Zlnterhalluttgsblalt des Horwärts Nr. 59. Donnerstag, den 23. März. 1899 17] Dss Vlttt. (Nachdruck verboten.) Roman von I. I. David. Unter den vereinsamenden Nußbäumen erschien nur noch der Lehrer. Dort saß er, so lange es ging, hinter einem Glase Bier, schalt sich einen Lumpen, war das ausgetrunken und kam ein neues. War er einer, dann hat es nie einen trüb- seligeren gegeben als ihn, mit seinem Gesichte voll Gram und voll SelbswoNvurf, der sich jeden Schluck mißgönnte und vorrechnete.„Er sieht aus wie das„Leiden Christi." meinte Susanne, so oft sie ihn ersah. Dazu hatte sie nicht gar selten Gelegenheit, dcmr mit allen Mitteln suchte er Zugang zu den Lohwag's und war glücklich, hatte Frau Salonie ein freundliches Wort für ihn.„Es ist nur, weil ich die Ferne so geliebt habe, den Wundervogel, der wieder fort- geflogen. Nur darum hange ich ihnen an," sprach er zu sich selber. Denn er hatte einmal gelesen, jeder tiefere und volle Mensch müsse seine große Leidenschaft durchgemacht haben. Seine war Gabriele gewesen; darum allein besuchte er die Stätten, wo sie geweilt, redete er sich nun vor. Aber daß er eines solch gehobenen Empfindens überhaupt fähig ge- Wesen, das war ihm wiederum ein Trost in seinem Grani— es erhöhte ihn doch über den Troß gemeiner Alltagsmenschen und weihte seine Kümmernisse und damit ihn selber. XI. Das Nntcr-Heinzenwälder Brauhaus war neuerdings der- pachtet. Man hatte den Lohwag's den Vertrag nicht mehr verlängern können vor der Abgunst der Bauern, die sich in jeder Art und aufs unverhohlenste bethätigte. Kinderreiche Leute saßen nach ihnen darauf, und unter den Nußbäumen tummelte sich ihre hellstimmige, flachsblonde Brut und jauchzte im Hofe. Sie war hübsch genug; aber wer sie sah und etwa noch einer kaum vergangenen Zeit dachte, der schüttelte den Kopf, zog er Vergleiche und stieg ihm dabei Gabrielen's beweglich holdseliges Bild auf. Der Rüttcmann- Hof war endlich völlig aufgetheilt; eine lange Gasse erhob sich auf dem Grunde, der einmal einem einzigen Geschlechte geeignet. Enge aueinandergedrängt standen die Häuschen und erzählten so stumm von slavischer Art, die nach Gesellschaft verlangt, wenn der deutsche Bauer thunlichst einsam, niöglichst ellbogen- frei zu hausen und zu schaffen liebt. Dort aber, wo das Oderthal sachte ansteigt, an der Landstraße, die mit Bergahorn und mit Linden bestanden, ins Gebirge führt, hatten sich die Lohwag's angekauft und wohnten so denen ferne, in deren unholdeni Angedenken sie immer noch fortlebten— selbst begnügsam und stolz, wie man sie immer gekannt, und so den Augen der Welt stets noch die Alten, die etwas Besonderes haben mußten, die sich in rüstiger Kraft zur Ruhe setzten, tvcnn der Bauer nicht ins Ausgedinge geht, che er es nicht muß vor Jahren oder vor dem Drängen des nachwachsenden Geschlechts. Es war aber lediglich Rupert's Wille geivesen. der die beiden alternden Leute hierher gebracht. Er mochte kein neues Geschäft mehr beginnen, und es war nun nicht mehr so selten, daß er recht behielt, wie es dereinstinals gewesen. Denn ob mit der Zeit, die seit Gabi's Flucht verflossen, manches gleich wieder ins Geleise kam— ganz so, wie es vordem gewesen, wurde nichts mehr. Man stritt wohl wieder; von keinem Wochen markte konnte Rupert heimkommen, ohne von den schönen Pferden zu schwärmen, die dort feil gewesen wären. Er wünschte sich eines, und meinte dann Frau Salome, sie hätte genug von der Reiterei, dann konnte er spitzig erwidern, dafür be käme jemand, den sie gut kenne, die gar nicht satt. Das schnitt ihr in die Seele. Ihr Wunsch aber ging nach einer Kuh. und darüber, welches anzuschaffen sei, ging es nunmehr wie vor Jahren über eine wichsigere Frage. Der Stall blieb leer, wie damals die Wiege leer geblieben. Aber der Wunsch der Frau hatte viel Sinn und Be- rcchtigung neben dem des Mannes. Ihr bangte nämlich nach einer Arbeit, da sie mehr und härter vom Umschwung der Zeiten war betroffen worden. Einer Fürsttn gleich hatte sie ihren Mägden geboten. Das war zu Ende; sie allein mochte das Wenige versorgen, was für die Einsamen zu verrichten nöthig war. Es war säst überflüssig, daß man die Susanne mitgenommen hatte ins neue Heim, Rupert verstand, sich zu chaffen zu machen; er trieb sich häufig in der Stadt herum. verhandelte niit seinem Anwalt, dessen Quälgeist er geworden, lag in ewigen Rechtshändeln mit allen Schänkern, die ihm von der Zeit seiner Thütigkeit her noch verschuldet waren. Davon prach er gerne zu Hause; und sie, so gut sie erkannte, wie vieles Geld also verthan und verzettelt würde, wagte keine Einrede mehr.