Hnlerhaltungsblatt des Jorwärts Nr. 72. Mittwoch, den 12. April. 1893 (Nachdruck verlöten.) 7] Der Schuldige? Roman von Hector Malot. ««hl" »Ist Ihnen das peinlich?** »Nicht im geringsten, und wenn ich aufrichtig sein soll, so finde ich. daß bei einem zu verheiratendeir Mädchen keine Eigenschaft beruhigender ist, als die eines Bastards; voraus- gesetzt natürlich, daß das Mädchen Geld hat." »Dies ist hier der Aall. Vor sieben- oder achwndzwanzig Jahren kam ein hübsches Mädchen aus Thuit nach Paris und trat dort in einem großen Geschäfte der Nue de la Paix als Modistin ein. Sie war geschickt und fleißig, und nach einigen Jahren errichtete sie am Boulevard Haußmann ein eigenes Magazin und hatte guten Erfolg. Etwa um dieselbe Zeit, also vor zwanzig Jahren, genas sie eines Töchterchens. Wer der Vater dieses Kindes war, weiß ich nicht, aber so viel steht fest, daß sie es zärtlich erzog und dabei ihr Geschäft nicht vernachlässigte, so daß sie vor zehn Jahren bei ihrem Tode siebzigtausend Franken bares Geld hinterließ, außerdem ihr Magazin, das für dreißig- tausend Franken übernommen wurde. Die jungeWaise gelangte alsdann unter die Vormundschaft ihres Onkels mütterlicherseits, eines meiner Klienten. Derselbe ist Apfclwcinhändler und Beigeordneter des Maires in Thuit, ich kann Ihnen Wohl seinen Namen sagen, er heißt Benoit Gibourdel. Der ist nun zwar ein geriebener Bauer und hat es verstanden, ein großes Vernwgen anzusammeln, aber gleichzeitig führt er ein aus- gelaflenes Junggesellenleben; der Pfarrer von Thuit war des- halb mit Recht der Meinung, daß sein Haus kein schicklicher Aufenthalt für das Mädchen sei und bcwog Gibourdel, das- selbe in einem der besten Klöster Rouens unterzubringen, wo es erzogen worden ist und sich noch jetzt befindet. Nun wissen Sie alles. Wenn Ihnen also mein doppelter Vorschlag zusagt, so lade ich Sie aus nächsten Sonntag zu mir nach Oissel ein; kommen Sie zeitig genug, um mein Bureau gründlich prüfen zu können, und um 11 Uhr werden Sie zusammen mit Benoit Gibourdel frühstücken, damit ich Sie beide einander vorstelle." „Da Sie bereits für alles gesorgt haben, so bleibt mir nur übrig, Ihnen zu danken; also auf Sonntag." „Auf Sonntag!" VII. Courteheuse hatte schnell berechnet, wieviel er miS dem Bureau von Oissel herausschlagen könnte; er hütete sich aber wohl, etwas von seinen Ansichten merken zu lasten. Er be- griff, daß Vater Rotin mit seinem offenen und ehrlichen Charakter sich auch einen gleichgesinnten Nachfolger für die Uebernahme seiner Geschäfte wünschte, da wäre es höchst ungeschickt gewesen, ihm schon im voraus zu zeigen, daß sie über die Handhabung des Notariats durchaus nicht gleicher Meinung seien. Er verhehlte darum seine hochfliegenden Pläne und stellte sich ganz bescheiden, wünsch- und bedürfnislos. „Geld verdienen fft ja gewiß angenehm, aber schließlich doch nicht alles im Leben, und wenn man Geld verdienen wich so ist mancher Beruf bester, als der eines Notars." „Das höre ich gern von Ihnen. Giebt es eine schönere Rolle in der Gesellschaft, als die des Notars?" antwortete der auf seinen Beruf stolze Vater Rotin. Der Sonntag ist gewöhnlich bei den Notaren auf dem Lande der Tag, an welchem sie die meiste Arbeit haben, allein in Oissel war der Zudrang der Kunden überhaupt nicht außerordentlich, und diejenigen, welche an jenem Sonntage kamen, wurden noch schneller als gewöhnlich Alexis an- vertraut. Um halb elf Uhr schlug Vater Notin Courtheheuse vor, Benoit Gibourdel auf der Straße nach Orival entgegen zu gehen, als sie jedoch eben zum Garten hinaustraten, sahen sie von weitem auf einem Schimmel einen Mann in blauer Bluse einherreiten, besten Kopf mit einem hohen, breit- krämpigen Cylinderhute bedeckt war. „Das ist er," sagte der Notar. Während der Reiter sich in friedlichem Trabe näherte. hatte Courteheuse Zeit, ihn ins Auge zu fasten. Es war ein Mann von untersetzter Gestalt, der die Sechzig überschritten haben mochte, aber doch noch sehr rüstig aussah. Sein hoher Hemdkragen umgab den Kopf, wie eine Papierdüte einen Blumenstrauß; da3 frisch rasierte Gesicht zeigte kleine, graue scharfblickende Augen, deren boshafter Blick durch das Lächeln breit aufgeworfener, sinnlicher Lippen gemildert wurde. Vor dem Gitter angelangt, sprang er leicht zur Erde, hielt den Zauni seines Tieres mit der Linken und reichte die Rechte dem Notar: „Guten Tag, Herr Nosin, ich habe die Ehre... Hoffentlich bin ich nicht zu sehr verspätet; ich habe mich unterwegs nicht aufgehalten, aber es ist doch ein ordentliches Ende von Thuit bis hierher." Es fiel ihm nicht ein, seinen Schimmel ins Gasthaus zu bringen, wo er ihn ja Geld gekostet hätte; er führte ihn hinter das HauS nach dein kleinen Hofe, band ihn dort fest und leerte ein Säckchen Hafer vor ihm aus, das er in seinem Mantelsack mitgebracht hatte, denn er wollte zwar nichts unnütz ausgeben, aber ebenso wenig auch seinen Freunden Kosten machen.