Anterhaltungsblatt des Morwürts Nr. 54._ Donnerstag, den 16. März. 1899 (Nachdruck verboten.) 12] Das Dlttk. Roman von I. I. David. Auf dem Hofe, in den Ställen ging derweilen Alles wie imnier ail solchen bewegten Tagen. Immer noch klang das stöhnende Gebrüll der kalbenden Kuh durch die Nacht, und die Marie wollte verzagen, daß sie sich hierher gefesielt sah. Endlich nach Mitternacht ward's ruhig. Für Ruppert freilich noch nicht; immer noch schleppten die Handwagen Ladung nach Ladung Holz ins Brauhaus. Er aber erschien ganz unvermuthet unter den Knechten, befahl und wetterte in jener Erregung, in die ihn eine Arbeit, von deren Gelingen so Vieles abhängt und die so viele Umstände nüsirathen lassen können, immer versetzte. Da knarrte das Thürchen von Salome's kleinem Garten. Gabriele hatte sich durch ihn geschlichen und wollte, da ihr der alte Weg nicht mehr zugänglich war, über den Hof zurück ins Wohnhaus. Die irren Lichter um sie her blendeten sie; die nüide Abspannung ihrer Glieder war noch tiefer geworden seither, und sie verzog ein wenig, ob sie wieder freien Athem und sicheren Tritt gewinne. So ersah sie Rupert; die Verstörtheit ihres Wesens fiel ihm auf, und ein jäher Zorn darüber, daß sie in so später Stunde sich herumtreibe, rief in ihm mit einem dunklen Argwohn, was sie aus dem Bette gejagt.„Landstreicherin!" schrie er sie an,„was thust noch da? Marsch ins Bett l" Sie antwortete nichts und schrak nur in sich zu- sammcn, wie ein Traumwandeluder, den man anruft. Er wurde noch heftiger:„Hast nicht gehört?" und schüttelte sie an der Schulter. Da, im unklaren Bewußtsein, daß sie sich irgend verfehlt, im Bestreben, das zu bemänteln, gab sie ihm die dreiste Antwort:„Es geht nur die Tailt' an, was ich thu'. Dich nichts." Rupert aber, im niaßlosen Grimme— denn es war vor den Knechten geschehen, die seine laute Stimme herangerufen, und man munkelte ohnedies, daß er ohnmächtig sei seiner Frau gegenüber— schlug ihr hart ins Gesicht:„Da hast l Jetzt geh' Dich beklagen zur Salome... Sie schrie nicht auf. Sie schlug nicht die Hände vor's so geschändete Antlitz. Nur die Knie knickten ihr ein, nur die dunklen, sanften Augen sahen ihn an, so vorwurfsvoll und traurig, daß er den Blick lange nicht vergessen konnte. Dann stürzte sie ins Haus, in ihre Stube, durch die Küche, ohne für die Marie auch nur einen Gedanken zu haben. Es war der erste Schlag, den sie empfing und vor so vielen Fremden er- dulden mußte. Und neben dein Schmerze, dem tiefen Gefühl der Demüthignilg war noch eine laute, gellende Sorge in ihr: Wenn es nicht bei dem einen Hiebe blieb? Wenn das fortab öfter, vielleicht gar täglich geschähe? Und wenn man erst erfuhr, was ihr diese Nacht sonst noch bedeutete? Und über diesem Erwägen kam ihr erst die klarere Erkenntniß ihres Vergehens. Sie mußte fort, daran war kein Zweifel. Und sie zauderte auch nicht, das zu thun, was sie mußte. Aus dem ver- borgensten Gefach ihres Schränkchens suchte sie das Leder- beutelchen hervor. das ihren kleinen Sparpsennig verwahrte. Dann sah sie sich grauscnd um in den öden vier Wänden, die ihre Jugend beherbergt und begraben, wendete sich zögernd, und die Schatten von einer ungeivissen Zukunft bewegten und durchfröstelten ihre Seele.... Es wollte grauen, als Frau Salome aus dem tranmvollen Schlummer erwachte, in den sie nach der Mühsal und den Auf- regungen der Nacht versunken. Ihr war, als fielen manchmal laue Tropfen auf ihre Hand; später bewußter geworden, fühlte sie, wie ein heißer Mund starke, häufige, fast leidenschaftliche Küsse darauf drückte. Sie war noch zu matt, als daß sie völlig klar geworden wäre; aber sie richtete sich ein wenig auf, und da sah sie ihr Pflegekind vor dem Bettrande knieen und un- ablässig weinen. Die Weichheit des Schlafes und die Milde, die es mit sich bringt, einen: drohenden Verluste entronnen zu sein, waren noch in ihr; so wurde sie nicht heftig wie sonst, sondern fuhr der Störerin sacht und unbewußt übers Haar:„Gieb Dich ruhig, Kind. Ich wer's ihm schon zeigen, wenn Dir Emer was ge- than hat. Du bist mein," und sank wieder in die Assen. Dunkel bedünkte sie's dann, als wäre ihren Worten nur ein stärkeres Auischluchzen gefolgt. Aber der Schlaf band ihr schon wieder die Zunge; und so wußte sie nicht für sicher, ob das Ganze nicht vielleicht nur ein ahnender Traum ge- Wesen, ob sich Gabriele dann wirklich und zögernd zur Thüre hinansgestohlen. Auch die Susanne erinnerte sich nachher, daß sich die Weinende etwa um die gleiche Zeit zu ihr aufs Bett gesetzt, bitterlich geschluchzt und allerhand ge- sprachen habe, das sie nicht recht verstehen gekonnt. Aber das war erst, als es Morgen geworden und man die Flüchtige beim Frühmale vermißt hatte. Niemand dachte an eine Verfolgung:„Soll hingeh'n, wohin sie mag, gefällt's ihr nicht mehr bei uns," entschied die Tante. Und als Richert beifällig lächelte— denn er war überhaupt in jener Nacht nicht zur Ruhe gekommen und der Zorn über ihre Vor- witzigkeit noch lebendig in ihm— da wendete sie sich