Anterhalwngsblatt des vorwärts Nr. 66 Sonntag, den 2. April. 1899 (Nachdruck verboten.) Der Schttldige? il Noman von Hector Malot. Erster Teil. l. Das an den Wald gelehnte und längs des Flnsses ge- bante Oissel ist eins der schönst' gelegenen Städtchen an den Ilfern der Seine, und das niedlichste Häuschen gehört dem Notar. Es hat seine Fassade nach dem Quai gerichtet, ist aber von demselben durch ein Gärtchen getrennt und hat jenseits grüner Inseln, zwischen denen sich der Fluß in mehrere Arme teilt, die Hochebene von Tourville in ihren bunten Farben vor sich, sodann aus jeder Seite die Seine, ivelche ihren majestätischen Lauf von Elbeuf bis Ronen verbreitert. Letzteres kann man zwar infolge der Rauchwolken, die über beiden Städten schweben, nicht sehen, aber doch erraten. Auf der Eisenbahnbrücke nnd ans deni Flusse herrscht eine fortwährende Bewegung; ist es kein Zug, der mit Donnerrollen vombcrsanst, so sind es leichte Segler oder Schleppdampfer, die den Fluß herauf- und hinunterfahren: das rauhe Pfeifen der Dampfer mischt sich init dem gellenderen der Lokomotive. Seit langer Zeit war jenes, durch sein Alter vermoderte Haus mit seinem bemoosten Garten, der ihm Ansehen und Farbe raubte, das düsterste des Ortes gelvesen. Jahre um Jahre nämlich wurde es vom Vater Notin bewohnt, der als Eigentümer, sowie als Notar Mann eines früheren Zeitalters mit anderem Geschmack und anderen Ideen, als die unseligen, war. Zu waS hatte dieses alte, aber solide Haus, zu was dieser in antikem Geschmack angelegte Garten mit den von Buchsbaum umsäumten Vierecken und den grüngetvordenen Steinfiguren nöthig, ausgebessert oder erneuert zu werden? Er sah es nicht ein. Was für seine Vorgänger gut gewesen, das war auch für ihn gut, und das würde auch für seinen Nachfolger gut sein. Als er sich aber endlich nach mehr denn vierzigjähriger Ausübung seiner Thätigkeit entschloß, sein An waltsburean zu verkaufen, waren sein Nachfolger und dessen junge Frau nicht der Ueberlieferung gefolgt. Dieser junge Notar, in einem kleinen Bauernhof in Caux geboren, hatte keinen anderen Unterricht genossen, als den der Elementarschule, keine andere Erziehung als die er zufällig hier und da während seiner Gehilfenzeit in Ronen anfge schnappt hatte; er zeigte mehr Verstand als feine Manieren und besaß mehr Geist als Geschmack, und er hätte sich gern, da er weder an Luxus noch an Bequemlichkeit getvöhnt war, mit dem vorgefundenen HanS begnügt. Aber seine Frau bildet einen vollständigen Gegensatz zu ihm. Sie war eine ideal angelegte Natur, während er plump war. Sie nahm seine Hand nur an, um aus dem Kloster zu kommen, denn für sie, als eine Waise, gab es kein anderes Mittel dafür, als die Heirat; aber um keinen Preis wäre sie in jenes alte Hans in Oissel eingezogen, ehe es aufgefrischt und neu möblirt worden»väre. DaS deutlich kundgegebene Verlangen eines ztnanzigjährigen Mädchens, welches 120000 Franken Mitgift besitzt und zudem die Aussicht hat, von ihrem Onkel mehr als 300000 Francs zu erben, ist für einen Mann, der seinerseits nichts zubringt. unbestreitbar. Das alte Haus wurde also vom Keller bis zum Boden neu hergerichtet, das Moos entfernt, die Steine der der Fassade frisch bekalkt, die Jalousien und Balkongitter olivcnfarbig angestrichen. Zur Zeit des guten alten Rotin und seiner Vorgänger waren die drei Räume des Erdgeschosses mehr als hinreichend. Der eine diente als Bureau für den Notar und seine Schreiber, der andere als Eßzimmer und gleichzeitig als Salon, der dritte endlich als Küche. Aber jene Einteilung war nicht mehr schicklich. Der Vater Rotin konnte wohl die Schreiber an seiner Seite arbeiten lassen, denn er hatte ihnen nichts zu verbergen. Das Amt seines Nachfolgers war»veniger einfach und forderte mehr Verschwiegenheit. Ein kleiner rechtwinkeliger Bau tvnrde also im Garten für eine Schreibstube und eine Küche errichtet, so daß man, dank diesen neuen Räumen, die ehemalige Schreibstube in ein Arbeitszimmer für den Notar, das Eßzimmer in einen Salon für Madame und die Küche in ein Speisezimmer umwandeln' konnte. Auch der Garten wurde ganz und gar verändert. Der Buchsbanm wurde herausgerissen, die Steinfiguren zer- brachen; man hatte eine kreisförmige Allee angelegt, die einen Grasplatz umschloß und am Rande, nach dem Quai zu, wurde ein mit bunten Glasscheiben versehener Pavillon er- richtet, so daß man über die Mauer weg das schöne Panorama vor Augen hatte. Endlich wurden an dem frisch gestrichenen Gittcrthor neue flammendeMessingschilderdesNotariatswapPens angehakt, nnd die in der Mauer befindlichen Holztafcln wurden mit verschiedenfarbigen Anschlagzetteln beklebt, die in allen denkbaren Lettern den Namen„Monsieur Courtehense» Notar in Oissel", wiedergaben. Dieses Häuschen mit seiner frenndlichen Fassade, seinen schön drapierten Vorhängen, seinem