MnterhaltlmgMatt des Vorwärts Nr. 75 Sonntag, den 16. April. 1899 (Nachdruck verboten.) ioj Dev Schuldige? Roman von Hector M a l o t. „Konun' l" Er hatte schon hinter dem Kassierer den Eingang zum Bureau verschlossen: in zwei Sätzen war er bei ihr. „Und Celanie?" frug er. „Denkst Du Dir denn, daß ich durch Celanie unser Stell- dichcin verhindern lassen werde? Sei ganz ruhig, sie wird uns weder heute noch morgen stören: Du kannst ohne Furcht mit in den Salon kommen." „Hast Du sie etwa umgebracht?" frug er lachend und führte sie. indem er sie mit den Armen umschlungen hielt, nach dem Salon. „Wenn es nur dieses Mittel gäbe, um uns zu sehen, so sei überzeugt, daß ich nicht geschwankt haben würde; aber ich hatte nicht nötig, zum äußersten zu greifen, ich habe sie ein- fach zu ihrer kranken Mutter geschickt, von wo sie erst morgen abend wieder eintreffen wird. Wir haben also den heutigen und den morgigen Tag für uns." „Und wie wird es später sein? Hast Du einen Ausweg gefunden?" „Wir werden darauf zurückkommen! hast Du mir nichts vorher zu sagen?" „Seit Freitag habe ich in Todesangst gelebt, oder vielmehr nicht gelebt." „Das ist hübsch, so etwas höre ich gern von Dir." „Ich habe wirklich erst dann gefühlt, wie sehr ich Dich liebte, als ich an die Möglichkeit einer Trennung denken mußte. Ich fühlte eine Zerreißung, Vernichtung, den Tod in mir, eine Wut gegen mich selbst und gegen einen anderen er- faßte mich, da ich mich dem gegenüber, was uns bevorsteht, ohnmächtig weiß." „Oh, mein Vielgeliebter I DieS alles habe auch ich in den letzten vier Tagen empfunden, denn erst heute morgen bin ich. nachdem ich tausend Kombinationen, die einen immer ge- fährlicher als die anderen, erwogen, angenommen und wieder verworfen hatte, zu einem Entschluß gekommen, und ich hoffe, daß»vir dadurch noch ungezwungener als vor dem elektrischen Verschluß miteinander verkehren können. „Und das ist?" „Ein Schlafmittel, gleichviel welches, Landanum, Mor phinm" „Fch werde ihm dieses Schlafmittel an dem Tage, an welchem»vir uns sehen wolle», beibringen", fuhr sie fort„und sein Schlaf wird so fest sein. daß ich au das Läutwcrk ge- langen und den Hebel aufhalten oder niederlassen kann, ohne daß er es merkt. Was sagst Dn dazn?" Da er die Antwort schuldig blieb, frug sie von nenem: „Weißt Dn ein anderes Mittel?" „Nein, aber ich finde das gefährlich. Und, wenn ungeachtet des Schlafmittels Dein Mann in dem Augenblick auf- wachen würde, wo Du die Hand am Läutwerk hättest? Wenn Du in dem dunklen Zimmer ein Möbel umwürfest..." „Vor allem wird das Zimmer nicht dunkel sein, ich würde immer ein Nachtlicht brennen lassen... um die Diebe zu cutferucn. Sodann, wenn er trotz des Betäubungsmittels aufwachte, so würde ich darum nicht auf frischer That ertappt sein, weil ich von heute ab Schlafwandlerin sein»verde: gehen diese nicht des Nachts überall herunt, ohne zu lvissen, was sie thuil?" „Ich bewundere Dich wirklich: nichts bringt Dich außer Fassung: für alle Schwierigkeiten»veißt Du außerordentliche Austvegc." „Das ist die Eigenschaft derer, die lieben! nicht der Glaube ist es, der Berge versetzt! es ist die' Liebe, und ich liebe Dich. Dn mußt aber Deinerseits auch etwas thuu. Du hast einen Freund in Ronen, der Apotheker ist." „Ja, Jmanville." „Nun, suche ihn heute abend auf, beklage Dich über Schlaflosigkeit, bitte ihn um ein Mittel dagegen, Opium, Morphium, was Dich schlafen macht, und von morgen an werden»vir nachts nicht iin Pavillon, sondern iin Salon zu- sammenkommcn, dessen Thür nach dein Hofe ich Dir öffnen werde, und wir werden ebenso sicher wie in Deinem Zimmer sein. Verstanden?" „Wer könnte Dir widerstehen?" „Also küsse Deine Dienerin, mein sanfter Herr, ich hoffe, daß sie es»vohl verdient hat." Xl. Ilm anderen Morgen fuhren Courtcheuse und Fenlchon »nieder zeitig nach Sotteville ab, und Boulnois verließ ein inen ig vor elf Uhr das Bureau, um frühstücken zu gehen. La Vanpaliere schloß schnell das Bureau ab und trat in das Kabinett des Herrn ein. Zu seinem großen Erstaunen fand er die Erwartete nicht vor: er pochte also leise an die Thür des Salons, die ge- schlössen»var; auf das gerufene„Herein" I klinkte er die Thür auf und bemerkte Madame Courteheufe am Kamin sitzend! über ihr schlvarzes Kleid hatte sie heute ein»veißcs Spitzen- fichu geivorfen und sich mit einer Rose geschmückt. „Treten Sie doch näher, lieber Herr, das Frühstück ist bereit." Er blickte sie init einer so bestürzten Miciw an, daß sie in ein lautes Gelächter«»»sbrach: „Du hast»vohl keine Lifft mit mir allein zu essen? „Dn willst..." „Mit Dir essen, Dich sehen, mich neben Dich setzen! führe mich in das Eßzimmer,, es ist schon gedeckt." „Wie Mann und Frau," sagte sie, nachdem sie sich neben- einander