nach- drücklich und langsam sprechend an ihn:„Du hast's ge- Wonnen. Aber weh dem, der schuld ist daran— verstehst mich? Jedem!..." Sie machte keinen Versuch, das zu verheimlichen, was ge- schchen. Keine Reise zu Verwandten wurde vorgeschützt, ver- schmäht die wohlfeile Lüge, mit der sich manch Andere hinweg- geholfen hätte über die erste Zeit. Das Haus ahnte etwas, somit das ganze Dorf. Sie aber schwieg. Und mit ihr da- rüber zu sprechen, das hätte niemand gewagt, der Salome Lohwag auch nur ein wenig genauer kannte. Denn sie hatte Gewalt über die Menschen; nun mehr denn je. da sie eine neue Wunde enipfangen. Ihre Tiefe ermaß sie selber noch nicht; aber sie trug sie nach ihrer Weise und bedacht, sie denen zu vergelten, von denen sie unversehens und hart war geschlagen worden. Derweilen zog Gabriele allein ihrer schweigenden Straße. In den jungen Morgen hinein, der grau und ganz bewölkt überm Lande aufdämmerte. Nur gegen Süden zu, wohin sie schritt, lag ein fernes und unsicheres Streifchen Licht. Sie wollt's ein gutes Vorzeichen nehmen und könnt' es doch wieder nicht."Gering war, was sie neben ihrer Schönheit an Waffen besaß, den Kampf des Lebens aufzunehmen, den sie ersehnt und der ihr doch wieder unversehens auf- genöthigt worden war. Gering ihr Vertrauen in sich und ihr Muth um die Zukunft. Ihr Herz war schwer und das Angedenken an die eine, verspätete Liebkosung, die sie in jenem Hause erlebt, nagte und mahnte darin. Ihr Leben schien ihr zerstört. So flog sie aus, ein Vogel, der wohl einmal stark von Fittichen und wehrhaft von Fängen gewesen. Aber im Bauer versessen, wußte er sie kaum mehr zu gebrauchen— und der Flug, der ihr bevorstand, war weit, endlos weit; unabsehbar ferne ein ungewissestes Ziel, das kaum gesparteste Kraft hätte erstiegen vennögen.., IX.' „Es wird wieder nur für Zwei gedeckt von heute," hatte Frau Salome zu Mittag nach jener Nacht, die Gabrielen's Flucht gesehen, der Marie geboten, als diese in gewohnter Weise drei Teller und drei Eßzeuge auf die bunte Wachstuch- Decke des Tisches stellen wollte. Das war der ganze Nachruf. den sie der Verlorenen hielt, und für die Welt ging das Haus der Lohwag nun neuerdings im gewohnten Geleise. Die Brauersfrau griff bei der Arbeit zu, wie sie's ge- halten alle Zeit. Nur daß sie sich jetzt selbst um Dinge kümmerte, um die sie sich sonst niemalen angenommen hatte. „Als könnte sie gar nicht genug zusammenscharren und weiß so schon nicht mehr, für wen." meinte die Susanne in ge- legentlichen Konventikeln mit anderen Mägden oder mit Ortsinsasjen.„Aber das schabt, rein um den vollen Geldsack. Das ist wohl gar froh, daß man das Kind los hat, und kümmert sich wenig darum, ob's wo auf der Landstraße verhungert. Und ich bleib' auch nur, um zu seh'n, was für ein Ende das mit denen nimmt; ein gutes gewiß nicht." Man konnte kaum behaupten, daß die Susanne mit dieser Hoffnung allein gestanden wäre. Aber, mochte dem nun sein und werden wie ihm wollte, im Hause fehlte etwas. Aß man, so wurde das stille, feine Gesichtchen vermißt, das so wandelbar von Zügen und s» lebendig von Mienen gewesen, daß man nicht zwei Tage die Gleiche vor sich zu haben glaubte. Das wirkte Häg- lich, als wäre etiva ein leerer Flecken an einer Wand, die sollst ein Helles und fröhliches Bild geschmückt. Man braucht — 21 lange, ehe man sein Fehlen gewöhnt wird, und anch dann noch bleibt die Stube kahl und traurig, und etwas Sonne. etwas Freudigkeit ist fort daraus. Nach Tische mußte sich Rupert selber bücken, wollte er seine lange Pfeife anzünden; das fiel dem beleibten Manne schwer genug, und er mußte der behenden und hilfreichen Hand gedenken, der er auch nicht ungerne zugesehen, wenn sie ihm den Zucker in den schwarzen Kaffee that und dann zierlich nnt dem Löffelchen die Stücke umtrieb, bis das würzige Getränk die gehörige Süße ge- Wonnen. Wurde es Abend und galt es, die Lampe zu ent- zünden— ein heiliges und in einem rechten Hause fast symbolisches Thun— dann besorgte es Frau Salome wieder selber, ob sie gleich schon in den Jahren war, wo man sich nicht mehr gerne reckt. Las sie aus der Bibel, dann horchte niemand mehr— aller Ecken und Enden fehlte etwas, und man wußte nur zu genau, was es war... (Fortsetzung folgt.) Von«rvdevttvv Vlmfl. Eine Ausstellung. von Werken Edouard Manet'S und Claude Monet's, die der Salon C a s s i r e r gegenwärtig ver- austaltet hat, fordert geradezu zu einer Rückschau und einem Aus- blick heraus. Es ist sehr charakteristisch, daß man diesen Werken im allgemeinen mehr eine geschichtliche Geltung zukonnncn lassen will, als daß nian sie unmittelbar würdigt. Man hat in der That, wenn man vor ihnen steht und ihre Art mit den Tendenzen vergleicht, die heute die Malerei beherrschen, sehr stark die Empfindung, daß man hier eine Ktmst vor sich hat, deren Epoche dem Abschluß nahe ist. Edouard Manct ist mit vier größeren Werken und zwei kleineren Stillleben glänzend vertreten. Man erkennt in den älteren Werken seine Abhängigkeit von den großen Koloristen