Mnlerhattlmgsblatt des Horwärts Nr� 70. Sonntag, den 9. April. 1899 (Nachdruck verboten.) ez Der Schuldige? Roman von Hector Malot. Sie sagte das mit dem stolzen Selbstvertrauen einer Frau. die aus Erfahning Meist, dast sie den Schlüssel zum Zivcifel und zum Glauben in ihren Händen hält, der sich je nach ihrem Belieben öffnet oder schließt. „Ich setzte Dir in nichts einen Widerstand entgegen," fuhr sie fort,—„Du»vünschtest, daß ich mein und er sein Schlaf- zimmer haben sollte. Ich willigte ein. Und da die Männer bei dem, was sie fordern, stets heuchlerische Hintergedanken siaben, so fügte ich mich, wie schwierig es auch war, darein, oie angenonimenen Gewohnheiten zu ändern. Es war sicherlich nicht leicht, einem Manne, der niemals geschnarcht hat, ein- zureden, dast seine Frau, durch sein Schnarchen am Schlafen verhindert, krank und hinfällig werde. Endlich willigte er ein, ich besaß mein eigenes Schlafzimmer, das ich des Nachts be- Itcbig verlassen konnte. Was Vernunft und jtlugheit rieten, wurde also vollzogen: alle Vorsichtsmaßregeln waren ge- troffen." „Doch nicht alle, wie Du heute siehst." „Sehr richtig: aber gesetzt, es wären gar keine getroffen worden und wir hätten die Dinge fortgesetzt, wie zur Zeit unserer ersten Zusammenkünfte, als mein Mann und ich noch ein gemeinsames Zimmer hatten." „Das gemeinschaftliche Zimmer würde ihn nicht verhindert haben, sein Haus mittels Elcktricität verschließen zu lassen, sobald er Ftistspuren wahrnahm." „Ohne Zweifel nicht; aber ich hätte dann nur. wenn wir uns nachts sehen wollten, vor dem Hinausgehen den Hebel des Läutewerkes aufzuheben brauchen, und könnte derart die Thören ohne Geräusch öffnen; zurückkehrend hätte ich ihn wieder heruntergelassen. Alles das wäre ohne Geräusch. ohne Mühe und Gefahr mit vollständiger Sicherheit vor sich gegangen." „Was hilft das? Jetzt liegen einmal die Dinge anders." „Leider I Ich frage mich, wie ich, wenn die Alarm- klinget gelegt wird, ohne Geräusch das Haus verlassen und zu Dir gelangen kann. Wie fest er auch schläft, so werde ich doch neunzigmal unter hundert die Gefahr laufen, ihn aufzuwecken." ..Das habe ich mir auch gesagt und darum sahst Du mich vorhin so gedankenvoll." „Beim ersten Male wurde nicht gleich alles verloren sein; ich würde utich ebenso herausziehen, wie ich mich vereidigt hätte, wenn er mich im Pavillon aufgesucht haben würde: Ich wollte eben hinaus, um Luft zu schöpfen. Da ich für nervös und phantastisch gelte, so sollen inir diese Schwächen wenigstens auch zu etwas dienen. Aber für das zweite und dritte Mal „Also?" Mit einer Gcberde der Ohnmacht heb sie die Arme empor und zog die Schultern in die Höhe: „Keine Möglichkeit!" „Hältst Du für möglich, dast wir darauf verzichteten, uns ferner zu sehen?" „Und Du?" Sie blickten einander an und mirnttenlang blieben ihre Augen ineinander versenkt, ohne dast sie ein Wort sprachen; ungestüm zog er sie dann an sich, erfaßte ihre Hände und sragtc in hcftigenl Tone: „Bist Du zu allent bereit, damit wir uns nicht trennen müssen?" „Zu allem l" „Wohlan, so last uns fliehen?" «Sie sank ihm in die Arme und rief: „Oh! wie schön Tu das gesagt hast!" „Sieh in meinen Worten nur das Gefühl und die Auf- richtigkeit der Leidenschaft. Ich habe niemals den Umfang und die Tiefe ntcincr Liebe zu Dir so empfunden, wie in diesem Augenblicke. Gestern liebte ich Dich, d. h. ich dachte mir mit zärtlicher oder hcfttger Bewegung an Dich; Tag und Nacht wiederholte ich Deinen Namen, der mir, wie Musik. Geist und Herz gefangen nahm; iiKim sich der Augenblick eines Zusainnlcnseiits mit Dir näherte, war ich fieberhaft aufgeregt, gleichgültig gegen alles; ich befand mich wie in einem Traume, gleichsam dahin» schwebend; wenn wir uns verlassen hatten, kam ich mir wie ein unbestimmtes Wesen, wie ein Hypnottsierter vor. der weder Vernunft noch Willen mehr besitzt, der gefühllos, träge und leer ist; aber die wahre Kraft unseres Bandes habe ich erst in dem Augenblick gefühlt, als ich an die Möglichkeit dachte. Dich zu verlieren. Während sich meine Augen in die Deinigen senkten, wurde mein Herz von so hcfttger Angst zusammen- geschnürt, dast es zu schlagen aufhörte, und inir tvar's, als legte sich die Hand des Todes auf mich." „Wie hast Du Dir doch einbilden können, dast ich auch nur an die Möglichkeit einer Trennung dächte! Meine Ge- fühle sind genau dieselben, wie die Deinigen, nnr mit dem Unterschied, dast ich nicht bis heute wartete, um mir Rechenschaft über dieselben abzulegen. Schon mit dem Tage, an welchent Du dieses Haus betratest, war ich Dein. Ist das nicht das sicherste Zeichen, das der eine für den andern erschaffen ist? Du sagtest soeben, dast Du die Hand des Todes zu fühlen glaubtest, als Du an die Möglichkeit einer Trennung dachtest; ich empfand schon viel früher eine gleiche Angst bei der Frage, ob Du mich jemals so lieben würdest..... wie ich geliebt sein wollte." „Welche Kinderei!" „Ich empfand eben Furcht, gräßliche