Unlerhaltungsblatl des Horwärts Nr. 73. Donnerstag, den 13. April. 1899 (Nachdruck veriotot) 8J Der Srhuldrgo? Roman von Hector Malot. vin. Wenn Bennoit Gibourdel die volle Wahrheit gesagt hätte, so würde er seiner Erzählung hinzugefügt haben, daß der Abbe Charles Hortense nicht bloß deshalb bei den Fräulein der Heimsuchung hatte unterbringen lassen, weil sie im Hause eines wüsten Hagestolzes gefährdet war, sondern namentlich auch, damit sie die schlechten Lehren und Beispiele vergesse, die sie zuerst bei ihrer Mutter in Paris und später bei den Mägden ihres Onkels in Thuit erhalten hatte. Er hütete sich jedoch wohl vor einer solchen Aufrichtigkeit, die allen seinen Grundsätzen zuwider gewesen wäre: wozu andern erzählen, was man ihnen zn verbergen ein Interesse hat? In der That hatte schon in der Dorfschule diese junge � Pariserin, die in nichts den anderen Mädchen glich, durch ihren frühreifen Verstand, ihr phantastisches Wesen und ihren romanhaften Charakter den Lehrerinnen viel zu schaffen ge- macht. Die anderen Kinder logen bisweilen, um sich heraus« zureden, wenn sie einen Fehler begangen hatten; Hortense aber log immer, von früh bis spät, ohne jeden Anlaß, aus purem Vergnügen, um sich wichtig zu machen, um die Leute in Erstaunen zu setzen, um sich förmlich in den Lügen zu berauschen. Keine Vorhaltungen, Zurechtweisungen und Strafen ver- mochten sie zu bessern; wenn sie sich verteidigte, so geschah dies durch neue Erfindungen und stets mit so viel anscheinender Unschuld, daß man sich fragen mußte, ob sie wirklich sich ihrer selbst bewußt und das Gute vom Bösen, das Wahre vom Falschen zn unterscheiden fähig sei. Auch der Pfarrer von Thuit niachte mit Hortense im Jahre ihrer Konfirmation trübe Erfahrungen. In der Katechismus- lehre wußte sie lebhafter und klüger als ihre Mitschülerinnen auf die Fragen zu antworten, aber keine war schwieriger zu lenken als sie. Der Geistliche war zu erfahren, run die Kund- gedungen schwärmerischer Religiosität, die bei dem bis dahin so zerstreuten Mädchen hervortraten, für ernst zu nehmen. Ohne Anlaß warf sie sich auf die Kniee, schien in Andacht vertieft, vergoß Thränen oder stieß Seufzer aus. So oft sie die Kirche offen fand, schlich sie sich in eine Kapelle, und man mußte sie rnauchmal nnt Gewalt vertreiben. Dann erzählte sie dem Pfarrer in der Beichte solvie den Leuten im Dorfe allerlei Geschichten von Heiligem die ihr erschienen seien, und erst die Drohung, sie nicht zur Konimnnion zuzulassen, be- wirkte, daß sie den Geistlichen nicht mehr mit ihren Visionen behelligte. Der Pfarrer fragte sich besorgt, was auS einem derart zu Erfindung und Verstellung angelegten Kinde werden sollte. Nur nnt Mühe erlangte er, daß die Dainen des Klosters sie in ihre Anstalt aufnahmen; sie sträubten sich dagegen, ein illegitimes Kind mit den Töchtern der besten Familien der Normandie zusammenzubringen. In der Klosterschule blieb Hortense dieselbe wie in Thuit, nur daß sie das Genre ihrer Erfindungen änderte. Angesichts der vornehmen Prätensionen ihrer Kameradinnen gab sie ihren Verkehr mit den Heiligen auf. um einen ebenso neuen mit den Personen des höchsten Adels zu beginnen. Sie wurde hierzu das erste Mal veranlaßt, als ihr Onkel im Besuchszimmer des Klosters erschienen war und die anderen Pensionärinnen sich hernach über die konnsche Gestalt des un geschlachten Bäucrleins lustig machten. Hortense erählte darauf den ihr näherstehenden Mitschülerinnen, der Mann sei gar nicht ihr Onkel, sondern nur der Bruder ihrer Amme; auf dieser Grundlage hatte sie dann eine romantische Gl schichte aufgebaut, die wohl wert war. daß man sie weiter erzählte, obwohl sie sie unter dem Siegel des Geheimnisses Lum besten gegeben hatte. Darnach stammte sie weder aus Paris, noch aus der Normandie, überhaupt nicht aus Frank reich, sondern aus Rumänien, und war einer fürstlichen Familie entsprossen, in der man einen Knaben für sie unter schoben hatte; sie hatte man beseitigt, nach Paris geschickt,' wo sie unter dem Namen ihrer Amme Hortense Gcbourdel er zogen worden war; eigentlich heiße sie Zoe Sinaia. Als ihre Amme gestorben sei, habe deren Bruder die Pflegerolle über« nommen. Als die Oberin diese abenteuerliche Geschichte erfuhr, wurde Hortense ernst zur Rede gestellt. Sie antwortete, sie habe lediglich diejenigen, welche sie zu demütigen suchten. zum besten gehabt. Gegenüber ihren Freundinnen verharrte sie jedoch auf ihrer Erfindung und schmückte dieselbe sogar noch weiter aus: Die Familie der Sinaia hatte einmal Rumänien beherrscht und nmßte früher oder später wieder zur Königswürde kommen. Ihre Mutter hatte ein Verhältniß mit einem Räuberhauptmann gehabt, dessen Tochter sie wahrscheinlich sei. Dies alles erzählte sie mit solchem Ernst, solcher Ueberzeugung und mit so viel umständlichen Einzel- eiren, daß ihr