Anterhallungsblatt des Dorivärts Nr- LS._ Freiwg. den 17. März. 1899 (NmtzdruS verboten.) w Dss Vluk. Roinan von I. I. David. Die Eheleute wagten nicht mehr zu hadern ml! einander, und dennoch war das Bedürfnis danach immer noch rege in ihnen, desto stärker sogar, weil der Stoßballen zwischen ihnen, weil diejenige fehlte, an der sie sonst ihre Uebellaune büßen gekonnt. Aber sie fürchteten sich wahrhast vor einander und vor sich selbst. Denn sie wußten: der erste Streit mußte ent- seht ich ernst und von Folgen sein. ,mn jener Schlag, den Rupert in GabrieKm's Gesicht gethan, in der Seele ihrer Pstegemutter brannte, wie damals ini Angefichte der Unseligen. Er kannte sein Weib, und ihn täuschte ihre Ruhe nicht; er allein per- stand auch die Unrast in der Arbeit, die sie mumtehr bekundete. Sie wollte sich übertäuben, sich hinweghelfen über die Zeit, in der sie die Spuren dersolgte, die allein sie zur Klarheit darüber führen kormtcn, was sich in jener Nacht begeben. Znsolange sie aber nicht selbst die letzte Ursache davon ergründet hatte, galt sicherlich er ihr für den Schuldigen und den Zahlenden; denn sie pflegte nicht ins Unbestimmte hinein ihre Gefühle oder Pläne zu stellen. Sie hielt sich ans That- sächliche, erwog lange vorher, was in einem bestimmten Falle zu geschehen habe, und that es dann �sicher und ohne Bedenken. Das hatte er oft an ihr bestaunt, da es noch ihm mit zu gute gekommeu; nun. wo es sich gegen ihn kehren konnte, erfüllte es ihn fast mit Bangen, und er ersehnte die alte Zeit herzhaften Streites, verwünschte, die ihn darum gebracht, verlor ein gut Theil seines Behagcits am Leben. seines Muthes und seiner Sicherheit dieser verschlossen sinnenden Frau gegenüber, die ihn so noch unbedingter beherrschte. denn je zuvor. Sie aber tappte immer noch in der Verworrenheit. Umsonst hatte sie Gabnelens Schränkchen durchforscht; nichts fehlte, mir die wenigen Gulden, die sie vielleicht erspart haben konnte, die geringen Kleinodien, die sie gelegentlich zum Geschenke erhalten. Die Ordnung darin war nicht ganz so, wie sie sein sollte, und Frau Salome er- zürnte sich ein lvenig darüber, selbst über den leichten Sinn, mit dem Gabriete sich zur Flucht gewendet hatte. Denn sie konnte von Dingen, deren ein Mädchen immer bedarf, kaum so diel mitgenommen hoben, als was sie deguem in der Hand tragen konnte. Aber kein Brief, kein Zettelchen, das ihr einen Faden an die Hand gegeben hätte, fand sich. Sie durchsuchte die Taschen ihrer Kleider— vergebens. Sie blätterte ohne alles Ergebniß in der Bibel der Bcrschwundeneu; denn es war immerhin möglich, daß sie darin ein Blättchen versteckt und vergessen hatte. Rur die Veilchen lagen im Bilche, und ob sie gleich zu Anfang auslodern wollte über eine solche Entweihung des Wortes Gottes, das nach ihren Begriffen nichts mit Weltlichem gemein haben durfte, so zwang sie sich doch imd warf die Blumen nicht fort. Vielleicht waren sie ihr zugetragen worden, war der zu erforschen, der ihr diese heimlichen Liebesbeweise zugesteckt. Und etwas wie die behutsame Klugheit eines Jägers, der ein seltenstes Wild deschleicht und sich ängstig hütet, auch nur eine noch so leise Fährte zu verwischen, lebte iu diesen Tagen in ihr, mährend dieses Suchend und Erwägcns, das ihr so aufregend und peinvoll war. daß sie noch keine gleiche Zeit durchgelebt zu haben glaubte; und so ward ehr Gedenken an die Flüchtige immer frischer und lebendiger. Auch sonst noch wußte sie selbst ans der Ferne an sich zu gemahnen. Briefe von ihr kamen; sie wurden ivohl cm- genommen— Salome kannte die ängstliche Hand, die ihre Buchstaben inuncr in len gleichen, sauberen Kindcrzügen hinmalte und , eicht Festigkeit gewinnen wollte, so lange ihre Eiguerrn lebte. Eröffnet aber winden sie nach dem Ersten nicht mehr; der erhielt , leben einigen Aorten des Abschieds nur die Mittheilung, daß sie sich einer Kunstteiter-Gesellschaft angeschlossen habe, über den Grund ihrer Flucht aber nichts. Wozu also erst lesen? Der Poststempel allein sprach beredt genug für Frmi Salome. Nickst zweimal war er der gleiche; aus keiner mir irgend größeren Stadt kam er. Daß Gabriele überhaupt schrieb, war ihrer argwöhnffchen Tante Beweis genug dafür, daß es ihr übel ging; für ein reheloses Leben zeugte der stete Wechsel ihres Aufenthaltes. für die dürftige Kläglichkeit der Truppe, zu der sie ererbtes Blut hingeführt, die Kleinheit der Orte, in denen sich die umtricb. Sie vernichtete aber mich keine der Zu- schrfften, sondern sie that sorgfältig geordnet zur Bibel und zu den übrigen Erinnerungen an Gabriele, die sie verwahrte, was ihr immer von der Schweifenden zukam. Das Wichtigste darunter