr der Expedition in Helsingfors fünf größere und kleinere zerlegbare Holzgcbäude be- stellt wordei», die, sobald offenes Wasser eintritt, von zwei russischen Kriegsschiffen abgeholt werden sollen,»un nach Spitzbergen gebracht zu»verde»; es sind dies zivei Gebäude für die»visseuschaftlichen Thcilnehmer der Expedition»md für die Mauuschaften, zwei Oekonomiegebäude und ein Beobachtuugsgebäude.— Erziehung und Unterricht. c. lieber die Volksbibliotheken in England ver- öffentlicht Camille Bloch in der„Eevue bleue* einen interessanten Bericht. Nächst den Vereinigten Staaten Nordainerika's ist Groß- britannien daS Land, dessen Volksbibliotheken an» besten organisirt sind und den günstigsten Einfluß auf die allgemeine Bildung aus- üben. Das erklärt sich daraus, daß diese Jnstitntion nur dem Willen des Volkes seine Entstehung verdankt und nicht einem administrattven Befehl. Vor der Eröffnung einer solchen Bibliothek finden oft die erbittertsten Kämpfe statt; es»vird eifrig für und gegen agitirt. Aber der Widerstand gegen die Errichtung von Bibliotheken»vird von Jahr zu Jahr schwächer, und Glasgow ist Ivohl die einzige größere Stadt, die in dieser Beziehung noch nicht„achgegeben hat. Die Volksbibliothckcn»verde» ganz besonders von Paßmore Edlvards, einem Mitglied des Parlaments, unterstützt. Die Zahl der Bibliotheken»vächst ständig. 1806 gab es 27, 1368 52, 1877 89, 1885 251»nid 1897 in England 265, in Schottland 32 und ii» Jr- land 17 Volksbibliothcken. Allerdings»vird in den englischen Bibliotheken für den Komfort der Besucher so gesorgt»vie sollst nirgends. Die Säle sind groß, hell und luftig. In St. George ist der Hauptsaal 64 X 31 Metex groß, der Lesesaal 100 Meter lang. Viele Bibliotheken haben besondere Räume für Dan»en(ls.cüe's roorn) und wieder andere für Kinder(boy's roorn). In einigen Bibliotheken werden bestimmte.Zimmer für die reservirt, die sich enistcn»visseuschaftlichen Studien»vidmei»; das ist das stuckent's roorn. Die Arbeitsstunden sind voi» 9 Uhr früh bis 10 Uhr Abends festgesetzt, so daß alle Leser irgend eine Stunde finden können, in der sie dort arbeiten können. Häufig komnrt es auch vor, daß Arme in den Bibliothekräumen Schutz gegen Univetter suchen; und niemand ivürde sich darüber»vlnidern oder deshalb ent- rüstet sei»». Jeder Person, die von einer ansteckenden Krankheit be- fallen wird, ist es verboten, ein Werk zu leihen. Die Ae>:zte smd verpflichtet, dem Bibliothekar von den ansteckenden Krailkheiten, die sie behandeln, Mitthcilung zu machen, dann»verde» die Bücher, die die betteffenden Personen geliehen hatten, gründlich dssinfizirt. ehe sie»veiter verliehen»verde». Eine solche Fürsorge der A»»- gestellten wird aber auch dadurch belohnt, daß das Publik»»»» mit den entliehenen Büchern sehr vorsichtig»imgeht. Diebstahl kommt nur in den seltensten Fällen vor. In Liverpool sind von 1 234 466 Büchern bisher nur 2 verschlvuilden.