Knterhaltungsblalt des Nr. 56- Sonntag, den 19 März. 1S9S "J Dtts Vluk. Roman von I. I. (Nachdruck verboten.) David. „Zur heiligen Muttcrgottes nach Bistritz anr Holstein"; sie bekreuzte und neigte sich chrfiirchtigst dabei, und es kam der strengen Frau gar nicht lächerlich vor. so sehr sie sonst„das heilige Gethue und den Hciligendienst der Papisten" haßte.„Ich Hab' mich ihr verlobt und will zu Fuß hin und zu Fuß von dort, und mag nicht mit der Prozession gehen, uild darum und weil ich gerne meine Zeit voll hätte, bin ich so lange geblieben. Denn ich Hab' allein der gnadenreichen Jungfrau zu danken, weil sie an mir ein Wunder gethan und mich behütet hat vor Elend und vor vielem Unglück." Salome ließ sich nieder:„Setze Dich und erzähle mir, wieso? Ich kann Dir vielleicht rathen oder sonst etwas thun für Dich. Uild ich thuc es. Du weißt, ich verspreche nichts. was ich nicht halten will." Seltene Güte wirkt; die Marie stand bestürzt Vor dieser Aufsordenmg und dieser Verheißung. deren geheimen Grund sie nicht ahnen konnte, wenn ihre Gebieterin überzeugt war, endlich der Lösung ihres Räthsels sich zu nähern. Sie stotterte:„Wenn die Frau erlaubt." und setzte sich auf die letzte Kante ihres Stuhles; die rothen und rauhen Hände faltete sie andächtig auf dem Tische und erzählte dann, wie sie der Rüttemann Franz bald um die Ehre beschwatzt hätte. Weitschweifig und mit vielen Wiederholungen berichtete sie, wie sie den schlechten Kerl kennen gelernt und wie er ihr allenthalben aufgelauert und sie drangsalirt mit Bitte» und mit Verheißungen, bis sie sich nicht mehr zu helfen wußte vor ihm und ihm versprach, zn Nacht in den hinteren Garten zu kommen. Da aber sei eine Kuh schwer erkrankt, sie konnte nicht fort aus den» Stalle— und das sei ein Wunder der Jungfrau Maria gewesen. Denn Tags daraus sah sie den Franz nicht; aber eine Base traf sie, die mit ihrem Kinde, das des Rüttemann war, zwei Meilen weit gekommen sei. um ihn zu bitten, etwas für sie oder doch wenigstens das Kleine zu thun. Der aber hatte gelacht und ihr geantwortet, er habe selber nichts und müßte sehr reich sein, um Alle zu befriedigen, die ähnliche Ansprüche an ihn zu haben glaubten. „Das hat sie mir erzählt, und wie schlecht daß er noch sonst ist; und er Ivar frech genug, mir auch dann noch keine Ruh' zu geben, und hat doch gewußt, daß die Kathi bei mir ist gewesen. Und ich hab's ihm auch gesagt, was ich von ihn, meine. Aber begreifen wird's die Fron, wenn ich nicht mehr in dem Orte bleiben will, wo ich mich schämen muß vor ihm und vor nur selber, daß ich bald so dumm gewesen wäre. Und nun Vitt' ich die Frau recht schön, daß sie mich austreten läßt noch vor dem Ziel." Keine Wimper in Saloine's Antlitz zuckte, während die Marie dies redete und häufig erröthetc dabei. Keine Geberde verrieth Ungeduld; nur der Schlüsselbund in ihrer Hand zitterte und begleitete erklirrend mit feltsanier Musik die Worte der Marie, nnd der Frau war einmal, als lägen schlanke, weiße Finger neben denen der Redenden. Nim hakte sie den Silber- ring wieder au seine Stelle fest:„Und kannst mir noch sagen, wann das geschehen ist? Wann Du zu ihn, hättest kommen sollen?" „In der gleichen Nacht, wo daö Fräulein Gabi fort ist, weil sie der Herr geschlagen hat. Und ich mächt' bitten, ich will auch nicht mehr zurück, weil ich die so gern gehabt Hab', nnd kann's nicht gewöhnen ohne sic." Sic erhob sich, und Frau Salome that es ihr nach und trat an den Gcldspind. Den Lohn, welcher der Marie noch zustand, zählte sie ihr auf den Tisch, Daun sprach sie:„So geh', wenn Du nicht bleiben kannst. Es ist auch besser, als Du wärest bei mir; aber vor dem Franz brauchst Du Dich nicht zu schämen, und er möcht' Dir nichts mehr machen. Denn ein Mann kann keinem Mädel etwas thun, das es nicht will oder es ihm nicht so bestimmt. Und nun geh'!" Sie war allein, und das Stürmen in ihr und die besonnene Gelassenheit, die sie sich abzwang, beklemmten ihr die Brust und»ahmen ihr den Athen,. Das ivar etivas— ein Licht- strahl, der freilich nicht genügte, das Dunkel zn erhellen. Nur eine Art Weg wies er; min galt es. überdenken und ab- schätzen, wohin der etiva führen möge.., Aus ihrem Gärtchen tretend, hatte Rupert Gabrielen gesehen. Woher aber konnte sie dahin gekommen sein, wenn nicht aus der Wüstniß jenseits des Wassers? Dort hatte die Marie sein sollen, dort war der Franz gewißlich gelvesen. WaL hatte ihr Ziehkind dorthin geführt? Sie ahnt' es nicht; aber daß es in solcher Zeit heimlich seine Stube verließ und einen solchen Ort aufsuchte, das ivar ihr Verschuldung genug. Was war dort geschehen? Eine neue Frage; aber cttvas mußte sich begeben, einer Schuld mußte sich Gabriele bewußt gewesen sein, sonst wäre sie nicht entlaufen; sonst hätte sie— that sie cS schon in jäher Verwirrung — zumindest aus der Ferne im ersten Briefe An- klage erhoben gegen den, der sie grundlos mißhandelt. Und der Franz ivar wieder einmal im Spiele gewesen; ein wüthender Haß gegen ihn. ivelcher der Sittenstrengen immer ein Gräucl gewesen, tobte in ihr zugleich mit einer tiesen Scham aus Gabrielen's Seele.