Hinlerhaltuttgsblatt des Hsrwärts Nr. 68. Donnerstag, den 6. April. 1899 (Ziochdnnl verboten) S] Der Schuldige? Roman von Hector Malot. Bis dahin hatte Boulnois nichts gesprochen, als aber der Maire, ihn grüßend, an seinem Pulte vorüberschreiten wollte. hielt er ihn an und sagte: „Man hat uns beinahe bestohlen diese Nacht. Herr Bürger- meister." „Sie bestohlen?" „So denkt wenigstens Herr Courteheuse. der diesen Morgen auf frisch umgegrabener Erde Fußstapfen von einem der Diebe entdeckte." Und Boulnois erzählte gefällig, auf welche Art jene Ein- drücke entdeckt worden waren. ..Und warum benachrichtigte man den Bürgermeister nicht?' fragte lebhast Turlure. „Herr Courteheuse wird Arbeiter aus Rouen schicken, da mit man von heute an das ganze Haus elektrisch verschließen kann." „Was sich morgen zutragen... oder dank diesem Der- fchluß nicht zutragen wird, hat keinen Einfluß auf das, was sich letzte Nacht zugetragen hat. Wir stehen einem Dieb- stahlsversuch gegenüber, der in einem bewohnten Hause, mittels Uebersteigung, Einbruchs oder falscher Schlüssel von Leuten. Träger sichtbarer oder verborgen gehaltener Waffen. begangen wurde und unter die Artikel 381 und 385 des Strafgesetzbuches fällt; eine gewissenhaste Untersuchung ist nötig, denn der elektrische Verschluß kann einen neuen Versuch, der an einem oder dem anderen Tage sicher unternommen werden tmrd. verhindern, aber jeder genau aufgenommene Fußabdruck kann zur Entdeckung des Schuldigen fiihren. Wir hatten in der Affaire Ausieur und Paquet viel geringere Merkmale, und doch dienten sie uns als Ausgangspunkt, der uns bis zur Guillotine führte. Ich hoffe, daß jener Fußabdruck nicht vertilgt ist." „Er ist genau so geblieben, wie ihn der Fuß einge- drückt hat." „Nun. sehen wir ihn uns an." Boulnois zögerte einen Augenblick; er hatte jene Sache erwähnt, um zu plaudern, um aus Vergnügen eine Geschichte zu erzählen; aber jetzt, da er die Dinge durch den kleinen Teufelsmann kommen sah, der mit großen Schritten das Zimmer maß, und mit seiner Brille auf der Nase wie ein Spürhund herumschnüsseltc, fragte er sich, ob er nicht klüger gehandelt hätte, jene Ausplauderei zu unterlassen, die der Herr sicher nicht billigen würde. „Haben Sie ein Metennaß?" fragte Turlure. Boulnois zögerte immer mehr, aber Fauchon. der nicht aus gleichen Gründen den Zorn des Herrn zu fiirchten hatte, an welchen er übrigens gar nicht dachte, zog aus seinem Pulte ein Maß hervor. „Ich möchte auch ein Blatt weißes Papier und eine Schcere haben." Als man ihm alles, was er wünschte, gegeben hatte. schritt er nach der Thüre. „Bitte, begleiten Sie mich." sagte er, ohne einen der drei Schreiber näher zu bezeichnen. „Entschuldigen Sie mich," sagte La Vaupaliöre,„ich muß ein»vichtiges Aktenstück beendigen, übrigens habe ich auch jene Stelle nicht gesehen: Herr Courteheuse hat sie heute morgen Herrn Boulnois gezeigt. Der wird Sie führen." Obgleich Fauchon nicht dazu eingeladen»var, beeilte er sich doch, den Bürgermeister und den Kassierer zu begleiten und La Vaupaliöre, anstatt sein wichtiges Aktenstück zu beendigen, folgte ihnen verstohlen mit dem Blick. Bor jener Stelle angekommen, kniete Turlure nieder, um die Fußspur besser betrachten zu können. „Potz Blitz, der Bursche trägt feines Schuhwerk: keine Nägel, einfache Holzstistchen auf den Absätzen, die Sohlen bogenförmig geschweift und fein zugespitzt; man sieht sofort, daß wir unseren Verdacht nicht auf einen Zerlumpten zu werfen haben. Bitte, reichen Sie mir das Meterniaß." Vorsichtig, ohne die Erde zu berühren, maß er jene Stelle. „Slcbeiiiii'.dzwanzig Ccntimeter lang, acht breit; das ist ein feiner Fuß. ich schließe daraus, daß wir es mit einem Pariser Dieb zu thun haben; unsere Bauern und Arbeiter besitzen nicht solche Füße. Nnd das ist nichts Erstaunliches; man weiß, daß bei Ihnen beträchtliche Kapitalien liegen. War die Kaffe reich gefüllt, letzte Nacht?" „Stein." „Haben Sie in nächster Zeit große Summen zu erwarten?" „Am fünfzehnten." „Da wird man also gekommen sein, um das Terrain zu studieren." So sprechend, schnitt er sorgsam nach dem Fnßabdruck das Papier aus. „Ich behaupte nicht, daß nns dieses Blatt Papier den Eindringling der letzten Nacht entdecken wird, aber ob er hierher zurückkommen oder bei einem anderen Dieb- stahl festgenommen werde. wie will er sich gegen diesen Beweis Verth eidigen?" Er hatte die Papiersohle, die nun genau auf den Erdeindruck paßte, beendet und schrieb das Dattnn darauf. Hieraus untersuchte er den Pavillon von innen und außen, die Mauer, das Thor— konnte aber nichts entdecken. Nun wollte er Madame Courte- hcuse emffuchen. um einige Fragen an sie zu stellen, aber da Fauchon bemerkte, daß sie nie vor 11 llhr aus ihrem Schlaf- zimmcr herunter komme, begnügte er sich damit, die Köchin rufen zu laffen. Aus derselben konnte er aber keine anderen Antworten hcransbekommen, als Herr Courteheuse am Morgen:„Dielleicht.