wirklich viele Pensionärinnen Glauben schenkten. sie zeigte sogar Briefe vor, welche sie von ihrer Mutter er- halteir haben wollte; darin stand, daß sie bald heimkehren, ihren Rang einnehmen und einen Hospodar heiraten werde; sie versprach, alsdann an ihre Freundinnen von Ronen zu denken. Während der sieben Jahre, die sie tm Kloster zubrachte, waren diese endlos variirten und später mit ganz außer- ordentlichen Liebesabenteuern ausgeschmückten Geschichten ihre einzige Freude, ihr einziger Genuß. Diese Nahrung ihres Geistes gereichte ihr aber anderer- seitS auch zur Qual. Wenn sie so erzählt hatte, daß sie eine vornehme Heirat machen, oder, was sie'noch vorzog, die Geliebte des Kölligs sein werde, so konnte dies wohl ihre Einbildungskraft eine Zeit lang ergätzen und in angenehmen Träumen wiegen; im Grunde lvußte sie aber doch, daß sie ebenso wenig die Frau eines Hospodars als die Geliebte des Königs zn werden Aussicht habe. Ob sie auch nur einen acceptablen Mann finden würde, der für hundert- tauseild Franken über den Mangel ihrer Geburt hinweg- sähe? Diese Frage ließ ihr keine Ruhe und folterte sie be- ständig während der letzten Jahre ihres Aufenthaltes im Kloster. Um sich diese Frage zu beantworten, hatte sie die Werbung Courtehcuses angenommen, ohne sich darum zu künnnern, was fiir ein Geist unter seinem gerade nicht sehr verführerischen Aeußern stecken mochte. Verheiratet und die Gattin eines Notars, das genügte ihr fiirs erste. Später wollte sie schon sehen. IX. Erst am Nachmittag traf der von Courteheuse aus Rouen geschickte Elektriker in Oiffel ein und begann, von Boulnois begleitet, seinen Rundgang in den verschiedenen Gemächern. in denen er seinen Apparat anzubringen hatte. Sie begannen beim Bureau. La Vaupaliere schien sich nicht im geringsten für diese Maßregeln zu interessieren, während im Gegen- teil Boulnois und Fanchon den Vorbereitungen neugierig folgten. Sodann traten sie in das Arbeitszimmer des Herrn und in den Salon ein, wo sie Madame Eourteheuse vorfanden. „Was soll das heißen. Herr Boulnois?" frug sie mit gleichgültiger Miene. Boulnois setzte ihr auseinander, um was es sich hau- deltc, während der Schlosser Fenster und Läden öffnete und sie wieder schloß. „Haben Sie auch die elektrischen Apparate bei Herr» Färe gelegt?" frug sie den Arbeiter. „Ja, Madame." „Und ist es daS gleiche System» das Sie hier bei uns einrichten?" „O nein, Madame." Frau Courteheuse hieß Boulnois nach dem Bureau zurück- kehren, da sie selbst dem Arbeiter die Zimmer zeigen würde. Boulnois ärgerte sich und hatte wohl große Lust, sich z« widersetzen, wagte es aber doch nicht. Nachdem er hinausgegangen war, nahm Madam« Courteheuse das Gespräch mit dem Arbeiter wieder auf, und derselbe erklärte ihr, daß das von Herrn Courteheuse gewählt« System das teurere und bessere sei, bei dem sich daS Oeffne» einer Thür oder eines Fensters weder von außen noch vo» innen ohne Lärm vollziehen könne. „Ist es aber jemandem, der das HauS bewohnt, nicht mSglich, Ihren Apparat auf irgend eine Art im voraus zu stellen, so daß derselbe nicht funktioniert?" „Das Wohl, Madame, nur muß man die nötigen Werk- zeuge und die nötige Zeit dazu haben, sowie auch den Apparat selbst genau kennen." „Also dann hält man das Läutewerk auf?" „Jawohl; aber vorsichtige Leute sehen natürlich oft nach und entdecken sofort jede Unordnung an den Apparaten." Madame Courtehcuse kannte ihren Mann zu gut. um nur einen Augenblick zu glauben, daß er nicht jeden Abend diese Apparate versuchen würde; die Hoffnung, die ihr drohende Gefahr abwenden zu können, entschwand also: das Haus wurde verschlossen, verschlossen wie das sicherste Gefängnis. so daß weder sie hinausgehen noch La Vaupaliere hereinkommen konnte. „Wann werden Sie die Arbeiten beginnen?" „Wir werden morgen damit ansangen und Sonntagabend oder im Laufe des Montags fertig sein, so daß Sie Ihr Haus sicherlich am Montagabend gut verschlossen haben werden." Mit leiser Stimme und verschwiegener Miene fiigte er hinzu:„Wenn Madame ihren Dienstboten mißtraut, so kam, Sie sicher sein, daß dann nicht einer das Haus unbemerkt verlassen kann." Sie begleitete den Arbeiter weiter in die anderen Zimmer der ersten Etage, in das Schlafzimmer ihres Mannes, wo, wie sie vorausgesehen hatte, an, Kopfende seines Bettes, an der entgegengesetzten Wand von der, in welcher sich die Thür nach ihrem Zinimer befand, das Läutewerk augebracht werden sollte. Sie richtete aber kein Wort mehr an den Arbeiter. Nachdem sie allein war, setzte sie sich in den Pavillon, um in der Einsamkeit zu überlegen. Wie viele einförmige, traurige, verbitterte Stunden hatte sie schon auf diesem Platze seit ihrer Verheiratung bis zu jenem Tage verbracht, an welchem La Vaupaliere in das Bureau eingetreten war? Erst von jenem Augenblicke an wurde es heiterer, hoffnungsvoller und erinncrungsreicher; sie hatte also nicht ganz unrecht mit ihrer Behauptung, er habe sie so, wie sie jetzt war. erst geschaffen. (Fortietzung folgt.) De AZolttöffeln im de Viekpirkfisze. (Eeue kom'sche Jeschichte vou't Land.) „Willem! Willemi—— Dmnicrwedder, Willem, harschte nich!