„Hast Du vielleicht allein das Recht, das Deinige anzubringen?" hatte er einmal hämisch gefragt, und sie niußte vcrstmnnien. Ein zweites Mal wünschte sie sich das aber keineswegs, und am Ende— sie waren reich genug noch immer, um sich den Luxus eines Prozesses zu gönnen, der gewonnen erst recht nichts trug und viel kostete. Nun schon gar.... Alle diese Mittel, sich über die Zeit hinwegzuhelfen, gebrachen ihr. Sie wünschte sich manchmal sogar Gesellschaft; aber die zu gewinnen hatte sie in jüngeren Jahren nicht verstanden, wie denn jetzt, wo sie zu nackensteif und in sich ruhend für jene Liebenswürdigkeit geworden war, die der entfalten mnß, der Freundschaft oder doch mindestens Umgang finden will. So kam denn allmälig eine große Leere in sie; besonders nachdem sie Vergeltung für GabrielenS Geschick genommen, so voll und so ausgiebig, als sie nur selbst ihr irgend wünschenswerth erscheinen konnte. Nun aber wußte sie nicht mehr, was thun oder beginnen; das Bibellesen und Beten allein konnte ihre Zeit denn auch nicht füllen. Und so versank sie denn, da es an ein Spazierengehen so wenig dachte, wie etwa ein Bauer, dem ein Gehen um des Gehens willen einfach ein Unding ist. mehr und mehr in ein Sinnen und Grübeln. In der Oedniß der eigenen Brust versank ihr nimmermüder und rast- loser Geist, und darinnen fand er Bilder aus vergangenen Tagen, iusonderlich cineS, das nicht zu tilgen noch zu bannen war. Es wurde ihr fast lieb; so regelmäßig erschien es ihr; so häufig sah es sie mit den stillen, waldlichtseuchten Augen Gabi's an. Dazu nun, daß ihr diese Erinnerung sinmer lebendig bleibe, that auch Herr Glogar daS Seine. So oft der Schulmeister irgend konnte, sicherlich also am Nachmittag eines jeden Samstag, klopfte er an die Thür Frau Salome's. Sie hatte das Herz nicht, ihn fortzuweisen; er begehrte nichts als einen Gruß, als eine kurze Weile Duldung am Tische. Dann ging er wieder; fand er die Frau besserlaunig, so wagte er vielleicht gar eine Hindeutung auf die Ferne. Immer mit dem gleichen Mißerfolge. Oder er. schlich zur Susanne und hörte ihr:„Sie ist schlecht aufgelegt, die Gabi hat wieder geschrieben," und holte dann aus der Dinge aus, die er schon längst wußte, und bestärkte sich so mehr und fester in seinem wunderlichen Glauben. Bis ihn zuletzt alle gewöhnt waren, bis Frau Salome selbst die unerschöpfliche Geduld bewundert?, die Gutmüthigkeit, niit der er ihre Hefsigkeit ertrug, wenn er zum Guten redete, die Anhänglichkeit und Treue, mit der er sich ans Bild der Verlorenen klammerte und die Hoff- nnng nicht fahren lassen ivollte, es werde sich doch Alles zum Guten und ihr zu Ehren entwirren. Um den geheimsten Grund, den er dazu hatte, wußte sie nicht— Herr Glogar war nicht der Mann, der so leicht und so wohlseilen Kaufes eine Wcltordnung oder das Vertrauen in die Güte seines Gottes ausgab. Er fehlte ihr bald an seinen Tagen, und die Stunde war nahe, von der ab sie ihn selbst als Freund und Vertrauten sah. Eine bittere war es für Beide und kostete Beiden genug.... Es geschah nur sehr selten, daß die Frau Salome zur Stadt ging, die man von ihrem Hause aus fast greifbar nahe meinte, und auch dann verweilte sie keinen Augenblick unnütz; gerade weil ihr alles Müßige so verhaßt war, empfand sie die Ruhe so hart, zu der sie sich verurtheilt sah, während sie sich noch arbeitskräftig fühlte. Ueberdies kannte sie Niemanden darin, und alle Art von Schaustellungen. Wieste fahrendes Volk auf der Blcicherwiese übte, war ihr widrig, in der jener strenge Sinn der Puritaner lebte, denen jede welt- liche Lust ein Greuel gewesen. Aber so ganz thcilnahmloS, wie einmal, sonnte sie nicht mehr vorüberwandern an den Schweifenden, nun sie mit ihrem Geschick neuerdings das einer ihres Blutes verknüpft Wußte. Manchmal peinigte sie eine unruhige Neugierde und zwang sie, einen Blick, den sie fast wie sündig empfand, nach ihrem Treiben zu thun. Sic athmete leichter, begegnete der nicht dem Gefürchteten. So schritt sie wieder einmal an einem Samstag Nachmittag über den grünenden Plan. Ein Gezelt war aufgerichtet— ein deutlicher Beweis, daß etwas Voruehmers gezeigt werden sollte, als die Seiltänzer oder starken Männer zu bieten hatten. Ein Bursche in scheckiger Narrentracht stand davor und tutete gewaltig in ein gewundenes Horn. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verdaten.) Ptftt HeimKehv. Von Peter Egge. Autorisirte Uebersetzung von Adele Neustädter. Die Hütte, in der die Frau des Matrosen Peter Solberg Wohnte, lag an der Lökkenstraße. Ein Fenster war geöffnet; es war an einem Nachmittage im Juni. Die Frau saß am Fenster, den Rücken gegen die Straße gekehrt. Das Nähzeug war von ihrem Schoß auf den weißgeschcuerten Boden geglitten. An einer ann- seligen Nähmaschine saß die Tochter. Sic arbeitete nicht, sondern stützte die Ellbogen ans die Maschine und sah zur Mutter oder über sie hinweg auf die Straße, wo es gerade so still war wie in der Stube. Neben der Nähmaschine lag ein Brief, den die Tochter der Mutter eben vorgelesen hatte. Jetzt sprach keines von beiden; ein und das andere' Mal nahm die Tochter den Brief und sah kurz darauf, und dann legte sie ihn wieder fort. Und dann blickte sie Wieder zur Mutter hin oder über sie hinweg auf die Straße. .Ja, nun wird es wohl Emst werden", sagte die Mutter. Sie nahm das Nähzeug vom Boden auf. »Ja, dieses lvtal kommt er doch nach Hause, der Vater", sprach die Tochter. Gunelie hieß sie. Ani Tage zuvor war sie zyr Mutter zurück- gekehrt, nachdem sie ihren Dienst verlassen hatte; den neuen sollte sie erst übermorgen antreten. Sie war erst 18 Jahre alt, hatte aber so breite und so starke Schultern, daß niemand glauben mochte, daß Schwcmmth sie niederdrücken könne. .Nächsten Monat find es fünf Jahre, daß er reiste." .Ja— a," sagte Gnnelie, und nun drehte sie die Maschine. Auch die Mutter nahm ihr Nähzeug auf. Man mußte die Zeit in diefen zwei Tagen, wo Gnnelie zur Hand war, gründlich ausnutzen. Und nun sprach niemand mehr darüber, daß der Vater nach Hause kommen würde. Am Abend, während sie sich auskleideten, sagte die Mutter: .Wenn er kommt, ehe Du reisest, so können wir dort ein Bett für Dich aufschlagen." Sie zeigte nach der Ecke unter dem Fenster. .Ja, das können wir wohl thun." Und dann sprachen sie über etwas anderes.-- Zwei Tage später ging Gunelie des Morgens fort, um ihren neuen Dienst anzutreten. Ein barfüßiger kleiner Junge zog ihren kleinen Koffer in einem kleinen Kinderwagen. Am Nachmittag wurde das englische Boot mit Peter Solberg erwartet, denn er war in London abgelohnt worden; aber niemand wußte die genaue Zeit. Es konnte früh und auch spät kommen. Es hing von so Vielem ab.Zsowohl von der Ladung, als vom Wetter. Die Frau setzte sich zur Maschine, als sie mit dem Mittagsmahl und dem Geschirranfwaschen fertig war. Die Nähmaschine surrte anders und sie trieb sie sehr heftig an, als hätte sie Eile. Ja. jetzt warPeter 46 Jahre alt, gerade so alt wie sie, und Manches und Vieles würde er dieses Mal zu Hause verändert finden.... Anton und Johann, die Zwillinge, auf See seit Frühjahr... Davon wußte er wohl nichts; denn draußen war er doch wohl nicht mit ihnen zusammengetroffen. Und Christine todt, das wußte er. Ach ja, mit Peter's Schreiben war es nicht weit her und bei ihr haperte es auch damit.... Einmal hatte sie wirklich geglaubt, er hätte sie vergessen. Der Engländer, mit dem er silhr, war sicher nicht so leicht zu behandeln gewesen. Aber nun kam er also doch I Viele Male hatte er gedacht zu kommen, aber die Heimreise war lang, und sie führte iveit nördlich, und theuer war sie, und die Heuer reichte nicht weit. So mußte die Heimkehr immer wieder verschoben werden. Eifrig drehte sie das Maschinenrad, und sie nahm sich kaum Zeit aufzusehen, wenn sie es anhielt. Ungefähr 7 Uhr mochte es sein, als sie hörte, daß Leute von dem Hofe in die Küche traten und etwas schleppten und hoben. Schnell erhob sie sich und ging hinaus. Da stand Peter, ihr Mann, mit dem Geldbeutel in der Hand. Er entlohnte gerade den Burschen, der ihn seine Kiste hatte tragen helfen. Mann und Frau standen einen Augenblick still, ehe sie einander die Hand reichten. .Willkommen zu Hause!" .Danke I" .Ist das Boot schon gekommen?" „Ja, es kam eben." Er ging voran, und sie folgte langsam und schwerfällig in die Stube. De» breitkrämpigen Hut schob er zurück, dann setzte er sich an die Thüre. Die Augen erschienen dunkel und hohl mit grauen Ringen darunter, und sahen gern etwas zur Seite. Am liebsten wandte er daS Gesicht halb ab. ES war bleich und umzogen von einem langen, schwarzen Bart. Nachdenklich sagte die Frau:»Du hast Dich verändert, sehe ich." .O— o. ja— a I" Es währte eine Weile, ehe er hinzufügte:»Und Du nicht weniger." Die Frau nickte nur, und das Gesicht blieb nachdenklich. .Ich habe es mir eigentlich so gedacht, o ja." murmelte sie.„ES war der Schiffbruch im Mittelmeer, der Dich so mitgenommen?" .Ja." „Wärest Du sofort nach dem Schiffbruch zurückgekehrt, so hättest Du Dich vielleicht erholt." Immer ehe er antwortete, schien er nachzudenken.„O ja, die zwei Jahre danach waren nicht leicht, nein." Er bückte sich nach voni, legte die Ellbogen auf die Knie, und rückte den Körper nach, so daß er ruhte. Den Hut behielt er aus. Nach einer Weile frug er:.Sind die Jungen zu Hause?" .Nein, sie reisten im Frühjahr." „Ja, fo dacht' ich es mir. Dil schriebst voriges Jahr, daß ste zum Frühjahr konfirmirt werden sollten." .Ja." Nun schwiegen sie beide einige Augenblicke und dann sagte sie: »Du sollst sofort Essen und Kaffee bekonimen." Sie ging in die Küche und ließ hinter sich die Thüre offen. Er blieb sitzen. Einmal erhob er den Kopf und sah nach dem Fenster, als blicke er jemand nach, der vorüberging und den er wieder zu erkennen glaubte. Aber obgleich das Fenster am anderen Ende