sammtartigen Rasenplatz konnte man nur mit dem Gedanken an Glück und Wohlstand in Verbindung bringen. Seine Bewohner konnten nur Leute sein, die ein leichtes und, wie es schien,' glückliches Leben ge- nofien. Ost härten der Notar und seine Frau, wenn sie sich Sonntags im Pavillon befanden, von den spazierengehenden Arbeitern der Umgegend diese Meinung in naiver Art aus- drücken: Mit 100 Sons täglicher Rente ließe sich's gut darin sein! Das könnte mir passen I Eines Freitags im September ging Courtehense rauchend in seinem hübschen, noch vom Nachttau glitzernden Garten spazieren nnd amüsierte sich damit, die Spinnen, welche mit ihren Fäden die Rosen- und Geraniumstöcke überzogen hatten, mittels seiner brennenden Cigarre zu tödten. Als er bei diesem Gemetzel, an dem er wirkliches Ver- gnügen zu finden schien, in die Nähe des Pavillons angelangt war, hielt er plötzlich inne: er entdeckte in dem tags vorher umgegrabenen, gehackten Erdreich frische Fuß-Abdriicke. Was war das? Da gab es nichts zu suchen: deutlich, unbestreitbar tvar das der Abdruck eines Manncsstiefels oder-Schuhes, dessen ziemlich kleiner Absatz und dünne Sohle mit großer Genanig- keit auf dem frischen Erdboden abgeforint war. Der Gärtner. welcher Donnerstag Abend an dem Blumenbeet gearbeitet hatte, trug nur Holzschuhe, jene Fnßtapfen konnten also nicht von ihm herrühren. Als er selbst sich bei einbrechender Nacht entfernt hatte, war die Schreibstube schon geschlossen ge- Wesen; andererseits tvar zu dieser frühen Morgenstunde das Gittcrthor noch nicht geöffnet worden; folglich rührte diese Fußspur weder von ihm, noch von einem seiner Schreiber. noch von einem seiner Kunden her. Also ein Fremder war während der Nacht in dem Garten gewesen I Diese Schlußfolgerimg drängte sich ihm widerspruchlos auf. In welcher Absicht war der Fremde gekommen? Eiligst lief er nach seinem Arbeitszimmer, um zu sehen, ob der Geldschrank durch Diebe gesprengt worden sei; er fand ihn unversehrt, desgleichen die schwarze Lederinappe, die er auf seinem Bureau Tags, vorher zurecht gelegt hatte, um sie nnt nach Rouen zu nehmen. Auch in der Schreibstube seiner Leute fand er alles in Ordimng. „Nicht bestohlen, ach l" Jetzt konnte er wieder aufathmen; es mußte sich ja schon finden, wie und wo man sich in den Garten eingeschlichen hatte. An den Mauern, die er untersuchte, entdeckte er nichts: keine Spur von Ersteigung; das Schloß des Thores war fest geschlossen. Da der Besucher nicht aus einem Ballon nieder- gefallen war. so mußte er durch den Pavillon gekommen sein. Aber derselbe enthüllte auch nichts: die Fenster waren im Innern fest geschlossen und da keine Fensterscheibe zerbrochen war, so konnte niemand von außen eingedrungen sein. Verwirrt suchte er um sich her: das Meublement des Pavillons bestand aus einem Schaukelstuhl, einigen Stühlen. einem 5lissendivai(. Alles schien in Ordnung zu sein; als er jedoch ganz genau hinblickte, entdeckte er Sand und Erde vor dem Divan. Wie und wann war das hereingetragen worden? Er zog die Klingelschnur. Alsbald erschien in dem Garten ein sehr häßliches Dienstmädchen von 43 bis 50 Jahren und stieg, ohne sich zu beeilen, mit ihren Litzenschuhen schleppend die Treppe zum Pavillon hinauf. „Celanie, wann haben Sie diesen Pavillon reingeinacht?" Mit unbestimmtem Lächeln frug sie: — 262— „Diesen Pavillon?" „Ja, diesen Pavillon." „Ob ich ihn reingemacht habe? Ach ja. daS habe ich gethan." „Wann?" Sie schien mit einer mehr pfiffigen als einfältigen Miene nachzudenken; als schlaue Normänuin wollte sie nicht aut- Worten, ehe sie den Zlveck der Frage kannte, um danach eine zu ihrem Besten eingerichtete Autwort zu geben. „Sie wissen Wohl, daß ich nicht zwei Tage vorübergehen lasse, ohne den Pavillon zu reinigen." „Haben Sie es gestern gethan?" „Vielleicht." „Vorgestern. „Wenn es nicht gestern war, so ist es vorgestern ge- Wesen." „An welchem dieser beiden Tage?" „Wenn Sie mich verwirren. ,so werde ich niemals darauf kommen." Er zeigte ihr den Sand auf dem Fußboden. „Da liegt Sand." „Dies ist Sand?" „Ja wohl. Es handelt sich darum, ob er schon seit gestern oder erst seit der letzten Nacht da liegt." „Diese Nacht! Wer wird ihn hereingeschleppt haben?" „Das frage ich Sie." „Sie wisien es so gut als ich." Ich werde es wissen, wenn Sie mir sagen, an welchem Tage Sie hier gereinigt haben. War es vorgestern? War es gestern, am Vormittag oder am Nachmittage?" „Am Nachmittag habe ich Wäsche gestärkt." Das war alles, was er aus ihr herauspressen konnte. ES war wenig, aber doch etwas. Da sie des Nachmittags nicht gekehrt hatte, so konnte der Sand im Laufe des Tages von ihm selbst oder von seiner Frau hereingetragen worden sein und seine Anwesenheit hatte keine Bedeutung mehr für ihn,— es schien ihm mit der Logik der Dinge und mit denk Umstände, daß die Fenster geschlossen waren, überein- zustünmen.