Ftircht! Furcht vor Dir und vor mir selbst. Du weißt nicht, dast Dir. als Du hier- herkamst, ein Ruf vorausging, der mich beunruhigen mußte. Eines Abends, als mein Mann von Rouen zurückkam, sagte er zu mir:„Heute Morgen habe ich mir einen Sekretär ausschwatzen lassen, der. wie ich glaube, durchaus nicht für mich paßt. Es ist ein Junge, der aus Paris kommt; dort hat er sein Studium und sein Volontariat abgemacht, vor allem aber sein mütter- liches Erbteil mit Frauenzimmern verjubelt. Ich konnte dem Flehen seines Vaters, es wenigstens mit ihm zu ver- suchen, nicht widerstehen." Denke Dir daS Prestige! Ei« Mann. der sein Erbteil mit Frauenzimmern durch- gebracht hat!" „In der That scheint mir. dast diese Aeußerung von einem Ehcinaitn nicht sehr klug war." „Sage gleich: sie war eine große Dummheit. Du kannst Dir denken, mit welcher Neugier ich'dicscn Pariser Sieger er- wartete. Ich sah Dich, und meui erster Eindruck war der, den ich Dir geschstdcrt habe; ich fand, dast Du ein hübscher Kerl seist und in allem, in Wuchs, Gang, Blick, Stimme, mit Deinem blonden Haar, Deinen weißen Zähnen und Deinen frischen Lippen dem Ideal entsprachst, das ich mir von einem Geliebten gebildet hatte, und sofort war ich Dem. mit dem Herzen, mit dein Geiste: mit meinem ganzen Sein. Es zog mich so mächtig zu Dir hin, dast ich selbst darüber erschrak, denn es genügte mir nicht. Dir anzugehören: ich wollte auch, dast Du mein seiest. Ich fragte mich, ob mir dies gelingen würde, ob ich, wenn Du in einer Stunde der Ueberraschung oder der Lange- weile Dich mir nähertest, auch so viel Einfluß auf Dich ge- Winnen würde, um Dich unauflöslich an mich zu sesseln." „Jetzt weißt Du es." „Damals wußte ich es aber nicht lind meine Bescheidenheit liest mich zweifeln, ob der Pariser Sieger nicht die Pro- vinzialin unbedeutend finden würde. Konnte ich wissen, ob ich. das unregelmäßige und seltsame Geschöpf, anderen Frauen so wenig ähnlich. Dir gefallen würde?" „Aber Du bist ja die Verführung selbst!" Weim dieses Wort auch nicht ganz zutraf, so hatte es doch einen Teil Wahrheit in sich. Auf ihrem schlangenartig vibrircnden Körper ruhte ein kleines Köpfchen, dessen schwarzes Haar über große, grünlich graue Augen herabfiel. Der Mund war groß und die Form der Nase so undefinierbar, dast man sich dieselbe, sobald man sie nicht mehr sah. auch nicht mehr vorzustellen vermochte. Beim besten Willen konnte man die-Z alles nicht hübsch finden. Und trotzdem machten ihre feinen zarten Umriffe einen unwiderstehlichen Eindruck. Sie kleidete sich stets in glänzendes Schwarz und verstand es, durch ihr seltsames Wesen, ja gerade durch ihre abtrorme, bewegliche Erscheinung, welche eine gewisse picbenswürdige Ungezogenheit — die Normänner nannten das geringschätzig„Pariser Chic"— noch mehr hervorhob, die schönsten Frauen in den Schatten zu stellen. „Tu weißt", fuhr sie fort,„daß ich. bevor ich Dich kannte, wit Huldigungen nicht gerade verwöhnt wurde, ausgenommen von meiner Mutter, die mich als Kind reizend fand; allein ich verlor sie schon mit zehn Jahren. Im Kloster war ich „teuflisch, affcnhast, grotesk, ein Ungeheuer"; das wiederholten mir voni Morgen bis zum Abend nicht nur die erziehenden Schwestern, sondern auch meine Kameradinnen. Als ich mich verheiratete, nahm mich mein Gatte nicht wegen meiner Person, sondern wegen meines Vermögens, und als er mich näher kennen lernte, bemerkte er mit Verdruß, daß ich nichts von dem besaß, was er bei den Frauen liebte. Darauf wurde ich für ihn eine Spinne. So nennt er mich an den guten Tagen seiner Nachsicht; an den schlimmen verbrennt er mit seiner Cigarre die wirklichen Spinnen in ihren Netzen. DaS ist ihm eine Erleichterung und eine Rache, und ohiie Zweifel denkt er dabei ebenso sehr, ja vielleicht noch mehr an»»ich, als an seine Opfer. Die Art und Weise, wie mich seine Freunde und die Besucher unseres Hauses in diesen drei Jahren meiner Ehe behandelten, war auch nichts weniger als geeignet, in nur den Gedanken zu erwecken, ich sei unwiderstehlich. Sie betrachteten mich wie ein seltsames Tierchen, ein Eichhörnchen oder einen Papagei, niit dem man einen Augenblick spielt, weil es so drollig ist, aber nicht als eine Frau, welche Leidenschaft zu empfinden und zu befriedigen versteht. Da kamst Du, und als unsere Blicke sich trafen, fühlte ich sofort, daß meine Tage nicht länger traurig, öde und verzweifelt hinfließen würden, wie seit drei Jahren. Und ich habe mich nicht getäuscht. Dir verdanke ich ein neues Leben niit Ideen und Wonnen, die ich nicht ahnte. Und ich sollte in eine. Trennung willigen l Ich sollte ohne Deine Küsse und Liebkosungen leben! Das wäre für mich der Tod! Wie kannst Du, geliebter Antonin, das fiir möglich halten?" „Nun denn, so lass' uns entfliehen!" «Wenn ich frei wäre, würdest Du mich als Deine Frau haben wollen?" „Ja. tausendmal ja, ich kann ohne Dich nicht leben." „Ich ebenso wenig ohne Dich, aber ich bin ja nicht frei." „Wenn