Nnterhaltungsblalt des Horwärts Nr. 65. Mreiwg. den 31. März. 189<> 21 Gplzeliol. (Nachdruck verboten.) Novelle von Julius Knopf. (Schllltz.) Die schöne Lilli fing an. sich zu langweilen. In dem öden Theater war niemand, der ihr imponirie, außer Fengler, der so hübsch arrogant auftrat. Anfangs war er ihr zu häßlich. Aber schließlich gewöhnte sie sich an ihn. Da hörte sie von einer Kollegin, daß da nichts zu holen sei: er wäre verlobt. Das reizte sie. Sie kokettirte mit ihm. Wenn sie mit ihm zusammenspielte, drückte sie seine Hand fester, sah sie ihn inniger an. legte sie ihre Lippen stürmischer auf die seinigen, schmiegte sie sich dichter an ihn. Er schwankte. Zuerst fühlte er sich geschnieichelt, daß sie ihm Avancen machte, dann fing er Feuer. Er verliebte sich in ihre Figur, in ihre tveichen, verheißenden Formen, in ihre volle leuchtende Büste. Er war aufgeregt, wie er es noch nie gewesen. Wenn er sie umarmte, ging es ihm wie ein Fenerstrom durch den Körper, und er preßte sie so fest au sich, daß sie stöhnte. Das Publikum klatschte wie rasend über das vollkommene, naturalistische Spiel. Aber noch blieb er fest. Aber das sah Grethe. Sie sagte ihm kein Wort, war zärtlich wie immer, wurde aber täglich blasicr. Es wühlte und arbeitete in ihr. Sie wußte sich keinen Arisweg. Scham und Scheu hielten sie davon ab, ihm Vorwürfe zu machen. Phantastisch, wie sie stets gewesen, dachte sie an's Sterben.-- Ein ncues Stück war in Vorbereitung. Fengler und die Croissant sollten wieder die Hauptrollen spielen, aber es wollte immer noch nicht recht klappen. Abgespannt kamen sie Beide eines Mittags ans der Probe. Da bat ihn Lilli um ein paar Minuten. Sie gingen in's Theater-Rcstaurant. „Herr Fengler," fing Lilli an,„es geht halt inimcr noch nicht mit dem Stück. Namentlich unsere große Szene im dritten Akt will- nicht werden. Kommen Sie doch, bitte, heute Nachmittag zu einem Täßchen Ltaffec ans ein Stündchen zu mir. Wir wollen dann mal ordentlich proben." Er sah sie starr an und schwieg eine Weile.„Ich kann heute nicht," sagte er endlich zögernd.„Ich wollte mit meiner Braut..." Spöttisch musterte sie ihn.„Ach so! Sie haben Angst zu mir zu kommen— gcradherans. Ich werd' Sie nicht beißen. Oder erlaubt's Ihr holde Braut nicht, Sie kühner erster Held und Liebhaber? Wissen Sie ivas l Bringen Sie einfach Ihren Feldwebel mit, wenn Sic allein nicht dürfen," Er fühlte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoß. Er biß sich auf die Lippen und starrte auf die Erde. „Na," fuhr sie fort,„ich bin nicht gewohnt, jemanden erst larige zu bitten. Wenn Sie nicht wollen...." Sie erhob sich und wollte an ihm vorbei gehen.-Dabei streifte ihn ihr Kleid, und flüchtig berührte ihre warme, weiche Hand sein heißes Gesicht. Erregt sprang er auf, zahlte und ging mit ihr hinaus. „Nun?" fragte sie, als sie sich an der nächsten Ecke trennten. „Ach werde kommen... um drei Uhr." Lächelnd verabschiedete sie sich von ihm. Punkt drei Uhr fand er sich bei ihr ein. Das Herz klopfte ihm bis an den Hals hinan. Er fieberte. Von seiner Rolle wußte er kein Wort, so aufgeregt tvar er. Er würdigte die schöne Zimmereinrichtung nicht eines Blickes. Ein weiches Flicderparfüm siel ihm auf die Sinne. Er war willenlos. Als er am späten Nachmittag von ihr ging, war er nicht mehr frei; sie hatte ihn unterjocht. Am Abend spielte er gut, zum ersten Mal in seinem Leben. Von nun an lebte er ein Doppelleben. Zu feige und zu bequem, nüt Grethe zu brechen, heuchelte er sich von einem Tag zum anderen durch, in der Hoffnung, daß sie zu Hause nichts merkten. Aber es fiel auf, daß er, der solange solide gewesen, jetzt manchmal ganze Nächte hindurch fort blieb. Auch die Nachmittage war er oft nicht zu Hanse. Das Verhältniß zwischen Fengler und der Croissant kannte bald jeder im Theater, von der jüngsten Choristin bis zur ältesten Heroine. Die Croissant gab sich auch keine Mühe, besonders geheim zu thun. Im Gegentheil, sie paradirte damit und war stolz darauf, ihn dem tugendhaften Bürger- pussel abwendig gemacht zu haben. Gefällige Zwischenträgerinnen fanden sich bald, die Frau Thiele alles haarklein erzählten. Diese schäumte vor Wuth, umsomehr da sie merkte, daß auch Grethe von den Klatschbasen nicht verschont geblieben war. Trübsinnig ging diese umher. Kaum, daß sie ein paar Bissen über die Lippen brachte I Wenn die verzweifelnde Mutter in sie drang, doch wenigstens etwas zu genießen, so lächelte sie freundlich und würgte einige Kleinigkeiten hinunter. Sie sprach noch weniger als sonst. Nur als