— Sie wissen das besser als ich.— Ich sage nicht nein, ich sage nicht ja." Endlich entschloß sich der Bürgermeister, fortzugehen; er erklärte aber noch, er werde am nächsten Aiorgen seine Voll- macht selbst abholen, um sich dann mit Herrn Courteheuse auszusprechen. � Als die Schreiber in das Zimmer zurückkehrten, fanden sie La Vaupaliöre über sein Pult gebückt, eistig schreibend; nach einigen Sekunden blickte er auf: „Nun! Hat der Bürgermeister außergewöhnliche Eni- deckungcn gemacht?" fragte er in ironischem Tone. Boulnois und Fauchon erzählten abwechselnd, was sich zugetragen hatte. Als sie von dem kleinen Fuße sprachen, unterbrach er sie mit lautem Lachen: „Der Bürgermeister ist einfältig mit seinem feinen Fuß eines Verbrechers der vornehmen Welt." „Siebe mludzlvanzig auf acht, das ist kein Fuß eines Tölpels.". � „Warum könnte es nicht der Fuß eines Knaben sein?" Boulnois und Fauchon blickten sich an, erstaunt, nicht auch auf diese Idee gekommen zu sein. „Stellen Diebe nicht oft Kinder an," silhr La Vaupaliöre fort,„die leicht überall durchkommen? Euer Bürgermeister ist ein unüberlegter Mensch, wie übrigens alle Leute, die Polizei- dienste verrichten." „Das ist möglich", sagte Fauchon,„aber einerlei, er scheint mir doch eine vortreffliche Spionierseite zu haben."_ „Eine Seite?" unterbrach ihn Boulnois,„Sie können sagen: vier Seiten. Er ist sowohl aus natürlichen Aulagen als aus Ehrgeiz vom Kopf bis zum Fuß ein Polizist." „Aus Ehrgeiz!" versetzte Fauchon.„möchte er etwa Polizei- präfekt werden?" „Dekoriert zu werden, genügt ihm." „Ist er es nicht schon?„Zählen Sie meine Ehrentitel auf: officier de l'instruction publique, Chevalier du Merite agricole."" „Ritter der Ehrenlegion möchte er werden, und um dahin zu kommen, ist er bereit, vielerlei zu thun. irgendwelche Arbeiten zu übernehmen, sich Hinzugeden, seine Haut im Waffer und im Feuer zu riskieren; fallen Sic in die Seine, er wird Sic retten; ermorden Sie La Vaupaliöre oder mich, er wird Sie hinrichten lassen, wie er Auffeur hinrichten ließ." „Für jenen wurde er aber doch nicht dekoriert?" „Das war feine erste That. er würde eS für feine zweite werden, wenn er so viel Fleiß, Schlauheit und Aus- dauer zeigt." „Oh! oh!" unterbrach ihn La Vaupalisre „Wenn Sie zu jener Zeit hier gelebt hätten, so würden Sie nicht sagen: Oh! Oh!" „Ausseur und Paquet waren einfache Diebe von der Landstraße, und gewöhnlich sind derartige Leute nicht sehr schwer herauszufinden." „Erstens waren sie keine gewerbsmäßigen Diebe von der Landstraße; sodann, wenn das Parkett, die Polizei und die Gendarmen allein damit beschäftigt gewesen wären, sie aufzu- suchen, so würden sie sie nicht gefunden haben." „Geschickter als das Parkett, die Polizei und die Gen- darnicn war Herr Turlure?" frug La Vaupaliöre in sanft cmdringlichem Tone, als ob er wünsche. Boulnois erzähle ihm vom Bürgermeister. „Bei jenem Anlaß war er allerdings und auch noch ge- schickter als der Sachverständige der Staatsanwaltschaft. Athanase, der Einnehmer vom Hause der Gebrüder Gilbert, wurde an einem Februarnachmittage mitten im Walde von Nouvray ermordet und beraubt. Er kam von Grande Couronne nach Oissel, um seine Tagereise zu beenden, indem er hier die fälligen Wechsel einkassieren und sodann per Bahn nach Rouen zurückfahren wollte. Wer waren die Schuldigen? Man sucht. Man findet nichts. Verdachtsgründe wohl, aber keine Beweise. Da das Verbrechen auf dem Gebiete von Oissel begangen wurde, so konnte der Bürgermeister den Thatbestand feststellen, und als das Gerächt bereit schien, die Nachforschungen einzustellen, da setzte sie Herr Turlure heimlich fort. Unter den verdächtigen, in- haftiertcn, aber wieder freigelassenen Leuten befanden sich zwei Holzhändler von hier, Ausseur und Paquet. Herr Turlure ließ sie auf listige Art überwachen und sammelte er- drückende Beweise, deren hauptsächlichster die Blutflecken auf ihren Kleidern waren, gegen sie. Der Gerichtshof beglück- wünschte den Bürgermeister lebhaft; und seit damals hat er den Wunsch, sich wieder von neuem berühmt zu machen. Sie verstehen nun den Eifer, mit dem er die Fußspur untersuchte. Wer weiß, ob sie nicht, wie er uns sagte, der Ausgangspunkt einer anderen berühmten Sache werden wird?" „Nicht wahrscheinlich," sagte La Vaupaliere. „Für uns nicht, aber wohl für ihn, der nur von Ver- breche» träumt." Während Boulnois von Nsseur und Paquet erzählte, maß Fauchon, indem er eifrig zuhörte, seinen Fuß der Länge und der Breite nach. „Was sagten Sie doch, La Vaupaliöre, daß der Abdruck von einem