Mterhallungsblalt des vorwärts Nr. 64. Donnerstag, den 30. März. 1899 V Gpheli«. Novelle von Julius Knopf. (Nachdmik verboten.) Die Sache tvill's, die Sache will's, mein Herzl Lab sie mich Euch nicht nennen, keusche Sterne! »Die Sache Will'S I— Doch mag ich nicht ihr Blut vergießen—" _»Falsch Gustav, falsch! Doch nicht ihr Blut mag ich der- gießen, so steht's hier im Reklam d'rin. Hast schlecht gelernt, Gustav I Wie soll das nur heute Abend werden I" Die kleine zierliche Blondine stampfte energisch mit dem tuste auf und sah den jungen Schauspieler mit ihren blauen inderaugen strafend an. Der lachte. _„Weißt', Grethel, is ja ganz egal, wie das Blut der- gössen wird. Vergossen wird's auf alle Fälle. Das ist den Kujaven, die in unsere Kunstdestille kommen, die Hauptsache, und der selige Herr von Shakespeare wird's mir weiter nicht übel nehmen. Na, und nu Schluß! Klapp' den Wisch zu." „Aber," warf die Kleine ein. „Kein Aber; komm', Schundcl, gicb mir'n Kuß." Sie reckte sich empor und hielt ihm das Mündchen hin, das er herzhaft küßte. Da ging ganz sachke die Thüre auf. Eine stattliche Frau in den Vierzigern trat ein. Entsetzt schlug sie die Hände zusammen. „Aber Fengleer— Grethel— was macht Ihr'n da!" „Wir küssen uns, wie Sie sehen," entgegnete der Mime, schnell gefaßt. „Das seh' ich, daß Sie sich küssen," erwiderte die Frau entrüstet.„Das ist aber'ne fürchterliche Unverschämtheit, mein Kind zu küssen. Wie kommen Sie dazu! Denken Sie denn, Sie hätten das Recht, für Ahre sechzig Mark Pension noch meine Grethel zu küssen! Ich kündige Ihnen zum Ersten." „Mama l" „Stille biste!" „Frau Thiele," bat der Schauspieler,„ich liebe Grethel schon lange und will sie hcirathen, natürlich nur mit Ihrer und Ihres Mannes Einwilligung. Ja, ja," fuhr er fort, als er sah, daß Frau Thiele den Kopf schüttelte,„ich habe auf Grethe ganz reelle Absichten, mit richtiger Heirath und effektivem Trauring. Seien Sie doch nicht so. Nein!... Ich werde sie glücklich machen.." „Mit Ihre IM Mark Einkommen monatlich? I Das jlauben Sie doch selber nich," unterbrach ihn Frau Thiele. „Ich werde doch auch null Zulage bekommen," be- schwichtigte er sie. „In das Schmalzstullen-Theater nicht. Da kriegen Sie ja schon die höchste Gage.— Zulage? Na, das können Sie mir doch nich wcißmachen. Fengleer! Ich bin'n verdammt schlaues Weib, wenn ich nian auch blas'ne Schuhmachersstau bin. Aber ich bin auch jut, Fengleer; denn sonst Hütt' ich an die frische Luft gesetzt, wo Sie Ihnen jlcich zu Anfang verlicdcrt waren zahlten un „Aber, Frau Thiele, wie'n Strideut, und die Miethe nich' be- jetzt bin ich doch pünktlich", meinte Fengler in bittendem Ton,„und solide auch." «Und alles durch wen, Fengleer?" „Durch Sie, verehrte Frau, nur durch Sie, gewiß!" schmeichelte er.„Ich will Ihnen auch dankbar sein, mein ganzes Leben lang.. ja das will ich. Und wenn Sie mir Ihr Grethel zur Frau geben— aber Grethel, red' doch auch 'n Ton!" Grethel stand verlegen da. In ihrem Gesicht zuckte es von verhaltenem Weinen. Sie öffnete die Lippen, bewegte sie— aber kein Laut kam hervor. Sie war kreidebleich, würgte wie wenn ihr die Lust fehlte, und hatte die Augen weit aufgerissen. Die Mutter stürzte auf sie zu. „Herrgott, Grethel, Du wirst doch nicht wieder'n histori- scheu Anfall kriegen! Der Doktor hat vor Auftegung ge- warnt, Grethel... Kind... is Dir was?" Grethel holte tief und mühsam Athcm. „Mama... ich liebe ihn so sehr. Wenn Du Gustav sortschickst, geh' ich in's Waffer." Bestürzt streichelte die Mutter sie und sagte begütigend: „Wer wird denn gleich so'ne Jedanken haben! Du mst Deine siebzehn Jahre... so blutjung noch I" „Nachdenken macht alt, Mama," erwiderte Grethe langsam. „Ja, ja," meinte die Mutter, halb stolz, halb besorgt, „Das kommt von die viele BUdung." „Nein, Maina, nicht davon. Es liegt in mir mal drin. Ich kann nicht anders." „Na, Grethel, weißte, mcinswegen sollste nich in die Spree gehen. Ich wer mal Vätern holen, der sitzt unten im Laden. Hoffentlich sind keine Kunden da." Sie wandte sich zum Gehen. An der Thür drehte sie sich nochmals um.