davon die Rede war. die Verlobung zu lösen und den Menschen rauszu- werfen, thaute sie auf. Sie schwor, sich etwas anzuthun, wenn das geschähe. Seufzend fügte sich die Mutter. Der Meister merkte nichts. Tagsüber hatte er unten im Laden mit den Stiefeln zu thun. Mittags machte er sein Schläfchen, und Abends las er sein Leibblatt. Von Eifersucht getrieben, hatte Grethe ihrem Bräutigam schon mehrmals nach der Probe aufgelauert. Sie hatte ge- scheu, lvie er in zärtlicher Unterhaltung mit der Rivalin aus dem Theater gekomnien war, und wie beide den Weg nach der Wohnung der Schauspielerin eingeschlagen hatten. Eine innere Scheu hielt sie davon ab, ihnen zu folgen; ivohl auch die Furcht, sich um den letzten Rest der Hoffnung zu bringen. Sie lullte sich immer noch nüt Gewalt in trügerisch« Zweifel ein. Vielleicht, daß doch nicht Alles wahr wäre? Eines Tages wurde sie von einigen Choristinnen bemerkt, welche sie mitleidig ansahen. Voll Scham und Gram war sie davon geraunt. Sie konnte immer noch nicht den Gedanken fassen, daß er sie betrog. Er hatte ihr dock, tausendmal geschworen, daß er sie liebte, und noch jetzt that er das oft, indem er sie herzte und küßte. Er konnte doch nicht zwei zugleich lieben! Und noch dazu so Eine! Vielleicht übertreiben die Leute! Ihr kleines Gehirn vcrniochte nicht, sich in diesem Labyrinth von Gedanken zurechtzufinden. Nein, so durfte es nicht weiter gehen! Gewißheit mußte sie haben. Als sie wieder einmal nach dem Theater ging, kam ihr die Croissant entgegen. Grethe gab.sich einen Ruck und trat hart an sie heran. Die lächelte spöttisch und wollte vorbei. Grethe hielt sie fest. „Fräulein Croissant, auf ein Wort I Ist es wahr, daß Gustav..., daß Herr Fengler..." „Ach, Sie sind die. kleine Grethe Thiele," fiel ihr die Schauspielerin ins Wort und musterte sie gelassen von oben bis unten.„Nicht übel! Gnstav hat keinen schlechten Geschmack gehabt: nur'n Bissel hausbacken." „Fräulein," bat Grethe flehend,„ich wollte Sie nur fragen, ob an dem Gerede der Leute wegen Ihnen und Gustav was dran ist." „Fragen Sic ihn doch selber." „Das Hab' ich schon gethan," sagte Grethe mit flackernder Stimnie:„er steflt's in Abrede, nnd nun wollte ich..." „Was!" unterbrach die Croissant sie,„stellt's in Abrede? Na so'n...! Ach so... ich verstehe, warum. Arme Kleine ti Er will Sie schonen." Ueberlegen lächelte sie.„Wissen Sie, machen Sie sich nichts d'raus. Er paßt doch nicht zu Ihnen. Schlagen Sie sich den lieben Gustav aus'm Kopf." Flüchtig grüßend rauschte sie davon. Grethe folgte ihr und sah, wie sie in ihre Parterrewohnung eintrat. Ohne sich Rechenschaft zu geben, warum, stellte sie sich in den gegenüberliegenden Hausflur. Nach einer halben Stunde kam Fengler. Sie bemerkte, wie er ins Zimmer trat und die. Schauspielerin küßte, wie diese sich wehrte, auf ihn einsprach und ihn schließlich fest umschlang. Dann wurden die Vorhänge vorgezogen.—— Am Abend gab man den Hamlet. Fengler spielte die Titelrolle, die Croissant die Ophelia. Auch Grethe war im Theater, diesmal ohne die Mutter. Sie verfolgte theil- nahmslos die Vorgänge auf der Bühne. Nur als Ophelia, wahnsinnig, Raute und Maßliebchen im Haar, austrat, verfolgte sie starr da? Spiel. Ihr Ange leuchtete verständnisvoll auf. Sie wandte keinen Blick von der wahnsinnigen Ophelia und sah sie mit glühenden Augen an. Sie fieberte. Als Ophelia ihr Klagelied sang— sie sang es mit ouiekender Stimme, rollte dabei mit den Augen und streckte die Hände mit den funkelnden Brillantringcn gen Himmel wie ein Prediger, da weinten die Frauen im Parkett und in den Rängen, und es ging ein Rauschen durch die weiten Räume wie von gebrauchten Nasentüchern. Grethe lächelte geheimnisvoll und faßte sich nach dem Kopf, in dem es so eigen rasselte und hämmerte. Noch vor Schluß der Vorstellung ging sie nach Hause und legte sich ins Bett, ohne auf die besorgten Fragen der Mutter zu antworten. Sie wälzte sich auf dem Lager und fand keinen Schlaf. Die wahnsinnige Ophelia, die richtige, stand vor ihr und wollte nicht weichen. Grethe richtete sich im Bett aus und sang mit ihrer süßen, zarten Stimme: Und kommt er nicht mehr zurück? Und kommt er nicht mehr zurück? Nein, nein, er ist todt l So ruh' denn in Gott! Er kommt nie mehr zurück. Dann kauerte sie sich auf den Bettrand, zog sich das Hemdchen fester um die Glieder und starrte lächelnd nach der Decke. So fand sie am andern Morgen die Mutter. „Grethel," rief sie verwundert,„Grethel, steh' doch auf! Z3 schon acht Uhr." Aber Grethe antwortete nicht. „Nanu. Grethel. was