Interhaltunasblatt des Worwürts Nr. 83. Donnerstag, den 27. April. 189S �Nachdruck verboten.) 18) Der Schnldtse? Roman von Hector Malot. „DaS ist aber doch wesentlich; denke nur, wenn etwas passierte!" „Sagte ich nicht„Umso besser I" als ich ungewiß darüber war, ob ich ihm nicht eine doppelte Dosis Sulfonal gegeben hätte „Das Sulfonal ist kein Gift, wenigstens glaube'ich so, während Arsenik ein furchtbares ist, und sich leicht nach- weisen läßt." „Das mag in der Theorie richtig sein, allein in der Praxis, das heißt bor Gericht, können sich die Aerzte nie- uials darüber einigen, ob jenmnd an Arsenik oder an etwas anderem gestorben ist. Aber darum handelt es sich ja auch gar»licht, ich will ihn ja nicht umbringen, sondern nur ein wenig krank machen, damit er aufhöre, sich von Hanyvel behandeln zu lassen, und wieder seinen Grog trinke. natiirlich niit Sulfonal, damit»vir wieder beisaminen sein können." „Wie soll ich Dir aber diesen Tropfenzähler zustellen?" „Das ist ganz einfach. Dl» läßt Dir»norgen einen zweiten Schlüssel zu Deinem Schreibpulte machen und legst ihn morgen abend, ehe Di» fortgehst, zu unterst in das Fach, »vo Dein Biiefpapicr liegt: des Nachts»verde ich mir ihn holen und die Schublade rechts öffne»», wo ich den Tropfen- zähler und auch einen Brief von Dir zu finden hoffe. Wenn Du übermorgen früh kommst, so wirst Du für Deinen Brief an derselben Stelle einen von nur finden." „Das ist sehr sinnreich, aber da mußt Du ja jede Nacht aufstehen?" „Ans Vorsicht und um selbst gegen»»»»»vahrschcinliche Zusälle geschützt zu sein, werden wir einander statt mit Tinte »nit Citronensaft schreiben; die Schrift wird leserlich,"wenn man das Papier erhitzt; sollte man also»vider alles Er- ivarten Dein Pult öffnen, so würde man nur weißes Papier vorfinden." „Du»vcißt doch für alles Rat I" „Das ist kein großes Verdienst, wenn man liebt. Mes für unsere Siebe!" XX, Wohl zwanzigmal hatte»» sie zu einander gesagt:„Wir müssen fort"; eildlich trennten sie sich. Während sie wieder nach den» Dorfe zurückkehrte, blieb La Vaupaliere allein im Tannengebüsch zurück und überlegte sich, wo er den Zug nach Rouen nehmen sollte: in Oifsel oder jenseits des Waldes, an der Station Grand Couronne. Er entschloß sich, die vier Kilometer durch den Wald zu gehen; sollte die der- »vegene Abwesenheit von Hortense a»ifgefallen sein, so»vürde er dann behaupten können, er habe den Nachniittag in Nauen zugebracht. In Wahrheit komrte er von Grand Couronne auS erst um acht Ilhr abends auf dem Bahnhofe des Platzes St. Sever in Rouen eintreffen, aber dieser Bahnhof ist ein anderer, als der auf »velchem man von Oissel ankonmrt; dort»vürde ihn also sicher kein Vekrninter sehen. In Nauen hatte er eine volle Stunde ?.eit, um auf der anderen Seite der Stadt auf dem Bah»»- ose der Nue Berte den Zug nach Oissel zu nehmen, und auf dem Spaziergange d»»rch Nauen gedachte er seinen Auftrag auszuführen. Er trat in der That in die Apotheke der Rue Grand Pont ein, verlangte einen Tropfenzähler und hörte zerstreut dem Gehilfen zu, der ihm verschiedene Sorten des gewünschten Artikels vorlegte, als aus der Hinterstube des Ladens Turlure in freundschaftlichem Gespräch mit dem Apotheker herauskam. «Wie, Herr La Vaupaliöre. Sie werden mir untreu?" rief er. La Vaupaliöre blieb sprachlos vor Verblüffung. „Sonst»»och etwas gefällig?" frug der Gehilfe, indem er den Tropfenzähler einwickelte. Diese Frage gab La Vaupaliöre einen rettenden Wink. „Ein Fläschchen bittere Tropfen möchte ich haben," sagte er. „Sie leiden also an schlechter