„Fengleer. keine Geschichten machen mit Grethel! Ihr könnt Euch jenug küssen, wenn Ihr erst Mann und Frau seid. Ich bin gleich wieder hier mit Vätern. Also Waffenstillstand so lange!" Sie drohte halblächelnd mit dem Finger, blieb noch einen Augenblick stehen und ging. Die Beiden waren wieder allein. Der Schauspieler führte das Mädchen nach dem Sopha. Nachdenklich setzte er sich neben sie. Er küßte sie. Sie wehrte ihn ab. „Laß doch, Mama hat's verboten." Er küßte sie wieder. Sie spielte mit semein Haar und lehnte sich an ihn. Er zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch durch die Nase. Sie lächelte glückselig, wie ein Kind, und sah ihn unver- wandt an. Da traten die Eltern ein. Voran der Vater, eine unter- setzte, stämmige Gestalt mit gesundem, rothem Gesicht und gilt- niüthigcn, aber scharfen und klaren Augen. Der Kopf zeigte nur noch an den Seiten einigen Haarivuchs; dafür umrahmte ein kurz gehaltener Vollbart das robuste Gesicht. Das Schurz- fell hatte er noch vorgebunden. Er ging geradewegs aus das Paar zu. Fengler war schnell aufgesprungen. „Also, Sie woll'n meine Tochter heirathcn," redete er ihn an. Der Schauspieler verneigte sich.„Ja, ich erlaube mir." „Und Du willst den Menschen da Heirathen?" fragte er seine Tochter. „Ja, Papa... sonst—" „Gehsie ins Wasser; weiß ich.. I. Sie wissen, Fengleer," wandte er sich wieder zu diesem,„ich konnte Ihnen nie leiden. Nich von wegen Ihre rothcn Haare, ne—; zwar: rothes Haar und Erlenholz wächst auf keinen guten Boden. Auch nich, weil Sie lang sind, wie der Tag vor Johanni. Aber von wegen Ihre scheuen Augen, die einen nie ansehen." „Herr Thiele!" fuhr der Beleidigte auf. „Nichts for unjut, ich wollte Ihnen nich beschimpfen. Aber wie jcsagt, gegen Faktums is nischt zu machen. Die Grethe liebt Ihnen uu mal— Jeschmackssache! Dazu hat sie 'n Querkopf— das hat sie von ihrer Mutter." „Vater!" warf diese entrüstet ein. „Also des hat sie von ihrer Mutter," fuhr er unbeirrt fort.„Wie jesagt, dajejen is nischt zu machen. Bleibt mir nischt übrig, als Ja und Amen zu sagen." Aufschreiend flog Grethe auf den Vater zu und küßte ihn so heftig, daß ihm der Athem verging. „Hcrrjott," fuhr er fort und machte sich von ihr loS. „muß die Liebe aber heftig sein! Ich habe ja Muttern auch mal janz jerne jehabt—... aber so... Jott bewahre!... Also, Fengleer, ich sage nich nee, so leid es mir thut. Ver- sprechen Sie mir aber, immer jut jegen meine Tochter zu sein!" »Ich schwöre es Ihnen," bcthcuertc Fengler mit schwung- voller Stimme. „Ihr Glück! Und das sag' ich Ihnen: daß sie mir an- ständig bleibt! Sonst schlag' ich Ihnen eigenhändig alle Knochen im Leibe kaput. Versteh'n Sie mir?"— schrie er— „alle Knochen im Leibe". „Ich verstehe," betheuert der Mime. „Mit's Heirathen is es natürlich noch nichts. Sie is erst siebzehn und noch'n halbes Kind und immer bei Vätern und Muttern jcblieben. Und Sie können noch keine Frau er- nähren, Fengleer. Aber treu bleiben müssen Sie ihr und Stange halten. Werden Sie?" „Ich schwöre es Ihnen, Herr Thiele," bekräftigte Fengler nochmals. „Ach, schwören Sie nicht immer," fiel Frau Thiele ein, die sich so lange still Verhalten hatte.„Sagen Sie lieber „Ja", das is mehr Werth. Und reden Sie»ich so viel, Fengleer.