is Dir denn?" fragte die der- wunderte Mutter. Grethe antwortete nicht. Da faßte Frau Thiele sie an die Schnlter. Wie vom Frost geschüttelt, schauerte das Mädchen zusammen, sah die vor ihr Stehende starr und leer an, lächelte und sagte weiner- sich:..N— a?" „Aber Grethel, mein Kind, ist Dir was? Kennste mich denn nich?... Grethel!" rief sie verzweifelt,„Grethel!" „Na— a?" sagte das Mädchen nochmals; und das klang wie das Klagen eines Kindes. Und dabei verzog sie das fuße Gesichtchen zu einem schmerzhaften Lächeln. Die Mutter rang die Hände und lief jammernd hinaus. „Feugleer!" schrie sie,„Vater! O Gott, o Gott, o Gott! Vater hol' mal schnell den Doktor, mit Gretheln is nich richtig!" Nun stürzten sie alle drei in Grethe's Zimmer. Sie saß noch immer auf dem Bettrand und stierte nach der Decke. Fengler raufte sich die Haare, kniete dann vor ihr nieder, und faßte ihre herunterhängende Hand. Wieder ftlhr sie zusammen, riß sich los, lächelte darauf und wiederholte ihr: „Na— a?" Dicke, große Thränen rollten über das Gesicht des Meisters. Schnell setzte er sich die Mütze auf und ging zum Arzt. Fengler aber lief jammernd im Zimmer umher, weinte, was er weinen konnte, und klagte mit seinem beweglichsten Pathos in Zitaten aus allen Klassikern. Dann blieb er vor Frau Thiele stehen, warf sich vor ihr nieder und rief:„O. Frau Thiele, ich bin der elendeste Mensch unter der Sonne!" ..Ja. das sind Sic. Fengleer," sagte sie überzeugt.„Aber nu stehen Sie man auf. Und wenn Sie sich die Knien wund rutschen und jammern, wie Jeremias— unjeschehen können Sie's doch nich mehr machen." Fengler stand auf. zog das Taschentuch aus der Rocktasche und— stäubte sich das Beinkleid ab. Der Arzt kam. Er untersuchte das Mädchen und schüttelte den Kopf. Auch ihm antwortete sie nicht, und wenn er sie berührte, da sagte sie nur immer wieder:„Na— a?" Er winkte den Vater ins Nebenzimmer und sprach mit ernster Theilnahme von einer Geistesumnachtung infolge hoch- gradiger Nervenüberreizung. Ob Heilung möglich, könne er heute noch nicht beurtheilen, doch sei der Fall nicht hofsnungs- los. Das Beste wäre Ueberführung in eine Anstalt. Der Meister streckte abwehrend die Hände aus.„Mein Kind sin'ne Anstalt I Nie! Nie I Mein Kind bleibt bei mir, das jeb' ich nich fort." Achselzuckcnd verschrieb der Arzt ein Rezept. Dann empfahl er sich. Der Vater warf sich stöhnend auf einen Ssichl und brütete vor sich hin. Seine Frau kam weinend in die Stilbe. Sie hatte gehorcht. „An allem is der Fengleer schuld l" jammerte sie. Der Alte fuhr auf. „Fengleer? Wieso?" „Na haste denn nichts gemerkt? Du siehst und hörst aber auch rein garnichts. Er hat doch das Verhältniß mit der Schauspielerin, und das hat sich Grethel so zu Herzen genommen, und sie hat sich jegrämt und das is ihr nu zu Kopf jestiegen. Ich Hab' das jleich jemerkt. Du weißt, ich bin'n verdammt schlaues Weib." „Ne dumme Gans bist Du!" schrie er.„Warum sagste mir das jetzt erst, wo's zu spät is. Warum haste mir das nich schon längst erzählt! Du.. Du!".. Mit geballter Faust ging er auf sie los. Sie resirirte. Da kam der Lehrbursche. Es seien Kunden im Laden. Der Meister möchte runterkommen. „Frau, jeh' Du runter." bestimmte er.„Aber vorher schick' mir Fenglern." Verstört kam dieser ins Zimmer« „Sie wünschen, Herr Thiele?" Dieser antwortete ihm nicht, sondem sah ihn nur groß an. „Sie haben mich rufen lassen. Herr Thiele?" „Schuft l Lump I Kanaille!..." Der kräfsige Mann zitterte vor Wuth am ganzen Leibe. Er stürzte sich auf den Fassungslosen, packte ihn an der Kehle und preßte seine harten, schwieligen Hände wie eiserne Klammern um seinen Hals. Fengler schnappte nach Luft und fuchtelte hilflos mit den Händen umher und stöhnte abgebrochen:„Herr.. Thiele.. Gnade.. Hilfe.. l Jesus l".. Immer fester umspannten ihn die erbarmungslosen Hände. Die Sinne schwanden ihm schon. „Mörder..! Sie morden.. mich. röchelte er noch. „Mörder I".. Die Klammer löste sich. „Mörder." sprach Thiele leise nach.„Mörder, nee, Mörder darf ich nich werden. Dann würden ja meine Grethe und nieine Frau verhungern müssen. Geh'n Sie, Fengleer! Geh'n Sc jleich und lassen Sie sich nie mehr sehen l Geh'n Se... mir flimmert's roth vor die Augen." Fengler versuchte zu gehen, aber seine Kniee wankten, er konnte nicht. Er legte die Hand lindernd auf die schmerzenden Striemen am Hals. „Fengleer— raus! Oder bei Gott"... Er ging wieder auf ihn zu, die Augen blutunterlaufen. Fengler nahm alle Kräfte zusammen, taumelte auf die Thür zu und entfloh. Thiele setzte sich und schlug in ohnmächsiger Raserei mit der Hand ununterbrochen auf die Tischplatte, daß die Haut aufplatzte und das rothc Blut hervorrieselte. Er achtete nicht darauf und brütete vor sich hin. Da steckte der Lehrling den Kopf durch die Thürspalte. Die Frau Meisterin könnte mit den Kunden nicht fertig werden. „Is jut, Fritz, ich komme selbst." Der Bursche ging. Thiele wickelte sich sein geblümtes Taschensilch um die schmerzende, blutende Hand und ging hinunter in den Laden.