Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 62. Dienstag, den 28. März. 1899 (Nachdruck verboten.) LOZ Das Vlttk. Roman von I. I. David. Auch höher den Strom schien jener Tag besonders unheil- voll zu sein. Eine ganze Hütte trieb vorbei; nur der First ragte aus dem Schwall, und in unablässig kreisender Drehung schmamm sie vorüber, bis sie zerbarst und versank. Ein Kalb folgte und blökte ängstig; seine Stimme klang dünn und kläg- lich im Brausen der Wasser, die der großen Wehre zuschössen. Und endlich, ein seltenster Gast in jenen wildarmen Gegenden, ein Hirsch. Ein gewaltiges Thier, das mächtig gegen die Strö- mung kämpfte und nur strebte, das schöne Haupt, das die Last eines vielarmigen Geweihes drückte, über dem Branden und Drängen zu erhalten. Mehr denn einmal steuerte er dem Ufer zu: aber sei es, von tückischer Unterströmung er- faßt, sei es aus unbezwinglicher Scheu vor denen, die das Gestade umstanden— immer wieder lenkte er ab und ward sortgerissen. Lange konnte man vom festen Lande aus seinem Kämpfen und Ringen folgen. Endlich, erschöpft oder fort- gezwungen, hob er sich niit letzter Kraft; die braunen, klugen Augen wendeten sich hilflos und klagend; er röhrte gewaltig mit einem Laute, dessen sich nieinand entsinnen konnte und der jeden durchschauerte. Dann verschwand er, und kein Ohr ver- nahm es, wie eine Mcnschenstininie sich seinem verzweifelten Aufschrei einte; niemand sah es, daß eine starke Frau todes- blaß ward und sich in fliegender Eile wendete. Frau Salome hatte Gabrielen und ihr Loos begriffen... Sie wanderte heimwärts, und im Schreiten ward es ihr klar und klarer, was ihr aufgedämmert, da sie das verlorene Geschöpf vor seinem rettungslosen Untergange mit Augen an- gesehen, die feucht, im dunklen Schimmer und schön gewesen lvareu. ivie nur die Gabrielen's, wenn diese ängstlich und flehend die Pflegemutter angeblickt. Das war das Symbol, unter dem sie Alles begriff, der Schlüssel, den sie gesucht. Denn ihr>var es gewesen, als hätte das Gewicht des Ge- tveihes den Kopf des scheuen Thieres unter das Wasser ge- zogen. Das also, was ihm sonst Schmuck. Zierrath und wieder bestes Gewaffen gewesen, das lvar ihm zum Verderben geworden. Und stand es denn um Gabrielen anders? Alle ihre Funde und Entdeckungen sah sie nun in ihrem wahren Sinne: sie verstand ihre Scheu vor allen, die ihr frenid er- schienen— und alle, ihre ganze Umgebung nmßte es ihr sein— sie faßte, wenn sie der verhohlenen Puppen gedachte, wie selbst ihre lebendige Einbildungskraft ihr in dem nüchternen Umkreis zum Fluche werben mutzte, in den sie gerathen; wie ihre Schönheit nutzlos war darin; wie Alles, das ihr unter anderen Umständen zum Heil, der Welt zur Freude hätte lverden müssen, ihr hier zum Unsegen ivard, bis sie im wüsten Leben versank, wie der Hirsch im wüsten Wogenwallen versunken. Oh, um ihre Aumuth! Oh, um ihre Suße!... ?!ur der Glaube, der mächtig und überstark in ihr ge- worden, machte es, daß Frau Salome ans diesem Gange nicht verzagte. Sie konnte für nichts; sie lvar entschuldigt, ivie Gabriele nun rein in ihren Augen war. Aber mußte der darum zu helfen sein? Das war eine neue, eine angst- voll drängende Frage. Oder war dem Edelwild zu helfen gewesen? Konnte mau noch etwas für die Unselige thun? Was mochte geschehen für sie? Oh, es war arg und bäng- lich, und war ein Knoten entlvirrt, dann merkte man erst, wie traurig verworren das Ganze war! So gelaugte sie heimwärts, trat in ihr Haus, dessen nüchterne Ordnung sie das erste Mal gewahrte. Wortkarg, wie immer, ging das Mittagsbrot vorüber; sie aber gedachte seiner vielen Vorgänger, da noch Gabriele zugegen gewesen, vielleicht sehnsüchtig nach einem Scherz, nach einem Lachen. Zitternd, ohne zu wissen, warum, erharrte sie das letzte Wort des Tischgebetes: bangte, ob Rupert seinen kunstvoll in ein Bärenfell gewandelte» Schafpelz vom Nagel nehmen und mit seinem altüblichen:„Du brauchst inich doch nicht?" davon- stapfen werde. Er blieb ungelvöhnlich lange bei seinem Glase Kaffee sitzen, und sie erbebte vor Ungeduld und wagte doch kein Wort des Hinweises auf ihre eigentlichen Wünsche. End- lich stand er aus; sie aber begann durch drei endlose Stunden ein ruheloses Wandern im Zimmer, immer auf derselben Diele, als zlvänge sie sich; immer in der gleichen, dumpfen, unklaren und dennoch bestimmten Erwartung. Bis draußen eine Thür ging, ein Aufschrei erklang, halb der Freude, halb des Schreckens, bis dem Munde der Susanne Fragen ent- sprudelten, die sie nicht verstand, so wenig wie die Antworten; bis sich endlich die Thür in die Wohnstube öffnete und die Alte mit einem wunderlich ängstlich- glückseligen Gesichte durch die Spalte guckte:„Die Gabi war' da und traut sich nicht herein." „Also!" Das eine Wort sprach die