(Fortsetzung folgt. Somriagsplandevei. Zu„weißen Ostern"'find wir mal nicht gekommen. Indessen scheinen die Festtage doch bloß„griin angestrichen." Man fröstelt dabei, wie bei den Friedens- und Osterpsalmen, die in unseren Blättern mit gewohnter, salbungsvoller Würde wiederkehren; oder wie bei den Glückwünschen, die dem Fürsten Hohenlohe aus Anlaß seines achtzigsten Geburtstages dargebracht wurden. Die alte Melodie!.Dank' dir, gewandter Greis; denn ohne dich hätte es noch schlimmer kommen können." Bei solchem Bekenntnis ist die Selbstcinschätzung wahrlich nicht groß. Sich selber traut man nicht mehr so viel Widerstandsfähigkeit zu; also weiß n>an die Gnade und den Witz eines Ministers wohl zu würdigen, der die äußersten Wagnisse der Reaktion wenigstens eindämmt. So findet der frostige Frühling nicht allzu viel Hoffnmigsfrcude in Deutschland vor, wenn man von den papiernen Lustbarkeiten in den Zeitungen absieht. Hatte doch auch die.stille Woche", die hinter uns liegt, uns sociale Lehren geschaffen, die in ihrer Weise eine sehr eindringliche Sprache sprechen. Zum nationalen Selbstgenügen haben wir noch lange keinen Gmnd; und schwere geistige Arbeit ist in lleberfüllc zu thuii, zumal m den frommen loyalen� östlichen Kreiselt. Das hat der Königsberger Prozeß sinnfällig wieder dargcthan. Als Frau Rosengart freigesprochen wurde, da haben sich in Königsberg Szenen abgespielt, die von ferne an verwandte Pariser- Stimmungen erinnern: vorausgesetzt, daß die Nachrichten eines Berliner SensattonsblatteS einigermaßen der Wahrheit entsprechen. Es fehlte nicht viel und man hätte die Freigesprochene wie eine tragische Heldin gefeiert. Neugier, die sich überall vor- drängt, das menschliche Gefühl, das sich insbesondere gegen den Bruder der angeklagten Frau, den Ankläger selber, kehren mochte, lassen manches dabei erklärlich erscheinen. Aber daß man Frau Rosengart idealisiren sollte—, daS erinnert dann allerdings an ge- wisse Auffasjungen der Pariser in ähnlichen Fällen, über die wir sonst nicht genug schmähten konnten. Es handelt sich aber wirklich nicht um Frau Rosengart allein und nicht um ein paar hundert Narren, die die Fahrt dieser Frau nach ihrem Gut zu einer Art von Triumphzug machten. ES gab in dem Königsberger Mordprozeß ganz andere Klänge, die auf eilte Wesensverschiedenheit zwischen dem Westen und dem Osten schließen lassen. Hier klafft der Sprung in Deutschland. Die ostdeutsche Herren-Willkür beleuchtet daS sociale Gemälde.greller, als selbst die Sittenverwilderung, die nur eine Folge der abschreckenden Herren- Willkür und ihrer Traditionen ist. Formen rauher, bäuerlicher Härte find im Westen wie im Osten wohl bekannt. Für Entpfindsamkeiteit und sentimentalische Regungen sind die Landbesitzer im allgemeinen nicht zu haben; innerhalb und außerhalb Deutschlands nicht. Das sind ganz alte Erfahrungen. Es gab verlogene Perioden, in denen eine über-raffinierte Gesellschaft das Baucrndasein zum schönen Schäferspiel verklärte; und wir selbst haben eine Zeit erlebt, in der jammervolle Dichter Bauernspiele voll von erlogener Naivetät verfaßten. Da hat dann eine Ucber-Kulwr, die krankhafte Sehnsucht überreizter Menschen die eigenen Sentiments in ein schöngefärbtes Idyll hineingettagen. Schwarmgeister sind die besitzenden Landleute noch weniger, als die Besitzenden der Städte. Mit zähem Egoismus sind sie an ihre Scholle gebunden. Der Genuß- trieb wird unter solchen Umständen nicht gerade nach verfeinerten Mitteln ausspähen; aber erst wenn er sich mit der Herrenwillkür in dem Maße verbindet, wie man es aus dem Königsberger Prozeß und ans dem Leben des ermordeten Gutsbesitzers Rosengart er- fahren hat, zeigt er die vollen Entartungsformen. Es giebt da einen Absoluttsmus im kleinen, der keine Grenzen mehr einhält. Es fehlt jede Kontrolle einer höheren Gemeinschaft. Wie es geistige Störtmgen giebt, bei denen es zu verwilderten Thaten kommt; der Thäter aber schämt sich ihrer nicht, weil ihm das Gefühl der eigenen Verantwort- lichkeit fehlt: so war ein charakteristisches Zeichen der Entartung auch im Hause Rofengarts gegeben: Die Ungeniertheit bei aller Ver- wildentng. Nicht einmal die Mühe nimmt man sich mehr, zu heucheln. Die Heuchelei wäre dann das Kompliment, daß man vor der Oeffentlichkeit macht. Aber das hat der ostdeutsche Landhcrr nicht nötig. Sein niaßloser Egoisnius, scinHerrenbeivußtsein fragt nichts nach einer öffentlichen Kontrolle. Wenn Herr Rosengart bewußtlos im Rinnsal aufgesimden ivorden wäre, er hätte doch beim Erwachen keinen moralischen Katzenjanimer empfunden. Er hätte nicht das Gefühl besessen, sich vor seinen Leuten entwürdigt zu haben. In Leuten seines Schlags steckt allerlei von dem egoistischen Dünkel, den die Anekdote von der Baronin und dem Kellner verrät. Bor dem Kellner kann