gesetzt hatten. „Bist Du denn auch sicher?..." „Vor nichts, obgleich alle Vorsichtsmaßregeln getroffen sind: die Thüren verschlossen, die Vorhänge niedergelassen: aber dies sichert»ms nicht davor, daß irgend ein Klient uns stören könnte. Was»vürde man denn Gutes im Leben haben,»venn man nichts riskieren»vollte? Genießen»vir die Gcgcmvart und sorge»»»vir uns nicht über die Zukunft, ab! Was sagst Du zu meinem Mein»? Es war eine Freude für mich, dieses Essen vorzubereiten." Das Mein»»var reichlich: Radieschen mit Biltter: Forelle in Oel, Schinken von Reims, Huhn in Gelee, Salat, Creme und Obst. „Wie schade, daß es nichts Warmes zu essen giebt': dies »vürde Dich vielleicht anstauen." „Ich versichere Dich, daß ich nicht eingefroren, sondern nur voi» dem Strudel, ii» den Du mich reißest, betäubt bin." „Also erzähle mir bei dein Essen, ob Dein Freund Dir Opium gegeben hat." „Weder Opium noch Morphium." „Ist denn Dein Hospitalpharmaceut ein Esel?" rief sie init zorniger Geberde ai»s. „Er»vird in drei Monaten Doktor sein; aber er ver- »veigerte mir Opium,»veil er nnr ein Aeguivalent oder viel- mehr ctlvas noch Besseres vorschlug. Er hat mich zuerst ein förmliches medizinisches Verhör bestehen lassen und schließlich, nachdem er mich noch nach allen Seiten hin untersucht hatte, gab er mir Chloral. das für meinen Zustand am besten passen würde. Da ich aber von einem Kameraden»v»»ßte, daß dieses Medikament einen starken Aethergeruch und einen beißenden Geschmack hat. so hättest Du doch Deinem Mann dieselbe nicht beibringen können. Ich sagte ihm daher, dieses Mittel vertrüge ich nicht, u>»d er gab mir dafür Sulfonal. Dieses letzte Meisterstück der Eheinie ist eine Zusammenstellung voi» Aethylmercaptan»»nd Aceton oder irgend so etlvas: jedenfalls verschafft es einen tiefen»»nd schlveren Schlaf. Von diesen»veißen kristallförmigen Körperchen, die sich nur i» Alkohol auflösen und»veder Ge- schmack noch Geruch haben, soll mau die Dosis von einem Gm», rm bei den Mahlzeiten zwischen etlvas Brot und Konfitüren nehmen."' „Das ist aber doch»ücht. unser Fall." „Das konnte ich' aber Ainaiwille: nicht antworten. Wenn Du Dich übrigens dennoch entschließest, jenes Schlafmittel anzuwenden, so bin ich sicher, daß Du init Deinen» erfindungs- reichen Geiste einen Weg finden wirst, diese Schlvierigkeit zu umgehen." „Und lvarum sollte ich es denn nicht anivenden?" „Weil es, wenn»nan es mißbraucht, zu einer Art von Blödsinn führen kann, oder mich zu Vlutanunt. Appetitverlust, Ataxie der Bewegungen.. „Was macht uns das. wenn Herr Courteheuse den Appetit verliert oder dumm wird?" „Ah!" „Wenn eine Frau einen Mann liebt, wie ich Dich liebe, so existiert nichts mehr in der Welt für sie, als ihre Liebe, der sie bereit ist. alles und alle zu opfern, sich selbst wie die anderen, ihren Mann, der das Haupthindernis ihres Glückes ist, zu allererst/' Er entgegnete nichts: die Forelle, die er sich ans den Teller genommen hatte, schien seine volle Aufmerksamkeit zu beanspruchen. „Wir haben uns nicht damit zu beschäftigen, welche Wir- kungen das Mittel später herbeiführen kann, sondern nur damit, welche es sofort nach Gebrauch verursacht. Einige Tropfen Opium oder Morphium wären leicht in ein Glas Grog zu träufeln gewesen." Nach einigen Augenblicken des Schweigens klatschte sie plötzlich in die Hände: „Ich habe es l Du sagtest doch, Sulfonal löse sich nur in Spiritus auf? Ich werde es also im Grog auflösen, und wenn es nicht vollständig zergehen sollte, so gilt es als Zucker. Wir werden uns von nun an auch nur kristallisierten Zuckers be- dienen, und derjenige müßte sehr schlau sein, der sich da aus- kennen wollte!" „Ich habe also doch recht gehabt, ein Flacon davon zu kaufen?" „Wann tritt aber der Schlaf ein, und wie lange dauert er?" „Das weiß ich nicht." „Das ist es aber doch gerade, was wir wissen müssen. So lange wir nicht darin genau unterrichtet sind, können wir unsere Stelldicheine nicht festsetzen. Welches Pech!" Und in einem Anfall von Wut schlug sie so heftig auf den Tisch, daß die Pflaumen vom Teller auf den Tisch fielen. Er suchte sie zu beruhigen, indem er ihr sagte, daß er noch am Abend nach Rouen fahren und sich darüber nähere Auskunst holen wolle. lFortsetzung folgt.) Sonnkttgsplaudevok. Sie lodern immer. Alle Tage erglühen sie in heiligem Eifer. Mit hundert Augen wachen sie darüber, daß der nationalistischen Ehre, wie sie es verstehen, kein Weh geschehe. Halb Bramarbasse, und halb Donquixote sind sie in jedem Augenblick bereit, mit der Plempe auf die eingebildeten oder übertriebenen Gefahren los- zuschlagen wenn sie aber die Plempe ziehen, so ist sie von Holz. So hat ei» Deroulede mit gallischem Phrasenmut dem Offizier sich in die Arme werfen und ausrufen