—— Himmelkottschwärenot, Willem!— Wo mol'n bloß de Kerl sin'n l" So rief und wetterte und fluchte der Herr„Entspekter" Schläwing, ein untersetzter, starkleibiger Herr, mit einem voll- mondsrunden, entweder von starke», ftroste oder dito Ge- tränken fast blaurot gefärbten Antlitz, dessen äußerster gewaltiger Vorjprung in absoluter Bläue schimmerte. „Willem I" ertönte es nochmals unter dem weißen strammen Schnurrbart hervor, und ein energisches, unwilliges Aufsranipfen der mir langschäftigen Reitstiefeln bekleideten Füße des Herrn„Cnt- spekters" begleitete diese Rufe. Willem schien sich aber gar nicht? daraus zu machen, daß der Herr Inspektor Schläwing sochringend nach ihm verlangte und ob- wohl derselbe immer wieder wetterte und fluchte. Willem saß in einer Ecke der großen Scheune, die den Gutshof des Rittergutsbesitzers und Amtsvorstehers Herrn von Schmädicke abschloß und diskutierte eistig mit einer jungen hübschen Dirne, die ihm gegen- über wie er, auf einem Strohbiindel sich niedergclaflen hatte. „Willem I" tönte es jetzt zum Scheunenthor hinein,„Willem, De fällst zum jnä'jen Harrn koamen 1" Willem, der von dem Rufer infolge des Dämmerlichtes in der Scheune nicht gesehen werden konnte, meldete sich auch jetzt noch nicht, und a»ch sein Gegenüber, die jüngste Küchcnmagd Hanne, schien es ebenfalls für notwendig zu halten, ihre wichtige Unter- redung mit Willem zu beenden, ehe sie sich durch die gewaltigen Lungcnübungcn des„Entspekters" ihr Beisammensei» mit Willein stören lassen ivollte. „Lot man sin'n, Hanne," sagt Willem beschwichtigend,„wenn de Harr mi watt seggt iveggen de Wahl, denn kann je ock watt von mi to hören kregen; denn datt loten wi uns all nich jcfall'n, dat je unS Vörschristen mockt, datt wi'n Landrat nich jewählt Hebben." „Willem, Willem, ick fvrchtc, det wcrd nich jaud utjahn," sagt Hanne betrübt und mit zitternder Stimme und ringt dabei ihre Hände,„denn ick hesft sülfst gehört, as de Harr to de Mädamm inne Küche segget het, dat je Di met de Rietpietsche de socijaldemokratsche Jedankcn utdrietvcn will.— Du wärscht de Anstifter un Upphetzer von'ne Dagelöhner un Knechte, det se alle foeijaldemokratsch jewählt hädden; un afflohn'n will je Di ook, denn je koan blot anstännige un jaude Lüde bi sich brriken. De Landrat hebbe ein schon jeschrewen, wat dat för ne Wertfchaft di ein sei, dat dor blot vecr konschervative Ztfmmeu sejcn twantig socijaldemokratsche affjäwen lucin,. He will Di nn erseht schloan nn denn will je Di rntschmieten," und die brave Hanne schluchzte schmerzlich und verhüllte dabei mit beiden Händen chr Gesicht. „Aengstije Di man nich, lewe Hanne!" schmunzelte Willem und beruhigend fügte er unter einem verscknnitzten Lächeln hinzu: „Ick wär'ii jnä'jei, Hern« schön bidden, dat he mi nich schloan dnht un mi ook behollt. Un ick weet, wenn ick em bidde, schloat er ini dat nich äff," und der körperlich strainm entwickelte schmucke Bursche, der etwa Vicrundzivanzig Jahre zählen mochte, stand von seinen, Sitze auf und reckte seine Glieder, als ob er jetzt schon dem „Harrn" seine„Bidde" vorzubringen hätte, schloß die bittend und mit nassen Angen zu ihm aufsehende Hanne in seine Arme und mit einen, herzhaften Knß ihren Mund.... -„So'n Himmeldunncrwedderhnnd" ertönte plötzlich mit der ganzen Lungcnkraft, dicht»eben den beiden Liebenden die Stimme des„Entspektcrs", der unbeachtet von ihnen auf seiner Suche nach Wille», die Schemie betreten hatte und nun neben ihnen stand. Hanne riß sich von Willem los und eilte erschreckt davon; Willem, auch überrascht, aber doch schnell gefaßt, blickte mit herausfordernder Miene den Inspektor an, als dieser weiter tobte: „Hast Du mi nich rufen gehört? Hier sitt das nn un karrcssiert met de Mäkcns, statt det je sine Arwet mockt I" „Ick bin met mine Arwet färtig," erwiderte Willem,„und denn is ook Fneraivend, un dor het ook lccn Miusch wat dornach to fragen, wat ick duhe I" „Du fällst zu'» jnä'jen Harrn kamen, jleich niokste, dett de rindcr kamst I" polterte wütend Inspektor Schläiving Willem an. Willem wandte sich lächelnd zum Gehen; schimpfend und ein „Dunncrweddcr" über das andere ihn, nachschlcudcrnd, folgte prustend der Entspekter aus der Scheune. Auf dein Gutshof. am Brunnen, an Wagen und Ackergerät- fchaften machten sich die Knechte und Mägde zi, schaffen, und ver- stöhlen blinzelten die elfteren Willem zu, als er mit seine» fchlverei, Holzschnhen an ihnen vorbei zum Gutshof schritt wie einer. der zu einer überaus wichtigen Angelegenheit beim„Harri," befohlen ist; denn die