„Jeder fiir sich I" das war sein Wahlspruch. Nachdem er so fiir sein Pferd gesorgt, machte er sich an seine Toilette; er legte seine Bluse ab, deren Indigo auf seine Hände abgefärbt hatte— der Gebrauch von Handschuhen war ihm stets fremd geblieben— dann trat er in die Küche um sich zu waschen, und bezahlte das frische Handtuch, das ihm die Magd reichte, mit einem tüchtigen Schmatz auf ihren Nacken. „Der Hausherr wird nichts davon erfahren," sagte er lachend. „Das kann ihm doch gleichgültig sein l" „Ist es möglich Damit trat er in das Eßzimmer ein, wo ihn der Notar und Courteheuse erwarteten. Dieser bemerkte, wie der alte Bauer, den er soeben gesehen hatte, in eine Art von Monsieur umgewandelt war, der sich in seinem grünen Tuch- rock und seiner geblüntten Seideniveste ganz behaglich zu fühlen schien. Man setzte sich zu Tische und das Dienstiuädchen trug eine zugedeckte irdene Suppenschüssel auf. die mit einer Serviette umwickelt war. „Lieben Sie Kuddclflecke?" fragte der Notar Courteheuse. „Ich ginge meilenweit, um welche zu bekommen." „Wir esten jeden Sonntag welche, und ich dachte. Sie seien vielleicht noch nicht Stadtherr genug, um dieses ländliche Gericht zu verschmähen." „Ich versichere Sie, lieber Herr Notar, was die Nahrung bettifft, so bin ich ganz Bauer geblieben und ziehe den feinsten Speisen einen Teller Kraut mit Speck oder Hammelfleisch mit Erdäpfeln vor; dabei liebe ich tüchtige Portionen; wenn man in seiner Jugend an Entbehrung gewöhnt worden ist, so will man später das Versäumte nachholen." „Und die Frauen? Welche gefallen Ihnen am besten? Etwa auch die ttichttgen Portionen?" frug Bennoit Gibourdel, welcher es liebte, direkt auf sein Ziel loszugehen. WennCourteheusegeglaubthätte, in dieser Unterredung könne er ohne Gefahr seine Meinung sagen, so würde er geantwortet haben, daß er im Punkte der Liebe demselben Geschmack huldige, wie in gastronomischer Beziehung: allein er wußte ja noch garnicht, wie die Frau aussah, die er heiraten sollte; ein offenes Bekenntnis wäre unter diesen Umständen sehr unvorsichtig gewesen. Er sagte daher: „Ich liebe sie alle." Gibourdel stieß mit ihm an und sagte: „Ihre Autwort macht mir Vergnügen, denn ich will Ihnen gleich sagen, daß meine Nichte keine zweihundert Pfund wiegt. Indessen nehmen Sie sie doch gewiß nicht nach dem Gewicht." Lachend leerte er sein Glas Apfelivein in einem Zuge und bemerkte zum Notar: „Ein gutes Gewächs. Kommt es von Ihrem eigenen Gute?" „Ja, ich selbst habe alle Apfelbäume, von denen diese Keltening geliefert wurde, gepflanzt." „Er schmeckt indessen doch ein wenig herb; ich ziehe eine Beimischung von Süßäpfeln vor, welche die Säure ans» gleicht.". Man hätte glauben können, er habe seine Nichte ganz vergessen, aber der Notar kannte ihn genan und ließ sich durch diese rednerische Finesse nicht täuschen, durch welche er einfach glauben machen wollte, dieser Gegenstand des Ge- sprächs sei ihm nicht sehr wichtig. Zuerst hatte er Courteheuse seine Nichte an den Kopf geworfen, jetzt nahm er sie wieder zurück, um zu zeigen, daß er sie keineswegs um jeden Preis loswerden müsse. Notin sah aber voraus, daß er bald wieder auf dieselbe zurückkommen werde. Und in der That begann er nach wenigen Minuten auss neue, als hätte nicht er selbst sich unterbrochen: „Sie wissen, Herr Courteheuse, man will Ihnen keine Katze im Sack verkaufen; jedermann wird Ihnen sagen, daß Bennoit Gibourdel noch nie ein Faß Apfelwein verkauft hat, ohne daß er davon zu kosten gab, und stets hat die Ware dem Muster entsprochen. Sie werden die Kleine zu sehen bekonimen; ein hübsches Weibchen, sein und glatt wie eine Blindschleiche, und so nett, daß ich sie nicht bei mir behalten konnte. Da hätte sie freilich kein gutes Exempel gesehen I Darum habe ich dem Herrn Pfarrer gefolgt, obwohl es viel Geld gekostet hat. So konimt es, daß sie seit sieben Jahren bei den Fräulein der Heimsuchung ist und das Kloster nie verlassen hat. Oh, sie hat viel gelernt I Die Oberin sagte es mir noch das letzte Mal, als ich dort war. Das Geld thut mir nicht leid, und Herr Rotin hier kann bezeugen, daß man mir als ihrem Vormund nichts vorwerfen kann: sie hatte hunderttausend Franken, als ihre Mutter starb, und jetzt hat sie hnndertundzivanzigtansend." Er hatte seine Erzählung mit allerlei umständlichen Nebenbemerkungen gespickt, um zu diesem effektvollen Schlüsse zu gelangen, und brachte ihn so einfach und harmlos an, daß der Notar und Courteheuse, obwohl sie die Bauern gut kannten, doch sein schauspielerisches Talent bewundern mußten. Nach einer kurzen Pause, die er dazu benutzte, die ver- lorene Zeit einzuholen, indem er doppelt große Stücke ver- schlang, nahm er sein Thema wieder