Interhaltungsblatt des Worwörts Nr. 61. Sonntag, den 26. März 1899 (Nachdruck verboten.) 19] DAS Vlttk. Roman von I. I. David. „Ich habe mir es schon srüher oft so gedacht. Aber gehört habe ich es erst von Johann Rüttemann, der jetzt in Amerika ist— es geht ihm gut, und er hat mir auch be- zahlt, was er mir schuldig war— und begriffen so recht erst diese Nacht: wir können nichts für uns. Wenn die Gabi schlecht geworden ist, so hat der Rupert gemeint, das Blut ist schuld daran. Soll gelten. Aber kann der Mensch etwas für das Blut, das er in sich hat? Nein! Und so kann er für gar nichts. Wenn ich Sie nicht da treffe, kann ich überhaupt etwas für die Gabi thun? Gar nichts; zuschauen hätte ich müssen. Damit müssen wir uns bescheiden, was wir anpacken und wie wir es beginnen: Es geht aus, wie es ein Anderer will und gefügt hat von Ewigkeiten. Warum und wozu? Wir können ihn nicht fragen, und er müßte uns nicht antworten." „Aber das ist ja trostlos," rief Herr Glogar.„Da müßte man rein zusehen, was geschieht, und dürfte sich nicht rühren!" „Sie verstehen mich nicht," entgegnete die Frau.„Nein, wir sollen gerade thun, was wir sollen und was uns recht erscheint. Und es ist nicht trostlos; mich beruhigt es, daß ein Stärkerer und Klügerer einstehen mich für das, was ich thue und was ich erleide. Wir haben uns keinen Vorwurf zu machen, und ihm dürfen wir es nicht, und er spricht ans uns selber zu uns." „Wenn also Gabi käme und Ihre Hilfe anflehte— würden Sie ihr bcispringen?" „Glaube ich, daß es etwas nützt— gewiß I Aber wie kommen Sie darauf? Warum bitten Sie für die?" „Ich halte es für Meuschenpflicht. Und ich habe die Verlorene einmal sehr geliebt, und ich habe eine Ahnung, daß sie der Neigung und des Beistandes noch bedürfen ivird." Er sprach sententiös, wie fast inuner, und doch klang ein Tieferes in seiner Stimme. „So?" Sie legte die Hand auf seine Schulter. „So? Ich aber weiß, daß sie kommt. Wissen Sie, woher? Wir sind noch nicht aufs Reine, ich und sie. Und wo stünde die Welt, wenn zwei Menschen, wie wir— ich und die Andere— auseinanderlaufen könnten, als wäre nichts ge- Wesen? Es muß aufgehen zwischen uns. und darum muß sie kommen, und weil sie doch zu gut ist für das Leben, das sie jetzt hat. Ich verstehe sie noch nicht: ich weiß, was sie ist"— sie zwang mühsam eine starke Bewegung—„aber noch nicht, wie sie es geworden ist. Das ist sie mir noch schuldig, das muß sie mir noch geben, und sie soll dann von mir haben, was ihr noch kommt von mir." An diesem Tage wurden Herr Alois Glogar und Salome Lohivag Freunde. Selbst das Geständniß seiner Neigung zu Gabi erhöhte ihr seinen Werth; es mußte viel Gutes und Liebenswcrthes an dem Mädchen gewesen sein, wenn er, ein erfahrener und mcnschenkundiger Mann— sie hielt ihn dafür, weil sie es selber so garnicht war— sich so an die Hoffnung geklammert, seinen Besitz zn erlangen. Aber mich für ihre Ueberzeugung. daß Alles vorherbestimmt sei. war er ihr ein redender Beweis; so nahe war für die, deren Namen sie nicht mehr nannte, die Hilfe gewesen— und sie versank im Schlamme. Und um seiner Liebe willen hörte sie ihn auch gerne von der Entschivundenen sprechen. Immer noch kamen Briefe von ihr: sie wurden zu den übrigen gelegt. Nicht etwa aus Groll, denn Salome log nicht sich, nicht anderen; aber was darin stand, das konnte nichts fromnicn, nichts ändern. Nunmehr stammten sie säinmtlich aus Wien; und wie einmal das Unstete Gabrielen's ihrer Tante Anlaß zum Nachdenken gegeben, so Ivar es ihr jetzt wieder nicht recht, daß sie dauernden Aufenthalt genommen. Was konnte sie noch dort treiben, nun das Geld längst zu Ende sein mußte, das sie ihr damals zu- gesendet? So lange weilte wohl kein Zirkus irgend- wo in der Welt, und sie las auch eifrig die Zeitung, Alles zumal, was Bezug auf das Theater hatte, und konnte nichts finden, was ihr dcutsain für die Ferne schien. Und sie war fast froh, als ihr nach geraumer Weile wieder einmal ein Brief ans einem Dorfe Böhmens zukam... Sie waren Freunde geworden, soferne die Frau manchmal ein rechtschaffen Mitleid mit dem Manne empfand, der vor ihr saß und sich in phantastischen Träumen verlor, wie Alles hätte kommen können, während sie klar und bestimmt nur das er- wog, was war und warum es so war. Aber vom Tröstlichen, das sonst ähnlichen Verhältnissen innewohnt, war diesem nichts zn eigen. Nur ein Berührungspunkt war in Beiden, und zu dem stellten sie sich ganz verschieden. Nichts von der An- betung, die Glogar jetzt methodisch mit dem Andenken Gabrielen's trieb, war in der Frau. Er litt wirklich dar- unter: mit jener nüchternen Trockenheit, mit der er vordem seine geträumten Seligkeiten verzeichnet, buchte er nun seine ehrlich empfundenen Kümmernisse. Er bemühte sich um keine bessere Stelle, die er am Ende nicht gar so schwer hätte erlangen