Verdauung?" fuhr Herr Turlure fort. „Mangel an Appetit." „Notwendige Wirkung der Hotelküche; das Essen in der Renaissance ist aber doch sonst gut; da giebt's keine Margarin- butter; ich habe sie untersucht. Der Wein dielleicht läßt etwas zu»vünschen übrig; halten Sie sich lieber an den Aepfelweiu.. Auf alle Fälle»Verden Ihnen diese Tropfen gut thun. Fahren Sie nach Oissel zurück?" „Mit dem Zug um acht Uhr fünfzig." „So werden»vir also gemeinsain reifen. Ich freue mich über dieses angenehine Z»»sammentreffen." La Vaupaliöre war weit davon entfernt, diesem Zu- sammentreffeir die gleiche Eigenschaft beizumessen, aber er hoffte demselben durch den Einfall mit den bitteren Tropfen alles Gefährliche, was es etwa hätte darbieten können, de« nommen zu haben. Er erwähnte jedoch in dem Briefe, den er noch an dem- selben Abeird an Horfenfe schrieb, nichts von dem Zwischen- fall: wozu sie bcunrmhigen? Geschriebene Dinge erscheinen sofort bedeutsamer als mündlich erwähnte. Uebrigens»var es besser und interessierte sie jedenfalls mehr, wenn er ihr von seiner Liebe schrieb. Es war das erste Mal, daß er ihr schrieb, und als er Papier vor sich hatte, wußte er nicht wo begim»en, so viele Ideen waren in seinem Herzen und Kopf zusammengedrängt, die ihm alle von gleicher Wichtigkeit zu sein schienen. Sie war nicht seine erste Geliebte: als hübscher Junge> der er war, fand er sich sofort beim Austritt aus der Schltte in die Kategorie der Männer eingereiht, für die die Frauen schwärmen, und viele derselben hatten sich ihm an den Kopf geworfen; aber keine hatte über ihn einen Einfluß vergleichbar ultt dem, der ihn jetzt beherrschte, erlangt. Und dieser Einfluß »var um so befremdlicher, als ihm Madame Courteheuse zuerst»vir mittelniäßig gefallen hatte; drollig fand er sie. ja; aber nichts»veiter; nicht häßlich genug, um ihr aus dem Wege gehen zu müssen, aber auch nicht hübsch genug, um sich in eine dauernde Liebschaft mit ihr einzulassen. Allein mit dem Besitz»var der Geschmack gekommen und aus der Höflichkeit»var eine Leidenschaft entstanden. Er liebte sie jeden Tag mehr und lebte nur für sie, dachte, sah und fühlte nur durch sie. Das oder doch ungefähr das wollte er ihr schreiben, derm bei ihre»» verkürzte»» Zusainmmküiisten hatten sie sich immer tausend Dinge zu sage»» vergessen, da ihnen die Zeit fehlte. Er war selbst darüber erstaunt, sich noch an seinem Schreibtisch zu finden, als es bereits Mitternacht schlug, und noch mehr erstaunt war er, als er die große Seitenzahl über» schaute, die er zusammengeschrieben hatte. Niemals war ihm die Zeit so schnell und so angenehm verstrichen; ach! wie er sie liebte! Eigentümlich dünkte ihm. daß er, der doch biS dahin so flatterhafter Natur ge»vesen war, doch nicht daran dachte, sich von ihr, nachdem er sie jetzt, besaß, freizumachen, sondern dabei glücklich war und nichts anderes wünschte. Wenn schon sein Brief lang war, so war derjenige, de»» er am Dienstag in der Schublade seines Schreibtisches vor- fand, noch viel länger. Hortcnse hatte sicher den größten Teil des Tages mit Schreiben verbracht, denn es war ei« ganzer Band, den er erst des Abends vor seinem Kaminfeuer. das er zum Erwärmen des Papiers gebrauchte, durchlese» konnte, und durch den er erst den wahren Charakter ihrer Liebe begriff. Ohne alle deklamatorischen Phrasen war dieser Brief doch so voll glühender, aufrichtiger, überströmender Leidenschaft. daß es ihm schien, als fei er mit Feuer geschrieben. Wie hätte diese verzehrende Glut mcht auch ihn in Flammen setze» müssen? Dieser Briefwechsel