„Wahre Liebe und echte Schmerzen verbergen sich nur tief im Herzen," deklamirte sie pathetisch. Gedichte machen müssen Sic auf ihr, dann lieben Sie ihr. Ich kenne das, ich bin'n verdammt schlaues Weib, Fengleer." „Das weiß ich ja, verehrtheste Frau," beruhigte dieser sie. „Na also." fuhr sie fort,„nehmen Sie sich vor mir in Acht. Ich durchschaue jeden, denn ich kenne die Menschen. Ich habe Sie früher nich leiden können. Fengleer, denn Sie logen wie'ne Grabschrift und machten Schulden wie Griechen- land und dachten: Schulden sind keine Hasen, die laufen nich weg und..." „Nu laß man jut sein. Mutter", beschwichtigte der Meister. „und laß mich mal'n Ton reden... Fengleer, Grethe is unser einzigstes Kind: mehr hat's nich jcgcben. Ich habe ihr Bildung jenießen lassen und ihr in die höhere Töchterschule jeschickt. Drum wollt' ich'n Bischen höher mit ihr hinaus: 'n Droschisten oder'n Schlächtemteister. aber nich so'n Komödianten von's Fünfjroschcn- Theater. Nischt for unjut. Aber wie Jott will. Nur jut soll'n Sie jegen ihr sein. Versteh'n Sie mir I" „Ich schwöre es Ihnen," bctheuertc Fengler nochmals. „Sie soll'n doch nich inimer schwören," fuhr Frau Thiele dazwischen. „Also ich schwöre nicht." sagte er gefügig. „Das ist schön; dann jebt Euch man'n Kuß," erlaubte der Meister. Das ließen sie sich nicht zweimal sagen. „Haltt Das sind schon sünfel" fuhr die Mutter da- zwischen. Der Mime nahm sie in die Arme und wirbelte mit ihr in der Stube herum, bis sie prustend aufschrie. „Na, und nu Mutter, brau' uns'n juten Punsch. Wir können uns ja heute mal was leisten, denn wir haben unser auskömmliches Einkommen. Na. das wissen Sie ja, Fengleer, das heißt, mitgeben geben wir Grethen nischt, außer die Ein- richtung." „Garnichts will ich mithaben," unterbrach ihn Fengleer stürmisch.„Ich will ja nur Ihre Grethe." „Das sagen Sie jetzt," meinte der Meister skeptisch, „in der ersten Rage. Wie ich Ihnen kenne... I Na. über zwei Jahre sprechen wir weiter d'rüber. Daun werden Sie hoffentlich so weit sein, Fengleer." Fengler warf sich in die Brust:„Gewiß. Herr Thiele l Ich hoffe doch Engagement an einer größeren Bühne zu er- langen. Bei meinem Talent!" „Sie sind ja garnich von sich cmjcnommen, Fengleer," spottete der Alte.„Na, wollen sehen." „Ja, Vater, Talent hat er," bestätigte seine Frau wohl- wollend,„das muß man ihm lassen. Neulich erst als Jaromir— ich bin'n verdammt schlaues Weib, aber Sie haben mir gefallen, Fengler." Grethes Augen glänzten in Begeisterung.„Nicht wahr, Mama, die langen schwarzen Locken, das schöne Organ und die reine Aussprache." Fengler schmunzelte geschmeichelt. Er stellte sich in Positur und fuhr sich durchs Haar.„Das will ich meinen, ich könnte mich ruhig im Deutschen sehen lassen, neben Kaiuz. Ueber- Haupt Kaiuz, was is'n an dem t So laut wie der schrei' ich alle Tage, und ich schnarre das N noch zehnmal schärfer und spreize die Finger noch viel weiter auseinander." Der Meister lächelte skeptisch und sah sich den renommi- renden Mimen von oben bis unten an.„Man sachte, man sachte, Fengleer, ich kenne zwar Kainzen nich— aber Fattums beweisen, nischt for unjut. Und nu, Mutter, jeh' runter in den Laden und stich mal den Jaas an."-- Ein Jahr war vergangen. In den Verhältnisien der Familie hatte sich nichts geändert. Fengler und Grethe waren noch nicht verheiräthet, und es war auch keine Aussicht dazu vorhanden. Fengler machte sich weiter keine Sorge darüber, aß und trank gut und wurde stark.