die Baronin auf jede weibliche Scham verzichten, denn„ein Kellner ist kein Mann". Die Rosengarks int Osteu genieren sich nicht. Ihre Hcrreit- Willkür stieße im Westen auf ein höheres Wertbewußtsein der eigenen Leute selber. Das bewahrt vor der Schrankenlostgkeit, vor der wüstesten Entarnmg. Int allgemeinen wenigstens. Herr Rosengart genierte sich durchaus nicht. Wozu auch? Waren denn„seine Leute" Menschen gleich ihm? Koimten sie über ihn, wie über Ihresgleichen eine Kontrolle ausüben? Für ihn wog sein Landbesitz doppelt und dreifach, als Besitz in uuseren Tagen sonst schon iviegt. Wenn er sich viehisch betrank mid seine Frau mißhandelte, wer von seinen Leuten sollte dabei etwas finden? Sein Selbst- und Herrenivahn ließ derlei Frage» gar nicht auf- kommen. Im völligen Alkoholismus trieb er es manchmal schlimmer als andere seines Schlags; denn er reizte seine Arbeiter zu so verzweifelten! Haß, daß Frau Rosengart Grund zu haben glanbte, es werde einmal zu einer blutigen That kommen. Wo solche Herren- und Potentätchcn- Zustände auf dem Lande existircu wie in Ostpreußen, da wird gelviß das Selbstbelvußtsein der Landarbeiter noch nicht, wie es zu wünschen wäre, besonders empfindlich sein. Wie toll muß es bei RosengartS gekommen sein, wenn verzweifelte Ausbrüche befürchtet werden mußten? Diese innere Verwilderung von Herrenwillkür ist bezeichnender, als selbst die Vorgänge auf dem sextielleu Gebiet in der Familie des Landbesitzers. Au das Ammenmärchen von der ländlichen Ein- falt und paradiesischen Schuldlosigkeit hat ja ein ernsthafter Mensch niemals geglaubt, lieber das großstädtische Sodom loszuziehen, ist ja die berufsmäßige Pflicht gelvisscr Sitteneiferer deS Ostens. Man könnte über sie lachen, müßte man sich nicht gegen sie wehren und hätten sie im heutigen Deutschland den Machteinfluß nicht, den sie in Wirklichkeit haben. Der ostelbische stickige Geist, der ostelbische rücksichtslose Herren- egoiSmus wird dem gesamten Deutschland noch Mühen und Kämpfe genug auferlegen. Bei dein Gedanken au ihn betotumt man das Frösteln. Zur HoffnungSseligkcit läuten die Osterglocken diesmal nicht ein. Arbett über Arbeit im Jimern wird zu schaffen sein, Ivill inan das stumpfe llnbehagen überwinden, das gegenwärtig die Situation— und nicht nur bei uns in Deutschland— charattcrisiert. Keine allzu tiefe Erregimg, kein Lust-, kein Unlustgefiihl von beträchtlicher Reizhöhe. Roch immer ist die Stadt Berlin die wartende� Bittstellerin, und Herr Kirschner ist noch immer nicht wohlbestallter Oberbürgermeister. Man fügt sich und erttägt es, wie man ein Neines chronisches Leiden erträgt. Noch immer zanken sich Scharf- macher und Berhütcr um das geplante Zuchthausgesctz, das nun dennoch als Ostergabe dem Reichstage bescheert werden soll, wenn er in der kommenden Woche wieder zusammentritt.— Der Reichspalast hat nun keinen Baumeister mehr, aber immer noch keine Inschrift, um die man sich seinerzeit so ereiferte. Und anderswo geht es ähnlich mit den chronischen Leiden. In Oesterreich hat der lächelnde heitere Graf Thun noch inuner ohne Parlament„fortgewurstelt" und noch immer den Sprachenstteit nicht gelöst. IJetzt zu Ostern will sogar die hohe Geistlichkeit über das große chronische Leiden berathen. Eine Bischofs- konferenz wird sich mit dem neuesten Schlagwort.LoS n �..-di. von Rom" boschäftM». Die deutschen Nationalisten agitieren nämlich unter dem Schlachtruf:.Los von Rom I" für den Ilebertritt deutschnationaler Katholiken zum Protestantismus. Mit echt öfter- reichischcr Hofsnungsduselei glauben die guten Leutchen, mit ihrem Geschrei und mit ein paar Dutzend von Uebertritten gewallige Heldenthaten verrichtet zu haben. Welches naive Unterschätzen einer alten, großen Organisation. und welche Schwärmerei. harte, n a ti o n a l- w i rt s ch a f tli ch e Kämpfe mit religiösen Demonstrationen und kulturkämpferischen Neigungen Wider die katholische, vielfach gewiß slavisierende Geistlichkeit lösen zu wollen! In Frankreich ist der DrehfuS-Haiidel mit seiner weiten Per- spektive, dem echt modernen Kampf zwischen dem Bürgertum und dem Militarismus, zur chronischen Plage geivorden; und in Italien, wo sollte man anfangen und wo aufhören, die chronischeil Röte auf- zuzählen? Aber die winterlichen Rückstände im waffcnstarrenden Europa müssen doch überden werden. Trotz allem,>vas zu thun übrig bleibt, trotz aller augenblicklichen Verdrossenheit, die heißen, be- lebenden Frühlingsahnungen lassen sich nicht unterkriege». Sie find das Schöpferische. Sie durchbrechen den Stillstand.