auf, denn er war noch nicht fertig, sondern hatte sich einen Knalleffekt fürs Ende aufgespart: „So lange ich noch lebe"— dabei ließ er seine Stimme wie altersschwach vibrieren und schien wie gekrümmt—„was kann ich noch wünschen, ehe man mich auf den Friedhof trägt, als das Glück meiner kleinen Hortense zu sichern, die ich liebe, als wäre sie meine eigene Tochter!..." Dabei wischte er sich die Ecke des Auges aus, als ob dort eine Thräne zurückgehalten wäre, dann fuhr er fort: „Und auch meinem armen Geld, das ich so schwer habe verdienen müssen, die Ruhe zu sichern. Hortense ist meine einzige Erbin; bevor ich sterbe, will ich darüber Gewißheit habe», daß meine Hinterlassenschaft keine Gefahr länft, und muß deshalb für meine Nichte einen zuverlässigen Mann suchen. Als Herr Rotin nur darum von Ihnen sprach, Herr Courteheuse, zog ich Erkundigungen über Sie ein, und ich glaube jetzt, daß ich mein Vermögen und meine Nichte Ihren Händen anvertrauen kann, iveil Sie beiden Glück bringen werden. Wenn Sie mein Neffe werden, so haben Sie mein Geld anzulegen, und Sie schlagen sicher sechs oder sieben Prozent aus ihm heraus; es giebt zweite Hypotheken, die so sicher als erste sind und dabei doch höheren Zins bringen. Freilich, das alles ist nur so gesagt: vor allem muß nieine 5tichte Ihnen gefallen und Sie ihr. Wenn Sie wollen, so gehen wir nächsten Freitag nach dem Kloster, unter dem Vorwande, ihre Vornnlndschastsrechnung anfzu- stellen; dort werden Sie sie inr Sprechzimmer sehen und mit ihr reden." (Fortsetzung folgt.) Der Maififch. Wie die Maiglöckchen, die Maikäfer und der Maitrank, erscheint auch der Maifisch bedeutend früher, als das oft recht frostige Regiment des Wonnemonats seinen Anfang nimnst. Denn schon gegen Ei:�2 März oder zu Anfang des Monats April erheben sich aus der Tiefe des Meeres die unzählbaren Schwänne der Maifische, nahen den Mündnngen der großen Ströme, und 14 Tage später finden wir sie anr Riederrheiii schon überall auf den Tischen der reichen wie der armen Leute als ein allgemein beliebtes und Volks- tmnlicheS Nahrungsmittel. Ganz unglaubliche Mengen dieser schmack- haften Fische werden in günstigen Jahren in den größeren Rhein- pädten auf den Markt gebracht. Der Maifisch bringt' eine angenehme, nicht zu teuere Abwechselung flr den Gaumen, und wir finden ihn zur Friihjahrszeit auf allen Speisezetteln der Bier- und Weinhnnser verzeichnet. Es ist eben am Niederrhein ein alier Brauch, schon in? April den Maifisch zu essen, während nian am Mittel- und Oberrhein den schmackhaften Meeres« bewohner erst im Wonnemonat genießt. Ende Mai fängt man am »»teren Rheine nur noch wenige' fette Fische dieser Gattung, denn schon streben die mageren, welche bereits gelaicht haben, wieder meer» wärts, und die Finten(Lckosa?inta.(luv.), eine kleinere Art deS Maifisches, die zu Ende Mai oder Anfang Juni in die Flüffe treten. besitzen kein schmackhaftes Fleisch. Das vorzügliche weiße Fleisch des Mainsche? macht ihn sehr be« liebt und dadurch sowohl für Holland wie für Deutschland zu einem ganz bedeutenden Handelsartikel. Die Anzahl der Fische dieser Art, die nicht nur im Rheine, sondern auch in der Elbe, Weser, Oder und der Donau gefangen werden, grenzt manchmal ans unfaßbare. Die Holländer fangen in ihren großen Fischereien in den verschiedenen Nheinannen in guten Jahren oft 4—6000 Stück an einem Tage, Trotzdem gelangen bei günstigem Wasserstande noch große Schwärine bis in die Gegend von Speier, wo früher die beliebtesten Laich- Plätze waren. Allerdings sind sie dort jetzt nicht mehr so häufig, wie in vergangenen Jahrhunderten, wo man auf diesen Laichplätzen die Fische mit Schaufeln aus dem Wasser warf und für wenige Heller verkaufte. Der Maifisch oder die Alse, auch Mntterhering(A. vulgaris (luv.) genannt, ist ein Verlvandter des Herings. Er erreicht eine Länge von Meter und ein Gewicht bis zu SVj Kilogramm. Auf den, Rücken schön metallisch grün glänzend, zeigt der lebende Fisch auf den Seiten eine goldige opalisierende Färbung. Ein großer dunkcler Fleck ain oberen Winkel der Kiemenspalte und drei bis fünf kleinere Flecken a» den Seiten haben einen olivengrllnen Schimmer, und die Flossen sind schwärzlich gefärbt. Der Fisch wird in allen europäischen Meeren angetroffen, ans deren Tiefen er nur im Frühjahre in unzählbaren Schwärmen aufsteigt, um in die Ströme einzutreten, Ivo der Laich abgesetzt wird. Hier zieht er so weit zu Berg, wie eben möglich, und erscheint selbst in den kleinsten Zuflüssen der großen Ströme. Ist die Laich- zeit vorüber, so ziehen die dem Fange glücklich Entronnenen wieder dem Meere zu. Die Fische sind dann so matt und abgemagert, daß ihr Fleisch gar keinen Wert niehr hat; auch soll es dann ungesund sein. Deshalb sehen die Fischer auch von dem Fange zur See ziehender Maifische