früherer Epochen, vor allem den Spaniern. So m dem„Bettclmusikantcn": ein Mann mit der Geige, Kinder stehen um ihn herum und hören ihm zu. Das Bild wirkt in vielem wie ein echter Spanier. An solchen Vorbildern hat er seinen koloristischen Sinn geschult, aber er ist nicht bei ihnen stehen ge- blieben. Er wurde der Begründer des.Impressionismus", indem er den Versuch wagte, die Natur so zu malen, wie sie ihm erschien, wie seine Augen sie sahen, unbekümmert um jede Tradition. Er suchte die Erscheinungen in ihrem momentanen Eindruck festzuhalten, die Körper zu malen, wie sie in der freien Natur stehen, umspielt von der Luft, die sich, feine Ucbergänge vermittelnd, über sie legt. Und so erreichte er, worauf das Ringen mehrerer Malergeucrationen abzielte, die abseits der großen' Heerstraße neuen Aufgaben nachgingen: daß seine Darstellungen Leben athmetcn, daß sie vor dem unbefangenen Auge wie die Dinge in der Natur selbst zu sein schiene». Rücksichtslos genug waren seine ersten Ver- suche in dieser Richtung. Kein Wunder, daß die Leute, deren Augen an zierliche und fest umrissene Zeichnung geivvhnt waren, vor diesen scheinbar wirren Farbenflcckc» ein Geschrei erhoben, als sei das Heiligste der Kunst geschändet. Manet ist ruhiger, sicherer geworden. Aber zwei Merlmale find seiner Kunst stets geblieben: die vornchine koloristische Haltung und die frische Unmittelbarkeit seiner Dar- stellung. Freilich ist die erstere durch das eindringende Naturstudium auf eine ganz andere, moderne Skala übertragen ivorden. Für den außerordentlichen Reiz der kühlen blauen Farbcnreihe, für die durch ein leises Grau gedämpften Töne ist durch ihn das Verständniß erschlossen. Und was es heißt, einen Körper malerisch zu modelliren, d. h. nicht wie früher gleichsam erst zeichnen und dann die Umrisse mit Farben ausfüllen, sondern ihn in seiner farblichen Erscheinung als Ganzes auffassen und gestalten, das hat er wieder gelehrt. Von Manet'S reifer, ausgeglichener Kunst sind außer einem löst- kichen Blinncnstück und einem lebensvollen Damenbildniß zwei große Werke ausgestellt,„Der Löwenjäger" und„Die Flucht Rochefort's". Der Löwenjägcr hat einen gewaltigen Löwen schon erlegt; jetzt kniet er vor seiner Beute und hält das doppelläufige Gewehr zum Anschlage bereit. Im hohen Walde ist dieSzeue; ein leiserDämiuer webt im Waldinneren, zartviolette Schatten laufen über den Erdboden, spärliches Licht dringt durch das Laub und spielt in weichen Flecken darüber hin. Der Eindruck ist so unmittelbar, mit einer solchen Selbstverständlich- keit gegeben, daß man zunächst wie verblüfft davor steht. DaS lebt und athmet. Der Mann, der da kniet, wie er die kräftige Hand an das Gewehr schlägt, der starke Baumstamm, der neben ihm das Bild überschneidet, der Waldbodcn, der sich gegen den Hinter- grund hebt— das ist Alles nnt einer außerordentlichen Kraft ge- staltet. Und dann die koloristische Haltung des Ganzen: da geht Alles zu einer Wirkung zusammen, da sitzt jeder Ton am rechten Ort, und jeder hat neben dem anderen seinen besonderen Reiz. „Die Flucht Rochefort's" führt uns aufs Meer. Der Abend sinkt hernieder. In tiefem Blau dehnt sich weithin das Meer, Schatten umhüllen das kleine Boot, das von zwei kräftig geführten Rudern getrieben forteilt, einen: Schiffe zu, das Iveit draußen liegt. Da. wo das Wasser vom Kiel und den einfallenden Rudern aufgewühlt ist, leuchten, vom letzten Schein des Tages getroffen, die spritzenden, schäumenden Wellen und die Strudel auf und geben starke hcllroso Lichter. Lm Boot crkcniit man mir gerade noch die 4— einzelnen Gcstallcu; mir das Gesicht des einen, der am Steuer sitzt— Rochefort selbst— leuchtet hervor aus dem Dunkel; er sieht nach dem Lande zurück, das er verlassen. Wieder der lebensvolle Eindruck. Die Wellen vorn heben und senken sich, und es ist Kraft in ihrer ewig wechselnden Erscheinung; die Männer im Boot, so wenig fest und greifbar ihre Gestalten sind— man fühlt ihre Er- regung, und es ist merkwürdig, wie der Eindruck, ohne daß man ein deutliches Bild von ihnen haben kann, doch klar und lebendig ist. Und wieder ist die Farbenstimmung ein Zengniß dafür, daß' die impressionistische Malerei ihren besonderen ästhetischen Werth gerade in der EntWickelung einer neuen verfeinerten Farbenempfindung besitzt. E l a u d e M o n e t ist ohne Manct nicht zu denken. Aber der Umkreis seiner Kunst ist beschränkter, er ist ausschließlich Landschafter, und in seinen letzten Bildern eigentlich nur noch„Luftmaler". Seine EntWickelung ist in den zwanzig Bilden«, die von ihm aus- gestellt sind, sehr gut zu verfolgen. In der Alst, wie Manct malte, sind auch seine ersten Landschaften, in breiten, weichen Strichen ge- geben, aber fest in der Zeichnung und abgeschlossen in der Stimmung. Sonnige Waldwege, einsame Dorfstraßen im Schnee, holländische Landschaften geben ihm die Motive. Wunderbar abgetönt in den Farben sind in dieser Art vor allem eine Szene vom„Seineufer in Argenteuil" und eine in ihrem Charakter düstere Schneelandschaft „Seine in Rueil". So wenig detaillirt hier die Zeichnung ist, so sehr die ganze Lebendigkeit des Eindrucks allein durch den mit völliger Sicherheit getroffenen Farbenton erreicht wird, Monet fand in dieser Technik noch nicht sein Genüge. Durch eine Reihe von Bildern kann man verfolgen, wie sich die Farben aufhellen und zugleich auf- lösen, wie er nicht mehr den kompakten Farbenfleck, fondern in leichten Strichen die einzelnen Töne, die in ihrer Zusammensetzung den Eindruck bestimmen, ungemischt nebeneinander hinsetzt. Und in dieser Auflösung der Farben, die er je nach dem Motiv weiter oder weniger weit treibt, erreicht er in der That, daß man auf einigen seiner Bilder die Luft als„mitgemalt" empfindet, daß s i e das Motiv zu sein scheint, um dessen willen diese gemalt wurden. Im Sonnenschein flimmernde Luft füllt das Bild, auf dem Monet seine Frau dargestellt hat, unter einem Baume auf einer Terrasse sitzend, von tausend Blumen umgeben; kaum ist es als Bildnih zu erkennen, das wogende Luft- und Lichtmcer ist in ihm alles. Wie die Luft, so stellt er den von tausend Lichtern glitzernden Spiegel des sich kräuselnden Wassers in dieser Art wie lebend dar. Und voll Leben ist das schäumende Wasser in der„Ueberschwemmung", auf das klatschend der Regen herniedcrfährt. In seiner Tendenz, immer lichtere Töne zu gewinnen, ist Monet immer weiter gegangen, und in Landschaften der letzten Zeit, wie den«Drei Pappeln", ist er darin zu rosa und blauen Tönen gekommen, die übertrieben er- scheinen, die jedenfalls einen Vergleich mit der Touschönhcit der älteren Bilder nicht aushalten. Monet hat hier seine Technik bis zu einem Punkte fortgeführt, an dem neuerdings eine jüngere Schule, die der„Neo-Jmprcssionistcn", Signac und van Ryssclberghe, von denen an dieser Stelle unlängst die Rede war, eingesetzt hat, um dasselbe Prinzip bis zu seinen letzten Kon- scquenzcn fortzubilden. Was diese mit Farbflecken, das sucht Giovanni Segantini.der dritte Künstler, von dem eine große Anzahl Gemälde und Zeichnungen in der Ausstellung zu sehen sind, mit nebeneinander ge- legten Farbcnstrichen zu erreichen. Der freie flotte Pinselstrich, der sonst als das Kennzeichen einer guten Technik gegolten, ist auf Scgnnttni's Bildern durch eine mühsame Spachtelarbeit ersetzt. Wie ein durchfurchtes Ackerfeld im Kleinen sieht ein solches Bild ans. Aber Segantini zwingt diese Technik. Für den Eindruck im Ganzen bleibt von dieser Mühseligkeit der Technik nichts bestehen. Er stellt die Alpcnnatur und das Leben in ihr mit einer außerordentlichen Kraft dar. Es ist die kalte, klare Luft der Höhen, die auf den Bergen, die er gemalt, weht, eS sind wirkliche eis- und schneebedeckte Fclscnkctten, die den Hinter- grund zu den Hochebenen bilden, und die mit blendend weißem Glanz von dem starkblanen, aus der Tiefe heraus leuchten- den Himmel sich abheben; und es sind einfache Motive aus dem harten Leben der Gebirgsleute, die er mit einem tiefen Ernst in vereinfachter großer Zeichnung darstellt. Die Kunst, die in den Werken Manet's und Monet's einen so starken Eindruck übt, gilt heute nicht mehr für voll. Es ist merk- würdig, mit welcher Gewalt in den letzten Jahren die Reaktion auch auf diesem Gebiete hereingebrochen ist. Ob sie wirklich einem „ticfften Bedürfniß" der Zeit entsprach? Das scheint mir nach den bisherigen Erfahrungen sicher, daß sie der Malerei als solcher kein Gutes thut. Der Leichtsinn, mit dem heute gerade die hcrantvachsende Generation den festen Boden, den diese Bahnluechcr geschaffen, verlassen, ist unbegreiflich und unverzechlich. All daS, tvas diese verpönt, um, rein an malerische Probleme sich haltend, wieder zu einer malerischen Kultur zu kommen, kehrt ivieder, nur mit ein wenig anderen Worten, vor allem in den mannigfachsten Gestalten die frühere, so viel ver- lachte Anekdote. Diese schnelle Umkehr ist wohl nur ein neuer Be- weis, wie wenig das heutige Kunstschaffen in den allgemeinen Kulturzuständen, sin Sinne früherer Zeiten, wurzelt. Aber die Kunst der Manet und Monet war die unserer Zeit gemäße, die Kunst, auf die eine allgemeinere Kunstübung sich stellen konnte. Sie hatte die Unmittelbarkeit und Ursprünglichkeit, die das köstlichste Merkmal jeder Kunst sind. Dagegen'besagt es nichts, daß Einzelne auch auf anderen Wegen zu den Höhen der Kunst emporstiegen. Die Kunst des Manet wird späteren Zeiten als die fflt unsere Zeit charakteristische� erscheinen. OS sie ihnen gefallen »ird— das wird davon abhängen, welche Tendenzen diese Zeiten elb er beherrschen.