strenge Frau laut. Dann fuhr sie mit zitterigen Händen über ihr Geivand und glättete die letzte Falte, stand stramm vor der Susanne und folgte ihr nach kurzer Pause in die Küche, noch ehe Gabriele schwankend Zeit gewann, sich zu entschließen und ihre Znnmer zu betreten. Am lodernden Herdfeuer, das für den Nachmittags-Kaffee war entzündet worden, stand das Mädchen. Nun wollte es der Tante mit ausgebreiteten Armen entgegenstürzen; die aber verschränkte rasch die Hände auf den Rücken, und Gabriele schrak zusammen und zog sich zum Herde zurück. Frau Salonie aber wies zuvörderst die Susanne aus dem Räume, dann sperrte sie die Thür zu und zog sich einen Stuhl an's Feuer. Gabriele zitterte bei diesem bedächtig ruhigen Thun vor Erregung und wollte ihr helfen; sie aber winkte ab. Dann ließ sie sich nieder; die harten Hände legte sie gefaltet in den Schootz und flüsterte wie während der ganzen Zeit vor sich hin: „Also, da ist sie, die Gabi!" „Ja, Tante. Ich habe Dir auch geschrieben, daß ich kommen will. Und weil Du nicht antwortetest, so dachte ich. es wäre eine Erlaubniß, und nun bin ich da." Frau Salome antwortete nicht gleich. Nur ihre prüfenden Augen ließ sie über die schlanke und zierliche Gestalt gleiten: „Und wozu? Es geht Dir ja gut!" sprach sie nach einem Weilchen, das Gabrielen endlos war. „Wannn? Wie kommst Du darauf, Tante?" fragte das Mädchen rasch. „Ich meine nur so." antwortete Salome.„Das Kleid. das Du anhast, ist wohl wirklich Seide. Und Schmuck hast Du ja auch, lvas ich sehe. Da müssen sie Dich doch gut zahlen. Aber so fremd siehst Du nur aus im Gesichte." „Das ist nicht gekaust", entgegnete Gabriele.„Von meiner Gage wenigstens nicht. Die möchte kaum für trocken Brot reichen." „Und wo hast's denn her?" Sie lachte in emem Tone, der Salome nicht gefiel: hell, fast kreischend.„Das ist geschenkt, von Freunden", sprach sie und erröthete unter der Schminke. Vielleicht fiel ihr erst jetzt auf, wie ungehörig ihre Erscheinung an dieser Stelle und vor dieser Frau lvirken nmßte. „Wanun bist also gekommen? Solche Freunde findest Du hier nicht. Und so ein Beifallsklatschen wirst Du hier auch nicht hören, wie damals, wo ich Dich im Zirkus gesehen habe, in der Stadt da drunten." „Hast mich gesehen, Tante?" Sie trat ihr freudig erregt näher.„Ach ja, da habe ich sehr gefallen und— eigentlich. es wäre mir besser gegange«, wäre ich nicht damals fort auf Deinen Wunsch." „Ja, ich habe Dich gesehen, und ich werde es nicht ver» gessen mein Lebenlang. Aber jetzt sprich: Was willst cigent» lich da hier? Nur Dich mit mir ausreden?" Gabriele kämpfte:„Ehrlich, Taute— mir geht eS schlecht! „Und?" „Da dachte ich mir: So gar gefällt Dir das Leben nicht mehr; gehst nach Hause und bittest die Tante, daß sie sich Deiner wieder annimmt, und wartest nicht erst, bis Du alt und häßlich gelvorden bist." „Und?" Sie schwankte; dann sich selber ermuthigend und vertrau- lich wispernd:„Weißt Tante, über eine Zeit ist Alles ver- gessen. Du kannst ja was für mich thun.. Es haben schon Grafen, sogar ein Fürst hat aus dem Zirkus geheirathet. Warum soll mich niemand mehr mögen? Ich möchte einmal Einem allein sein— weißt, der hätte es gut mit mir, glaube ich. Oder bin ich nicht hübsch?" Sie lächelte gefallsüchtig und hob sich wiegend in den Hüften. Das war die Antwort nicht, die sich Frau Salome er- hofft. Noch hielt sie an sich:„Und wen möchtest nehmen? Soll ich Dich und mein Geld dem Branntweinhäusel- Lumpen, dem Franz Rüttemann geben? Wegen dem Du davongelaufen bist?" „Dem Franz?" Sie mußte sich erst auf den Namen be- sinnen; dann erglühte sie.„Dem Franz? Nein, an den habe ich nicht gedacht. Aber"— sie stockte—„aber der Herr Lehrer hat mir so kleine Augen genmcht und so geblinzelt, wie er im Zirkus war. Nein, was sich der komisch benommen hat!" Sie mußte lachen bei der Erinnerung. „Und?" „Nun, der nimmt mich über ein Jahr oder zwei. So lange werde ich freilich warten müssen, bis ich versorgt bin. Und er ist ein anständiger Mensch, und ich möchte es gewiß gut haben bei ihm." „Beim Herrn Glogar? Den willst heirathen?" Gabriele verstand den Sinn dieses Ausrufes nicht, begriff kaum, wie der bloße Gedanke, sie, mit ihrer Vergangenheit, könne das Weib eines Ehrenmannes werden wollen, wie es der Lehrer war, ungeheuerlich und gotteslästerlich in der Seele ihrer Tante klingen mußte. So nickte sie denn nur. Frau Salome aber stand rasch auf und ging in innerer Bewegung in ihr Zimmer.