der Stube war, ging er nicht hin, um nachzusehen. Draußen in der Küche prasselte das Feuer unter dem Kaffeekessel und er hörte, daß sie das Wen bereitete. Während der Kaffee stand und sich klärte, kam sie in die Stube, wickelte das Nähzeug zusammen und legte es fort. .Du hast immerfort Arbeit," sagte er und blickte auf das Zeug. «O ja,... in der letzten Zeit, ja; aber ich bin keine feine Schneiderin, und da ist es mit der Bezahlung nicht weit her." Plötzlich frug sie und zeigte auf ihn. „Du hast Deine Hand beschädigt?" Er sah auf seine rechte Hand. Daran fehlten der kleine und der Ringfinger. „Ja, habe ich das nie geschrieben? Ich glaubte, ich hätte darüber geschrieben. Der Doktor mußte sie abnehmen." Kurze Zeit sah sie auf die verunstaltete Hand. »Herr Gott!" Sie brachte daS Effen und den Kaffee herein, und er setzte sich an den Tisch. Er aß und trank; aber sie war nicht hungrig, des- halb schenkte sie sich eine halbe Tasse Kaffee ein und die goß sie auf die Untertasse und blies, ehe sie trank. Später ging sie ans Fenster und öffnete es. Es war fast 10 Uhr, und von der Stube konnte man die Sonne nicht mehr sehen; aber sie färbte den halben Himmel roth und strahlte auf alle Heim« stätten der Stadt ein glänzendes Licht hernieder, das alle gewahren und worüber sich alle freuen mußten. „Merkst Du, wie gut die Hecke im Kirchgarten heute Abend riecht!" frug die Frau. „Ja, gerade wie am Abend meiner Abreise." Etwas später sagte sie:.Das sind nun fünf Jahre her." »Ist es nicht länger?" »Es scheint mir lange genug." .Ja. da hast Du Recht.'" Sie richtete das Bett her; aber er saß immer noch am Tische. wo er gegessen hatte, und kein Wort kam über beider Lippen, und das glänzendrothe Licht versank. Der Himmel wurde blau ohne sonncnrothe Ränder, und in die Stube drang gedämpftes Licht. Man konnte nicht genau lvisse», welche Tageszeit jetzt war, wenn man nur auf das Licht achtete. Man konnte jetzt gerade so leicht in dem feingedrucktcn Psalmbuch lesen, wie mitten am Tage; denn diese Stadt liegt weit nördlich und die Sonne bleibt ihr stets gut, ob sie nahe ist oder weit entfernt. „Was glaubst Du, soll ich nun anfangen, wenn die See mich nicht länger haben will?" Vertrauensvoll sah sie ihn an, während sie sagte:.Du hast zu leben, so lange ich lebe und nähen kann." Es lvurde wieder für eine Zeit lang still, und langsam kleideten sich beide aus und gingen zu Bett. Er faßte sie ur seine Arme und hielt sie lange, ehe er mit einer Stimme, die zitterte, sagte: „Ja, jedenfalls bin ich jetzt zu Hause." Und nun zog sie den Kopf zurück, den sie an seine Brust ge- drückt hatte, und sah ihm ins Antlitz; ihre Stimme bebte vor ver- haltencn Thränen und Ergebenheit, während sie antwortete: „Ja, hier ist noch Platz für Dich,— jetzt, wo wir allein sind."-_ Kleines Feuilleton. — Der hundertjährige Geburtstag eines SeeS. Der.Rh.« W. Ztg." wird aus Venedig geschrieben:.Das malerische Thal von Agordo in den venetischen Alpen wurde vor 100 Jahren von einem furchtbaren Unglücke heimgesucht. Das Thal wird von dem Cordevole durchflössen, der in seinem Oberlauf den See von A l l e g h e bildet und zwischen Bellnno und Feltre in den Piave mündet. Der Alleghesee entstand in der Nacht auf den 11. Februar 1799 und wurde einige Wochen später, im März, erweitert und in seinen Grenzen endgiltig bestimmt. Bis dahin lagen an der Stelle des Sees drei blühende und friedliche Dörfer: Costa, Sommariva und Artete. Der Oberlauf deS Cordevole ist von hohen, kahlen Felsen eingefaßt, die leicht verwittern. Westlich vom heutigen Alleghesee erhebt sich der Monte Korea. In der Nacht auf den 11. Februar wurden die Bewohner deS Thales durch ein gewaltiges, langanhaltendes Donnerrollen aus dem Schlafe geweckt. Rings umher zitterte die Erde. Aus dem Thalgrunde vernahm man Schreckensrufe und Verzweiflungsschreie. Aber das Dunkel der Nacht ließ nicht erkennen, was vorgehe. Am Morgen sahen die Ueberlebenden, daß sich vom Monte Forca eine ungeheure Steinmasse losgelöst habe und als Felsenlawiue ins Thal hinabgestürzt sei. So ungeheuer war die Wucht des Sturzes, daß sich die Felsblöcke auf der anderen Seite des ThaleS wieder in die Höhe aethürnU hatten. Aber zu allem Glück hatte die Felslawine nur eine kleine Hänsergruppe zerstört und die Zahl der Opfer war nicht allzugroß. Luch bildeten die Felsblöckc wohl eine Barre für den Cordevole. der aufstaute und das Thal überschwemmte, aber man konnte hoffen, ihm bald wieder einen Weg zu bahnen, und die Bewohner des Thals verloren den Muth nicht. Da löste sich vom Monte Forca eine zweite, noch viel gewaltigere Felslawine. Sie stürzte in das aufgestaute Wasser des Cordevole, das in ungeheurer, alles zertrümmernder Welle den Bergabhang hinauf jagte— 100, 120 Meter hoch. Die stattlichen Tamienbäume des Thales wurden