— Alpha. Kleines Feuilleton. gk. Berliner OsterfriertagS- Vcrgniigeu vor 50 Jahren. Die Zahl der Vergnügungen, die dem Berliner zu Gebote stehen, hat in dem letzten halben Jahrhundert eine gewaltige Vermehrung erfahren. Das zeigt am besten eine Zusammenstellung der Ver- gnngungsorte, die mau in den Ofterfeiertagen von 1848 in Berlin besuchen konnte. Zu den fcineren Vergnügungen gehörten, wie der .Bär" erzählt, das Konzert bei Kroll, Anfang 4 Uhr, Entree ö Silber- groschen: DaWs d'höte, das Couvert 15 Sgr., im Hofjäqer.großes" Militärkonzert, Entree 1 Sgr.! Konzert von Josef Äungl in .Somnicr's Salon", Entree 5 Sgr., Loge 10 Sgr. Weniger fein war eine Reihe von Konzerten, die für 1'/» Sgr. von 5— 10 Uhr dauerten, bei denen man auch an einer Blumen- Verlosung teilnehmen konnte, oder die sich bescheiden nur als.Tronipetemnnstk" ankündigten, oder Bälle, auf denen um 12 Uhr große Polonaise durch den Gallen stattfand; in ivieder anderen war EMrce nach Belieben zu zahlen, oder Bicre und Speisen wurden durch.fahrende Kellnerinnen" in einem Rationalkostüm verabreicht, oder die Bedienung fand durch.Feen" statt, oder eine.freundliche Dänin" iu.dortigem" Volkskostüm hatte die Aliflvartung übernommen. Von großen Sehenswürdigkeiten konnte der Berliner den.Zaubcrpalast" des Herrn Liobin aus Paris am Spittellnartt, das mechanische Museum und das anatomische Kabinet von George und Frcchor auf dem Gendarnlenmarkt sich an- sehen— in letzterem war auch die Vauconsonsch« Ente zu be- wundern— ferner die Tulpen- und Hhazinchen-Ausstcllung in der Fruchtstraße, wo er ein Blumenbouquct gratts erhielt, das'Diorama von Karl Gropius oder das.große mechanische Kunstwerk, durch LS automatische Figuren belebt", zu herabgesetzten Preisen besuchen. Wenn cS ihm Spaß machte, konnte er auch mit der.konzessionierten Omnibus- Compagnie" � die Chaussecftraße hinauffabren. Drei Theater standen zur Verfügung mit folgendem Repertoire am 1. und 2. Feiertag: Opernhaus:»Don Juan"; Schauspielhaus:.Emilia Galottt",.Götz von Vcrlichingen"; Königftädtischcs Theater:.Das bemooste Haupt" von Rodench Benedix,.Einmal hnnderttauscild Thaler" von Kalisch, eine damals ungemein beliebte Posse.— Theater. Lessing-Theater. Nach und nach wird unS die ganze litterarischc Jugend Wiens vorgeführt. Am Donnerstag führte man im Lessing-Theater das Erstlingswerk.Lumpen" von Leo Hirsch seid auf. Auch dcS Wieners Hirschfcld nahm sich, wie seines Berliner Namensvetters, gleich im Anfang eine gewisse Ammcnzärtlichkeit an. Fast will es scheinen, als fei dies ganze Jungwien eine aufgepäppelte Erscheinung. Wien ist im Knnst'leben von heute provinziell geworden. Selbst die Wiener Schau- spielerei, auf die der überhitzte Lokalpatriotismiis von Wien immer fo� sehr pochte, ist teilweise versauert. Sonst wären so gährende Erfolge, wie sie neulich Frl. Else Lehmann im .Fuhrmann Henschel' am Wiener Burgtheater erzielte, nicht recht zu verstehen. DaS provinziell gewordene Wien hat nun das Be« dürfnis,.seine Kunst-— seine Dichterschule" zu haben und sie in provinzieller Manier hochzuhalten. So schafft es sich seine gefeierten Genies, deren Künstlerkronen aber außer dein Weichbild der heimischen Stadt rasch an Glanz verlieren. Leo Hirschfeld hat für seine Erstlings- Komödie sogar einen öffeinlichen AufmuntenmgSPreiS von tausend Mark erhalten; und und doch ist seine Bohemekomödie ein Nachltreter. Aber, wie man in provinzieller Weise zu sagen Pflegt,.unsere Stadt" hat auch ihre Bohemedichter. Für Deutschland ist die Entwickclung, wonach die jungen zigeunernden Künstler sich empfindsam selbstbespiegelten, zu- nächst vorüber. Der Wiener Hirschfcld konnte in Wien mit seiner BohSmekomödie noch etwas Neues sagen. Er thut eS, wie ein be- triebsam findiger Kopf, nicht so sehr als schöpferischer Geist. Doch schon der Betriebsame, wenn er es halbwegs ernst meint, wird mit Stolz herumgereicht. Bei der Schilderung der Wiener BohÄne ist das Lächerliche im äußeren Gehaben der jungen Kunstzigeuner lebhafter heraus- gekommen, als ihr inneres Weh. Das drückt die Stärke und die Schwäche der Komödie aus. Aus der Umschreibung des äußerlichen Wesens der Kaffeehausbummler dringt sie nicht zum inneren Jammer dieser Leute vor; sie wird manchmal lustig, bleibt gefällig auch in ihren satirischen Absichten, da sie alle eindringliche Bitterkeit weich- inütig oder vielleicht vorsichtig vermeidet. DaS giebt am Ende ein geschicktes Spiel, aber keine fesselnde Kraft. Bald bekommen die von der zahlungsfähigen Moral, bald die künstlerischen .Lumpen" eins ausgewischt; aber ich ivüßte nicht zu sagen, woran der vorsichtige Autor mit seiner Seele hängt. Das ist nicht die an- gebliche Objektivität des naturalistische» Schilderers, das ist schon berechnender Absicht gleich. Der junge Herr Ritter ist der begabteste unter der wilden Kaffeehausrunde. Um ein Drama von ihm dreht sich die Komödie. Wird der revoltierende Dichter der theatralischen Konvention und den Philistern zuliebe sein Werk umstülpen oder nicht? Er hat das Zeug zur Härte nicht. Er schmilzt vor den weichen Bitten eines kleinen Mädchens. Er vcrräth seine Kunstprincipien und wird ein gemachter Manu. Er heiratet gut bürgerlich, und gegen die Mit-Lumpen von ehedem wie gegen sein kleines Mädchen wird er, wie es die inwendig Brutale» immer werden. In der Art. wie dies überlegen gleichsam und wie ein hcitereS Stück von Selbstverständlichkeit vorgettagen wird, klingt für mein Empfinden etwas arg Blasiertes unangenehm durch. Dem Publikum gefiel die Sache bis auf den Schlußalt. Sehr wirksam waren Herr Jarno als unbekümmertes Wiener Blut und Herr B o n n in der Gestalt des abtrünnigen Ritter.