„Sein Maß ist vollgerüttelt, und es ist Zeit, daß die Schale des Zornes überfließe," flüsterte sie vor sich.„Denn ihr sollt keinen Buhler noch Ehebrecher dulden in eurer Mitte, spricht der Herr." Und wie der Dolmetsch und das Gefäß von Gottes Zorn fühlte sie sich in dieser Stunde. Es galt ihr auch völlig gleich, daß sie den Franz allein nicht treffen konnte. Sie mußte über den Johann hinweg- schreiten, wollte sie ihm zu Leibe, und war auch entschlossen dazu. Er galt ihr allerdings für einen anständigen Menschen; scharfblickender als Andere, hatte sie ihn vordem selbst bc- niitleidet, bedauerte ihn sogar jetzt. Ivo sie mit unbarm- herziger Klarheit Mittel und Hebel erwog, die ihn gänzlich zu Grunde richten mußten. Aber an ihren Entschlüssen änderte diese weichere Empfindung nichts; seine Gutheit, die sich blos im Ertragen„nd Dulden be- währt, sprach ihn nicht aller Rechenschaft ledig, und war der Franz sein Verhängniß, dann sollte er es ganz und bis zum Ende bleiben. Sie machte Licht, nahm ein Blatt Papier und be- gann zn rechnen. Ziffer nach Ziffer schrieb sie unter einander; jede war stattlich für sich und bedeutete etwas: eine gute Hypothek oder den Betrag einer Spareinlage. oder den Werth von Papieren, deren Sicherheit über jeden Zweifel war. Dann überzählte sie ihre Gold- und Silber- rollen; es war viel, was so unfruchtbar dalag, weil sie sich mit Baargeld freute und es gerne zur Hand hatte. Einen starken Strich niachte sie dann unter alle die Zahlen, sum« mirte und zerriß mit zufriedenem Kopsnicken ihre Aufzeich- „nngen: es reichte. Aber kein Laut kam dabei über ihre Lippen. Und dann, als wollte sie sich unbewußt verfestigen in ihren Plänen, ging sie in Gabrielens Zimmer. Ihre Funde breitete sie vor sich aus; aber noch galten ihr die Spielsachen nur als Beweise eines unausrottbare� Leichtsinns, einer ein- geborenen Neigung für Hehlung und Schleichwege. Fast stark aber griffen ihr die Veilchen ans Herz; das letzte Bündelchen lag im Evangelium des Matthäus, i», 4. Kapitel, dort, wo geschrieben steht:„Der Mensch lebt nicht allein vom Brot, sondern von einem jeden Worte, das aus dem Munde Gottes geht." Sie las die Stelle niehrmals, und gemach begann ihr der tiefere Sinn der Worte aufzugehen. Denn aus ihren, Hassen quoll ihr etwas wie Liebe; beide Empfindungen eines und nicht zn trennen. Und die welken Blumen rannten be- weglich genug und erzählten ihr von einer Jugend, die nicht genoffeu, von Lenzen, die ihrem Kinde— so hieß ihre Gabriele fortab— fruchtlos und trauervoll verronnen waren. Ihr Haupt sank recht tief herab; ihr Herz arbeitete, und Ungeahntes rief darin. Aber sie hielt sich gleich wieder strack. und so merkte Rupert, als er heim kam, nichts von dem, was sich mit ihr begeben. Venn ersten Nahen der bekminten Schritte steckte sie das Spielzeug mechanisch unter ihre Schürze, schlug einige Blätter der Bibel um. Sonst verharrte sie regungslos, uud er störte sie nicht, bis sie den Kops hob und mit ihrer tiefen und gebietenden Stimme sprach:„Johann Rüttemann wird wieder Geld brauche»; kommt er„och ein- mal zu Dir. dann wirst Du ihm geben, wie viel er lvill." Er erstaunte:„Was?"—„Es ist von Meinem, und ich werde Dir'S geben. Kommt er nicht von selber, dann bietest Du es ihm an."—„Was?" schrie er noch verblüffter. Sie aber, achtlos auf feine Unterbrechung, fuhr fort:„Er hat die Hannakin kaufen wollen; mag er sie noch, dann darfst Du sie ihm auf Borg geben."—„Was?" und auflodenid:„Dem Deine schönste Kuh? Der ist ja die Ziegel auf dem Dach schuldig."—„Ich weist. Und Du wirst ihm Geld geben, und den zweiten Satz auf dem Hofe kaufen wirst Du auch und ihm die Hannakin leihweise verkaufen. Ich will es— ich!" Und sie richtete sich hoch auf. dast sie ihn auch körperlich um Haupteslänge überragte. Und mit einen? Lächeln, das ihm gar nicht gefiel, fügte sie hinzu:„Die Kuh soll ihm den Hof fressen. Begreifst, Rupert?..." Er begriff nicht und ihr verschlug's nichts weiter. Stolz und schreitend Verliest sie das Gemach, that ihrer Belege jeden an die gehörige Stelle, wie es sich geziemte und sie es ge- wohnt war. Dann trat sie an ein Fenster; es war dasselbe, daran einst Gabriele jenes Zwiegespräch belauscht. Ihr in der Hand blieb ein Sträustchen; sie zerrieb es, und der Staub davon rieselte ihr über die Finger, während sie so in Ge- danken hinausspähte auf die behenden Wasser. Ihr Mund zuckte, und zwischen geklemmten Zähnen flüsterte sie die Worte:„Ich will sie binden mit ehernen Banden und meinen Futz setzen auf ihr Haupt. Auge für Auge, Zahn für Zahn: sie sollen heimlos werden, wie sie mein Kind unstät und flüchtig gemacht haben." � Ein böser Winter war in jenem Jahre über das Kuh- land hereingebrochen. Hereingebrochen; denn kein Herbst ging ihm rechtschaffen warnend und kündigend voran. Endlos waren die Regengüsse beim Abschiede des Sominers; sie währten, bis sich den fallenden Tropfen die ersten Flocken gesellten, bis dann der Schnee endlich allein die Gewalt und das Reich gewann. Das Obst fiel unreif