Interhaltungsblatt des Horwärts Nr. 67. Mittwoch, den 5. April. 1899 21 Dcv Schuldig*?? Nomon von Hector Malot. II. lNochdriick verboten� S» Ehe Celanie in das Haus zurückkehrte, öffnete sie das Gitterthor, denn die Stunde, wo die Schreiber eintrafen, näherte sich, und sie beschleunigte ihre Schritte, sie hatte in dieser Stellimg. wo sie für alles zu sorgen hatte: Neinigen, Küche. Wäsche. Ausbessern zc., von morgens bis abends auf den Beinen zn sein. Die Zeit war vorüber, wo unter der milden Herrschast des alten Rotin die Schreiber eine fast vollkommene Freiheit genossen, kommend und weggehend, wann sie wollten. Zuerst erschien der Kassierer Boulnois. regelmäßig der Erste, um seinen Eifer zu zeigeil. La Vaupaliöre, der oberste und Fauchon. der zweite Schreiber, die sich, zusammen am anderen Ende der Stadt im Hotel Renaissance wohnend, manchmal um einige Minuten verspäteten, obivohl sie wußten, daß ihnen dies grobe Beleidigungen seitens des Chefs ein- brachte. Herr Courtehcuse übte sein Amt auf andere Art als sein Vorgänger aus. Der alte Rotin war so wenig als möglich Notar, sonden» mehr Freund und Ratgeber seiner Kunden gewesen, von denen er nur notarielle Akte aufnehmen ließ, ivenn solche nnum- gänglich waren, und es gelang ihm selbst dann noch, eine große Anzahl derselben zu vermeiden. Wen« ihn ein Kunde in seiner Schreibstube überrumpelte, was zwar selten vorkanl, denn er verbrachte fast alle seine Zeit damit, seine prächtige Aepsel- Anpflanzungen auf den Klippen von Orival zu überwachen, so dachte er an nichts, als daran, wieder von ihm losznkomnlen.—„Sie wünschen Alexis zn sehen",— war immer sein erstes Wort, und das zweite:„Ich werde Sie Alexis anvertrauen." Und da sich Alexis seit dreißig Jahren in der Etüde befand, wo er als kleiner Junge eingetreten war. so wagte niemand zu sagen, daß man lieber mit dem Herrn selber verhandelt hätte, welcher es an jenem Tage gerade noch mehr, als an den anderen, eilig hatte, nach seiller Klippe zlt kommen. Seine Abneigung gegen schriftliche Arbeiten war so stark, daß man nach vierzigjähriger Praxis in den aufgehäuften Heften die von seiner Hand verfaßten Arbeiten zählen konnte. Er trieb cS soweit, daß er, weuu jemand sein Testament inachen lvollte, alle Mittel anwandte, um den Augenblick hinailszuschieben, wo er die Feder anzufassen hatte, denn daS Testament ist der einzige Akt, der von der Hand des Notars selbst ausgefertigt sein muß. Eines Tages erschien eine alte Frall bei dem Notar, die er auch wohl schon zwanzig Male wieder weggeschickt hatte, und erklärte, dieses Mal gehe sie nicht fort, ehe ihr Testanient aufgesetzt sei; er wurde gezivungcn, eS aufzunehmen. Acht Tage darauf war die Frau tot. Damals schlug ihni das Gewissen, er fühlte, welche Folgen anS seiner Gleichgiltigkeit entstehen könnten, und als ehrlicher Mensch entschloß er sich, nicht länger mehr Notar zu bleiben. Drei Monate später verkaufte er seine Amts- ftube an Conrtchense und widmete sich ganz seiner geliebten Obstpflanzung. Mit Jenem trat nun ein vollständiger Umschlvuiig ein: das ruhige Notariat wurde sofort in eine Geschäftsstelle verwandelt. Vater Rotin hatte jährlich trotz seines Phlegmas 18 bis 20000 Franken verdient, wodurch es ihm gelungen war, sein Bureau für 100000 Franken zu verkmifen. Aber weder das Ergebnis der Einnahmen noch die Wirksamkeit selbst befriedigte Courteheusc. In drei Jahren, so hatte er gehofft, sollten sich bei ihm die Einkünfte und somit der Wert dcS Bureaus verdoppeln, in sechs bis sieben Jahren verdreifachen; er würde dann Oissel verlassen, um in Ronen oder in Havre ein Bureau zn eriverben, um dort den eisten Rang einnehmen.„Geld verdienen" war das Wort, daS unaufhörlich auf seinen Lippen schwebte und das sich in all seinem Denken und Treiben ausdrückte. Um dieses Geld zu verdienen, war er genau das Gegen- spiel vom alteii Rotin. Jeden Sonntag ivurdcn seine Kunden zu einem feinen Mittagmahl eingeladen, wobei es zwanglos und lustig zuging. Nicht stolz, der neue Notar, lautete das erste über ihn gebildete und in der Umgegend verbreitete Urteil; daS zweite war: Nicht thcuer! Er war fo listig, seinen Kunden vorzureden, daß bei ihm die Kosten vermieden worden seien, was ivohl bis zu einem gewissen Punkte für einzelne Fälle, aber nicht für das Ganze zutraf. Dank seinen Verbindungen hatte er Klienten aus Ronen und Elbens bekonimen, aber das war ihm noch nicht genug; er engagierte einen ehemaligen Handlungsreisendcn als Kassierer, der ihni auch aus dem benachbarten Kailtonen Klmden kaperte. Auf jeden Fall ivar er gegen seine Schreiber soivie auch gegen sich selbst sehr streng und unter seiner Leitung mußte alles niit der größten Pünktlichkeit auf die Minute