-- Das Oflevei. Eine kulturgeschichtliche Skizze. Nur wenige alte Volksbräuche sind von unserem modernen Leben so allgemein bewahrt worden, wie die österliche Eierspende. Für Jung und Alt ist das Osterei ein Gegenstand wechselseitiger lieber- raschung und mannigfachen Vergnügens geblieben. Alles freut sich der bunten, vielgestaltigen Eifiguren, die alljährlich in immer neuen Variationen die Confitüreulädcn füllen. Freilich lasten diese Kunstwerke die Herkunft der Sitte kaum noch ahnen. Man mutz schon in ländliche Gegenden gehen, um mehr von ihr zu hören. Da werden am Ostcrmorgen wirkliche Eier, geschmückt oder gefärbt, im Garten versteckt und dann unter großem Jubel von den Kindern gesucht. DaS ist die ältere Form des Brauches. Die Stadt hat au stelle des Naturproduktes Imitationen aus Zuckerwcrk gesetzt, und wo sich das Verstecken erhielt, mutzte man in der Ermangelung eines Gartens mit Winkeln im Zimmer fürlicb nehmen. Woher stammt aber der Brauch überhaupt, und welchen Sinn hat er? Das wird uns nicht zweifelhaft bleiben, wenn wir ihn, gestützt auf Julius Lippert's Forschungen, im Zusammenhang mit einigen anderen Ostcrsitten betrachten. Charakteristisch ist zunächst, waS im Böhmerwald geübt wird. Dort ist jedes Mädchen verpflichtet, dem Geliebte» ein »Anbei mit Eßlvanren und Wäschestücken zu schenken. Noch- wendig sind: ein Osterlaib, Eier, ein Hemd, ein Hals- und ein Sack- tuch. Dafür muh dann der Bursche das Mädchen im Wirthshaus freihalten. Noch häufiger findet zur Osterzeit ein regelrechtes Gabensammeln statt. Mau kennt derartige Bräuche soivohl in Böhmen, wie in ganz Deutschland. Eier, Brot und Honig- kuchen bilden dabei die Hauptsache. Das Sammeln selbst geschieht in der Regel auf zweierlei Weise. Bald erschmeichelt mau die Gaben durch Bitten und Gesänge, bald erzwingt mau sie mit der Ruche in der Hand und durch nächtlichen Angriff. In Böbmen überfallen die Knaben in aller Frühe mit geflochtenen Weiden- reisern die schlafenden Mädchen, peitschen sie scherzhaft aus dem Bette und erpressen sich ihre Gaben. Das sächsische Erzgebirge kennt als «ngriffsmittel Nadelholzzweige. die„Fiten" genannt werden. während in Norddeutschland Birkenrnthen im Gebrauche sind. Etwas gemildert findet sich dieses Verfahren auch in Schlesien. In deutschen Gegenden wird der Brauch„Schmackoftergehen" oder„Osterpeitschen" genannt. Hervorstechend an dem Ganzen bleibt imnier, basj die Frauen und Mädchen die Geschenke gebe», während die Männer und Knaben sie erfordern. Wenn es sich auch bei alledem heute fast mir um Kinderspiele handelt, so liegt der Sache doch mehr zu Grunde. Was die Jugend im Spiele treibt, ist oft nichts anderes als eine Nachahmung des Thuns der Alten; in Kinderspielen lebt gar häufig ein Stück Wer- gangenheit fort. Wie sah es aber in dieser Jahreszeit bei unseren Vorfahren aus? Sie standen im Begriff, die Winterquartiere zu verlassen. Draußen auf der Walstatt, ivohin es zunächst ging, sollte nicht nur Rath und Gericht gehalten, sondern auch geschmaust und Kurzweil getrieben werden. Da galt es. zu rüsten und vor allem die zur Schmauserei nöthigeu Eßwaaren herbeizuschaffen. Die Männer traten vor die Frauen, um' zu fordern, was diese in den Vorrathskammern auf- gespeichert, und wenn sich Widerstreben zeigte, so wurde wohl auch Gewalt angewendet. Dieses Einholen nun stellen die Ostetspiele der Kinder dar, und der Gebrauch der Ruthen läßt gewiß ohne Uebertreibung erkennen, in welcher Weise unsere Altvorderen ihrem Begehren Nachdruck verliehen. Auch die Art. wie ini Bvhmerwald das Mädchen den Burschen beschenkt, führt in die alte Zeit zurück. Ganz so mag einst beim Auszug aus die Sommeriveide die Frau den Man» mit de» Erzeugnissen ihres winterlichen HansfleißeS ausgestattet und mit Lebensmitteln versehen haben. Dafür konnte sie dann auf dem Maifelde an den gemeinsamen Freuden und Genüssen theilnehmen. Daß es in allen uns überlieferten Osterbrärichen vornehmlich auf die Eierspende ankommt, spiegelt nur den damaligen Stand der Lebensfürsorge wieder. Die einfache Wirthschaft