wir fliehen, so wirst Du geschieden werden." „Das sagst Du?" „Gewiß. Jedermann weiß, daß Dein Mann Dich nicht liebt. Es ist allgemein bekannt, daß er seit seiner Verheiratung fortfährt, wie zur Zeit seines Junggesellcnlebens, den Frauen- zimmern nachzulaufen, und daß er sogar dadurch bei seinen Kollegen in schlechten Ruf gerathen ist." (Fortsetzung folgt.) Sonnkttgsplattvevet. Auf einem idpllisib gelegenen Dorftirchhof bei Winterthnr wurde ln diesen Tagen ein Mann zu Grabe gebettet, der während seines ganzen Lebens einer der unruhevollsten Kopfe war und in seinem ficberhasten Spekulationsdrang zugleich einen besonderen neuzeitlichen Typus darstellte. Um so deutlicher hebt sich dieser Typus ab, als er nicht etwa unter weiten amerikanischen oder unter anderen grotzstaatlichen Verhältnissen aufwuchs, sondern die Schweiz seine Heimat nannte. Am Mittwoch nach Osten, wurde der Großuntenrehmer und Eiscnbahn-Hcrr Guycr-Zellcr beerdigt. Seine letzte Spekulation vollendet zu sehen, war ihm nicht vergönnt. Es handelt sich um das Projekt der Jungfraubah», an der noch gearbeitet wird und die weit stärkeren technischen Schwierigkeiten zu begegnen scheint, als man beim hoffmnigsfrohen Beginn glaubte. Leicht mag der Verstorbene für irgend welche gutbiirgcrliche Anschauung im verklärten Licht erscheinen. Das Ideal des Mannes. der sich selbst groß gemacht hat; das Ideal des Mensche», der aus unbedeutenden Anfängen heraus zu mammonistischer Höhe gelangt war; der in seinen Instinkten dafür, wo Gold zu haben sei. förmlich eine heimliche Wsinschclrute besaß. Welch ein Beispiel! Wie kann es eine wohlerzogene Jugend anfeuern, allen idealistischen Träume- reien, allen senlinientalen Neigungen und Verliebtheiten zu entsagen, und dem Erobcrertypus ähnlich zu werden, wie ihn selbst in kleinen Lande» der echt moderne Heerführer Gnyer-Zeller darstellt. Er führte keine Soldaten, aber Akticnschcine an. Mit ihnen suchte er seine Strategie zu bewähren; und er war ein rücksichtsloser, harter Stratege. Von der Harmonie, die das Altertum etwa als McnschhcitSideal aufstellte, war in ihm keine Spur zu finden. Er war bei seiner Einseitigkeit, die eines imponierenden Zugs gewiß nicht entbehrte, in allem das strikte Gegenteil einer harnronischen Natur. Ihn hetzte das Hirn von mämmonistischen zu mammonistischen Phantasie», seit ihm zuerst der Streich gelungen war, auf günstigere Chancen der Gotthard- bahn zu spekulieren. Er war, wie ein Mann, der eine bestimmte MuSkelgruppe ins erstaunliche anstrengt und schwellen läßt; die anderen Gruppen mögen verkümmern. Bei diesen, Maim vom modern- härtesten Gepräge fanden sich mich jene mildernden Züge nicht, auf die man bei manch anderem Groß- uMcriichmer stößt, wie sie etwa die Smumclstende. die künstlerische Liebhaberei bei dem dänischen Groß-Brauer Jacobsen find. In ihm pochte immer wieder die unruhvolle, nimmer rastende Stimme: vcr- mehren, vermehren und vermehren! Von privat- kapitalistischer Seite ist eS nur konsequent gedacht, wenn sie solche moderne Erobercrnatnr und die Energie. die ihr innewohnt, als � die Quelle des Fortschritts. als Bahnbrecher für gewaltige civilisatorische Unternehmungen hinstellt und preist. Der Schweizer Eisenbahnkönig hat die Zeit begriffen, so heißt es dann. Was die Hautzmann und Sttousberg für die großstädtische Entwicklung waren, das war der wagemuttge Schweizer Ingenieur für die Entivicklnng der Fremdenindustrie und des Spott» triebes. Verkehr und Sporttrieb sind ja markante Zeichen unserer Tage. Die äußerste Profitgier, so kalkuliert man dann weiter, mag ivohl nicht sehr reinlich sein, aber sie war es doch, die durch Guyer-Zellcr Berge durchbrach und Weiten verband. Sie führte Schienenstränge auf sto'� Höhen, sie befeuette die technische Erfindungsgabe, sie ließ Prunk- Hotels entstehen, und wo nian früher in dürftigen Almhütten eine verstaubte Käscttnde und halbverschimmeltes Brot vorfand, da können heute die Fremdlinge Soupers von sechs Gängen zu sich nehmen. beue die Fremdtinge, die es dazu haben. Und ein Gedanke, den man vordem kaum' in schwindelndem Traum hätte fassen können, gewinnt greifbare Formen, der inenschliche Witz triumphiert in einem der stolzeste!, Pläne: Im Gestein unter schimmernden Schnee- und Gletschcrpaläste» wird ein Riesentnnnel gehauen und gcbohtt und jeder bummelnde Flaps wird auf eine Höhe von über 4000 Metern mitten in die erhabenste Eislandschaft fahre» können, vorausgesetzt, daß er mit Gold beladen ist. Verkehr und Sport! Wie viele arbeitende Kräfte bei den, mächtigsten, sensationellsten Unteniehmcn im Dienst des Sporttricbs aufgerieben worden sind, wie viele die Keime zum Siechtum dott oben unter der starren Glctscherpracht sich holen, davon ist bei dem Preisgesang auf die Heroen pttvattapitalistischen DraufgängerttimS nicht die Rede. Wozu auch? Handelt fich's doch mir um arine Italiener, die daheim doch nur halb vegetieren und halb Hungen,. Im übrigen nimmt nian