ab. llnzählige Fische erliegen den Anslrengungen der Flußreise; manchmal sieht man große Mengen gestorbener ans den Welle» treiben. Ihre Nahrung besteht im Meere wahrscheinlich nur ans weichen Krebstieren oder kleinen Fischen, in den Flüssen sollen sie nur Fischbrut vertilgen, wodurch immerhin ein bedeutender Schaden Verursacht wird, der aber zu dem Nutzungswerte in keinem Verhält- nisse steht, da man am Rhein für das halbe Kilogramm 40—50 Pf. erlöst. In neuerer Zeit ist dagegen die Behauptung aufgestellt worden, diese Fische enthielten sich in den Strömen und Flüssen jeglicher Skahning, wodurch die nach dein Laichen eintretende Er« mattung der Tiere allerdings erklärt würde. Auf seinem Zuge nach den Laichplätzen macht der Fisch sich sehr bemerkbar, denn er schwimmt in den Strömen fast stets dicht unter dem Wasserspiegel und plätschert dabei so laut, daß der Fischer daraus mit Sicherheit auf seine Anwesenheit schließen kann. Während ihrer Wanderung sind die Fische einein fortwährenden Vcruichtuiigs» Prozesse ausgesetzt, denn jedes Fischerdorf am Strome sucht so viel wie immer möglich von der Beute zu erhaschen. Die Holländer betreiben stellenweise den Fang mit großen Stcllnetzen, durch welche die Rheinaruie vollständig abgesperrt werden. In diese Netze drängen die Fische fortwährend hinein, und das volle Netz hebt sich nur, um den Tieren Zugang zu einem neuen Netze zu gewähren. Der Fang des Maifisches, der am Niederrhein mit großen, oft hundert und mehr Schritte langen Netzen betrieben wird, gewährt stets ei» äußerst anziehendes Bild. Flache, sandige Stellen eignen sich ganz besonders dazu, iveil die Fische auf dem Zuge das Fahr- wasser der Dampfschiffe meiden. Am Frühabcnd oder bei Tages- grauen ziehe» die Fischer zum Fang ans, begleitet von der halbe» Einwohnerschaft des Dorfes. Auf Kähnen wird das große Netz in den Strom hinausgeführt, und nun fahren die Kähne, einen Halbkreis beschreibend, wieder dem Lande zu. Die Beine durch hohe Stiefel geschützt, dringen Fischer vom Ufer aus dem Netze entgegen und jagen die Fische hinein; manchnial spannt man sogar Pferde vor das Netz, weil Menschenkraft nicht reicht, es zum Lande zu ziehen. Kaum sieht man die Korkstücke, die an dem oberen Nctzrande befestigt sind, im Halbkreise dem Lande sich nähern, so schießen auch schon von allen Seite» die geängstigten Fische ins seichte Wasser, durch ihre heftigen Bewegungen ein Getöse und Gc- brause verursachend. Dann beginnt ein weniger erfreulicher Anblick: das Morden, denn jeder einzelne Fisch wird durch einen Messerstich in das Rückgrat getötet. Später feilschen die Händler mit den Fischern um die leicht errungene Beute; wird die Ware aber nicht sofort verkauft, so beginnt die Teilung, da die Fischer am Rhein stets gemeinsam den Fang betreiben. Tag ein, Tag aus hatten früher die Rheinfischcr mehr als einen Monat lang reiche Ernte, bis endlich der Zudrang der Fische stockte. Erwähnt mag noch werden, daß der Maifisch in Spanien. Por« tugal und Italien auch eingesalzen gegessen wird und dann als ein sehr geschätztes Nahrungsmittel gilt. Eine Abart davon, Alosa toli cuv., die zur Laichzeit die ostindischen Ströme und Flüsse besucht. ist für die Ernährung des Volkes nicht unwichtig. Tie Finte ist Bffll Maifisch sehr ähnlich, wird aber nur 1 Kilo schwer, und ihr Fleisch ist nicht so wohlschmeckend. Dagegen sind die Finten aus dem Comersee, die sogenannten Antesini, sehr geschätzt. Wenn die «ntesini ausgewachsen sind, nennen die Fischer vom Comersee sie «goni.— s.Köln. Volks-Zeitung.") Nleines Feuilleton. — s— Im Tiergarten. Durch die schwellenden Zweige drängt die Sonne, fast so breit und voll wie im Winter, da sich die Bäume in ihrer schwarzen Kahlheit wie Riesenbcsen erhoben. Ein frischer, braungrüner Schleier schimmert jetzt zwischen den dunklen Stämmen. Der Himmel leuchtet in lichtem, bläulichem Grau; die weißlichen Wolkenfetzen zerreißt der stößige Wind, wirft sie hin und her und schiebt sie vor die Sonne. Bald aber blendet diese wieder mit ihrer Helle. Drüben, auf dem Fußwege, der fich neben der Chaussee hin- windet, geht eine alte Frau mit ihren beiden Töchtern. Sie gehen still und feierlich, wie hochvornehme Menschen. Auf der Chaussee folgt ihnen langsam, immer einigeSchritte zurück, eine Equipage. DerKritscher und der Lakai haben denselben stillen und seierlichen Ausdruck wie die Damen. Ueber die Kinder, die in bunten Kleidern die Wege entlang eilen mit lautem Rufen und Lachen, die glühenden Gesichter und leuchtenden Augen voll Frühlingsglück, sehen die Damen hinweg. Das junge schmächtige Mädchen, das zu Tisch eilt und den: begeg- nenden Kauzlisten errötend die Hand reicht, der alte Invalide der Arbeit, der sich in der Sonne vorwärts schleppt, dessen blasses, durchfurchtes Gesicht sich aufheitert in der Wärme, all die vielen Frühlingszeichen erblicken sie nicht. Dort, wo die Sonne zu zudring- lich durch das dünne Geäst scheint, halten sie sich ihre glitzernden Fächer vor. Und als mehrere Kinder auf dem vor ihnen' liegenden Spielplatz den Reigen anstimmen:.