wurde jeden Tag fortgesetzt,-�kürzer von ihm, der nicht zu wiederholen»vußte, was er bereits gesagt hatte, aber ebenso übersprudelnd, wie am ersten Tage, von der Geliebten,»velche die drei Wörtchen:„Ich liebe Dich I" stets aufs neue zu variiren verstarld. Was sie aber nicht in diesen Briefen mitteilte und waS er doch so gerne hätte erfahren mögen, das war ein Aufschluß darüber, ob ihre nächtlichen Stelldichcine bald wieder beginnen würden. Sie war vcrschivenderisch mit vagen Hoffnungen; '•--i'- iäfl-■. Vennied ifter jedes bestimnite©ort.„Rechne ans niick», nieln Vielgeliebter.— verlasse Dich darauf, daß meine Liebe unser Glück sichern wird", diese Wendungen kehrten beständig in ihren Briefen wieder, aber niit keiner Silbe deutete sie an, was sie thun wolle, oder was sie erwarte. Er wagte es auch nicht. sie direkt darüber zu befragen, denn wenn sie ihm gegenüber schwieg, so mußte sie ihren Grund dazu haben. Eine Frage seinerseits würde wie Mißtrauen aus- gesehen haben. Andererseits war es, trotz der Geheimschrift und der beiden Schlüssel doch gefährlich, zu schreiben, denn ihr Mann konnte sie dabei überraschen, und dann fand er gleich- zeitig mit dem Mittel der Entzifferung auch die unleugbare Erklärung seiner Krankheit. La Vaupaliere fühlte sich bereits allzusehr verwickelt in diese Apothekcrgeschichten, die ihm innerlich zuwider waren und an die er niemals gerührt hätte, wenn ihm nur die geringste Widerstandskraft gegen ihren Einfluß geblieben wäre; er hatte also keine Lust, sich noch mehr in die Sache einzumischen. Um aber zu wissen, wie die Tinge stünden, beobachtete er Courteheuse aufmerksam und hörte, was der jüngste Schreiber erzählte, der in der Küche sein Mittageffen zu Wärmen pflegte und daher stets durch Cclanie erfuhr, was im Hause vorgehe._(Fortsetzung folgt.) Eine kmtJVttdltel Sekunde.') Fast noch Ivmidcrbarcr, als im Große», ist die Natur im Kleinen und Allcrllcinsten. Wie vor smif- und sechstausend Jahren die Forscher und Denker in den Thälern des Ganges und Indus die Gesetze der oelvaltigen Größen und größte» Zahlen zu erforschen suchten, so de- schäftigcn in unserem naturlvisicnsckastlichcn Zeitalter die kleinsten Größen de» Geist des Forschers nicht minder. Zivar bauen wir heute gewaltige Fernrohre, um die uucnncßlichen Weiten des Welt- raumcs zu durchspähcn, und sind zu Zahlbegriffcn und Größeuvorstcllmigcn gekommen, voir denen die Alten sich nichts träumen ließen; aber charakteristischer noch, als das Fernrohr, ist für unsere Zeit und ihre Forschungsmethode das Mikroskop, mit dessen Hilfe wir lehrreiche Blicke in die wunderbare Welt des Kleinen und Kleinsten gcthan haben, aus dem ja schließ- lich auch das Große und Größte in der Welt besteht. Wenn wir aber die Welt und die in ihr herrschenden Gesetze erforschen wollen, so dürfen wir sie nicht als etwas Lebloses und Unveränderliches betrachten; vielmehr lebt in ihr alles und ver- ändert sich fortwährend. Sind ja dock leben und sich verändern unlöslich mit einander verbundene Begriffe. Alle Veräuderung geschieht in der Zeit. Um die Gesetze der Ler« andenuig zu cruiittcln, ist daher die Messung der Zeit, in der sie geschieht, eine unerläßliche Vorbedingung. Nun meint ivohl mancher, daß dies eine leichte Aufgabe sei. Wir besitzen ja sehr vorzüglich gehende Uhren. Sieht man also zn Anfang und Ende eines Vor- ganges, den man beobachten will, auf die Uhr, so ist die Zeit ge- messen. Um eS an einem Beispiel deutlich zn machen: Man feuert eine Kanone ab und bestimmt aus einer etwas entfernten Station den Zeitpunkt, zu dem man den Schuß hat aufblitzen sehen, und dann ivicdcr de» Zeitpunkt, in welchem man den Knall des Schusses hört; man sieht das Aufblitzen etwa um 2 Uhr 11 Minuten B Sekunden und hört den Knall 4 Sekunden später. Daun weiß man, daß der Schall 4 Sekunden gebraucht hat, um von dem Staudort der Kanone bis zn unserem Ohr zn gelangen. 