den Teil für das Ganze. Gewiß wäre eS Beschränkung, überall nur den Moglichkeitsstandpunkt gelten zu lassen: und der menschliche Geist wird fich's nie nehmen lassen, ein kühnes Problem um der bloßen Kühnheit und nicht um irgend einer praktische» Folge wegen durchzusinnen. Ist aber das Walten eines modernen Eroberers,' das doch zumeist wieder nur im Dienst der Zahlungsfähigen steht, wirklich so groß und so rühmenswert, wie man es zeigen möchte, weil doch der privatkapitalistische Anternehnierfim, als der stärkste moderne Civilisator ver- herrlicht werden soll? Warum sorgt man nicht dafür, daß. die Lebensbeschreibung eines Mannes, wie Guyer-Zcller als Erbauungs- büchlcin für die Jugend erscheine. Haben seine Kapitalien und seine Aktien-Unternchniungen nicht die Phantasie von Dutzenden geistiger Arbeiter beschäftigt? Wer hat den Gehirnen von Ingenieuren und Bautechnikern Ziel und Richtung gewiesen? Daß all' diese Gehirne und Taufende von Händen doch nur unfrei und in Lohnsklaverei arbeiteten, das verschweigt man klüglich. Die Frage stellt niemand: Wie, wenn all die erfindungsreichen Köpfe, statt im Bann Zellerscher Aitienpapicre. sich hätten frei entfalten dürfen? Wären sie dann nicht zu höheren, wettvolleren Combi- Nationen gelangt oder hätte» sie möglicherweise nicht irgend eine allgemein gültige Wahrheit gefunden und bedeuwngsvollcre Probleme gelöst, als sie in pttvatkapitalistischem Zwang bei gebundener Marschroute vermochten? Welche Kläglichkeit, zu verschweigen, daß es geistige, künstlerische wie wissenschaftliche Arbeit gebe, die zunächst gar nicht um des Lohnes willen in Augttff genommen werde; daß innere Anttiebe hierzu, der Drang ins allgemeine so stark wirken können, wie Zwangsvorstellungen, die den Mensche» nicht loslassen. Dichter und Erfinder, Forscher und gelehrte Agi- tatorcn legen in der Menschheitsgeschichte so mannigfache Zeugnisse davon ab.' Man braucht dabei nicht einmal die Begriffe vom Edlen und Gemeinen in der Mcuschcinialnr zu sonder». Es handelt sich nicht um gut oder böse. Es handelt sich um innerliche Impulse. Sie können das mathematische Genie etwa derart bescbästigen, daß es mit voller Intensität über irgend einem mathematischen Problem bttitet, weder Gewinn noch selbst Befttedigung des Ehrgeizes vor Augen. Aber nian nimmt den Teil für das Ganze und für den ungeheuer entwickelten Thatcnttteb der Menschheit, für all die hundertfachen Anregungen setzt man das pttvatkapitalistische Exempel. Es ist die allein treibende Kraft im Räderwerk; und so wird der Gewaltherr über pttvatkapitalistische Unternehmungen zun, wahren Herren der modernen Zeit verklätt. Vom Zucken seiner Augenbrauen hängt der Fortschritt und der vcrn, ehrte Kulturbesitz ab. Wo seine Hand sich segnend ausbreitet, da sptteßt die Saat für kommende Geschlechter; wo sie abwehrt, da herrscht Dürre. Es ziemt sich, daß man der modernen Heroen und Heerführer mit Pietät gedenke. Selbst die ScntimcMs, die Empfindungen, denen sie� bei Lebzeiten auch für keine Minute Gehör schenken, werden ihnen zu Liebe hervorgeholt, wen» ihr Lebenswerk vollbracht ist. terr Guycr-Zeller hat sich mit Kleinlichkeiten nicht abgegeben. Für lötentöne und sanfte Gefühle hatte dieser Rauhe kein Ohr. Ein unjttedlicher Mann stand er gern allein. Ein Kommandeur »hne Freunde. Nicht ein Schein von Liebe ist wohl Uon ihm ausgegangen, und er hätte vielleicht selber über den Naive» gespöttelt, der diesen Schein von ihm verlangt hätte. Kalt und starr, fast maschinengleich arbeitete es in ihm; und eine Laune vielleicht war es, in der der Eisenbahnkönig und Grotzunter- nehmer den Wunsch aussprach, auf dem idyllischen Friedhof bei Winterthur begraben zu werden. Was Könige wünschen, wird erfüllt und über ihre Launen stellt man tiefsinnige Bettachtungen an. So hat denn die Senttmentalität sich auch des toten Gray- spekulanten angenommen. Nicht bloß der Segenspender ist er, der Menschengehirne befruchtete und Menschenhände zu stolzer Kultur- thätigleit' elektrisierte; nein, auch der bescheidene Erdeuwanderer ist dieser Ruhelose, der sich seine letzte schlichte Nnhestätte selber aussah, am idyllischen Hang, an einer friedlichen Stelle. Setzen die Menschen, die also scntimcntalisch werde», nicht aller Ironie noch einen letzten Trumpf hinzu? Kleines Feuillekon. — Wie die Niederländer vor dreihundert Jahre» Uber de» Tabak dachten. Unter diesem Titel eittiinnmt die„Deutsche Wochenztg. in den Nieder!." einem altholländischen„Crnydeboek" lKräutcrbuch) folgende interessante Zeilen:„Um den Rauch dieses Krautes aufzufangen, Pflegen die Bewohner jener Länder, in denen dieses wächst, ein trockenes Blatt des Pcsu oder Tabak in ein auf- gerolltes oder zusammengefaltetes Dattclbaumblatt zu stecken, dasselbe an einem Ende anzuzünden, den Rauch und Geruch desselben mit offenem Munde aufzufangen. Denn der also eingezogene Dampf ist ini stände, alle Schnicrzen und Leiden des Körpers zu versüßen oder zu bannen und