konnte in der erste» Frühlingszeit außer Eier» nichts Besonderes bieten; darum mußte es gerade dieser Artikel sein, ans den sich das Einsammeln Vorzugs- weise richtete. Um de» Bedarf zu dem festlichen Schmaus decken zu können, war wochenlanges Aufspeichern nöthig. In vielen Gegenden Deutschlands wird es»och heute die Hausfrau für eine Versündigung halten, vor Ostern ein Ei wegzugeben; zur Festzeit dagegen werden die Eier haufenweise verschenkt und verbraucht. Wie' es Frauenart ist, mögen aber die weiblichen Familiengenosseu unserer Vorfahre» inmitten aller Veranstaltmigeu auch an die Zeiten nach dem Fest ge- dacht und manchen Vorrath bei Seite gebracht haben. Das ist eS offenbar, was»ms das heutige � Verstecken der Ostereier veranschaulicht, während das Suchen zeigt, wie die Männer Haus und Garten nach Eierlagern und Hühnernestern durchstöberten. Auch daS Ausschmücken der Eier weist in diese Ver- gangenheit zurück; der Zierrath entspricht ganz der hohen Werth- schätzung, deren sich der leckere Proviairtgegenstand erfreute, und außerdem»nuß berücksichtigt werden, daß eS sich sich zugleich um eine Knltgabe, um eine Spende für daS Opfermahl handelte, die zu Ehren der Geisterwelt besonderes Putzes bedurfte. Als dann das Christenthum einzog und die besondere Frühlings- frier der Alte» durch das Osterfest verdrängte, konzentrirten sich alle in diese Zeit fallenden Bräuche auf die christlichen Festtage. Schließ- lich ging, was die Großen im Ernste geübt, in die Spiele der Kinder über. So ist insbesondere der Brauch der Eicrspende auf u»S gekommen, und wenn auch die ursprünglich mit ihm verbundenen dramatischen Szenen, wie das Peitschen oder das Verstecken und Suchen bald ganz vergessen sein werden, so wird doch das bunte Osterei noch lange seineu Platz behaupten.— Heinrich Tannenberg. Kleines Feuillekon. Eine Acndcrnilg deS Kalenders t Die abnorme Witterung des vergangenen Winters hat nicht nur in Laienkreiseu die Frage entsteheir lassen, ob es denn n»it unserem Kalender ganz richtig steht. Freilich, wäre weiter nichts vorhanden, als die eine Thatsache, daß wir im Dezeniber außerordentlich mildes Wetter, im März dagegen bis zum 27. strenge Winterkälte hatten, so würde das eben als ei» Aus- nahinefall zu betrachten sein, den man auf sich beruhen lassei» müßte. Dieser Ausnahmefall ist aber, wie man sich erinnern wird, seit einer Reihe von Jahren bereits die Regel, und auch sonstige sogenannte Lbnonnitäteu sind beim Wetter an der Tagesordnung; beispielsweise verregnen die Juliferien regelmäßig, während ebenso regelmäßig in der Schulzeit des August die vorher fällige Jnlihitze eintritt. Durch solche und ähnliche Thaffachen, die in Amerika in gleicher Weise beobachtet wurden, sind namhafte Meteorologen bereits vor drei Jahren dazu veranlaßt»vorden, die Vermnthnng auszusprechen, daß bei der Ordnung des Kalenders von den Astronomen ein schwerer Jrrthum begangen sein müsse. Die Astrononien freilich wollten von einer derartigen Thatsache nichts wissen und wiesen alle dahin zielenden Andeutungeil mit Entrüstung und großem tvissenschaftlichen Dünkel zurück. Nun sind aber vor Kurzem zuerst auf der Sternwarte in Buffalo zwei folgenschwere Thatsachen bemerkt worden, die auch auf einer Reihe anderer und großer Sternwarten durchaus bestätigt sind; ans denselben geht hervor, daß den Astronomen zwei sehr»vesent- liche Momente bei der Orientinmg am Himmel bisher entgangen sind, Momente, die unfehlbar von regulirendem Einfluß auf die Bestim- mung der jährlichen Daten sein müsse»». Das erste liegt in der seit Jahren bekannten Bewegung der Erdaxe. Die Erdaxe ist die Richtung der unveränderlichen Weltaxe, welche das Himmelsgewölbe im feststehenden Himmelspol schneidet. Auf ihn beziehen sich alle Ortsangaben am Himmel. Ist dieser Punkt kein feststehender, sondern belvegt er sich in regelmäßiger Weise, so ändern sich auch alle Ortsangaben; hat sich z. B. der Pol um einen Grad am Himmel verschoben, so»st dadurch auch die Mittagshöhe der Sonne um einen Grad geändert. Bisher ist man stets der Meinung gewesen, daß diese Aenderungen der DrehungS- axe unserer Erde so gering seien, daß man nicht sonderlich auf'ste achten braucht; es ist aber jetzt»mzweifelhaft festgestellt, daß die Poländenmg jährlich beinahe eine halbe Mmnts ausmacht, eine Größe, die sich im Verlaufe der Jahre schon zu einer stattlichen Höhe addirt hat. Der zweite Umstand betrifft die Bewegimg des Polarsternes, den man stets bemitzt hat, un, in bequemer Weise tzen Himmelspol zu finden. Auch hier