Hliitcrhaltuilgsblalt des Morwärks Nr. 63. Mitttvoch, den 29. März. 189D (Rachdruck oertoten.) 2>] Das Vlttk. Roman von I. I. David. (Schluß.) So betraf sie Rupert. Noch lvar die Lampe nicht an- gesteckt, wenn es schon völlige Nacht war. und die Sorge, als er unterwegs nicht die hellen Fenster seiner Wohnung sah. die sonst weithin durch die Finsterniß schienen, hatte ihn hasten gemacht. Nun fand er alles im Gleichen. Er selber brachte das Licht: sein Grusj aber blieb unbeantwortet. Das verdroß und beklemmte ihn. Er trat zu feinem Weibe:„Was hast?" und rührte Salome's Schulter. Sie schrak in sich und sah ihn mit rotheu. schwimmenden Augen an, die vor dem gelben Lampenscheine blinzelten, blieb aber stumm. Er aber gewahrte ihre Verstörung, sah ihr ernstes und trauervolles"Gesicht und wurde noch heftiger und schrie:„Was hast? Was war los? Was Haft ge- dacht? Ich will es wissen I" Sie aber schwieg immer noch gegen ihre Gewohnheit, und so kam ihm plötzlich die Furcht, sie möchte krank werden, und er konnte seiner Besorgniß nach seiner Art doch nicht anders Lust machen, als polternd:„Hast Dich um die Gabi gegrämt? Verdient es das schlechte Mädel? Denkt sie an wen?" „Sie tvar da. Rllpert." „Hat just Geld gebraucht, was? Was war?" „Nichts." lind nach diesen! Worte geschah etwas, dessen sich Rupert während der ganzen Daner seiner Ehe nicht entsinnen konnte: Frau Salome ergriff seine Hand und drückte sie fast leiden- schaftlich und fiel ihm dann um den Hals. „Was. heißt das?" schrie er: aber durch den gemachten Zorn bebte seine Beängstigung vor den Gründen einer solchen Wandlung. Lkeine direkte ENvidening. Nur nach einer Pause:„Ich denke, wir haben unser Lcbenlang und genug gestritten." „Und warum?" fragte der erstaunt. „Wir sind alt Beide und möchten hinscheiden in Unfrieden." „Das hat noch Zeit, denke!" rief er.„Mir ist noch gar nicht danach und Dir nur heute wegeil der Verfluchten!" „Schimpfe sie nicht," klang es gepreßt zurück,„die so wenig für sich kann, lvie lvir." Und mit einem Rucke richtete sie sich ganz auf und sah ihn voll an:„Wir sind alt. Rupert, und mögen Ruhe genießeil und uns gönnen. Und es wird Zeit, daß wir unser Haus bestellen." „Ja, warum denn?" Sie aber, in einem Tone, so lcidenvoll und klagend, daß es ihn ergriff:„Es hat keine Weile mehr, glaubt es mir! Es möchten unrechte Hände über das fommeu, waS wir erworben haben..." Xlll. Während aber diese Zwei also Frieden schlössen über einem zerstörten Leben, das nicht zuletzt durch ihre ewige Uneinigkeit zerscheitert war, ging Gabi bergab, die Stadt durch und hielt sich vorsorglich im Schatten der Häuser, um nicht gesehen zu werden, lieber die Bleicherwiese, die ihr so dent- sam und für ihr Leben fast entscheidend geworden>var. Die dürftigen Häuschen der Webervorstadt entlang: allenthalben klang das Klappern und Rasseln der Webestühle, die noch immer nicht Feierabend gemacht hatten, eintönig um die Wandernde. Bis sie endlich WS Freie trat: hinter ihr ivaren die Lichter und vor ihr die Nacht, in die sie nun mühsam und mit dem Sturmwinde kämpfend hinaustrat. Und um sie und ihr ivaren viele Stimmen laut und ängstigten sie. Es war beklemmend dunkel. Zwischen dem schivarzen Himmel, der schivarzen, frisch umbrochenen Erde, dann, da sie ins Ueberschivenimmigsgebiet kam, den schwarzen Wassern, die murmelnd nnd ewig regsam waren, zog nur ein nngeivisser, lichter Streifen dahin: die Straße, der sie folgen mußte. Nur einige Schrttte weit konnten ihre Augen diese absehen, und wenn sie eine Krümmung machte, dann ivar ihr immer, als sei die Wegsainkcit zu Ende und müsse dort über ein .Kurzes ein neues und entsetzliches Schreckniß ihrer