——dl. Kleines Feuillekon. — DaS Aethertrinken als Ersatz für Alkohol scheint in den ostprenßischen Kreisen M e m e I und Hehdekrug eine ungewöhn- liche Verbreitung gefunden zu haben. Schon früher ist von ärzt- licher Seite darauf aufmerksam gemacht worden. Jetzt weist der Direktor der Provinzial-Jrrenanstalt in Allenberg, Dr. Sommer, im .Neurologischen Zentralbl." darauf hin, daß im vergangenen Jahre in der Stadt Memel allein zu Trinkzwecken 69 Ballons zu 60 Litern und im Landkreis Memel 74 Ballons zu 60 Liter», zu- fammen also 8580 Liter Acther verkauft worden sind. Daneben ist aber noch eine sehr bedeutende Menge Aether verbraucht worden, ohne daß die Behörden davon Kenntniß erhalten haben, da von Schiffern, Fischern und Ueberlänfcrn bedeutende Mengen von auswärts eingeführt werden. Im Kreise Heydekrug soll der Ver- brauch noch größer sein. Der Aether wird in ganz kleinen Mengen zu fiinf und zehn Pfennigen verkauft und entspricht in seiner Wirkung mindestens der vierfachen Menge von Trinkbranntwein. Nach den Erfahrungen der zuständigen Aerzte zeigen sich die Schä- digungen durch den Acthermißbranch namentlich in Erkrankungen der Leber und Niere mit Bindegewebswucherung, in fettiger Entartung der Hcrzmuskrilatur und anderer Organe.— — Vorrömischc Glashiittc» in England. In der Nähe der Abtei von Glastonbury(Somerset) hat man seit einer Reihe von Jahren alte Pfahlbauten ausgegraben, über deren. Fundstücke Arthur Evans einen zusammenfassenden Bericht auf der letzten englischen Naturforschcr-Vcrsammlnng erstattete. Das Pfahlbaudorf im See von Glastonbury gehörte hiernach der vorrömischcn Epoche Englands an und scheint namentlich im ersten und zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung geblüht zu habe», die Ansiedlung aber schon im ersten Jahrhundert nach Christo völlig eingegangen zu sein, da sich keine Spur römischer Waarrn auf den zahlreichen aufgegrabenen Wohnstätten gefunden hat. Man glaubte früher, daß der Name Glastonbury (vom keltischen DniS-witrin, Glasinsel) einen mythologischen Ursprung habe und mit dem Glasbcrge der deutschen Sage, d. h. dem Himmel der Seligen zusammenhänge, allein zahlreiche Funde zeigten, daß hier eine Glasindustrie vorhanden war, welche die einwandernden gallischen Stämme hier begründet hatten. Die Formen der ge- fundenen Gefäße, Sicherheitsnadeln und anderer Gegenstände deuten darauf hin, daß die Änlvandening der Glasarbeiter vom alt- venetianischcn Gebiete kam, woselbst die Glasindustrie schon in vor- historischen Zeiten seßhaft war. Professor W. Boyd Dawkins fügte hinzu, daß diese Glaskünstler anscheinend auch den Bergbau auf Blei eingeführt hätten, wie denn bald sehr schöne Glasflüsse und Emaillen in England hergestellt wurden.—(„Prometheus.") Musik. Ein Musikreferat, daS wie das unsriae schon mittels der engen Auswahl der einer Kritik gewürdigten Erscheinungen in Mnsikpflege und-Literatur einer besprochenen Leistung mindestens das Zeugmß gicbt, daß sie charakteristisch ist, hat um so heiklere Pflichten, jene Austvahl richtig zu treffen. Diesmal liegt ein Fall vor uns, in welchem die Wahl auch dann leicht gewesen wäre, wenn sie sich noch mehr hätte beschränken müssen. An Hugo Riemann, dem Ivohl bedeutendsten Mnsikgelehrten und einen, der wichtigsten Musik- Praktiker unserer Zeit, dem eigentlichen Schöpfer der„Phrasirungs- lehre", dem Verfasser trefflicher Büchlein zur Einführung ins Musikstudium, unter denen besonders sein„Katechismus der Musik- geschichte" jedem der bangen Frager nach einer guten Musikgeschichte von Herzen empfohlen sei: an Niemann soll kein Musilreferat so vorübergehen, wie an ihm unsere maßgebenden Stätten von Kunst und Wissenschaft vorübergehen, ohne ihm zu geben, was ihm gebührt; und sein jüngstes Werk, die„Geschichte der Musiktheorie im 9. b i s 1 9, I a h r h u n d e r t"(Leipzig, M, Hesse, 1898), sei als eine der bedeutendsten Literaturerscheinungen, die wir überhaupt haben, jedem gerühmt und jedem näheren Interessenten zum Studium angerathcn. Auf eine sachliche Kritik dieses spczialwissenschaftlichcn Werkes kann hier nicht eingegangen werden. Nur so viel. Der Verfasser zeigt zunächst, wie an die Stelle der antiken Einstimmigkeit der Musik allmälig ihre Mehrstimmigkeit trat, anscheinend angeregt durch den niehrstimmigen Naturgcsang der nördlicheren Völker (konnte denn über diese Anregung gar nichts Näheres beigebracht werden?), und führt dann, mit reichlichen neuen Aufschlüssen, die stetige Entwickelung der uns so fernliegenden künstlichen Theorien und Vorschriften, wie sie zumal das spätere Mittelalter hervor- brachte, bis herauf zur jüngsten Zeit, die er kennzeichnet durch die Ucbcrschrift des letzten Kapitels:„Musikalische Logik". Daß er in den späteren kürzeren Theilen des Buches sich bemüht, seine eigenen Standpunkte historisch zu begründen, war vorauszusehen; daß eine seiner Lieblingsidcen, das— kurz gesagt— Hinablonstruiren der Molltonleiter, auch nur genügendes Material des Beweises ge- funden habe, möchten wir bezweifeln; daß die Darstellung nicht recht übersichtlich ist, weil sie aus dem reichen Stoff die Er- gebnisse nicht genügend hervortreten läßt, dürfen wir jedenfalls be- dauern. Das strenge Festhalten an dem rein theoretischen Thema schließ- lich in allen Ehren; ob aber die große, weit klaffende Lücke, die unsere gesammten geistigen Interessen durchzieht: der Mangel einer Theorie und Geschichte des Unterrichts in Wissenschaft und Kunst, hier nicht doch einige Beiträge zu ihrer Ausfüllung hätte bekommen kömien, überlassen wir dem Verfasser zur eigenen Erwägung.