von der Welle entivurzelt und gegen die Häuser und Kirchen der benachbarten Dörfer geschleudert. Unter den Trümmern ihrer Häuser starben über 400 Bewohner des Thales. Diesmal war der Lauf des Cordevole völlig unterbrochen, denn die Felsenlawine sperrte, 90 Meter hoch, das Thal. So bildete sich der Alleghesee, 5 Kilometer lang, einen halben Kilometer breit und bis 90 Meter tief. Auf der Südseite der Felslawine springt der Cordevole in schönen Wafferfällen wieder zur Thalsohle hinunter. Der Fluß arbeitet aber einsig und rasch an der Ausfüllung des Sees. Alles Geröll und Erdreich, das er in seinem obersten Laufe mit sich führt, seht er im Alleghesee ab, und da der See in seinem nörd» licher Theile sehr stach ist, so hat man ihm schon einen halben Quadratkilometer schonen Wiesenlandes wieder abgewinnen können. Noch einige hundert Jahre und der Alleghesee ist wieder verschwunden, und tief unter neugewonnenem Lande liegen dann die drei Dörfer begraben, die bis zu de» Schreckenstage» des Jahres 1799 im Sonnenlicht blühten.— Musik. „Bearbeitungen' von Kunstwerken durch fremde Hand müffen keineswegs immer ein Frevel sein. Sie sind sogar manchmal und zwar dann eine erwünschte Verbesserung, wenn sie es darauf an« legen, das in der bisherigen Fassung des Werkes nur erst verborgene Eigcnthümliche desselben möglichst voll herauszuarbeiten. So be« arbeitete Robert Franz ältere Oratorien, so griff auch Richard Wagner in einige klassische Werke ergänzend ein. Nehmen wir nun an, daß heute eine verschollene Oper von Lortzing auftauchte, die nicht ganz auf der bekannten Höhe des Komponisten wäre, so ivürde es nicht durchaus zu verwerfen, vielleicht sogar eine„rettende That" sein, wenn ein künstlerisch selbständiger musikalischer Dramatiker eingriffe und etlva die allzu üppigen Breiten milderte, die trivialeren Seiten von Lortzing's Opernmelodik und das tafclmusikartige Bnmbum im Orchester zurückdrängte, namentlich aber den unbeschreiblich gemüthlichcn, innigen, natürlichen und zugleich romantisch« schwärmerischen Zug der Lortzingischen Muse, der dort vielleicht stecken geblieben war, besser zur Geltung brächte; ja selbst das Wagniß, den vielen Dialog durch knappere Rezitativ« zu ersetzen, würde gegenüber einem Komponisten, der es so gut versteht, aus Rezitativen allmälig in's Melodische überzugehen, nicht allzu keck sein. Auf eine Zugänglichkeit der älteren Fastung zum Vergleich mit der neueren oder ivenigstcus auf eine genauere öffentliche Rechenschaft über die gemachten Eingriffe müßten wir allerdings zählen können. In der That ist jetzt eine aus dem Jahre 184S stammende Oper von Lortzing<1800—1861) ausgegraben worden, die der Dichterkomponist, wahrscheinlich zweifelnd an ihrem ausreichenden Werth, bei sich behalten hatte. Nun hat sich der Bearbeiter, der „Arrongirer" gcfnnden und den Text(nur den Text?) so um« gearbeitet, daß sie am 21. d. Mts. im Opernhans mit dem jetzt bei Premiören beliebten Festprnnk losgelassen werden konnte. Die eine als unerläßlich bezeichnete Bedingung eines solchen Eingriffs: die genaue Evidenzhaltung des Verhältnisses zwischen Urform und Neusorm, fehlt leider. Wir selber wissen nicht mehr, als daß daS — eine Vorrede sparende— Textbuch den Titel führt:„Text der Gesänge aus sR e g i n a oder Die Marodeure. Roman« tische sO per in 3 Akten von AlbertLortzing. Um- arbeitung des Textes von Adolph L'Arronge. Und außerdem gab es noch eine Zeitungsnotiz, nach der Letzterer den das Revolutionsjahr 1848 berührenden Text in einen.patriotischen' aus dem Jahre 1813 geändert hat. Erst recht räthselhaft wird die Sache durch eine andere mit der ersten nicht harmonisirte Zeitungsnotiz. Danach habe an diesem„einzigen dramatischen (soll wohl heißen: nicht-komischen) Werk des heiteren Opern« komponisten" vor einigen Jahren Wilhelm Bruch für eine in Augs- bürg vergebens geplante Aufführung„hauptsächlich textlich einige unwesentliche Aenderungen vorgenommen' und nunmehr Richard Kleinmichel das gesammte Werk sozusagen.auf neu gearbeitet', in der Jiistnlincntation.pietätvoll nachgeholfen, die Pattitur in zwölf Nummern eingetheilt(bei L'Arronge find es vierzehn) und die meisten Vortragszeichen u. s. w. festgesetzt. Die Handlung habe zum Kernpunkt eine» Streik. Die jetzige Fassung hat diesen Kernpunkt nicht, und wir wissen an keiner Stelle so recht, wie viel Lortzing, wie viel Nicht-Lortzing daran ist. Der Handlungsinhalt ist eine so alltägliche oder allabendliche Geschichte von einer geraubten Braut, daß es fich schlechterdings nicht verlohnt, fie im Ganzen zu erzählen; die Sprache ist nicht kalt und nicht warm. Die Musik haben wir zum Theil schon oben bei jener Fiktion zu charakterisiren gesucht. Die Ouvertüre ist ein abgeschlofiener Melodienrcigen. Der über- lange erste Akt enthält mehrere recht