5 Jabel, wir nun gemessen, wie weit wir von der Kanone entfcnit ind, so könne» wir leicht ausrechnen, welche Strecke der Schall in jeder einzelnen Sekunde zurückgelegt hat. Bei Vorgängen, welche mit einer gcivisscn Gleichmäßigkeit ablaufen, genügt eine solche Methode der Zeitmessung durchaus. Zwar werden die einzelnen Zeitpunkte hier nur ungenau festgestellt; von dem Momente, wo ich den Schall höre, bis zu demjcuigeu, in welchem ich die Zeit ablese oder daS Uhrwerk hemme, vergeht not- gedrungen etwas Zeit. Die Schallwellen, die das Ohr treffen, müsscn burch die Nerve» znni Gehirn geleitet werden, Ivo sie als Schallempfin- duiig im Bewußtsein aufgcnomnic» werden; dann muß der Wille, das Uhrwerk zuhenimen, dienotivcudigcu Bewegungen derHand veranlassen, um sich zu bethätigen; vom Gehirn muß aber wieder eine Nerven« leituug zn den BcwegungsnmSkcln führen, was auch nicht ohne Zeitverkauf geschehen käu». Die auf solche Weise verloren gegangene Zeit beträgt in dem angeführten Beispiel aber nur einen so geringen Bruchteil einer Sekunde, daß sie gegenüber der ganzen Zeit von vier Sekunden nicht in Betracht kommen kann. Die weiteren Borgänge in der Natur laufen aber durchaus nicht so gleichmäßig ab, und cS gilt, die Art ihres Ablaufes festzustellen. Hier sind von den Mathematikern und Naturforschern geistvolle Methoden erdacht, die es ermöglichen, die Gesetze der Berändenurgen in langen Zeiträumen sehr genau darzustellen, wenn man durch Beobachtung die Veränderung in einer sehr kurzen Zeit findet. DcS- halb ist die genaue Messung sehr kleiner Zeiträume von einer besonderen Wichtigkeit geivorden. ') Mit Benutzung eines von Dr. S p i e s in der Urania ge- Uxhaltencn Vortrages. Welches ist mm der kleinste Zeitraum, den lvir noch angeben könne»? IiechumigS mäßig können wir da so weit'gehen, daß jede Vorstellung verschioiudet. Durch Versuche der oben angedeuteten Art ist z. B. festgestellt, daß der Schall in jeder Sekunde 330 Meter weiter gelangt. Um einen Meter pflanzt er sich also in>/3Zo Sekunde fort, und um einen Millimeter im tausendsten Teil dieser Zeit, also in weniger als einer dreihunderttausendstel Sekunde. Für uns handelt es sich aber nicht darum, solche kleinen Zeiträunic zu be- rechne», sondern zn meffcn, Anfang und Ende eines solchen Zeit- tcilchens genau zu bestiminc», und dcis ist, wie leicht zu sehen, eine viel schwierigere Sache. Von den mancherlei Apparaten, die diesem Zwecke dienen, will ich zwei andeute». Es ist sehr leicht, ein Uhrwerk zu konstruieren, bei welchem ein Rädchen cine» Umlauf in dem zehnten Teil einer Sekunde voll- endet. Bei der sogenannten Millisckunden-Uhr von Hipp befinden sick zwei Räder, von denen das eine in zehn Sekunden, das a> rre in einer zehntel Sekunde umläuft. Mit jedem Rade ist ein Zeiger verbunden, der über ein Zifferblatt mit 100 Teilstrichen hinläuft. Um einen Teilstrich rückt der eine Zeiger also in dem hundertsten Teil von 10 Sekunden, der andere von Vro Sekunden vor; der letztere belvcgt sich also um einen Teilstrich in Vrooo Sekunden oder in einer Millisekunde. Nun sind die Zeiger nicht fest mit dem Uhr- werk verbunden, sondern können durch einen Elektromagneten in dasselbe eingeschaltet, durch einen