Jungen herrühre: mein Fuß ist 26 Centimetcr lang und 7 breit." lFortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Lvitrgrngel dev Kindov. lDiphtheritis und K r u p p.) Rote Backen, strahlende Augen, ans denen die Freude lacht, Vlaphernder Kirschmund, ein ewig heiteres, lebcnatmendes, queck- silbernes Wesen— so liebe ich die Kinder. Leider suchen aber viele und gefährliche Leiden unsere Lieblinge heim. Ueber dem morgen- frischen Leben des Säuglings. dräut das Gespenst des Brechdurchfalls. Ilud wenn die Kleinen dann kribbeln und krabbeln, auf den Beinchcn stehen und trippeln, so müssen sie den Ausschlagskrankheiten, den Röteln, Masern und Scharlach ihren Tribut bringen, und bricht dann gar die schreckliche Diphtherie ins Haus, so ertönt Jammern und Wehklagen. Die Wurzeln all' dieser Krankheiten liegen in unrichtiger und mangelhafter Ernährung und in falscher oder vernachlässigter Haut- uud Lungenpflege. Ein beivegungsarmcs Leben hinter Wänden in schlechter Luft, zu dein allzu besorgte Eltern ihre Kinder verurteilen, wirkt erschlaffend auf den ganzen Blutumlauf. Die wanne, trockene, an Kohlendunst und ansgealineten Blutgasen reiche Zimmerlust schwächt uud reizt die AtmungSlverkzenge, den Kehlkopf, die Luft- röhre und Lunge. Halsschmcrzeit, Schlingbeschwerden, Heiserkeit, Husten, Schinerzen beim Sprechen sind gewöhnlich die Vorboten der Diphtheritis und des Krupp. Das Gewebe der Schleimhaut des Rachens, Gaumens, des Zäpfchens und der Mandeln ist schwer erkrankt, an- geschwollen, außerordentlich blutreich und stark gerötet. Die Wissenschaft macht den Klebs-Löfflerschen StäbchcnbacilluS für die Diphtherie verantwortlich. Die Hanptursache liegt im Ein- atmen schlechter Lust und in den durch unnatürliche Behandlung ge- reizten und geschwächten Atmungs- und Verdauungsorganen. Inner- lich schädigen die üblichen heißen Speisen und Getränke. Die Schleim- häute schrumpfen und welken unter beständigen Wärmereizen. Nicht minder verderblich sind die wollenen Tücher! mit denen die Mütter den Hals der kleinen und großen Kinder vermummen. Die Shaivls ticten nämlich keinen Schutz gegen Erkältung, sondem hindern und I hemmen die Ausscheidungsthätigkeit der Haut. Die erschlafften Nerven antworten dann auf jeden Kältereiz mit Erkältung, d. h. Er- kranknng. Die Krankheitsanlage ist geschaffen. In den welken. stark verbrauchten Schleimhäuten der Mund- und Rachenhöhle finden die gefürchteten Bacillen, für die die feuchtkalte Periode zwischen Winter und Sommer„just das rechte Wetter" ist, einen guten Nähr- bodcn. Und ist der Vorhof angesteckt, so droht dem ganzen Körper Gefahr. In der Rachenhöhle liegt der Eingang m die Atmungsmaschine, in die Lunge, den Kehlkopf, und die hinter ihm liegende Speiseröhre leitet in Magen und Darm. So wird von zwei Seiten her das Blut vergiftet. Die Diphtherie oder, wie ihr alter Name lautet, brandige Rachenbräune ist kein örtliches Leiden, sondern vielmehr eine Er- kranknng. Durchseuchung des ganzen Körpers. Wir wollen diese Thatsache doppelt unterstreichen. Denn aus dem entzündlichen Prozeß auf der Rachenschleimhaut kaim der Laie leicht auf eine rein lokale Krankheit, ein Halsübel schließen. Auch die Therapie trifft der Vor- Wurf, früher fast nur mit symptomatisch, örtlich wirkenden Mitteln gearbeitet zu haben. Die gclbgrauen Belagmassen wurden ab- gestatzt und die steferen. brandigen Schleimhaut- Pörsten mit .Höllensteinlösung, Chromsänre und so weiter bepinselt oder mit Aetzstiften touchirt. Seit aber Behring sein Diphtherie- Heilserum auf den Markt gebracht, tritt die lokale Behandlung immer mehr gegen die Allgemein- Therapie zurück. Ueber das Heilserum sind die Akten noch nicht geschlossen, die Streitaxt ist noch nicht bc- graben; doch dergleichen interne Angelegenheiten berühren schließlich das große Publikum wenig, zu dem der medizinische Feuilletonist spricht; auch den Arzt will er nicht vertreten, noch weniger ihn ersetzen. Aufklärung in hygienischen Fragen: das ist seine Devise, und seine Domäne ist die Vorbeugung und Krankheitsverhüstmg. So können Ivir auch den strittigen Punkt der Pathologie, ob zwischen Diphtheritis und Knipp(Croup) ein principieller Gegensatz besteht oder nicht, übergehen und wollen nur einige wesentliche Merkmale und Unterschiede hervorheben. Von den ersten Zeichen Ivar schon die Rede. Die Kinder haben einen heißen Kopf, kalte Füße, nichts macht ihnen Freude. Die Eßlust schwindet, sie frösteln und klagen über Halsschmerzen. Eine Mund- und Schlundschau ist da gewiß am Platze. Nur quäle man die Kinder nicht zu oft am Tage. Die Kleinen wollen ja gewöhnlich nichts davon wissen, sträuben sich und fürchten den blanken Löffel wie den Banbau. Indessen hilft auch hier liebevolles Zureden