von den Bäumen und verdarb; das Grummet verfaulte auf den Wiesen, und was davon eingebracht wurde, das war sauer und schlecht. Es war ein böser Winter. Das Bich galt Preise, die Niemand erdenken konnte. Und dabei war keine Möglich- kcit, es durch die schlimme Zeit durchzudringen, wollte man es nicht mit eigenen Augen verhungern sehen. In Galizicn schlug man die Pferde rein um der Felle willen, und jeder Bauer, der davon hörte, wustte nicht, was thun und wie sich helfen. Offene Hände blieben damals zur Faust geballt, damit ihnen ja kein übriger Kreuzer entfalle. Sparsamkeit allein konnte retten. Und dennoch kain damals in manches Haus, das festgefügt für Ewigkeit schien, der erste Rist; nur wer ganz heil war und Niemandes bedurfte, mochte entrinnen. Denn nichts ist schwerer zu erschüttern, als ein Bauerngewese, das gesund und makellos auf dem Erbe der Ahnen mht; nichts leichter und unheilbarer, als eines, dessen Wurzeln angefault sind. Die Erde selbst bebt unter solch einem; wer möchte da entkommen und wohin sich flüchten? (Fortsetzung folgt.) SonnkngsplAudeLei. Warme Fruhlingsakmung. wie in den Märztagen, die»vir dies- mal aenosscn, zog auch damals durch die Welt, als jene Freibcits- kämpfer aufstanden, um derentwillen sich die Reaktion noch heute nicht beruhigen kann. Mehr als ein halbes Jahrhundert ist der- gangen. Man sollte meinen, das wäre ein Zeitraum, während dessen die stärkste Erbitterung hätte vergessen können. Aber die Jahre schwinden und der Haß der Reaktion, die manchen Zug eigen- finnigen Greisenthums aufiveist. bleibt aufrecht erhalten. Er versticht es nicht erst Geschichtliches geschichtlich zu bc- greifen. Der alte Partci-Eifer wider die Gefallenen, die auf dem stillen Friedhof ruhen, kehrt sich mit unverminderter Gehässig- kcit gegen Alle, die für die Märzkämpfer das geringste Dankcszeiche» übrig haben. Je grimmiger der Haß, desto eifriger soll die liebe- volle Theilnahme erstarken. Sie ist in der That heute noch so nöthig, wie nur jemals zuvor. Dessen werden Alle gedacht haben, die zu der Ruhestätte der gefallenen Idealisten gepilgert sind. Wenn die Tobten heute Umschau halten könnten, wenn sie verglichen, was sie geträumt und ersehnt, und wie es gekommen ist, es drängte sich ihnen bittere Ironie auf. In befeuerter Jugend, die so gerne verklärt, berauschten sie sich gewiß am parlamentarischen Gedanken. Ihnen schwebte er noch vor, wie ein klarer, lcnchtcnder Mittelpunkt freien und einigen deutschen Kulturlebens. Mit aller Leidenschaftlichkeit, mit aller Zier, womit nur heiße Sehnsucht schmücken kann, umgeben sie ein Lieblingsziel. Hätten sie vom Handel der jüngsten Tage vernommen, vom großen Lieber und seiner tapferen Schaar: sie hätten sich sicherlich mehr als verwundert und die Welt von heute hätten sie nicht begriffen. Was hatten ihre schwunghasten Borstellungen mit den gegen- wärtigen Machenschaften zu thun? Ihnen erschien der Parlaments- bau wie eine Tempelhalle, darin stolze, aufrechte Naturen eines ge- weihten Amtes Ivalten sollten. Heroische Gedanken und kleinliche Er- füllung. Heute ducken sich die feilschenden Knappen Lieber's: und die Menschen schleichen, die aufrecht schreiten sollte». Die Herren, die heute den Ausschlag geben, wissen freilich recht wohl, was sich ziemt. Sie machen ihr Kompliment vor der Tüchtigkeit und dein Freimnth, indem sie sich vor ihnen neigen. Aber gerade dies Scheinspiel wirkt um so ironischer und bitterer. Oh, man hat tüchtig aufgetrumpft, man hat gehörig mit seiner Männlichkeit geprunkt, ja' man hat mit den Beinchen auf den Boden gestampft, mit denselben Rückschritts- beinchen, mit denen man nachher vorsichtig zurückgewichen war. Wenn verschüchterte Leute sich fügen, sobald ihnen ein härterer Wille begegnet, so ist das nichts Besonderes. Wenn man aber posirt, wie ein Kämpfer, wenn man sich aufftellt vor versammeltem Volk, mit den Augen rollt und so thut, als hätte man die ganze Welt nicht zu fürchten; und wenn dann diese Männlichkeit sich als würdeloser Schein darstellt, so könnte derlei rein er- götzlich sein, passirte es nur anderswo als gerade im Parlamentswesen. Dort erhält es seinen herben Beigeschmack. Wer dessen eingedenk ist, der wird an den Gräbern der März» gefallenen nicht in gelassener Freude sich dessen erinnern, waS erfüllt ist; sondern er ivird sich, ernst gestimmt, des Schwereren be- wüßt bleiben, ivas noch zu erkämpfen ist. Das Schlinimste an den Scheingefechten ist eS, daß sie die innere Theilnahme an geistiger Beweglichkeit so sehr schwächen und statt ihrer äußere Reizungen wachhalten, die in gewissem Smn anSport- reize erinnern. So horchte man auf hellenischen Marktplätzen manchmal auf die Wortgefechte der Sophisten, wie man in weiten Kreisen des Publikums diesmal auf die politischen Krieqsschlachtcn hinhörte. Das Spielmäßige des Ganzen fühlte man instinktiv heraus; mit- unter konnte man erwarten, als wollten die Leute jetzt und jetzt Wetten schließen, wie man um ein Sportereigniß, wettet. So verwirren sich Erusthnftes und Spielerisches in ganz kläg- lichcr