gehen. Sobald an jenem Morgen das Gitterthor geöffnet war, stellte er sich an dasselbe, um nach seinen Schreibern a»lszu- schauen. BoulnoiS ivar der zuerst Angekommene. Anstatt ihn wie gewöhnlich nach der Schreibstube gehen zu lassen, nahm ihn Courteheusc mit sich und auf die Fnßstapfen ans dem Erdboden hinzeigcnd, fragte er: „Was ist das?" „Das? Ich habe meine Brille nicht bei mir." „Sind Sie blind? Diese Frage zwang Boulnois zu antworten. „Das wird ein Loch sein." Und als schlauer Normanne fügte er hinzu: „Das würde mich nicht erstaunen." „Sie sehen ganz gilt, daß dies der Ausdruck einer Stiefel- oder Schuhsohle ist." „Sie nieinen? Aber wodurch ist er entstaiiden?" „Es hat sich diese Nacht jemand im Gcuckcn befiinden, ivahrscheinlich ivar es ein Dieb." BoulnoiS fragte, indem er seinen Herrn mehr niit Neil- gierde, als mit Bestürzung anblickte: „Hörten Sie Lärm?" „Etiva zwei Stunden vor Tagesanbruch wurde ich durch ein Geräusch aufgeweckt, das devl Zudrücken einer Thüre glich. Ich horchte, aber vernahm weiter nichts- Ich stand alif, zündete eine Kerze an und ging in das Zinimer meiner Frau, um sie zu fragen, ob sie etwas vernommen habe; meine Frau hatte fest geschlafen uiid hatte nichts gehört; das ist nicht erstaunlich, denn ihr bester Schlaf stellt sich erst des Morgens bei ihr ein, während ich des Abends ain festesteu schlafe." „Auf diese Art ist das Haus gilt bewacht." „Schließlich hat nicin Licht den Dieb gestört, als er cnt- weder ein Schloß aufbrechen oder einen Abdruck nehnicn wollte, um nüt falschen Schlüsseln wiederzukommen. Ich werde heute Arbeiter von Nörten hcrausschicken, damit sie das Haus niit elektrischen Drähten versehen; sollte ich selbst noch nicht zurück sein, so werden Sie ihnen alle Allswege im Erdgeschoß soivol als in der ersten Etage zeigen." Die anderen Schreiber traten jetzt in den Garten; Boulnois folgte ihnen in das Zimmer, und ohne die Zeit mit unnützem Herumschlendern zu verlieren, machte sich ein jeder an seine Arbeit. Aber fast sogleich ertönten zwei Glockeuschlägc ans dem Kabinett des Chefs, die dem zweiten Schreiber galten: „Nehmen Sie sich in acht, Fauchon," sagte der erste Schreiber,„die Haud des Herrn ist heute nervös." Ohne zu antworten, nur die Arme zum Himmel erhebend, stieg der zweite Schreiber die Stufen zum Arbcitskabinett des Notars empor. „Haben Sie die Briese geschrieben, deren Liste ich Ihnen gestern gab?" fnig Herr Courteheuse. „Ja, mein Herr." „Geben Sie mir dieselben zum Unterzeichnen." Aber vor dem Unterschreiben las er sie. „WaS ist das", frug er, auf ein P zeigend? „Ein P." „Sie schreiben präsickent mit einem kleinen P." „President, gewöhnliches Hauptivort, kleines P." «Die gewöhnlichen Hauptwörter haben nichts hierbei zu schaffen: es gicbt Aemtcr, die gewöhnlich und andere, die vor- nehm sind: Presiäent, Directeur, vornehme Funktionen, also große Buchstaben. Schreiben Sie diese Briese noch einmal." Nach dem zweiten kam der erste Schreiber und dann der Kassierer an die Reihe: Jeder bekam eine Grobheit zu hören. Endlich um neun Uhr durchschritt Herr Courteheuse mit der Mappe unter dem Arm den Garten, um sich, wie alle Freitage, nach Rouen zu begeben, wo alle Notare des Bezirks im Justiz- palaste zusammentrafen. Beim Knarren des Thores erhob Boulnois den Kopf: „Es gicbt etwas Neues: der Prinzipal hat heute Morgen auf der frisch umgegrabenen Erde beim Pavillon den Abdruck einer Männcrsohle entdeckt, und er glaubt, daß sich Diebe in den Garten geschlichen hätten; sie seien entflohen, als er beim Hören eines Geräusches eine Kerze angezündet habe." So erzählend, blickte Boulnois den ersten Schreiber La Vaupaliöre mit verschmitzter und ausgefeimter Miene an, er glaubte, in dessen Augen ein blitzartiges Aufleuchten bemerkt zu haben. ..Das ist nicht alles." fuhr er fort,..er wird aus Rouen Arbeiter schicken, die das ganze Haus Nüttels Elektricität vcr- schließbar machen." «Und wie verschließt man auf diese Weise ein Haus?" frug Fauchon,„wissen Sie es, La Vaupaliöre?" „Ich habe jene Art von Verschluß in der Umgegend von Paris gesehen: alle Thören und Fenster sind durch elektrische Drähte verbunden, die auf ein Geläute stoßen, das sich, sobald nian eine Thür oder ein Fenster öffnet, in Bewegung setzt." „Also niemand kann eintreten?" sagte Fauchon. „Noch chinausgchcn?" fügte Boulnois. La Vaupaliöre an- blickend hinzu. „Ocffnet man denn die Thören anders zum Hinausgehen, als zum Eintreten?" antwortete dieser achselzuckend. hl Jeder nahm seine Arbeit wieder auf: La Vaupaliöre sehte seine begonnene Urkunde weiter fort; Boulnois seine Ab- scndungen; Fauchon die Abschrift der Briefe an Monsieur le President, mit dem schönsten großen P-, das seine Schreib» kunst ihm zu machen gestattete. Plötzlich hob er den Kops empor: „Was �denken Sie über den Beruf eines Ingenieurs?" frug er La Vaupaliöre.