hatte ihr freilich der Zufall in die Hände gespielt; sie hatte den Schlüssel zum Herzen und der Seele des Mädchens in ihrem Besitze und wußte ihn da- mals dennoch nicht zn gebrauchen. Man hatte— ein fruchtloser Versuch, der von Zeit zu Zeit wiederholt wurde— den Himmelteich wieder einmal ausgefischt. Sie überwachte die Arbett der Männer, die— eine große Beängstigung für zahlreiche Frösche— mit mächtigem Ge- schrei, in Booten sitzend, ihre Netze durch das stille Wasser schleppten, und stand dabei vor Gabrielens hohler Weide, von der aus man ganz vortrefflich das Brauhaus selbst wie den Weiher vor Augen hatte. Das ganze Lärmen war, wie immer noch, verloren, und wie sie sich uim, ärgerlich genug, wendete, da fiel ihr Blick in die Höhlung des Stammes. Das Wurmmehl und der Moder der Jahre deckten den Boden; sie fieß heftig mit dem Fuß darein. Ei» Stäuben erhob sich, und sie bückte sich erbleichend; ihr scharfes Auge hatte Spielzeug unter dem Wust erspäht. Sie hob es auf; eine Docke, von deren Wangen der Regen längst die letzte Farbenspur verwaschen hatte, eine Klapper langte sie hervor, und ihr rascher Geist überflog, wem diese Dinge einmal geeignet haben könnten. Sie wußte kein Waisenkind, kein verwaistes Heiz im Dorfe — wenn nicht eines... Und die Sachen sorglich bergend. trug sie diese ersten Spuren einer Heimlichkeit von der sie auch nicht die leiseste Llhnung gehabt, heimwärts, that sie zum Ucbrigen, cttvog. was ihr Sinn und ihre Deutung sein möge in der unheimlichen Stille ihres sich mehr und mehr umdüsternden Gcmüthes, dem sachte Alles nur Bezug auf Eines gewann.... Sie hatte früher gor kein Auge und kein Verhältrnß zu ihrer Umgebung gehabt. Die wurde ihr mit einem Male wichtig. Sie bemerkte, daß der Franz Rüttcmanu plötzlich nicht mehr unter den Nußbäumen erschien, wenn er sonst im Sommer keinen Abend darunter gefehlt hatte. I« den ersten Tagen war er allerdings ganz auffällig um das Hmis gestrichen, dessen glaubte sie sich zu entsinnen, wie dessen, daß die Marie in jener Zeit überaus bänglich und bc- fangen und kaum ans Fenster oder auf den Hof zu bringen gewesen war. Dann war er verschwunden, imd das Mädchen erschien fortab wie befreit und nur von einer sonderbaren Frömmigkeit erfüllt, die selbst Frau Salome über- trieben erschien. die sonst, ihrer Behauptung nach und weil sie selber durchaus gläubig war, wohl auch in Wahrheit in dem Punkte etwas vertragen konnte. Es hielt jeden Fasttag und schiff sich durch häusiges Beichten neue; es betete mit ungemeiner Innigkeit und laut, benutzte jeden freien Augenblick, um in die vtadt zur Kirche zn gehen, da im Dorfe kein katholisches Gotteshmis war, und vernach- lässigte sogar seine Pflichten darüber. Sonst wäre Frau Salome in einem solchen Falle sonder allen Zweifel darein- gesahren; hier cutwickelte sie eüie unerhörte Geduld. Ihr war, als bestünde irgend ein Zusauunenhailg zwischen Gabrielcns Flucht, des Franz Rüttemann Fernbleiben und der Gott- innigkeit der Marie. Welcher Art das sein konnte? Das war ihr freilich ein Räthsel; aber der Glanben stand ihr fest, und so bevorzugte sie die junge Hausmagd in jeder Weise, tvar mild und nachsichtig ihr gegenüber und harrte mit stiller Spannung, ob uiid wann die cm Wort und ein Vertrauen ihr gegenüber gewinnen werde. Eine harte Geduldprobe hatte die harte Frau zu be- stehen. Der Sommer ging darüber hin, es kamen die langen, öden Herbftabende, die ihr nur zu viel Gelegenheit zum ©innen und Nachdenken boten, ehe die Marie ungerufen an die Thür der Wohnstube pochte. Einen Augenblick lang dachte Frau Salome, das Gleiche stihre sie zu ihr, was so Viele ihrer Vorgängerinnen schon in dieses Zimmer geführt, und wollte zornig verzagen. Aber ein Blick cnff das ruhige und gefaßte Wesen des Mädchens belehrte sie ihres Jrrthums, und so erhob sie sich vom Sessel und brannte darauf, tvas ihr wohl verkündigt würde. «Ich kotume der Frau aufsagen und ihr danken für alles Auit'. und sie bitten, ob ich nicht gleich diufte gehen," begann die Magd ohne jede Einleitung. Salome nestelte ihren Schlüsselbimd von der Hüfte und hielt ihn in der Hand: „Und warum willst Du fort? Du hast's gut genug bei uns gehabt, so viel ich weiß." „Ich hab's gut gehabt und Hab' mich auch schön bedankt dafür," entgegnete die Marie.„Und wenn ich nicht niehr hier bleiben will, so ist's kein Grund, als weil ich ein weites Gehen vor mir habe-und nicht weiß, ob ich zurückkomme, und gar nicht kann verlangen, daß mir der Dienst aufbehalten wird so lauge, wo man Mädchen bekommen kann, wie viel man will." „Und wohin mußt denn? Ich möchte Dich gern behalten. weil ich Dich gut leiden und brauchen kann." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verdotcn.) Jungen-Mebe. Von A. F endlich. Ich war damals siebzehn Jahre alt und Obersekundaner; es war gerade Palmsonntag und ich trug in der Tasche mein Zengnitz, in welchem ein„Ungenügend" für Mathematik und ein „Kaum genügend" für lateinischen Stil prangte. Als die peinliche Angelegenheit meines Osterzeugnisses durch eine wohlgemeinte Rede meines Vaters ihren Abschluß geflmden hatte, packte ich mein Ränzel, um— wie alle Jahre um diese Zeit— ins„Ried" zu gehen. Das„Ried" ist eines der gesegnetsten Gefilde der badischen Rhcinebene, im Westen bespült von den grüen Finthen des Rheins, im Osten bewacht von den dunkeln Vorbcrgen des Schivarzivaldes. Schöne große Dörfer liegen dort zwischen fruchtbaren Feldern, sanfte» Rcbhügeln und hellen Buchenwäldern und lange, auf beiden Seiten der Bäche gcpflanzte Pappelalleen durchschneiden die fetten Wiesen. Früher, bis zu meiner Konfirmation, hatte ich in den Osterferien immer die Mission, in den vier oder fünf Rieddörfern, wo ich der Vettern und Basen die schwere Menge hatte, den Osterhasen zu jagen. Bei den näheren Verwandten hatte es dann immer 1 bis 2 Dutzend Haseneier(Hühnereier) und 1 Fuchsei(Gansei) gegeben imd bei den entfernteren Verwandten 6 bis 12 Haseneier und 1 Bretzel. Aber das war früher I Fetzt hatte ich andere Ideale, als Körbe voll Eier von der Osterhascnjagd nach Hause zu bringen und zwei Monate lang wöchentlich zweimal Nudeln oder sonstige Eier- und Mehlspeisen zu essen. Ich hatte in den Stunden, wo ich hätte Mathe- matik u. s. w.„schaffen" sollen, Goethe gelesen, und zwar„Wahrheit und Dichtung" und besonders alles, was ich über seine Straßburger Zeit in die Hände bekommen konnte. Der canä. zur. Goethe, wie er in dem alten Straßburg herumrumorte, daß ihm die Leute auf der Straße nachsahen, der sich Morgens auf Klinger's Zimmer am Boden wälzte und sich vor Wonne die Haare raufte, und Abends mit der Pfarrerstochter von Sescnheim im Mondschein promenirte— das war mein Ideal I Vor allem aber war die Friederike selbst mein Ideal, und ich hatte mich regelrecht in sie verliebt, in die hübsche Pfarrers- tochter mit den schweren blonden Zöpfen; und auf den Goethe war ich oft eifersüchtig, und wenn ich gar dachte, wie er das liebe arme Mädel so elend sitzen gelassen, dann wurde ich wüthend und fand, er sei eigentlich doch ein ganz gewöhnlicher Mensch gewesen, dieser e»nä. zur. Goethe I... Und nun wollte ich in's Ried gehen und zlvar nach Meissen- heim, weil dort die kleine Friederike begraben liegt, und Volkslieder- studien wollte ich auch machen— gerade wie Goethe I Aber von alledem sagte ich meiner Mutter nichts, als sie meinte, die Eier könnt' ich diesmal auch wieder mitnehmen, wenn ich jetzt auch ein »Student" sei. Es war ein wunderschöner FrühlingSmorgen, als ich, mit dem Ränzel auf dem Rücken und einem Reclambändchen von Goethe's Gedichten in der Tasche, aus meinem Heimalhstädtchen zog. Ein blauer Schimmer lag über der ganzen Natur, die braunen, feuchten Schollen srischgepflügtcr Felder glänzten in der Sonne, und in langen Rechtecken wechselten die grünen Töne der jungen Winter- saat; ein wolkenloser Frühlingshimmel spiegelte sich im rauschenden Fluß bor der Stadt, dessen Wellen den überhängenden mit silbernen Kätzchen geschnuickten Weiden noch bom Schnee tm Schwarzwald erzählten. Da und dort blühte schon ein ungeduldiger Strauch, Lerchen hoben sich aus den nassen Feldern, und durch die reine Morgenluft ging ein leises Klingen von Aufersteh'n und Liebe. Und ich war so glücklich, ach so glücklich, wie man es nur mit 17 Jahren sein kann! Und es störte mich nicht im geringsten, daß meine Liebste, die ich besuchen wollte, nun bald seit 100 Jahren im Grab lag I— Vorbei ging ich an Wäldern mit leuchienden Birken- stämmen, an grünenden Matten und Feldern und an Dörfern mit kleinen dicken Possirlich dreinschauenden Kirchthürinchen, und mir war's oft, als ob die Thürnichen mit ihren dicken Köpfen wackelten und mir zulachten. Ich fing an zu phantasiren und erwachte aus meinem Friihlingstaumel erst, als ich beim Vetter und der Base in Meissenheim in der Stube hinterm Tisch saß und mir der Duft einer Kachel voll Speckeler in die Nase stieg. Speckeier, schwarzes Baueinbrot und ein rechtschaffener Landlvein, mit diesen, Gericht empfing die Base Franz immer uns Verwandte ans der Stadt, und es war in der That dazu angethan, selbst einen schwärmerischen Jüngling, wie mich, nach einem 2j stündigen Marsch wieder mit den niederen Regionen dieses Erdendaseins zu ver- söhnen. Ich war noch mit der Vertilgung meines Mahles beschäftigt und beantwortete zwischenhinein die vielen Fragen der Base, wie es zu Hause gehe, was die Mutter mache, ob ich„auf Pfarrer oder auf Advokat stndiren" wolle, u. f. w., als die Thüre mit einem Ruck sperrangelweit aufging und mein Väschen hereintrat, um mich zu begrüßen. Ich weiß nicht mehr recht, was jetzt vorging nur. daß ich plötzlich dachte:„Sapperment, ist 's Meili(Mariele) ein schönes Maidli worden!"