Weise; und ein großes Publikum kann alle äußeren Merkmale fieberhafter Stimmung auflveisen und doch mit innerlichem Gleichmuth den Dingen folgen, indem es schließen lernt: Was soll das Wortgefecht und Kricgsgeschrei. Im Grunde geschieht doch Alles nach dem Diktat der Macht. So helfen jene dazu, das öffentliche Beivusstsein zu ermatten, die es zu stärken vcr- pflichtet wäre». Fatalistische Gleichmäßigkeit war aber bisher ein Zeichen für orientalisch- versumpfendes Wesen; rege Empfindlichkeit sollte den modernen Westeuropäer charakterisiren. In« Orient hat es die Macht allerdings noch ein gutes Stück bester, als bei uns. Hier mutz man doch lwenigsteus verinchen, die gemüthlichc Theilnahme bald hierhin, bald dorthin zu lenken, bald Lust- bald Unlnstgefühle irgend einer Erscheinung gegenüber zu erwecken. Bor ein paar Jahren war der Großspeknlant Cecil Rhades, der Typus des„perfiden Albions", das an den treuherzigen, nieder- germanischen Buren Südafrika's seine tückischen Künste übte. Als derselbe Großspelulant jungst in Geschäftssachen in Berlin weilte, ward er zum weitschattenden Uebernicnschen er- hoben, zum Heldenmann großen Stils, dessen Größe durch einige kleine Teufeleien nur einen angenehmen Zusatz von Pikantcrie gewinnt. So wandelbar und rasch im Wechsel ist der offiziöse Spiegel. Vielleicht wird er demnächst ein anderes Bild von Cecil Rhodes zeigen. Das hängt eben vom Geschäft und seinen Verwickelungen ab. Im Orient, scheint es, braucht man solche Reizmittel nicht, um Bcgcisternng oder Niedergeschlagenheit zn erngen. Man koinmnndirt einfach, wie die Polizei zu Konstantinopel es thut. Ja. unsere türkischen Freunde und Genossen haben cS leicht, wie eben das jüngste Polizei- stückchcn im Reiche des Sultans beweist. Die christlichen Biirger im Lande pflegten nämlich auf die Begrüßungs- Frage:„Wie geht es ihnen?" zu antworten:„Nicht eben zum besten" oder gar „schlecht". Dies geschah ziemlich häufig, so daß man das Gruß- und Antwortspiel verdächtig zu finden begann. Wenn es aucb den Leuten nicht eben zum besten ging, mußten fle das auf der offenen Straße enthüllen? Und»waren sie nicht vielleicht allzu begehrlich. Was fehlte ihnen denn eigentlich unter dem Schirm des Kalifen? Jedenfalls nahm eine vorsichtige türkische Polizei Anstoß an den Dingen. Sie sah in derAutwvrt:„Es gchtmirschlecht" eine Undankbarkeit des' christlichen Uutcrthans und sie fürchtete die Verbreitung des Bacillus der Unzufriedenheit. Also sandte sie ein Heer von „Geheimen" ans, die in den Straßen aufzupassen hatten; und»wer etwa sich zu antworte» vermaß, daß er sich nicht glücklich fühle, wer also den Frieden der Bevölkenmg»widerborstig zn stören vcr- suchte, der»wurde vor den Gouverneur von Pera gebracht, und der Meister dieses Stadtviertels diktirte eine nachdrückliche Geldstrafe. Welche Aussicht auf selige Gefilde eröffnete sich,»wenn die türkische Praxis auch bei uns. in aller Herrlichkeit angelwandt»werden könnte. Kein Aechzei», kein Stöhnen, keine Klage. Auf Straßen»»»d öffentlichen Märkten ewiger Frieden und glückselige Ruhe. Heiter und mit stetig gleichem Lächeln gingen die Menschen aneinander vorüber, nirgends eine Beschlverde', nirgends ein grober Fluch. Leidenschaftliche Erregung»wäre aus dem Verkehr gebannt, süßer Gleichmuth erfüllte die Herze»». Die Polizei im Morgenlande hat es wirklich gut. Sie beslim»i»t; man gehorcht,»wie man dem Schicksal sich beugt. Man macht die heitere, nian macht die trübe Grimasse, je nach dem Wetter, das gerade beliebt»wird. Jammerschade, mag mancher seufzen, daß dieses System in seiner Vollendung nicht bei»ms eingeführt»werden kam». Ansätze dazi» fänden sich ja bei uns ebenfalls und reichlich geinig I—>_ Alpha. — 223 Vleines Feuilleton. Die weichen und die harten Buchstaben. Man schreibt der.Frankfurter Zeitung": Es macht auf den Siorddeutschen einen seltsamen Eindruck, wenn er nach Sachsen, dem.Lande der harten und weichen Buchstaben", kommt und sich ihm jemand etwa in der folgenden Weise vorstellt:.Mein Name ist Deller mit einem harten D." Die Unmöglichkeit, das P K T hart auszusprechen, zivingt den Sachsen, zwlschem dem B und P und D und T durch die Eigen- schastsworte hart und weich zu unterscheiden. Die Kinder lenien dies schon so in der Schule, mid ein Lehrer, der erst in späteren Jahren aus Norddeutschland nach Dresden verschlagen worden war, erzählte mir vor ganz kurzer Zeit, welche Schwierigkeiten es ihm anfangs bereitete, auf diese Namenseigenthiimlichkeiten seiner sächsischen Schüler Rücksicht nehmen z» müssen. Für den Sachsen ist es geradezu eine Schwierigkeit, Worte wie Traumdeuter, Ball- pause, Merpalast richtig auszusprechen, mit deutlicher Prononcimng der harten und weichen Konsonanten, ja in dem Bestreben, die Worte richtig zu sprechen, geschehen nicht selten erst recht veo wechselnngen. Dem Schulkinde ist das Erlernen der orlha graphischen Schreibweise solcher Worte deshalb so schwer, weil das geistige Erfassen des Wortes nicht unterstützt wird durch den richtigen Klang. Wer immer anstatt Palast Ballast sprechen