„Ist dies eine höhere oder niedrigere Amtsvcrrichtung? Muß nian das Wort mit einem großen oder kleinen i schreiben?" „Wie schwätzen Sie mir da vor?" Fauchon erzählte nun von den Beleidigungen, die ihm der Prinzipal an den Kopf geworfen hatte. Plötzlich rief Boulnois, der von seinem Platze aus den Garten übersehen konnte: „Still, dort komnit der Herr Maire... mit dem großen M." Fast gleich darauf trat ein kleiner Mann nüt durch- dringendem Juquisitorcnblick und lebhaften Bewegungen in die Kauzlei ein, jedem der Herren leutselig zunickend. „Guten Tag, meine Herren!" Und den Stuhl annehmend, den La Vaupaliöre sich beeilte ihm anzubieten, erklärte er den Zweck seines Besuches. „Eine Vollmacht, um mich bei einem Falliment zu stellen, in das ich durch Uuklughcit hineingeraten bin; ich denke, eine unterzeichnete Privatvollmacht ist genügend." Aber La Vaupaliöre tvar nicht der Ansicht; die neue von Courteheuse eingeführte Regel war, auf geschickte Art alle notariellen Akte in einen höheren Tarif zu schieben. Als er dem Bürgermeister die Vorteile einer richtig notariellen Vollmacht auseinandersetzen wollte, unterbrach ihn dieser lächelnd: „Ich verstehe," sagte er. „Es ist bei uns fast wie bei Ihnen; wenn ich in Ihre Apotheke komme und 30 Gramm schwefelsaures Natron in Papier verlange, so bezahle ich 3 Sous; sobald Sie es in eine nüt Scincwaffer gefüllte Flasche schütten, kostet es L Franks." „Sehr hübsch, obgleich nicht sehr richtig; bereiten Sic meine Vollmacht vor... ssoundam aitem." „Will der Herr Bürgermeister die Güte haben, mir seine Vornamen zu nennen?" „Turlure, August- Jean- Frail?ois; aber benennen Sie mich nicht als Bürgermeister, ich bitte Sie darum. Non est hic locus; einfach mein Gewerbe: Apotheker, da ich in dieser Egeuschaft austrete; Apotheker erster Klasse, nicht wahr? Selbstverständlich werden Sic alle meine Ehrentitel auf- zählen: vküoier äs I'Iustr-uetiou xubligus, Chevalier du Merite agricole." Dieses sagend, zeigte er das Knopfloch seines Jacketts, in welchem eine grün nnt veilchenblau vermischte Rosette zu sehen war. Er fiigte noch einiges über die Angelegenheit hinzu, für welche die Vollmacht geliefert werden sollte, und nach voll- zogener Verlesung konnte er sein Schriftstück unterzeichnen. „Ich meine, der Herr ist nicht hier?" sagte er, als er im Begriffe war, fortzugehen. „Er ist nach Rouen gefahren." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Dei den Harmlosen. Eigentlich unterscheidet sie sich äußerlich von keiner anderen Stadt, wenigstens von keiner vlämifchen. Sie steht ebenso Nip-van- Winklig ans wie ihre Nachbarstndte, und ist gerade so nett und sauber wie sie alle. Sie besteht eigentlich nur ans einer einzigen Straße. Schmucke. kleine, weiße Hänser, jedes mit einem eigenen Vorgarten, alle im Sonuner mit Tulpen und Rosen geziert, umsäumen die Straße zu beiden Seiten. Offenbar gehören die Bewohner der Stadt alle der wohlhabenden Klasse an. denn nian sieht nirgends, aber auch nirgends auch nur eine Spur von Armut; ja. nian kann durch die ganze Stadt nicht allein, sondern meilenweit, durch die ganze Gegend streifen, ohne auf einen Bettler zu stoßen. Aber zu arbeiten scheinen doch alle. Und schwer zu arbeiten. Nicht nnr die Großen,»ein, auch die Kinder, nicht nur die Männcr, neiii, auch die Frauen, in dieser sonderbaren Stadt. Aber richtig, ich habe ja vergessen, die Stadt zu nennen, die ich meine. Gheel nllo heißt sie. Im VolkSnmude aber nennt man sie nur„die Stadt der Wahnsinnigen." In früheren, längst vergangenen Zeiten scheint Gheek eine Art von Lourdcs gewesen zu sein. Eine gewisse Dyinpna liegt da be- graben, eine Heilige, derm Schutze' besonders die Schwachen im Geiste empfohlen waren. Es war daher von Alters her in den ganzen Niederlanden Sitte, daß Personen, die in ihrer Familie irgend einen Wahnsunngcn oder Blödfinnigen hatten, diesen mit zum Grabe der Heiligen nahmen, und dort um seine Beffcrung flehten. Wenn nun die Tradition recht hat, soll die Heilige auch viele Wunder ge- wirkt haben; und ganz märchenhafte Dinge werden davon erzählt, wie Leute, die ihren Verstand verloren hatten, diese» dort wieder fanden. Freilich ereigneten sich auch zu jener Zeit die Wunder nicht alle Tage, und manch einer der Narren, die nach Gheel kamen, mußte Monate und Jahre Ivartcn, ehe er Heilung fand, ja, maiiche fanden sie überhaupt nicht. Und so lange sie warten mußten, so lange mußten sie auch beaufsichtigt werde». Anfangs wurden die„Un- schuldigen", wie die Schützlinge der heiligen Dhmpna genannt wurden, in kleinen Hütten oder Baracken