— daß ich dann die Speckeicr und die Friederike von Sesenhcim vergaß, und daß, als das Büschen resolut die Thür hinter sich zugeschlagen hatte, es in meinem Herzen ebenfalls„Pang" machte und ich von diesem Augenblick an sämmtliche Symptome irdischer Verliebtheit aufwies. Es war aber auch ein gar zu liebes Mädel! Die krausen, ganz blan- schwarzen Haare legten sich nur widerwillig um die kleine eigensinnige Stirne und sie trug den Kopf stets, als ob sie sagen wollte:„Seht Ihr meine zwei dicken, langen Zöpfe?" Die mittelgroßen dunkelblauen Augen verriet'bcn die kleine Teufelinne, und die Wangen waren roth wie ein Pfirsich. mit ganz feinem Flaum darauf, wenn man von hinten hersah. Der schlanke kräftige Oberkörper steckte in einem schwarzen Mieder, gegen das die junge Müdchenbrust rebellirte, und ein einfacher dunkelblauer Rock reichte ihr bis auf die Knöchel. Nie bin ich wieder in der Liebe so rasch avancirt, wie damals. Am dritten Tag hatten wir uns schon im Futtergang verküßt, am vierten Tag hat mir die Bas' gesagt, ich solle's Meili nicht ganz „närr'sch" machen und am fünften Tag stellte man einen Kasten vor die bereits verschlossene Thür, welche das Gastzimmer, wo ich schlief, von meines Bäschens Schlafkammer trennte. Das war nun wirklich nicht nöthig, denn wir dachten an nichts Böses und wenn wir allein beisammen saßen, da erzählte ich ihr gewöhnlich von Goethe und der Friederike, oder sie mußte mir Lieder, welche die Mädchen im Dorfe sangen, dikttren,— bei welchen Gelegenheiten sie sich zu meinem Aerger gewöhnlich tödtlich langweilte. Dieser begreifliche Mangel an literarischem Interesse bei meinem Schntzchen war es, der mir eines schönen Tages zum Bewußtsein brachte, daß ich ja eigentlich der Friederike und nicht meines Väschens wegen nach Meissenheim gekommen sei, und ich schämte mich fast, daß ich die arine todte Friederike über das lebendige Meili vergessen hatte. Gleich am nächsten Morgen, ganz in der Frühe, schlich ich mich aus dem Hause und schlug den Weg nach der Dorf- kirche ein. Mein Herz pochte laut, und mir war wie einem Vcr- liebten, der das Rendez-vous vergessen hat und nun eine Straf- predigt erwartet. Ucberall an den Bäumen und Stränchern waren in den letzten warmen Tagen die Blüthen hervorgebrochen. Der stille alte Fried- Hof prangte in weißem Blüthenschmuck, über den Gräbern lagen grüne, mit taufenden von Maßliebchen durchwirkte Grasteppiche. Mit einem Schlage ergriff mich wieder der Zauber meiner knabenhaften Liebe für die zarte Gestalt der längst gestorbenen Pfarrerstochter— sie, die ich so schnöde vergessen hatte, war auf einmal wieder lebendig geworden, und eS hätte mich gar nicht gewundert, wenn ich sie plötzlich hinter einem Kreuz oder einem blühenden Strauch vorüberschweben und mir zulächeln gesehen hätte. Ein kleiner, auf beiden Seiten mit Tannen bepflanzter Fußweg führte mich zu ihrem an der Mauer der alten Dorskirche liegenden Grabe. Nie Hab' ich wieder ei» so schönes Grab ge- sehen, so hübsch, so jungfräulich und fast kokett, wie ein reines jungfräuliches Bett, mit einer Decke von Veilchen und weißen Primeln. Und oben in dem einfachen, an der Kirchenmaner anlehnenden Grabstein war ein Marmorrelief, Friederikes Büste, eingelassen.— Ich setzte mich auf die kleine Bank neben dem Grab, und sah bald nichts mehr um mich herum als das schöne, kalte, keusche Mannorgesicht, das mich anblickte, lvie mit einem stummen Vorwurf in den großen sternenlosen Augen. Und während ich so dasaß, be- schämt und zerknirscht ob meiner Treulosigkeit, fing plötzlich über mir im Gebüsch eine Amsel an zu singen, zuerst leise klagend, dann lauter und immer lauter. und schließlich stürmisch und wild— ein licbestolles Lied von Glück und Frühling und Jugend. Ich schloß die Augen, um dem kleinen Sänger besser zuhören zu können... Auf einmal, mitten in einer Kantilene, brach die Amsel ab und flog davon, und als ich die Augen aufmachte, da sah ich um den Mund des weißen Marmor- bildes ein ganz leises, trauriges Lächeln, ein Lächeln der Ver- gebung I Sie war mir nicht mehr bös, meine Friederike, sie hatte mir vergeben! Ein unbeschreiblich süßes, unwidersichlicheS Sehnen stieg in meiner Knabenbrnst auf, ein Sehnen, sie zu küssen... Ganz leise, fast ehrfurchtsvoll und doch verliebt, trat ich an das