harren. Es ging sich ihr schlecht: der Pfad ivar fast grundlos, nnd sie wurde bald miide. Sie aber eilte vorwärts und wußte nicht, wohin, und wenn sie erncS Laren Gedanken überhaupt fähig ivar, daim sicher nur des einen: Wozu oder warum das Alles? Auch war die Straße ganz verödet. Sonst Verkehren hier die Frächter, ivelche die Verbindung mit dem Oberlande vermitteln, und der Einsamen hätte eine Menschenstimme, ein Fluch, selbst ein Peitschenknallen Musik gedünkt neben der furchtbar eintönigen Weise, die der Sturm und die Wogen sangen. Sie bernahm nichts AehnlicheS; nur ein rascher Wagen ftihr an ihr vorüber. Sie trat bei Seite, damit ihr Staat nicht bespritzt werde, winkte dem Kutscher und schrie mit aller Macht, er solle sie mitnehmen. Er vernahm ihren Ruf nicht oder hatte es zu eilig, und ihr war das Weinen nahe, daß sie ihr Taschentuch vor die Augen preffen mußte. Zu ihrem Erstaunen kam ihr keine Thräne, und sie wanderte weiter ins graue Endlose: das erste Dorf durch, am WirthL» Hause vorbei, durch dessen Fenster streifiges Licht auf die Gasse siel. Ein Weilchen dachte sie an kurze Rast: aber sie verzog nicht. Sie hatte Eile. An eine Rückkehr aber dachte sie nicht einmal während dieses trostlosen Weges. Was die Tante von ihr begehrte, das zu leisten fühlte sie sich unfähig. Sie hatte nie Kranke sehen, nie Klagen und Jammern hören können, fühlte sich nicht ernst genug, die Pflichten zu erfüllen, welche einer Wcgerin obliegen. Hundert grauenvolle Bilder des Siech- thums und der Schmerzen sah sie vor sich, dachte sie nur daran. Fast war sie dann wieder froh, daß Alles so gekommen: unschwer konnte sie sich es malen, wie ihr Rupert nuninehr begegnet wäre, und sie begriff kaum mehr, wie sie diesen Schritt überhaupt unternommen habe. Aber Geld, mehr Geld hätte ihr die reiche Tante doch geben dürfen: sie hätte sie nicht so hilflos wieder ins Elend stoßen müssen. Das ivar häßlich von der: aber endlich— was verschlug das jetzo? Und achsclzncken!» hastete sie weiter: bemüht, ihr Mnirtclchen mit der einen Hand zusammen zu halten, den Hut, den sie vom Kopfe nehmen gemußt, in der andern. Sie sah sonderbar genug aus in solchem Aufzuge: barhaupt und mit verwehten Haaren, in nenmodiger Gewandinig und mit geschminktem Gesichte. Aber noch einen Rath hatte ihr die Tante gegeben.„Wasser wäscht rein. Wasser wäscht rein!" Sie glaubte die mi« barmherzigen Worte allenthalben zu hören, im Windesrufen, im Gurgeln der Flutheu, und betraf sich dabei, wie sie sie selber vor sich hinsprach. War das nicht das Rechte? Nicht besser, als in hoffnungsloses Elend dahinschreitcn und wissen, daß es kein Entrinnen daraus mehr gäbe? Aber davor schauderte ihr jimgcs Leben doch noch zurück, und dann: Ertrunkene sind so häßlich I Schließlich gar so ohne jede Aussicht war sie nicht. Es konnte noch eine Rettung kommen und für die erste Zeit war sie doch geborgen. Sic ließ ihr Oberkleid los, tastete in die Tasche und prüfte sie hatte dazu noch nicht Zeit gefunden— was sie in der trug. Es waren ziemlich viel und größere Noten: das mußte, ihrem Ueb erschlag nach, mehr machen, als sie selbst in einigen Wochen verbrauchte. Und was dann kam? Wozu da sorgen und warum sich Hannen? „Es wird schon gehen, wird schon gehen." sang sie sich halb- leise vor, und hatte eine kürzeste Ermuthigung dabei. Dann nahm sie die Noten vor, betastete sie, brachte sie ganz an die Augen, freute sich mit ihrem Besitze nnd hielt sie mit klam- mernden Fingern, während sie so stand. Sie mußte weiter; die Besorgnis;, sie könne den Zug ver- säumen, fiel ihr ans die Seele. Da tauchten die Hütten der zweiten Ortschast schon ans dein Dunkel und grüßten gastlich. Die war kurz und rasch durchschritten, und sie stand bald wieder dein Grollen der jählings ans ihren; Schluiumer geschreckten Natur gegenüber. Sie hatte nun doch nicht mehr so weit zu ihrem Ziele.