lyrische Stellen, zum Theil etwas populär und opernhaft. So das typische Koloraturduett des Liebespaares nach den Worten:„Ich sehe kaum den schönen Traum.. ,' und die wohlklingende Arie des Bösewichts:„In Armuth auferzogen...' Dann aber kommt ein reichhaltiges Finale, beginnend mit einem gefälligen Chor„freut Euch der Stunde', dem später ein Erntetanz mit reizend zarter Musik folgt und zuletzt eine sehr charakteristisch und dramatisch vertonte Räuberszene. Ein vielleicht noch prächtigeres Finale bringt der— übrigens wieder durch eine gut lyrische Stelle des Bösewichts(„Von einer lieben Mutter auferzogen') gehobene— zweite Akt; allerdings stecken auch in ihm Trivialitäten (z. B. Quintett mit Chor:„Daß Weines Kraft doch ihre Sinne ge- sangen hielte'), aber Regina's Gebet und die vielleicht packendste „Nummer' des Ganze», ein Trinklied„Was ist das Beste auf der Welt?' mit mehreren koupletartigen Strophen machen zusammen mit der dramatischen Erregung dieser Szene eines der wirkungs- vollsten Stücke unierer Musikliteratur aus. Der dritte Akt beginnt wieder mit zwei ziemlich derb gehaltenen Kompostttonen und reicht auch in, Finale, das mit seinen militärischen Aufwallungen in eine ganz andere Kunstgattung gehört, nicht an seine Vorgänger heran. Hier sind wir an, allerungewissesten, wie viel auf Lortzing kommt, ivie viel nicht. Auch gegenüber der oft recht groben musikalischen Deklamatton sind wir in gleicher Weise unsicher. Trotz all dieser Ungewißheiten ist es aber doch nicht zu ver- kennen, daß wir von Lortzing's großer Kunst ein neues Beispiel vor uns haben. Als den Hauptpunkt dieser Kunst möchten wir die Ver« einigung von dramatischer Charatteristik und lieblicher Melodienfülle bezeichnen. Daß auch das Orchester— mit sparsamem Hervortteten von Holzbläsern und von Harfe— viel Schönes birgt, brauchen wir wohl nicht erst betonen; im Ganzen aber ist die Musik weitaus mehr Gesangs- als Jnstrumentalmufik. Durch die Aufführung ging kotz aller Festlichkeit ein eigen» thümlich gedrückter Zug. Selbst Frl. H i e d l e r, deren großes must« kalisches und dramattsches Können auch hier durchleuchtete, hatte eS, in der Titelrolle, nicht leicht. Herr L i e b a n in der Rolle des braven Jungen Steffen mit dem Trinklied bot viell-icht das Beste; in den sonst wieder recht schiverfälligen Dialogszen�» that sich neben ihm auch Herr Mödlinger günstig hervor. Die Herren Grüning als der rechte und H o f f m a n n als der unrechte Liebhaber Reginens waren bei allein Aufgebot guten Willens doch zu sehr Opern- figuranten. Die kleineren Rollen ivurden von den Damen G r a d l und Götze und von Herrn K r a s a gut gegeben. Der Chor war wieder der typische Opernchor mit dem Anngefuchtel; das Ensemble klappte manchmal tadellos. Herrn Dr. Muck für seine Orchester- direktion noch eine besondere Anerlemmng I— ez. Archäologisches. kg. Die ältesten Mauersteine. In der letzten Sitzung der Pariser Acziimie des inscriptions sprach Heuzey über die ältesten Bauten der Chaldäer, die von de Sarzec entdeckt ivorden sind; es sind Denkmäler, von denen man annimmt, daß sie bis zum vierten Jahrtausend v. Chr. zurückreichen. Diese Annahme beruht auf einer Datirung der Regierung des Königs Naram-Sin auf das Jahr 3767, die von den Babyloniern selbst geliefert ist. Zweifellos muß man annehmen, daß diese das Alter übertrieben haben; aber eS steht andererseits auch fest, daß fie eine beträchtliche Menge von ge- schriebenenDokumenten, öffentlichen und privaten Aktenstücken inHänden hatten, die es jedem chaldäischen Gemeinwesen ermöglichten, die authentische Reihenfolge der Könige bis zu einem sehr hohen Mer- thum aufzustellen. Unter diesen Dokumenten wählte Heuzey zunächst eine Kategorie von gebrannten Steinen aus, die die Inschriften von Ur-Nina und Eannadu, zwei Königen von Sirpurla, trugen. Sie sind sehr unvollkommen hergestellt und gewölbt, ein Beweis, daß der so einfache Gebrauch der Form selbst noch nicht verbreitet war. Man formte sie mit der Hand und bezeichnete sie zur Kontrolle mit dem Abdruck des Daumen. Ein wenig später wird dieser primitive Stempel durch den eingeprägten Stempel der Stadt Sirpurla, dem Adler mit dem Löwenkopf, ersetzt. Diese Zeit der gewölbten Mauersteine bringt uns sehr nahe an die Zeit ihrer Erfindung überhaupt, die bei allen Völkern an die Anfänge der Zivilisation zu stellen ist. In Tello(dem antiken Sirpurla) finden sie sich bei dem Bau einer Art von Getreidemagazin, dessen Grund- riß Heuzey vorlegte; unter diesem wurde ein zweiter Bau freigelegt, dessen Steine keine Inschriften, sondern nur Daumenabdrücke als Stempel tragen.