Grab heran, nahm den Grabstein in meine ausgebreiteten Arme und küßte das weiße Marmorbild auf den Mund, und mir war, als ob die kalten Lippen sich wölbten und meinen Kuß erwiderten. Ganz glückselig ging ich heim und fand mein Büschen beim Kaffee; als sie mich fragte, wo ich gewesen, merkte ich, daß ich roth wurde; ich log ihr etwas vor von Morgenspaziergang, literarischem Interesse und Göthestudieu, allerdings ohne großen Erfolg. Denn das Meili war ein gescheidtes Maidli, und obwohl wir uns noch unter dem Tisch beim Essen fast die Füße abtraten und uns in jedem ver- stohlencn Winkel küßten, merkte es doch, daß nicht mehr Wes wie früher war. Es ging nicht lang', da hatte mein Büschen heraus, daß mein täglicher Morgenspaziergang eigentlich ein Besuch des Kirch- Hofs war, und eines Tages fragte sie mich gerade heraus, was ich auf dem Grab der„fremden Pfarrerstochter" mache— man habe mich gesehen I Sie sprach von der fremden Pfarrerstochter wie von jemand, der erst vor einigen Monaten oder einem Jahr gestorben ist. Ich hielt ihr mm wieder einen längeren Vortrag über Goethe's Jugendzeit im Speziellen und iiber Literatur im Allgemeinen, was sie aber keineswegs befriedigte. Zwar sprach sie nie wieder von meinen Kirchhofsbesuchen, aber in ihrem Herzen schien eine stille Eifersucht zu schlafen. Die Osterferien waren bald zu Ende, und ich mußte wieder nach Hause,„auf's Penal". Am Abend vor meiner Heimkehr, als ich mit meinem Büschen hinter dem Hanse das letzte Mal allein zusammen war, meinte sie, indem sie ein ganz nichtsnutziges Schelmen- geficht dazu machte, ich solle ja nicht vergessen, der fremden Pfarrers- tochter noch Adieu zu sagen und ihr einen Abschiedskuß zu geben, worauf ich mit einem trotzigen:„Warum nicht?" antwortete. Am anderen Morgen stand ich nach Vertilgung der obligaten Speckeier mit dem Ränzel auf dem Rücken unter der Hausthür und zog, nachdem ich von Vetter und Base und den Knechten und Mäg- den Abschied genommen, die Dorfstraße hinab. Mein Büschen gab mir auf einige Schritte das Geleite und als ich ihr die Hand gab, da sah sie mich trotz ihrer verweinten Augen mit einem merktvürdigen Schelmenblick an. Endlich schieden wir von einander, und sie ging zurück nach dem Hause zu. Als ich sie nicht mehr sah, schlug ich den Weg nach der Kirche ein, denn ich mutzte noch einmal der' armen Friederike Grab besuchen. Ich machte absichtlich einen Umweg; kein Mensch begegnete nur. Der kleine mit Tünnchen bepflanzte Weg führte mich zum Grabe; aber als ich des Grabsteins ansichtig wurde, blieb ich wie vom Schreck gelähmt stehen. Eine namenlose Entrüstung, aber auch gleich darauf ein überaus elend machendes Gefühl der Beschämung erfaßte mich. Auf dem Munde und den Wangen meiner Friederike prangten drei große Rußflecken, und das sonst so schöne liebe Mariuorgesicht sah mich jetzt mit einem ungemein lächerlichen Ausdruck und einem hilflosen kläg- lichen Blick an. Hinter mir aber hörte ich ein kurzes helles Lachen und als ich nüch umdrehte, sah ich einen schwarzen lustigen Mädchcn- kopf über der Krrchhofmauer, der mir zurief: „Gieb ihr doch einen! Warum nicht?"... Ich fühlte mich furchtbar ernüchtert und stürzte mit einem Schlage aus meiner Schwärmerei für die vor bald 100 Jahren verstorbene Friederike herab. Das drastische Mittel, welches mein eifersüchtiges Büschen gegen die todte Rivalin und gegen mich in Anwendung gebracht hatte, ver- fehlte seine Wirkung nicht der derbe Spaß des jungen frischen Meili hat die zarte gespensterhafte Gestalt der todten Friederike auf immer aus meinem Knabenherzen verscheucht. Ernüchtert und be- schämt verließ ich den stillen alten Friedhof und ließ auf dem langen Heimweg einen der ersten schweren„moralischen" in meiner jugend- lichen Seele austoben.— Und über mir zerzauste ein Frühlings- stürm die weißen Blüthenzweige der jungen Obstbäume und trieb mit den abgewehten Blüthen sein muthwilliges Spiel.— Kleines Fenillekon. ss. Neber die Anpassungsfähigkeit der weihen Rasse an das� tropische Klima hielt Robert Ward auf der Geologischen Konferenz der Harvard- Universität einen Vortrag, der trotz des Vielen, was man in letzter Zeit über diese Frage gehört hat, beachtenswerth erscheint. Die Anpassung an ein neues Klima ent- steht als Ergebniß physiologischer Veränderungen, die in dem Körper des betreffenden Menschen vor sich gehen. Die Erforschung der Akklimatisation geht am besten von zwei Gesichtspunkten aus: einmal von der Untersuchung dieser physiologischen Veränderungen und zweitens von der Erforschung der vorherrschenden Krankheiten, denen zu verfallen der Europäer in dem betreffenden Tropengebiet am meisten ausgesetzt