mehr als brutales Vorgehen. Ein probates Mittel ist, die Nase zuzuhalten. Um attnen zu können, öffnen die Kinder den Mund wert. Auf den geschwollenen, geröteten Schleimhäuten des Zäpfchens und der Mandeln breitet sich ein graugelblichcr Belag ans. Wischt man ihn mit einem um den Finger gewickelten reinen Leinenlappen ab, so bleibt eine verttefte Stelle zurück, die sich bald mit einer ähnlichen Membran überzieht. Der Krankheitsprozeß kann hierbei Halt machen oder er greift in die Tiefe mit brandigem Absterben des Gewebes, lieber den kranken Teilen bildet sich eine schnnerige, breiige, bräunliche, widerlich riechende Masse. Ans dem Gerüche allein diagnostiziert des Arztes geübtes Riechorgan schon Diphtheritis. Das Charakteristikum der stuppös- diphtherittschcn Erscheinung besteht nämlich in der Bildung eines faserförnrigen Exsudats. Bei der Diphtherie sind die Ausschwitzungcn weicher, eiteriger und greifen tiefer in das eigentliche Gewebe der Schleimhaut ein; beim Krupp hingegen stellen diese Wucherungen derbere, festere Häute dar und sitzen der von ihrem Oberhäntchen entblößten Schleinihant auf. Bei Diphtherie also reden wir mehr von Einlagerungen, bei Krupp von Auflagerungen. Heiserkeit, kurzer, bellender, trockener, aiißwnrfsloser Husten, erschwertes Schlucken, angeschwollene Mandeln, pfeifendes Einatmen, heißer, aber selten fauliger Brodcm beim Ausatmen, wie er stets dem Munde diphthcritiskranker Kinder entströmt, Entzündungsficber mit geröteter Haut und erhöhtem Puls und die hochroten sammet- artig geschwellten Schleimhäute der Rachenpartie zeigen das Bild der häutigen Bräune oder des Krupp. Die Anfälle treten in der Regel plötzlich und zwar spät abends oder nachts ein. Die kleinen Patienten— Diphtherie und Krupp befallen ja in der Mehrzahl der Fälle Kinder von 2 bis 7 Jahren— bieten einen schreck- lichen Anblick; sie werfen sich im Bett herum, möchten bald heraus, bald wieder hinein, bäumen sich auf und schlendern den Kopf nach hinten. Die Nasenflügel vibrieren heftig, daS Gesicht ist vom Angstschweiß genäßt, blau ge- färbt, und die Augen blicken matt und stier. Es ist ein verzweifelter Kampf um Luft. Jni allgemeinen gilt die kroupöse Entzündung als die leichtere, die Diphtherie als die schwerere Form der Erkranstnig. Die Diph- theritis führt ja den ominöse» Rainen„Würgengel der Kinder". Und haben wir es wirklich mit ihr zu thun, dann ist eine günstige Prog- nose ein gar gewagtes Ding. Darum möchte ich die Mütter mid Väter noch einmal dringend mahnen, auf die ersten Zeichen zu achte» und bei den geringsten anatomischen Veränderungen auf den Rachen- gebildcn wirksame Mittel anzuwenden; darnach werden die unten be- schriebe»?!« einfachen natürlichen Kurfornicn wohl immer zum Siege führe». Zuvörderst will ich noch daran erinnern, daß eine Allgemein- behandlnng innner höher zu werten und erfolgreicher ist als eine lokale. Man richte ein«varmes Bad her. Die Wassertempcratnr sei 26—30 Grad Rcaumur, bei stärkerein Fieber etwas geringer. 22—23 Grad Reaumur. In der Wanne frottiere man den kindlichen Körper, namentlich Beine und Arme, und am besten mit den Händen, — Leben auf Leben. Dann übergieße man Brust, Rücken und zumal den Hals mit kaltem Walser und reibe die benetzten Teile wieder warm. Die Manipulationen veranlassen die Atmungsmaschine zu ener- zischen Bewegungen, wodurch etwa schon gebildete Häutchen in der Rachenhöhle bersten und ausgestoßen werden. Dann hülle nian das Kind in ein trockenes Leinentuch, bringe es ins Bett und decke es warm zu. Bleiben die Füße kalt, so lege man eine mit trockener Leinewand umwickelte Heißwasserkruke an die Füße. Als partielle Maßnahmen verordne ich st2— 16 Grad Reaumui} Halswickel skühlfeuchtes Leinen, Wollstück oder Flanell darüber) im Verein mit(16—20 Grad Reaumur) Wadenpackung. Dampfkruken an die Füße. Diese Umschläge führen eine dauemde Ab- leitung des Blutes vom Halsinnern herbei. Wird der Hals- umschiag bald sehr heiß(was man durch Nachfühlen mit der Hand ermittelt), so wiederhole man die Einwickelung. Schläft das Kind dagegen ein, so lasse man es ruhig schlafen, bis es unruhig wird oder erwacht. In schlimmeren Fällen, wo sich schon Wucherungen und Ge- schwüre gebildet haben, lasse ich zur rascheren Ausscheidung der fauligen Stoffe die kühlfeuchten Halsumschläge abwechseln mit Dampfkontpressen(vierfach zusammengelegtes Handtuch wird in siedendes Wasser getaucht, mit einem Wollstück ange- faßt und ausgewrungen, in eine Lage Flanell gesteckt und um den Hals gelegt); die Dampftompreffen werden in einer Stunde drei- bis viermal erneuert. Nach dieser Prozedur wasche man den Hals mit tühlemsWasser; zwischen den Anwendungs- formen liege eine Pause von zivei bis vier Stunden. Nicht