auch Hunger und Durst zu stillen; zudem erzeugt er anfänglich eine gewisse Fröhlichkeit, aber etwas länger und in großen Mengen gebraucht, ruft er Trunkenheit hervor, zuweilen noch mehr, wie der allerschwerste Wein." Es wird auch versichert, daß durch diesen Ranch viel Feuchtigkeit(feuchte Säfte) durch den Mund ausgespuckt und als solche Teile aus dem Gehirn entfernt iverden, die diesem nachteilig sind. NicolacS Monardis war der Meinung, daß der Tabak warin und ttockcn von Art sei, nämlich im zweiten Grad, und auch die Kraft besitze, zu desinficieren, falls ihm noch einige Kleinigkeiten beigemengt werdcy. Außer den hier angegebenen Eigenschaften besitze er auch noch eine betäubende und gefühllos machende Kraft; so ver- möge er auch den Bauch weich zu machen und, waS noch mehr sagen will, er wirke gegen Gift und schädliche Dinge, die man eingenommen haben könnte.„Diese heiße Kraft, die den» Gewächs innewohnt, zeigt sich zur Genüge in den Blättern, die so scharf sind, daß man die Slbärfc nicht allein durch den Geschmack auf der Zunge, sondern auch auf wunden und nervigen Körperteilen gewahr werden kann, sobald man die grünen Blätter darauf legt. Die betäubende und gefühllos machende Kraft des Gewächses ist ebenfalls leicht zu er- kennen und wahrzunehmen; denn wenn man den Rauch davon durch Mund und Nasenlöcher aufgefangen hat, kau» man ihn im Gehirn und im Gemüt verspüren, gleich als ob man betrunken ist, und nach dein Genüsse folgt ein mehr oder weniger kräftiger Schlaf, oftmals, als hätte man Opium eingenommen. In gleichem Maße ist dieser Tabak oder dieses indianische Bilsenkraut scharf und heiß auf der Zunge, so lange es da nicht bereits seine betäubende und gefühllos machende Wirkung erzeugt hat." Ferner— so erzählt derselbe Nicolaes Monardis— haben die Blätter die Kraft, Kopfgeschtviirc, welcher Art dieselben auch sein mögen, zu heilen, wenn man die Blätter nur darauf legt; auch vermögen sie verdorbenen oder erkälteten Magen, besonders bei Kindern zu genesen, Nierenschmerzen zu lindern,' jedes Weh an allen Gliedern zu beschwichtigen und zu versüßen, wenn die Blätter auf warme Asche und dann auf die tranken Glieder gelegt werden. Dies Kraut ist auch geeignet, den Zahnschmerz zu vertreibe», wenn man ein Tuch in den Saft dcffelbcn taucht, hicnnit den Zahn anfeuchtet und reibt und dann auf den Zahn eine Pille oder ein Bällchen von genannten Blättern legt. Der Saft des Tabaks, mit Zucker ver- schnitten und eingenommen, vertreibt die Würmer aus dem Bauch, aber man mutz zugleich»och ein Blatt desselben Krautes auf den Nabel legen. In Holland pflegt man diese Tabaksblätter auch gegen rauhe und gesprungene Haut anzuwenden und andere Wunden damit zu genesen. Der Saft reinigt alle unsauberen und veralteten Wunden vollständig.— ie. Die Zahl der Worte i» de» verschiedene» Sprache». Die englische Sprache ist unter den europäischen Sprachen die ivort- reichste, und zwar hat sich die Zahl ihrer Worte in der letzten Hälfte unseres Jahrhunderts in ganz erstaunlichem Grade vermehrt. Die nenestcn Wörterbücher, unter denen das Oxforder von Dr. Murray daö bedeutendste ist, enthalten insgesamt nicht weniger als 260 000 verschiedene Worte. An zweiter Stelle steht die deutsche Sprache mit 80 000 Worten, dann folge» die italienische mit 4ö000, die französische mit 30000 und die spanische mit 20000 Worten. Unter den orientalischen Sprachen ist das Arabische die umfangreichste und übertrifft an Wortzahl auch das Englische noch ganz bedeutend. Die Chinesen besitzen etiva 10 000 Silbcnzcichen. die zu 49 000 Worten zusaminengesetzt werden. Eine außerordentlich wortreiche Sprache ist auch das Tamil, die Sprache der altindischen Bevölkerung der Dravidas, die jetzt nur noch in Süd-Jndicn gesprochen wird und nach den letzten Zählungen über 07 642 Worte verfügt. Das Türkische mit 22 530 Worten ist immerhin noch reicher als manche europäische Sprache, z. B. als daS Spanische. Auf den Hawai-Jnseln gebietet der Dialekt der Ein« geborenen immerhin noch über 15 500 Worte. Sehr an» sind da« gegen die Sprachen der meisten Naturvölker. Die Kaffernstämme Süd-Afrikas haben nur etwa 8000 Worte zur Verfügung, die Ein« geborenen von Austtalien gar nur 2000 Worte.— Theater. Lessing» Theater. Den russischen Hofschau« s p i e l e r n gelingt es besser in Konversationsdramen aus der Gegenwart, als in den nattsnalrusstschen Jambcnhistorien, die sie mit einer gewissen steifen Gemessenheit und Wohlanständigkeit spielen. In Dumas'„Cameliendame� war der Beifall, der so« wohl der Frau Salvina. als dem gesamten Ensemble gezollt wurde, zeitweise sogar sehr lebhaft. Und doch ist für den, der schärfer zu- sieht, eigentlich schöpferische Genialität nicht das, was den Vorzug der russischen Künstler ausmacht. Frau Sawina ist eine interessante Schauspielerin. Rein technisch lvar ihre Caineliendame am letzten Freitag völlig ausgeglichene Virtuosität. Ja. sie war stellen« weise«nehr. Wenn Marguerite zum Schluß des dritten Aktes, wie ein Weib, von dem alle Kraft genommen ist und das in Müdigkeit vergeht, sich von Armand wendet, so wirkte der Moment wie ein Stück einer verzweifelten Menschengeschichte, wie das Abbild todwunder Melancholie. Neben solcher vcrinnerliehten Darstellimgskunst gicdt es wieder lange Strecken, wo der Gemüts« ausdrnck nicht so deutlich, gedämpft gleichsam vorbricht oder Ivo virtuose Fertigkeit für klare Beseelung eintritt. Ungezwungen, aber auch ein wenig gedämpft giebt sich der Konversationsstil der Rnssen. Darüber noch einige Worte zum Schluß des Gastspiels.