Dicnstlente, sowie Knechte und Mägde hatten schon oft die Reitpeitsche des„Harn," nach Feierabend, für irgend welche angeb- liche Verfehlungen bei der Arbeit, zu kosten bekommen Nied Willem, das horten sie ans den Flüchen des„Eutspekters", sollte heut wegen der Wahl das erste Mal Bekanntschaft mit der Reitpeitsche des Herrn Gutsbesitzers Schmädicke machen. Der„Harr"— das war der Rittergutsbesitzer und Amtsvorsteher von Schniädicke, der ob seiner Strenge, mit der er sein Herrenamt häufig mittels der Reitpeitsche ausübte, von allen seinen Dlenstleuten und Tagelöhner» sehr gefürchtet war. Bei allen seinen Guts- Nachbarn in der ganzen Umgegend galt er als das Muster eines tüchtigen Landwirtes, der seine„Arbeiter wie Puppen tanzen ließ", ohne den geringsten Versuch des Widerspruchs bei ihnen zu finden; der auch durch seine konservative Gesinnung sich schon manche Anerkennung von„Oben" errungen hatte und außerdem inseiner Eigenschaft als Reserveleutnant von dem Veteranen- und Kriegerverein in Knacks- dorf mit den, Anite eines Ehren-Vorsitzenden betraut war. Seiner konservativen Gesinnung, solvie seiner Thätigkeit für den Bund der Landwirte und seiner Eigenschaft als Reserveleutnant war es auch zuzuschreiben, daß er die erste Sprosse auf der Leiter zun, politischen Ruhm erstieg und als Amtsvorsteher für den Aintsbezirk KnackSdorf bestellt wurde. Keiner seiner Nachbarn war aber auch so gut in der Lage, die Allüren eines Leutnants der Reserve n,it dem hohen Anstände und der souveränen Ueberlegenheit eines Amtsvorstehers zu verbinden, und außerdem war gerade sein Aintsbezirk durch seine vortrefflichen Maßregeln bisher bei allen politischen Wahlen nicht durch die Abgäbe einer einzigen innstürzlerischen Stimme„schimpfiert" worden. Diese Thatsache hatte ihn bisher mit einem solchen Stolze er- füllt und das Vertrauen des Landrats und der vorgesetzten Behörden zu ihm so gefestigt, daß er sich mit der Hoffnung schmeicheln durste. bei einem Wechsel in, Landratsamt an diese Stelle aufzurücken� Allgemein wurde er auch von der Oeffeiitlichkeit bereits als der Nachfolger des Landrats bezeichnet. Dabei befand er sich noch im beste» Mannesalter und hatte also Aussicht, nicht nur Landrat zu bleiben._',(Schluß folgt.) Kleines Fenillekon. b. Die erste» Bücher. Während er die Suppe auslöffelte, fiel es ihm auf, daß seine Frau und die Kinder schweigend nnd ge- drückt dasaßen. Der sechsjährige Franz hatte sogar verweinte Augen. Und wie er schlürfte. Gerade, wie wenn er noch an den Zchränen würgte. Was war denn geschehen? Das kam doch sonst nicht vor. Und nun fiel ihm ein, daß ihn« Franz nicht wie sonst entgegengekommen war, un, ihm. den Hut abzunehmen. Da mußte ja etivas Gräßliches vor sich gegangen sein. Als er die Suppe gegessen, nahm er sich Kartoffeln zu». Fleisch. ES war ein bißchen trocken und nüchtern, das ausgekochte Suppenfleisch; So recht stärkte es nicht zu der schweren Arbeit, zum Kesselnieten. Aber... Ra, den Kindern schien es heute auch gar nicht zu schmecken. Sie löffelten ja immer noch au der Suppe. Verlangen nach Fleisch, das sie sonst immer sehr lebhaft� äußerten, schienen sie nicht zu empfinden. Ganz sonderbare, verschüchterte und verletzte Gesichter niachten sie. Trotz des großen Hungers, der ihn plagte, trotz deS Dranges nach fester Speise liest er das Fleisch liegen und sab nach seiner Frau hinüber. Sie war mit ihrer Suppe fertig und starrte nun vor sich hin. � In der Stube, wo um die Mittagszeit gewöhnlich Kindergeplapper zu hören war, liest fich nur das widerwillige Schlürfen und Löffeln des Jnngen und der beiden Mädchen hören. Vom Hofe drang mit dem bleichen Wiederschem der Frühlings- sonne das helle Singen einer jungen Frau herein. Als ihm seine Frau auf seine fragenden Blicke keine Antwort gab, sagte er unwirrsch:„Was habt Ihr denn? Sind Euch die Felle weggeschwommen, dast Ihr so mistvergnügt dasitzt?" „Jawohl, Du hast gut reden!" erwiderte sie.„Wenn einem so alles gegen den Strich geht, da soll man nicht nachdenklich und ärgerlich werden." Wütend den Löffel aufstostend, drohte sie dem Jungen:«Ich möchte Dich gleich in die Küche sperren, wenn Du noch lange so den Verletzten und Entrüsteten machst! Was man um solchen Bengcl nicht alles ausstehen must!" Sie war aufgeregt, als hätte er ein schweres Verbrechen be- gangen. „Na, na," machte der Mann;„was ist denn, dast Du Dich so ereiferst?" „Ach, es ist doch wahr; die Bälger bringen einen noch ins Grab mit ihrer Quälerei." „Wieso, warum quälen sie Dich denn?" „Ach, Bücher will der Jnnge haben. Und das geht nun schon ein paar Tage so. Heute kommt er angeheult aus der Schule, er könne ohne Bücher nicht mehr hingehen. Die anderen Schüler hätten schon alle ihre Bücher, blost er noch nicht. Der Lehrer hätte schon gescholten und ihn gefragt, ob er noch einen Vater habe. Der könne