uiitcrgebracht, die rings um die Kirche errichtet ivordcn waren, später aber, als der Wunder- ruf von Gheel von Tag zu Tag wuchs, und sich demzufolge Hütte an Hütte drängte, zeigte sich die Notwendigkeit, andere Vorkehrungen zu treffen. Die Kranken wurden dann bei den Bauern des Dorfes untergebracht, und es gab der„Unschuldigen" bald so viele, daß bald keine Familie ohne ihren Patienten war. Nach und nach änderten sich freilich die Anschammgen, und mit den Zeiten schwand der Glaube an die Wunder der heiligen Dhmpna. Allein der Zuzug der Geisteskranken nach Gheel nahm immer mehr überhand, denn keiner verstand es, so gut mit den Jrrsimiigen um- zugehen, als die Bewohner der Stadt. Die Ghcelcr sind nämlich eine sehr einfach geartete, nnt ge- snndem Menschenverstand ausgestattete Rasse. Sie sind von einer geradezu bewundernswerten, echt vlämischen Geduld, und nichts, aber auch garnichts kann sie ans der Fassung bringen. Sie sind ganz einfache Bauern; viele von ihnen vollständig ungebildet, aber ihre» Patienten gegenüber zeigen sie ein außerordentlich feines Gefühl. Ihre Art. mit Irrsinnigen umzugehen, ist begreiflich, wenn man bedenkt, daß sie von Kindheit an daran gewöhnt sind, daß sie förm- lich mit ihnen auftoachseii. Was immer auch ein Irrsinniger an- stellen möge, sie werden nie darüber in Erstaunen geraten, sondern es als etwas ganz Natürliches, ja, fast als etivaS Notwendiges hinnehmen. Furcht vor einem Wahnsinnigen ist ihnen natürlich auch etwas Unbekanntes, und sie wären alle höchlichst belustigt, würde man ihnen erzähle», daß es Leute gicbt, die sich vor Wahnsinnigen fürchten. Noch im Jahre 1858 war Gheel in ctwaS sehr primitiver Art geleitet, mid die Ghcelcr hatten vollständig steic Hand, wie sie mit ihren Schutzbefohlenen verfahren wollten. In dem genannten Jahre aber wurde die Kolonie vollständig reorganisiert und unter die Direktion einer Konnnission gestellt, in die sowohl der Staat als die medizinische Falultnt ihren Vertreter sendet. Ii» der Art der Irren- behandlung aber wurde nichts geändert, und sie ist genau die gleiche, wie sie vor hundert Jahren gewesen ist. DaS Gheeler Shsteu» ist geradezu einfach und basiert eigentlich nur auf dem Grundsatze, daß man jedem Irren so viel Freiheit ge- statten müsse, wie mir irgend»,ogNch. und datz man die Inen ganz genau so behandle, als ob sie keine Irren wären. Die Kolonie ist in ein halb Dutzend Distrikte eingeteilt, von denen jeder unter der Leitung eines Arztes und eines Verwalters steht, die dem Chefarzte für alle Vorkommnisse in ihrem Bezirke verantwortlich find. Der VcNvalter niiist jeden Tag über jeden Patienten genauen Bericht erstatten. So iveit eS angeht, werden Patienten, die an derselben rnaniakalischen Form erkrankt sind, in denselben Distrikt zusainmengethan. So ist ein Bezirk ansschlichlich den Epileptikern zugeteilt; und nur Patienten, die voüständig Hann- los find, werden in Ghecl selber untergebracht. Je aufgeregter und gewaltthätiger die Patienten sind, desto weiter nach der Peripherie kommen sie in der Jrrenkolonie. Wenn ein Patient in Ghecl ankommt, wird er zuerst in das Mutter-Asyl gebracht. Hier wird sein Zustand genau festgestellt. Leidet er an Selbstmord- oder Mord-Manic, so wird er schleunigst seiner Familie wieder zurückgeschickt, denn für diese beiden Wahnfinnsformcn übernehmen die Gheclcr die Verantwortung nicht. Die Dauer des Aufenthaltes in den, Asyle hängt lediglich von den Irrsinnigen selber ab. denn, sobald die Aerzte erkannt haben, daß dies ohne Gefahr geschehen könne, werden sie irgend einer Familie in Pflege gegeben. Diese„Nourriciers", Ivie die Gheeler genannt werden, die sich die Pflege der„Harmlosen" angelegen sein lassen, stehe» alle unter der Kontrolle der Aerzte, und cö wird strenge daraus gesehen, dah die Kranken gut behandelt werden, und reichliche, kräftige Nahrung erhalten. Dabei sind die„Nourriciers" ihren bcsondcrcn'Fähigkeiten nach eingeteilt, denn manche von ihnen haben sich schon zu wahren Specialistcn für gewisse Krankheitsformen des Geistes ausgebildet. Viele von ihnen sind sehr wohlhabend und können ihre Pfleglinge mit allem Komfort umgeben, während andere ihren Patienten nicht viel mehr bieten könne», als ein freundliches Zimmer, ein lustiges Feuer auf dein Herde, und eine derbe, kräftige Kost. Die„Pensions"- Preise schwanken pro Jahr von KOOO bis zu 600 Franken hinab. Gewöhnlich wird einem Nonrricier nur ein„Harmloser" zugeteilt, und nur wenige bekommen deren zwei und drei, und geschieht es zu- weilen, dag ein Kranker einer Familie zugeteilt wird, in der er sich nicht bald heimisch fühlt, so wird er sofort einem anderen Pfleger überwiesen. Es ist Sitte, dast ein„Harmloser", sobald er einen Pfleger