«Wart' I" gebot sie kurz. Als sie wieder erschien, hielt sie ein großes Umhängewch in der Hand und hüllte sich darein; ein Päckchen versorgte sie in der Tasche. Dann ent- riegelte sie die Thür und rief der Susanne, wendete sich rück- wärts:„Komm I" und ging langsam der Stadt zu. Gabriele aber folgte ihr verschüchtert und willenlos. Sie hat viel gesprochen während dieses Weges und hätte doch besser ganz geschwiegen. Denn einen Einblick in Dinge gewährte sie dieser Fran, die als ihre Prüferin und Nichterin neben ihr ging, von denen diese keine Ahnung gehabt vor diesem Tage; in eine Versuukenheit, vor welche es dieser grauste. Und dennoch griff sie ihr einmal ans Herz. Denn als Frau Salome in ihrer Erregung schwer athmend schwankte und stillehielt, da schlang Gabriele ihren Arm um sie:„Bist müde, Tante? Du solltest doch nicht so weit gehen. Warte da, ich laufe in die Stadt um einen Wagen." Frau Salome aber wehrte der Jüngeren nicht; den Kopf schüttelte sie aber abwehrend und schritt sürder. Unferne der Stadt hielt sie zum andern Male an. Schon schimmerten nahe Lichter; die Straße aber war ein- sam, denn ein unwirsches Stürmen zog in den Lüften: warm wie im Sommer und gcwitterhaft lähmend. Und aus ihren Gedanken heraus Hub sie an:«Und jetzt, Gabi? Was jetzt? Das alte Leben?" Sie zuckte die Achseln.„Was bleibt mir übrig? Du willst mir nicht helfen I" „Ich will nicht." klagte Frau Salome.„Ich kann nicht! Kann man Dir helfen? Wie Du bist? Ich habe oft von Dir geträumt, ich habe oft an Dich gedacht. Dann bist Du auf Deinem Pferde gestanden, das wird scheu, ein Hufschlag trifft Deine Stirn und Du bist todt. und ich habe weinen müssen im Schlaf." „Das kann geschehen," antwortete das Mädchen.„Ich bin zu spät zum Geschäft gekommen und in eine zu schlechte Ge- sellschaft. Und ich habe anfangs vom Stallmeister zu viel Schläge bekommen, weil ich nicht so freundlich war mit ihm wie andere; so war ich unsicher und bin es. Aber wenn mich das Thier nur so trifft, daß ich gleich todt bin— nur kein Krüppel möchte ich iverdcn." „So höre mich, Gabi!" Eine Bitte zitterte aus der Stimme der stolzen Frau.„Ich will Dir Geld geben, wenn Du mir versprichst. Du wirst brav und gehst in eine Diakoniffen- anstatt. Denn wie Du bist, gehörst Du nicht unter Menschen, wie wir es sind. Lerne dort die Kranken warten. Dich plagen für andere. Kannst Du das, hast Du Gutes gethan, dann soll mit Dir werden, was da will— Glück oder Böses, wie es Dir verhängt ist." „Das kann ich nicht, Tante! Da bin ich noch zu jung und zu lebfreudig dazu." „Ich weiß es selber. Aber was Du möchtest, das darf nicht sein; was ich gerne hätte, das kannst Du nicht! Da heißt es halt znschen, wie es kommt und wie Du unter- gehst I" „So hilf mir, Tante, liebe Tante!" rief sie aufschluchzend• und warf sich vor ihr in den Schmutz der Straße nieder.! Etwas Schauspielerisches lag in der Bewegung, in ihrem! Weinen, und Salomens natürlicher Sinn empfand es.„Steh' auf," sagte sie,„Du mußt Dein gut Kleid nicht verderben. Ich weiß Dir keine Hilfe." „So gieb mir einen Rath. Was soll ich thun?" «Geh' ins Waffer. Wasser wäscht rein. Und ich mächte wieder um Dich weinen dürfen vor den Leuten, nicht nur insgeheim, wo es mir das Herz abdrückt. Sage selber, wäre es nicht besser, endigen auf einmal, als so. wie Du selber Angst hast?" So unbarmherzig war der Sinn, so weich und fast flehend der Ton der Worte! Gabi wollte Hoffnung schöpfen daraus; aber ein Blick in das versteinert vergrämte Antlitz vor ihr, und sie sah— es war hier keine Hilfe.„So habe ich mein letztes Geld verthan und weiß nicht, wie weiter- kommen. Gieb mir was. Tante l" bat sie demüthig. „Da hast." „Und geht nicht von da der Fußsteig zur Station? Ich möchte noch zum letzten Zug kommen, damit ich so bald bei meiner Truppe bin, wie es nur sein kann." Einen Augenblick setzte der Herzschlag Salome's aus. Da ging der Richtweg, ja. Er war kürzer, viel kürzer. Ver- folgte ihn Gabriele, dann mußte sie dahin gelangen, wo er jählings, auf Treppenstufen, um mehr als Manneshöhe abfiel. Dunkle Bäume standen dort, und die Nacht mußte sehr schwarz werden. Die Wasser standen sicherlich an jener Stelle; ein unversehener Tritt, und Alles war vorüber.„Geh' hin I" wollte sie rufen. Aber sie hielt sich: Ich darf dem Herrn nicht vorgreifen.„Dein Weg ist weit, Gabi." sagte sie laut,„und Du weißt nicht, wohin Du kommen wirst. Geh' der Straße nach. Du konunst zurecht, wohin es Dir be- stimmt ist." So schieden sie. Im Lenzesbrausen. Das wehte der. die heimwärts ging, fördersam im Rücken, das hemmte Gabrielen's Schritte. Das zwängte Beider Gewänder an den blühenden wie an den greisen Leib, daß sie flatterten, nach rückwärts nachstrebend die der Einen, fliehend nach vorne die der Andern— wie Wunsch und Erfüllung. Aber oft verhielt die Alte, und ihre Blicke flogen zurück ins Dunkel; oft rastete sie, und nicht allein vor den Mühen des Steigens, das der betagten und ansehnlichen Frau die Brust schnürte. Nicht einmal vornehmlich darum kam sie keuchend und sehr matt in ihre Wohnung. Sie ttat in die Stube, und es fröstelte sie