— Geschichtliches. — Die Flugschriften über die französische Re« volution, die im Britischen Museum aufbewahrt werden, find neuerdings geordnet worden. G. K. Fortescue hat, wie die „Voss. Ztg." berichtet, ein genaues Verzeichniß aufgestellt und so eine wichtige Vorarbeit für die Geschichtsschreibung der französischen Revolution geliefert. Auf diesen flüchtigen, bedruckten Papieren, die sich wie eine Fluth zwischen 1789 und 1799 aus Paris und anderen Städten, theils öffentlich, theils im Geheimen über die Welt ergossen, sind die wechselnden Schicksale der großen politischen und sozialen Umwälzung buchstäblich Tag für Tag aufgezeichnet. Es war längst bekannt, daß das Nationalmuseum in Bloomsbury eine voll- ständige Sammlung dieser Drucksachen besaß, die, Duplikate ab- gerechnet, sich auf 43 579 Stücke beziffert und nun von ForteScue geordnet worden ist. Sie füllt 1961 Bände, während die 22 761 Drucksachen ans der englischen Revolution 1933 Bände beanspruchen. Die französischen Flugschriften stammen aus drei Sammlungen, wo- von die erste und größte, wie wir aus einem Brief John W. Crokers erfahren, von einem alten Buchhändler, Namens Colin, gesammelt wurde, der Marat's Drucker und Verleger war und in seinem Dach- stübchen besonders die in den ersten Jahren der Revolution ge- druckten Flugblätter aufspeicherte. Marat's eigene Erzeugnisse und die von Colin selbst gedruckten waren weniger zahlreich vorhanden, weil es Zeiten gab, wo es mit Lebensgefahr verbunden war, dergleichen zu besitzen. Diese Sammlung wurde 1817 von den Truftee's(Ver- Wallern) des britischen Museums auf I. W. Croker's Rath angekauft. Croker selbst fing in jenem Jahre an, alle auf die Revolution bezüg- lichen Drucksachen anzukaufen, und diese ergänzenden kleinern Samm- lungen gingen 1831 und 1356 in den Besitz des Museums über. Daß die Kenntniß von diesen Schätzen damals nicht in weitere Kreise drang, erfährt man aus der Aussage Thomas Carlyle's, der vor der Royal Kommission 1849 erklärte, daß er nur durch den Zufall von dem Vorhandensein dieser werthvollen Schriften erfahren habe; aber ohne Verzeichniß seien sie von keinem Nutzen für ihn gewesen; es wäre ebenso klug gewesen, sie in wasserdichte Kisten zu verschließen und ins Meer zu versenken, wie sie im britischen Museum aufzubewahren. Diesen Vorwurf hat nun daS Museum von sich beseitigt, denn Fortescue hat den Bänden ein Ver- zeichniß von 48 Seiten beigefügt, das den Schlüssel zu den Schätzen abgiebt. Viele tausende der Flugschriften trugen kein Datum; daher war die chronologische Ordnung keine leichte Sache. Der Flugschristen über die französischen Besitzungen in Westindien sind 1399, sie füllen 92 Bände, lieber den Jakobinerklub besitzt das Museum 771 Flugschriften, über Robespierre 145.— Kulturgeschichtliches. — lieber die kulturgeschichtliche Entwickelung de? deutschen Hauses sprach Robert Mielke im„Verein für die Geschichte Berlins". Räch einem Referat der„Voss. Ztg." ging er von der Bedeutung des Herdes bei den alten Deutschen aus, um den die junge Frau vor der Besitzergreifung dreimal herumging und der mit dem erhöhten Sitze den Kern des Hauses bildete. Von der einfachsten Forni desselben entwickeln sich im Laufe der Jahrhunderte mehrere ganz verschiedene Typen des Grundrisses, nach dem sich die Stämme leicht von einander unterscheiden lassen. Zur Zeit der Völkerwanderung glich das Haus etwa dem sächsischen Bauernhause, wie es sich in Westfalen, Hannover und Oldenburg noch findet. Auch die gekreuzten Pferdeköpfe auf der First find ein uraltes Wahrzeichen. Obwohl die innere Einrichtung des Hauses bei den Skandinaviern, den Franken und Gothen stammesartliche Abwandlungen zeigt, haben sie übereinstimmend im Anschluß an den Wohnraum Stall und Scheune, vielleicht auch schon eine Art Arbeits- oder Spinnftube für die Frauen. Lang und rechtwinkelig umschlossen die Block- oder Fachwerkwände den einzigen großen Raum, der nur durch Thür und Rauchloch im Dache Luft und Licht erhält. Der Bischof Venantius Fortunatus von Poitiers, der eine längere Moselreise ausführte, hat das deutsche HauS seiner Zeit in einem Gedichte besungen, das also anhebt: Weichet ihr Wände, aus steinernen Quadern gemauert, ich ziehe Wegen des Meisters Geschick vor Euch den hölzernen Bau. Trefflich wahren vor Wind und Wetter getäfelte Stuben Wo nicht klaffenden Spalt duldet des Zimmermanns Hand. Zur Zeit Karl's des Großen entstehen Wirthschaftshöfe, die eine selbständige Trennung nach Wohn- und Wirthschaftszwccken auf- weisen und dem eigentlichen deutschen Hause eine höhere Stufe sichern. Für das Leben im mittelalterlichen Hause war in kultureller Hinsicht die Theilnahme der Frau an den geselligen Zusammen- künften von größler Bedeutung; doch behält neben den sonstigen Räumlichkeiten auch dann die alte große Halle ihre herrschende Stellung. Dafür sprechen kleinere Burganlagen, deren Grundzug auch bei den Palästen zu Goslar, auf der Wartburg und bei der Burg Dankwarderode sich nur reicher entwickelt findet. In den älteren Städten, deren Bewohner ftüher Ackerbau trieben(wie z.B. in Münster und Köln), wuchs sich das ursprüngliche Bauernhaus mit — 216— der Zeit zum Biirgerhnuse aus, desien behaglicherer Anlage und freierer Gestaltung die Zeiten der Renaissance und der Reforination mit einer lebensfrohen und offenen Auffaffnng zu gute kamen.