„Eine Stunde noch." sprach sie sich selber laut zu, damit sie doch einen Mcuschtulaut vernehme. Aber gerade nun fühlte sie sich sehr milde und erschöpft. Ihr Körper, dem sie in jeder Beziehung sehr viel zu- geinnthet und noch nichts gegeben hatte an diesem Tage, machte seine Ansprüche geltend. Sie zwang sich. wollte nirgends mehr vorsprechen; denn ein sonderbarer Geiz war in ihr lebendig geworden. Jeder Heller schien ihr von Be- lliiig. So schleppte sie sich denn Voriväets, aber ganz maschinennmßig, selbst ohne rechtes Bewußtsein, wie es nicht selten bei Menschen der Fall, die zum Tode ermattet sind, ohne ausrasten zu können. Die Glieder gehorchen immer noch und willenlos einem übermächtigen Antriebe, den ihnen der Geist gegeben; er selber aber ist längst in halben Schlummer versunken. Mechanisch und gleichmäßig setzte Gabriele Fuß vor Fuß und fiihlte sich gelähmt und wieder erregt vor dem Wehen des Lenzsturmes. Ihr war sehr heiß. Da grüßte wieder ein Licht. Die Straße wurde belebter; Männer kamen an ihr vorüber und zogen verwundert an den Hüten. Sic steuerte achtlos dem Schimmer, der letzten Weg- nmrke vor der Haltestelle der Eisenbahn zu. Es war ein Wirths- Haus und nicht gar gut berufen. Es kamen Leute hierher, welche tagscheue Geschäfte abzuwickeln oder ein Anliegen an die hübsche kraushaarige Wirthstochter hatten. Besonders Gewitzte mochten beides vereinigen. Das wußte Gabriele nicht; aber sie konnte vor Ermattung nicht weiter und meinte, beim nächsten Schritt umsinken zu müssen. So trat sie ein, und hier hat nian sie lebend zuletzt gesehen. Sie setzte sich auf die lange Holzbank und bestellte ein Glas Bier. Man brachte es ihr; dann leistete die Justin wieder dem einzigen Gaste Gesellschaft, der neben Gabrielen noch in der öden Stube war. Sie war ungewöhnlich kahl; die Zinngefäße gleißten an der Wand; aus eincin Schränkchcn hervorlugten die Schnapsflaschen; in all dein und in dem Wasser des Kübels, bestimmt, die gebrauchten Gläser zu reinigen, leuchtete ein grelles Lampenlicht nach. Justin und der späte Gast kicherten mit einander und warfen verstohlene Blicke auf die Einsame, die den Kopf in die Hand stützte und ihre Musterung mehr fühlte als gewahrte, während sie unverwandt auf die giftig grüne Tischplatte starrte. Sie blieb nicht lange. Einen Augenblick, den sie sich unbeachtet glaubte, nützte sie, um ihr Geld zu überzählen und inr Brustlatz zu Verlvahren. Es schien ihr nun wieder sehr wenig, und sie wurde betrübt darüber. Dann zahlte sie und ging. Kaum aber, daß sich die Thür hinter ihr geschlossen, erhob sich der andere Gast.«Laufst ihr nach?" fragte die Justin. Er nahm den runden Hut:„Willst vielleicht eifern? Das hätten wir Zwei mit einander doch nicht nöthig." „Ich niag's aber nicht, und ich bin's nicht, die Dich braucht." Die versteckte Drohung wirkte. „Ich will nichts von ihr. Sie kommt mir nur bekannt vor, und ich bin neugierig darauf, ob es wirklich die ist, die ich meine. Ich hätte auch noch zu Hause zu thun. Halt' derweil offen; es kann immer noch wer kommen, und ich bleibe auch nicht lange aus. Warle auf. mich." Es war etwas heller worden, soserne der Vollmond hinter den Wolken lag und ein unbestimmtes Grauen die Welt durchfloß. Auch wehte es gelinder und Gabi hätte besser vor- wärts kommen mögen, wäre ihre Rast nur nicht zrr kurz, um sie zu stärken, eben lang genug gewesen, daß ihr ihre Er- schöpfung erst recht fühlbar wurde. Aber die reine Luft nach