stark. Sie ging in die Mche, nahm weiches Holz und eine Axt, denn sie fühlte ein Bedürfniß nach körperlicher Arbeit. Wenige Hiebe, und ihr Arm lahmte. Sie nickte vor sich hin:„Es geht nicht. Es geht halt nicht!" und rief der Susanne. Mit einer sonderbaren Andacht sah sie der zu, wie sie das Scheit klein machte und dann im großen eisernen Ofen das Feuer entzündete. Einen Stuhl ließ sie sich ganz nahe stellen und starrte in die Gluth. Dann erhob sich sich, holte Gabttelens Bttefe und was sie sonst von ihr besaß, und trug es mit müden Schritten zur Lohe. Ein Glückwunsch zum Jahreswechsel von der Hand des Kindes fand sich darunter. Sie las ihn, und plötzlich konnte sie sich nicht ent- hatten und mußte ihre Lippen alif die sauber und mit Pein- licher Beflissenheit ausgefühtte Unterschrift drücken.„Da darf ich es noch", sprach sie für sich. Dann, mit einem jähen Entschlüsse, warf sie alles in die Flammen. Ein Knistern— da brannte die Puppe; ein Kreisen der glinimenden Papiere. Sie sah es fast begierig; hernach schlang sie ihre Arme um die Sessettchne, legte ihr Haupt darauf und verharrte so lange regungslos und ini Dunklen, daß man kaum ivissen konnte, ob sie schlief oder loache.-(Schluß folgt.) Kleines �euillekon. am. Der Reichstag und das Gocthcdeiikmal. Ein paar i t a t e. Der Reichstag ist auseinander gegangen— hat seinen ster- Spaziergang angetreten— ohne die von ihm verlangten 50 000 M. für ein Goethedenkmal in Straßburg zu bewilligen. Es bedurfte anscheinend einer kleinen Schiebung in der Tagesordnung, um nur zu verhindern, daß am letzten Tage der Verhandlungen der gefordette Posten gar abgelehnt wurde. Das tväre gewiß ei» Fest gewesen für Herrn Domlapitular Schädler aus Bamberg, der bei der ersten Berathung dcö Schönaich- Carolath'schen Antrages im Parlament die Gelegenheit nicht ungenützt vorübergehen ließ, sich öffentlich ein Zeu'gniß großer geistiger Unkultnr auszustellen. Goethe selbst kannte diese Sorte von Gegnern schon ganz genau. Im März 1830 sagte er zu seinem getreuen Eckennann:„Ich weiß recht gut, ich bin vielen ein Dorn im Auge, sie wären mich alle sehr genie los; und da man nun an meinem Talente nicht rühren kann, so will man an meinen Charakter. Bald soll ich stolz sein, bald egoistisch, bald voller Neid gegen junge Talente, bald in Sinnenlnst versunken, bald ohne Christenthum, und enbUd) ohne Liebe zu meinem Baterlande und meinen lieben Deutschen." Man steht, das ist so ziemlich alles, was der kultivirte Herr vom Domberg in Bamberg an dem Goethe auszusetzen sand. Sah Goethe mit klarem Blick so in das Getriebe seiner Gegner, oder besser gesagt, seiner Verkleinerer, so hat ein be- geistertcr Goetheschüler, Viktor Hehn, eines Tages einmal phantasievoll sich die Szene im Reichstage ausgemalt, wenn einmal von ihm Geld für ein Goethe- Denkmal gefordert würde. In feinem schönen Buche„Gedanken über Goethe", dessen zweite Auflage schon vor mehr als zehn Jahren erschienen ist, heißt es an einer Stelle:„Als im Mai 1883 Victor Hugo, 83 Jahre alt, die Augen im Tode schloß, war des Schmerzes und der Begeisterung kein Ende. Feierliche Bestattung auf Staatskosten, die geforderten Summen von der Kammer ohne Widerspruch bewilligt, keine Partei, von der äußersten Rechten bis zu den Anarchisten auf der Linken, schließt sich aus, alles huldigt und ergeht sich in überschlväuglichen Hyperbeln. Und wenn wir in demselben Jahre in Deutschland Goethe's Tod erlebt hätten, und die Regierung erbäte sich von dem Reichstag einen Beitrag zum Leichcnbegangniß oder zu einen, Denkmal— was geschähe? Eugen Richter würde von de» Lasten des armen Volkes sprechen, andere aus seinem Gefolge würden fragen, was dcrVerstorbcne tvohl für die Freiheit gethan, Windthorft würde unter stillschweigender Zustimmung der rechten Seite hinzufügen, Goethe sei ein Heide ge- wesen und habe niemals für sein und seines Volkes ewiges Heil gesorgt, in den Zeitungen aber hätten die Inden(Hehn war ein ieidenschaftlicher Gegner des fingerfertigen Schinockthun, s, dessen widerwärtigsten Vertreter er seinerzeit nirter den Inden fand. Red.) elende, aus irgend einem Konversationslexikon geschöpfte Artikel ge- bracht, die den nächsten Tag schon wieder vergessen worden wären. So, denke ich, stünde es bei Goethe's Tode im Mai des Jahres 188S in Deutschland." Ganz stimmt die Geschichte ja freilich nicht: aber man wird zu- geben, so gut wie andere Propheten hat Hehn seine Sache schließlich auch gemacht. Uebrigens, unter uns: auf die Unkultur zclotischer Zentrümspfaffen und bornirtcr Ostelbier kann man immer ruhig prophezeien— das trifft innner ein I— c. Sterblichkeit bei Männer»«nd Frauen. ES ist im allgemeinen bekannt, daß die Männer weniger Aussicht auf ein langes Leben haben als die Frauen. In interessanter Weise beleuchtet wird dieses Verhältniß der Sterblichkeit in beiden Geschlechtern durch eine statistische Aufstellung, die sich auf französische Staatsangehörige bezieht. Nimmt man 10(XX) Männer in gesicherter Stellung und ebenso viel Frauen in derselben Lebenslage, die im Alter von 40 Jahren stehen, so wird man finden, daß 10 Jahre später 34 ll Männer und nur 1253 Frauen gestorben sind. Der Unter- schied verschärft sich mit zunehmenden, Alter. I», 60. Lebensjahre sind nur noch 4385 Männer gegen 7384 Frauen übrig. Im 78. Lebens- jähre ist die männliche Sterblichkeit genau doppelt, im 100. Jahr gar 6 bis 7 mal so groß als die weibliche.