— Engagement an einer größeren Bühne hatte er nicht finden können. Für ein kritisches Publikum reichten weder sein Talent noch seine jiZildung aus, die oberflächlich war, wie die so vieler Schau- spielcr. Er spielte seine ersten Liebhaber und Helden an der anspruchslosen Vorstadtbühne, wo er gefiel. Nun dachte er garnicht mehr daran, fortzugehen, denn er fühlte sich eben behaglich. Man bewunderte ihn an seinem Theater und das genügte seinem Ehrgeiz. Grethe war er bisher treu geblieben. Er hatte sie gern, und es drang sich ihm auch keine Versucherin auf. Die einen waren zu alt, die anderen zu häßlich. Und so lebte er ver» gnügt und ohne nachzudenken in den Tag hinein. Grethe holte ihn fast jeden Abend aus dem Theater ab. Sie überhörte ihm seine Rollen, hielt ihm seine Garderobe im Stand, kochte seine Leibgerichte— er war mit der Zeit Feinschmecker geworden—, und zählte ihm die Zigaretten zu, von denen sie ihm nur sechs Stück täglich erlaubte, um seine Stimme zu konserviren. Sie ging ganz in ihm auf und duldete sttll, daß er hin und wieder seine schlechte Laune an ihr ausließ, wenn er Aerger auf der Probe gehabt. Ihr Verhältnitz war ein reines geblieben. Grethe's keuscher Sinn bäumte sich instinktiv dagegen ans, sich in irgend etwas zu vergeben, so daß es der Wachsamkeit der Mutter garnicht bedurft Hätte, die ihrem zukünfttgen Schwieger- söhn noch immer nicht recht traute. Selbst die Freibillets, die er ihr oft schentte, hatten sie nicht umsttmmen können, wenn es ihr auch schmeichelte, in der Parkettloge mit ihrer Grethe zu paradiren, als Schwiegermutter des ersten Helden und Liebhabers. Ein paar Mal hatte sie ihren Mann gebeten, mitzu- kommen. Aber da kam sie schön an l Für solchen Hokuspokus sei er nicht zu haben I Ja, wenn es noch Billets zu„Renzen" gewesen wären! Im Uebrigen ließ er die Sache ihren Gang gehen. Nur ein Mal, als! er gerade dazu kam, als Fengler heftig gegen Grethe war, und diese beinahe wieder einen epilepttschen Anfall bekommen hätte, woran sie von Jugend auf litt, hatte er ihn beiseite genommen. „Fengleer", hatte er zu ihm gesagt,„ich habe mir bis jetzt nich wieder in die Chose gemischt und Ihnen auch keine Vorschriften gemacht, aber das sag' ich Ihnen, seien Sie nich wieder so grob jegen das Mädchen. Sie kann's nich vertrage». Sie weent nich, aber sie schluckt ihren Aerger und Gram runter, und der frißt ihr an's Herze und macht sie krank. Sollte ihr aber mal Schlimmes dabei Passiren, Fengleer, das sag' ich Ihnen, dann is Matthäi am Letzten mit Siel Nehmen Sie sich in Acht vor mir, Fengleer!" Von da an war nichts wieder passirt. Da kam eine neue Liebhaberin an's Theater. Sie war vorher in der Provinz gewesen, hatte da auch sehr gefallen. mußte aber Knall und Fall die Stadt verlassen. Man munkelte von einem Skandal zwischen ihr und der Frau des Direktors.' Nun war sie in Berlin, in dein Vorstadt-Theater. Eine andere Bühne hatte sie nicht genommen. Sie gefiel sehr, nicht nur durch ihr keckes Spiel und niedliches, noch frisches Gesicht; sondern noch mehr durch das dem anspruchslosen Publikum ungewohnte Raffinement der Toilette und das beredte Spiel ihrer Augen.— Lilli Croissant— ihren Namen kannte man nicht— war bald der Stern der Vorftadtbühne. Sie theilte sich mit Fengler in die Gunst des Publikums. Allabendlich fast spielten sie zusammen. Sie liebten und haßten, umarmten und küßten einander, wie es ihnen die Rolle vorschrieb. Wenn Grethe das sah, gab ihr's einen Stich ins Herz. Vergebens schalt sie sich aus und hielt sich vor, daß es ja nur Theater sei; der Stachel blieb zurück. Ein paar Abende mied sie das Theater— aber dann zog es sie immer wieder hin mit unwiderstehlicher Geivalt. Sie wollte wegsehen, wenn die beiden einander küßten, aber sie konnte nicht. Die Mutter merkte das. Sie merkte auch, daß die zwei sich inniger küßten, als es auf der Bühne nöthig war. Sie nahm Fengler in's Gebet. Der