Ivußte man zwar seit lange, daß eine Bewegung erfolgt; doch ist sie erst jetzt in ihrer ganzen Größe von V« Minuten jährlich erkannt»vorden. Kaum waren diese bedentsamen Entdeckungen gemacht, als die Astronomen mich sofort daran gingen, alle Feststellu»igeu auf den wirklichen Himmelspol, der zwischen den» bisherigen Polarsten» und dem bekannten Sterl»bilde Cassiopeja liegt, zu beziehen. Hierauf be- zogen, steht die Sonne durchaus noch nicht so hoch, als man glaubte� »vir sind dem wirklichen Datum vielmehr»im volle 28 Tage voraus. so daß»»»an morgen eigentlich noch nicht den 1. April, sondern erst den 4. März zu schreiben hätte. Kanin»var die Thatsache festgelegt, als die NeichSregiernng auch dem Biludesrathe einen Gesetzentwurf vorlegte, durch»velchen die nothlvendige Aenderuug beschlossen»Verden sollte. Hiergegen erhob aber der Fiuauzminister Miquel energische» Einspruch; er be- tonte, daß er sich genöthigt sehen würde,' sämmtlichen Beamten Ge- haltSzuschüsse von vier Wochen zu bewilligen, ohne daß doch ent- sprechende Einnahmen vorhaiiden wären; denn die Steuern ließen sich doch nicht ohne»veitercs entsprechend erhöhe»». Wie wir hören, hat mai» sich schließlich dahin geeinigt, die Regnlirnng in einem Zeitraum von 14 Jahren vorzunehmen, indem n»an alljährlich eine Verbesserung von zwei Tagen eintreten läßt. Morgen tritt die Kalender-Kommission des Bundesrathes zusamnien,»»m den» Gesetzentwurf die eudgiltige Fassung zu geben, in»velcher er dem Reichstage»inuiittclbar nach feinem' Wiederzusammeirtretei« vorgelegt »Verden soll. Wir müssen erklären, daß wir diese Eile nicht begreifen; wir »vünschen vielmehr, daß der Reichstag vorläufig keine Aeuderung des Kalenders gutheißt, souden» die Regierung ermächtigt, diese wichtige Angelegenheit auf inteniationalem Wege zu regeln. Den Bericht der z»> ernennende»» mternationalen' Knleuderänderungs- Kommission entgegenz»niehmeli, ist auch am 1. April des kommenden JahreL noch Zeil gentig.— Theater. ■r. Das Schillertheater fährt unentwegt fort, dem Philisterlh»»»» zweiten Grades die zuckerige Kost vorzusetze»», an der vor einem halben Menschenalter daS Philisterthum ersten Grades herumgeschleckert hat. Als Muster jener fade»» Saloi»stücke, die zu Anfang der achtziger Jahre das Ergötzen der vornehmthuenden Oberflächlichkeit ansnmchten, läßt sich wohl B l u n» e n t h a l' s Lustspiel„Die große Glocke" bezeichnen. Einige kleine Wahr- Heitel» kommen da»vie Kuallbonbons verpackt auf den Tisch aus einer A trappe holt der Dichter- Zuckerbäcker ein Rohrstöckletn hervor, mit dem er förnilich»vild zum Schlage_ auf die gesellschaftliche Lüge ausholt. Aber sieh' da, der Schwerenöther lächelt schon»vieder,»uid damit das Publikum nach dem auS- gestandenen Schreck ein um so größeres Wohlgefallen habe, regalirt er es mit einer Reihe so stark überzuckerter Verlobungen, daß selbst Reiff-Reisflingen und Veilchenfresser nicht»»lehr koukurriren können. Solveit das Personal des Schiller-Theaters in der gestrigen Auf- führung Liebespaare darzustellen hatte, folgte es gclvissenhaft den Jnteutionen des Dichters»»»d überbot sich in süßlicher Sprcchlveise. Eine Figur von glaubiviirdiger Komik schuf Herr E y b e n in seinem Pantoffelhelden Konsul Girnderma»»»».— Archäologisches. c. Eine S t a t ,» e d e S JulianuS Apost ata ist, wie Michoi» in der Pariser„öoeietö des Antiquaires" nüttheilte, kürz- sich in Nntiochia gefunden lvordeiu Sie ist eine Wiederholung zweier im Louvre und im Museum von Clnnh aufbcwnhrter Stntueii, die man als Portraits dieses Kaisers ansieht, und ist ihrerseits für die Identifikation desselben sehr wichtig. Sie zeigt eine merkwürdige Uebereinstimmung mit einer Kamee, die vor einiger Zeit in den Ruinen von Antiochia gefunden wurde. Der Kaiser erscheint ini Philosophenkoftüm; daß man ihm dieses statt des gewöhnlichen kaiserlichen Kostüms gegeben hat, kann als eine Schmeichelei an die Adresse des Julianus betrachtet werden, der viel darauf gab, als kaiserlicher Philosoph zu gelten.