minder wichtig sind häufige Mundbäder. Ein Schluck ab- gestandenen Wassers wird mit der Zunge im Munde hin und Her- bewegt und so lange behalten, bis es einen schlechten Geschmack annimmt. Kleinen Kindern, die nocb nicht gurgeln können, wasche man den Mund öfter mit einem nassen leinenen Tüchlein aus und reiche ihnen einen Kaffeelöffel stubenwarmen Wassers. Die Verdauung ist gewöhnlich nicht in Ordnung, es besteht Stnhlverstopfting; da empfehlen fich dann täglich zwei laue Klystiere (26 Grad Steaumnr Wasser). Ringt der Körper mit Krankheitsstoffen, dann erschwere man ihm nicht den Sieg durch starke NahrungSzilfuhr. Die Appetit- losigkeit zeigt schon an, daß der Körper in diesem Kampfe nicht ge- stört werden will. Der beste Trank ist Citronenwasser(Citronen- und Obstsäure beeinflussen günstig die eitrigen Wucherungen) und die angemessene Diät sind schleimige Suppen und Breie' von Hafer- grütze, gedämpftes Obst, geschabte Acpfel, Apfelsinen, und dann bei wiederkehrender Eßlnst Gemüse mit Buttcrsauce oder dem sich auch hier außerordentlich bewährenden Liebigs Fleiich-Extrakt. ferner Gries-, Reis-, Milchspeisen und gedämpftes oder gebratenes Fleisch. Ilnd zu aller Zeit trage man Sorge für frische, reine Luft im Kraulenziuuner. Licht und' Lust sind die besten Helfer.— Dr. Heinrich W a s s m u t h. Kleines L'euillekvn. — Die Cntwirklung der maschinelle» Einrichtnngen in de» Theater» ivar das Thema eines Vortrages, den Fritz Brandt in der Versammlung des Vereins deutscher Maschinen-Jngcnienre hielt. Nach einem Bericht der„Boss. Ztg." führte er folgendes ans: Bis vor Ivenigen Jahren gab es beim Theater Maschinen im eigentlichen Sinne des Wortes nicht. Auch heute befinden sich in dem modernen Theater die jetzt eingeführten Maschinen nicht im eigentlichen Bühncnraum, sondern in möglichst entfernt gelegenen Neben- räuinen. Bei der eigentlichen Bühnentechnik kann man daher füglich nicht von Maschinen, sondern nur von Maschinerie», d. i. mechanischen Vorrichtungen, sprechen. Der Begriff„Bühnen- technil" umfaßt im engeren Sinuc alle Vorrichtungen der Bühne, die zur Anfstellung, Placierung, Bewegung von Gegenständen (Dekorationen) und Personen(Versenkungen, Flugvorrichtnngcn, Ver- Wandlungen u. f. tu.), sowie solche, die zur Erzeugung von Ge- ränschcn(Donner, Regen, Wind, Brandung), und schließlich solche, die zur Erziclung von Lichtwirkmigen(Signale, Blitze n. f. w.) dienen. Im weiteren Sinne umfaßt die Bühnentechnik einerseits die Konstnlktion des inneren Ausbaues des Bühnenhauses mit Maschinengalerien, Scknürbodcn. Transportvorrichtnngen u. f. w., ferner die Anlage des Bühnenhauses selbst und der Nebenräumlich- leiten. Andererseits umfaßt die Bühnentechnik im weiteren Sinne auch die Herstellung von mechanischen Specialvorrichtungen. Hierher gehören z. B. der Bewegirngsmechanismus zur Darstellung von künstlichen Tieren, wie Drachen, Lindwürmer, Vögel, ferner stürzende Bäume, ziehende Wolken, Wasserfälle. Das Gebiet der Bühnentechnik ist also ein äußerst mannigfaltiges und vielseitiges. Eine Hauptschwierigkeit für den ausführenden Techniker besteht darin, daß die Vorrichtungen bei ihrer Vcrwen- dung nicht von den» Publikum gesehen werden dürfen. Die Ent- Wickelung des Bühnenraumes begann bereits bei dem griechischen Theater mtd bei den Mysterienbühnen des Mittelalters. ES mögen hier einige historische Angaben über die Entwickelung des Theaters folgen: 1182 geistliche Schauspiele in London; 1250 Anfänge des ranzöfischen Dramas; 1379 ständiges Schauspiel in London; 1492 spanisches National-Theater; 1530 Hans Sachs' Komödien; in demselben Jahre wurde in Nürnberg durch die Zimst der Meistersinger das erste deutsche Schauspielhaus erbaut; Augsburg und andere deutsche Städte folgten. Ein scenischer Apparat, Dekorationen u. s. w. existierten jedoch zu damaliger Zeit so gut wie garnicht. Der die Bühne gegen den Zuschauerraum abschließende Vorhang sowie die Beleuchtung fehlten; diese war um deswillen überflüssig, weil nur bei Tage gespielt wurde. Nur die Bühne war mit einem Dache versehen. Im Jahre 1590 finden wir das erste ständige Pariser Theater. 1617 das erste Singspiel in Frankreich, 1645 die italienische komische Oper und 1660 die erste französische Oper in Paris. Während in ftüheren Zeiten die zahllosen Holzkonstruktionen der verschiedenen Maschinerien stets eine Quelle der Feuersgefahr bildeten. ist in der neueren Zeit infolge der Wiener Ringtheater- Katastrophe hierin ein tief- greifender Wandel eingetreten, infolgedessen das Eisen in weitestgehendem Maße als Konstruktionsmaterial Verwendung findet. Von den meist aus Italien(in erster Linie aus Venedig) stammenden Maschinerien des 17. Jahrhunderts bis zu den moderiien, mit allen Hilfsmitteln der Neuzeit eingerichteten Theatern zu Wien, Paris, Berlin und Wiesbaden wurden zahlreiche Beispiele erläutert und mit einander in Vergleich gesetzt. Deutschland steht in der Bühnentechnik an führender Stelle. Die neuesten und erfolgreichsten Fortschritte stehen unter dem Zeichen der Anstrebung thunlichster Fenerficherheit, somit der immer mehr und mehr zunehmenden Verwendung der Elektricität und Hydraulik.