er- hält, in dessen Hanse festlich empfangen wird. Meist wird das freudige Ereignis mit einem Mahle gefeiert, und der Kranke wird gleich, wie mit zur Familie gehörend, betrachtet. Er verbringt seine ganze Zeit mit dieser und arbeitet mit ihr, im Garten, im Hanse, auf dem Felde. Denn arbeiten muß er. lind zwar nicht, wenn er will, sondern er muh sich an eine ganz regelmäßige Arbeit gc- wöhncn; meist sechs bis acht Stunden am Tage, denn in geregelter Arbeit bestebt die Haupthcilmethode von Ghecl. Einige Patienten bekonunen für ihre Arbeit regelrechten Lohn, meistenteils aber nur eine besondere Belohnung, die für Mäirner meist in Tabak, für Francn meist in Schmuck- und Putzsachen besteht, oder in Geld, um sich solche zu kaufen. Im übrigen ist der Kranke sonst scheinbar berechtigt, alles zu thun, was er tvill. Er kann ins Gasthaus gehen und sich Wein oder Bier bestellen. Sofern er zahlen kann, wird »hin ein Glas willig gebracht. Beim ziveiten Glase wählt der Wirt schon allerlei Ausflüchte: das Getränk ist gerade ausgegangen, und das letzte Glas ist leider gerade ausgeschenkt worden. Oder er kann auf den Bahnhof gehen und sich' ein Billet lösen, Ivohin er will. Seltsamerweise aber geschieht immer etwas. Ivas ihn an» Ab- fahren hindert. Der Kassier hat sich versehen, ein ungültiges Billet gegeben, und bis der Kranke es gegen das richtige umgetauscht hat, ist der Zug ihm längst vor der Nase weggefahren. Die ganze Bevölkerung nämlich wirkt Hand in Hand, um den Irrsinnigen das Gefühl zu benehmen, als seien sie unter Aussicht, und da sich die Kranken frei wähnen, sehnen sie sich gar nicht nach der Freiheit, die sie nicht vermissen. Und obwohl es weit über 2000 Irrsinnige in Ghecl giebt, ist ein Fluchtversuch beinahe ebenso unerhört, wie eine Geivaltthat, und letzteres ist»m so bcivunderiiSwerter, als alle— bis auf 40 oder 50— ihrer Arbeit wegen im Besitze von Messern, Aexteu oder Spaten sind. Es ist, als scheine die Ruhe förmlich in der Luft zu liegen,»nid die Fälle sind nicht selten, das; Tobsüchtige in zivci bis drei Wochen dank der Behandlung zu völlig„Harmlosen" wurden. Die That- sache, dast sie behandelt Iverden wie Vernünftige, stachelt offenbar ihren Ehrgeiz an, sich auch als solche zn benehmen, und viele ziehen sich von selber zurück, wenn sie merken, dag ihr Anfall kommt". Dann, wenn der Anfall vorüber ist, kommen sie zurück, als wenn nichts vorgefallen wäre, und sind munter und guter Dinge. Diese Selbstkontrolle ist aber der erste, entscheidende Schritt zur Genesung. Eine groffc Rolle in der Jnviipflege spielen in Ghecl auch die Kinder. Freilich sind die Gheclcr Kinder auch schon an die Irren gewöhnt, diese aber verlieren den kleinen Kindern gegenüber all das Misttratten, das sie vielleicht noch ihren erwachsenen Pflegern gegen- über haben. Die Kinder, mit denen sie bald gut Freund werden, kommen ihnen harmlos vor. So kommt es, dast auch die renitentesten Irren einem Kinde auf den ersten Wink folgen, und alles thun. Ivos dieses tvill. Und zeigt irgend ein Irrsinniger Airzcichcu von Wider- spänstigkeit, da»» wird ihm ein kleines Kind in den Arm gelegt und ihm gcheistcit, ans dieses aufzupassen I Das Mittel Hilst SS mal unter hundert Fällen. Selbstverständlich wird den Irren jede denkbare Erregung ferne gehalten und auch viel für ihre Zerstreuung gesorgt. Namentlich werden sie zn allen Familienfesten zugezogen, und dabei stets ganz besonders ausgezeichnet. Eine Philharnionische Gesellschaft, durchweg ans Irren bestehend, giebt Konzerte; Theater wird ge- spielt und Bälle arrangiert. Im ganzen und großen machen die Irren denn auch einen ganz vernünftigen Eindruck, und ein Fremder, der nichts von dem Charakter der Stadi weiß, könnte tagelang in Gheel wohnen, ohne hinter das Geheimnis zu kommen, es sei beim, er gerate zufällig mit irgend einem der Harmlosen in einen Disput. Dann ist es ettvaS anderes. denn alles können die Wahnsinnigrn vertragen, nur keinen Wider- sprnch. Das ist übrigens nur zu begreiflich, denn jeder ist ja von der Wirklichkeit dessen überzeugt, was seine Manie ist.