ihm doch wohl die Bücher kaufen." „So so; also der Vater!.. Ja, dem Vater fällt es heute manchmal schwer, wie einer Wittwe, die Familie zu ernähren. Wenn ein Vater da ist.. dann kann der ja nllcS kaufen und besorgen, der must alle Pflichten erfüllen. WaS für einen Haufen Geld der auch verdient I" „Ja, und woher soll ich jetzt, am Ende der Woche, das Geld für die Bücher nehmen?.. Mcinetlvcgcn brauchten die Kinder gar nicht in die Schule." „Ach, was Du da Iviedxr faselst I" tadelte der Mann. „Na ja. das bringt einem doch nur»och mehr Sorgen; als ob man nicht schon genug hätte." Eine Weile schwiegen alle. Bon dem Essen waren groste Neste auf den Tellern geblieben. Früher hatte es immer nicht gereicht. Heute starrten sie es an, ohne Appetit zu bekommen. „Ja, das hilft nun uickits. Der Junge must seine Bücher be- kommen. WaS brauchst Du denn alles?" unterbrach der Mann die Stille. „'»c Firbcl und ein Rechenheft und ztvei Schreibhefte," ant- wartete der Junge mit dünner, weinerlicher Stimme. „Ja, das geht doch aber nicht!" fiel die Frau ein.„Heute ist Donnerstag, uiid ich habe nur noch vier Mark... Und die Feuerung must ich auch bezahlen." «Ja. miisse» wir eben halt noch billigeres Zeug effen." „Oh Du I" drohte die Frau nach dem Jnngen hinüber.„Am liebsten inöcht' ich Dir den Hals umdrehe»... Wie Dem Vater blost bei der Arbeit von dem Essen bestehe» soll?..." Sic ging mit ihm zum Buchhändler. So erbost war sie, dast sie kein Wort mit ihn, sprach und ihn nicht an der Hand nahm. Er schlich betrübt neben ihr her und sah nur ab und zu Verstohlen nach ihrem Gesicht. Darin lag so viel Zorn, dast er an- sing, seine Mutter zu fürchten. So böse hatte sie ja noch nie aus- gesehen. Er schämte sich, dast er sie so gequält hatte. Und vor Furcht fror ihn in der hellen, wannen FrühliiigSjonne. Hatte sie nicht gesagt, er bringe sie noch ins. Grab? Sie murrte noch, als er die Bücher ausgesucht hatte und sie be- zahlte. Als er aber die Ficbcl aufschlug und, in der Freude sich vergessend, laut ausrief:„Da, da, das kann ich schon lesen I" da strich sie ihn, lächelnd über die Haare. Ihm blieb vor Erstaunen der Mund offen. Wenn sie auch sagte: „Ja, das kostet aber auch Geld!" Sie sah doch nicht mehr so aus, als bringe er sie ins Grab.-- — Schlagende Wetter im Mittelalter. Die älteste Nach- richt über daS Auftreten schlagender Wetter in Kohlengniben und die Schutzmastrcgcl» dagegen ist, wie O. Vogel in der Zeitschrift „Gliickanf" erwähnt, folgender Bericht Fisens in seiner Geschichte der � Lütticher Diözese zun, Jahre 1lS8: Auch von feindseligem Feuer haben die Arbeiter unter der Erde zu leiden, welches gewöhnlich also entsteht. Da die meisten Ausdiinsinngen wässerigen oder erdigen Gases durch die Schachtöffnungcn nicht ins Freie gelangen können, hänfen sie sich an iind verdichten sich nicht selten in den Gängen oder in den hohlen Zwischenräiuncn der Kohlcnadern. Wenn nun jemand mit einer angezündeten Kerze hinzuttitt, so werden sie durch die schwefligen Ausdünstungen derselben erhitzt und plötzlich ähnlich wse Fenerpiilvcr entzündet. Die übelriechende Flamme ist von schwefel- gelber Farbe. Weil eine allzu dicke Luft der Flamme Nahrung giebt, wird das Feuer durch nicbts besser gelöscht als durch Bewegung der Luft, infolgedessen Luftverdünnung und Luftteinigung einttitt. Daher Hedecken die Arbeiter sich mit einem Gewebe, welches keine Auswässcrung erfahren hat,— eine lange Erfahrung hat nämlich ge- lehrt, dast ein solches Gelvebe von Grubcnflammen nichts leidet,-r- und gehen denn auf die brennende Flamme mit Knütteln und Nuten L— zu. mittels deren sie so lange rasch auf die Flamme' losschlagen, bis dieselbe infolge der eingetretenen Luftverdünnnng erlöscht ist. Auch bestrebt man"sich, der Entzündung der Ausdünstungen dadurch vorzubeugen, dast man Minen gräbt, durch welche die Dünste ent- weiche». Ferner werden Feuer angezündet, die aus den entlegeneren Gängen die Luft und gleichzeitig die Dünste hervorlocken, so dast diese sich nicht verdichten Wimen. Dies die Gefahren in den Berg- werken, in oben angegebener Art werden sie vermieden oder ab- gehalten; möge uns dadurch der Gennst eines so grasten Vorteils vergönnt sein.— Wir erkennen hier bereits unzweideutig das An- legen von Wetterschächten und das Erzeugen eines hefttgen Lust- zuges in ihnen durch unten angezündete Feuer. Das nicht aus- gewässerte Gewebe ist zweifellos ans stark appretierte, ungeivaschene Leinwand zu deuten, welche wegen ihrer Steifheit vom Feuer nicht leicht erfastt wird.