— — Der Wind und die Danipfschiffe. Ueber den Einfluß des Windes auf die Geschwindigkeit der Dampfschiffe hat v. Dincklage Beobachtungen während seiner Fahrten auf den Lloyddampfc'rn Werra und Fulda angestellt. Er niacht sich fast ausschließlich im ungünstigen Sinne geltend, steigert die Schnelligkeit der Schiffe, wenn er von achteren kommt, so gut wie gar nicht, wirkt von der Seite bei großer Stärke hemmend, und zwar bis zu 2 Knoten, und verlangsamt, wenn er von voni kommt, die Bewegung manchmal um 5 Knoten, das sind 8 bis 10 Kilometer in der Stunde. Voraus- gesetzt ist dabei die Schnelligkeit der oben genannten Dampfer. Langsamer fahrende Schiffe werden offenbar weniger ungünstig be- einflußt werden.—(„Tech. RÜndfch'.") Litterarisches. v — Ueber die e r st e n Anfänge des Journalismus veröffentlicht der Forschungsreisende Paul d'Enjoy in Paris einen Auffatz in der„Revue scicntifique", ans tvelchem das Wesentlichste hier mitgetheilt werden möge. Bekanntlich erblickt man in Europa in den„Acta diurna", jenem halboffiziellen Organ in Rom zu Cäsers Zeit, und den„Annales Maximi, deren„Redacteur" der Pontifex Maximus selbst war, die ersten Vorläufer unserer Zeitung, während die erste wirkliche Zeitung im 16. Jahrhundert in Venedig herauskam. Indessen gebührt nach den Ausführungen d'Enjoys nicht Venedig, sondern China, welches ja auch in so vielen anderen Erfindungen Europa voraus war, der Ruhm, die Journalistik in nnserenr Sinn, und zwar schon elf Jahrhunderte früher geschaffen zu haben. Unter den zahlreichen chinesischen Zei- tungen und Revuen nämlich, die noch heute erscheinen, liest Peking ein tägliches Journal, den„Kin-Pan"(Annalen), dessen erste Nummer vor 1100 Jahren, und eine Monatsschrift„Tsing-Nao"(Revue), deren erste Nummer vor 1400 Jahren erschienen ist, also zu einer Zeit wo Europa von den Scharen Attilas heimgesucht wurde. Die Buch: stoben, deren sich die Chinesen hierzu bedienten, waren auf Holz: qnadraten graviert. Die. Tsing-Nao" war eine lange Zeit ohin Konkurrentin; später aber erhielt sie eine solche in dem„Kin-Pan' der seine Leser nicht bloß in dem Kreise der Litteraten, sondern i einem größeren Publikum suchte und deshalb zuerst eine wöchentlii! erscheinende Revue und dann eine tägliche Zeitung wurde. Seit den Jahre 1830 erscheint der„Kin-Pan" sogar dreimal täglich, und zwa: ist er auch die erste Zeitung überhaupt, die— lange vor Europi und Amerika— in Farbe» erscheint. Die Morgenansgabe de! „Kin-Pan" ist gelb, die Mittagsausgabe weiß� und die Abend: ausgäbe grau. Was den Inhalt dieser ältesten Zeitung de> Welt betrifft, so beschränkte sie sich anfangs darauf, wichtige politische Ereignisse zu registrieren und seine Leser in dem un- geheuer weiten Reiche über die Feste, die Ceremonien anHofe. sowie den Kalender aufzuklären. Daneben veröffentlichte sie aber auch Erzählungen und Legenden. Später wurde der„Kin-Pan" auch wirklich„politisch", indem er politische Ereignisse nicht bloß registrierte, sondern auch besprach, kritisierte, ferner Nachrichten aus deni Auslande, von anderen asiatischen wie europäischen Höfen brachte, dann kamen auch noch Feuilletons hinzu. Niemals während der vielen Jahrhunderte wurde der„Kin-Pan" oder die„Tsiug-Rao" verboten oder konfisciert, und niemals waren ihre Rcdaktionsräume der Ort feindlicher Kundgebungen, selbst nicht in den bewegtesten Zeiten. Es ist dies, schreibt Paul d'Enjoy, ein besonderer Ruhm der chinesischen Zeitungen, die sich eine solche Achtung bei ihren Lesern erworben haben, sowohl wie des chinesischen Volkes,' welches einen solchen Respekt vor denen hat, die ihm täglich seine geistige Nahrung verschaffen, ein Umstand, der mit Rücksicht auf europäische Verhältnisse ausdrücklich verzeichnet zu werden verdient.