den» dumpfen und abscheulichen Oualm, den sie kmnn geathrnet, that ihr demroch wohl, ob sie gleich ihre Verstörtheit nicht scheuchen konnte. Die saß zu tief. Hinter ihr pfiff jemand; mit ängstlicher Erwartung horchte sie, wie der Ton näher und näher kani, und sah nicht auf vom Boden, auf den sie in stumpssinniger Verdrossenheit die Augen geheftet hielt. Bis ihr der landes- übliche Gruß zugenifen wurde. Sie erwiderte nichts; nur einen scheuen Blick lvarf sie auf den Mann, der ihr nicht ganz fremd erschien und sich sichtlich bemühte, mit seinen langen, torkelnden Beinen gleichen Schritt mit ihr zu halten. „So spät noch auf der Straße, Fräulein?" Keine Antwort. Ihr unheimlicher Begleiter lachte heiser und rauschig:„Das Fräulein fürchtet sich. Ich hab's ja ge- sehen, wie sie im Wirthshaus Geld gezählt hat. Aber ich thu' ihr nichts. Ich bin nur ein Lump; aber ein Räuber bin ich nicht— die ganze Welt kann's nicht anders sagen. Im Gegentheil; ich bin dem Fräulein nur nachgegangen, um es zu beschützen. Sie will doch zur Station?" Keine Antwort. Der Trunkene fuchtelte mit offenen Händen in der Luft.„Da rennt das Fräulein vor mir und will mir davon und läuft ohne mich ins Unglück. Oder weiß sie vielleicht, daß die Fabrikarbeiter schlechte Schufte sind und sich wenig daraus machen niöchten, jemand Einsamen ins Waffer zu � schmeißen und vorher auszurauben? Aber ich werde sie beschützen, ich I"; Er schlug sich hallend vor die.'Bmst. Keine Antwort.„Und was krieg' ich für meine Gutheit?" Eine ungestüme Angst bemeifterte Gabi. Die Silber- münzen, die sie eben erhalten hatte, hielt sie ihm hin und rief in den schrillen Tönen eines geängstigten KindeS:„Da haben's I Aber jetzt lassen's mich. Ich schrei' l" Der Andere lachte häßlich.„Möchte Ihnen wenig helfen. Ist noch weit zur Fabrik, und fragt sich, zu wem Sie stehen. Aber einen Kuß möchte ich haben I" Er legte seinen Arm um ihre Hüfte, und sie zuckte zusammen. Und jene Berührung wie diese Bewegung— sie währte nicht das Theilchen einer Sekunde— war bedeutsam für beide. Denn ein anderes Bild erstand vor Gabi: grundverschieden und wieder dennoch ähnlich. Der gleiche graue Himmel damals wie heute; dieselbe Schwüle, dasselbe Wasserbrausen, der gleiche Druck an ihrer Hüfte, den sie ähnlich nie mehr enipfunden zu haben sich erinnern konnte; selbst ein ähnliches, lähmendes Gefühl, wie vor Jahren. Sie wich zurück; er aber folgte ihr. Auch in seinem Auge glomni ein Strahl des Erkcnnens auf:„Ach ja— das ist ja— nicht wahr Sie sind? Ja—" und suchte nach dem Namen. Er beugte dabei sein Gesicht zu ihrem hernieder. Ein ungeheurer Ekel erfaßte sie; der häßliche Branntweindunst seines Mundes wehte sie an. Sic Ivendete sich, rückwärts schreitend, dem Straßenrande zu floh sie vor ihm. der sie häßlich angrinste— so recht die Verkörperung jener Art von Neigung» die sie fast allein erweckt. Er hinterdrein. Ihre Hände waren wie zur Abwehr vorgestreckt, den Körper bog sie zurück, uni ihm ferner zu sein, dem sie nicht zu entlaufen hoffen durfte, so unsicher er imnier auf den Füßen war. Da trat sie ins Freie; sie taumelte— ein greller Aufschrei, ein Spritzen und Sprühen der Wasser. Ueber seine Stirne sprühte der Gischt; er sah, wie die Flutheil eine leichte Gestalt aufhoben, die fortgctriebcn war durch die Wucht des Falles, bis sie von der niächtigeren Strömung vertragen werden mußte. Sie mußte ohnmächtig sein. Kein Hilferuf, Todtenstille. Einen Augenblick stutzte der Franz. Daim, so ohne Bc- sinnen, wie ein gut gelernter Hund, vor dessen Augen ein Gegenstand in's Wasser geworfen wird, sprang er nach und arbeitete mit niächtigen Stößen. Er konnte nichts mehr er- spähen, fühlte