—'— tk. Erziehung und Unterricht. c. Die Frequenz der deutschen Universitäten seit dem Jahre 1831 veranschaulicht eine umfassende tabellarische Uebersicht. die in dem neuen Heft der„Jahrbücher für Nattonal- ökonomie und Stattstik" veröffentlicht wird. Danach ist die Gesamtzahl der immatrikulierten Studenten und Pharinaceuten auf allen deutschen Universitäten von 13 029 im Durchschnitt der Semester von 1831/32 bis 1836 auf 32 336 im Wintersemester 1898/99 gestiegen. In den Jahren 1836—1846 sinkt diese Durchschnittszahl noch einmal um fast 1500, hält sich 1846—1856 in der s öhe von 12 029 und 12 351 und beginnt dann regelmäßig zu steigen. 1861/62 bis 1366 gab es im Durchschnitt 13 234 Studenten, 1871/72 bis 1876 schon 16 124. In den folgenden zehn Jahren sind die stärksten Aufstiege zu verzeichnen: 1876/77— 1881 auf 19 568, und 1881/82—86 sogar auf 25 858. Dann steigt die Zahl ziemlich regelniäßig weiter zu der bereits angegebenen Zahl 32 336 im letzten Seniester. Interessant iverden diese Angaben besonders, wenn sie in Beziehnng zu dem Wachstum der Bevölkerung gesetzt werden. Auch hier zeigt sich eine starke prozenwalc Zunahme. Ans eine Million Einwohner kommen 1831—1841: 395 Studierende. 1341—51: 345, 1351—61: 335, 1861—71: 341, 1871—81: 415, 1881—91: 581, 1891/92—96: 550 und im letzten Semester: 599. In den verschiedenen Fakultäten zeigen in dem ganzen Zeitraum den stärksten Zuwachs die Philo- sophen inkl. Pharinaceuten, Kamerai. usw. von 2395 auf 11497, alsdann die Mediziner von 2579 auf 7380; auch die Juristen sind bedeutend zahlreicher geworden: ihre Zahl ist von 3642 auf 8925 gestiegen.— Archäologisches. — Vom deutschen Institut in Athen wurden unier der Leitung deS Dr. Rubenson Ausgrabungen in Paros vorgenom, nen. Hauptzweck war, wie der„Köln. Ztg." geschrieben wird, die Lage der alten Hauptstadt, die sicher an der Stelle der heutigen Stadt Parilia gelegen hat, festzustellen, was auch zum größten Teil gelang. Die Umfassungsmauern sind fast ganz aufgefunden. Wo die Mauern nördlich und südlich zu den beiden Häfen führten, konnte nicht klargestellt werden, da das antike Material zum Bau der neuen Stadt verbraucht ist. Die aufgefundenen Mauern, gegen die einst Miltiades nichts ausrichten konnte, sind sogenannte Füllmauern, auf beiden Seiten von großen Glimmerschiefcrblöcken hergestellt und der hohle Raum dazwischen durch kleinere Steine und Schutt ausgefüllt. Fundamente von Thoren fand man nicht, wohl aber die eines Turmes und eines WasscrdurchlasseS fiir ein meist trockenes Flußbett. Auf einer Terrasse südlich von der Stadt wurde bei einer heute noch fließenden Quelle das anttke Marmorbccken derselben aufgedeckt und davor die Fundamente eines antiken Gebäudes. Um einen Hof herum scheint eine Reihe von Gemächern angeordnet zu sein, es ist daher nicht an einen Tempel des Aeskulap zu denke», sondern nach Art des in Epidaurus aufgefundenen Gebäudes an ein Sanatorium des Aeskulap. Die Gemächer dienten zur Aufnahme von Kranken, die an der dem Aeskulap geheiligten Quelle Heilung suchten. Inmitten des Hofes, gerade der Quelle gegenüber, fand man die Fundamente eines Altars, auf dem Aeskulap Opfer dargebracht wurden. Wie aber in Epidaurus zuerst Apollo verehrt wurde und später Aeskulap, so geschah es augenscheinlich auch in Paros, denn in einer Inschrift findet sich' der Dativ Phoibo, und man fand den Torso einer Jünglingsstawe in der Nähe, die augenscheinlich den Apollo darstellen soll. Auf der Terrasse über dieser Anlage für den Aeskulap wurden andere antike Grund- mancni bloßgelegt, die als zu einem Tempel des Apollo und Aeskulap gehörig betrachtet werden. Auf einer anderen Terrasse wurde die Anlage eineS Aphroditeheiligtums gefunden. Der Aphrodite war hier die Hestia zugesellt und unterhalb dieser Terrasse,»viederum in der Nähe einer Quelle, waren Nischen in den Felsen gehauen, bei denen man Inschriften fand, die bekunden, daß hier die Eileithyia, die Göttin der glücklichen Geburt, verehrt wurde; eine Reihe von Weihegeschenken, bestehend in Thonfigurcn, alle Knaben darstellend, wurde' gefunden und beweist, daß auch die alten Parier ihre Ehen am liebsten mit Söhnen gesegnet sahen.