—& Musik. Aus der Woche. Die Anpassung an die Jahreszeiten und an ihre heidnischen Festfciern war eine der fruchtbarsten Klugheiten des zur Kirche weitergebildeten Christentums. Innerhalb des ihm entsprungenen Knnstlebens hatte namentlich die Musik Gelegenheit zu einer solchen Anpassung, und»vir merken sie auch heute im profanen Leben noch durch die Zusammendrängung geistlicher und durch das Zurücktreten»veltlicher Konzerte in der Osterzeit. JnS» besondere handelt es sich um das.Oratorium", jenen eigentümlichen Nebenziveig in der EntWickelung des DramaS, der sich insbesondere durch Haendel zu der bis heute»venig veränderten Form verteilter Erzählungen und Betrachttnigen gefestigt hat, und speeiell um die.Passion", d. h. die nntsikalffch- dichterische Darlegung von Christt Leidei»sgeschichte und ihre Berivertung z»> lyrischen Ergüssen— jenes durch einen Erzähler, den„Evangelisten", und durch beteiligte Persoi»en, dieses insbesondere durch Gesänge einer.Ge>neinde", zum Teil der mitsingenden Gemeinde des Publikums. Natürlich»var die Karwoche die passendste Zeit für solche zunächst als»virtticher Gottes- dienst aufgeführte Passionen. Wohl als der Höhepunkt dieser Musik« art gilt aiich heute, wennschon längst nicht mehr im gottesdienstlichen Rahmen, Bach's,.Passionsmusik nach dem Evan» gelisten Matthäus." Wir hatten(am 5. und 26. v.M.) einige Vorausdcnttnigcn der diesmalige» Vorführung durch die Singakademie gemacht und hörten nun ain SO. v. M. die öffenttichc Hauptprobe. JcneS subjektive Moment der lyrischen Ergüffe»var in der, anfangs zlvischcn dramatischem, epischen»»md lyrischem Hauptcharatter schivankenden Geschichte des Oratoriums und zumal der Passion am stärksten während des späteren 17. und 18. Jahrhunderts hervor- getreten. Wenn nun heute eine etwa vierstündige Passioirsmustk um nahe ein Viertel gekürzt wird. da»m kennzeichnet sich die veränderte Lage deutlich dadurch, daß vorwiegend die lyrischen Betrachtungen eigcschränll werde». So geschieht es getvöhnlich und geschah es auch diesmal bei der Matthäuspassion. Wenig»var gestrichen von der Rolle der Evangelisten, einer der höchst liegenden Tenorpartien; gegenüber einer so große»» Aufgabe verdient unter den Solisten — die so gut waren wie nicht häufig bei eine»»» Oratoriun»— Herr Carl D i« r i ch besondere Airerkennnng. Die vielleicht beste Ge- sangsleistung bot die Altistin Frau Geller-Wolter; Herr Arthur von E w e y k führte, trotz Nennung eines ztveiten Bassisten auf dem Programm, sämtliche Baßpartien und z»var ebenfalls anerkcnncnsivert durch, und auch dieiSoprauistin Frl. S t r a u ß-Kurz- »velly bot trotz cmcr nicht völligen Ausgeglichenheit und N»lhe der Stinnnc doch eine sympathische Leisttnig. Der Chor der Singakadenrie, in zivci vierstimmigen Gruppen nebeneinander aufgestellt. und daS philharmonische Orchester führten die zmn Teil höchst erregten Ensemblestücke vielleicht nicht immer mit der anderslvo zu findenden Präcifion und Frische, aber doch»nit gewalttger Wirkung durch. An diese von l/e K bis VeS Uhr dauernde Probe schloß sich von '/»S an die Probe des 10.„Symphonie-Abende S". Diese letzten zlvei von den derartig aneinander gereihten fünf Geduld- stunden mußten mn» schon einem Vertreter verbleiben; er konnte von einem ga>»z mächtigen Eindruck berichten, den ivieder Beethovens „Neunte" machte, und von einem geradezu kolossalen Beifall, der Herr»» W e i n g a r t n e r zu Teil ward. Eine andere.PassionS- Cantate" brachte ui»S wieder in der Garnisonkirche der Oratorienverein. Karl Heinrich Graun(1701— 1759) war»mter Friedrich II. der Führer des italienischen Musiklebens in Berlin. Sein„Tod Jesu"(Text von Ramler) ist trotz einer breiten Lmiglveiligkcit und Simpelheit und trotz der viele»» schon ins Komische gehenden figurenreichci» Wieder- holtMgen(»so steht der Held, so steht der Held' ,ind dies dutzend Male weiter) berühmt geblieben, sam meisten tvohl wegen der echten Gesanglichkeit der Stimmen; aber auch die Komposition lohnt gegen Ende, mit Hinzutritt von Holzbläsern zu den vorerst allein herrschen- den Streichern und durch die wunderbar innige Stelle.Weinet nicht I Es hat überwunden der Löwe vom Stamm Juda", den ausharrenden Hörer. Der Vereinschor zeigte viel guten Willen, und die hoch hinauf reichende Barytonstimme