sich bald beschwert von der Last der Kleider. gelähint durch Frost und Trunkenheit. Er richtete sich auf und wollte Auslug halten. Da traf ihn ein treibender Balken schwer in's Hinterhaupt; ihm sang es, die Welt war voll Lichter und Farben, und er versank ohne Schrei, ohne Versuch einer Rettung..,« Sie ist ein tückisches Wasser, die Oder. Ein rechter Tieflandfluß: sachte strömend, aber fast unentrinnbar für den, den ihre geheimen Strudel und Wirbel erfassen, und nur schwer dazu zu bringen, ihren Raub wieder heraus zn geben. So hielt- sie es auch niit diesen; vorauf schwamm Gabi, hintennach der schwerere Mann, und immer größer ward die Entfernung zwischen beiden. Erst spät fand man sie; in getrennten Ortschaften wurden sie an- geschwemmt, und als die letzten Opfer einer Hochfluth, die deren nur zil viele gekostet, bestattete man diese Beiden, die nur zlveimal mit einander zu thnn gehabt im Leben— das erste Mal sich wie Anderen zum Unheil, dann aber, damit der Manu dem Mädchen wiederum unbewußt das Beste bereite, was für sie von dieser Welt und allen ihren Loosen noch aufbehalten sein konnte. Fast nnentstellt war Gabriele. die sich vor der Häßlichkeit der Todesweihe so sehr gefürchtet; mit einer klaffenden Wunde im Hinterhaupt haben sie den Andern ins Grab gesenkt.— Kleines Feuillekon. ss. Von einem chinesischen Theaterstück erzählt die neueste „Cliina-Neview" de» Inhalt, der sich wohl hören laffcn kau». Das Stück ist ohne Zweifel mis dem Boden des eigentliche» Bollsgeistes ciitivachsen. Der Titel„Das Weid des AnSivaiiderers" deutet bc- rcits a», daß es sich um eine Fabel haudelt, die mit de» nierl- Iviirdigc» Vcrhältnisfen der nuzähiige» alljährlich auf lauge Zeit ins Ausland wandernden Chiiicsc» in Zusamincnhaug steht. Der Held des Stückes, Namens Lim ans dem Dorfe Lam-ic, ist auch in die Fremde gegangen und hat sein junges Weib unter der'Obhut seiner Mutter zurückgelassen, lg Jahre lang blieb er verschollen und unterdessen kämpften die beide» Frauen sleitzig und redlich um ihr tägliches Brot, wobei die jüngere ihrer Schwiegermutter eine mnstcr- haste Zuneigung und Anhänglichkeit crivics. Schließlich dringt aber die Roth allzu hart auf sie ein, und sie sehen sich dem äußersten Mangel gegenüber. Da kommt ein Mann aus der Frcuidc i» die — 25 Heimath zurück, der de» Frauen erzählt, er habe eine Zeit lau-, mit Lim zusammengearbeitet, dieser sei aber jetzt gestorben. Die beiden Frauen find über die Nachricht zunächst völlig trostlos, doch giebt gerade dieses Ereignis; die Aussicht auf eine' Befreiung aus ihrem Elend. Frau Lim findet wieder Bewerber, ein Mann aus der Familie Sou freit um sie und erhält ihr Jawort unter der Be- dingung, das; ihre treuverehrte Schwiegermutter sie so oft besuchen dürfe, wie sie wolle. Darauf wird die Hochzeit unter allen üblichen Gebräuchen gefeiert, und nun hat die Roth ein Ende. Alles geht gut, bis eines Tages Sou und seine junge Frau gelegentlich eines Besuches bei der Schwiegernmtter den todtgesagten Lim an- treffen. Da haben wir also einen chinesischen Enoch Arden, der höchst Ivahrscheiulich bedeutend älter als sein bekannter Bruder aus England ist. In dem chinesischen Stück kommt es zu einem Prozeß, in den» Lim den Sou anklagt, ihm sei» Weib gestohlen zu haben. Dieser dagegen bringt die Urkunden seiner Verheirathung vor die Behörden,' und die beiden Frauen berichten den ganzen Vorgang der Wahrheit ge- mäß. Nun wird aber die Sache erst schwierig, da keiner der Ehe- männer seinen Anspruch auf die Frau aufzugeben geneigt ist. Glück- lichcrweise aber war der Fall vor einen chinesischen Salomo gc- kommen, der auch dafür einen Rath wußte. Die weitere