ist. Mit Bezug auf den ersteren Punkt ist die Wirkung der Hitze und der Feuchtigkeit hauptsächlich zu berücksichtigen. Hitze an sich ist nicht gefährlich, sie wird es aber durch Verbindung mit einer bedeutenden Feuchtigkeit. Hitze veranlaßt starke Verdunstung vom Körper aus und reizt daher den Durst. Diejenigen Völker, die daran- gewöhnt sind, ihren Durst mit schweren Getränken zu stillen, werden mehr unter dem Klima leiden als diejenigen, die an unschädlichere Getränke gewöhnt find. Pflanzenkost ist in den Tropen der Fleischkost vorzuziehen. Hinsicht- lich der Diät kann man sagen, daß sowohl im Essen wie im Trinken die Gewohnheiten der Süd-Europäer für das Leben in den Tropen zuträglicher sind als die der Nord-Europäer und im Besonderen auch der Engländer. Zu viel oder zu wenig körperliche Anstrengung ist äußerst gefährlich, ein gewisses Maß davon ist unbedingt uoth- wendig zur Erhaltung der Gesundheit. Die gesundesten Gegenden in den Tropen sind die hoch gelegenen und trockenen Gebiete. Unter den bedrohlichen Krankheiten sind besonders dreierlei zu fürchten: der Hitzschlag, das Gelbe Fieber und die Malaria. Der Hitzschlag steht unter starkein Einfluß der Luftfeuchtigkeit und wird daher ganz besonders durch regnerisches Wetter in Verbindung mit großer Wärme erzeugt. Auch die Malaria, das größte Hinderniß für die Anpassung des Europäers an das Leben in den Tropen, stellt sich mit den Regenfällcn ein, steht aber auch in enger Be- ziehung zu den Bodenverhältnissen. Dos Gelbe Fieber ist insofern etwas weniger gefährlich, als es nur in niederen Gebieten austritt. Es ist berechnet' worden, daß man in den Vereinigten Staaten nur 800 Fuß, in Mexiko 2300 Fuß, in Brasilien 2700 Fuß und in Jamaika 4000 Fuß über den Meeresspiegel hinaus zu gehen braucht, um dieser Krankheit zu entgehen oder ihren tödtlichen Einfluß zu brechen. Die Veränderungen. die das Leben in den Tropen im menschlichen Körper hervorruft, bestehen in einer gesteigerten Athmungsthätigkeit, einem schnelleren Puls, einer Vergrößerung der Leber, Blutarmuth und gelegentlich einem Steigen der Körpertemperatur. Die Statistik der letzte» Zeit hat den Beweis geliefert, daß die sorgfältige Beobachtung gesundheit- licher Matzregeln die Sterblichkeit der Europäer in den Tropen herab- zusetzen vermag und den Weißen das Leben daselbst ermöglicht. Doch tvird selbst eine kräftige Natur, die unter Anwendung der nöthigen Vorficht fast überall in den Tropen leben kann, niemals von den Einflüssen des ungewohnten Klimas gänzlich unabhängig. Ueberhaupt stimnien die Autoritäten bis auf sehr wenige Ausnahmen dahin überein, daß eine eigentliche Akklimatisation der weißen Rasse an den Aufenthalt in der heißen Zone unmöglich ist.— Theater. Mit Hermann Müller schied eine energische schauspielerische Kraft, ein kernhafter Vertreter der mimischen Kunst in Berlin aus dem Leben. Hermann Müller wurde nicht alt; die Jahre der Voll- reife hatte er noch vor sich. Schon frühzeing überraschte der Schauspieler durch persönlich- originelle Züge; das war schon vor Jahren, als er unter dem Namen Müller-Hanno im Schauspielhaus„Charakterrollen" gab. Seine persönliche Art mußte damals umsomehrauffallen, als imHoftheatersonst wenig von origineller und zugleich schlichter Schauspielkunst zu ver- spüren war. Inzwischen ist es im Hoftheater ganz anders geworden. Der Entwickelungsgang des jugendlichen Müller-Hanno erfuhr im Schauspielhaus eine jähe Unterbrechung. Die Sache hängt mit etilem dunklen krankhast- seelischen Kapitel zusammen. Eine ganz merk- würdige geistige Verirrung des Künstlers kam in die Oeffent- lichkeit, und Müller-Hanno mutzte.seine Stellung am Hoftheater verlassen/ Hermann Müller übte seine Kunst dann außerhalb von Berlin und kam als gereister Könner schon an's Deutsche Theater zu Brahm. Hier erweiterte sich erst sein Rollengebiet, das vom Komischen bis zum Tragischen reichte. In Beidem aber schöpfte Müller nicht bis zur Tiefe aus. Das Genialische in, Humor, wie das Hochpathetische in der Tragik schien ihm versagt. Dafür war ihm eine lebendige, realistische Schärfe eigen; ein starker Sinn für das Charakteristische war das Kennzeichen seiner zahlreichen Gestalten. Er liebte es nicht, das Charakteristische nach irgend welcher Seite hin zu vergrößem. Selbst die letzte Rolle, die er spielte, den Berlimschen Wirth aus der Hasenheide in Hirschfeld's „Pauline", die fast jeden der sogenannten BerufSkonuker des Theaters zur Karikatur, einen Schauspieler wie Thomas, vielleicht nur zur wüsten Grimasse verführt hätte, überschritt die feste, treue Naturbeobachtting nicht. Dadurch wurde die Episodenrolle zu einem vollen komischen Charakter, zu einem Meisterstück schau- spielerischer Kleinkunst. Die Schärfe der Beobachtung und die Bescheidenheit in der Wiedergabe des Beobachteten zeichneten Her- mann Müller auch in pathetisch-gestimmten Rollen aus. Wenn er den alten, bösen Maurer Mattern in Hannele's Hinimelfahrt spielte, so wußte er auch im Kraß-Schreckhastcn immer noch die Grenzen des Realen, des Lebendig- Wirklichen einzuhalten.