Herrn Emil Severin's ent- wickelte sich, trotz manches unklaren Volalisirens, im Verlauf seiner Batzpartie recht gut. Ein Stück Musikgeschichte wird erfreulicherweise in dem Konzert des Kirchen'Chores unter Professor W. Freudenberg entrollt, das in der„Kirche mit dem langen Namen' stattfand. Da gab es ein berühmtes achtstimmiges CrucifixuS von Antonio L otti stSLS— 1740), einem späten Vertreter der„venetianischen Schule', und von Tommaso Ludovico de Vittoria(1540— 1608), dem nahe an Palästrina stehenden Vertreter der„römischen Schule', eine seiner„Jmproperien', d. i. vorwurfsvolle Klagen aus altem katholischem Gesangsschatz; dann neueres bis herauf zu R h e i n- b e r g e r und zu Freudenberg selbst, von dem u. a. ein acht- stimmiger Chor„Selig sind die Toten' sehr eindrucksvoll wirkte, trotz einiger Unreinheit der ausführenden Stimmen.— Wer ein gutes Billet für einen Altarstuhl gekauft hatte, durste in der Hemtgstonnenenge dieser Stuhlreihen dies. Billigen' beneiden, die es sich in den Bänken so bequem machen konnten. Für all diese Mufik besteht immer die große Verschiedenheit, ob ste als ein Bestandteil kirchlichen Lebens oder als„reines' Kmist« werk aufgefaßt wird; jenes in stnherer, dieses in jetziger Zeit über- wiegend. Der erstere Fall ermöglicht eine Zufriedenheit nüt künstlerisch Minderwertigem, der letztere kaum. Der erstere kommt denl überlauten Erfolg der kirchlichen Kompositionen des jungen Priesters P e r o s i zugute, ergänzt durch bei» Umstand, daß die vatikanische Welt, seit' Jahrhunderten künstlerisch verarmt, nun- mehr etivas besitzt, woran sie sich klammern kann. Perosi hat seine Kompositionslehre gut studiert und verfügt auch über eine nicht üble freie Akkordführuug, wie man sie vor längerer Zeit noch nicht gewohnt war; Uebungsaufgaben ans der Harmonielehre und einige geschickte Orchesterstellcu kann man bei ihm jedenfalls hören. Seine „Passionsmusik':„Das Leiden Christi nach dem Evangelisten St. Markus' war bei unS bald nach der„Auferweckung des Lazarus'(vergl. Bericht vom 8. v. M.) durch den„Caecilien verein'»mter Professor Alexis Holländer zu hören und wurde am Karsteitag im Theater des Westens wiederholt. Eine so eintönige, fast von Stelle zu Stelle beliebig vertanschbare, die gewichtigsten Textesstellen gleich inatt wie alles andere behandelnde Musik dürste seit langem nicht dagewesen sein. Wie hell ward es, als dann eine Arie aus dem Mendels- sohn'schen„Elias" folgte(dessen gleichzeitige Aufführung im„popu- lären Philharmonischen"»vir leider versäumen mußten); und als gar ein Mozart kam(die„Litania"), da waren auch die Welt und— der Himmel helle wiedergekommen!— er. Physiologisches. — Einfluß einiger Genußmittel auf die Stimme. Nach„Good Health' üben gewisse Speisen oder Ge- würze auf die Stimme einen unleugbaren Einfluß aus— die Stimmen des Alkoholikers und des Rauchers sind ja bekannte Be- weise für diese Behauptung. Der Speichel bessert durch seine glättenden Wirkungen die Stimme. Essig übt dagegen einen ganz entgegengesetzten Einfluß aus. Die rauhesten Stimmen haben nach jener' Zeitschrift die Aepfelwein-Trinker unter den Männern und die Birnen« Esserinnen unter den Frauen. Dagegen können andere Sänreu wiederum einen sehr heilsamen Einfluß auf die Stimme ausüben: süße Orangen sind günstig, und nichtvergohrener Citronensaft in Wasser gelöst� ist ausgezeichnet für die Stimme. Was jedoch in allen Speisen sorgfältig vennieden werden nmß. ist der Pfeffer, aus demselben Grunde auch alle allzusehr gewürzten Tunken und reizenden Gcbäckc. Zucker führt oft zu entzündlicher Reizung des Gaumens und zur Erschlaffung der Stinimbändcr. Gezuckerte Gerichte, Sahnen, Kompotts u. f. w. müssen so viel als möglich in den Speisen von Personen vernneden werden, die ihre Sprachorgane oft und viel gebrauche» sollen.-» Ans dem Tierreiche. — Wasserbewohnende Schmetterlinge n n d Raupen. Wie zahlreiche Käfer, Wanzen, Spinnen und Milben sich dem Wasserleben angepaßt haben, so giebt es, wie die„Zeitschrift für Naturwissenschaften' berichtet, nach den Untersuchungen von H. Nebel auch eine Anzahl von Wasser-Schmetterlingen. Allerdings dürsten die flügellosen Weibchen des europäischen•Axsnt.i'Ofius niveus die einzigen Schmetterlinge sein, die im ausgebildeten Zu- stände, als Jmago, unter den» Wafferspicgcl au Pflanzen sitzend, anzutreffen sind. Dagegen giebt es eine ganze Reihe von Schmetter- lings- Raupen, die einem dauernden Aufenthalte unter Wasser sich angepaßt haben. Den einfachsten Fall dürften die Raupen der zu den Bären gehörenden neuweltlichen Gattung Paluslra rcprä- Fenttren. Diese Tiere, welche die Wasserpflanzen' schlvach fließender Gewässer bcweidcn, vennöge» außer Kriechbcwegungen auch aal- ortige Schwimmbewegunge» auSzuführeir. Zur Atmung dient Kerantwoxtljcher Redakteur: Slugust Jacobey in Bei ihnen