VerHand- lnng wurde auf den nächsten Morgen vertagt und die doppelt- begehrte Frau bis dahin im GcrichtSgcbäudc zurückbehalten. Am nächsten Tage erneuert der Richter seinen Vorschlag auf friedlichen Ausgleich, aber wiederum steifen sich beide Parteien auf ihr geschriebenes Recht. Da kommt plötzlich ein GerichtSdiener mit der Nachricht hereingestürmt, die junge Frail habe sich in der Nacht erhängt. Dadurch bekommt die Verhandlung eine andere Richtung und es soll nunmehr entschieden werden, wer von den beiden Männern die Kosten des Begräbnisses zu tragen hat. Alsbald hat sich Sou, der zweite Mann, davon überzeugt, daß die Ansprüche des Lim doch der Ancicnnetät halber gerechter sind, und will sich nunmehr angesichts der veränderten Sachlage ans der Affäre ziehen. Also wird Lim in das alleinige Recht des Ehemannes wieder eingesetzt und soll die Kosten der Beerdigung übernehmen. Natürlich konnut es nicht dazu, da die Frau lebt iiud' die Geschichte von ihrem plötzlichen Tode nur vom Richter aus leicht erkennbarem Grunde erdichtet war.— Musik. AnS der Woche. Eine Art Gesammtkunstlverl vor Richard Wagner war seit jeher die Messe der katholischen Kirche. Ihren musikalischen Theil zu besorgen galt für eine der ehrenvollsten Auf- gaben des musikalischen Künstlers. Je weiter es nun in unsere eiten herauf geht, desto eher kam der Komponist dazu, nicht einen heil eines Gänzen, sondern ein an dieses nur eben angeknüpftes anderes, selbständiges Ganze zu schaffen. So machte es schon I. S. Bach, zwar weniger in seiner„Mntthäus-Passion", ivohl aber in seiner„hohen Messe" j i, H- m o II, einem„katholischen" Werk eines„Protestanten". will sagen: einen, inter- konfessionellen Kunstwerk. Solche künstlerischen Messe» ver- tragen noch am ehesten, ja forden, beinahe eine isolirte Konzert- Bufsührung. Die volle Größe jener„H-moll-9Hcfic" zeigte uns neulich der„P h i I h a r m o n i s ch e C h o r" in seinem dritte» Bcrcins- Konzert unter dein Dirigenten Siegfried Ochs. Die Leistung war. eingerechnet das verstärkte Philharmonische Orchester, ans dem auch noch Soli und darunter zwei Oboen„d'amore"< etwas tiefer und weicher klingende Oboen) hervorragten, überwältigend schön. Es handelt sich hauptsächlich um die. meist fünfstinimigcn Chöre und in ihnen nicht so sehr im, die hier verhältnißmäßig schlichteren Hanuonicn als um die Selbständigkeit der einzelnen Stimmen, die .kontrapunktische" Kunst. In dem Maß. als das heutige Pnbiikuin wohl weniger als das damalige im Heraushören solcher Stimmen geschickt ist, wäre vielleicht eine stärkere Besetzung der Mittelstimmcii zu wünschen, namentlich gegenüber dem zuweilen ettvas grellen Sopran. Die Solostimmen hielten sich ziemlich gut; für den Baß war die treff- liche Sangeskunst des Barytonisten Dr. F e l i x K r a u s wohl nicht so ganz am Platz, wie es eine eigentliche,„dickere" Baßstimme gewesen wäre.— Wirkte jedes Stück schon in dem übergroßen Saal der Philharmonie mächtig, so wirkten die paar Stücke jener Messe, die das slctzte diesjährige)„G e i st l i ch e Konzert" in der Gedächtniß- Kirche brachte, in den, akustisch und örtlich günstigeren Raun, um so mächtiger. Unter den übrigen Nummer» dieses Konzertes sei ein Stück aus einer Orgelsonate von dem noch größerer Beachtung würdigen Jos. Rheinberger erlvähnt; unter den Mitwirkenden seien der für solche Konzerte unermüdliche Organist Professor R e i n, a n n und der Sänger Rod. K a n f n, a n n genannt. Die KompositionS-Novität dieser Woche war die„Tondichtung für großes Orchester" von Richard Strauß, betitelt.Ein Heldeulebeu"r>eimal die Kopshaut einreibt; daraus werden diese Haare mit lauwarmem Wasser gehörig