wollen: Laßt uns Frankreich retten. Gründen wir die Diktatur! Man lachte über den närrischen Streich und heute ist er halb vergessen. So wütete der kurvr tentonieus, die tentsche Raserei um Samoa, vcr- knüpfte die augenblickliche Schwierigkeit mit imperialistischen Welt- machtsvorstellungen und alle Gcschwollenheit zerplatzte vor der nüchternen Wahrheit. Wieder ein paar blamierte Europäer mehr; daß man aber daraus die Hoffnung schöpfen sollte. die Alldeutschen würden nunmehr kleiner beigeben, das wäre verfrüht. Sie werden bei nächster Gelegenheit wieder umgehen, wie die brüllenden Löwen. Denn sie müssen immer auf- lodern: sie müssen immer im Eifer erglühen; zum Krühstück, zum Mittags- und zum Nachtmahl: und sie müssen alltäglich zwei Dutzend gefährlicher Feinde oder drei schlucken, heute Polen, morgen Tscheche»! heute tückische Wälsche. morgen perfide Söhne Albions. Sonst ist ihnen nicht wohl; sonst haben sie ihren donqnixotcschen Beruf verfehlt. Herr v. Bülow hat beschwichtigt. Um der Häuptlinge von Samoa willen soll kein Weltkrieg entfacht werden. Herr v. Bülow sorgte, als er dies pathetisch verkündete, zugleich für einen guten „Abgang", wie man's im Bühneuleben nennt. Er weiß, was das Schlagwort vom christlichen Staat nach oben hin wert ist. und so unterließ er nicht, es mit Nachdruck zu betonen, statt das Selbstver- ständliche einfach zu erklären: Es hieße eine umnenschliche Ver- antw»rtung übernehmen, es hieße der primitivsten Knltupbegriffe spotten, wegen Samoas keine friedliche Vermittlung zu suchen und zum Waffengang zu Hetzen. Eine beunruhigende Sensation ist so von uns gewichen, und wieder ist eine neue in Sicht. Das ist«in eigentümliches Zusammentreffen. In zwei mitteleuropäischen Reichshauptstädten zugleich tauchen Gerüchte auf. wonach es mit der autonomen Herrlichkeit der Oberbürgermeister bald ein Ende nehmen soll. In Wien spricht man von der Donaupräfektur, in Berlin, ärmster Kirschner!, von einer Art von Spreepräfcktur. Da hätten wir denn, wovon vor etlichen Jahren so viele schwärmten: das Groß- Berlin mit der riesig angeschwollenen Einwohnerzahl. Eineinhalb bis zwei Millionen Seelen für Berlin, für unser Berlin, war damals den richtigen Lokal- Zählpatrioten viel zu gering. Eine Lappalie gleichsam. Der Bezirk am Strand der grünen Spree muß größer sein, sangen sie. Wenn nun der Spreepräfekt, der gestrenge.Regierungs- und Ordnungsmaim statt des gewählten Oberbürgermeisters, wirklich kommen sollte, dann könnten sie in das selbstbewußte stolze Wort des Hof-Friseurs Fraii?oiS Haby in Berlin einstimmen: Es ist er- reicht! Das centralisierte Groß-Berlin wäre geschaffen, mit seinen Vororten in der Runde gäbe es einen einzigen großen Kreis; und über ihn, über seine Wohlfahrt und Tugend, über seine Kirchlichkeit und Sitte wachte nicht ein freierwählter Vertreter der Bürgerschaft, sondern ein patentierter Ordnungsmann. Das großstädtische Unheil, das von den Frommen im Laiide unter Gestöhn so vielfach beklagt wird, könnte unter strafferer Führung eingedämmt werden: und Un- ratwellen, wie fie gewisse Kriminalfälle von Zeit zu Zeit an die Oeffentlichkeit schwemme», würden eher verlaufen. Sie trieben es auch zu bunt, unsere Oberbürgermeister, das muß man sagen. Es war ein trotziges, aufbegchrlichcs Geschlecht. Man denke nur an die Forckcnbcck und an die Zelle. Wenn sie im Amts- gewand feierlich einhcrivandcltcn, da dünlten fie sich selber wie un- nahbare Autoritäten. Sie wo reu unbändig nt ihren: Willen, un» nachgiebig und rücksichtslos gegenüber den Wünschen über» geordneter Autoritäten. Keine Spur von Weichheit und Geschmeidigkeit lebte in ihnen; ja als starre Freiheitsmäimer schwärmten sie insgeheim und öffentlich in heftiger Leidenschast für die Märztage von 1848 und plante», provozierende Friedhofgitter zu errichten. Wo aber solche Ungebundcnheit ist und keine stramme Zucht für die Ordnung einsteht, da sind Sumpfgelvächse zu begreifen, wie der Schneider Hugo Guthmann ist, der in einer erneuten Auflage des Hcinzeprozeffes des Mordes angeschuldigt ist. Warum hat dieser Guthmann sich als Soldat so gut geführt, daß ihn bei seinem ostprcußischcn Regiment auch keine einzige Strafe traf? Das macht die stramme Zucht. Wenn das die revoltierenden An- klüger des Militarismus nur bedenken wollten! Da kam aber dieser einfache, unverdorbene Schneidergeselle eines Tags in die unselige Großstadt. Er kannte ihre Tücken nicht, ihren Hexensabbath von Ungebnndenhcit und Genußgier. Zuerst trieb ihn die Neugier; er tauchte unter in den Sündenpfnhl, und dann sank er und sank, bis er auf der untersten Stufe angelangt Ivar. und zum geivaltthätigen Zuhälter sich ausbildete; und heute sitzt er ans dem Arme- Sünder- Bänkchen, der blutigsten