hört, wird schwer beide Worte beim Schreiben auseinanderhalten können. Wie man in Sachsen volksthllmlich buchstabirt, das zeigte oft scherzend ein vor einigen Jahren verstorbener Komiker der Dresdener Hofbühne. Namens Löber, der seinen Namen in der folgenden Weise zu buchstabiren pflegte:.L, o, dippcl, dippel, wcech b, e, rl"— Dein Sachsen sind oft die Bezeichnungen .weich b" und„hart b" u. s. w. von der Schulzeit her so in Fleisch und Blut übergegangen, daß er sie noch anwendet, wenn er längst im Stande ist, durch richtige Aussprache der Buchstaben auf diese Rebenbezeichmingen zu verzichten. So ereignete sich vor ein paar Jahren einmal eine sehr scherzhafte Begebenheit in der chirurgischen Abtheilung der Berliner Universität. Ein Professor hatte die D-Bindc seine» Hörern erklärt, eine Binde, die so genannt wirb weil sie die Form eines großen lateinischen D hat. Als nun bei nächster Gelegenheit derselbe Gelehrte die praktische Anwendung einer solchen Binde erklären wollte und einen aus Sachsen ge- bärtigen Studenten befragte:.Run, was für eine Binde würden Sie in solchem Falle anlegen?" antlvortete der junge Sachse unter dem Gelächter seiner Kollegen:„Eine harte T-Binde l" Selbst im deutschen Reichstage wurde einmal eines Falles Erwähnung gcthan bei welchem die harten und die»Deichen Buchstaben eine Rolle spielten. Der Abgeordnete Dr. Philipps sagte am 5. Dezember 1882 in der EtatSbcrathimg:„In Dresden wurde im vorigen Jahre ein Manu Namens Geim aufgegriffen, weil ein Mann Namens Keim steckbrieflich verfolgt wurde. Vergebens suchte der Verhaftete die sächsischen Behörden zu überzeugen, daß der Unterschied zwischen harten und weichen Buchstaben für die Justiz von wesentlich anderer Bedeutung ist, als für den Wohllaut des sächsischen Dialekts."— u. Konserviruug von Pilzen für Lchrzwecke. Zur Vcr- mcidung des Genusses giftiger Pilze wird vielfach empfohlen, den Schulkindern das Aussehen der schädliche» und der unschädlichen Pilze genau einzuprägen. Das hatte aber Vielsache Schwierigkeiten. Viele Pilze kommen in einzelneil Gegenden nicht vor, sie sind aber doch so vielfach verbreitet, daß man sie den Kindern, die ja später auch in andere Gegenden lommen können» gern zeige» möchte, wenn man sie nnr hätte! Abbildungen aber, auch die besten, können nie den vollen Eindruck des Naturobjekts wiedergeben. Dem Professor Tschirch ist es gelungen, ein Konservirungsmittel anzugeben, bei dessen Anwendung die meisten Pilze— mir) auf die ja ohnehin nicht in Betracht kommenden grell- rvthcn ist es nicht anwendbar— sich in ihren natürlichen Färben und Formen halten, so daß sich jede Schule ein Mnseiim der wichtig- stc» Pilze wird anlegen können. Das KonserviningSderfahre» be- steht einfach darin, daß man die Pilze zunächst in Alkohol legt, dein etwas Schwefelsäure bcig.egebeu ist, dann au der Luft trockiiet und schließlich in Vaselinöl, dein 6 pCt. Phenol zugesetzt werden, auf- bewahrt.— Literarisches. — Ein neues englisches Wörterbuch. Ein von LiNingsto» in„Good Words" veröffentlichter Aufsatz gicbt Alikunft über den Stand der Vorarbeiten zum neuen englischen Wörterbuch, das von Dr. Murray mit Hilfe zahlreicher Mitarbeiter verfaßt wird. Es sind genau 37 Jahre her, seit Dechant Trenck vor der Philologischen Gesellschaft einen Vortrag hielt über die Nothwendigkeit, die bestehenden Wörterbücher zu ergänzen; der leitende Ausschuß der Gesellschaft kam jedoch rasch zur Erkeimtniß, daß nicht ein ergänzendes, sondern ein neues Wörterbuch geschaffen ivcrdcn müsse. Herbert Coleridge, ein Großneffe deS Dichters, wurde zuiil Redakteur ernannt, und niehrcre hundert Leser fingen mit der Arbeit an. Nach Coleridge's Tode wurde Dr. Furnivall Redakteur; aber die Begeisterung für die Arbeit war bereits so sehr erkaltet, daß der Doktor vorschlug, die gesammelten Materialien dem britischen Museum zu überlassen. Da wurde Dr. Murray iin Verein mit HenrhtzBradley mit der Redaktion betraut, und da sich kein Vcr- leger fand, der die Veröffentlichung des uneinträglichcn Werkes übernehmen wollte, entschloß sich die Universitätspreffe von Oxford, in die Bresche zu treten. Als Dr. Murray eintrat, fand er die Bor- arbeiten in der größte» lluordnuiig. Die Hälfte der ursprünglichen 26 Unterredaktcure war todt und es war'nöthig, die von diesen Herren zusanmicngestellten Zitate von den Testamentsvollstrecken, oder Angehörigen zu verlangen. Diese Schriftstücke wurden zum Theil in Kellern, in Schränken, in Dach- zimmern und Rumpelkammern entdeckt und kamen in den seltsainsten Verpackungen nach Oxford. Für diese Arbeiten erhielten die Mit- arbeiter keine Bezahlung, kein Wunder, daß viele nichts leisteten. Andere leisteten dagegen umso mehr. Von 361000 Papierstreifen stammen nicht weniger als 19 000 von einem einzigen Leser, 11000 von einem zweiten und 10000 von einem dritten. Dr. Mnrrah hat im Ganzen 1300 Leser und 30 Unterredakteure um sich versamnielt. Er glaubte anfänglich, die Riesenarbeit in 12 Jahren bewältigen zu können. Von der Größe der Arbeit erhält man einen Begriff, wenn man