— Kulturgeschichtliches. kg. Einen interessanten Beitrag zur Geschichte der ä l t e st e n Zeitungen bringt Dr. Hans Schulz im April- Heft der„Zeitschrist für Bücherfreunde". Es handelt sich um die Zeitungen, die die Kunde von der berühmten Plünderung Roms im Jahre 1527 in Deutschland verbreiteten. Bekanntlich erschienen die ältesten sogenannten Zeitungen nicht regelmäßig und an demselben Orte, berichteten auch nicht über mancherlei Stoff, wie die heutigen Blätter es thun, sondern brachten nur einen meist recht knappen Be- richt über ein einzelnes, besonders auffallendes Ereignis, erzählten etlva von der Entdeckung fremder Länder, von einem Wunderzeichen, von einer nierkwürdigen Erscheinung am Himmel, von einer Miß- geburt, von Kriegen und Schlachten usw. Diese Zeitungen sind auf zivei oder niehr Quartblätter gedruckt und oft auf der Titelseite mit einem rohen Holzschnitt versehen, der auf die Neuigkeit Bezug hat. Da nur über besonders interessante Ereignisse mehrere solche Blätter erschienen, so läßt sich ermessen, Ivelche Sensation in der ersten Blüte dieser Zeittingen die Nachricht von dem Zuge Frundsbergs nach Italien mit seinem Ergebnis, der Einnahme und Plünderung von Rom, in Deutschland gemacht hat. wenn es Schulz gelungen ist, nicht weniger als sieben Zeitungen und einige selbständige Schriften aufzufinden, die sich mit dem Ereignis befaßten. Der Zug Frunds- bergs enveckte in Deutschland die größte Anteilnahme und Freude. Die furchtbare Plünderung, die nach der Einnahme am 6. Mai 1527 erfolgte, ist in allen Einzelheiten bekannt. Die älteste Mtteilung ist wohl die„Newe gezeytunge von Rom, wye des Kehscrs volck die stat Ron,, am vis. Tag May hat eyngenommen ym jare M. D. X.£ 3E. vis." Sie ist„Gegeben zu Venedigs ain 17. tage may im jare 1527." Die Er- zählung ist von Venedig aus an eine der verschiedenen deutschen Samnwlstellen für.neue Zeitungen" geschickt worden. Da sie auch handschristlich erhalten ist, so ist sie entweder ein Brief gewesen, der zum Zweck der weiteten Verbreitung seines persönlichen Inhalts cnt- kleidet wurde oder auch eine Beilage zu einem Briefe, die der Ab- sendet schon in der Absicht schrieb, sie als Zeitung in die Welt gehen zu lassen. Auch n,ehrcre andere Zeitungen tragen ausgesprochenen Briefcharakter. Merkwürdig ist dagegen eine.Wahrhafftige»ewe zehtung aus Rom geschrieben, wie Herr Jeorgen von Fronsbergs söhn den Bapst mitt 18 Cardinaln gefangen hat." Der Inhalt der drei Ouartblätter ist eine humorvolle Un,- kleidung der Kstchengesänge und Mcßanfänge der Sonntage von Österir und Pfingsten mit Beziehungen zur Geschichte Roms in diesen Tagen. Es ist eine Verherrlichung Frundbergs und seines Sohnes. Die am meisten verbreitete deuttche Flugschrift ist eine.Wahrhaftige und knrtze berichtung Jnn der Sunnna: ivie usw." Der Verfasser dieser auf 11 Quartblättern erschienenen Zcittmg hat in Muße und Ruhe geschrieben. Er hat an den Ereignisien nicht teil genonnnen, fondern erzählt sie mit Benutzung vorhandener Litterattlr und von Nachrichten, die ihm.durch die Post angczeygt" Werden. Er ist ein überzeugter Lutheraner. Dieser Bericht ist dann auch in lateinischer Bearbeitung und in verschiedenen Ausgaben als selbständige Schrift erschienen. Er hat den größten Einslntz auf die ileberliefecung ausgeübt.— Geographisches. — Die lange verschollen gewesene.belgische Südpolar- e x p e d i t i o n", die unter de Gerlache auf der„Belgica" unter- nommen wurde, ist nach Punta Arenas zurückgekehrt. Die ersten Nachrichten sind jetzt in Brüssel eingetroffen. Die.Bossische Zeitting" macht darüber folgende Mitteilungen: Die Expeditton war am 16. August 1897 aus Antwerpen abgedampft. Die letzte Räch- richt stamnrte vom 8. Februar 1898. Eine Brieftaube war auf offener See von der Brücke des Expeditionsschiffes„Belgica" auS in dem Augenblicke losgelassen worden, in dem die Expedition Pnnta Arenas, den Hauptort in, Feuerlande an der Magclhaensstraße verließ, um nach dem Grahanilande oder nach dem Lande Alexanders I. zu steuern. Seitdem waren beunruhigende Gerüchte im Umlause gewesen. Weiter wird gemeldet, daß ein 18 jähriger norwegischer Matrose W i n ck e und der Leutnant D a n c o, der die magnettsche» Beobachtungen auszuführen hatte, gestorben sind. Sonst befindet sich alles wohl an Bord, das Schiff hat keinen Seeschaden gelitten. Die Ergebnisse sind sehr befriedigend, gute Samnilungen sind zusammen- gebracht worden. Ueber den Gang der Expcditton meldet ein Tele- gramni:.Besucht die Bucht Hughes und das Palmer-Land; eine hydrographische Erforschung in dieser Gegend ausgeführt; zahlreiche Proben von Felsen gesammelt. Zwanzig Landungen. Weg nach dem Lande Alexanders I. eingeschlagen, in die zerschellten Eisschollen lpsok) im Weste» des Landes Alexanders I. vorgedrungen. Aeußcrste Breite 71° 36', Länge 92« westlich. Gezwungen zu überwintern; viel schlechtes Wetter, aber keine intensive Kälte während der Uebcrwintenmg mit Ansnahme des Monats Septeuiber. Minimum 43 Centtgrade unter Null am 3. September 1398. Viel von Winbei? mnhergetrieven. Aus den Eisschollen am 14. März 1899 herausgekommen. Weg nach Punta Arenas eingeschlagen, dort am 28. Marz 1899 eingetroffen." Die Expeditton ist somit die erste, die einen vollständigen Sommer in diesen Gegenden zugebracht hat. Sie wird im September dieses Jahres ihr Vordringen gegen den Südpol von neuem aufnehmen.