That angeschuldigt. So geht es; und abermals werben wir mit Kapnzinaden gefüttert werden. Wieder wird das frömmelnde Gezeter über die Vcr- worfenheit von Berlin sich erheben, weil ans dem dunkelsten. lumpenproletarischen Teil von Berlin ein paar düstere Sittenbilder ans Licht gezogen werden. Strenge Zucht I Dieser Begriff übt nicht mir a»f Frömmler und Fanatiker der Sckneidigkeit, auf Junker und Prügelpädagogen seine berauschende Wirkung. Unter seinem Bann, der die rationelle Erziehung so häufig mit erbarmungsloser Dressur verwechselt, sieht man auch Männer, für die das Wort, daß Geistesadel doppelt per- pflichtet, doppelt Geltung haben sollte. Herr v. Bergmann ist ein Erster im Bereich der praktisch an« gewandten Wissenschaft. Er ist ein weltbekaimtcr Operateur. Ge- wohnt, kraft seinem Können wie ei» Fürst behandelt zu werden, ließ er jüngst in bedauerlicher Weise seinem Herren-Tc in peramen t frei die Zügel schießen. Ungeduldig, verärgert darüber, daß man ihn. den Vielbeschäftigte», wegen einer bloßen Mißhandlung eines Knaben als Sachverständigen vorlud, kam er vielleicht schon nervös überreizt vor's Gericht. Damit vertraut, seine Persönlichkeit überaus gesucht zu sehen, übersah er. daß über dem Persönlichen das allgemeine Recht stehe; daß hier am allerwenigsten irgend ein Uebcrinenschentuin zu gelten habe, ugd daß es sich nicht so sehr um den Einzelfall des mißhandelten Knaben handle, sondern daß ein ganzes Erziel, ungSshsiem in Frage stehe, Prügelpädagogik oder nicht, das ist cö. worauf eö in den mannigfachen Gerichtsprozessen der jüngsten Zeit ankommt. Herr v. Bergmai», hat seine Lebenszeit und seine chirurgische Kunst und Wissenschaft reich genutzt. Kein Mensch kann diesem Verdienst gegenüber den Vorwurf erheben, warum hat der begabte Mann sich auf dem oder jenem Gebiete nicht besser»mgethan. Aber je tiefer einer in die Schwierigkeiten irgend eines geistigen Arbcitsfachs, irgend eines wisscnschastlichen Gebietes eingedrungen um so schoinmgsvollcr sollte er urteilen, begicbt er sich auf fremdes Gebiet. Man verlangt von den, Mann der ärztlichen Wisiensllrnft nicht, daß er etwa den theoretisch-pädagogischci, Stoff vollauf beherrsche oder eine besonders reiche pädagogische Erfahrung besitze Er hatte nicht die Pflicht, sich inständig darum zu bekümmern. Um so härter traf seine schroffe Anschammg, die vor der Oeffentlichkeit gethan wurde. Wenn der erstbeste Mann in nervöser Ucberrcizthcit und im ungeduldigen Affelt derartige Sprache stihrt. hat es nicht so viel auf sich. Aber hier bei einen. Gelehrten von Rang ist das Maß der Verantwortlichkeit ungleich größer. Welche Null kam, sich jetzt nicht auf Herrn v. Bergmai», beätfen; es könnte dem Gelehrten selbst vor seiner Gefolgschaft bang« werden. Und wie durfte persönlicher Aerger so verwirren, daß so jäh über den VerbrecherschäM des Knaben abgeurteilt werden konnte. Sind der scharfen Beobachtimg, tüchtiger physiologischer Uebung nicht schon Irrtümer widerfahren? Und die Beobachtung des so- genannten geborenen Verbrechers ist doch erst eine neue Discipli». Rur zu begreiflich ist die seelische Erregung der Hörer, die im Gerichtssaal dieser Scene beiwohnten.— Alpha. Kleines Llenillekon. — t—. Erziehung..Ja, fichste, das ist es eben, die Leute haben keine Erziehung. Woher soll die auch kommen?... Nun wächst das auf in solchen Verhältnissen. Der Vater_— ist ein Trunkenbold; die Mutter— schert sich den Teufel um die Kinder. Die haben allen Willen, und mit vierzehn Jahren sind sie selb- ständig. Na. wo soll denn da die Erziehung herkommen?..." Die Gefragten nickten swmm vor sich hin. Onkel Rudolf war doch wieder der Weise. Ne, dagegen lieb sich nischt einwenden. Ersah sie alle der Reihe nach an; Vater Gädde und seine Frau, die stets vor sich hin dmsselte, sobald die Lampe brannte; dann Schwager- Ernst, der streng darüber wachte, daß seine neben ihm sitzende Tochter nicht zu zärtlich mit ihrem Bräutigam wurde. Der schien gar nicht auf die Rede Onkel Rudolfs geachtet zu haben. Sein Gesicht war nicht, wie das der andern, nach Onkel Rudolf gewendet. Er sah still, verzückt, seine Braut an. Als Onkel Rudolf das bemerkte, fragte er ihn:„Na, Herr Wagner, was meinen Sie?* ' Das Gereizte, Strafende hörte der Angenifeue heraus. Da er ans Erfahrung wußte, daß Onkel Rudolf im Familienkreise als Autorität galt, wagte er es nicht, eine eigene Meinung zu äußern. Uebcrdies kannte er die Folgen, die ans einer Opposition entspringen konnten. So sagte er denn beschwichtigend pnd mit größter Er- gebenheit:„Ja, ja, ich bin ganz Ihrer Meinung I' Mutter Gädde schreckte bei dem Klange seiner Stimme auf. Es war ihr ungetvohnt, daß sich außer Onkel Rudolf ein anderer hören ließ. .Ja, seht Ihr, Ivo soll denn auch die TrzieHimg herkommen?" wiederholte der Onkel..Diese Gesellschaft kümmert sich ja gar nicht um ihre Kinder. Es fällt dem Vater ja nicht im Traum ein, seine Sprossen mal mitzunehmen, sie im Familienkreise an Unterhaltung zu gewöhnen, lind die Weiber? Na, die klatschen sich nur aus... Na, habe ich Recht, oder habe ich nicht Recht?