lachte. Was sie denn von ihm dächte! Er machte sich gar nichts aus der Croisiant l Aus dieser herzlosen Kokette I Die hatte über- Haupt'n reichen Liebhaber in Stetttn sitzen, der ihr jeden Monat zweihundert Mark schickte und öfter nach Berlin rüber- käme. Also!... Nein, seinetwegen brauchte sie keine Furcht zu haben I Es wäre überhaupt riesig albern von der Grethe. Er wollte ihr mal gehörig den Text lesen. Das verbot ihm Frau Thiele. Der Zwischenfall schien beigelegt. (Schluß folgt.) (Nachdruck Verbote».) Schmrvcbethnvtt. Für den Verkehr kamen bisher neben den Bahnen auf ebener Erde hauptsächlich die Hoch- und Untergrundbahnen in Betracht. Wenngleich die moderne Technik gelernt hat, in überraschend kurzer Zeit die Schlvierigkeiten zu überwinden, welche die Ausführung von Hochbahnen und besonders die Herstellung von unterirdischen' Ver- kehrswegen mit sich bringen, so konnten doch' diese Verkehrsmittel sehr oft aus Gründen mannigfacher Art nicht zur Ausführung ge- bracht werden. Es blieb zwischen der massiven Hochbahn und der meist in der Bauausführung äußerst kostspieligen Untergrundbahn eine Lücke, die in neuerer Zeit durch die Erfindung der Schwebebahn ansgefüllt worden ist. Der erste derartige, nach dem System von Eugen Langen ausgeführte Bau ist die Schwebebahn in Elberfeld. Die Schwesterstädte Elberfeld und Barmen hatten längere Zeit eine elektrische Straßenbahn, die sich leider in mehrfacher Hiusicht als unzureichend ftir den dauernd anwachsenden Verkehr erwies. Es war naheliegend, die Form eurer Hochbahn, wie solche zur Zeit in Berlin in der Aussührung bcgrisien ist, in Vorschlag zu bringen. Ein solches Projekt ging dahin, die Hochbahn über dem Flußbett der Wupper zu errichten. Die Schwierigkeiten und Kosten, welche durch die Herstellung solider Fundameute im Flußbette für die Pfeiler einer Hochbahn verursacht worden wären, verschafften dem Plane sofort viele fachmännische Gegner. Ausschlaggebend für das Fallenlassen dieses Projektes war aber die berechtigte Befürchtung, daß bei Hochwasser die Anfrechterhaltung des Verkehrs mit großen Umständen verknüpft gewesen wäre. Mehr und mehr brach sich die Ueberzeugnng Bahn, daß als Verbindungsinittel für diese beiden Industriestädte die neucrfundene Schwebebahn besonders gut geeignet fei. Ein Entwurf von Engen Langen wurde daraufhin eingefordert, geprüft, angenommen und ist nüttlerwcile auch zur Ausführung ge- bracht worden. An den Ufern der Wupper sind auf besonders konstruirten Fundamenten in Abständen von fünfzehn bis zlvanzig Metern geneigte Träger errichtet worden, die oben durch zweckmäßig gestaltete Ver- bindnugsstücke— Kopfträger oder Traversen genannt— zusammengehalten werden. Diese eisernen Pfeiler sind durch Eisenkonstruktion in der Hohe der Kopfträger mit einander verbunden, und zwar so, daß die eiserne Gleitschiene, an welche der Zug angehängt ist, sicher gehalten wird. Natürlich sind die besten Sicherheitsvorrichtungcn vorgesehen, so daß ein Herunterfallen der Wagen durchaus ausgeschlossen ist. Die Züge sind mittels beweglichen Nadachsen an der Leitschiene auf- gehängt. Dadurch können selbst starke Krümmungen der Schwebe- bahn mit großer Geschwindigkeit durchfahren werden, während be- kanntlich bei anderen Bahnanlagen das Durchfahren der Kurven nur mit bedeutend herabgesetzter Fahrgeschwindigkeit möglich ist. Sollte während der Fahrt ein Achsbruch'vorkommen, so sind Einrichtungen getroffen, durch welche jeder Unglücksfall als ausgeschlossen gelten kann. Ein schwebender Zug könnte während der Fahrt von Seite zu Seite schwingen, und dadurch könnte seine Benutzung für viele Menschen höchst unangenehm werden; bei der Schwebebahn