— Kulturgeschichtliches. — Wie man bor 370 Jahren in Leipzig die »englische Schweitzsucht' kurirte. Anno 1623 hat, so erzählen die„L. N. N." nach einer alten Chronik, nach einem harten Spätwinter und einem nassen Sommer eine„neue gifftige und zuvor unerhörte Krankheit grassirct". Man nannte sie die englische Schweis;- sucht, weil sie 1480 zuerst in England entstanden sein und daselbst 40 Jahre lang grausam gcwüthct haben sollte. Die Symptome dieser Krankheit waren harter Schlaf und großer Angstschweiß. Einige kluge Leute meinten nun, weil der Kranke sich des Schlafens nicht erwehren konnte, der Schlaf sei das Schlimme, das die Genesung hindere, und wer genesen wollte, der müsse sich des Schlafes 24 Stunden enthalten. Um nun dies zu erreichen, rüttelte und schüttelte man die Armen 24 Stunden lang. Bei vielen beschleunigte diese Schiittelkur natürlich die Krankheit nur, und„sie gingen im Schlafe also dahin". Manche aber, die vielleicht garnicht so krank waren, brachten es fertig, 24 Stunden wach und am Leben zu bleiben. Dann sagten die klugen Leute:„Seht, unsere Schüttelknr hat ge- Holsen!" Nicht minder schlau fing man es an, das andere Symptom, den Angstschtveiß zu bekämpfen. Man dachte:„Bös muß Bös vcr- treiben" und„von etlichen tvard fürgcgeben, es müßte einer 24 Stunden nach einander schlvihcn und nnttlerweile keine Luft von sich gehen lassen". Sobald sich nun jemand ein wenig über Schweiß beklagte, fielen sogleich die übrigen Haus- betvohner über ihn her, brachten ihn eilends ins Bett und legtcil einen Haufen Federkissen, Pelze und was sonst vorhanden war, auf ihn. Damit aber der Kranke die Betten und andere Dinge nicht von sich werfen könnte, legten sich bisweilen mehrere Leute oben darüber und beschwerten ihn dermaßen, daß er weder Arm noch Bein regen konnte. Dazu wurde, obwohl Sommer- ?eit>var, warm eingeheizt, und alle Fenster und Thürcn aufs sorg- ältigste zugehalten, daß ja kein Lüstlcin zum Pattenten kommen konnte.„Dieweil nun", so berichtet der Schreiber jener Orts- gesckichte Iveiter,„mancher unaussprechliche innerliche Hitze hatte, da- her Hertz und Glieder hinfällig worden und noch darzu von außen mit Wärme und Schweiß geängstigt ward, war es nicht wohl möglich, alles miteinander ivohl auszustchn, und mußten also die Men- scheu sterben und vor Hitze verschmachten."— Volkskunde. — In den wendischen Dörfern werden, wie der„Vosi. Zeitung" geschrieben wird, noch mancherlei alte Sitten während der Osterzeit ausgeübt. Namentlich hält die er- Wachsens Jugend noch vielfach an dem Passionssingcn fest. An jedem Sonnabend Abend werden auf dem Dorfplatz von den Spinnstuben- Mädchen geistliche Lieder gesungen. Ein Mädchen, das gut singen kann, die Kantora, stimmt das Lied an. In der Osternacht ziehen die Mädchen singend die Dorfstraße entlailg und singen vor jedem Hause eine Strophe des Liedes:„Jesus, meine Zuversicht", bis kurz vor Sonnenaufgang. Danach begeben sie sich»ach Hause und holen einen Wasserkrug, um mit diesem vom Dorfbache das gesundheitbnngcnde Osterwasier heimzutragen. Bei dem Osterwasserschöpfen darf kein Wort gesprochen werden. Das Mädchen, dem es gelingt, die in der Mitte des BachcS sich hinziehende sogenannte Wässerschnur in ihren Krug zu bekommen, soll im Laufe des Jahres besonders vom Glücke begünstigt werden. Bei diesem Geschäft werden die Dorfschöncn oft von den Burschen mit einer Wasserspritze bespritzt, denn das Osterwasier soll die Eigenschaft haben, gesund zu erhalten. Trotz de? nassen Strahles dürfen die Mädchen nicht einmal schreien, da sonst daS heilige Wasser seine Kraft verliert. Auch das Vieh im Stalle muß nnt Osterwasier bespritzt werden, damit eS vor Krankheit verschont bleibe. Man behauptet, daß die Sonne beim Aufgange am Ostermorgen vor Freuden drei Sprünge ausführe. Für die Jugend ist das Osterfest ein froheres als das Wcihnachtsfest, da jedes Kind zu Ostern neu eingekleidet wird. Am zweiten Feiertag gehen dann die fein- und buntgeputzten Kinder ihre Pathcn besuchen, um ihre Öfter- geschcnke, die oft recht ansehnlich sind, zu holen. Wer vielmals Pathe öder Taufzeuge war, hat viele Gaben auszuthcilen. Auch viele Ostereier, doch nicht vom Osterhasen, den man hier garnicht kennt, gebrachte Marzipan-, sondern hartgekochte und buntgefürbtc Hühner- eier werden zu Ostern an die Pathcn verthcilt. Mit diesen wird lustig unl Pfenmgc gewaleit. ES wird eine allmälig sich vertiefende Grube mit mehreren Kammern in sandiges Erdreich gegrabe» nnd die Eier in diese gerollt. Wer daS Ei eines Mitspielenden trifft, erhält von diesem einen Pfennig ausgezahlt.