* Er sah sie wieder der Reihe nach an. Und sie nickten wieder stumm. Dann ergriff er den großen Huinpcn, der in der Mitte des Tisches stand, trank und gab ihn weiter. Als der Humpen auf seinen Platz zurückgestellt war, spann Onkel Rudolf seine Rede weiter. Doch war er fetzt milder, belehrender im Ausdruck, da er sah, daß es nie- mand enmcl, seine Bchnnptungeii anzuzweifeln. .Seht mal, Ihr wißt vielleicht gar nicht, was das bedeutet, wenn man seine Kinder überall mit hin nimmt, wo es irgend geht. Da kann man sie dann stets unter seiner Aufsicht haben.' Und die Anregungen, die so ein Kind empfängt, wenn es dann alles mit- machen kann, was den Eltern zu Gebote steht! DaS heißt, ich meine, was sich eben für ein Kind ziemt. Aber dann tritt es doch auch nachher mit gewissen Kenntnissen, mit einer gewissen Ueber- lcgenheit in die Welt I Ich sage Euch, wenn das Kind immer die gute» Beispiele der Eltern vor Augen hat.. Er vollendete den Satz nicht, sondern nickte nur vor sich hin. Die andern aber mußten wohl wissen, was für einc tiefe Weisheit»och folgen solltO Auch sie nickten stumin. Dan» sahen sie alle nach dnn Winkel, in dem die Kinder der Familie spielten. Ja, die hatten es doch wahrlich gut I Solche Ellern haben nicht alle Kinder; so werden nicht alle erzogen. Daun langte Onkel Rudolf wieder nach dem Humpen. Und als der bei der Runde geleert wurde, wollte Onkel Rudolf den Bräutigam zur Füllung des Gefäßes nach den« Lokal schicken. Doch Vatcr Gädde wollte sich das Gastgcbcrrccht nicht nehmen lassen. Nim stritten sich die beiden. Endlich behielt Onkel Rudolf die Oberhand. „Man muß nicht immer auf die Kosten anderer leben!" So hatten denn die Kinder wieder ein gutes Beispiel... Die letzte Straßenbahn hielt an der Ecke. Onkel Rudolf kletterte mit seinem sechsjährigen Sohn heraus. Sein Gang tvar ein klein wenig schwankend. In der Mitte des Fahrdammes' blieb er stehen, sah empor und fragte seinen Jungen:.Sind wir denn hier auch richtig? Wohnen wir denn hier?' .Ja. ja, gewiß!" nickte der Kleine vor sich hin. Onkel Rudolf sing an zu streiten:„Ne, ne, das ist ja gar nich unsere Gegend. Das sieht ja ganz anders aus. Hm, was mcinste?" Er bückte sich zu dem Kleinen und torkelte dabei vorwärts, sodaß er das Kind beinahe umgerissen hätte. Der Junge, der plötzlich seine Ueberlegenhcit fühlte, sagte alt- klug und wichtig:„Ja, komm schon, komm! Ich tveiß, wo wir Wohnen!.. Komm schon!" Und der Kleine zog den großen Mann mit fort.-- lk. Der märkische Buchenwald im Friihjahr. Der scheinbar noch leblose Buchenwald bietet im Frühjahr dem aufmerksamen Beobachter viel Beachtenswertes. Wer seine Schritte iil die Buchen- bestände bei Finkenkrug unweit Spandau, bei Ebcrswaldc oder Freienwalde lenkt, der hat jetzt Gelegenheit, einen lieblichen Blüten- strauß aus blauen und weißen Anemonen und aus dem Luuaenkraut zusammenzustellen. Außerdem fesseln seine Blicke merkwürdig blaß- rötliche Gewächse, die wie mit Blütentrauben besetzte Spargcltriebe aussehcn und infolge derAbwesenheit jedes Blattgrüns einen sehr fremd« artigen Anblick gewähren. Es ist die Schuppenwnrz sDathräa), die zu den Scrophulariaceen gehört und unterirdisch auf den Wurzeln von Laubhölzern, vorwiegend Buchen schmarotzt. Von Blätter» im herkömmlichen Sinuc fehlt jede Spur, dagegen ist der unterirdische Teil der Pflanze dicht schuppenartig mit rundlichen Orgauen besetzt, die als-chlorophhlllose Blätter aufzufassen sind und niemals über die Erde hervortreten. Ihre Funktion verweist sie auch auf ein unter- irdisches Dasein. Schneidet man nämlich eine der Schuppen quer durch, so bemerkt man, daß sie hohl mid kainmerartig mehrfach ans- gehöhlt sind. Bei genauer Untersuchung kann man angcrdem erkennen, daß an der Jnnentvand dieser Kammern, die kleine Oeffnungen »ach außen haben, wiiizige Zellorgane angebracht sind, die die Fähigkeit haben, Protoplasmafäden auszusenden und in die Kammern geratende kleine Tierchen damit zu umstricken. In der That findet man in den Schuppen oft Reste kleiner Tierchen, Milben. Räder- tierchen und dcrgl., die von der Pflanze ausgesogen wurden. Wir haben es daher in der Schuppenwurz mit einer tierfaiigenden Pflanze zu thun, deren Thätigkeit allerdings bei weitem iiicht so in die Augen springend ist. wie bei dem in unseren Mooren häufigen Sonnenthan. Inzwischen rüsten sich auch die Knospen zahlreich« anderer Pflanzen, die spezielle Buchcnbegleiter sind, zum Aufbrechen. wie z. B. das Scharbockskraut, die Frühlings-Walderbse, die gelb« Anemone, die goldgelbe Tanbneffel u. a. m. Litterarisches. kg. D i e I I l u st r a t i o n i ni Z e i t n n g s Iv e s e n hat in England während der letzten zehn Jahre eine große Enttvicklung durchgemacht. 