— Erziehung und Unterricht. — Neber die am 22. Februar in Oxford eröffnete RuSkin« Hall, die zur Aufnahme von Arbeitern bestimmt ist, die in der alten Universitätsstadt eine bessere Ausbildung erlangen wollen, er- hält die„Voss. Ztg." einen ausführlichen Bericht. Dieses Arbeiter- Kolleg wurde von einen» Amerikaner Walter Vrooman mit Unter- stützung mehrerer Verehrer des greisen Kunstkritikers und Social- reforniers John Rnskin gestiftet und zählt bereits dreistig Hörer, von denen der älteste sünfnnddreistig, der jüngste achtzehn Jahre alt ist. Das Gebäude liegt im Quartier St. Giles und wurde 1649 von Sir Matthew Halc erbaut. Ruskin- Hall hat keinerlei Verbindung mit der Universität Oxford, und die Absicht der Gründer ist nicht, den� Studenten zur Erlangung von Univcrsitätsgradei« zu verhelfen oder Gelehrte aus ihiieii zu inachen. Die Leute, die als Studenten dort- hin gehen, beabsichtigen einen einjährigen Aufenthalt und studieren während dieser Zeit englische und ainerikanische Geschichte, englische Biographie, allgemeine Geschichte Europas, Geschichte der Jndtistrie, Sociallvisscnschaften und Verfassungsgefchichte, Geschichte der Wissen- schaften, Psyckologie, Philosophie und Litteratiir. Die Begründer des Instituts haben für die Unkosten dieses Versuches a»lf mehrere Jahre hinaus Bürgschaft geleistet; die Studenten tragen zu de»» Un- losten je 19 Shilling»vöchentlich für Kost und Wohnnng bei und zahlen je 1V Shilling monatlich für den Unterricht. Die häusliche Arbeit»vird von den Studenten selbst verrichtet. Die Küche allein wird von einer sachknudigen Persönlichkeit besorgt. Die Kost ist sehr einfach. Das Frühstück besteht aus Hafergrütze, Speck»md Kaffee, das Mittagmahl ans Braten und Kattoffeln; zum The«»vird nur Butterbrot genossen, und das Nachtmahl besteht a»ls Brot, Käse und Kakao. Vor dein Frühstück verrichten. die Studenten die häusliche Arbeit. Zlvischen Frühstück und Mittagsmahl finden, die Vorlestlngen statt, der Nach- iiiittag»vird der Erholnng gewidinet, die gegemvärtig in Garten- arbeit besteht. Abends»verde»» ebenfalls einige Vorlesungen besucht, zumeist aber»vird die Zeit den» Privatstudimu gewidmet; nach dem Nachtessen»vird geraucht, gespielt, musiziert uslv. Man hofft, dast die nach Jahresfrist abgehenden Studenten mindestens drei Jahre in Verbindung init den in verschiedenen Teilen Londons und des Landes gegründeten sogenannten Universitäts- Nieder- l a s s u n g c n bleiben»verde»». In Verbindung mit Nuskin-Hall stcheu auch Korrespondenzklasscn in verschiedenen Landesteilen; es haben sich bereits S99 Mitglieder gemeldet, die einem be- stimmten Studium obliegen und von Zeit zu Zeit Auffätze ein- schicken. Unter den dreistig Stridenten haben mehrere,»liiter ihnen ein Ziminermaun, ein Koch und ein Blechschinied. die Verpflichtung übernommen, gelvisse Arbeiten in RuSkin-Hall zu verrichten, und für diese Leistungen erhalten sie Kost, Wohnung»ind Unterricht ft'ei; drei andere Arbeiter zahlen die Hälfte ihrer Unkosten und arbeiten für die andere Hälfte. Einige Sttldentcn weklen in Nuskin-Hall auf Kosten ihrer Gclvcrkvcreine oder sonstiger Genossen- fchaften. Unter denjenigen, die alle ihre Kosten bestreiten, sind eii» ansgedicntcr Soldat, ein Gmbcnarbeitcr, ein Schriftsetzer, ein Zimulettuann, eii» Cisenbahnarbeiter, drei Mechaniker uslv. Die meisten beabsichtigen nach Ablauf des Studieiffähres wieder in ihrem Handlverk zu arbeiten; einige hoffen voi» ihren Gelvcrkvereinen amt- lich beschäftigt zn»verde». Man beabsichtigt, das alte vom Balli. t Kolleg gemietete Gebäude zu erweitern, so dast R»iskin-Hall sef'ge eigenen Kollegräume haben»vird.— ,) Gesundheitspflege. — Heber die Vcrbre'.iung an st eck ender Krankheiten und die Mittel zu ihrer Bekämpfung hielt Dr. Ezaplewski in Köln einen Vottrag, über den di-„Kölnische Volkszeitung" folgenden Bericht bringt: Der Redner teilte die nfektionskrankheitcn in elf Gruppen ein und betrachtete dann die rsächen der verschiedenen Krankheiten. Als solche hat man bei vielen Infektionskrankheiten Baktetten, niedere Pilze und niedere Tierformen festgestellt, von vielen«»»deren aber ist der Krankhcits- erreger noch nicht bekannt. Man unterscheidet eine lokale Jnfektioi», wobei die Erkrankung sich auf einen Körperteil beschränkt, und eine allgemeine Infektion,»vobei die Erkrankung den ganzen Körper befällt. Die Erreger sind enttveder fixe oder flüchtige; zu letzteren, die naturgemäst die gröhere Gefahr der Verbreitung in sich trage»», gehören Scharlach, Maser»», Flecktyphus. Die meisten Jnfektions- erreger sind zart und kurzlebig, köniien aber in eiweisthaltigen Stoffe» und Sei Nnwcsenheit von Feuchtigkeit und in Waffer. wie der Cholera- und der Typhusbacillus. oft lange leben. Auch durch Fleischwaren und Milch werden sie oft verbreitet; dem Fleisch kann man oft seine Durchseuchung nicht ansehen und verdorbener Mich ist, besonders bei warmem Wetter, die große Kindersterblichkeit zuzuschreiben, in- dem sie den gefährlichen Brechdurchfall erzeugt, Ein fernerer Auf- enthaltsort der Krankheitserreger ist die Lust oder vielmehr der trockene Staub darin, an welchem sich die