— Theater. —hl. Otto L n d w i g' s Trauerspiel„Der Erbförster" wurde an, Sonntag in der ersten Abtheilung der«Freien Volks- b ü h» e" aufgeführt. Daß es eine tiefe Wirkung übte, brauchte nicht erst gesagt zn werde». Gewiß, es ist vieles in dem Werk, das uns fremd erscheint, einiges auch, das unser Empfinden verletzen könnte, weil es wie eine Satire gegen unsere Anschauungen wirkt— über all' das hinweg aber spricht die kcrnhafte Gestalt deS Erb- förstcrs zu uns, die zu de» tiefstaugelegten Charakterfiguren in unserer Literatur gehört. Er steht so vollständig im' Vorder- gründe des Interesses, das alles andere daneben verblaßt. Man wird es fast nicht gelvahr, daß die Menschen seiner Umgebung mehr Schemen als Menschen sind. in deren Fühlen wir eiudringeu könnten. Erst der später kommenden Reflexion, die auch über ihr Wesen sich Klarheit verschaffen will, wird es bewußt, U>ie wenig wir von der Försterin, von der Marie, vom Robert, von all den anderen wissen, wie gar manches an ihnen widerspruchsvoll erscheint. Sie erhalten ihr Lebe» durch den Erbförster, und es ist, als wären sie nur da. auf daß sich im Verhältniß zu ihnen sein Charakter entfalte. Es leben auch in dem Erbförstcr selbst Anschauungen, in die es heut schwer wird sich hinein zu versetze»; und doch wirkt die Gestalt, weil ihr Empfinden so echt und so tief, und weil die Art, wie es zun, Ausdruck kommt, so schlicht und ergreifend ist. Und wie gut ist sein Charakter aus seinem Werden zu verstehen. Hier spinnen sich die Fäden hinüber zu der modernen naturalistischen Dramatik. In der Technik wendet man heut' tvohl andere Mittel an, sucht dem Leben noch näher zu kommen; wie aber der Charakter zurückgeführt wird auf sein„Milien", um dieses von der Moderne geprägte Wort zu gebrauchen, das ist von einer Feinheit der psychologischen Analyse, die den Dichter mit der heutigen Kunst in unmittelbaren Zusammenhang setzt. Christian Ulrich ist im Walde groß geworden. Vater und Großvater haben vor ihn, in, selben Forsthaüs gewaltet, unter den grünen Tannen ruhen sie. Von seinen Borfahren ist ihm das Gefühl überkommen, daß er zu», Walde gehört. Hineingewachsen ist er in seine Stellung, nicht wie andere in diesen oder jenen Benif, sondern wie in etwas, das selbstverständlich, worüber ein Bedenken nicht möglich ist. Und sein ganzes Empfinden hat Wurzel geschlagen in seinem Bereich, sein ganzes Sorgen hat diesem Walde gegolten, und was er air Kraft hätte, hat er hineingcgebcn. An sich selber hat er kaum gedacht. Draußen im Walde trägt man das Herz nicht ans der Zunge; er hat sich ge« wöhnt, sein Jmieres abzuschließen vor den Menschen.„Ich dächte. ich Hütt' es verschändet, wem, ich's auf die Zunge nahm", sagt er einmal, als er von de», erzählt, was ihn an, tiefsten bewegt. Und ein eigen Weltbild hat er sich dort, abseits von den Menschen, auf« gebaut, das anders ist, als das wirkliche— Recht und Gerechtigkeit herrschen darin. Ein Weib hat er sich genommen, mehr weil eine Förstcrin in dem Forsthause sein muß; und nicht die Rechte, scheint es. Auch darüber, wie man sein Weib und seine Kinder behandeln muß, hat er sich eine eigene Theorie zurechtgemacht; oberster Grund« satz ist ihm auch hier, sein Herz zu verschließen, obwohl er an den Kindern mit ganzer Seele hängt. Um so ergreifender ist es, wenn dieser Mann einnial aus sich herausgeht, in der Szene, in der er den, jungen Robert seine Marie übergiebt, als er von dem Tage erzählt, da die kleine Marie verloren schien:„Die Marie war schon damals mein ganzes Leben." Es ist durchaus folgerichtig, wie aus Ulrich's Eharakteranlage der Konflikt entsteht. Er kennt den Wald und ist sich dessen bewußt, daß er allein weiß, was ihm gut thut. Er giebt es nicht zu, daß ihm jemand darein rede. Er ist im Recht, damit basta. Und als der Herr dieses Waldes kommt und eine Maßregel angeordnet wissen will, von der der Förster weiß, daß sie des Waldes' Untergang be- deutet, erklärt er einfach: Nein, das wird nicht geschehen. An dem hitzigen Widerspruch stärkt sich sein starrer Wille; es kommt ihm gar nicht bei, daß der Andere das Recht der Verfügung über sein