1891 existierten— außer den Modeblättern— erst 6 illustrierte Wochenschriften in London, während jetzt nicht weniger als 13 verbreitet sind. Man kann wohl annehmen, daß die Illustration im Zeitungswesen in England noch eine große Zukunft vor sich hat und auch immer mehr in die Tageszeitungen übergehen wird. Heute veröffentlichen schon„Daily Graphic",„Daily Chronicle" und„Daily Mail" Zeichnungen und Photographien. Die New-Dorker Sonntagsblätter der„New-Dork Times" und„New- Uork Tribüne" fangen an. in London Schule zu machen. Die Idee der illnftricrtcn Tageszeitungen ist aber in England durchaus nicht neu; die Vorgeschichte der illustrierten Zeitung reicht hier vielmehr sehr weit zurück. Einige interesiante Angaben darüber macht Cleniens Shorter in dem neuesten Heft der„Eontcmporary Review". Die ersten Illustrationen von aktuellen Ercigniffcn finden sich auf Anschlagszcttcln verbreitet. So wurden die„Hcldenthaten" von Francis Drake, eine lleberschweinmimg, oder ein großer Stnnn dar- gestellt. Der„Swcdish Jntelligenccr", der 1632 m London erschien, illustrierte die Thaten von Gustav Adolph, die Belagerung von Magdeburg und brachte auch Gustav Adolphs Portrait. Die Hin- richtnng von Strafford 1611 wurde auf Flugschriften dargestellt. Die erste Zeitimg, die aber mit größerer Regelmäßigkeit Illustrationen brachte, war der„Mercnrius Civicus", der während des Bürgerkrieges herauskam und mit den Porträts vor, Karl I., von Croinwell und seinen Osfiziercn ausgestattet wurde. Im achtzehnten Jahrhundert vermehre» sich die Illustrationen; namentlich Karikaturen sind sehr beliebt. Die„Daily Post" von 1710 suchte sensationelle Ereignisse zu illustrieren. Diese Tendenz tritt überhaupt innner nrchr hervor. In dem„Tovin and County Magazine" von 1773 finde» sich die Portraits von Helden aller Skandalgeschichten. so auch das Porträt von Byrons Vater, der damals viel von sich reden machte, die„berühmte Miß P.." u. a. Der erste bcdcntcnde Agitator der illuftricrteu Zeitung war William Clement, der Besitzer des„Observer". der ältestcu wöchentlichen Zeitung, deren erste Nummer 1791 erschien. Die Jllnstratione» wurden nicht regelmäßig gebracht, sondern jedesmal, wenn irgend ein öffentliches Ereignis es zu erfordern schien. So veröffentlichte der „Observer" sofort ein Bild der Jusel St. Helena, als sie zu Napoleons Aufenthaltsort bestimmt wurde, ein andermal eine Reproduktion der Jnncnräume des Unterhauses mit seinen Mitgliedern, wie sie auf den Bänken herum sitzen. Den größten Absatz erzielte der„Observer" mit der Darstellung der damals allgemciir bekannten Ermordung von Wcnrc. Auch die„Times" fingen au, Illustrationen zu bringe«. „Wcckly Chronicle" illustrierte die Tagesereignisse; die Einzelheiten einer Mordthat, die im Jahre 1837 großes Ausscheu erregte, wurden eine Zeit lang in jeder Nummer reproduziert, die reißenden Absatz fanden. Jede Ausgabe soll damals in 160000 Exemplaren verkauft worden sein. Immerhin bedeutete damals die Illustration noch ein Ereignis, das manchmal sehr pro« ftabcl, manchmal aber auch sehr kostspielig war. Der erste h st e m a t i s ch e Versuch, aktuelle Ereignisse zu illustrieren, ging von den„Jllnstratcd London NewS" aus. Ihr Begründer Herbert Ingram hat die illustrierte Zeitung geschaffen, tvie sie heute in Eng- laud populär ist. Ihre erste Nummer erschien am 14. Mai 1842 (im folgenden Jahre die Pariser„Illustration" und die Leipziger „Illustrierte Zeitung"). Die„Jllnstrated London News" haben Spccialzeichncr in Südafrika, in China und in anderen entfernten Teilen der Welt. In England stehen ihnen die tüchtigsten Maler zur Verfügung. Ungeheure Summen werden auf die Zeichimngcn verwendet. Neben den„Jllnstrated London News" steht der„Graphic" als die zweite voniehmste illustrierte Wochenzeitung in England. Wie sehr aber in den modernen illustrierten Blättern allmählich die Zeichnung durch die Photographie verdrängt wird, zeigt eine Statistik, die Shorter neuerdings aufgestellt hat. I« einer Woche im März dieses Jnhrcs fanden sich in den.INuslratcd London News" 28 Photographien und 19 Zeichnungen, in der New- Dorker Zeitung„HnrpepS Weeklh" 35 Photographien und 8 Zeichnungen, in der„JNustriertcn Zeitung" aber noch 14 Zeichnungen und 8 Photographien und im„Graphic" 29 Zeichnungen und 17 Photographien. Geographisches. — B h o t a n. Graham Sandbcrg giebt in der„Catcntta Rediew" nach Berichten der geheimen Emissäre, tvelche im