— Theater. Russische Hofschauspieler vom kaiserlichen Mexandra- Theater mit Frau S ä w i n a an der Spitze eröffneten am Dienstag ein Gastspiel am Lessing-Theater. Eine volle russische Trichpe tritt damit zum ersten Male„in Europa", wie die Altrussen sagen würden, auf. Diese Thatsache allein ist für Berlin als Theater- stadt und internationales Sammelbecken auf dem Gebiet der Kunst markant. Die russischen Gäste suchen vermutlich das deutsche Vermittler- amt. Sie kommen ganz gewist nicht auf der Thalerjagd. sondern in ehrlicher künstlerischer Absicht zu uns. Für uns nur wird eS schwer, mit vergleichender Kunstbetrachtung an die Petersburger Schauspieler heranzutreten. Wir sind der' epischen Litteratnr Neu- Rustlands für kostbare Anregungen dankbar; wir wisien aber, dah dasselbe Rustland noch keine dramatische Kunstfonn bedeutsamer Art geschaffen hat: ein paar geistreiche Beispiele der Erzähler Turgenjew und Tolstoj fallen nicht ins Gewicht, wenn man von einer gröstzügigen Dramatik sprechen wollte. Wo die dramatische EntWickelung nur in engeren Grenzen gediehen ist, wo sie sich mannig- fach in Abhängigkeit von fremden Beispielen hielt: Wie steht's da um die Schauspielkunst, die natürliche Begleiterin und Vollenderin des dramatischen Kunstwerks? Vielleicht erwarten unsere Vorstellungen allerlei Exotisches. Wenn schon nicht eine verfeinerte, ganz intime Schauspielerei, so doch ein schauspielerisches Wesen nach ungebrochenen Rassen- instinkten. Darin erlebten wir nun. offen herausgesagt, vorerst eine Ernnchtenmg. Vielleicht spielten unsere Gäste in der ersten Befangenheit noch mit halber Kraft; vielleicht wählten sie das Ervffnungsstiick höchst unglücklich: eine flache, romantische Historie „Die Zauberin" von S p a s i n s k h, ein Stück, dessen Stil uns völlig veraltet vorkommen mustte. Jedenfalls hatte kaum einer von den Deutschen, die im Theater fasten, den Eindnick einer starken Nrspriinglichteit oder feinster schauspielerischer Künste davongetragen. Die Reklame- beilage, die den Theaterzetteln beigegeben wird, spricht von den Gästen als ersten Kräften der nisfischen Bühne, nennt Herrn G o r e w Rustlands gröstte« Tragöden und Frau Säwina„die erste ihres Fachs". Frau Sawina nun ist gewiß eine sehr kluge, intereffmNe Schauspielerin, sie macht vielerlei, aber sie bestürmt den Hörer incht. Herr Gorew konnte mir in einer kleinen, repräsentativen Rolle auftreten. Möglich ist ein traditioneller steifer Stil bei Stücken. Ivie der„Zauberin" geboten; und das Urteil über die russischen Künstler, die ja durchaus ernste Arbeiter find, dürfte sich ändern, lvcnn wir sie in modernen Dramen keimen lernen. Jedenfalls>var ihr erster Versuch nicht von erobernder Gewalt. Er bot, so weit es auf die reiche Ausstattung, auf typische Gestalten ankam, eher ein volksgeschichtliches als ein hohes künstlerisches Interesse. Eine Schenkwirtin an der Wolga ist die Hexe, die alles vermag, die mit ihrer Schönheit de» alten Fürsten von Rolvgorod, Ivie dessen Sohn Juri umstrickt und von der eifersüchtigen Fürstin, die sich als Nonne verkleidet, vergiftet wird. Dies in knappen Zügen der Inhalt des Dramas im Vilderbogeustil. Es wird noch Gelegenheit sein, rnf das russische Gastspiel zurückzukommen.——ff. Medizinisches. ss. Wichtige Untersuchungen über den ThphuL- bacilluS in der Milch haben zwei amerikanische Gelehrte. Bollch und Field, ausgeführt. Es sollte die Lebensfähigkeit dieses Keimes in der Milch und den Milchcrzcugnissen festgestellt werden. Zu diesem Zwecke lvurde zunächst Sahne»rit dem Typhusbacillus angesteckt und danu gebuttert, worauf sich die Bacillen noch ein Vierteljahr darauf lebend in der Butter uachiveiseu liesteu. Wenn aber die Buttermilch sorgfältig aus der Butter herausgearbeitet wurde, so Ivar ein Gedeihen der Bacillen ausgeschlossen. Daraus ist zu folgern, dast die Buttermilch der eigentliche Nährboden für sie ist. In Buttermilch können sie bis zu vier Monaten bestehen, und am Ende dieser Zeit vermochte eine geringe Menge der angesteckten Blcktermilch auf eine frische Milchprobe die KrailkhcitSkeime zu übertragen. Diese Versuche niüffen die als Getränt vielfach beliebte Buttermilch bei Typhusgefahr als ein sehr ungeeignetes NahrnngS- mittel erscheinen lasten.— Aus dem Gebiete der Chemie. — Ueber den Chlorgehalt des Tabaks teilt die „Chemiker- Zeitung" nach einem Bericht, den Pichard in der Academie des Sciences" über seine llntersnchungen gegeben hat. folgendes mit: Der Vortragende gab einen Beitrag zur Frage nach der Form und den Bedingungen, unter welchen das Chlor des BodenS gewöhnlich in die Lanopflanzen eintritt. Im Boden ist das Chlor meistenteils an Natrium gebunden enthalten. Viele Beobachter haben gezeigt, dah Natrium in Form von Sanerstoffsalzen sehr selten in den Laildpflanzcn ist; ja tu einzelnen Gramineen ist das Chlor sogar im Ueberschust gegenüber dem Natrium vorhanden. Der Vcr- fafser stellte neue Versuche an mit Tabakpflanzcn in ver- schiedenen Bodenarten skünstlichen kaliarmen, kalireichen, chlor- armen, chlorreichen, natürlichen u. s. w.) und kommt zu folgenden Schlüssen: Im allgemeinen ivächst der Chlor- gehakt des Tabaks mit dem Chlorreichtum des BodenS. DaS Chlor ist größtenteils, wenn nicht ausschließlich an Kali ge- blinden im Tabak vorhanden. In