ge- waschen, bis sich kein Schan», mehr zeigt. Um Ertiiltunsze» vorzubeugen. reinige man den Haarboden nur des Abends; nie lasse man Kinder mit nasse» Haare» in die steie Luft gehe». Werden die Haare kurz geschnitten, so entstehen durch ErkÄwng leicht Schiiupfen, A»gen- und Ohrenentzündung, sowie Kopfrhenmatismus. Im klebrigen aber befördert ein mäßiges Kurzhalten der Haare die Kopstrnut- ausdünstung und das Wachsthum derselben. Zu wann« Kopf- bedccknng führt leichter zu Erkältnngen. als zu leichte. Schönes Haar ist eine Zierde des Menschen; dasselbe kann man aber nur er- langen und behalten, wenn richtige Haarpflege von Jugend auf geübt wird.— Meteorologisches. on. Welchen Druck der Wind auszuüben vermag, ist eine Frage, die uicht nur von theoretischem, sondern von einem sehr bedeutenden praktischen Jnteresie ist. Die Festigkeit nnd damit die Kosten großer Bauten, besonders der Brücke», hänge» in erster Linie von der Beurtheilimg de« Druckes ab. den sie vom Winde ans- zuhalten haben würden.' Man hat daher sckion vor vielen Jahrzehnten Versuche gemacht, um den Wiuddrnck festzustellen, ivobei es natürlich besonders darauf ankam, das Maximum dieser Kraft zw bestimmen. Trcdgold, einer der bedeutendste» ciiglischcn Ingenieure in der ersten Hülste unseres Jahrhunderts, stellte 1840 aus Grund sorgfältiger Berechmmgen den«av auf. daß alle Bauten auf einen Wiuddrnck von 40 Pfd! auf jeden Quadratstiß oder von etwa 4Ztrn. auf jedes Quadratmeter eingerichtet sein mußten. Er hatte diesen Betrag als Maximum versuchsweise erhalten, indem er eine kleine Scheibe von etwa einem Qnadratfnß oder noch kleinerer Ober- fläche dem Winde aussetzte und den ausgeübte» Druck durch ein Dhuamometer bestimmte. Er zog aus seinen Experiinentci» den Schluß, daß der Winddnick mit der Grösse der dargebotenen Fläche wächst. Seit jener Zeit bereitete mau alle Dächer. Brücke» u. s. w. auf eine» Wiuddrnck von vier Zentnern pro Ouadratmcter vor. Da ereignete sich im Jahre 187S die außerordentliche Katastrophe des Zniannneusturzcs der Tau-Brücke, deren Pfeiler wahrscheinlich keine genügende Widerstandslrast gegen den Wiuddrnck besessen hatten. Daraus schrieben die engtischen Behörden den Eiienlwhiicu vor, alle ihre Bauten für die Znhrnst auf einen Winddruck von 5'/. Zentnern pro Ouadratmeter zu bcrcchuc», was bis heiltige» Tages' gcscheben ist ES versteht sich, daß eine derartige Erhöhung der Widerstands- sähigkeit eines Bauwerkes einen entsprechend bobeu Aufwand an Material und Kapital erfordert. In nenester Zeit aber begannen die Baumeister die Richtigkeit der bisherigen Anschammg über die Große des WiuddruckeS zu bezweifeln und eS wurden wieder einmal Versuche angestellt. diesmal an der Forth-Brücke und auf besserer Grundlage, als sie Tredgold vor 50 Ihre» vorgenommen hatte. Man wählte zwei Scheiben.' die eine 28 Qnadratnieter und die andere 0.14 Ouadratmeter groß. deren Oberflächen sich also wie 200 zu 1 verhielten, der Wiuddrnck wurde an beide» auf gewöhnliche Weise bestimmt. Es hat sich nun das Gegentheil von dem herausgestellt, Iva« stüher als Thatsache galt, nämlich daß der Winddnick um so kleiner ist. je größer die ihm dargebotene Flüche ist. Im Verhälwiß hatte die größere der beiden Scheiben einen«m fast s/5 geringeren Wiuddrnck auszuhalte» als die kleinere, wenn sie genau denselben Verhältnissen ausgesetzt wurde. Diese Beobachtungen sind durch Sir Wolfe Barry in allerletzter Zeit als vollkommen zutreffend erwiesen worden. Die Gelegenheit dazu gab die neue Tower-Briicke in London, an der die ettva 500 Quadrat- oberfläche besitzenden Balken nur L bis 7V, Kilogramm Winddnick auszuhalten hatten, wenn eine VersuchSscheibc von 1 Quadratmeter Fläche gleichzeitig 30 bis 45 Kilogramm zeigte.