- Ringel, Ringel, Reihe, sind der Kiiider dreie.. da wenden sich die Damm empört der Equipage zu. Das erste, was sie sprechen, ist: „Es wird doch wirklich Zeit, daß wir aufs Land gehen. Hier kann man ja nicht eiiinml mehr ruhig und ungestört spazieren gehen!"-- Litterarisches. il. Frank Wedekind: Der Kammersänger.(München, Albert Langen 1839).—„Drei Svenen" nennt Wedekind. be- zeichnenderweise sein neuestes Opus, das in kaum noch dramatisch zu nennender Form die letzte halbe Stunde schildert, die ein gefeierter Sänger vor seiner Abreise aus der Stadt verbringt. Es giebt da eine große Menge witziger Einfälle und ernsthafter, bitterer Gedanken, aber das Ganze ist so formlos, daß der Mangel an wirklicher Tiefe der Erfassung aller mir so leichthin gestreifter Probleme sich doppelt be- merkbar macht. Bei den Bühnen wird die Kleinigkeit gerade wegen ihrer paar guten Seiten kein Unterkommen finden; wenn doch irgendwo. so geschieht es sicherlich, um die„neue Kunst" an diesem Muster unliinstlerisichcr Formlosigkeit zu demonstriere».— Theater. Das Gastspiel der russischen Hofschauspieler im Lessing-Theater wird am Mittwoch beendigt. Es be- deutete eine sEpisode ohne durchdringende Krast; und eine fertige Bilanz aus dem Gastspiel läßt sich kaum ziehen. Denn dazu fehlt uns das Wichtigste, die Kenntnis dessen, Ivie Russen solche Stücke aufführen, in denen die russische Volksseele selber am kräftigsten pulsiert. Solche Stücke wären die klassische Komödie„Der Revisor" oder das erschütternde Mitleidsdrama„Macht der Finsternis" von Tolstoi. Aber das Tolstoischc Drama zun: Bei- spiel dürfte von den russischen Künstlern gar nicht ge« spielt werden können; denn sie gehören dem Alexandra- Theater an. Das entspricht etlva dem Schauspielhaus zu Berlin; und wie dieses Hofthcater sich fast der ganzen modcrn-litterarischen Bewegung verschließen mußte, so wird es bei dem kaiserlichen Theater zu Petersburg ähnlich sein. Eine schöpferische Individualität, die der modernen Schauspielkunst gleichsam ncrie Werte zuführt und mit neuen Anregungen bereichert, haben unsere Gäste nicht in ihrer Mitte. Ich' denke etlva an die tragisch- ergreifende Natur der Dnse, oder an die überaus geistreiche bewegliche Rejane. Frau Sawiiia hat schauspielerischen Charakter uud Geist; sie hat un- gewöhnlich viel gelernt, und man merkt ihrer großen Kunstfertigkeit die Mühe nicht an. Wo sie den Ausdruck tiefer Melancholie, schwermüder Stimmung verwenden kann, da berührt sie tief, da über- zeugt sie, wie nur echte Künstlcrschaft überzeugt. Aber das sind vereinzelte Höhepunkte. Den Gestalten in der Gesamtheit ist jene mächtige Energie nicht eigen, aus denen die stärksten tragischen Eindrücke erlvachse». Im übrigen ein gutes Ensemble, solide Schulung, viel Tüchtigkeit im einzelnen und vor allem ein Maßhalten im Ausdruck, das uns zunächst am meisten überraschte. Es ist das Maßhalten, das verfeinerten Existenzen, verfeinerter Kultur eigentümlich ist.. Bei den Russen wird das Princip beinahe bis zur Monotonie durchgeführt und man darf wohl annehmen, daß das nicht russischer Originalstil sei, sondern daß es mehr� bewußte hoftheatralische Erziehung sei. War aber der große Apparat nötig, um uns dies Ergebnis zu lehren? Wer von uns hätte es nicht von vornherein geglaubt, daß der russische Hof mit seinen riesigen Mittel» ein gut geschultes russisches Theater erhalten kann? Leider fehlt das bezwingende Genie.—— ff Mufik. Aus der Woche. Wer da glaubt, daß jetzt nach Ostern mit Konzerten nicht mehr viel los sei, irrt gar sehr. Der ganze Unterschied besteht darin, daß, wenn man jetzt an einem Abend ein bis zwei(statt wie früher zwei bis drei) Konzerte besucht, man doch halbivegs sicher sein kann, nicht mehr als zwei bis drei(statt wie früher drei bis fünf) andere Konzerte zu versäumen, und vielleicht noch darin, daß gegenüber der jüngstvergangenen Zeit der vor» wiegend kirchlichen Konzerte die weltlichen wieder zahlreicher werden. Gleichgeblieben ist unter allen Umständen der typische Geist unserer Konzerte, ihre Zerfahrenheit, ihr Mangel an dem Darbieten einheitlicher Bilder und an einem Vertrautmachen mit dem ge- samten Umfang gegenwärtiger und vergangener Musik. Eine sehr anerkenuensiverte Ausnahme von diesem Mangel an historischem Sinn, einschließlich des Sinnes für die Gesamtansprüche der Gegen- wart, bildete der Liederabend von Arthur van E w e y k.' des aus mehreren Oratoriumskonzerten bestens bekannten Barytonisten, dem Waldemar Sacks am Klavier in rühmlichster Weise assistierte. Es handelte sich um eine Reihe noch unbekannter oder wenig bekannter moderner Lieder, mit denen ein Bild der gegenwärtigen musikalischen Lyrik gegeben sein sollte. Weggelassen' waren mehrere, sonst den gegenwärtigen Liederschatz repräsentirende Namcn, wie Jensen, Sommer, R. Strauß, H. Richard, Mauke, Ansorge, Pfitzner, S. v. Hausegger. Da capo verlangt wurden:„Salome" von H. Hermann, „Mond, auf deine Silberstrahlen" von W. Sacks.