— Technisches. — D i e Industrie des CarbornndumS. Der Er- p nder. des gus Kiesel und Kohlenstoff bestehenden, durch beinahe Diamanthärte ansgezeichnetcn Carborunds hat kürzlich über den Stand der darauf gegründeten Industrie berichtet. Wie die „Technische Rundschau" der„Ehem. Industrie" entmmmt, hat im verflossenen Jahre die Benutzung des Carborundums als Ersatz für Schmirgel Fortschritte gemacht und das Carborund sich überall mit Erfolg einführen lassen, mit Ausnahme der Kleinindustrie, Ivo die Praxis mittels Leim gebundenen Schmirgel vorzieht. Die Schwierigkeiten, welche sich hier der Ein- fühnmg von Carborund entgegenstellten, liegen in der außerordent- lichcn Schärfe und Härte der Einzeltheile, infolge deren das zu be- handelnde Metall tief eingerissen wird. Zum Poliren von Granit soll sich das Carborundum in den Granitwcrkcn in Abadin(Schott- land) vorzüglich bewährt haben: der Bedarf dieser Werke betrug am Ende des Berichtsjahres 2,5 Tons monatlich. Auch sind in der Biiidungs- und Formnngsmcthodc für Carborundrädcr erhebliche Fort- schritte gemacht: die als Bindemittel dienende Porzcllanmasie ist er- heblich vermindert und zum Theil durch Eisen ersetzt worden, welches mit dem Porzellan verglast, gleichzeitig aber auch die Oberfläche der Carborundpartikclchen chemisch angreift, so daß mit möglichst wenig Bindestoff ganz besonders feste und schncidfähige Scheiben entstehen. Auch mit der Herstellung von Carbonindpapier und Leinwand hat man begonnen. Die Verwendung des nichtkrhstallinischen amorphen Carborunds als feuerfestes Auskleidungsnmterial für Oefen, fener- feste Steine, Tiegel und dergleichen hat sehr gute Erfolge gezeittgt, und es ist daraus mit Sicherheit zu schließen, daß derselbe unter Umständen eine wichttge Rolle in der Ofcnindnstrie und Metallurgie spielen kann: im Gegensatz zu dem krystallinischen Carborundum ist das amorphe nicht löslich und angreifbar durch geschmolzenes Eisen. Der Preis für körniges Carborundum beträgt 10—12 Cents: derjenige für pulverförmigcs 8 Cents; die Produktion betrug 1893— 759 Tons gegen 621 Tons im Vorjahre.— Humoristisches. — Eine gute Mutter. Elsa:„Wer war denn die schöne Dame, die mir eben ein llüßchen gab?" Bonne:„Aber Liebling, das war doch Deine Mama I"— — Drohung. Mama(ans der Straße zu ihrem Töchtcrchen, der eben ein Zahn gezogen wurde):„Jeanne, wenn Du nicht zu weinen mlfhörst, werd' ich Dich nie mehr zum Zahnarzt führen!"— („Jugend".) — Der angestrengte Doktor.„Junger Mann, werden Sie nur kein Arzt! Gestern habe ich bis ein Uhr Nachts allein Rechnungen für meine Patienten geschrieben.— Notizen. — S 6 v e ri n beginnt am Sonnabend einen Zyklus von Pantomimen im Metropol-Theater, nachdem er sich am Donnerstag in einer Matinee einem geladenen Publikum vor- gestellt hat.— — Die eben zu Ende gegangene Saison imNew-Dorker „Metropolitan Opera House" war pekuniär außerordentlich erfolgreich. Der Impresario Grau hatte einen Gewinn von 100 000 Dollars; Jean de Reczkc erhielt 64 000, Marcella S e m b r i ch 28 000. Lilli L e h in a n n 26 000, Md. N o r d i c a 25 000 und Van Dyk 23 000 Dollars. Vier Zehntel der 117 Vorstellungen bildeten Werke Richard W a g n e r' s.— — Ein Denkmal für den verstorbenen französischen Maler Puvis de ChavanneS ist dem Bildhauer R o d i n zur Ans- führung übertragen worden. Die Büste ivird auf einem Sockel thronen, an den sich eine Fraucngestalt, die Muse der Malkunst. anschmiegt.— — Die K o n g o- R e g i e r n n g hat beschlossen, sich an der Pariser Weltausstellung nicht zu bcthciligen, obwohl die Vorbereitungen dazu bereits außerordentlich vorgeschritten waren. Der Beschluß ruft großes Aufschen hervor.— k. Hausbibliothekcn, die etwa 10—15 Bände stark sind, versendet jetzt die N c w- D o r k e r freie Leihbibliothek in die von den ärmeren Klassen bewohnten Häuser. Eines der Kinder aus der Familie, zu der die Bücher geschickt werden, übernimmt das Amt des Bibliothekars.— k. Die Gcsammtzahl der praktischen Nerzte in Groß- britannien beträgt nach einer Statistik, die der„Lancet" ans- stellt, 34 934. Gegen das Vorjahr bedeutet dies einen Zuwachs von nur 96, während 1897 noch ein Zuwachs von 619 zu ver- zeichnen war.— — Tausende von Zugvögeln sind im W i e n e r w a ld dem heurigen eisstarrenden Nachwinter zum Opfer gefallen.— — Die„ T i ni c s" erhalten in einer ihnen ans Wimereux von der französischen Küste mittels Marco ni-Telegraph zugehenden Meldung folgende näheren Angaben über die Bedingungen der Experimeute: Die Punkte, zwischen welchen die Experimente gemacht werden, sind South Foreland und Wimereux, zwei Meilen nördlich von Boulognc. wo ein 150 Fuß hoher Pfahl aufgepflanzt ist. Die Distanz beträgt 32 englische Meilen. Die Experimente werden mittels des Morsc-Alphabets ausgeführt.— — Der französische Afrika reisende Mizon, der Administrator der Komoren-Jnsel Mayotte. ist plötzlich g e st o r b e n.— Verantwortlicher Redakleur: Slngiijt Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von ivtax Babing in Berlin.