— Humoristisches. — Im zoologischen Garten. Die klein eAdekc! Mama, kann ein Rashorn auch an gebrochenem Herze» sterben 7'— — Inschrift eines Grabsteins auf der Herren- Insel.„Hier ruht in Gott F. K-, 25 Jahre lebte er als Mensch und 37 Jahre als Ehemann.'-- — In einem W a a r e n h a n S.„Ich wünsche einen starken Stock, einen recht starken Stock I' „Bitte gehen Sie hiniivcr zu der Abtheiluug:„Familien- a r t i k e l.'— Notiz e«. —„Das Rarren sich iff" ist nacb fünfzehmnonotlicher Fahrt gescheitert. Bier Steuerleute hatten an dem Kasten ihre Kunst versucht. Die Katastrophe beweist, daß zum Zeitmigsmachen »och etwas Anderes gehört als zmu Papierverkause».— — In Frankfurt a. M. erschoß sich infolge inißglücktec Spekulationen der frühere Rechtsanwalt Schriftsteller Dr. Wilhelm Wolfs.— — Spaßig. Für einen Bolks-Theaterabcnd in Wien hatten Bahr und K a r l w e i» eine„Wiener Revue" geschrieben. In einem satirische» Bilde..Literatur" halten die Autoren auch eine kleine Persiflage ans die l>eiden Verfasser deS SibwanteS „ Im weißen 91 o ist" geplant. ES war eine harmlose, tteine Szene. Die Rollen waren bereits ausgeschrieben, aber die Szene wurde dennoch gestrichen. Warum 7 Eine befreundete Bruder« Hand hatte eine briefliche Warnung nach Berlin ergehen lassen, worauf die Herren Blumenthal und Kadelburg einen gemein« samen Protestbries an Direktor v. Bulovics richteten. Dieser lud nun die beiden Wiener Satiriker zu sich und redete ihnen so lange zu Gemiithe, bis sie nachgaben.— — Siegfried W a g n e r' S„Bärenhäuter" ist an der Wiener Hofoper nnd im Hamburger Stadttheater mit großem Erfolg in Szene gegangen.— — Albert Stritt, der Oberrcgisienr der A i e n e r Hof- oper hat seine sofortige Entlassnng ans dem Verbände der Wiener Hofbühne erbeten und erhalten. Auch er konnte sich mit dem Direktor der Oper Mahler nicht vcrtragcw— — Ludwig Bösendorfer hatte ciiicn P r e i S w e t t- b e w e r l> für ein K l a b i c r k o n z e r t ausgeschrieben. Da? Preisgericht bezeichnete die Arbeiten von Eduard Bchni. Eruit Dohnanhi und Jan Brandts als prciSwiirdig. Tiefer Tage fand die ö s f e n t l i ch e Aufführung dieser drei Prciskoiizertc statt. wobei die Zuhörerschaft durch Stimmzettel über die Reihenfolge der Preise cutschied. Den ersten Preis(2000 Kronen) erhielt D o h n a n y,. ein Ungar, mit 700, den zweiten(1200 Krone») B ra u d ts. ein Holländer, mit 007, den dritten(800 Kronen) B e h in, ein Berliner, mit 508 Stimmen.— — Irr C i v i d a l e in Friaul soll im kommenden Herbste eine Versammlung italienisckier Geschichtsforscher stattfinden; den Gegenstand der Verhandlung solle» Leben. Werte und Zeit des am Hofe Karl's des Großen lebenden Langobarden P a u l» L D i a k o n n S, der in Cividale geboren ist. bilde».— t. Internationale Konferenz zur Erforschung von Ost- nnd Nordsee. Bon Schweden ist eine Ansfordernng an Deutschland, England, Dänemark. Norwegen. Rußland und Holland ausgegangen', an einer Koufcreiiz zur Festsetzung eines Programms für eine eventuelle internationale llntersiichnng der Nord- und Ostsee im Interesse der Fischerei theilzmiehmeii. Die Konferenz soll in Stockholm im Juni abgehalle» werden.— — Die„National Bank of Egypt" hat ueiierdings von der c g h p t i s ch e n Regierung die Konzession erhalten. im Süden von Suez ans weiten Gebieten P e t r o l e n m zu erbohren und das gewonnene Petroleum zu vertreiben. Im Alterthum sollen dort ausgedehnte Lagerstätten von brennbarem Ork gewesen sein.—__ Berimtwortlicher Redatieur: Ängnst Jacob ey in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.