Auftrage der indische» Regierung das Land durchforsche», Nachricht über Bhotan, jenen barbarischen Staat im Himalaja, tvelchcr der eng- lischcn Kontrolle noch ganz entzogen ist. Das Land erhielt den Namen Bhotan bon den Gurkhas, und zivar soll Bhotan bedeuten „das Ende von Tibet(Vhet)". Die Belvohner des Landes nennen es Drukyul oder Ayul, auch wohl Dhamin-ynl; bei den Tibetern heißt es Lho-yul, bei den Leptschas von Sikkim Pni. Bhotan ist ein kleines Tibet. DeralsDharinaräja bekannte Herrscher gilt als Jnlarnation eines Lamas, welcher um 1669 die Sekte der Rotmützen reformierte, die über Bhotan herrscht. Dieser Lama, ein vielseitiger Mann, baute de» kindisch gewordenen Buddhisinns von neuem aus, indem er ihn ans philosophische Grundlage stellte. Bon ihm sind noch 22 Werke vor- banden. Der Dharmaräja heißt im Lande selbst DmK Glve-po. d.i. Dontierkölng, sein Siegel trägt die Inschrift: bcha� ärulc yin(ich bin der Donner.) Außer einem Kloster in Ladak unterstehen auch die ZOO(engl.) Meilen von Bhotan entfernten Klöster an den Mauasorawarsceir und um den Kavlna der Jnrisdiktio» des Donner- kvnigs. Sehr populär ist in Bhotan der Stifter des Lamnisnius, Padmasambhava. Dem entsprechend herrscht Geisterglaube und Dämönenlullus. Das Volk dreht die Gebetsmühle, umwandelt die Tempel, achtet aber nicht auf die Speiscgebote und genießt Fleisch. welches es von dem deshalb„verdammten Schlächter" holt. Eine große Rolle spielen Omina und Portenta. Znr Anloclung von Krankheitsdämonen enichtet man hohe Masten. Dem Mönchskönig steht an Rang nach, an Macht gleich der Deb Gyo-po oder Deb Naja, ein älterer, von den Barenen ge- wählter Mann. Wenn er ein entschlossener Charakter ist. so vermag er viel, in der Regel aber regiert er unter Furcht und Zittern, denn er hängt von den Häuptlingen ab. denen er seine Stellung verdankt. Diese, die Pönlcb, sind mit ihren stets kampflustigen Vasallen die eigentlichen Herren des Landes und stehen an der Spihe der nenn voneinander unabhängigen Provinzen. Die Hauptstadt des Landes, Tashichhoidzong, liegt 8169 Fuß ü. M., ist daher nur Sommer- rcsidcnz. Dort wohnt der geistliche Herr in der Abtei, der weltliche in der Citadelle.—(„Globus".) Medizinisches. t. D i e menschliche Zunge als K r a n k h e i t S- Verräter. Es gab eine Zeit für die Heilknnt e, die noch gar nicht soweit zurück liegt, wo jeder Kranke, nachdem die ersten Fragen nach den« Sitz und den Aeußerungen des Nebels beantwortet waren, dem Arzt die Zunge zeigen mußte, weil in deren Färbung und Be- fchaffenheit wichtige Merkniale für die Art der Erkrankung erblickt wurden. Dieser Grundsatz ist der Medizin gegenwärtig ziemlich ab- Hände» gekomme», und zwar vielleicht nicht ganz mit Recht, wenig- ftens stellt Dr. Coffinas in der„Deutschen Medizinal-Zeituug" eine Anzahl von Krankheiten zusammen, bei denen die Zunge cigcntüm- liche Verändenmgen aiijiveist. Da ist zunächst der Typhus. Zu Beginn einer Typhnserkranknng ist die Zunge weich, feucht, etwas klebrig und mit einem dünnen Belag überzogen, der gewöhnlich die Form eines V besitzt, dessen Spitze nach hinten weist. Behält die Zunge im Verlaufe der Krankheit dieses Ansschen, so ist nach unserem Gewährsmamie auf einen günstigen Verlauf zu rechnen. Außerdem findet man im Anfange der Erkrankung eine Rötung an der Zungenspitze und an den Rändern, außerdem rote Flecke ans dem ganzen Rücken der Zunge. Im zweiten Stadium nimmt diese Röte zu, die Zunge wird trocken und erscheint schließ- lich braun oder sogar schwarz, dabei ist sie auffallend klein nnd von Rissen durchzogen. Gegen das Ende der Krankheit fällt dann die Kruste, die die Zunge bedeckt und die aus getrockneter Nahrung und Blut besteht, ab, und die Zunge nimmt eine hochrote Färbung an. da die oberste Haut verloren gegangen ist. Zuletzt wird sie wieder feucht und weislich. Bei de» Maser» werden in milden Fällen die Spitze und die Ränder der Zunge gerötet, während die Fläche eine» weißen Belag hat. Nur in schivcre» Fällen ist sie trocken. Im ersten Stadium der Erkrankung finde» sich oft auf den Schleim- häuten des Mundes und auch auf der Zunge kleine blänlichivciße Flecken. Beim Scharlach ist die Zunge wegen vollständiger Abschnppnng intensiv rot und die Znngenwärzchcn treten sehr stark hervor, sie bietet dann die Erscheinung, die in der Heilkunde als„Erdbeerzunge" bekannt ist. Beim Keuchhusten treten vielfach Gcschwürbildnngen auf dem Zungenbändchen ein. Bei Lungenentzündung machen sich ähnliche Veränderungen wie beim Typhus bemerkbar. Die Zuckerkranken haben eine trockne, braun- rote und rissige Zunge, die die Neigung hat. an dem harten Ganinen anzukleben, die Zimgeiiwärzchen sind übermäßig entivickelt. Bei der Addisonschen Krankheit(Bronze-Krankheit) bekömmt die Zunge gc- legentlich ganz schlvarze Flecken. Ans dieser Zusammenstellung geht hervor, daß der Zustand der Zunge bei nianchen Krank- , heiten wenigstens zur Unterstützung einer Diagnose dienen kann.