�— Sein schöpferisch-mimisches Talent belvährte sich im llebeigen ebenfalls nach der pathettschen, wie nach der humoristischen Seite hin, selbst wenn es frei-phantastische Erscheinungen zu bewältigen galt. So gestaltete er den elegisch- humoristischen Brunnengeist Nickelmann in Hauptmann's ver- sunkencr Glocke, wie den düster brütenden Ehegatten und Rächer in einem schwülen Stimmungsbild von Hofmannsthal. Hier hätte sein Können vielleicht noch reichere Früchte getragen, wäre das Lebensunglück des Künstlers, seine krankhafte, pathologische Ver- anlagung nicht gewesen. Der sich in der Kunst von allem Ueber- reizten fern hielt, fiel im Leben der Ueberreizung zum Opfer. Ein zerrütteter, von Wahnideen gepeitschter Mann ging der Unglückliche Ein„Berliner Vaudeville"! Das wäre von HauS aus gar nicht übel. Wie der Deutsche seit annähernd einem Jahr- hundert die Gattung des„Liederspieles" besitzt(unser jüngstes Bei- spiel dafür war Koschat's„Am Wörthersee"), so der Franzose seit annähernd zwei Jahrhunderten die des„Vaudeville's"(Haupt-Bei- spiele die vielen Texte von Scribe). Beide Gattungen sind Schau- spiele mit gesprochenem Dialog, aber eingelegten oder eingewebten melodiehaften Gesangstücken; die deutsche Gattung mit Vorwiegen des Gefühls und der Stimmung, die französische mit Vorwiegen des Witzes. Dazu kommt— was leicht daraus folgen kann, aber nicht unbedingt daraus folgen mutz— daß das Licderspiel für die Musik mehr bietet als das SPnttbfbiffe; itK-utgftriTS»crntt man beim ÄufjaJjlai tum Liederspiel«, incist ifit Komponisten, beim Aufzählen von Vaudevilles meist den Dichter sz. Geschichtliches. «K. Ueber das Politische Volkslied zur Zeit der französischen Revolution hielt Aulard in der Pariser Gesellschaft für die Geschichte d« franzöfischen Revolution einen inlcrcffantcn Bortrag: Das poSäsche Volkslied, welche? schon vor der Revolntion in Paris eine ziemlich große Rolle gespielt hatte, gab auch während derselben— ebenso wie die Tribüne»md die Zcitnnge»— den Umschwung der öffentlichen Meinung getreulich wieder, die zwar damals ebenso Ivandelbar war wie heute, die sich aber doch freier offenbarte. Auch der Tod Lndwig XVI. wurde ungestraft in einem royalisnschcn Klagelied besungen. Ab« Haupt- sächlich nach dem Falle RobcspierreS und bei Begiim des Direktorstims schien das politische Volksstcd ein wahr« Spiegel der öffentlichen Meinung üb« die Staatsassären zu sein. Im Jahre 1795 wurde der„Reveil du Pcnple" von Smivigusre tmd Gavcanx impcovisitt und gesimgen, das stch sehr scharf gegen die republikanstchen Deniolratcn wendete, lind nun entspann fich zwiichcn der„Mcrrseillaffc" »nid dein„Rvveil du Peuple' Tag für Tag ein heftig« Kampf; der Geist der Revolntion rmd der Geist d« Vcrgangncheit prallten ailf cuwnder und stritten auf Leben und Tod im Theater toie aus den Straßen. Das Direktorium mußte mit Gewalt gegen die Hetz- lieber vorgehen. 1799 wurde denTheatcrdirektoren durch einen Erlaß v«- boten,„das Mordlied.densogenaimtenRöveildu Peuple" singen zu lasten-, dagegen wurde ihnen befohlen, allabendlich die Lieblmgslieder d« Republikaner, wie„die Marseillaiste, On irs, Veillons an solnt cle Ismpiro und Obsnt.«lu üsport," vortragen zu lasten. Indessen Wurden diese Lieder parodirt, und man applandirte, um sich üb« die Wirkung des Erlasses lnstig zu machen. Run wurden die neuesten Ideen imm« wieder durch Straßen lied« verbreitet. Bon den Ar- beitrru konnten mir die wenigsten lese» und die neuen Glcichheits- ideen wären tvohl nicht so rasch bewimt geworden, wen» nicht ein sozialistisches Lied, das Sylvain Nlavöchal' zmn Berfaster hat, die Gleichheit verherrlicht hätte:„C est ce qui me desoie". Dieses Lied, das den Gegensatz des Arbeiterlebens zum Leben der Reichen sckildert, Ivurde zuerst im Ectaireiw gedruckt, dann als Plakat überall angeschlagen und ans den Straßen gesungen. In den Polizcibcrichten ans jen« Zeit findet man noch oft mit Schrecken die Wirtungen dek �iedeS erwähnt.