Eigenthu», haben könnte; er würde sich selbst als ein Pflichtvergessener vorkommen, ließe er zu, daß dem Walde etwas geschähe, was ihm schadet. Das ist das Recht, an das er glaubt, und weil er sich daran gehalten, darf ihm nichts geschehen. Im Vertrauen auf sein Recht wendet er sich an die Gerichte, als er dennoch abgesetzt wird; er versteht eS nicht, daß man ihn abweist. Unterdessen bricht das Unglück über ihn und seine Familie herein. In den ersten beiden Akten ist daS Alles knapp und scharf zusammengefaßt. Strich fügt sich zu Strich zu einem klaren Charakterbilde, jedes Wort des Dialogs sitzt. Dann verliert sich die feste Fügung des Drama's mehr und mehr. Wie daS Schicksal des Försters sich gestaltet, das ist in den Anfängen aus seinem Charakter gefolgert, dann aber greifen unglückselige Zufälle verwirrend in den klaren Gang der Handlung ein, der dunkle Geist der Schicksalstragödie wird lebendig, Mißverständnisse besfimmen die Geschicke. Auch rein äußerlich verliert sich der straffe Gang des Trauerspiels, kurze, ab« gerissene Bilder folgen auf die klar disponirten und einheitlich durch- geführten ersten Aufzüge. Die Aufführung in, Friedrich- Wilhelmstädtischen Theater ver- mochte nicht so recht zu befriedigen. Die Aufführung steht und fällt mit der Darstellung deS Erbförsters. Albert Bauer' bot in dieser Rolle eine einheitlich durchgeführte Gestalt, aber es schien mir, daß er in einer falschen Tonart spielte, zu laut, die einzelnen Züge zu stark unterstreichend. Es war nur natürlich, daß er bei dieser Anlage eine Steigerung in den letzten Akten nicht mehr recht fand. Der köstlich knappe und scharf geschliffene Dialog verlor diesen Charakter zu oft. Nur manchmal, in der Auseinandersetzung mit Robert, als er von seiner kleinen Marie erzählte, gab er in seinem Spiel schlichte aus der Tiefe quellende Empfindung.— Erziehung und Unterricht. K. Fortbild u„ gs- Schulwesen in Frankreich. Erst vor wenigen Jahren hat in Frankreich eine Bewegung zur Ein- richtung von Fortbildungsschulen angefangen; auf dem pädagogischen Kongreß zu Nantes in, August 1894 wurde sie eingeleitet, und im Anfang des Jahres 1895/96 setzte sie in ganz Frankreich ein. Wie weit die Bewegung erfolgreich gewesen ist, zeigen folgende Daten, die das„Zenträlblatt für das gewerbliche Unterrichtswescn in Oester- reich" dem Bericht des französischen Unterrichtsministeriums entnimmt: Im Jahre 1894/95 bestanden in Frankreich 7500 Fort- bildungskurse, die aber in der Regel sehr schlecht besucht waren. Im Jahre 1895/96 wurden 15 778 Kurse eröffnet, die von 18 500 Lehrern geleitet wurden und durchschnittlich eine Dauer von drei Monate» mit wöchentlich dreimal Unterricht gehabt haben. Außerdem sind aber noch eine Reihe von Kursen durch Privatvereine eingerichtet worden. Die Kurse sind sehr un- regelmäßig über das ganze Land vertheilt, in einigen Departements. wie. Aisne, Pas-de-Ca'lais, Nord, Seinc-et-Oise, findet man 500 bis 600, in anderen, wie GerS, Vaueluse, Allier, giebt es nur 20 bis 30. Im allgemeinen ist die Bewegung in Nord- und Ost-Frankreich am größten und im Westen und Süden am schwächsten gewesen. 400000 Hörer haben sich am Anfang des Jahres einschreiben lassen, und 270 500 haben die Kurse regelmäßig und mit Erfolg besucht. Fortbildungs- kurse für Mädchen zählte man nur gegen 1800. Neben den Abend- Kirsel, hat man fast überall öffentliche Vorträge veranstaltet, die für alle Einwohner des Dorfes oder der Stadt zugänglich sind und Gegenstände von allgemeinem Interesse behandeln. Im Schuljahr 1894 wurden 10 379, 1895/96 61486 solcher Vorträge gehalten. Für den Besuch der Kurse wird ein Schulgeld von 5 Frks. für den Winter erhoben; Gemeinde und Departementsregiernng müssen erhebliche Zuschüsse leisten. Die Summe der Beiträge der Gemeinden betrug 11506 000 Franks, der Departements 37 400 Franks. Jeder Lehrer, der an diesen Kursen wirkt, erhält acht Wochen Ferien statt der üb- lichen sechs. Außerdem bewilligte der Staat 120 000 Frks. zur An- schaffnng von Medaillen, Ehrendiplomen und Büchergaben für be- sonders tüchtige Lehrkräfte, � Vötterkunde. gk. Von den G e st e n der Araber führt L. Bmier in der „Zeitschrift deS deutschen Paläfttna-Vcreins" eine große Zahl von charakteristischen Beispielen an. Wenn der Araber erzählt, ivenn er droht, flucht oder etwas wünscht, so leibt und lebt alles an ihm. Ist einer z. B. beleidigt oder erzürnt worden und kann aus irgend einem Grunde im Augenblick keine Vergeltung üben, so bringt er die Spitze des Daumens und Zeigefingers der Rechten zusammen, während die drei anderen Finger leicht gekrümmt und lose schweben, und schwingt fo die Hand drohend gegen den Beleidiger. Will er jemand züchtigen, kann ihn aber im Augenblick nicht erreichen, so beifit er, gleichsam zur