sind diese Schtvankungen selbstverständlich durch richtige Anordnung von Gegenrollcn auf ein Minimum reduzirt. Die Haltestellen der 8000 Meter langen Schtvebebahn von Elber- selb nach Barmen sind in Entfernungen von 500 Metern angeordnet und werden von den Brücken der Wupper aus auf Treppen er- stiegen. Eine Beeinflussung deS Bahuverkehrs durch Hochwasser ist voll- kommen ausgeschlossen, da die Eisenkonstrultion der Schwebebahn so hoch ist, daß von der llnterkante der aufgehängten Wagen bis zum Wasserspiegel eine Entfernung von 5 Metern verbleibt. Auf der Schtvebebahn soll mit einer Geschwindigkeit von 25 Kilometern bei getvöhitlichein Betriebe und unter Anwendung elektrischer Energie gefahren werden. Die Wagen siild so eingerichtet, daß 50 bis 60 Personen bequem darin Platz finden. Die erste schwebende Eisenbahn, welche für die Städte Elberfeld und Bannen von großer Bcdeuttnig und vorläufig auch eine Sehens- iviirdigkeit ersten Ranges ist, tvurde von der Nürnberger Maschinenbau- Aktiengesellschaft errichtet und kostet etwa 10 Millionen Mark. Bor Kurzein fand für die polizeiliche Abnahme eine Probefahrt statt. Die Strecke wurde mit einer stündlichen Fahrgeschwindigkeit von 50 Kilometern glatt durchfahren. Diese Probefahrt hat auch gewisse Bedenken zerstreut, die häufig gegen dieses neue und eigenartige Verkehrsmittel geltend gemacht wurden. Der Eindruck, welchen die ersten sachverständigen Benutzer bei der Fahrt empfingen. ist für die elektrische Schwebebahn durchaus günstig. An erster Stelle wird Hervorgehoben, daß das vielfach befürchtete Gefühl großer Unsicherheit beim Benutzen der Bahn nicht aufkommt. Nicht die Empfindung, in den Lüften frei zu schtvebcu, macht sich bemerkbar, sondern der Fahrgast bekommt mehr den Einbruch der Zug bewege sich über eine Brücke. Die geringen seitlichen Be- wegungen. die der schwebende Zug macht, sind durchaus nicht störend. Die Schwebebahn fährt absolut sicher und kann auch durch den stärksten Winddruck nicht gefährdet oder bei Sturm aus ihrer Lage gebracht werden. Das Geräusch bei der Fahrt ist schon bei den ersten Probeversuchen sehr gering gewesen: es sollen jedoch noch besondere Vorrichtungen angebracht werde», die bewirken, daß die Schwebebahn mit großer Ruhe dahingleitet. Nachdem so durch die erfolgreiche Vollendung und Erprobung der Schwebebahn von Elberfeld nach Barmen der Beweis erbracht ist, daß dieses neue Mittel zur Vermittelung des Verkehrs vorzüglich geeignet ist und an Sicherheit den anderen Beförderungseinrichtungen durchaus nicht nachsteht, dürften bald Anlagen solcher Art an ver- schiedeucn Orten projettirt und errichtet werden. Aber nicht nur in den von Kulturvölkern bewohnten Ländern sind Schwebebahnen brauchbar, sondern auch in den Tropen werden jedenfalls schon in nächster Zeit derartige Verkehrsmittel erbaut werden. Naturgemäß ist die Konstruktion einer tropischen Schwebe- bahn außerordentlich einfach und leicht gehalten. Die Unterstützung der Gleitschienen besteht in solchen Fällen anZ zwei eisernen Röhren von 10 Zentimetern Durchmesser, die oben in einer gemeinsamen Kugel endigen, auf welche gelenkartig ein aus Eisenblech gepreßter Bügel lagert. Die in Entfernungen von 5 Meten» vorgesehenen Slützenpaare erhalten alle 200 Meter durch schräge Verstrebungen eine Verankerung. Am Fußende läuft die Röhre in eine Halbkugel auS, die sich auf eine Platte aus gepreßtem Eisen» blech stützt. Diese Platte wird einfach in den Erdboden eingegraben und fest verstanipft. Förderbahnen nach dem System von Eugen Langen haben den großen Vortheil, daß sie sich ohne Schwierigkeiten selbst auf hügeligem Gelände herstellen lassen. Als Betricb'skraft für