Bacillen ansetzen. Was die Disposition für die Jnfection betrifft, so ist erwiesen, daß junge Tiere und Menschen leichter befallen werden als alte. Jede Schwächung des Körpers macht aber denselben weniger widerstandsfähig. Es genügt dazu schon Hunger, Nervosität, Durst, Ermüdung. Die nicisten Erreger ertragen aber keine Säure und gehen in der Magensäure zu Grunde; doch kann diese durch gleichzeitiges Einnehmen etwa von Flüssigkeiten unwirksam werden.' Eine Ilebertragung von Lungen- entzündung, deren Krankheitserreger der kleinste bekannte Bacillus ist, kommt trotz der großen Verbreitung der Krankheit nur selten vor. Mit den, Tuberkulosebacillus hat der Erreger der Strahlpilzkrankheit Aehnlichkeit. Er wird durch pflanzliches Material übertragen und findet sich vornehmlich auf Getreidegrannen, weßhalb es bedenklich ist, solche in den Mund zu nehmen, wie eS bei Spaziergängen oft zn geschehen pflegt. Für die Bekämpfung der Krankheitserreger muß man immer gerüstet sein; jeder kann dabei mitwirken, obwohl die größten Aufgaben dem Staate oder der Gemeinde zufallen, die für hygienische Maßregeln zu gunsten der Allgemeinheit zu sorgen haben, als da sind gute Anlagen von Schulen, Herbergen, Wasser- und Kanaleinrichtun'gcn, Jsolieningsanstalten für die Kranken uslv. Neuere Untersuchungen haben ergeben, daß entgegen der viel- verbreiteten Ansicht Schwefel, chlorsaurcs Kali und hypermangan- saures Kali keinen Dcsinfekttonswert haben. Für Gläser und metallene Gegenstände gicbt es dagegen ein sehr einfaches und wirkungsvolles Desinfektionsmittel: das Abkochen von Wasier, dem etwas Schmierseife oder Sodalösung zugesetzt worden ist. Auf dem Gc- biete der Wohnungsdesinfektton ist in neuester Feit ein sehr wich- tiger Schritt gethan worden. Sie ist heute sehr schwierig, und das bisherige System hat sich nicht bewährt; das neue Mittel ist das »wrmaidehhd, ein Gas, das entsteht, wenn man die Dämpfe von Methylalkohol mit Lust gemengt über eine glühende Platinspirale oder ein glühendes Kupferdrahtnetz leitet. Das Gas läßt sich in Wasser bis zu 40 Proz. auflösen, und diese Lösung heißt Formalin. Zur guten Desiufekttonswirkung ist die Gegenwart von Wasserdauipf nöttg, und zwar rechnet man 21j2 Gramm Formaldehyd und SV Gramm Wasserdampf auf den Kubikmeter. Ein großer Uebelstaiid war eS bisher, daß das Gas einen durchdringenden, sehr unau- genehmen, weim auch nicht gerade schädlich wirkenden Geruch hat; aber auch dieser ist jetzt von Flügge in Breslau. und zwar durch Ammoniak, paralysiert lvorden.— Meteorologisches. — liebet die Zunahme der Blitzgefahr während der letzten KS Jahre hat Professor von Bezold jüngst in der Berliner Akademie der Wissenschaften vorgetragen. Der Forscher hat nach einem Bericht der.Tägl. sR." Feststellungen der Brandvcrsichcrungs- Stattstik für die Gelvittcrkunde nutzbar gemacht und daraus die Schlußfolgerung gctvonncn. daß die'Blitzgefahr während der letzten 00 Jahre eine beträchtliche Zunahme erfahren hat, und zwar ist sie von dem ersten bis zum letzten Jahrzehnt des 05jährigen Zeitraums ungefähr auf das sechsfache gestiegen, dagegen scheinen die zündenden Blitze in der Abnahme begriffen zu sein. Es werben jetzt rund 190 von 1 Million Gebäuden im Jahre vom Blitz getroffen, während es im ersten Jahrzehnt nur rund 31 waren. In Anbetracht der Nauchmaffen, welche die großen Industrie- ftädte in immer steigendem Maße in die Luft senden, und trotz dcS Netzes� von Schienen und Drähten, mit welchen die Neuzeit die Erd- Oberfläche übcrsponnen hat, die alle als ElekricitütSvctteiler wirken, ist der Gnind dieser eigentümlichen Zunahme um so rätselhafter. Wahrscheinlich ist, sagt Bezold, daß wir es hier mit einem auf meteorologische oder kosmische Ursachen zurückznführendenZeitrauin von sehr langer Dauer zn thnn haben. Ein Vergleich mit den Sonnen- flecken läßt erkennen, daß fiir den untersuchten Zeitabschnitt dem zahlreichen Vorkommen von Sonnenflecken eine Geringstzahl der iSlitzschäden entspricht. Auch liegt der Gedanke nahe, daß die Nord- lichter, deren Häufigkeit mit der Fl-ckeubildung der Sonne wächst r.nd abnimmt, zu den Gewittern ii Beziehung stehen, insofern die eine» dem alljährlichen Ausgleich der Elektricität durch Glimmen ladung, die anderen jenem durch Fuukeuentladung entsprechen, die einander wohl ablösen könne;;, so daß nordlichtreiche Jahre zugleich gewiflck'ärmer sein lvürd-n.