hört, daß eine Million Zitate eine Tonne wiegen, und sechs Tonnen Zitate überprüft werden müssen. ES loürde dreißig Jahre in Anspruch nehmen. wollte eine Person sie durchlesen— ein Zitat in der Minute. Das Wörterbuch soll un- gefähr eine Million Zitate enthalten. Die Auswahl und die Ber« kürzung dieser Zitate wird von den Unterredakteuren besorgt. Das neue Wörterbuch soll achwial so groß werden, als das von Webster verfaßte, und kann nicht vor 1910 beendigt sein. Während Dr. Johnson die Abstammung der Wörter verachtete und sich auf Definitionen beschränkte, soll das neue Wörterbuch beiden Rech- nung tragen. Auch veraltete und archaistische Wörter find in den Bereich des Wörterbuches gezogen, doch werden Dialektwörter nur in beschränkter Weise behandelt. obschon Dr. Murrah ein trefflicher Kenner der Dialekte seiner schottischen Heimath ist.— l..voss. Ztg.") Völkerkunde. — In der Mnnchener„Geographischen Gesellschaft" gab v. Wich- mann-Eichhonr eine interessante Schilderung der Tobten- Zerenionien in Indien, wie er sie während eines Auf- cnthnlts dort kennen gelernt hatte. Die„Allgem. Ztg." giebt von seinen Ausführungen das Folgende wieder: Zu den interessantesten VolkStypcn Indiens zählen die Parsen, Moslems und Hindus. Den Grundzug der p a r s i s ch e n religiösen Vorstellungen, wie sie durch Zarathustra zu klarerer Durchbildung kamen, bildet der Widerstreit des guten und bösen Prinzips, des Lichts und der Finsteniiß. AIS reinigendes Element und Symbol des Guten verehren sie darum daS heilige Feuer. Da nun nach Ansicht der Parsen durch Verbrennung der Leichen das heilige Feuer, durch die Beerdigung aber andererseits wieder die Erde verunreinigt würde, haben sie zu einer höchst eigen- thiimlichen Art der Bestattung ihre Zuflucht genommen. Die sorg- fältig gewaschene Leiche wird möglichst bald auf die Höhe des Malabar Hill gebracht, eines der beiden südlichen Ausläufer jener Insel, auf der Bombay liegt. Inmitten herrlicher Anlagen von Palmen, Cyprcssen u. s. w. ragen dort die sechs„Thürme des Schweigens" sDakhmaS) empor, denen kein Leidtragender nahen darf. Sie sind kreisrund und haben bei einem Durchmesser von 50—60 Fuß eine nngesähre Höhe von 30 Fuß. Wie aus einem vom Vortragenden vorgelegten Querschnitt zu ersehen war, besteht deren Inneres aus drei konzentrischen Ringen, die zur Aufnahme der Männer, der Frauen und Kinder bestimmt sind und zugleich an die Hauptgcbote Zarathustra's„Gute Gedanken, gute Worte, gute Thaten" eriiincrn sollen. Die Ringe sind wieder in 72 oben offene Kammern gctheilt, in denen sich die zur Aufnahme der Leichen bestimmten, muldenförmigen Leichensteine befinden. Sobald nun der Körper des Verstorbenen dort niedergelegt worden ist, fliegt von den benachbarten Bäumen eine Schaar Geier herbei, um ihn bis auf die Knochen zu verzehren. Das Gerippe zerfällt infolge des warmen Klimas rasch, und die lleberreste fallen in einen unterirdischen Be- hältcr, von Ivo aus sie durch Wasserspülung dem Meere zugeführt werden. Weniger fremdartig als die Todtcnzeremonicn der Parsen sind die der Mösle m s. Während ein Vorbeter bestimmte Koran« vcrse reziiirt, entschläft der Moslem. Seine Leiche wird sorgfältig mit Bernstein geräuchert und gewaschen, das verwendete Wasser wird in eine eigens zu diesem Zweck hergestellte Grube geschüttet. Während der Bestattung werden unter Gebeten Opfer« spenden dargebracht. Zu dieser Zeit beftagen, nach dem Glauben der Moslems, zwei Engel den Todten über dessen Leben. der die Fragen nur beantworten kann, wenn er gut gelebt hat. Mit Vcrtheilung von Reis und Salz endet die Zeremonie. Dicht neben dem Becrdigungsplatz der Moslems findet sich der Ver- brcnnungsplatz der Hin du's, der Anhänger der brahmanischen Religion. In einem offenen Hofraum ist ein Scheiterhaufen er- richtet, auf den die Leiche gelegt wird. Der Holzstoß wird an dem heiligen Feuer, das der Leiter der Zeremonie in einem irdenen Ge- fäß herbeigetragen hat, unter Absingen von Hymnen aus den heilige» Vedei» in Brand gesteckt. Die Asche des Todten wird mit heiligem Wasser begossen und in alle Winde zerstreut.— Psychologisches. ie. Die Frühjahrs-Schwermuth. ES gab eine Zeit, i» der die Melancholie nicht als eine bedauernswerthe und der Heilung dringend bedürstige Krankheit, sondern als der schöne Ausdruck einer empfindenden Seele, insbesondere als ei» Wahrzeichen des jungen Dichtergenies galt. Die strenge Eiitwickclung der wissenschaftlichen Forschung hat von dieser Anschauung kaum noch etwaZ übrig gelassen, sondern hat die Schtvermuth, auch wenn sie nicht mit cigcnt- liehen Wahnvorstellungen verbunden ist, in die Reihe der Geistes- lraiikheite» aufgenommen. Dabei wird aber noch häufig genug ein Fehler begange«, der darin besteht, dost man die Melancholie gelegentlich als eine ak»t und periodisch eintretende Seelcnftörung betrachtet, während in weitaus de» meisten Fällen der zeitweise Ausbruch der Schwermuth nur die Steigerung eines im Rerborgeuen schon länger« Zeit bestehenden und in gewissem Grad« meist angeborenen Kranlheitszuftandcs