können; aus Anhänglichkeit au die Stätten, da sie geweilt, redete er sich vor, aus Verzweiflung an einer Welt, in der Gerechte so leiden müssen. Aber ihm war einfach zum Belvußtsein gekonimen, daß er seine beste Kraft und seine ganze Wucht des Hoffens einem aussichtslosen Traumbilde zugewendet hatte. Das zerrann, und er fühlte sich alt und ivar nicht mehr jung, uiid sah keinen Weg mehr vor sich, der ihn ganz und mit Bestimmtheit aus den kleinen und quälenden Sorgen führen konnte, in denen er lebte. Frau Salome aber war nur noch eines merkwürdig: die Antivort auf jene Frage, die sie sich gestellt, da sie Gabrielen wiedergesehen, das„Wie und Warum?", das ihr ein Räthsel war, das sich nicht lösen noch ausdeuten lassen wollte. Mit der ganzen Macht eines Verstandes, der sein und seiner Kruft bewußt genug war, arbeitete sie fruchtlos daran. Und sie hatte Zeit in der Einsamkeit, in der sie lebte, zur Genüge dafür. Jede Möglichkeit wog sie ab. Es kamen Tage, an denen selbst die vertraute Stimme Herrn Glogar's fremd in ihre Träume klang, in denen sie der Anblick seines ernsten und gelassenen Duldergesichtes fast in Wuth brachte durch seine stete Gleichmäßigkeit. Es schlief eben mehr von der Leidenschaftlichkeit ihrer Schwester und Gabrielen's in ihr, als sie ahnte oder Wort hätte haben wollen. Sie waren Freunde geworden, und Rupcrt's Spott, den er freilich nur in verhohlenen und feindseligen Anspielungen zu äußern wagte, vermochte nichts darüber— Freunde nach ihrer Art, die nicht so ganz gemeine Menschcnart war, aber darum vielleicht nicht minder verläßlich für die Dauer und für die Roth. Freunde auch darum, weil sie gewandelt waren gegen früher allbeide. Denn Herrn Glogar war der feste Grund abhanden gekommen, darauf er so lange gefußt, und er verzweifelte an der göttlichen Weltordnung; Frau Salome hingegen war unruhig, ungleich von Stimmung, abhängig von Launen, war durch ihr Sinnen und Träumen erregbar, durch ihr:.„Wir sind noch nicht auf gleich, wir müssen aufs Reine konimen" nervös geworden.... XII., Die Welt ging ihrer Wege weiter. Die Tage wurden endlos, dann wieder die Nächte für Frau Salome. Das Märzenwehen erhob sich, durchfuhr die Lande, ward zum Sturme, Der peitschte mit starken Schwiugcnschlägen die Welt aus ihrem Schlummer; vor dem Brausen seiner Fittige brach das Eis der Flüsse, daß die todten Schollen dem lebendigen Wasser den Raum nahmen. Jeder Bach ward so zum Strome; die Oder selbst aber überschivemmte weithin die Fluren, daß unabsehbare Seen entstanden, nur geschieden durch die weiße Straße, die sich unter, grauem Hinimel und zwischen fahlen Wassern dahinzog. Im Oberlande ging es übel. Man hörte von verheerten Städten, von bedrohten Ortschaften. Jedes Rinnsal trug Hausrath ins niedere Flußthal; man sah nutzbare Thiere herabgetrieben werden, denen niemand zu helfen vermochte Wo aber die Gemarkungen einer Gemeinde an die erzürnten Gewässer stießen, dort sammelte sich vieles Volk um die Ufer. die noch nie so weit ins urbare Land gerückt gewesen waren Manche unter den Zuschauern trieb die bittere Roth und die Sehnsucht nach einem Erwerbe; es kam viel Bauholz, ge waltige Stämme kamen sogar, die denen reichlich lohnten. die ihrer habhaft wurden. Andere schlugen nur lungerni die Zeit todt, mit der sie nichts Rechtes zu beginnen wußten, nun die Accker im GeWoge versunken lagen. So gewannen einige Elende und viele Müßige ihren Vortheil ans dem allgemeinen Jammer. Zu Nacht aber erhob sich in einsamen Schänken ein wüstes Wesen; Taugenichtse, die ihren raschen Erwerb leicht verthaten, lärmten darinnen. Mne volle Woche fast ging das so. Auch Frau Salome pflegte solcherart eine müßige Stunde zu verbringen; mehr aus einer Sehnsucht nach Menschengesichtern überhaupt, als aus Neubegier, obgleich auch die ihr Theil daran hatte. Unter den Holzfängern sah sie manchen wieder, den sie von den Nußbäumen her kannte; den Franz Rüttemann auch, der in hohen Wasserstieseln zerlumpt, wüst und dreist mit einem ge- waltigen Feuerhaken nach Brettern und Bäumen angelte und mehr Glück hatte, als die anderen zusammen. Einzig er unter allen diesen Gesunkenen war frech genug, sie zu be- grüßen: wenn die Anderen schweigend ihr Werk thaten, sang er mit heiserer Sttmme, plauderte. Pfiff, rief den Mädchen, die etwa zusehen kamen, allerhand Unsinn zu, schien alles zu können, nur keinen Augenblick stille sein. Frau Salome erwiderte seinen Gruß hochmüthig kopfneigend; der Mensch war ihr aber gleichgilttg, so sehr sie ihn einmal gehaßt. Danach sah sie wieder in das Brausen und Schäumen, das sich am sechsten Tage so ge- wattig erhob, daß man selbst für die Kreisstadt zu fürchten begann. Denn mehr als einmal schlugen die Wellenkänune über die Straßen hin; mehr als ein Haus war in seinen Festen von den raunenden und naschenden Wogen