„Jedem das Seine" von E. d' Albert, und ein Niederländisches Volkslied in Bearbeitung von C. V. B o s; auch R. B u ck s„Der König auf dem Turme" gefiel sehr. Die wiederverlangten Stücke verdienten diese Ehrung jedenfalls; doch sollen neben ihnen noch hervorgehoben sein: zwei Lieder von M. Melville, die nach den matten Eingangs- »Ummern mit einem Schlag in eine aus dem Innern stammende und echt natürliche Kunst hineinführten; dann„Waldsee" von K. G I e i tz, wohl das modernste von allen und hervorragend be- sonders durch seine Vereinigung von starkem Ausdruck und anderen guten Qualitäten, und schließlich die reiche Begleitungsniusik in L. Thuilles„Waldeinsamkeit. Eine Gruppe norwegischer Lieder von S i n d i n g(aus„Symra") fiel großenteils recht sehr ab. Herr Eweyk ist der richtigeMann, deruns für eine Komposition erwärmen kann, und steht gesangstcchnisch sehr gut da, obschon seine Vokale manch- mal. namentlich in der Höhe, etwas trüb herauskommen; auch die treffliche Programurtextierung sei ihm gedankt. Von I. Zarneckotv konnten wir endlich seinen 14., Lortzing gewidmeten Komponisten-Abend im Architektenhaus hören, nachdem ihm ein anderer Saal unmöglich gemacht worden war. Leider wieder das Heraus-»ind Hineinreißen von Operuuummern in den Konzert« saal! Aber iuteressant ist es immerhin, die Spannweite eines Kom» ponisten gezeigt zu bekommen, und der Konzertgeber, ein klangreicher hoher Baryto'n, machte samt den Mitwirkenden seine Sache gut, wenngleich er und Hofopernsänger B a ch m a n n deutlicher sein, Frl. L. Jahn noch reiner singen, und Herr Sommer zurück- haltender spielen könnte. Auch Frl. M. B r a u n, die mit dem gewandten Geiger M. Modern und dem ein wenig grob spielenden Pianisten R. Gerlt ein Konzert im„Römischen Hof" gab. ist eine tüchtige Sängerin, ausgenommen, daß ihre Höhe etwas gepreßt klingt. Alle diese Konzerte waren von einem dichten und beifallslustigen Publikum besucht, als wäre es Winter im Süden. Ganz besonders drängte man sich zu Beethovens, dl i s s a s o I e m n i s die der Stern{che Gesangverein unter Prof. Gernsheim in der GcdächtniSkirche aufführte. Wie ich höre, war die Dar- bietmig durchaus gelungen. Dirigent, Chor und Solisten leisteten mit dem schwierigen Werk wirklich Bedeutendes; besonders hervor- zuheben sei die ebenso kräftige wie klangschöne Altstimme von Frau M. Crämer-Schleger. Wir kommen von Ztirchenkonzerten auch nach Ostern nicht IoS, schon weil sie im»Drchschnitt fast die einzigen volkstümlicheren und musikgeschichtlich reichhaltigeren Konzerte sind. Des Herrn Organisten B. I r r g a n g regelmäßiges Donuerstag-Konzert in der Kreuzkirche hörten wir sogar jetzt zun» erstenmal. Der Konzertgeber erwies sich in einer Arie als ein sehr melodiös schaffender Kom- ponist; Frau P a j e k e n sang sie mit einer guten, nur in der Tiefe einigermaßen qualitätslosen Stimme. Ein Stück aus einer Orgel- souate von A. G u i l m a n t(Paris) war reichhaltig und in moderner Weise wirkungsvoll. Das Uebertrage» fremder Stücke auf die Orgel (Spohr, Adagio aus einem Violinkonzert, Mozart Larghetto aus dem Clarinettquintett) möchten wir aber dringend vermieden wissen. Be- sonders störte dies in dem geistlichen Konzert des erblindeten Orga- nisten T h. Roy in der Klosterkirche; hier kam gaiL ein„Chor" (welcher?) aus Haydus„Schöpsimg" auf die Orgel. Auch da» Daraussetzen von Harfenvorträgcn auf ein ohnehin schon zu bunteS Programm, noch dazu wenn sie in den berüchtigten Kreis der äußer» lichen Harfenspielereien bleiben, wäre wahrlich nicht nötig. Der Progranuttjmnntcr ist wohl der größte Jammer in uuserem Konzert- leben.— az' Völkerkunde., — Drei M e i st e r w e r k e st e i n z e i tli ch e r Schnitz» kunst aus Kaiser Wilhelmsland(Deutsch-Neu-Guinea) sind nach einer Mitteilung der„Nationcil-Zeitung" seit kurzem im Museum für Völkerkunde aufgestellt. Es sind dieses gewaltige, aus dicken, ausgehöhlten Baumstämmen bestehende Trommeln, deren Außenseite vollständig mit erhabenen Figuren bedeckt ist. Ein schmaler, fast die ganze Länge der Trommeln einnehmender(Schlitz genügte, um den Jnnenraum so zu höhlen, daß die Wandimg dünn und klangvoll wurde, und zwar hatte man dazu mir die einheimischen Stein- und Muschelivcrkzeuge. Man trommelt, indem man in die Ocff- nung einen einen halben Meter langen armdicken Holzpflock steckt und ihn stark an denHöhliingsrand drückend hin mid her reibt. Auf