— '' Vi, jJ i,. Verantwortlicher Ridacteirr:«nguft Jacodey in Be Ans dem Tierleben. — Ucber die Schnelligkeit und die Dauer des Vogelfluges stellt nach einem Bericht der„Mutter Erde" der Oriüthologe v. Schacck im„Naturaliste" einige Daten zusanimen. Als schuellster Flieger gilt der Mauersegler, welcher in einer Stunde 139 Kilometer zurücklegen kann. Nach ihm kommen die Schwalben niit 125 Kilometern, erst später die Brieftaube mit durchschnittlich 72 51ilometern. lieber die Reise einer Rauchschwalbe berichtet Man. Diese Schwalbe hatte ein Nest mit Jungen in der Orangerie des Schlosses von 3iielles-les-Ardrcs, unweit des englischen Kanals. Man machte sie durch ein rotes Bändchcn kenntlich und brachte sie nach Paris, wo sie am 25. August 9 Uhr 39 Min. ain Fuße des Eiffelturmes losgelassen wurde; schon 11 Uhr 46 Min. Ivar sie in Ricllcs, hatte also den 249 Kilometer lange» Weg i» 2 Stunden 16 Minuten zurückgelegt, das macht auf die Stunde etwa 129 Kilo- metcr, also noch einmal so viel, als die Schnelligkeit eines gewöhnlichen Eisenbahnzugcs beträgt. Die Nebelkrähe legt in der Stunde 49 Kilometer zurück, das Blaukehlcheu 63 Kilometer. Eine amerikanische Negenbogenpfcifer-Art fliegt in einem Zuge die über 1299 Kilometer lange Strecke von Labrador bis nach Nordbrasilien in 15 Stunden, das macht auf eine Stunde 89 Ztilometcr. Der Flug der Raubvogel, Sumpf-. Storch- und Schwimmvögel ist im allgemeinen besser als der der Hühner- und Sperlingsvögel; der Adler, der Fregattvogel und der Albatros vermögen große Strecken mit Leichtigkeit zurückzulegen, ohne unterwegs auszuruhen, Haupt- sächlich wohl infolg« ihres Schtvebefluges.— Humoristisches. — G u i m ü t i g. P o st b e a m t e r.„Aber, Frauchen. Sie haben ja den Brief viel zu hoch fraukicrt— ivollcn Sie nicht die Marken ablösen?" Bauernfrau:„Nee. Herr, lassen See's nor; dces kiumnt mei'm Sohn zu gut— der iL aach bei der Poscht!"— — Entgegenkommeltd. Kunde:„Teufel, da haben Sie mir ja ein ganzes E ck vom Ohr Iveggcschnitten I Das sieht schön ans!" Bader:«Soll ich's vielleicht'n bischen abrunden?"— — Bündige Erklärung:„Sind Sie auch Symbolist?" „Allerdings, meine Gnädige!" „Was ist denn das eigentlich?" „Ja, wenn ich's Ihnen sagen könnte, war' ich's nicht!"— („Flieg. Bl.") Notizen. — Ein neues Drama von Adolf Wilbrandt,„Die Eidgenossen" wird am Montag in Bern znur ersten Male aufgeführt.— — Lotte Witt tritt vom September 1999 in den Verband des Berliner Deutschen Theaters. Sie hat einen auf vier Jahre lautenden Kontrakt abgeschlossen. Für acht Monate Spielzeit erhält sie d r e i ß i g t a u s e» d Mark.— — Falls das Projekt der Gründung eines großen Theaters in Hamburg zu stände kommt und Baron Berger dessen Leitung nberninnnt. wird Frau v. Hohenfels ebenfalls nach Hamburg übersiedeln.— — In dem Wettbewerb um den diesjährigen Dichter preis der französischen Akademie sollte ein Gegenstand ans dem Kreise der Artussagen behandelt werden. ES konnte aber in der letzte«» Sitzung der Akademie keinem der zahlreichen Bewerber der volle Preis(4999 Franks) zuerkannt werden, doch erhielten zwei Dichtungen neben einer ehrenvollen Er- w ä h n n n g einen Preis von 1999 Franks, nämlich„Das Schiff Snlomous" von Genäse nnd„Merlin" von A. de V i g n y.— — Schillings„Jngwelde" wird ihre Erstanfführmig am Berliner Opern hau sc Mitte Mai erleben. An vcr- schicdcucn anderen deutschen Bühnen ist die Oper erfolgreich in Sccne gegangen.— — Der Bau des Berliner Seccssionshauses ans der Gartenterrasse neben den» Theater des Westens wird so beschleunigt, daß die Eröffnung der Ausstellung voraussichtlich am 15. Mai er- folgen wird. Schon jetzt laufen sehr zahlreiche Anmeldungen ein; u. a. iverdcn V ö ck l i ii und Leibi mit einer Reihe ihrer besten Werke vertreten sein. Die Skulplurensammlnng»orrd einige Werke von Adolf H i l d c b r a n d enthalten. Geplant ist außerdem eine S ch>v a r z- W e i ß- A u S st e l l u n g.— — In der Deutschen K u n st a n s st e l l u n g Dresden 1899 wird auch eine k»i n st g e w e r b l i ch e A b t e i l»i» g mit einer Anzahl geschlossener, einheitlich ausgestatteter Räunle von vcrfchicdenc» Künstlern eingerichtet sein.— — Das„Ccntralblatt für die gesamte Unter- r i ch t s- V e r>v a I t u>i g in Preußen", das offizielle Blatt deS Kultusministeriums, wird heute noch in alter Stecht- schreib» ng gedruckt. Dabei ist die neue Rechtschreib» n\ von demselben Kultusministerium vor bald 25 Jahren für Schulen eingeführt.—._,_ lin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.