—_ Physiologisches. o. Die Bedeutung des Speichels für die Vre- dauuug. D« SpaibrI hat ,ncht nur die Bedeutung, daß« trockene Speisen anfeuchtet und dadurch ihre Zerklemermig durch die Zähne erleichtert, fimbaa« vollzieht auch eure sehr wichtige chemische U>m'etz»mg unserer Nahrung. Durch die bloße Berührung mit dem Speichel wird nämlich Stärke in Zucker umgewandelt. Dies ist rare von ganz eminenter Bedeutung darum, weil wir zwar m dem pflanzlichen Thcil uns«« Slahruüg, z. B. in den Kartoffeln. Hülsenftüchten». dgl. m. sehr viel Stärke zu uns nehmen, aber diese Starke für uns völlig unverdaulich ist. Andererseits ist der Zuck« nicht nur gut verdaulich, sondern nuch eines d« wichtigsten unserer Nohrungs, Nittel? ohne den Speichel würde also die ganze Pflanzen- nahruug für uns so gut Ivie nutzlos sein, während sie jetzt zum Aufbau und zur Kräftigung unseres Körpers sehr viel betträgt. Die Fähigkett des Speichels, rarverdauliche Stärke in leicht verdaulichen Zuck« zu verwandeln, nennt man seine diastatische Energie. und neuere Untersuchungen hoben das merkwürdige Resultat ergeben, daß diese diastatffchc Energie nicht den ganzen Tag hindurch gleich groß ist. sondern abwechselnd zu- und ol>«immt. Am größten ist sie früh, unmittelbar nach dem Ausstehen? dam, sinkt sie einige Zctt hindurch und steigt dam, wieder, bis sie gegen die Mitte des Tages em zwettes Maximum erreicht? am Nachmittag siittt sie Wied«, nimmt ab« darauf Wied« zu. mn gegen die Avenddäiirmeruilg nochmals cm Maximum zu«reichen, das aber schwächer ist, als das zu Mittag. Hieraus«kennen wir. daß die Ratnr selbst ttn§ daraus hinweist, im Laufe des Tages drei Hauptmahlzeiten zu»uS zu nehmen: Unmittelbar nach dem Aufstehen das Frühstück, gegen die Msttc des Tages das Mittagsmahl und gegen Abend— aber nicht spät in der Rächt— das Abendbrot, welches ab« nicht so inhalt- reich sei» soll, wie das Mittagesteu— dem, am Abend kam, d« Speichel wenig« Stärke in Znck« urawondeln, als am Mittag.— Humoristisches. — Kinder m u n d.„Ich bin erneu Kopf kleiner als mein großer Brud«, ab« einen Bauch dicker als mein klein« Bruder."— ftIngeud.") — Ans den, Notizbuch eines eiligen Reporters. „Sin Mann, Namens Druck«, ist«mordet nnfgefunden worden. D« Mörder hat die scheichliche That fich« mir des Geldes wegen ver- übt, doch glücklicher Weis« hat Druck« gerade an. Tage vor- h« sein ganzes Geld mif die Sparkaffe gebracht, so dich« nichts weiter als sein Leben v«loren hat."— lieber einen Strnßcnuiifall: „Das rmglückliche Offf« wurde inS Kraickenhaus gebracht, wo sich dn Manu noch jetzt befindet und erfrenkiche Fortiefenitc zur Besserung macht, obgleich er von dem Chefarzt der Anstalt nnd einigen semer erfahrensten Assistenzärzte behandelt wird."— Von einem Schiffsunfall:„Es gelang dem slapitän, von dem sinkenden Schiffe die nahe Küste schnümmcnd zu«reichen und zugleich das Leben seiner Fecm zu retten. ES war bei d« Marinef- B«ficherii»gs- Gesellschaft mit 10009g M. versichert„nd trug eine volle Ladung Zement."— Rotizea. — D« erste Band von Goethe's Briefen an Frau von Stein, heransgcgcvcn von Sldolf Schöll, tvird in dritter, voi, Julius Wahle ergänzter Auflage demnächst erscheinen. Er wird auch sieben bisher nicht veröffentlichte vttder nach Haudzcich- mmgen Goethe's enthalten. Der zweite Band soll zu Weihnachten «scheinen»md wird eine größere Anzahl von Charlottim's Briefen an Goethe enthalten, Von deren Vorhandensein man bisher nichts wußte.— c. Von Gerhart Hauptmauu'S Werken in englischer Ausgabe find zwei neue Bände erschienen: Die„Web«" und die „Einsamen Menschen"(Lonely Lires). Beide sind von Miß Marti Morison übertragen.— — Der Verein der österreichisch- ungarischen Buchhändler in Wie n hat einstiramig die Herausgabe ein« österreichischen Bibliographie befchlosten. Sie wird unt« d« ötcdaftion von Karl Junker von nun ab wöchentlich«sckcinen und vorerst alle deutschen Schriften, sofern fie inuerbnlv der«sterreichisch-ungarischei, Monarchie veröffentlicht werden, umfafirn.— — Die.itoloratursängerii, Regina P a c i n,, die am Mitt- Nwch im Theater des Westens die Rosine im„Barl»« von Sevilla" singen sollte, ist vor Beginn d« Vorstellung plötzlich ob- gereist. Es hat ihr irgend etwas„nicht gepaßt".— — Die erfolgreichste Op«ettc, die je gespielt ivorden, dürfte L e c o q' s„ M a d a in e A n g o t" sein, die selbjt bei ihr« jetzigen Wied«aufnahn,e in Paris wieder die ISO. Anftiihrnng«lebt Hot. Die Operette ist schon üb« zwvlsh uudert Mol n, d« französischen Hauptstadt gegeben»vorden nnd weit mehr als z w a n z i g- tausend Mal auf den Buhnen d« Welt. Sie wurde in vierzehn verschiedene Sprachen übersetzt. Die Einuahmcu, die seitens der Theater mit der„Angot" erzielt ivurde», beziffern fich auf fast 90 Millionen Franks.—____ Die nächste Rümmer deS UnterhaltuugsvlatteS«scheint m», Sonntag, den 19. März.____ Berlmttvsrtlicher Rtdatteur; Rngiist Jacobe,) w Bcrlm. Druck und Verlag von Max Bading m»«Im.