dieseWeise bleibt die Schnitzerei intakt. Die Instrumente dienen zur Einläutung der großen Feste, zum Taktschlagen, beim Tanze, wobei zuweilen mehrere auf verschiedene Töne gestellte Trommeln zu gleicher Zeit gebraucht werden, und zur Bermittelimg der wichtigsten Nachrichten. Was die Verzierungen betrifft, so gehören sie zu den sogenamiten »geometrischen'' Ornamenten. Judeffen weiß man jetzt in der Völker- künde, daß alle Ornamente, soweit sie nicht durch den Zufall der Technik entstehen, aus rudimentären Thier- und Menschengestalten, seltener aus der Darslellung anderer realer Gegenstände herzuleiten find. Durch Wiederholung imd Abschleifung der ursprünglichen Gestalten oder einzelner Teile derselben kommen die rein ornamentalen Gebilde zu stände. Bei genauem Zusehen wird man auch auf unseren Tronnneln diesen Borgang zum teil verfolgen können, besonders in bezug auf die Gestalt eines eidechfen artigen Tieres, das sich allmählich in eine geometrffche Figur umwandelt. Im übrigen sind besonders Bogelköpfe, Gesichter, ganze Menschen und'das Mäanderband vertreten. In der Verlängerung der Trommeln befinden sich aus dem Vollen geschnitzt je eine ziemlich große Männer- oder Fraueugestalt mit unförmlichem und unnatürkich verdrehtem Kopf, manchmal in eigentümlicher Verbindung mit einem grotesken Tier. Derartige Tronnneln, jedoch ohne Schnitzwerk, kommen auch auf anderen mekanesischen Inseln in Polynesien, in Afrika und Amerika vor. Das Museum befitzt solche Instrumente z. B. aus Reu-Britamnen, aus Samoa und vom Kongo. Kleinere ähnlicher Art dienen m Kamerun zur Ausübung der komplieicrtcu Trommel- spräche, eine Abart gab es mich im alten Mexiko, wovon im Museum ebenfalls mehrere Exemplare vertreten sind, und v. d. Stciueu berichtet von einem roh ausgehöhlten Baumstamm, der bei den in der Steinzeit lebenden Bakairi-Jndianeru am oberen Tingu als Trommel im Gebrauch war.— Geographisches. ~ In der Gef ellschaft für Erdkunde sprach der durch seine Forschungen in Adamanua bekannte Dr. S. Passarge über seine zur geologischen Erforschung tSVV— 18V8 im Rgami-Land ausgeführten Reisen, die ihn durch die Wüste Kalahari zum Rgami- See und bis zum Okavango geführt haben. Rgami-Land ist zwischen dem 21. und 24. Längengrad unwdem 22. und 18. Breiteugrad gelegen und wird ans drei Wegen vom Kapland oder von Transvaal aus erreicht. Nach einem Studium der Diamantfelder in Kimberley begann Passarge seine Forschungstour im Juni 1386. Bon Palapye aus wurde ein Ausstug in die Goldfelder des Matabele- Landes unternommen und dann die Wiistenrrise in der Trockenzeit aus- geführt. Die Kalahariwüste stellt sich als ein mit rötlichem Sand bedeckter, alter Seeboden dar, in dem man ab und zu rundliche Vertiefungen mit Spuren von Kraterkeffeln antrifft. In röhren- artigen Lochern hat man an einigen Stellen das schwindende Wasser zu halten gesucht. Sand, Kalk, Cement und Flintmassen bilden das Gestein. Infolge des Wassermangels drohte die Expedition durch die Wüste fast' zu scheitern, da oft in Entfernungen van 30 bis 40 englischen Meilen keine Wasserpfanne erschien. I» der Regenzeit ist die an Ameisen, Termiten und Schmetterlingen reiche Westseite der Wüste auch mit Vegetation bestanden, deren Studium dem Geologen Rückschlüsse auf die Bodenbeschaffenheit gestattet. Von Tlakani ging es zum Botlrtle-Fluß, an dessen Ufern Salzpfannen nicht selten sind. Ried- und Schilffumpf zieht sich am Flusse hin. Buschmänner, gemischt mit Negern, belvabnen hier spärliche Ansiedelimgen. Bom Botletleflnß, der auf seiner weiteren Strecke durch Schwimmvögel belebt ist, gelangte man zu dem seit 10 Jahren verschwundenen Ngami-See, deffen Thonboden und brakige Wasserreste seine Spuren sind. Die Ursache für diese Erscheinung ist aus der Wasserabnahme des nördlich ge- legenen Okavango zu deute», dessen Rebenfluß Tanche zum See floß und nun versiegt ist. Den Geologen wird hier die Lösung des Problems des Kalahari aus der klimatischen und geologischen Aenderung deS Bodencharakter« möglich. Das noch vor 70 Jahren stark bevölkerte Rgami- Land ist heute wenig bewohnt, und die einheimischen Stämme i daselbst leben fast in beständiger Fehde. Paffarge durchforschte das Rgami- Gebiet geologisch, und ohne ein- heimischen Führer erreichte er bei Andora nach schwerer Mühsal den Okavango.— AuS dem Tierreiche. 