— Gesundheitspflege. ss. Von der Anwendung neuer Schinerzstiller in der Zahnheilkunde macht die„Wiener Mediziuische Presse" Mittheilung. Das Orthoform scheint sich besoirderS in seiner»»euen Herstellung als„Orthoform neu" bei allerhand Zahnoperationen ausgezeichnet zu bewähren. Bei Zahnextrakttonen, bei Fisteln, Errt- zündungei»»ind Eiterungei» i>n Zahnfleisch veranlaßt das Orthoform nicht ii»»r ein fast unniittelbar eintretendes Nachlassen der Schinerzen, sondern begünstigt auch die Beschleunigung der Heilung in außer- ordentlichem Maße. Ein Berliner Zahnarzt thetlte schon vor einem halben Jahre mit, daß er seit ö Monaten bei allen diesen Gelegenheiten das Orthoform täglich mit außerordentlichem Erfolge verwandte. Ein Münchener Zahnarzt hat es nnt denselben glänzenden Erfolgen erprobt, und zwar besonders gegen heftige Schmerzen in freiliegenden entzündeten Zahnhöhlen, zur Beseitigung des Nachschmcrzes nach jedeur Zahnziehen, bei Behandlung von Ge- schwüren, Verbrennungen und Verletzungen des Zahnfleisches, ferner zur Füllung von Wurzelkanälen in einer Mischung mit Asbest und auch beim Ausbohren der Zähne bei großer Empfindlichkeit des Patienten. Stach den dabei erzielten Erfolge» scheint das uugiftige, geruch- und geschmacklose Orthoform infolge seiner doppelten Wirkung zum Stillen von Schmerzen und als Änliscpticum geradezu berufen zu sein, in der Zahnhcilkunde künftig die größte Rolle zu spielen. Derselbe Münchener Arzt wandte außer- dem ein anderes neues Mittel zur Schinerzstillung an, das Nirvanin, das vor dem Ausziehen eines Zahnes in die Innen- und Ailßcnscitc des Zahnfleisches eingespritzt wurde. Nach Verlauf von 3—5 Mi- nuten konnte der Zahn schmerzlos entfernt werden. Der Münchcucr Zahnarzt hat schon in einer Sitzung 22 Zähne unter Benutzung des Nirvanin gezogen und im Ganze» schon 164 Anweudnugen des Mittels gemacht, von denen alle bis auf 9 zur größten Zufriedenheit ausfielen, während die weniger erfolgreiche» Fälle auf ungünstige äußere Umstände zu beziehen waren. Auch bei Kindern konnte das Nirvanin ohne jede Gefahr beimtzt werden. Es wäre besonders zu tvünschcn, daß durch diese Mittel die Narkose aus der Zahuheilkuiide überhaupt berdrängt wird.— Aus dem Pflanzeuleben. lo. Ein an Kupfervergiftung gestorbener Baum wird von Professor Frankforter von der llmversität deS Staates Minnesota in den„Chemical News" beschrieben. Das Pflanzen zu- iveilcn eine» Gehalt an Kupfer aufweisen, ist mehrfach nachgewieien. Hier handelt es sich aber um eine durchaus eigenartige Erscheinung. Der fragliche Baum war eine stattliche Eiche, die in der Nähe von Minneapolis stand und erst vor Kurzem eingegangen war. Nach dem Fällen des Stanuncs bemerkte man auf der Schnittfläche einen auffälligen Metällglanz. Die genauere Untersuchung ergab, daß dieser von metallischem Kupfer herrührte, das in Form feiner Plättchcn von höchstens IVe Millimeter Durchmesser in das Holz eingelagert war. Da der Kupfergehalt auf die äußeren Jahresringe beschränkt>var, so konnte der Baum erst seit den letzten Jahren das Metall in sich aufgenommen habe», und er>var wahrscheinlich an demselben zu Gründe gegangen. Woher das Metall gekommen war, war nicht festzustellen, obgleich der Boden etwas Kupfer enthielt. Man hat daran gedacht, daß vielleicht die Kupfersalzlösnngen, mit denen man so oft zur Abtödtung von Pilzen Bäume und Sträucher besprengt, gelegentlich in der Weise von der Pflanze aufgemrnmien werden, daß reines metallisches Kupfer daraus ausgeschieoen wird.