— Technisches. — lieber die Versuche mit der drahtlosen Tele- g r a p h i e, die von Marconi auf eine Entfernung von 50 Kilo- meiern über den Kanal veranstaltet worden sind, erhält der „Schwöb. Merk." Iveitere eingehende Mitteilungen. Die Versuche gingen von South Foreland und von Frankreich nach dem Leucht- schiff von Goodwin Sands. Von dem sehr einfachen Apparat, dessen Kosten sich auf nur 2000 M. belaufen, gehen bloß 50 Meter Kupfer- drabt aus. die sich um eine Stange winden. Auf der anderen Seite Werden die elektrischen Wellen durch einen solchen Draht aufgefangen Leralttwortlicher Redacteur: August Jacobe? in Bc und dem Apparat zugeführt, der sie in telegraphischen Codezeiche» auf Streifen druckt, mit der Schnelligkeit von 12— 18 Worten in der Minute. Marconi berechnet die notwendige Länge des Drahtes für die Uebermittelung durch die Leere auf Entfernungen von IVa Kilometern mit 6—7 Metern, auf 65 Kilometern mit 10 Metern, auf 130 Kilometern mit 25 Metern usw. In den„Times" ver- breiten sich zwei bekannte englische Gelehrte, der Physiker Fleming und Flood Page, die beide den Versuchen beigewohnt haben, mit großer Begeisterung über die Wirkung des Marconischen Systems. „Ein Wächter auf dem Leuchtturm von South Foreland," schreibt Fleming,„kann im tiefen Schlaf liegen, wenn die Glocke tönt; dann kann er sofort das Rettungsboot in Ramsgate anrufen, um eS, wenn nötig, dorthin zu senden, wo dessen Dienste erfordert find, und dazu genügen nur einige Sekunden." Freilich ist bis jetzt noch kein Mittel erftniden, um die elektrischen Wellen so zu isolieren, daß sie in dem Bereich von zwei Apparaten nicht auch andere Apparate in diesem Bereiche treffen. Allein darin liegt nach Fleming kein unüberwindliches Hindernis, und man' könnte dazu gelangen, daß eine annifende Stelle über die angerufene so genau unterrichtet wird, wie ein Zimmerkellner im Gasthof bei einem Blick auf die Tabelle über die Herkunst des Glockenrufes Bescheid weiß. Spätere Erfindungen, vielleicht auch Verordnungen der Behörden über den Gebrauch der Aethertelegraphie, können ver- hindern, daß der amtliche Empfänger durch Botschaften von un- berufenen Personen gestört Ivrrd. Praktisch ist erreicht, daß. wenn in einem Bereich nicht inehr als zwei Stattoncn bestehen, sie frei und regelmäßig durch Aethcrwellcn- Signale, die an senk- rechten Stangen anfgefangeu werden, miteinander verkehren können, und zwar mit der Sicherheit, daß dies bei jedem Zustand der Luft, bei Dnnkelhctt oder Stmm möglich ist. Die drahtlose Telegraphie werde, so bemerkt der Gelehrte weiter, der Drahttclcgraphie keinen Abbruch thun, denn jede habe ihre besondere Aufgabe, und die Allgemeinheit könne mit Recht verlangen, daß die Möglichkeit, durch die Acthcrwellcn-Telegraphie die Sicherheit aus See zn erhöhen, vollständig ausgenutzt werde. Page hält auch dafür, daß die unterseeischen Kabel entbehrlich werden könnten, Ivenn sich nachweisen ließe, daß das Marconische System auf Hunderte und Tausende von Meilen Verwender sei.— Humoristische?. — Schnell gefaßt.„Warum liegen in Deinem Schiller denn lanter getrocknete Blunien?" «Ach, sie sind von meiner ersten und einzigen Jugendliebe; wir lasen mit einander„Wallenstein" und pflückten Veilchen dabei!" „Aber das hier sind ja lauter Schneeglöckchen!" «So dann war das die änderet"— — Boshaft. Gigerl:»Was kostet's zum Zoologischen Garten?" Kutscher:„Hin und zurück Gigerl:„Bloß hin I" Kutscher:„Na, weil's Ihre letzte Fahrt ist, will ich's 'mal für'ne Mark thun."— — Variante. A.:«Der Sireber Müller ist also wirklich Bnreanchef geworden, auf welchem Posten man so viel faulenzen kann?" B.:»Ja, der hat sein Schläfchen ins Trockene gebracht."— („Mcggcnd. hum.©L") i~ Notizen. — Im Teatro Alfieri zn Florenz wurde durch Abstim- in u u g des Publikums dem Stücke»Zum w o h l t h ä t i gen Zwecke", einer Plauderei dcS Mailänder Stundenten Emilio R e g g i o, der man einige glückliche Situationen und einen un- gewöhnlich witzigen Dialog nachrühmt, der Preis zuerkannt. Dem Sieger wurden die übliche goldene Medaille und das dazu ge- hörige Diplom feierlich überreicht.— — August Bungerts.Kirke" wird am 23. April im Hamburger Stadttheater zur Ausführung gelangen. Bisher wurde das Opcrndrama nur in Dresden gegeben.— — Auf der Deutschen Kunstausstellung Dresden 1899 werden Zeichnungen Max Klingers zu„Amor und Psyche", die unlängst vom Dresdener Kupferstich-Kabinett erworben wurden, und eine Anzahl von H a n d z e i ch n u n g e n Arnold B ö ck l i n s zur Ausstellung gelangen. lleberhaupt soll die graphische Abteilung besonders reichhaltig werden.— o. Ein neues Reise-Tagebuch aus dem 16. Jahr» hundert hat der französische Gelehrte Lvon Dorez gefunden. Wie er in der letzten Sitzung der Pariser„Acaviswis äss mLerixtionü" mitteilte, handelt es sich um eine Reise nach Konstanttnopel im Jahre 1544, die Järöme Maurand, ein proven?alischer Gelehrter und Priester in Amibes, gemacht hat. Die Erzählung ist italienisch geschrieben und wird von Federzeichnungen begleitet. Der Bericht enthält vor allem merkwürdige Nachrichten über die griechischen Inseln und eine ausführliche Beschreibung von Konstanttnopel. ES wird demnächst herausgegeben werden.—__ litt. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin. x