bedeutet. Dr. Paul Schenl. der in der»Deutschen Medizinal-Zeitrmg" einen werthvollen Aussatz über die periodische Melancholie verösteutlicht hat. vertritt de» Standpunkt, dast die an zeitlvcitige Sänvernruth leidenden Mensche»» auch in der Zeit zivischen den eige>»tlich«n An- sällcn geistig nicht geinnd sind, sondern mehr oder»veiriger die Merkmale emer psychischen Miuderiverthigkeit an fich trogen, die freilich oft so wenig hervortreten, daß sie nicht iiur den» Laie». sondern auch dem Arzt entgehen können. Daher haben so hervor- ragende Psychiater wie Mognan und Kraft-Sbsttg über Fälle von periodischer Melancholie berichtet, in denen der Kranke in den Zwischenzeiten geistig ganz gestind gewesen sein soll. Dr. Schenk halt die Bezeichnung der periodischen Melancholie überhaupt für «ine irrige. Allerdings zeigt sich die Schwer,i»uth st» geivissen Zeiten besonders deutlich, so fast in jedem Frühling und Herbst, aber nach Beendigung des eigentlichen Anfalls tritt keineswegs eine Ge- stmdung ein. vielmehr nur eine Pause verhältnist»nästiger Rnhe bis zur nächsten Verschlimmerung. Das eigentliche Wesen der Melancholie ist der Wisserschast einigeruiasten bekannt, es besteht in einer Ueberreizuug der Nerven und zlvar haiwtsächlich derjenigen, die die Hinirinde zusammensetzen. Früher dachte man, st» einer BlntaiwuUh des Gehirns den eigentlichen Grund der Schivcrinnth gefunden zu haben, die Blutaruiuth ist aber nur eine Folge der migesunden Reizbarkeit der den Blutznflilst nach de»»» Gehirn regelnden Nerven. Melancholische Znftände sind auch mit einer Blutüberfnllnng des Gehirns vereinbar. Beispiele dafür liefert die eigenartige Berufskrankheit, die nicht selten bei bei« Heizen» und Kohlenziehcrn der großen Dampfer beobachtet wird; die Zustände geistiger Riedergrschkagcnheit, die bei ihnen eine Folge übermäßiger 'Wärme find, werden bei anderen Personen durch übennäßige geistige Anstrengung hervorgerufen. Da sich bei minderwerthigen Gehirnen Ermüdung»md Niedergeschlagenheit selbstverständlich leichter einstellt als bei kräftigen, so ist die ererbte geistige Vera», lag,»ng von wesentlicher vcdentung für die Entstehung der Melancholie. Die äußeren Gründe der Schwermuth find sogar für den Arzt selten erkennbar und komme», dem Kranken selbst erst recht nicht zum Bewußtsein s dieser hat vielmehr das Gefühl, daß seine Berstimmmig grundlos sei, und Ivird durch dieses Gefühl am n, eisten geguält. Die mit Schwermuth behasteten Personen bieten oft gcnnsse äußere Zeichen einer geistigen Schiväche, darunter ka»m»»an folgende nennen: Menschenschci», gedrücktes Wesen, Willensschwäche, grnnd- losen Stimmungsivechsel. ferner von körperlichen Anzeichen: Neigung er Blanfärblmg der Hände, leichtes Erblassen des Gesichtes, ans- llend hochgewölbtc Gaumen. Asynnnetrie der Zähne. Menschen mit solchen Anzeichen geringer körperlicher Eittartnng verfallen häufig nach Zeiten besonders angestrengter Thätigkeit, nach einein Trauer- fall oder anderen Schicksalsschlagen der Schwerninth, neigen zu Selbstmordversnchen und ähnlichen überspannten Willeusäiißcriingei». Eine Heilung wird in den meisten Fällen durch Anlvendnng wari>»cr Bäder und Gabe», von Opiuni erzielt. Schwieriger zn behandeln find die Fälle von Melancholie, die fich in zienilich regelmäßigen Rückfällen äußer»». Man kam» besonders zwei Arten der Schwankung im geistigen Znstande solcher Menschen beobachten, die eine innerhalb des Tages und die andere innerhalb des Jahres. Zunächst»st die Melancholie an» Morgen in der Regel stärker ausgeprägt als am Abend. Diese Thatsachc häi»gt damit zusammen, daß die körperliche Lebensthätigkeit in den Marge»»- stunden ihren geringsten Grad besitzt. Im Besonderen ist der Blnt- druck dann a»n' schwächsten, und dadurch entsteht eine erhöhte Reizung der Nerven in der Gehirnrinde, indem in den dortigen Blutgefäßen bei vennindcstem Blutdruck die Spannung wächst. Diese Wider- stände heben fich im Laufe des Tages bis zum Abend mehr und mehr, da der Blutdruck dann allmälig zunimmt. Wichtiger aber ist der halbjährliche Wechsel in dem Geisteszustände der Schlvermnthigei». Jeder, der nur einige Erfahrung darin besitzt, wird den Satz bestätigen lönnen, daß die Schwer,,', nth zu Beann» des Frühlings und des Herbstes zuninnnt. Für die Frühjahrs» schwermuth hat Schiller in seinen eigenen Bekenntnisse», einen Vasfischen Beleg gegeben. In seinem 24. Lebensjahre schrieb er mn 27 März 1783 von Banernbach aus an seinen Freund Reinlvald: .Einsamkeit, Mißvergnügen über»nein Schicksal, fehlgeschlagene Hoff- «ung ui»d vielleicht auch die veränderte Lebensart haben den Klang meines Gemüthes verfälscht und das soirst so reine Jnstrunient meiner Empfindung verstimmt... ich verfalle in eine Melancholie und fürchte, sie(seine Umgebung) anzustecken." Es ist sicherlich kein Znfall. daß eine ähnliche Aeußcrung Schiller's iviedcrun, m die Zeit des Frühlingsanfangs fällt. Am 20. März 1802 schreibt er von Weiniar aus an Goethe:.... der Ein- trstt d«S Frühlings, der mich inimer traurig zu»nachen pflegt, weil er ein umilhiges und gegenstandsloses Sehnen hervor- bringt." Der itals�stsche Dichter Älfieri sägt von sich selbst, daß er jeden Fnihlinz einen Anfall von Melancholie habe, oer niehr oder «linder park von ihm empfunden werde, je nachdem Herz und Geist ferödb mehr ober weniger leer und mLtzig seien. Er vergleicht fem >rrz geradezu mit einem Barometer, dessen Zustand sich ändere, je Verantwortlicher Redakteur: August Jacobey in Be nachdem die Lust mehr ober rnrnber schwer sei. Znr Zeit der Tag- »»»dnachtgietchei» und der Sonnenwenden fühlt er sich völlig zur Arbeit unfähig m,d verspürt ün kältesten Winter und heißesten Sonnner weit mehr Phantasie, Begeisterung und Erfiitdlingsgabe als in den dazwischen liegenden Jahreszeit«,.