unterwühlt und drohte dem Einsturz. (Fortsetzung folgt.) Sonnkagsplsudevek. Palmsonntag I Die Charwoche beginnt und mit solckicr Ironie deS Wetters wird sie eingeleitet! Statt der Veilchen und Frühlings- blüthen, die sich allzudrcist schon vorgewagt hatten, konnten wir an unsere» Fenstern Eisblumen betrachten, wie sie uns der ganze Winter nicht gebracht hatte. Eigenthnmliche Frühjahrstücke! Wunderlicher Lebensironie tonnte man in dieser Woche mamng- fach begegnen. Di« wunderlichste bleibt da-Z Tartüfse-Stück der Studenten von Halle. DaS war eine neue, eine nnerwartere Rote im akademischen Leben. Alle Ausgelassenheit, die widerwärtigste Renommage, die in keinem Verhältnis zur einge- bildeten studentischen Würde steht, konnte man begreifen; wie man Ausschreitungen begreift, die im Charakter der Jugendlichkeit liegen. Mit dem studentischen Streberthum unserer Tage war freilich das Wesen der Jugendlichkeit schon vergiftet: und doch überraschte die neue Erfahrung, wie weit man es in der Moral- Heuchelei ge- bracht habe. Ms Mephisto mit seinem Faust auf irdische Abenteuer streift und in Auerbachs Keller mit einer recht ruppigen Studentengesellschaft zusammentrifft, da giebt es manchen derbsastigen Spaß. Die jungen Burschen lieben das so. Ihnen macht Ergötzen, was einem Faust schal erscheinen muß. Studenten vom Schlag unserer berühmt ge- wordenen Hallenser würden die Ergötzlichkeiten Mcphisto'S weit von sich weisen; dafür hätte umgekehrt Mephisto an diesen Braven einen reinen Genuß. Verhaßt ist ihnen die Weiblichkeit im Hörsaal; denn des schuldlosen Jünglings Gedanken gehen so leicht in die Irre und die Macht der Verführung ist stark. Sie, denen jedes Zötlein jüngferliches Er- rölhen in die Wange treibt, könnten leicht in argen Cynismus ver- strickt werden. Das haben die jungen Herrchen nicht bedacht und cS ging ihnen, wie so vielen Moral-Heuchlern, daß sie durch ihr Gcstäudniß zunächst sich selber bloßstellen. Welche verwüstete und schmutzige Phantasie, die so für sich fürchtet. Sie glaubten sicherlich, ihre streberische Sache sehr fein eingefädelt zu haben und doch waren sie so unsagbar naiv, durch Selbstvcrrath an ihre brutale Phantasie zu eriimern. Sie glaubten, wie die frommen Büblein zu »scheinen und einer Förderung gewiß zu seilt und übersahen, daß man fragen muß: Wenn ihr so fromm seid, wie kommt ihr zu eurer schmutzigen Wissenschast? Gmg's nach den Hallensern, so müßte der arme Goethe seine Szene in Auerbach's Keller gründlich umändern. Volltrunkcne Studenten, wer hätte derlei schon gehört, und dann das häßliche Lied vom Floh, der die Hofdamen plagt. Was kann ein Phantasie- voller Jüngling nach Hallenfischcr Art sich hierbei nicht vorstellen! Nicht allein, daß die Romanze an sich so tief despektirlich ist, die Heim- lichkciten des Flohprinzen können unlautere Gedankenreihen anregen. Nein, int stillen Thcezirkel mußte Exzellenz Goethe die Blüthe deutscher Studentenschast aufsuchen. Einen erbaulichen Chorgesang und nicht wüste Sauflieder hätte ihnen der alte Heide in den Mund legen sollen. Dann wäre er ganz gewiß nicht Heimathlos in der wunderschönen Stadt am Rhein und sein Straßburgcr Denkmalkomitee müßte sich nicht, wie es jetzt thut, de- und wehmüthig an die Oeffentlichkeit um kleine, freiwillige Beiträge wenden. Der Sknsnif des Komitees macht einen deprimireuden Eindruck. Vorher schon ließ man den Kkingelbeutel umhergehen, die relativ bescheidene Sunime für das Straßburger Denkmal kam nicht zusammen. Man wandte sich an den Reichstag; und da man sich dort um den unbequem heidnischen Dichter und Weltbürger herumzudrücken wußte, versucht man's von Neuem mit den Sammlungen. Aber man muß gutbürgerliche Schwärmerei wohl verstehen. Ms die Reichslande nach siebzig an Deutsch- land kamen, da schwammen dieselben Bürger in sentimen- talem Entzücken über die verlorenen und wiedergelvomicnen Brüder und alle deutschen Dichter schworen den Revancheschreiern übenn Rhein feierlich zu: Niemals sollt ihr auch nur einen Stein von uns haben. Nun aber, da ein Ehrendenkmal deutscher Nation in Straßburg errichtet werden soll, setzt sich die gritbürgerliche Schwärmerei so kläglich in die That um. Die Frommen schnüffeln und finden, daß Goethe heidnisch stinke, und die Rationalisten fragen gar bedenklich an, ob denn dieser Poet so recht.voll und ganz" als Deutscher eingeschätzt werden könne. Jndeß muß der Klingelbeutel abermals umgehn und wir könnten es erleben, daß das neuerliche Mühen wiederum ergebnißlos verlaufe. Es Handell fich wirklich nicht darum, ob der Wille des Denkmalkonsitees in Straßburg geschieht, ob nicht. Vielleicht wäre es von vornherein klüger gewesen, die Geschichte mit dem Denkmal nicht anzuregen. War sie aber einmal angeregt, so zeigte sich der charakteristische Widerspruch in den Dingen': überfließende