— In derselben Sitzung legte Berger ein« punische Zaubertafel vor, die Gauckler in der Nähe eines Grabgewölbes gefunden hat. Die Inschrift, die sich aus 6 Reihen zusammensetzt,»st mit einem Stilet auf eine Bleitafel gravirt, die ivie alle entsprechenden Tafeln, die in Italien und Egypten gefunden wurden, gerollt war. Sie ist sicher vor der Einnahme Karthago'S durch die Römer entstanden. Berger wies darauf hm, daß dieser Fund so wichtig ist, Iveil er zmn erstell Male in punischer Sprache eine jener Zauberformeln zeigt, mit denen man sich die Götter geneigt zu machen suchte.— Meteorologisches. —©in Meteor. Ans HelsingforS wird der„Franks. Ztg." unterm 17. März berichtet: Vorigen Sonntag Abend um halb zehn wurde an bielen Orten in den Ostsceprovinzen sowie im siid- lichen Finlnnd ein Meteor von ungewöhnlicher Schönheit und Größe beobachtet, das sich anscheinend in niedrigem Flug und mit großer Schnelligkeit in der Richtung SSW— NNO bewegte. Die Gegenden, über welche das Meteor hinfuhr, wurden in weitem Umkreise tageshell erleuchtet. Von V o r g a im finländifchen Gouvernement Ryland kommt nun die Mittheilung, daß dieses Meteor oder jedenfalls ein größerer Bruchtheil desselben in die Stcnsbölle Föhrde gefallen ist, das mcterdickc Eis durchschlagend und sich in den schlanunigcn Boden der Föhrde hineinbohreud. Die Bewohner der betreffenden Ortschaft berichten, wie sie das prachtvolle Meteor beobachteten, als es Plötz- lich unter einer fürchterlichen Detonation, die alle Gebäude er- schüttelte, erlosch. Am nächsten Morgen entdeckte man, daß im Eise der Föhrde ein gewaltiges Loch von 5—6 Metern im Durchmesser geschlagen worden war. Das Eis war in weitem Umkreis mit Schlamin bespritzt. Die Föhrde hat an der betreffenden Stelle eine Tiefe von kaum anderthalb Metern. Der Professor der Astronomie Donner hat Dr. Frosterus beauftragt, an Ort und Stelle alle uöthigen Untersuchungen anzustellen und Borbereitungen zu treffen, um den Meteorstein aus seinem schlammigen Ruheplatz herauf- zuholen.-- Geologisches. Je. Sand-Stalaktiten in einem Goldberg- Werke. Jeder kennt aus Abbildungen oder aus der Natur die wunderbare Bildung der Stalaktiten, die in alle» Kalksteinhöhlen zu finden sind und deren schönsten Schmuck darstellen. Der allgemeinere Name Tropfstein, den die deutsche Sprache für diese Naturerscheinung erfunden hat, bezeichnet genügend die Art ihrer Entstehung. Es liegt zugleich in der Natur der Sache, daß solche Bildungen im Allgemeinen nur bei bestinmrten Steinen und Mineralien auf- treten können, bei anderen aber nicht. Weitaus am häufigsten smd die ans Kalk gebildeten Tropffteine, außer diesen sind am bekanntesten die namentlich in dem berühmten Rammels- berg im Harz so wundervoll sichtbaren Stalaktiten und Stalag- mite» aus Kupfervitriol. Daß die gleichen Bildungen auch in smrdigen Erdschichten eintreten können, war bisher nicht bekannt, und deshalb ist eine Entdeckung des amerikanischen.Staatsgeologen Diller crwähncnslvcrth, umsomehr als die von ihm nachgewiesenen Sand-Stalaktsten schon«in erhebliches Alter besitzen müssen. Dieser Fundort ist em Gold-Bergtverk an der Küste des Staates Oregon, tvo aus einem schwarze» Sande Gold gegraben wird. Der schwarze Saud ist hmiptsächlich aus kleinen Granatkörnern zusammengesetzt und theilweise durch Eisenoxhd verfestigt. Ueber diesem Sande liegt ein grauer Sand jüngeren Alters, der haupsächlich ans Quarzkörnern besteht, daneben aber mich viel Feldspatkörner enthält. Diller be- merkte nun, als er an einer Stelle von unten her den schwarzen Sand bis zur Berühnmgsfläche mit dem grauen Sande entfernt hatte, daß die untere Flach« des letzteren nicht eben, sondern mit stalaktiteuähnlichen Auswüchsen bedeckt war, die aber auch aus Sand bestanden. Die Schichtfläche besitzt eine schwache Neigung gegen Westen, und auch die Stalaktiten sind sämmtlich etwas westwälts geneigt. Ihre Form ist sehr schön ausgebildet, die einen sind nur klein, die anderen aber bis zu 1 Fuß lang. Die meiste» sind einzeln, einige aber doppelt, als ob sich zwei Stalaktiten während ihrer EntWickelung vereinigt hätten. In keinem Falle waren sie hohl, wie es bei den Stalaktiten aus kohlensaurem Kalk vielfach vorkommt. Die Entstehung der eigenartigen Bildung ist vorläufig ziemlich.'räthselhaft geblieben. Die mikroskopische Unter- suchung hat festgestellt, daß jedes Sandkoni der Stalaktiten mit einer dünnen Schicht von krhstallinischcm Quarz umgeben ist, der die kleinen Zwischenräume ausfüllt und die Körner untereinander verbindet. Die einzige Erklärung, die Diller angicbt. die er aber auch nicht für wahrscheinlich halt, wäre, daß die Oberfläche des darunterliegenden schwarzen Sandes, bevor sich der graue Sand darauf ablagerte, durch den Mnd in eigenthümlicher Weise aus- S einigt und" durchhöhlt worden ist, soda'ß sich später der darauf- illeude obere Sand in die vorhandenen Vertiefungen hincinsenkte und durch kieselsäurchaltiges Waffer zu den beschriebenen Formen verfertigt wurde. Die Schwierigkeit einer Erklärung wird noch da- durch vermehrt, daß diese Erscheinung noch niemals an anderer Stelle beobachtet worden ist.