eine solche Pionierbahn ist nicht einmal unbedingt Maschinenarbeit er- forderlich. In der einfachen Weise geschieht die Beförderung durch vorgespannte Zugthiere. wobei auch noch eine stündliche Fahr- gcschwindigkeit von 10 Kilometern ohne Schwierigkeiten erreicht und eingehalten werden kann. Ist die Erschließungsbahn durch die An- läge einer Eisenbahn überflüssig geworden, so braucht nur der nicht benöthigte Theil abgebrochen, an das andere Ende der Schwebebahn befördert und hier wieder aufgestellt zu werden, und man hat auf eine außerordentlich billige und einfache Weise den Verkehrsweg ver- längert.— gr. Kleines Feuillekon. Die Dankbarkeit.l>au besonders günstige Verhältnisse bietet. In der That gehören 5ö pCt. der Bevölkerung der Laudwirihschast, nur 2 IL pCt. dein Gewerbe, 9,1 pCt. dein Handel und 14,1 pC. anderen Berufen au. DaS wuthschaftliche Zentrum ist Nord- lingen.— Meteorologisches. Je. Der höchste wissenschaftliche Drachenflug ist vm 28. Februar am Blne Hill-Observatorium bei Boston vor sich gc- gangen. Die Bersnche, die Flugdrachen zu meteorologischen Zivecken auszunutzen, haben dem genannten Institut seit einigen Jahren zu einem Weltrufe verholfem Es waren bereits sehr schöne Er- folge erzielt worden, die jedoch durch die neuesten Ergebnisse weit in den Schatten gestellt ivorden find. Am letzten Fcbruartnge erreichte ein System von Drachen, eine Höhe von 12 440 Fuß über dem Meeresspiegel, d. h. 360 Fuß mehr als der bisherige Rekord, der von demselben Platze aus am 26. August vorigen JahreS erzielt wurde. Der Aufstieg begann 20 Minuten vor 4 Uhr Nachmittags, als die Temperatur an der Erdoberfläche ungefähr 2 Grad betrug und der Wind»mt einer Stärke von 17 englischen Meilen in der Stunde blies. In der höchsten Höhe, in die der oberste Drache gelangte, herrschte nach den Aufzeichnungen des an den Drachen befestigten meteorologischen Apparates eine Temperatur von— 11 Grad und eine Windgeschwindigkeit von 60 Meilen pro Stwide, also fast die dreifache Windstärke' als auf der Erde. DaS Flugsystcin bestand aus 4 Drachen nach dem sogenannten verbesserten Hargreave-Mnster, das einer Kiste ohne Deckel' und ohne Boden gleicht, aber etwas gebogene Flächen besitzt, deren Krümmung den Bogelschwingcn nach- gebildet ist. Der oberste Drache führte«inen Apparat aus Aluminium von 4 Psimd Gewicht mit sich, der die Temperatur, Windgeschwindig- keit, Feuchtigkeit und Luftdruck in Linien aufzeichnete. Alle vier Drachen zusammen boten dem Winde eine Fläche von 20ö Quadratfuß und wogen 26 Pfund. während der Stahldraht, an dem ste befestigt waren. 76 Pfund wog. Der oberste Drache blieb fast drei Stunden lang in einer Höhe, von über zwei englischen Meilen. Als er_ mit einer Dampfwinde, die besonders für diesen Zweck eingerichtet ist. wieder eingezogen werden sollte, löste sich die Befestigung eines der Drachen und er riß im Fluge rioch zwei andere mit sich, worauf alle drei sich in die Lüfte verloren und bald dem Auge enlschwanden. Zwei von ihnen Ivnrde» in einer Entfernung von 2 Meilen, der dritte aber in einem Abstand« von über 6 Meilen vom Observatorium gesunden, das meteorologische Instrument, das ebenfalls fortgeflogen Verantwortlicher Redakteur: August Jacobcy in Bc war. wurde unversehrt aufgefunden. Dieser Drachenflug war der letzte von 5 anderen, die an den Tagen vorher unternommen worden waren, und die mittlere Höhe, die erreicht wurde, war 10 200 Fuß oder fast 2 englische Meilen. Die niedrigste Temperatur wurde am 24. Februar gemessen, nämlich etwa 31 Grad unter dem Gefrier- punil.