— Astronomisches. ie. Was zur Entdeckung eines Kometen gehört, schildert der bekannte amerikanische Kometensucher William Brooks in der Monatsschrift„Populär Science". Ein tüchtiger Kometen- sucher muß für seine Arbeit geboren sein, und keine Erziehung kann den Mangel an Begabung ersetzen. Seine Untersuchungen stellen die höchsten Änfordenmgen an Sinue und Geist. Sorgfalt und unbeirrte Ausdauer, verbunden mit einer hingebenden Liebe an seinen Beruf, sind für ihn im höchsten Maße erforderlich. Zunächst muß der Kometensucher ein gutes Auge besitzen, eine Netzhaut, die genügend empfindlich ist fiir die Entdeckung außerordentlich feiner ver- schwommener Gegenstände. Hat die Natur ihm diese Gabe verliehen, so muß das Auge durch dauernde Hebung und sorgfältige Erziehung immer weiter verschärft und verbessert werden. Diese Forderung mag wunderbar klingen, aber auch das Auge kann zum Gebrauch für bestimmte Zwecke erzogen, gleichsam trainirt werden, ebenso wie das Ohr für die Musik erzogen werden kann und muß. Es giebt aber noch weit feinere Unterschiede für die Augen der Astronomen, als nur diejenigen zwischen guten und schlechten Augen. Dieser Astronom hat ein besonders gutes Auge für die Auflösung von sehr dicht zusammenliegenden Gegenständen und kann infolge dieser Begabung Doppclsterne erkennen, die von anderen Beobachtern nur als ein einziger Punkt wahrgenommen werden, ein anderer Astronom hat einen ausgezeichneten Blick für die feinen Zeichnungen, die das Fernrohr auf der Oberfläche der Planeten enthiillt. ein dritter ist fiir die Entdeckung außerordentlich zarter Nebelinassen am Himmelszelt besonders geeignet. Brooks selbst veranschaulicht die Wahrheit dieser Thatsachen an einem Beispiele aus seinem eigenen Leben. Eine der wichtigsten Kometen-Entdecknngen, die ihm be- schieden waren, war der Fund des Kometen von 1812, der nach seinem damaligen Entdecker den Rainen Pons führte und 1883 durch Brooks wieder aufgefunden wurde. Dieser Komet war zur Zeit seiner Entdeckung der am schwächsten sichtbare Himmels- körper, den der berühmte Kometensncher je beobachtet hat; er war in der ersten Nacht, als das Auge des Astronomen auf ihn gelenkt wurde, ein bloßer Fleck auf dem dunklen Himmelsgewölbe. Er nahm langsam an Helligkeit zu und wurde schließlich so glänzend, daß er schon mit bloßem Auge gesehen werden konnte, und doch hatte ihn lein Besucher der Sternwarte in den ersten Nächten nach der Entdeckung überhaupt wahrzunehmen vermocht, obgleich er mitten in dem Gesichtsfelde des Fernrohrs fich befand. Dabei muß noch in Betracht gezogen werden, daß naturgemäß ein Gegenstand weit leichter zu erkennen ist, wenn man auf ihn bereits aufnierksam gemacht wurde, als wenn man ihn als erster sicher warnehmen soll. Der Astronom, der sich in einem so ausgezeichneten Besitz befindet, muß mm aber sein Auge auch hüten, wie ein Kleinod: er darf es keinem zu starken oder blendenden Lichte aussetzen und sich nicht den Uebermuth gestatten, einmal geradezu in eine elek- irische Bogenlampe oder gar in die Sonne hinein zu sehen; durch eine einzige Ueberschreitung dieses Verbotes könnte er seine empfind- liche Netzhaut für die feinen Beobachtungen, denen sie zu dienen fiat, untauglich machen. Ueberhaupt soll er sich von solchen Arbeiten ern halten, die dem Auge eine besondere Anstrengung zumuthen, also namentlich von Sonnenbeobachtungen, trotzdem solche stets unter Anwendung von dunklen Schutzgläsern geschehen. Brooks hat daher, falls er einmal solche Beobachtungen nicht vermeiden konnte, stets nur sein linkes Auge dazu benutzt, um sein rechtes, das ohnehin das bessere war, für die Entdeckung von Nebeln und Kometen aufzusparen. Es ist selbstverständlich, daß die Ansivahl des Fernrohres bei der Jagd auf Kometen von wesentlichem Einfluß ist. Das Instrument muß ein ziemlich großes Gesichtsfeld, eine kurze Brennweite und eine nicht zu starke Per- größernng besitzen. Daneben ist es aber von großem Vortheil, ein Fernrohr mit starker Vergrößerung zur Verfügung zu haben, um vor Täuschungen gesichert zu sein, denn oft kann erst durch ein größeres Instrument festgestellt werden, ob ein schwach leuchtender Fleck am Himmel wirklich ein Komet ist oder vielleicht ein Stern- nebel oder ein Sternhaufen. Während der Arbeit muß der Kometen- sucher äußerst sorgfältig und vorsichtig verfahren und darf nicht zu schnell über den Himmelsraum, den er gerade unter dem Fernrohr hat, hinweggleiten. Er muß gleichsam leine ganze Aufmerksamkeit in das Auge verlegen, denn ein kurzes Abschweifen seiner Gedanken kann genügen, um den Himmelskörper, nach dem er Monate und Jahre lang ausgeschaut hat. durch das Gesichtsfeld seines Fernrohrs vorüberziehen zu laffen, ohne daß er ihn wahrnimmt.