Schwärmerei, so weit sie wohlfeil ist und ein bettelhaftes Gebahrcn, so wie«ur einige Opfer- Willigkeit verlangt wird. Vielleicht wird Herr Lieber mit Genugthmmg denken: Es geschieht ihm ganz recht, diesem Goethe. Der Mann hatte für „Nuditäten" sehr viel übrig. Allerdings übersetzt die Lieberfiche Phantasie den Begriff„Nudilät" nicht mit Nacktheit, sondern er sagt statt nackt.ausgezogen". Damit iroisisirt sich die fromme Phantasie selber. Eine Einbildungskrast, die filr das Nackte das Ausgezogene setzt, das heißt für das natürlich Naiv« das Raffinement, ist in der That nicht gerade beneidcnswerth. Um so erfreulicher ist dann der Muth und die Begeisterung, mit der ein so phantasievoller Mann trotz der Jamtscharcnmusik, die wider ihn losgelaffen wurde, über die reine, nnentwcihte Kunst anstecht seines Aniies waltet. Da wir nun einmal im streng sittlichen Fahrwasser segeln und alle unreinliche Phantasiethätigkeit gründlich Haffen, so könnten die Herren, die gleich Lieber über die hehre, die heilige Kunst wachen. von dem Andenken eines Mannes in Dresden noch Manches pro- fikiren. Nur keine Acngstlichkeit, wenn es sich um Nnditäten handelt. In Dresden wirkte an der Kunstschule ein Lehrer, der für ganze Generationen von Kunstschülern sprichwörtlich wurde. Die Dresdener Kunst war damals völlig im Niedergang; aber die Sittlichkeit an der Kunstschule stand um so höher.' Der erlvähiste Profeffor wetterte nämlich vor seinen Jünglingen gegen die Nauir- studicn nach weiblichen Modellen; und da er als Kunstlehrer— seine Predigten gegen das Nackte, oder wie Lieber sagt, gegen das Ausgezogene in sächselnder Mundart vortrug, so wurden diese Vorträge zu komischen Anekdoten. Möglich, daß die Uebertreibnng sich an die Gestalt deS merkwürdigen Knnst- lehrers llanmierie, daß man ihm Unrecht that. aber bos- hafte Anekdoten sterben nicht leicht. So starb das angebliche Dittat des Dresdener Professors nicht: Man nehme einen Jünglings- körper und„übertrage sich ihn ins Weibliche". Wie, wenn die Dresdener Anekdote zu feierlichem Ernst gediehe! Junge Leute und weibliche Allstudien I Wenn die Hallenser schon an frivolen Zynis- mns deuten, da cS sich mir um medizinische Studien und weibliche Mitstudenten handelt, wie arg in Gefahr müssen erst die Smdirenden in den Kunstschulen sein. Wozu denn am splitternackt ausgezogenen Leib stndiren? Ein Kunstkenner, der die„Nudität" überhaupt haßt, wird gewiß auch als„gerechter Kammmacher" die Folgerung ziehen: Malst und und bildest Du nichts Nacktes, dann brauchst Du auch keine Studien am Nackten. Wozu haben wir eigentlich eine parlamentarische Sitten- Polizei? Lustige und bittere Ironie wechseln durcheinander. Gegen die „Neber-Sittlichkeit" der brausenden Jugend kehren sich jetzt sogar die offiziösen Stimmen. Wie'pedantisch zähe klebt man doch an Vorurtheilen. an landläufigen Redensarten; und gar erst, wenn es sich zugleich um die eigene Selbstliebe, um den eigenen Jnteressenvorthcil handelt. Den Einen ist der weibliche Arzt ein Gräuel, den Anderen kommt der Gedanke an weibliche Fabrikinspelloren schrecklich vor. Tapfere, agrarische Männer, Leute, die gewiß niemals ein Glas über den Durst getrunken und niemals ein Wort zuviel gesprochen haben, weisen auf die unbedingte Natur der Frau als Schwätzerin hin. Kann denn ein Weib den Amtseid halten, kann sie schweigen, wenn sie Betricbsinspektor wird? Ein schallendes Nein I erwidert der kräftige Mann. Er dekretirt: das ist wider die Natur, und seine energische Be- Häuptling ist zugleich sein Grund. Von alten Weibern beiderlei Geschlechts hat er wohl noch nie vernommen. Nur keine falsche Scheu, sobald es sich um die eigene Werth- bestimmung handelt. Das meinen auch die Eiferer wider das all- gemeine Reichs-Wahlrecht in der preußischen Kammer. Sich auf einen überhöhen Sockel stellen und den„Pöbel" verachten. Die Ironie dann ist die geistige Trivialität, die für sich gerade das erhöhte Lorrecht beaiffpnicht. Lebt« nocki ein Funken herrischer Genialität, aufschäumenden Temperaments in dem An- ftunn gegen das allgemeine Wahlrecht! Aber so ist es, wie bei dem Kampf gegen die Frau als Mitbewerberin: Die nüchterne land- läufige Trivialität bläht sich aus; und eine Scheinbehauptiiug gilt ihr als Grund.— 1 x tr a. Meines �enivekon. -1- Kllndignng.„Na, Du bist ja so vergnügt! Was ist Dir denn passirt? Hast Du am Ende Arbeit?" fragte der junge Mann, der am Fenster mit einem Stück einer alten Zeitung saß. Der An- gesprochene lachte still, mit glänzenden Augen:„Ne— ne, das {erade nicht. Aber", er warf den Kopf empor und sah den Sitzenden heimisch an,„ja, eigentlich weiß ich gar nicht, warum ich so lustig bin. Ich habe durchaus keinen Grund dazu, aber ich bin nu mal lustig." Er zog die Hände aus den Taschen seiner Joppe und blies hinein.