chlorreichem Boden ist die Tabak- pflanze ein wahrer Accumulator für Kaliumchlorid. Es ist wahr- cheinilch, dost die Salze des Natriums, die Nitrate, Sulfate und f ähnliche von den Wurzeln unmittelbar dem Erdreich zurückgegeben werden, das Kaliumchlorid dagegen festgehalten wird. Da, wie'Pichard in einer früheren Mitteilung gezeigt' hatte, die Salpetersäure des Bodens eine ausgeprägte Tendenz hat. an Kali gebunden in die Tabakstande einzudringen und dabei sogar sonst schwer assimilierbare Fornten des Kalis wie die des ThoveS oder der Silikate mit sich zu reisten. so entsteht bei gleichzeitiger Amvesenheit von Nitraten und Chloriden im Boden ein förmlicher Wettstreit. Wenn die Nitrate im Boden abnehmen, vermehrt sich der Chlorgehalt der Pflanze und umgelehrt.— Mineralogisches. — Von einem großen Krhstallfund berichtet man der „Gotthardpost": Schon vor einigen Tagen berichtete ein Auffcher der Granitunternehmimg im Riestwald, dast man auf ein großes Strahlband gestoßen sei und Bergkrystalle zu finden hoffe. Die Er- Wartung hat sich bestätigt. Als man am Dienstag der vorigen Woche um Mittag eine größere Felspartie absprengte, zeigte sich eine beträchtliche Oeffnung. die mit prachtvollen Krhstallgeivä'chsen besetzt Ivar. Sofortige Untersuchungen haben ergeben, dast man es mit einer Höhle von größerem Umfange und einem Funde zu thun hat. der an den berühmten Fund der Benier am Tiefengletsch erinnert. Die Krhstalle sind ebenfalls volldnnkel, so dast nian durch ein zoll- dickes Stück kaum den Schimmer einer elektrischen Flamme wahrzu- nehmen vermag, und es wurden bereits Prachtstücke von 20 Kilo- gramm Gewicht zu Tage gefördert.— Humoristisches. — Von der Schmiere. Schmiere ndirektor:„Hören Sie, ich nehme Sie in eine Konventionalstrafe von 25 Pfennigen, wenn Sie noch einmal während der Vorstellung als Leiche eine Prise nehmen!"— — Höhere Protzerei. Vater(zu seiner Tochter):„Was, aus Liebe Ivillst Du Dich heirate» lassen, wo Du Dir den aussuchen kaimst, der die meisten Schulden hat!"— — Druckfehler. Dichtet nicht, mtf daß ihr nicht gerichtet werdet.— ».. Er zog mit 100 Zeisigen gegen den Feind.— („Meggend. hin». Vl.") Notizen. o. Die Einnahme n der Pariser Theater beliesen sich im Jahre 1898 ans 31 140 543 Fr., eine Sinnnie, die, mit Ausnahme des Ausstellungsjahres 1889, seit 1850 nicht erreicht Ivorden ist. Bei der jetzt erreichten Höhe der Eiimahmen ist aber zu benick- sichtigen, dast seit 1891 die Cafe-Konzerts und ähnliche EtabliflenientS in die Liste mit nnfgenommcn worden sind. 1898 kamen ans sie allein 10 Millionen, auf die Theater also nur 21 Millionen Franks. Die höchsten Einnahmen hatten die Oper(2 980 777 Fr.), die Comedie Franyaise( 1 952 204 Fr.) und die Opera- Comique (1 912 936 Fr.)— — Zwei Stipendien der Felix Mendelssohn- Bartholdhscheii Stiftting. jedes im Bettage von 1500 M.. konmien am 1. Oktober zur Verteilung. Das eine ist für Kom- Position, das andere fttt ausübende T o n k ü n st l c r bc- stimmt. Die Bewerbungen nebst allen zugehörigen Papieren stttd bis zum 1. Juli er. an das Knratortnm für die Verwaltung der Felix MendelSiohn-Bartholdh-Stipendien, Berlin W., Potsdamerstr. 120, einzureichen. Die Verleihung des Stipendiums und der Nnterstützungen für ausübende Toiikünstler erfolgt auf Grund einer am 30. September er. in Berlin durch das Kuratorium abzuhaltenden Prüfung.— — Für die Berliner Gemäldegalerie stttd von dem „Kaiser Fricdrich-Mnseumsverein" sechs Werke anS der Sarnntlung niederländischer Bilder des Lord Hope erworben worden: eine kleine Landschaft von Rubens, ein hervorragendes Bild„Die Farm" von A. van der Velde, ein Interieur deS Hellmalers Jan van der Meer van Delft, ei« früher Stndicnkopf des Rembrandt-SchülerS Nie. M a e S. eine„Kindtaufe" des lustigen Jan. S t c e n, ein„Kirchdorf" des Architekttirmalers Jan van der Heyde, der bisher in Verlin nicht vertreten war.— — Eine neue Künstlergenossenschaft zu begründen hat eine von etwa 40 Malern besuchte Versammlimg einstimmig be- schlösse». Es sollen Auteilscheiiie ztt je 100 M. ausgegeben werden. Das Kapital soll zur Errtchtttttg emer Kranken- und Uttterstittzungs- lasse verwendet werden, während der Zweck der Genossenschaft, die als Genossenschaft mit beschränkter Haftung gerichtlich eingetragen werden soll, die Fortsetzung der deutschen Plakat- a u s st e l l n n g ist. Zur Beteiligung haben sich gegen 50 Künstler bereit erklärt.— — Mit der„ M o r a v i a" find bei Sable Island auch die ethnographischen Sammlungen und mehr als 1500 photographische Aufnahnten von Oswald K unHardt, des älteren der beiden weltteiseudeu Brüder, verloren gegangen.—_ Berliiitioortlichcr Redacteur: Augtist Jacoben in Berlin. Druck und Benag von Max Babing in Berlin.