wie der. Landraupen ein Trachcenstistem. Durch Heraus» strecken des Hinterleibes aus dem Wasser verschaffen sich die Thiere die nöthige Atemlust, indem nämlich zwischen den langen und kompliziert gebauten Haaren ein reichliches Quantum Lust haften bleibt. Bei den Hhdrokampiden und Aren- tropodiden sind die Atemöffnungen, die sogenannten Stigmata, der jugendlichen Raupen vollständig verklebt, so daß der' Gas- austausch durch die Gesamtoberfläche der Haut von statten geht. Bei den erwachsenen Tieren hingegen sind Stigmata vorhanden, und die Lustaufnahme erfolgt dann in der gleichen Weise wie bei der Palustra-Raupe; nur sind es hier eigenthiimliche Skulpturen der Haut, die zum Festhalten der Atemlust dienen. Bei der Raupe des Acentro-pm niveus jedoch fehlen solche Hautskulpturen; dafür besitzen aber die Stigmata einen Verschlußapparat, und es ist wahrscheinlich, daß diese Thiere den von ihren Weidepflanzen ausgeschiedenen Sauer- stoff zur Atmung benutzen und ihn in ihren weiten, offenbar als Lustrcservoire dienenden Tracheenröhrcu aufspeichern. Die weitestgehende Anpassung an das Leben im Wasser zeigen die Paraponyx-Raupen, die im Älter wie in der Jugend ausschließlich durch die Haut athmen. Allerdings ist hier durch eine großartige Oberflächenvermehrnilg für die Befriedigung selbst eines erheblichen Atembedürfnisses gesorgt.— Erwähnt sei noch, daß einige Schlupf- Wespen eine amphibische Lebensweise stihreu. So beobachtete Lubbock, daß die Spezies Proctotrupes, die ihre Eier in Mückenlarvcn ablegt, bis vier Stunden unter Wasser verweilen kann. Auch Agriötypus arrnatus taucht, um die Eier gewisser Phrygauiden iFrühlingsfliegen) anzubohren.—(„Prometheus.") Humoristisches. — Luftgrenze. Fremder:„Gehört dieser Grund hier schon zu dem Luftkurort Schnappwcilcr?" Bauer:„Nein der g'hört zum Nachbardorf. Die gute Luft fangt erst da drüben hinter dem Grenzstein an!"— — B e i d e r T r a u u n g. A:„Der Bräutigam sieht ein wenig ernst aus. Da lob' ich mir den Schwiegervater— was der für ein glückliches Gesicht macht l" B:„Ja— geben ist seliger als nehmen!'— — Trost. A:„... So, Ihnen ist der gestrige Abend auch nicht gut bekommen?" B:„Nicht nur mir, der ganzen Gesellschaft scheint es heute nicht recht extra zu sein I" A:„Na, das freut mich aber— ich Hab' geglaubt, es Iväre b l o s m i r schlecht I'—'(�Flieg. Bl.'> Notizen. — Lady Nandolph Churchill, die Wittlve des bor etlichen Jahren verstorbenen englischen StaatsmauueS, giebt demnächst eine neue litterarisch-politische VierteljahrSschrift, be- titelt„Dbe Anglo-Saxon", heraus.— —„The Sudan Gazette" nennt sich ein neues Vlättchen, das als Amtsblatt der unter Lord Kitchcner eingesetzten neuen R e- gierung des Sudans in Omdurman erscheint. Die erste Nummer ist, wie die„Köln. Ztg." mittheilt, vom 7. März datirt, von der Amtsdrilckerci des Sudans in Omdurnmn gedruckt, und vcr- öfsentlicht an erster Stelle die Vereinbarung zwischen der englischen und ägyptischen Regierung über die künftige Verwaltung des Sudans. Auch der Rest besteht ausschließlich aus amtlichen Schrift- stücken und Ankündigungen und einigen Zeitmigsanzcigen. Das Ganze ist auf vier Seiten in Parallelkolonnen e n g l i s ch und arabisch gedruckt.— — Als nächste Aufführung der„ H i st o r i s ch- M o d e r n e n Fe st spiele' wird in der kommenden Woche. A m p h i t r Y o n' von Heinrich von Kleist im„Neuen Theater" gegebelt. DaS Werk erscheint zum erste» Male auf einer Bühne in Berlin.— i.„La Gioconda", das neue Drama von Gabriele d'Lnnunzio, wird in der nächsten Woche zum erste» Male init Frau D u s e und Zacconi in Palermo gegeben.— — In der Delegierten-Versammlung der Genossenschaft deutscher Bühne»'-Angehöriger, die am Donnerstag in Berlin tagte, gelangte folgender Antrag zur einstimmigen Annahme: „Der der vorigen Delegierten-Versammlung vorgelegte Antrag, eine G e u o s s e n s ch a f t s-' A g e n t u r im Verein mit dem Bühnen- verein zu gründen, ist durch Austritt deS letzteren hinfällig geworden. Wir beauftragen den CcntralauSschuß, der nächsten Delegierten« Vcrsaiumluug eine erschöpfend ausgearbestete Vorlage zur Gründung einer selbständigen Geiiosscuschafts-Ägenwr zu machen."— — Die Bürgerschaft von Bremen hat eine umfassende Er- Iveiterstng des S t a d t t h e a t e r s beschlossen und die Mittel hierfür bewilligt.— — Zum Handelsschul-Kongreß in Venedig, der am 4. Mai d. I. eröffnet werden soll, sind bereits über 300 An- Meldungen eingegangen.— — Eine wissenschaftliche Expedition zur Erforschung und Vermessung der Gegend des K e u i a b e r g e s in Britisch- Ostafrika wird binnen kurzem England verlassen.— — Ein Radler-Denkmal soll in Aberdare(England) dieser Tage errichtet werden. Das ist schon die zweite Ehrung dieser Art, die einem Radler zu teil wird.—__ in. Druck und Verlag von Ntax Badtug in Berlin.