„Weißt Du... hier bei Dir... ist's auch nicht wärmer wie draußen. Nur draußen ist der Wind so scharf." Immer noch in die zusammengelegten Hände hauchend, sah er sich nach einer Sitzgelegenheit um. Doch im Zimmer standen nur Bett- stellen an den Wänden und neben dem weißen Kachelofen ein Waschständer. Ein einziger Stuhl befand sich am Fenster, und den hatte der Lesende besetzt. Der Andere ließ sich auf eine Kante des hinteren Bettes nieder und meinte:„Weißt Du, ich glaube, heute sind alle Leute vergnügt. Das muß wohl die Lust»lache». Deine Wirthin sah mich auch so merkwürdig an." Die Hände hatte er wieder in die Taschen gesteckt, diesmal in die Hosentasche». „Na... die ist nichts weniger als lustig. Die sieht nicht gern, wenn Du so oft zu mir kommst." „Wieso „Ach..." der Sprechende wurde roih und strich die Zcitnng über seinen Schenkeln glatt,„sie hat Angst, Du bringst ihr was uw Haus." Der auf dem Bett lachte:„Daran ist doch gar nicht zu denken. So rasch kriegt man doch im Winter keine Bienen." Ernft und forschend fragte er:„Ra, Du wirst ihr doch nicht gesagt habe»...? Wie kommt sie denn dazu?" Der Andere stand auf:„Ja, liebster Karl I Das sieht man Dir doch aber wahrhaftig an. Und dann... ein Kaufuuuui, der bei solchem Wetter nicht mal einen Mantel hat... und die grauen Stiefel... und die verregneten, faltigen und kurzen Hosen... das ficht doch ein Jeder, das muß doch Jeder sehen, daß Du uttr noch in Herbergen pennst." DaS heitere, klare Gesicht Karl'S verlor seine Frische. Sein Kops senkte sich langsam, langsam bis auf die Brust. Er antivortete nicht. Sein Freund stand schweigend vor ihm und sah ans ihn nieder. Reue über das eben Gesagte erfüllte ihn. Er hätte abbitten mögen, daß er den Zusammensinkendcü aus seiner über- niiithigen Stimmung gerissen hatte. Doch fand er keinen anderen Trost, als ihn zu fragen:„Gefrühstückt Haft Du noch nicht?" Karl schüttelte leicht mit dem Kopf. Während der Andere eine Kiste miter dem Bett hervorzog, sagte Karl:„Siehst Du, ich dachte, wenn wir wirklich m Berlin nichts finden, dann gehen wir bald ans die Walze. Unterwegs wird sich schon irgend eine Arbeit für uns bieten. Wenn das Wetter auch noch nicht so ist. es muß ja bald umschlagen. Und es geht ja auch so nicht tveiter. Du hast wenigstens noch'ne Schlafstelle, einen qe- wissen Anhalt. «Ach, meine Wirthin kann mir auch nischt schenken.. Na, da sind nach ein paar alte Kanten, und ein bischen Kakao ist auch noch da. Den brüh'� ich bei meiner Wirthin auf, das gicbt noch ein famoses Frühstück. Er kam noch'nml von der Thür zurück. In gedämpftem Ton sagte er:„Denkst Du. daS macht mir Spaß, hier immer zu liegen und nicht zahlen zu können?.. Und dabei kann ich's doch gar nicht besser haben. Meine Wirthüi kocht mir alles und besorgt mir alles, aber sie muß doch schließlich von den Schlafburschen leben. Und das ist nun schon der dritte Monat, wo ich nicht zahle. Der dritte Monat..." Er blieb noch ein Weilchen stehen, als erwarte er eine Antlvort. Karl schwieg jedoch rcsignirt. Der Freund nickte mit dem Kopf und ging in die anstoßende Küche. Da stand seine Wirthin, eine schmächtige Frau, an einem Plättbrett, das sie auf das Fensterbrett und auf einen Stuhl gelegt hatte. Sie sah mir einen Augen- blick auf. als er fragte:„Darf ich mir ein bischeu Kakao zurecht machen?' „Ja, gewiß," erwiderte sie. Er griff zögernd nach dem kleinen braunen Topf auf dem Herd. Sie hatte ihn nicht wie sonst offen angesehen. Ehe er seinen Kakao hineingeschüttet hatte, sprach sie weiter, mit erzwungener Strenge: „Nein, Herr Brinkhof, das kann ich nicht länger dulden, daß Sie immerfort Besuch empfangen. Und dann sind Sie auch den ganzen Tag zu Hanse...* Er stellte den Topf hastig hin. In einer Anwandlung des sicheren, selbstbewußten Gefühls seiner früheren, überflußreichen Tage sagte er, als wollte er mit seiner Unabhängigkeit prahlen: „Weim Ihnen das nicht recht ist, ziehe ich eben." Rasch ging er hinaus. Nachgebend rief sie ihm nach:„Aber dcSIvcgen können Sie doch Ihren Kakao kochen I" Er hörte nicht darauf. Erschreckt fragte ihn Karl:„Was denn? Nun Hab' ich Dich auch noch obdachlos gemacht?" „Ach!" meinte sein Freund mit rothen Backen,„ich brauche mir doch nicht alles bieten zu lassen. Die Leute denken immer, mit mir können sie alles machen. Ja, aber blos bis zu einem gewissen Punkte. Weiter nicht. Nun gehen wir gleich auf die Walze I" Karl trat an das Fenster. Die Heiterkeit, die er mitgebracht hatte, schien jetzt sein Freund zu haben. Er aber war nachdenklich und düster. Leise sagte er: „Es schneit schon wieder."