— Aus der Pflanzen tvelt. — Die h ö ch st e n Bäume. Als die höchste» Bäume der Erde können die Mammntbäume nicht mehr gelten, seitdem die Gummibäunie s Eukalypten) Australiens entdeckt worden sind. Man hat dort, so stihrt ein Austatz der„Deutsch. Rdsch." aus. einen Baum gefunden, dessen stolze Laubkrone bis zu der ungeheueren Höhe von 143 Metern emporstieg. Dieser Baum würde mit seinem Gipfel die Turmspitzen des Slölner Domes fast erreichen und hätte die größten der bis jetzt gemessenen Mammutbäume um 6 Meter überragt. Die Verzweigung solcher Riesen beginnt oft erst bei 90 Meter über dem Boden, und nian kann sich denken, welch überwältigenden Eindruck sie dann auf den Beschauer machen. Sie erlangen unter Umständen 30 Meter Umfang, doch nur ausnahmsweise, da sie meist im Verhält,, iß zu ihrer Hohe schlank bleiben. Einen solchen Koloß maß zuerst der Botaniker F. o. Müller in Melbourne. Nehmen wir an, sagt er, daß nur die Hälfte des Holzes, das ein solcher Baum liefert, zu Planken von 12 englischen Zoll Breite und einem Zoll Dicke geschnitten würde, so gäbe dies 426 720 laufende Fuß, genug, um 4 Hektar zu bekleiden. Würde dieselbe Quantität Holz zu Eisenbahnschwellen verwendet, eine jede 6 Fuß lang, 6 Zoll breit und 8 Zoll hoch, so würde das Ergebnis 17 780 Schwellen sein. Es bedürfte eines Schiffes von 6000 Tonnen Gehalt, das Holz des Stammes, der Aeste und Ziveige des halben Baumes fortzuschaffen, oder 666 Wagenladungen, je zu 1'/2 Tonnen gleich 30 Centnern. Die zu gewinnenden Ocle aus den Blätten, des Baumes würde man auf 31 Pfund be- rechnen können, die Holzkohle auf 6462 Hektoliter, den Rohcssig auf 11 227 Hettoliter, den Holztheer auf 1402 Hektoliter, die Pottasche auf 51 Centner. Das Auge schweift, sagt v. Müller, au den grade» glatten Stämmen hinauf, oft zu einer Höbe von 80 und niehr Meter, ehe es den ersten sich abzweigenden Ast zu erspähen vermag. Unter solchen Riesen ersaßt uns ein Schwindel, nidc», wir die schwankenden Kronen suchen, Kronen, die die höchsten Bauwerke der Erde über- schatten könnten. In einer Tiefe von 30 Metern lassen sich in, Gestein der Goldfelder noch die zarten Saugwurzeln entdecken, die zwischen Schiefer, Quarz und Eisenstein sich durch die Weichen. scuchten, thoiihaltigen Stellen schlängeln, nur Nahrung auftvärts zu führen und die immergrüne Krone da oben in brennender Sonnen- glut frisch zu erhalten.— Hmnoriflisches. — Gewissenhaft. Der Concipist Rothkohl, Mitglied eine? vegetarischen Vereins, wird auf einen, Spaziergange Plötzlich von Heißhunger befallen. In dem Wirtshaus, in dem er einkehrt, ist aber nichts zu haben, als eine Bratwurst. Rothkohl kämpft lange mit sich— endlich siegt sei» Hunger. Bevor er aber die Wurst verzehrt. richtet er an seinen Verein ein Schreiben, in welchem er seinen Austritt anzeigt.— — Boshaft. Frau A.:..Denken Sie, mein früheres Dienst- mädchen hat einen Gerichtsvollzieher geheiratet!" Kran B.:„Was Sie sagen!.. Den hat sie wohl bei Ihnen kennen gelernt?!"— — Wasserkur..... Was, Frau Nachbarin, Ihr Main, kommt iinmer so spät vom Wirtshaus heim? Das Hab' ich meinem Mann längst abgewöhnt. Jedesmal, wenn er»ach halb elf Uhr heimgekoinmcn, Hab' ich ihn mit einen, großen Glas Wasser empfangen, das er zur Strafe trinken mußte! Jetzt kommt er nie mehr später als um zehn Uhr nach Hause!"— s.Flieg. Bl.') Notizen. — Im Wiener Vnrgtheater beabsichtigt man, in der nächsten Saison„Don Carlos" mit K a i n z in der Titelrolle an zwei auscinanderfolgendcn Abenden zur Aufführung zu bringen.— ©»der man„5„Drei Reiherfedern" sind ins Polnische übersetzt und in Warschau aufgeführt worden.— — Bei einem Preisausschreiben eines Theaters in Lemberg ist von 200 eingereichte» Stücken lein einziges würdig befunden worden, auch nur von den Censoren gelesen zu werden.— c. Eine Gesellschaft für Volkshochschulen hat sich in Frankreich unter dem Namen ,l?oop6ration des Idees" gebildet. Sie hat es sich zur Aufgabe gesetzt, eine Volksuniversität in jeder großen französischen Stadt zu organisieren.— — Eine dänische Nordlicht-Expedition wird im Spät- somnier nach Island abgehen.— — In Frankreich hat der Unterstaatssekretär der Posten und Telegraphen die optische Gesellschaft ermächttgt, mit der Telegraphie ohne Draht Versuche zwischen dem F e st l'a n d e und der Insel Korsika auf eine Entfernung von 200 Kilometern anzustellen.— — In Tirol wurden im'Jahre 1398 von 13 000 Alpinisten mit Benutzung konzessionierter Bergführer 3084 H o ch t o n r e n durch- geführt. Die Zahl der Bergführer ist von 611 im Jahre 1897 auf 635 im Jahre 1898 gesttegen.— LeranNvortlicher Redacteur: August Jacodey in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing m Berlm.