88. Der Meerteufel. In der naturwissenschaftlichen Sammlung, die der Forschungsreisende Diguet aus Kalifornien nntgebracht und im Pariser Museum ausgestellt hat. befindet sich ein höchst merkwürdiger Fisch von ungeheuren Maßen. Es ist eine Riesenart aus der Familie der Rochen und gehört im besonderen zu der Gruppe der Flügelrochen; die Art wird von Diguet als Alants birostris be- zeichnet. Den Namen Flügelrochen haben diese Fische von der eigen- Verantwortlicher Nedacteur: August Jacobey in Be tümlichen Anordnung und Ausbildung ihrer Flossen erhalten. Die Brustflossen sind nämlich in zwei Teile getrennt, vom denen die vorderen zu beiden Seiten des Kopfes sitzen und durch thce tut- geheuere Verbreiterung den Eindruck von Flügeln machen; von de» Seeleuten sind sie mit Hörnern verwechselt worden, und daher rührt die den Fischen oft beigelegte Bezeichnung.Meer- teufel". Der in Paris ausgestellte Fisch hat eine Flossen- breite von etwa vier Metern und eine Gestalt, die an einen Flug- brachen erinnert. Der Rücken ist bläulichschwarz, der Bauch mattweiß gefärbt. Wenn die beiden riesigen Kopfflügel gmiz. aus- gebreitet find, macht der Fisch in der That einen erschreckenden Ein- druck. Er tritt in den Golf von Kalifornien besonders im Frühjahr vom März bis zum Juli auf. Wemr das Meer, wie es in dieser Zeit gewöhnlich ist, eine ruhige Fläche bildet, ficht man de» kolossalen Fisch aus der Wasseroberfläche dahin schwimmen, er be» schreibt kreisförmige Bewegungen und schnellt seinen gigantische« Leib zuweilen plötzlich aus dem Wasser, um mit einem eigentüm- lichen Geräusch ebenso schnell in das flüssige Element wieder zu verschwinden. Man erlegt ihn von Dampfschisseu oder von Ruder» booten aus mit Lanzen und Harpunen wie den Walfisch. Ist das Tier verwundet, so kann es den Fischern im höchsten Grade gefähr- lich werden. Es stürzt dann wie rasend auf daS Boot, schlägt es mit seinen mächtigen Flügeln und bringt es zum Kentern, wenn die Fischer nicht sehr aus ihrer Hut'sind. Der englisch«. Reisende Elliot hat einmal einer Jagd auf diese Seeteufel im Meer- bnien von Mexiko, wo sie stets zu finden sind, beigewohnt. Er be- zeichnet sie als außerordentlich rasche Schwimmkünstler, die sich in merkwürdigen sprungartigen Bewegungen durch das.'Wasser wälzen. Die Flügelrochen sterben fast sofort, wenn sie aus dem Wasser ge- zogen werden, oder auch, weim sie nur in einem beschräukten See- Wasserbecken in Gefangenschaft gehalten werde» sollen.— Hmnoriftisches. — Nebenverdien st..Ich finde eS gemein und roh von diesen gewöhnlichen Mädchen, daß sie sich zu gut dünken als Dienst- boten, und Stickerinnen werden und uns gebildeten höhereu Töchtern den Nebenverdienst rauben. Was sollen wir denn ohne Taschengeld machen?"— — Trost. Hausherr(zu einem Mieter, der die Miete ge» brackitl:„So, so, schlecht geht's Eahna? Ro mei, sehn», so lang der Mensch sein Hanszins zahl'» ton, derf er sich allweil no net beklag'u."— — Ein seliges Ende. Als Siegfried Maier gestorben war. tbal ihm die alte, treue Dienerin de« letzten Liebesdienst: „Ruhe sanft", sagte sie und nahm mit ihrer linken Hand die Bart- binde von den verklärten Zügen.—(.Simplie."> Notiz e». — Björnsons neue« Drama„Paul Lange und Tora Parsberg" winde vom Berliner Schauspielhause zur Auf- führung erworben.— — In Dresden war die Aufführung von Halbes „Jugend" polizeilich verboten worden. Nach langen Bemühungen ist es jetzt der dortigen„Litterarffchen Gesellschaft" gelimge«, das Stück einmal in einer Matinee durch Mitglieder des Berliner Residenz-TheaterS aufführen zu lassen. Kein Gast durfte zugelassen werden.— — Die Behörde hat die Schließung deS Münchener Schauspielhauses mit Ablauf der Spielzeit wegen Lebens« gefahr des Publikums bei ausbrechendem Brand« verfügt.— c. Die Entwürfe zweier Denkmäler für Alphonfe Daudet sind jetzt vollendet. Das eine von Samt- Marceaux ist für eine Promenade von Paris, wahrscheinlich den Jardin Luxem- bourg, bestimmt, das andere von FalgnisreS geht nach Ndnes.— — Nachdem bei der im Jahre' 1894 von der Deutsche» Gesellschaft für ethische Kultur ausgeschriebenen Preisbewerbung um ein Handbuch der humanen Ethik der volle Preis von 4000 M. nicht erteilt werden konnte, hat nunmehr der Vorstand der Gesellschaft aus dem zu seiner Verfügung»er- bliebenen Fonds»an ca. 2000 M. unter den zur freien Bewerbung sefther eingereichten Druckschristen dem Werke:„Handbuch der menschlich- natürlichen Sittenlehre für Eltern und Erzieher" von A. Döring sStnttgart, Fr. Frommmms Verlag 1893) den Teil« betrag von 1000 M. zuerkmmt.— — Von dem Mitgllede der von der Wiener Akademie der Wissenschaften entsendeten s ü d a ra b i s ch e n Ex p e diti o n. Dr. K o ß m a t, sind Mitteilungen an die Direktion der geologischen ReichSanstalt in Wien gelangt. Er berichtet, daß er aus den Inseln Sokotra, Abdal-Kuri rntd Semlah eine Entwickelrmg der Kreide« und Eozänformation angetroffen habe, welche mit der in den Karsiländern fast identisch sei. ES gelang Dr. Koßmat auch, von diesen Inseln zum erstenmal eine topographische und geologische Sperrte zu entwerfen.— — In Madrid wurde ein mft einem Kofienanfwande von über IVe Millionen Mark errichtetes Institut fürLnwendung der Röntgenstrahlen eröffnet.—_ in. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.