-- Musik. sz. Am 30. und 31. März wird die Singakademie die„Matthäus- Passion" von Bach aufführen; die Jahreserinnerungen dieser Auf- führung hatten wir bereits in der Nummer vom ö. d. M. angedeutet. Fetzt konimt gerade zu rechter Zeit eine kleine Schrift:„Zur Einführung in I. S. Bach's Matthäus-Passion. Von Professor Dr. S. Jadassohn. Berlin, Harmonie- Verlagsgescllschaft." Sie ist stellenweise etwas breit; den Satz: „Das ivahrhast Schöne muß immer zuerst ins Auge gefaßt und berücksichtigt werden," könnte sie wahrlich sparen. Auch würden noch etlvas mehr Rotenbeispiele nicht schaden, und bei der Erlvähnuug des Touartenhörens sollte dieses nicht mit dem im engeren Sinn so genannten„absoluten Gehör" verwechselt werde». Diese kleinen Aussetzungen kommen jedoch nicht auf gegen die große Anerkennung, die dem Werkchcn einerseits im Ganzen und andererseits dafür gebührt, daß es speziell die veränderten Umstände einer Ausführmig der Kontposition in der Ursprungszeit und einer von heute beleuchtet und uns so über den Abzug an Wirkung tröstet, der für sie bei emer jetzigen Lorsührung unverineidlich ist.» Völkerkunde. — lieber die Hände von Togokenten veröffentlicht Senator eine Arbeit in der„Zeitschrift für Ethnologie", der der „Globus" daS Folgende enttiimmt: Die Hände erwiesen sich im Allgemeinen als sehr schlank, äußerst Ivohlgcbildet und proportiönirt. Der Grad der Entwickelung der sogenannten Schwimmhaut zwischen den Fingerit war verschieden; bei den Männern zeigten sich schwächere Abstnfttligen. bei den Weibern stärkere. Auch das Ber- hättniß zwischen der Länge des Danmens und der Gnindphalnitgs des Zeigefingers war wechselnd. Ein wichtiges Ergebniß hatte dte Messung der Länge des zweiten und vierten Fingers. Während bei den höher zivilisitten Böllern die Zeigefinger länger sind als die vierten Finger, zeigte sich bei den Togolenten wie bei allen Naturvölkern Ivicder der kürzere Zeigefinger im Vergleich zum vierten Gliede; nur ein Mann hatte gleich langen Zeige- und Ring- finger.— — In der letzten Sitzung der Geographischen Gesellschaft zu Pari? berichtete Jules Garnier im Auftrage des englischen Marine- kapitäns Barclay über die Alterthümer der Osterinfel. Schon Cook. La Perouse und andere Seefahrer hatten die Insel besucht, doch blieben ihre Nachrichten noch sehr ungenau. Das Merk- würdigste an der Insel ist, daß es dort gegen 500 ans Stein gehauene Statuen giebt, von denen einzelne 25 Meter hoch sind und ein Gewicht von 250 Tonnen erreichen. Sie sind auf große Stein- blöcke aufgestellt und tragen Inschriften, deren Entzifferung bisher noch nicht gelungen ist. Es hat den Anschein, als ob ein plötzlicher vulkanischer Ausbruch die Anfertigung dieser Vildsänlen gestört habe, denn man findet die Stücke in allen EntlvickeltlngSsiiifen, vom eben angehaueiteit Block bis zuin fertigen Kunstwerk. Die Frage, welcher Volksstanun solche Denkmäler geschafft hat oder schaffen konnte, ist bis jetzt noch nicht gelöst worden. Nur das eine ist sicher, daß die gegenwärtige Bevölkerimg. die noch auf einer tiefen Stiefe der Kultur steht, an jenen Werken keinen Antheil haben kann.— Geographisches. — D t e Natron-Seen in Egypten. DaS„Handels- Museum" enttiimmt den Mittheilnngen der österrcichisch-nngarischen Handelskanuner in Alexandrien folgende Ausführungen: Nordwestlich von Kairo in einer Entfernung von 40 Kilometern erstreckt sich zwischen kleinen Hügeln ein 60 Kilometer langes Thal, welches schon in alter Zeit durch seinen überaus_ großen Rcichthum an Natron weit und breit bekannt war und bis zur Erfindung des Leblanc- Verfahrens seine Schätze in großem Maße nach Europa sandte. Seit der Erfindung dieser billigeren Herstellungsweise nahm der Export des egyptischen Natron weit geringere Proportionen an und beschränkte sich nur auf Griechenland und die Türkei, welche im Vereine mit Egypten selbst jährlich etwa 3000— 5000 Tonnen konsumiren. Die Jahres- Produktion an natürlicher Soda beziffert sich aber mindestens auf das 15— 20 fache. Das Natronthal besitzt eine bedeutende Anzahl Seen, von welchen neun besonders durch ihre Größe hervorragen, zehn mittleren Umfanges sind und fünfzehn nur eine lleine Aus- dehnung besitzen. Sie befinden sich 10—20 Meter unter dem Meeres- niveau. Einen Monat, nachdem der Nil zu steigen begonnen hat, also ungefähr gegen Ende August, fangen die Quellen zu fließen an. Ueber den' Ursprung derselben ist man noch vollkommen im Unklaren; einige behaupten, daß es Jnfiltrationswasser des Nils ist, Andere behaupten, daß diese Quellen mit dem Meere in Verbindung stehen. Thatsache ist, daß mit dem Steigen des Nils die Seen sich zu füllen beginne», und ihr Niveau gegen Ende Januar feinen Höhepunkt erreicht. Im Monat März hört der Zufluß Nneder auf, das Wasser verdunstet allmälig und der Boden bleibt auf eine Ausdehnung von vielen tausenden von Hektaren mit einer dichten Schichte von natürlicher Soda überdeckt, welche das Aussehen von großen Eis- schollen besitzt. Man unterscheidet zwei Qualitäten Natron: Sultani, ein Kondensationsprodukt, und Korchef, ein Ausblühungs- Produkt. Beide Produkte bestehen aus Natron, Kochsalz und geringen Mengen Glaubersalz. Im narürlichen Zustand werden sie hier und in Griechenland namentlich zur Seifefabrikation verwendet. Die Aus- beutung der Natrongebiete steht der egyptischen Regierung anHeim, welche sie bis vor zwei Jahren konzessiousweise an Private abgab. Dieselben hatten sich zum Exporte des ganzen Erzeugnisses zu ver- pflichten. Der Verkauf im Jnlande wurde jedoch von der Regierung selbst besorgt. Vor zwei Jahren gründete sich eine große Aktien- gesellschaft, welche sich nicht nur die Natrongewinnung, sonder» auch die Sodafabrikation als Aufgabe stellte.