— Astronomisches. — Ein neuer Komet. Eine Kabeldepesche meldet, daß der bekannte Astronom Swift einen Kometen entdeckt hat. Derselbe stand am Tage der Entdeckung, welcher zwar nicht angegeben, aber wahrscheinlich der 3. März ist, bei 56 Grad Mectascensioii und 29 Grab südlicher Declination. Eine zweite von der Lick-Sternwarte kommende genauere Angabe besagt, daß derselbe daselbst am 4. März um 7 Uhr Abends bei 57 Grad Rectascension und 27 Grad südlicher Declination beobachtet wurde. Der Komet wird als schwack, aber dem freien Auge sichtbar angegeben. Ob derselbe einen Schweif befitzt, ist nicht initgctheilt. Der angegebene» Stellung entsprechend, steht der Komet Abends im Südwesten und wird von Tag zu Tag der Beobachtung zugänglicher.—(„N. Fr. Pr.") Technisches. —»Fernheizwerke in Amerika. Auf dem Gebiet der in den Vereinigten Staaten gebräuchlichen Dampfzentralen, die ganze Stadtbezirke mit Dampf für den Maschinenbetrieb und zu Heizzwecken versorgen, hat sich in neuerer Zeit unter dem Einflusie elektrischer Anlagen ein Fortschritt vollzogen, über welchen das .Zcntralblatt der Bauverwaltung" nach einem Berichte des der deutschen Botschaft in Washington zugetheilten Wasserbau-Jnspektors Hoech Rittheilung macht. Schon vor etwa zwanzig Jahre» begann man in Amerika, eine Anzahl Wohnhäuser von einem entfernt liegenden Kesselhause mit Kraft und Wärme zu versorgen. Der Wasjerdampf sollte zum Betriebe von ArbeitSmaschincn und Feuer- spritzen, der Abdampf zum Heizen. das Dampfwasser zu», Kochen, Waschen und Schneeschmelzen dienen. Die technische Aus- bildung solcher Anlagen ist dem Ingenieur Holly zu Lockport(New- Aork) zu danken? er gab seinen Straßenleitungen in Abstünden von 15 Meter Anschlußkasten und vereinfachte die Rohranlagcn dadnrch wesentlich, daß er auf die Rückleitung des Dampswassers verzichtete. Es gelang ihm, die Uebelstände zu beseitigen, die durch den Einfluß der Ausdehnung der Dampfleitungsrohre hervorgerufen werden. Gerade dies ivar eine besondere tschwierigkeit. weil die Rohre gegen Wärme- Abgabe geschützt und in die Erde gebettet sind. Solche Anlagen wurden bereits Anfang der achtziger Jahre in Lockport und Detroit mit Erfolg aus- geführt. anderwärts versagten sie. Bessere Erfolge erzielte zwar später die New York Stearn Company, aber die Schwierigkeit der Ermittelung des Wärmebedarfs für die Rentabilitäts- bercchnung ließ sich nicht beseitigen, weil die Dampfkessel- und Hausbesitzer zur Abnahme von Dampf aus der Zentralstation nicht gezivungen werden konnten und deshalb die Dainpfrohrleiwngen unter Zugrundelegung des erhofften Meistbedarfes verlegt werden mußte». � Diesem Umstände ist es wohl auch zuzuschreiben, daß für große Häuser mit einem großen Dampfbedarf dreier aus einer eigenen Kcsselanlage billiger zu decken ist, als aus dem Fernheizwerk. Bei den neueren großen Geschäftshäusern und Gasthöfen in New-Dork über» zeugte man sich, daß eigene Kraftanlagen vorthcilhafter werden, als der Anschluß an die Dampfzentrale. Der Abdampf der Ma- schinen zum Betriebe der Aufzüge und zur Lichtbereitung genügte zum Heizen der Gebäude. In vielen kleineren Städten ist deshalb nach dem System Holly mit den elektrischen Anlagen die Heizung der Häuser, sogar ganzer Stadtbezirke, mit gutem wirthschaftlichen Erfolg verbunden worden. In Spriiigficld, Mass., z. B. werden durch den Abdampf der elektrischen Maschinen 80 006 Kubikmeter Narun an 60 Stellen geheizt. Erlcickflert wird in Amerika die An- läge von Fenrheizlverken dadurch, daß Dampfkessel überall aufgestellt werden dürfen. Ter größeren Sicherheit wegen werden fast aus- schließlich Wasserrohr-Kessel verwendet.