— Technisches. Einen Schlafwagen dritter Klasse wird die schwedische Staatsbahn versuchsweise einrichten lassen. Die Idee dazu gab ein Ingenieur in Rußland, das fich in dieser Beziehung als Fortschrittsland zeigt; beim dort sind Schlafwagen dritter Klasse bereits in Betrieb. Diese Wagen werden durch einen Längsgang in zwei Reihen Halbknpees mit doppelten Bänken, jede für zwei Per- sonen, aetheilt, und mittels entsprechender Einrichtungen können für die Paffagiere jedes AbtheilS Schlafeinrichtungen geschaffen werden. Em derarttger Schlafplatz kostet auf den rüfsischen Bahnen etwas über drei Mark. In Finland find seit Mai 1898 gleichfalls Schlaf- wagen dritter Klasse m Betrieb, man kann in denselben sür etwa 1,50 M. Kissen, Decke, Handtuch und Seife bekommen.— — Die kleinste Uhr der Welt. Eine Uhr von un- gewöhnlicher Kleinheit hat der Mechaniker P. Ditisheirn in dem be- rühmten Hauptort der Schweizer Uhrenindustrie La Chaux de Fonds angefertigt, ivelche nicht nur ihrer Kleinheit, sondern auch des Um- standes halber Interesse verdient, daß man an ihr beobachten kann. wie sie der Grenze, bis zu welcher kleine Uhren überhaupt gang- fähig bleiben, bereits ziemlich nahe steht. Das Werk hat einen Durchmesser von 6,75 Millimeter und wiegt 96 Zentigramm. Die Hemmung wiegt nnr 3/4 Milligramm, die Unruh-Spirale, deren Durchmesser 1,78 Millimeter ist, wiegt nur Vio Milligramm, ist also selbst auf empfindlichen chemischen Waagen nicht mehr mit Sicher- heit zu tvägen. Der äußere Durchmesser des Zylinders ist 0,36, seine Wandstärke 0,03 Millimeter. Die Unruhe wiegt 1,875 Milli- gramm. Die Uhr geht. Ivenn sie frisch geölt und gereinigt ist, 28 Stunden, sobald aber das Oel dicker wird, verringert sich die Gangdauer auf 16 Stunden. Es giebt theoretisch eine Kleinheitsgrenze, jenseits welcher eine gehende Uhr nicht mehr herzustellen ist. und zwar deshalb, iveil die Reibungslviderstände schneller zunehmen, als die Größe der Uhr und die Kraft ihrer Feder, welche dazu im Verhältniß stehen muß, abnimmt. Bei einer gcwiffe» Kleinheit wird eine Uhr mit einem sehr dünnflüssigen Schmieröl noch geraoe gehen. durch die geringste Verdickung desselben aber zum Stillstand gebracht werden.— Humoristisches. — Augenfällig. Zwei Frauen rühmen einander die Vor- züge ihrer Männer und geralhen dabei in Eifer.„O, mein Mann", sagt schließlich die eine,„ist überhaupt eine groß angelegte Natur— schau'n S nur seine Ohrwascheln anl'— — S t a r k e r T a b a k.„... so, Sie haben da ans Ihrer Reise Krokodile.geangelt'?!" -Ja I" „Aber Ivos nahmen Sic denn da statt der Regenwürmer?" „O ganz einfach:„Klapperschlangen!"— — Rache. Sepp!(den der Herr Lehrer verhauen hat): „Groß möchf i jetzt sein— und Kirchweih sollt' sein— und der Herr Lehra sollt' auch Hinkomina— und i könnt' mit ihm raufen I"— („Mcggeud. hum. Bl.") Notizen. s. Der bekannte Schauspieler Hermann Müller vom Deutschen Theater hat sich am Mittwoch Vormittag er- schössen.— — In L u n e v i l l e ist der Schriftsteller Emile Erckmann, die zweite Hälfte der Firma Erckmann-Chatrian, im 77. Lebensjahre gestorben.— — Agnes S o rm a wird im nächsten Jahre für einen vollen Monat dem„Lessing-Theater" als Gast angehöreir. Im Mittelpunkt ihres Gnstspielrepertoirs wird ein neues zum Thcil in der diplomattschen Welt spielendes Lustspiel von Oskar Blumenthal stehen, dessen Hauptrolle sür Frau Sorma bestimmt ist.— Arme Sorma l— — Im Münchener Schauspielhause wurde das Schau- spiel„Hildegard Scholl" von Engen Croissant und Bernhard Westen berger mit Erfolg anfgeführt.— — Die Oper„Der Richter von Zalamea", Text von Vittor Blüthgen, Musik von Georg Jarno, hat bei der Erst- auffühnmg in Breslau gefallen.— — Professor Dill, der Präsident der Münchener Sezession. hat einen Ruf an die Karlsruher Akademie angenommen.— Büchcr-Einlauf. — E rn st Kreowski, Schlagende Wetter. Soziale Gedichte. Bamberg. Verlag der Handelsdruckerei.— — Henrik I b s en' s d ramatis ch e Werke, heraus- gegeben und übersetzt von Wilhelm Lange. Band I. G e« s p e n st e r. Berlin, Hugo Bermühler. Bessere Ausgabe 1,20 M. brofch.— Volksausgabe 30 Pf. brosch.— — Gurt Michaelis, Euphorion. Eine Liebestragodre. Erlangen, Kommisfions-Verlag von Fr. Junge.— — Theodor Lessing. Zwischen den Schlachten. Zürich, I. Schabelitz. 60 Pf.— — Robert Eysler, Klein Geld. Sttzzen. Dresden und Leipzig. E. Pierson's Verlag.— — Ernst Clausen, Freimüthige Bekenntnrsse. Mahnwort und Warnungsruf für das gebildete Deutschland. Berlin. F. Fontane u. Co. 2 M.— — Henry Wenden, Gott ist allgütig und weise! Ein Mene Tekel. Zürich. I. Schabelitz. 80 Pf.— — Dr. Wilhelm Langer, Was mutz man von der Astronomie wissen? Berlin, Hugo Steinitz Verlag. 1 M.— — I. Bettelheim, Wie wird man ein guter Redner? Berlin, Hugo Steinitz Verlag. 1 M.—__ KeMtwMjichkr Siedajtttu: Bugust Jaeobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.