— Physiologisches. t. Nikotin- Vergiftung bei Thieren. Zwei französische Forscher haben nach der„Rsvns Scientifiqne" eigenartige Versuche über die Wirkung von Tabaklösungen auf den Ge- sundheitszustand von Thieren angestellt. Sie nahmen 10 Gramm Kautabak oder Nolltabak, der übrigens giftiger ist als Rauchtabak, und ließen ihn 10 Minuten lang' in'lov'Grannn Wasser liegen. Dann impften sie von der entstandenen Lösung 2 Kubikzentimeter auf je 1 Kilogramm des Körpergewichtes Hunden'und Meerschweinchen unter die Haut. Die Folge wären krampfhafte Anfälle, die große Aehnlichkeit mit den Merkmalen der Epilepsie besaßen. Nach den Anfällen blieben die Thiere einige Mimtten lang unbeweglich, als ob sie schliefen, und nach ihrem Erwachen stellte man oft eine halbseitige oder beiderseitige Lähmung fest, die mehrere Stunden anhielt. Ist die eingespritzte Dosis zu stärk, so erfolgt ein äußerst heftiger Anfall und das Thier stirbt während desselben. Ist jedoch der Anfall vorüber, so tritt der Tod gewöhnlich nicht mehr ein, sondern das Thier erholt sich wieder vollkomnie». Die Aehn- lichkeit der Wirkung der Tabaklösungen auf die Thiere mit den epileptischen Erscheinungen bei Menschen ist bedeutungsvoll und war bisher noch nicht beobachtet worden. Daß durch Tabakvergistung auch beim Menschen Epilepsie erzeugt werde« könnte, muß vorläufig als ausgeschlossen bezeichnet werden. Dennoch kann die beschriebene Erfahrung an Thieren manches zum Berständmß der Epilepsie bei- tragen: besonders werthvoll ist die dadurch bedingte Wahrscheinlich- keit, daß die Epilepsie nicht immer auf Vererbung und natürlicher Anlage zu beruhen braucht, sondern auch während des Lebens als Folge gewisser Vergiftungserscheinungen eintreten kann.— Aus dem Thierleben. �-Laubvogelnest von Ameise>i überfallen. In einem dichten Johännisbeerstrauche, so erzählt Dr. Viktor Hornung im„Zoologislben Garten", hatte ein Pärchen des Gartenlaubvogels lHypalsis philornela) etwa einen Meter vom Erdboden entfernt sein kleines Haus errichtet. Während das Weibchen mit Eifer dem Brut- geschäft oblag, ließ das Männchen den ganzen Tag ununterbrochen seine liebliche Stimme erschallen: ja selbst in der Dämmerung vernahm man noch häufig sein leises Liebesgeflüster. Schließlich entschlüpften vier Gelbschnäbel glücklich den Eiern. Unennüdlich trugen die Eltern Nahrung zu Neste. Eines Morgens ließ sich jedoch beim Vorbei- gehen an dem Nistplatze klägliches Geschrei der Eltern hören: beim Nachsehen fand man alle vier bereits mit Stoppeln bedeckte Jungen todt im Neste. Unzählige Ameisen krochen im Neste herum, die Jungen selbst waren schwarz von ihnen, und fortwährend bewegten sich neue Schaaren von Ameisen an dem Stamme empor dem Neste zu. Da die Jungen wenige Stunden vorher noch vollkommen munter waren, so unterliegt eS keinem Zweifel, daß die Ameisen ihren Tod verschuldet hatten. Gelegentlich sind also auch Ameisen als Feinde der am Erdboden nistenden Vögel zu betrachten.— Aus dem Pflanzenleben. Sinnpflanzenzucht im Wasser. Einen anziehenden Versuch hat, wie der„Prometheus" mittheilt, vor kurzem der fran- zösische Botaniker Gaston Bonnier mit der bekannten Sinnpflanze (Aliinosa pudica) unternommen. Es gelang ihm nämlich, Sinn- Pflanzen völlig unter Wasser zu ziehen, wobei sich in dem inneren Baue sowohl wie in den Reizbewegungen.eigenthümliche Abänderungen ergaben. Die Wirkungen des Wasserlebens wurden dadurch unschädlich gemacht. daß das Wasser fortwährend erneuert und ununterbrochen durchlüftet wurde. Im Uebrigen zerfielen die Versuchspflanzen in zwei Gruppen, die einen waren bereits vom Samen an unter Wasier gezüchtet, die anderen hatten sich erst eine Zeit lang an der Lust entwickelt und mußten dann ihr Wachsthum unter Wasser fort- setzen. Trotz des dauernden Untergetauchtseins zeigten nun die Pflanzen der ersten Abtheilung sowohl die regelmäßigen Schlaf- bewegnngen, wie die bekannten Reizerscheinungen auf Berührung oder Erschütterung: dagegen hielten ihre Blätter die ausgebreitete Tages- stellung nicht so lange' ein, wie unter gewöhnlichen Umstanden erwachsene Stöcke; und diese Äblveichung dauerte noch fort, als sie nachträglich an die