— _ Alb r echt S t e e n. Klernvs Feuillekon. — Ucber die Begegnung mit einem Königstiger im Binnen- land von Sumatra wird der„Deutsch. Wochenztg. in den Nieder- landen" folgendes mitgetheilt: Ich hatte den ganzen Morgen zu Pferde gesessen, so daß ich mich inittags entschloß zu Fuß zu gehen. Etwa um dreiviertel Vier befand ich mich ans dem Lingeriveg. einem alten Pflanzerpfad, den die Kulis gerade am Säubern ivare». Es ist dies ei» endloser Weg, rechts und links mannshoher Lalang sGras) mit etwas Jungholz untermischt, aber nirgends eine Spur von Schatten. Es war kein menschliches Wesen auf dem Wege zu sehen, alles war mäuschenstill. Ich hatte etwa die Hälfte des Weges hinter mir. so daß ich ungefähr eine halbe Stunde geschlendert haben mochte, als sich rechts von mir das Lalang etivas betvegte, wie ich glaubte, vom Winde. Im Vorbeigehen blickte ich flüchtig eben zur Seite und sah zu meinem Schrecken etwa zwei Schritte von mir entfernt einen Königstiger. Zwischen dem Lalang hindurch konnte ich einen Theil seines KopfcS wahnichmcn, der Körper blieb unsichtbar. Im ersten Moment war ich starr vor Schrecken und hatte beinahe Lust, mich ans die Erde niederzmverfcn, um auf Händen und Füßen davonzukriechcn. Dies war aber nur ein Moment, dann hatte ich die Geistesgegenwart zurückgetvonnen. Ich sah ein, daß Weglaufen Nnsiun sei, ich blieb deshalb ruhig stehen und blickte den Monsieur fest an. Man liest ivohl mal von» Mut der Verziveiflung, aber dieser war es faktisch, der mich dazu beseelte. Ich hatte beschlossen, meinen Feind, sobald er eine verdächtige Bewegung machte, sofort anzugreifen und laut schreiend auf ihn los zu stürzen, höchst wahrscheinlich würde er dann davonlaufen, wenn nicht, dann nützte mir meine Flucht auch nichts. Auf diese Weise hatten wir uns 2 bis 3 Sekunden fixirt, jeder Nerv meines Körpers bebte. Keine Muskel ivar unthätig, alle waren gespannt. Angst kann diese Enipfindung in solch' einem Augenblick gerade nicht genannt werden, diese kommt — wcnigstcnS bei mir>var eS so— später. Ich fühlte mich wohl viermal stärker als gewöhnlich und war derartig erregt, daß ich bei- nahe wünschte, der Tiger möchte mich angreifen. Schließlich drückte das Tier seinen Kopf zn Bode» und ließ einen dumpfe» Laut hören, den ich wohl sehr schön nachahmen, aber schlecht zu Papier bringen kann; es klang, als wenn ein großer Hund, dein es aber an dem nöthigcn Mut fehlt, knurrt. Dann drehte sich der Tiger halb um und machte einen kurzen plumpen Satz rückwärts. Ich sah seinen Rücken eben oberhalb des Lalang, in dem er im übrigen ganz verborgen ivar. obivohl ich mit meinem Stock(ich ivar vollständig unbewaffnet) beinah' die Stelle erreichen konnte, wo das Tier lag; wahrlich keine beneidenswerlhe Situation. Ich selber sah nichts, war aber fest überzeugt, daß der Tiger mich genau im Visir hatte. Ich ging nun, die Stelle, wo er lag, stets im Auge behaltend. Schritt für Schritt rückwärts. Als ich mich in dieser Weise etwa 50 Meter entfernt hatte, hielt ich es für das beste,„durchzu- brennen", was ich denn auch, nachdem ich nur den Hut fest ins Gc- ficht gedrückt, that.— �Kulturgeschichtliches. k. Eine Heiratszeitung vor hundert Jahren die unter diesem Titel erschien und als Hauptzweck die Vermittelung von Heiratsannoncen hatte, war der Pariser„Courrisr de l'hymen". Die erste Nnmmcr, die jetzt von Le Poittevin wieder ausgegraben wurde, ist vom 20. Februar 1791 datiert. Das Programm dieser Zeitung lautet direkt:„die Niederlage der Absichten der Eltcr», der jungen Leute, der Junggesellen und der Wittwen, die den Wunsch haben sollte», ihre Kinder zu verheiraten, oder selbst neue Knoten zu schürzen", zu werden. Man braucht sich daher nicht zu wundem, daß man Anzeigen folgender Art in dem Blatte findet:„Ein Amerikaner, der die Ehre hat, einen Sitz in der National- Versammlung inne zu haben, wünschte, sein Schicksal mit einer jungen Pariser Bürgerin zu teilen, selbst wenn sie als Mitgift nur eine gute Erziehung, einen sanften Charakter und eine angenehme Figur haben sollte.... Obgleich er Mitglied der gesetzgebenden Körperschaft ist, so fordert er doch nicht von ihr, daß sie eine sehr ausgesprochene Ansicht über alle Parteien hat. Er würde sogar vorziehen. daß sie weder nüt der Rechten noch mit der Linken geht und in allcm�die rechte Mitte hielte." Aber der„Eourrier derhymen" beschränkt seine Mission nicht auf diesen Punkt.„Da dieses Journal," fährt der Prospekt fort,„besonders den Frauen gewidmet sein wird, so können diejenigen, die sich über ihren Ehcniann, der zu brutal ist, als daß er auf Vor- stellnngen hörte, beklagen wollen, diese anonym den Herausgebern anvertrauen, die sich beeile» werde», sie zu veröffentlichen. Vielleicht wird mehr als ein ungerechter Ehemann sich bessern, lvenn er auch vorgiebt, daß er nicht gemeint sein könne." In der Praxis ist die Zeitung bemüht, ihren Wirkungskreis immer weiter auszudehnen, und sie nimmt Proteste der Frauen gegen die Beschlüsse der Rational- Versammlung ebenso gut wie Klagen gegen schlechte Ehemänner auf. Die Frauen schicken denn auch eine ganze Anzahl von Briefen eilt, in denen sie sich über die von den gesetzgebenden Körperschaften den Frauen zugefügten Ungerechtigkeiten bitter beklagen und die Zeitung druckt sie stets zustimmend ab. Die Kaste der Zeitung wurde dadurch freilich nicht gefüllt. Für ihr eigentliches Thema aber fand sie in jenen Zeiten nicht das genügende Jntcreste..Man verheiratet sich nicht rnehr", schreibt ein Abonnent deS Blattes,„nur der Tod konnnt gnt durch..." So ging denn per„Courrier de rhymen" schon am 24. Juli 1791 wieder ein.