— Aus de« Thierreiche. Das Gehör der niederen Thier«» Bekauutlich hat nmn bei den niederen Thier en. besonders unter den Gliederfüßler� vielfach Gehörwertzeuge auz,»treffen geglaubt, die im Wesentliche» aus sogenannten„Hörbläschen" oder„Hörsäckchen" nnt �>ö»steinen" iOtolithn»). oder auch nur aus frei an der Körpers der» fläche befindlichen.Hörhärchen" bestanden; letzter« sollt««, ähnlich den E ortischen Fasern im menschlichen Ohre, nach ihrer Läng« für verschiedene Tonhöhen abgestimmt sein. Diese Gebilde, die hauptsächlich bei den Kmstenthiereu vor- konnnen. sind nun. wie der„Prometheus" mittheilt, kürzlich auf der Zoologische» Station zu Neapel von Theodor Beer dnrch zahlreiche Versuche genauer auf ihre physiologisch« Leistnug geprüft worden. Das Ergebnitz widerspricht den bisherigen Annahmen; denn obgleich«ine große Vieng« verschiedener Arten und Gattiuigeu von Kredsthiere« untersucht»uurden. zeigte keines von ihnen solch« Reizivirkungen,»vie sie zur Voraussetzung eines vorhandenen Gehör- stmies berechtige» köviiten. Ans Schallreiz ans der Lust aut- warteten die Thier« überhaupt nicht;»vurde aber Schall im Wasser erregt, so erfolgt- die phyfiologische Reizwiriung nur so, daß sie sich auch dnrch bloße Wahrnehmung der Etschütterung mittels des Tastsinnes erkläre» ließ. Die Entfernung, aus welche eine Reizantwort»folgte, war nicht größer als die. bis zu welcher auch die uutergetauchte Haird unter günstige» llmstättden noch im Stande ist, derartige Schtvingmigen wahr- zunehmen. Man kann nach Beer durch diesen unmittelbaren Beweis wohl überhaitpt das Borhandenseia eines HörfiuneS bei diesen Thier» arlippe» als widerlegt ansehen.— Was die.Hörsteine" betrifft. so ist ja auch schon durch srühere Versuche ermittelt worden, daß sie mit der Tonwahrnehnnuig mchts zu thuu haben, sondern die Be- urtheilung der Körperlage in» Räume zu erleichtern scheine»»,»veshall» sie allerdings als„Gleichgewichtsstciue"(Statolitheu) bezeichnet worden sind.—- Humoristisches. — Ein« ungerathene Tochter. Barbier:.... Was für ein Unglück ich mit metner Enima Hab'! Verliebt fich das Mädchen in einen Menschen, der— sich s e l b st r a s i r t l"— — Gestörtes Vergnügen. Bekannter:„Nim. Herr Schneidermeister, wie haben Sie sich gestern in der Klolvn- Borstcllling anmsirt?" Schneidermeister:„Garnicht! Es waren so viele im Zirlns, die niir noch Geld schuldig find!"— — Kindliche Auffassung. Mutter(die den» Willy die Fabel voin Lölven und der Maus erzählt):.... Siehst Du, mein Kind, der Starke soll de»n Schwachen»ie ettvaS z» leide thnn!... Wie edel ,md großmüthig war der gewaltige Löwe, als er die kleine Maus laufen ließ!" Willy(»achdeiiNich):.Aber. Man»«, vielleicht esse» die Löwen nicht gern Mäuse!"— („Flieg. Bl.") Notizen. — Berichtigung. In nnserem Milsikbericht voin Freitag ist versehentlich der Name des K o m p o n i st e» des.Wilden Meier": Franz Waguer. übergangen Ivorden.— sz.— — Otto Erich Hartleben hat ein neues abendfüllendes Werk„Der Rosen in on tag", dein Lessingtheater znr Ausführung übergeben.— — In M e r a»i findet am 10. März die erste Vorstellung der Volksschauspiele in diesem Jahre statt. Zur Aufführling gelangt:„Tiroler Helden", Bilder aus den Befrei»l»gs- känipfen von 1800, von Karl Wolf.— — Die älteste englische Schauspielerin, Frau K e e l y. ist im Alter von 03 Jahren gestorben. � — Die M ü n ch e n e r Sezession eröffnet ihre JahreS- ausstellung diesmal nicht an, t. Mai, sondern erst ain 1. Juni.— — In, Jahre 1900 soll in Brüssel ein« große internationale Kunstausstellung veranstaltet werden. Die Kosten deckt der Staat.— — In Moskau sollen höhere Kurse für Frauen„ach dem Muster der Petersburger eingerichtet werden. Diese entsprechen vollständig einer F r a u e>»- N n i v e r s i t ä t, sodaß Rußland nun- mehr zwei Franen-IIniversitäteli besitzen wird.— — Das Stadtarchiv in Pforzheim hat dnrch Schenkung eine Anzahl iverthvoller älterer, besonders hebräischer� Werke erhalten. Das Archiv ermöglicht jetzt einen nahezu vollstäiidigeir U eberblick über den Entiv i cke lu n g s g an g der h e br äi sch en Sprachstudien in Deutschland.— — In, Jahre 1806 wurden mir 26 820 Doppelzentner amerikanisches O b st in Deutschland eingeführt, gegen 103 365 Doppelzentner im Jahre 1307 und 78 201 im Jahre 1806.— lin. Druck uiid Verlag von Max Babing in Berlin.