Luft gebracht wurden. Zur Vergleichung wurden an der Luft LZtrgntwortlicher Redakteur: August Jacobey in Be! erwachsene Sinnpflanzen nachträglich unter Wasser gebracht und dort sogleich dem Versuche unterworfen. Da auch diese ihre Bewegungen unverändert wie vorher ausführten, so ergiebt sich, daß es sich hier um eine während der Entwicklungszeit unter dem Einflüsse der Um- gebung erworbene Eigenschaft handelt, eine unmittelbare, augenblick- liche Einwirkuug durch das Wasser dagegen nicht zu stände kommt. Auch der Spielraum der Schlafbewegungen war bei den unter Wasser erwachsenen Stöcken geringer, und das Gleiche galt von der Geschwindigkeit der Rei'zleitung. Die Wasserstöcke zeigten auch wichtige Gewebsveränderungen, und zwar besonders in den Blaltgetenkeii, wo ja die Reizbelueguiigen ihren Ursprung nehmen. Es fand sich hier der innere Theil, der die Fasern und Gefaßstränge enthält, stark zurückgetreten und schwächer als gewöhnlich verholzt; auch waren die zelligen Bestnndtheile, die ihn aufbauen, nicht so wie sonst verlängert. Es läßt sich daraus schließen, daß diese Schichten es sind. die bei dem Zustandekonunen und der Fortpflanzung der Bewegungen die größte Rolle spielen.— Meteorologisches. — Im Auftrag der Bauleitung der großen sibirischen Bahn hat nach einein Bericht der„Geographischen Zeitschrift" der Berg- Ingenieur Sergejew meteorologische Beobachtungen im Amurgebiet angestellt, welche von allgemeinem Interesse sind. Der Hauptgrund, weshalb im Anrnrgebiet der Ackerbau eine nur begrenzte Entwickelungsfähigkeit besitzt, liegt darin, daß das Kliina ein rein kontinentales ist. Selbst die südlichsten Theile des Gebietes (unteres Seja-Thal und Umgegend von Chabarowsk) leide», ab- gesehen von den sehr strengen Winterfrösten, an dem zu schroffen Uebergang von der kalten zur heißen Jahreszeit, Ivelche fast immer viel zu regenarm für eine gleichmäßige Getreidereife ist. In den Gebirgen Transbaikaliens spielt die Frage der Wasserversorgung eine ent- scheidende Rolle für Bau und Betrieb der künftigen Bahn. Sorg- same Messungen ergaben, daß der Boden allerdings in den höheren Lage» auch im Sommer nicht völlig frostfrei wird; er thant in der warmen Jahreszeit im ungünstigsten Fall bis auf eine Tiefe von 0,5 Saschen(1 Sasche— 2,13 Meter) auf, während im Winter der Bodenfrost sich bis auf eine Tiefe voir 1,54 im geringsten, von 4,35 Saschen im höchsten Falle erstreckt. Wasser wurde durchgängig unterhalb der unteren Frostgrenze festgestellt, so daß die oft aus- gesprochenen Befürchtungen des Wassermangels für den Bahnbetrieb nicht begründet sind.— Humoristisches. — Aus einer Rede...... Uebrigens bin ich der Anficht, daß wir, mit einiger Umsicht und Vorsicht, Aussicht haben, unsere Absicht zu verwirklichen!"— — Auf dem Heimwege.„Da Hab' ich meiner Alten heut' ftllh einen Hasen versprochen: statt dem... bring' ich ihr jetzt eine» Affen... Bin nur neugierig auf die S a u c e, die sie mir dazu machen wird I"— — Auf der Sekundär bahn.„Sie, Herr Stationsdiener- mir scheint, das erlebt man gar nickit, bis der Zug kommt I? „Warum denn nicht! Sie sind ja noch ein junger M a n n!?"— („Flieg. Bl.") Notizen. — Die vom Deutschen Theater in Berlin und vom Wiener Burg-Theater kürzlich aufgeführten Stücke von Hugo von Hof- ma'nnsthal:„Die Hochzeit der Sobelde" und„Der Abenteurer und die Sängerin" tuerden in dem Anfangs April bei S. Fischer in Berlin erscheinenden Werke Hofmanns- thal's:„Theater in Versen" enthalten sein.— — Der diesmalige Bauernfeld-Preis wird in den nächsten Tagen in Wien zur Ausgabe gelangen. Wie verlautet, werden Ferdinand v. Saar. Arthur Schnitzler und Karl weis Preise von je 1000 Fl. erhalten. Weiter soll ein Aufmuntenmgspreis an den jungen Schriftsteller Leo Hirsch feld, den Verfasser des im Carl- Theater aufgeführte» Wiener Stückes „Die Lumpen" verliehen werden.— — H o l g e r D r a ch m a n n hat ein fünfaktiges lyrisches Schauspiel„Gurre" vollendet, das in Versen und in Prosa geschrieben ist und die Raubzüge des Dänenkönigs Waldemar Atterdag behandelt. Fini HenriqueS hat die Musik dazu komponirt. —'Im 5iroll-Theater steht das Gastspiel einer französi- schen S ch a u s p i e l- G e s e l l s ch a f t, an deren Spitze Rosa Bruck und Deval stehen, bevor. Zur Aufführung sollen gelangen: Amanta(Maurice Donnay), Le Pardon(JuleS Lemaltre). Therese Eaqnin(Emile Zola), Le Boulet(Pierre Wolfs) und Prancillon (Dumas fils).— — Sarah Bernhardt wird nächstens in ihrem Theater den„Hamlet" spielen.— — Die Soubrette A n n i e D i e r k e n s, die in diesen Tagen im Wintergarten gastirt, ist auf drei Jahre an das Berliner Thalia- Theater engagirt worden.— — Ein landlvirth schaftliches Institut für Frauen mit zweijährigem Kursus ist in Moskau im Entstehen.— an. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.