— Völkerkunde. — Mesopotamische Ten felsanbete r. Der„Köln. Volksztg." wird über die Seite der Teufelsanveter in Persicn und in den benachbarten Ländern folgendes geschrieben: Diese Sekte dehnt sich aus über Kurdistan, Mesopotamien. Obcrarmcnien. Teile Persiens und Reurnßlands. Gleich de» Manichäcrn erkennen die sogenannten Iezidi zwei Urgründe an, das Gute und das Böse, sie verehren aber nur das letztere— was man auch bei Naturvölkern finden kann, und zwar wird dies damit begründet, daß das gute Prineip als gutes ja doch niemanden schade, man also nur dein Bösen Verehrung schulde, um sich selbst zu sichern. Das böse Prineip nennen die Dezidi mit dem türkischen Worte Scheitan(Satan. Tensels: die Furcht vor demselben geht bei ihnen so weit, daß sie kein Wort aussprechen, welches mit Sch anfängt, noch iveniger natürlich sprechen sie den Nameil selbst aus und brauchen stets eine Umschreibung.>vie „der. den du kennst", oder einfach„er", oder sonderbarerweise auch oft „Pfauenkönig'. Diese Bezeichnung rührt her von denn bevorzugten Opfer, dos man ihn» bringt, einen Pfau, hauptsächlich in Mosul, wo eS viele Uezidi giebt.— Geographisches. — Dr. Oestreich hat im Herbst eine wissenschaftlich« Reise durch Rordniakedonien und die angrenzenden Teile A l b a>r i e n s gemacht und darüber kürzlich in der Berliner Gesellschaft fiir Erd- tunde emen Vortrag gehalten, dem der.Globus" einige Daten cnt- nimmt, weil jene Gebiete zu den nnbekanntesten Länder»»»licht bloß in Europa, sondern der Erde überhaupt gehören. Die nordalbaui- schen Alpen find ein zumeist aus tertiären Kalken bestehendes Ttiinnnergebirge. das Schargebirge dagegen, dessen höchster Punkt Schar, nach Diessunge» des Vortragenden nicht 9000 Meter, sondern »mi 2500 Meter hoch ist, ist der Rest eines alten Ge» birges. das in derselben Richtung streicht»vir die nordalbanische» Alpen. Der viel gebrauchte Schardagh ist falsch, »wil eine umnögliche Verbindung der serbischen und türkischen Sprache. In der Nähe des Gipfels»vnrden univcit eines kleinen Karsees deutliche Spuren eheinaliger Vergletscherung»vahrgenommen. Eine Tagereise von Prisren. der gewerbfleißigen Hauptstadt des nördlichen Albaniens, besuchte der Reise»ide einen bis dahin gänzlich unbekannten See von etiva einer Meile Unifang. der eine sehr be- deutende Tiefe besitzen soll. In diesen» Teile Albaniens sind nicht die Ortschaften als Ganzes befestigt, sonder» jedes einzelne Haus bildet für sich schon eine schwer einzunehmende Festnng. jeder Garten, jede Weide k. ist mit meterhohen lebende» Hecken ein- gezäunt. um Schutz gegen de» Nachbar zu gelvährcu und nn Falle eines Krieges das Vorschreiteu des Feindes möglichst zu erschiveren. I» Djakoiva und Petsch(Jpek)»vurde Oestreich z»lerst sehr feindselig behandelt und ihn» das Wasser verweigert; diese Gesinnung änderte sich plötzlich, da sich das Gerücht verbreitete, er sei ein Generalstabsoffizier des gleich- zeitig in Konstantinopel»veilendcn deutsche»» Kaisers und bereite einen Feldzug gegen Montenegro vor. Um allen Weitermigei» ans dem Wege zii gehe»», ging Oestreich schleimigst über cinen 1700 Meter hohen Paß der nordalbanischci» Alpen nach Rovibasar, den» nördlichsten Zlvickel des unter der Herrschaft der Pforte stchendei» Reiches zlvischen Serbien»ind Montenegro, Ivo Oesterreich- Ungarn für vier Städte das Besatzungsrecht besitzt und infolge dessen mehr Ordnung herrscht, als sonst in der Türkei. Nach dein Vortragenden ist Rovibasar»ur der Hauptort des östlichen Teiles dieses Grenz- landes, die übrigen Teile, die sich durch Menschenleere und llu- snichtbarkeit»venig vorteilhaft auszeichnen, haben eiile selbständige Hauptstadt in Taschlidja(Plcwlja) am Li»n.— Physiologisches. ie. Ist die schwarze Hautfarbe für den Tropen- belvohner zuträglicher als die weiße? Es ist eine all- tägliche Erfahrung, daß schlvarze Gegenstände die So»»cnslrahlen stärker in sich oufilehmen, als»veiße. Ein schlvarzcr Stein aus eine Schnee- oder Eisfläche gelegt, schmilzt rasch in die Unterlage ein, da er von den Sonnenstrahlen viel stärker erwärmt»vird als seine belle Umgebung. Schlvarze Anzüge sind für den Sommer»iiivorteil- hast, und man ist aus dein gleichen Grunde ja sogar dazu gekommen, die scdtvarze Farbe für unser Schuhwerl auszugeben. Da ist es doch eine ganz naheliegende Frage, ob denn nicht auch den Belvohnern der heißen Zone, die von der Natur selbst ei»» dunkles oder sogar schlvarzcS Kleid niitbekoinmen