— Humoristisches. — Ei n Zufriedener. Graf:„ES lebt sich doch ganz nett in unserer sogenannten schlechten Zeit, wenn man im Besitze aller bürgerlichen Rechte und adeligen Vorrechte ift.�— — Aus Gewohnheit. A.:„Habe ich recht gehört, Herr Schreier, Sie wollen wieder heirathen Auktionator:„Ja, zum dritten und letzten Malet"— — Stilblüthe. Bald aber sollte Adolar ein Haar in der Suppe seines LiebcSglückes finden.—(„Meggend. hum. Bl.") Notizen. — Leo T o l st o j wird in der russischen Wochenschrist„Niiva� einen neuen Roman„Die Auferstehung" erscheinen lassen. Da bereits von Seiten vieler Verlags-Buchhaudlimgen Uebcrsetzmtgen desselben angelündigt wurden, so macht Wladimir Tschcrtlow im „Literarischen Echo" darauf aufmerksam, daß die russische Aus- gäbe wegen der Z e n s u r in wesentlich v e r l ü r z t e r Form mit bedeutenden Abänderungen gegenüber dem Original« tcxt erscheineu, der Roman aber gleichzeitig mir dieser auch in seiuer vollen originalen Gestalt im Auslände herausgegeben iverden soll. Das Recht der Uebersetzmig ins Deutsche ist an Ilse Frappan und W l a d i m Tronin übertragen.— — DaS D e u tI ch e Theater bringt am 18. März, gleich- zeitig mit den, Weener Burgtheater, ztvei Vcrsstücke von Hugo von Hofmannsthal:„Der Abenteurer" und „Die Hochzeit der Sobelde" zum ersten Male zur Auf- führuug.— — In London fand der Schriftsteller Dr. V o h d seinen Tod. indem er irrthümlich Karbolsäure statt eines Schlaf- mittels nahm.— — Werngartner's Oper„Genesius" hat im Hof- thcaier zu Weimar einen großen Erfolg erzielt.— — Außer Siegfried W a g n e r's„Bärenhäuter" wird die W i e n e r H o f o p e r in dieser Spielzeit noch eine neue Oper zur Aufführung bringen: Tschaikowsky's„Jolanthe".— — Giuseppe Verdi schreibt eine»ciie Oper„Romeo und Juli a". Das Textbuch liefert ihm A r ri g o B o i t o.— — In der Ausstellung, welche die M ü n che n e r Sezession gegenwärtig in Stuttgart veranstaltet, ivnrdc Fritz v. Uhde's Bild„Das heilige Abendmahl' für 25 000 M. für die dortige StaatSgallerie' angekauft.— — Der historisch- antiquarische Verein von Inner rhoden kaust alte Appenzellcr-Trachten auf, die sonst anßer Landes kämen.. Zu diesem Zwecke wurden letztes Jahr 500 Fr. ver- ausgabt.— — Eine Werthbolle SchmetterlingsSammlung, die 25 000 Exemplare aus ganz Europa inid Ostsibirieu enthält, ist dem N a t» r h i st o r i s ch e ü M u s e u m in Hamburg zum Geschenk gemacht worden.— — Die Zahl der in S ü d- B r a s i I i e n lebenden Deutschen wird auf 347 000 Köpfe, etwa den vierten Theil der gestimmten Bevölkerung. geschätzt. In ganz Brasilien leben etiva 450 000 Deutsche.— Berantwortlich« Redattmr: Hugo Poetzlch in Berlin. Druck und Berlag von Max Bad», ig in Berlin-