Ableitung des Zornes, in den Ballen der Hand. Ist jemand ge- starben, so schlagen sich die Frauen mit der Hand auf die Wangen. Wenn man sagen will: Schade, dafi ich das vergessen, verloren, ver- sälnnt zc. habe, so gebraucht man den Ausdruck läh! und fährt unter leichtem Anbeißen mit dem Zeigefinger seitlich zwischen die Zahn- reihen, worauf noch die Verwünschung:„Gott mache den Tcnsel zu schänden!" folgen kann. Hat jemand ans Versehen etwas Thöriclites oder ihn Blofistellendes gesagt, so beißt er sich ein wenig auf den gekrümmten Zeigefinger. Verfeinden sich zweie, so nehmen sie ein StiickHolz und zerbrechen es. Ein Schnalzen der hinter der oberen Zahn- reihe angedrückten und losgeschnellten Zunge mit gleichzeitigem Auflvärtsbewegen des Kopfes bedeutet eine Verneinimg. Will einer dem anderen sagen, er habe kein Geld oder auch keine Thiere, fo setzt er den Daumennagel an einen der Oberzähne an und schnellt daim plötzlich die Hand nach vorn. Hat man es mit einem llnzn- sriedenen zu thnir, fo bricht man nicht selten ab, indem mau durch eine Handbewegung auf die Wände deutet, wobei man noch sageir kann: Hier find die Wände 1, 2, 3, 4! Das Schütteln der lose hängenden Hand im Gelenk bezeichnet das Uebermafi von etwas, z. B. wie lügenhaft bist Du! Den gestreckten Zeigefinger der Rechten längs der Nase seitlich anlegen und mit den andern Zingent das Kinn umschließen, bei etwas gesenktem Kopf— eine Geste, die bei uns Nachdenke» bezeichnen würde— bedeutet bei den Arabern Bewunderung.— Geographisches. — lieber die Bouvetinseln und ihre Wieder- auffiudung durch die deirtsche Tiefsee-Expedition auf dem Dampfer„ Bald i via" veröffentlicht jetzt der„Reichs- Anzeiger" einen ausführlichen Bericht. Die Inseln waren am 1. Januar 1739 von L. Bouvet entdeckt, seitdem aber trotz vielfacher Bemühungen nicht wieder aufgefunden worden. Indessen hatten zwei Kapitäne von Walfischfängern im Anfang des Jahrhnnderts das Vorhandensein von Inseln in dieser Gegend bestätigt. Die Expedition unternahm von Kapstadt in siidsüdwestlicher Richtung eine» Vorstoß nach der„Bonvet"-Gruppe, uni längs der Packeisgrenze über die Kerguelengruppe in den Indischen Ozean zu gelangen. Wie die gesuchten Inseln gefunden wurden, schildert der Bericht in folgenden Worten:„Am 24. November trafen wir in der Höhe dc-Z 54. Breitengrades auf jene Region, in der die englischen Adiniralitäts- fcirte» drei Inseln verzeichnen und sie als„Bouvet-Gruppe" zusammenfassen. Während in den letzten Tagen sehr an- sehnliche Tiefen zwischen 4000 und 6000 Mtr."(zweimal sogar Tiefen über 6000 Mtr.) gelothet worden waren, ergab die Lothung am 24. November mir 2263 Mtr. Hierdurch war ein unterseeischer Rücken nachgewiesen, der vielleicht den Inseln als Sockel dienen konnte, und es handelte sich nun darum, systematisch die ganze Region abzusuchen. Am 24. wurde ein Erfolg nicbt erzielt, obwohl der Himmel zweimal aufklarte und auf kürze Zeil ganz wolkenlos war. Am Morgen des 26. November wurde mitten zwischen den angebliche» Landsichtungen von Bouvet, Liudsay und Rorris eine Tiefe von 3463 Metern gelothet, und wenn damit auch die Hoffnung schwand, eine Insel nachzuweisen, so deutete dock anderer- seits das reiche Vogellebcii, nicht zum mindesten die Erbeutuug zweier Kaptanben(Dujftiem Capensis) mit Blutfleck auf die Rühe von Land hin. Gegen Mitlag des 26. November kam der erste große Eisberg in Sicht, an dem bei hochgehender See die Brandung gewaltig tobte. Vergeblich wurde nach den Inseln ausgeschaut, jedoch fiel es auf, dafi der Seegang trotz des noch herrschenden stürmischen Nordwest ruhiger wurde." Kurze Zeit darauf— nach drei llhr— erscholl der Ruf, dafi Land vor nnS liege. In ver- schwommenen, bald deutlicher hervortretenden Konturen zeigte sich in seiner antarktischen Pracht und Wildheit ein steiles Eiland, das nur sieben Seemeilen entfernt lag. Schroffe und hohe Abstürze ans der West- und Nordsefte. über ivelchc ein grandioser Gletscher bis zum Meeresspiegel abfällt; ein gewaltiges Firnseld, welches sanft geneigt im Süden mit einer Eismauer am Meere endet: die Kämme der Höhen in Wolken versteckt— das war der erste Eindruck, den man von der seit 76 Jahren verschollenen und von drei Expeditionen vergeblich gesuchten Insel empfing." Der Gang der Reise Ivird in den drei Abschnitten von Kapstadt nach der Boiwet-Jnsel, von der Bouvet-Jnsel längs der Eisgrenze bis nahe Enderby-Land, und von Eliderby-Land über die Kerguelen nach St. Paul und Nen-Amster- dam ausführlich geschildert. Von Interesse sind die folgenden Mit theilungei,, einmal über das Tiefenrelief der antarktischen Regionen, sodann über die biologischen Untersuchungen in der kalten Region:„Eines der überraschendsten Ergebnisse unserer Fahrt bilden die gewaltigen Tiefen, die