haben, in diesem unter dem Einfluß der tropischen Sonne un- behaglicher zu Mute ist. als eS bei einer Weißen Haut- färbe der Fall»väre. Die Ratilr hat aber auch in diesem Falle durchaus uicht daneben gegriffen. Der Pariser Physiologe Guillaume hat den Belveis dafür geliefert. Die Hanl des Negers geht nämlich unter der Einivirkung der Hitze geivistc Veränderungen ein. die in einer Vermehrung der Hantzellen bestehen und dadurch zu einer Ver- dickung der ä>»ßerc,i Hautschicht, der sogenannten Epidermis, führen. Diese verdickte Oberhaut dient geradeso als Schutz»vie die Nägel und die Haare. Dazu koinmt, daß die Reger sehr viel Fettstoff a»,S der Haut ansscheidei»»nd dadurch eine»»veiteren Schutz gegei» den Einfluß der Son,»engl,»t besitzen. Fettstoffe haben nach den Versuchen von dÄrfonval die Eigenschaft, die Wärme sehr rasch»vieder abzn- geben. Aus diesen Umständen ist eS eiilärlicki. daß die Neger unter der glühende», Hitze ihrer Heimat noch iveniger leiden als viele vo» uns Europäern»vährend der Tage des Hochsommers.— Aus dem Pflanzenlebeu. — T e n» p e r a t n r»» n d A ,» s d ii n st» n g von Wüsten- pflanzen. Professor D. T. Mac Dougal hat. wie„Mutter Erde" »nitteilt, ans der Jahresversammlung der amerikanische» Gesellswaft zur Forderung der Wissenschaft einen Vortrag über die Tcniperatnr von Wüstenpflanzen alif Grund seiner Beobachtungen im Wüsten- gebiete des kleinen Colorado gehalten. Im Körper der saftigen Pflanzen jener Gegend fand er zur Mittagzeit oft eine Temperatur von 45 Grad Eelsius, das»varen 0 bis 8 Grad mehr, als in der umgebenden Lust herrschten. Der vulkanische Sand nn» die Sang- tmirzeln zeigte 40 bis 42 Grad Celfins. Die Ausdünstungsthätigkeit der Pflanze»» ist nicht, wie nian erivarten sollte, sehr stark, sondern vielmehr sehr schivach. Dementsprechend ist auch ihr Wasserbedarf gering. Bringt»»an sie auch in einen mit Feuchtigkeit reichlich ge- sättigten Boden, so absorbieren sie kan»»» den zehnten Teil der Wassern, enge, die von den verwandten Pflanze» gemäßigterer Gegendei» verbraucht»vird. Die Wüstenpflanzen haben sich mit einein Worte in ihre» LebeiiSstlnktioneil den Exiftenzbedinglinge» angepaßt.— Humoristisches. — I n» Pr» batcomptoir.«Welche Mühe haben»vir nn? gegeben, de» christlichen Arbeiterverein ins Lebe» zu rufen, und jetzt, »vo der Ausstand beginnen soll, fordern die Kerls ebenso Lohnerhöhung»vie die andern. Ja,»vas denken sich denn die Leute unter «christlich"?'— — B c r d e i» t s ch»» n g.»Sagen Sie, Kamerad,»ver iS eijent- lich der Einjährige da?" „Siniährige?— Doktor der Philosophie oder irge>»d sonst soi» Gehirnfatzke."—(„Siniplie.» — Pedanterie. Lehrer(der in seiner Schule streilg daraus ficht, daß ans seine Frage»» in ganzen Sätzen geantivortet »vird, zu seiner Angebeteten):«Wolle»» Sie die Meine»verden, Fräulein En'ilie?" Sie:„Ja!" Lehrer:«Bitte, drücken Sie daS in einen ganzen Satze ans!"— ■'— I=S=SB=m________ L— Notizen. c. e. Eine neue italienische Zeitung für draina tisch'« Kniist„Cronaclie d" nrte" erscheint seit Anfang April in R o»». Redakteur ist Eduard Boutel.— c. Der dritte i u t e r n a t i o>» a l e Verlegerkongreß »vird definitiv in L o n d o n an» 7.. 8. und 0. Juni abgehalten »verden. Der erste fand in Paris 1890, der zlveite im folgenden Jahre in Brüssel statt.— — Josef Jarno hat für seine Direkttonszeit ani Nene» Theater, die vom 15. Juni bis 15. August d. I. dauert. Guido Tielscher>md Hansi Niese als Gäste gewonnen. Diese »verde»« die beiden Haiiptrollen in der Schlvanknovität«Die Wahrsagerin" geben.— — Bei der Erstaufführung von Björnsons Scha»»spiel „Johanna" in Frankfurt a. M. gefiel nnr der erste Akt.— — Der Kunstkritiker Prof. Josef Wasiler, Rektor der Technische»» Hochschule in Graz, ist gestorben. Unter seinen Werken ist ein steierisches Klnistlexikon besonders zn ertvähncn.— — Die M n»» ch e n e r Jahres- A ,» S st e l l u n g 1899 im G l a s p a l a st»vird»vie bisher am l. Juni eröffnet. Der Termin für die Rnmeldunge» schließt am 30. April.— — Eine deutscheBau-Ausstellung»vird in D r e s d e n im Jahre 1900 in der Zeit von» 1. Juli bis 15. Oktober stattfinde»» und soll ein Bild des gegenwärsigen Standes des deutsche»» Hochbau- »vesens im allgemeinen und des gesamten Skaatsbautvesens iin be- sonderen gebe».— — Die Naturforschende Gesellschaft zn Görlitz hat für ihre Sammlungen eine außerordentlich reiche und»vohl- geordnete Käfersammlung erworben, die der verstorbene Lottcrie-Einnehmer Schlvarz in Licgnitz hinterlassen hat. Sie ent- hält in 154 Kästen in mindestens 50 000 Exeinplaren die meisten der 8050„litteleuropäischen Arten.—_ Verantwortlicher Redakteur:«ngust Jacobe» in Berlin. Druck uiid Verlag von Max Bading»» Terlm.