— Humoristisches. — Ja s o I.Du hast's gut. Du hast eine t a u b st u m m e Schwiegermutter 1" .Bitte sehr— wie die mit den Augen spricht!"— — Im Zeichen des Verkehrs..Wie, Sie haben sich berheirathct Dame(die eine Weltrundreise gemacht):.Ja, in Konstan- t i n o p e l lernte ich meinen Mann kennen, in Bombay gab er Verantwortlicher Redakteur: August Jacobcy in Be mir den ersten Kuß. in Japan haben wir Verlobung gefeiert und in San Francisco war die Hochzeit!"— — H ö ch st e Malice. Dichterling:.Sag' einmal. welchen Titel soll ich mir auf meinen neuen Visiteularteu eigentlich beilegen?* Freund:»Wursthiillenb eschmierer."— (.Mcggend. hum. 331") Notizen. — Hugo Hofmann von Hofmannsthal wurde am Montag an der Wiener Universität zum Doktor der Philo- s o p h i e proniovirt.— .— Im Opern hause und Schauspielhause ist nach einer Meldung des„B. B.-C." der Kü n st l e r- H e r V o rr u f wieder eingeführt.— — Der Maler und Zeichner Toulouse Lantrec, einer der hervorragendsten Plakatzeichuer von Paris, mußte vor einigen Tagen ins Irrenhaus gebracht werde», da er. bereits seit langer Zeit schwennüthig, plötzlich von Tobsucht befallen wurde. Sein Zustand scheint unheilbar.— — Unter der Unzahl von Inschriften, welche die Franzosen in den letzten Jahren in Delphi bloßgelegt haben, findet sich auch ein Bruchstück in Stoichdonschrift mit 13 zum Theil arg ver- stümmeltm Zeilen: ein Ehrenbeschluß für Aristoteles und seine» Neffen Kallisthenes als Dank für die Aiifertignng der S i e g e r l i st e der p y t h i s ch e n Spiele. Dieses Werk, das nicht nur für die delphische, sondern für die ganze ältere griechische Zeitrechnung von Wichtigkeit war. ist uns'bis auf spärliche An- deutmigen verloren gegangen. Da in der Inschrift dem Schatzverwalter die Anweisung gegeben wird, das Siegervcrzcichniß in Stein hnucii und im Apollohciligthum nufstelleii zu lasse», so ist Aussicht vorhanden, daß noch Reste der Liste aufgefunden werden.— — In Frauenburg wurde, wie die„Erml. Ztg." meldet, beim Rajolcn einer Wiese 75 Zentimeter unter der Erde das Unter- theil eines Wikingerschiffcs von etwa V�/e Meter Länge und l'/e Meter Breite gefunden. Kiel, Mastspant, Vordersteven und die Planken sind ans eichenem Holze, die anderen Spanten aus Nadelholz. Das Alter des Schiffes wird ans 1400 bis 1600 Jahre geschätzt.— — Das älteste geschmiedete eiserne Werkzeug ist eine Art Hacke aus der ChcopSphramide, etwa 5000 Jahre alt.— — Ein deutscher Verein f ü r V o l k s h y g i e n e ist in Berlin von den Professoren Rubner und v. Lehden begründet. Die Ziele des Vereins sind: die möglichste Verbreitung der Lehren der Hygiene und der Ergebnisse der hygienischen Forschung: Stellung- nähme zu allen jenen sozialen Fragen, die die Bollsgesundheit b'e- treffen; Anregung und Unterstützung derjenigen praltischen Unter- nehmen, die Volksgesnndheit zu fördern geeignet sind.— — Der Torpedo-Oberingenieur D i e g e l hat die Beständigkeit des Eisens und K u p f e r l e g i r u n g e u im S e e w a s's« r untersucht. Am besten hielt sich Alwiiiniumbronce aus 91 Kupfer und 9 Aluminiimi, welche auch sehr zäh war.— — Zn einer Berathnng über die Grundzüge einer wissenschaftlich- technischen und wirthschaftlichen Organisation der deutschen Präzisions-Arbeit auf dem Gebiete des U h r e n w e s e n s soll am 23. März im Physikalischen Institut der Universität zu Halle eine Znsammenkiinft von Fachmännern und Sachverständigen eröffnet werden. Es handelt sich insbesondere um die Hebung der deutschen Chroiiometerfabrikation.— Btichcr-Eiulanf. — Johannes Schlaf, L e o n o r e und Anderes. Novellen L Berlin, F. Fontane u. Co. 2 M.— — Johannes Schlaf, Stille Welten. Neue Stim- mungen aus Dingsda. Berlin, F. Fontane u. Co. 3 M.— — Walter Harlan. Die Dichterbürse. Roman. Berlin, F. Fontane u. Co. 5 M.— — V. Hugo Mick ström. Eine moderne Geschichte. Einzig autorisirteUebersetzung aus dem Schwedischen von L. Passarge. Berlin, F. Fontane n. Co. 2 M.— — Rudolf Lindau, Zwei Reisen inderTürkei. Berlin, F. Fontane u. Co. 2 M.— — Paul Lindau, Ferien im Morgenlande. Tage- buchblätter aus Griechenland, der europäischen Türkei und Kleinasien. Berlin, F. Fontane u. Co. 3,50 M.— — Frank W e d e k i n d, Der Kammersänger. Drei Szenen. München, Albert Langen. 1 M.— — Franz Adamus, Familie W a w r o ch. Ein öfter- reichisches Drmna in 4 Akten. Erster Theil eines Dramenzyllus .Jahrhundertwende". München, Albert Laugen. 2 M.— — Prof. A. L. Hickm a nn' s Geographisch- statistischer Universal-Taschen-AtlaS. Ausgabe 1899. Wien, Karto- graphische Anstalt G. Freytag u. Benidt. 3,40 M.— [in. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.