seit dem Verlasien der Bouvet- Insel gelothet wurden. Von 17 Lothungen zwischen der Bouvet» Region und Enderby- Land weisen nicht weniger als elf Tiefen zwischen 5000 und 6000 Meter, 6 solche zwischen 4000 und 6000 Meter und nur eine(dicht bei der Bouvet- Insel) eine Tiefe von 3030 Metern auf. Auf Grund dieser Lothungsserie(der ersten, welche in solcher Vollständigkeit im antarkttschen Gebiete durchgeführt wurde) erfahren die bisherigen Vorstellungen über das Tiefenrelief des antarktischen Ozeans eine wesentliche Erweiterung und Berichttgung. Für das Berständnifi der Tiefenverhältnisse des"antarttischen Meeres lagen vor der Fahrt der„Aaldivia" nur 16 Tiefenzahlen südlich von dem 60. Breitegraden vor: die Expeditton hat südlich von dem 60. Gr. 29 Lothungen bis zum Grunde durchgeführt und im Gegen- satze zur herrschenden Vorstellung, dafi das antarktische Meer ein relativ seichtes Becken repräsentire, den Nachweis seiner unerwartet großen Tiefe geführt."— Humoristisches. — Beruhigung. Ein alter jovialer Pfarrer kommt eines Tages zu einem ihm bekannten Gastwirth. In der Gaststube geht es hoch her, dem, der Wirth hatte ein Schwein geschlachtet und"an- läßlich dieses Ereignisses ein großes Wnrstesien veranstaltet.„Aber Michelhuber," sagt mit leisem Vorwurf der Pfarrer,„schämt Ihr Euch nickt der Sünde, heut an einen, Freitag, der doch als Fasttag geboten ist. so eine Wurstvöllerei zu inszeniren?" ,J," nieint pfiffig lächelnd der Michelhuber geheiinnifivoll,„'S wird koa Süud', Hochwürden,'is eh loa Fleisch, sondern blos Senimeln int Graupe in die Würst' konune I"— — Die Probe. Die Mutter giebt dem kleinen Hans zwei bnntbenialte Zuckerfiguren. verbietet ihn, aber, davon zu essen, da die Farben sehr giftig wären. Haus und sein fiingcrer Bnider Franz spielen eine Zeit lang damit. Eines Morgens aber fchll eine der Figuren. „Hans." sagt die Mutter,„wo hast Du die Figur gelassen?" „Ich Hab' sie Franzeir zu essen gegeben," lautete"die Antwort. „und wenn er noch lebt, wenn ich aus der Schule komme, esse ich die andere, siehsie!"— — Von der Schmiere. Schauspieler:„Das Schein, endach, unter welche», wir spiele», ist reparirt worden." Schmieren direllor:„Ich glaube, da können wir unsere nächste Vorstellung ruhig als Ausstattungsstück ankündigen." („Lust. Vl.") Notizen. — Eine Wiederholung der Vorlesung von Goethe's „P r o s e r p i n a" und„U r f a« st" zum Besten der Genoffciischaft deutscher Bühneu-Angehöriger und deS Straßbnrger Goethe-Denk- mals findet an, Sonnabend, den 1. April, Abends T/i Uhr, im B e ch st e i n- S a a l e statt.— — Das„Intime Theater" veranstaltet am 29. d. M. im Theotersaale der alten Urania(AuSsteNiingSpark) eine private Auf- führnng von Maeterlinck's„Jutarieur"(in G. Stock- Hausen'« Uebersetzung) und Goethe's„Mitschuldigen".— — Der oberschlesische I n d n st r i e b e z i r k soll jetzt in Benthe» ein größeres ständiges Theater erhalten.— — Josef Laufs versetzt der Well glcick zwei neue Werke, ein EpoS„Die Geifilerin", das in Worin? znr Zeit der großen Pest spielt, und ein Drama„Eiscnz a h n". Das letztere ist vollendet und wird bereits an, Wiesbadener Hostheater ein- sludirt.— — DaS Berliner Richard Wagner-Denkmal wird am Goldfischteich im Thiergarten znr Aufstellung kommen. Der Platz soll später zu einer M u s ik e r- D e n km a l S st ä t t e erweitert werde». Sieben von dem Denlmal-Kmiütee bezeichnete Künstler werden mit der Herstellung von Modellen betraut. Die für das Denkmal erforderlichen Mittel sind bereits aufgebracht.— — Slus Kassel wird der„Franks. Zeitung" berichtet: Vom Ortsausschuß für den Wettstreit deutscher Männcr-Gesangvereiiie Ivar eine Konkurrenz für Erlangung eines künstlerische» Plakats ausgeschrieben worden. Von den 20 eingegangeneu Arbeiten war der Preis den, Entwürfe des Lehrers an hiesiger kgl. Knnstnkademie Adolf Wagner einstimmig zuerkannt worden. Zur Verviel- fälrigung gelangt der preisgekrönte Entwurf indcß nicht, weil der Kaiser den Entwurf des Malers Doepler jun.-Berlin zur Aussührmig bestimmte.— — Die 46. Versammlung deutscher Philologen wird vom 26. bis 30. Septeinber in Bremen tagen.— — Der frailzösische Forschungsreiscnde T e r r ä g o n e, der von Nord-Alasla aus eine Expeditton zur Aufsuchung A n d r e e' s unternommen hatte, ist. Ivie der Draht ans Ottawa meldet, zurückgelehrt, ohne eine Spur von Andröe geftmden zu haben.— — Eine ca. 4000 Quadratmeter große Fläche der Lage „Bern casteler Do clor" an der Mosel wurde für nahezu eine Viertelmillion Mark verkaust. Macht auf den Quadrat- mcter 60 M. Ein solcher Preis für ein Weingut ist bisher weder an der Mosel und Saar noch am Rhein und m der Pfalz erziell worden.— Lerantwortlicher Redakteur: August Jacobey tu Berlin. Druck und Verlag von Ntax Bading in Berlin.