— Hnmoristisches. — Entweder— oder. Frau(zum Manne im Sonnner. garten):„Halte Dich doch ein wenig zurück, Karl, muß Du denn immer trinken?" „Gatte:„Nein, ich kann auch dazwischen essen. He Kellner, vier Würste mit Kraut I"— — Aus dem Tagebnche einer höheren Tochter. „Gestern war ich wieder bei einem ästhetischen Theo. Es war sehr langweilig. Wannn wird man nicht auch einmal zu einem un- ästhetischen Thee geladen?"— — Radsahrhinderniß. 8L!»Sie haben das Radfahren ganz aufgegeben?"� B.:„Ja, wissen Sie, der Sport wird einem durch zu viele Hindernisse und Widerwärtigkeiten verleidet." A.:„Verstehe, schlechte Wege, polizeiliche Chikane, häufige Reparaturen, Unfälle--* B.:»Ja... und dann der Gerichtsvollzieherl"— („Meggend. Hunt. 831") Notizen. — Von den Fehkern der Berliner MuseumS-Ver- waltung werden in einer Zuschrift an die„Kimsthalle" ein paar neue Fälle mitgctheilt:„Der Anakreon-Kopf, von dem ein jeder weiß, daß er eine der geivöhnlichen römischen Kopien ist, heißt in Verlin immer noch griechisches Werk des fünften Jahrhunderts. Besonders stark aber ist wohl der Fall mit der letzten kaiserlichen Konkurrenz, wo ein Benus» torso zu ergänzen aufgegeben wurde, von welchem vollständige Repliken e x i st i r e n!"— — Im französischen Unterrichtsministerium zu Paris trat vor einigen Tagen die amtliche Kommission für die N a t i o n a l- A u f- f ü h r u n g e n in dem alten Römertheater von Orange zusammen, um das cndgiltigc Programm für die am S. und 0. Anglist d. I. stattfindende» Vorstellungen festzusetzen. Die erste besteht in einem von Sarah Bernhardt gegebenen Schauspiel. Die zweite wird von Mitgliedern der Großen Oper und des Odöon» Theaters in Paris ausgeführt.— — Im O p e r n h a n s e findet im April die erste Aufführung einer Oper„Hudarra" von den» französischen Komponisten Le Borne statt.— — Max Schilling, der Komponist der.Jngwclde", hat ein neues Werk„Der Pfeifertanz" vollendet.— — AnS Karlsruhe wird Berliner Blniterir gemeldet, daß Hans T h o m a in Frankfurt a. M. zum Direktor der Karlsruher Galerie ernannt und ihm ein M e i st e r- A t e I i e r in der dortigen Kunstschule zur Berfngnng gestellt sei. In einer Zu» schrift an die„Franks. Zeitung" erklärt Hans Thoma, daß ihm diese Nachricht mir ans den Zeitungen bekannt ist niiiz ihn»noch mehr überrascht hat als alle übrigen Leser."— — Bei der Konkurrenz um ein Schumann- Denkmal für Zwickau erhielten den ersten n n d z Iv c i t e n P r e i s gemeinsam zu gleichen Theilen(je 1000 M.) Ernst S e g e r(Wilmersdorf) und v. Gosen(München). Den dritten Preis(600 M.) erhielt H a r t m a n n(Leipzig).— — Eine VelaSguez-Feier wird in Madrid für den 6. Juni d. I., den dreihuuderlsten Geburtstag des großen spanischen Malers, vorbereitet. Im Prado wird eine Allsstellung veranstaltet, vor dem Museum soll ein Denkmal enthüllt iverdcn.— dg. Eine sehenslverthe Sammlung wendisckier Ostereier besitzt das märkische Provinzialmnseum. Die originellsten sind die Eier aus gedrehten Binsen. Ihr Aeußeres erinnert an da« Geflecht alter Bienenkörbe, in der Farbe an Wachs. Durch ihre Bcmalung zeichnen sich die Hühner-»nd Enteneier ans. lieber den blauen, rothen oder grünen Gnmdton zieht sich in feinster Radirnng ein Netz von Blättern, Sternchen oder mit einander verschlungenen Arabcöke». Einzelne sind auch durch ausgeklebte Oblaten verziert.— t. g w a n g s i in p f u ii g in Japan. DaS japanische Parla« ment hat einen Gesetzeutlvnrf angenommen, der die Schutzimpfung gegen Pocken obligatorisch macht und die kostenfreie Vertheilung der Lymphe anordnet.— --In Braun schweig ist der Meteorologe Wilhelm Blasius gestorben. Er ist durch Arbeiten über das Zu» standekommeii der Stürme, namentlich der Tornados, bekannt ge- lvorden.—___ lin. Druck und Verlag von Max Babing in Verlm.