andern wieder ausgeschaltet werden. Will man mit der Uhr also meffcn, so mutz inan den zu beobachtenden Vorgang so anordnen, daß beim Beginn des« selben ein elektrischer Strom gescklosfcn wird, der den Elektro- magncten erregt und den Zeiger in das bereits laufende Uhrlvcrk einschaltet; am Schluß des Vorganges muß dann ein zweiter elektrischer Strom geschlossen werden, der den anderen Elcktroniagnetcn erregt und das Uhrwerk wieder ausschaltet. Ein sehr einfacher Versuch mit diesem Apparat ist die Messung der Zeit, die nötig ist, nm einen Siuncseindruck zur Wahrnehmung und darauf die Hand zur Bcthätigung zu bringen, die Zeit also, die ein Reiz braucht, um in den Nerven fortgepflanzt zu werden. Eine Person schließt durch einen Druck auf einen Knopf den ersten elektrischen Strom und schaltet den Zeiger in das Uhr- werk ein; eine zlveite Person steht daneben, mit dem Finger aus einem Knopfe, um deir zweiten Strom zn schließen und das Uhriverk wieder auszuschalten. Die zlveite Person drückt auf ihren Knopf, sobald sie das Ticken beim Drücken des ersten Knopfes hört; in demselben Moment also, in welchem der Zeiger eingeschaltet wird, ivird er auch schon wieder ausgeschaltet, und er würde sich da- her, sollte man meinen, kaum von der Stelle bewegen. Der Versuch zeigt jedoch, daß der Zeiger mehr als einen volle» Umlauf beendet, um 133 Teilstriche ivar er vonvärts gegangen; 133 Tausendstel Sekunden verflossen also von dem Momente, in welchem man das Ticken des ersten Knopfes hörte, bis zu dcnijcnigcn Moment, in welchem man den zweiten Knopf wirklich drückte. Einfacher noch, als einen Strom zu schließen, ist eS in vielen Fällen, ihn zu Beginn und Ende eines Vorganges zu öffnen. Hierauf beruht ein anderer Apparat zur Messung sehr kleiner Zeit- räume, der beim Militär zur Messung von Geschoßgeschwindigkeiten vielfach Auwendung findet. Hier hängt an eineni Elektromagneten ein Eiscnstab. der losgelassen wird und herabfällt, sobald der Strom geöffnet ivird. Ein zweiter kleinerer Stab hängt au einem tiefer angebrachten zweiten Elektromagneten; dieser Stab bewirkt beim Absallen von seinem Elektromagneten, was beim Ocffucn eines zweiten Stromes zn Ende des zu beob- achtenden Vorganges geschieht, das Vorschnellen eines Messers, daS auf dem ersten Stab eine Kerbe einschlägt. Aus der Höhe derselben, die man an dein Stab leicht abmessen kann, ersieht man, um wie- viel der Stab gefallen ist, und kann hieraus leicht die Zeit be- rechnen, die er dazu gebraucht hat. So kann z. B. eine Gewehr« kugel beim Losdrücken sowie beim Herausfliegen ans dem Lause einen dünnen Draht durchreißen und dadurch das Ocffucn eines elektrischen Stromes herbeiführen. Man kann so also die Zeit ermitteln, die sie zu ihrer Bclvegnng durch den Gewchrlauf ge- braucht hat. Von ganz besonderer Wichtigkeit ist in der neuesten Zeit auch die photographische Festhaltung sehr kurz dauernder Vorgänge geworden. Man hat eS gelernt, so empfindliche Platten zu verfertigen, daß ihre Belichtung während'/iooo Sekunde genügt, um ein scharfes Bild zu erzeugen. Schnell auf einander folgende Aufnahmen, die dann dein Auge in derselben Reihenfolge wieder vorgeführt ivcrdcn, crivecken den Eindruck der Bcivegung und des natürlichen Lebens. Einen großartigen Auffchwung erfuhr diese Art photographischcr Dar- stellimg mit der Erfindung des Filins, eines photographischcn Papiers, das von einer Rolle abläuft und dabei während uz kurzer Moniente belichtet wird, so daß man � eine ihe auf einander folgender Bilder erhält. Den beiden Brüdern Luiniere in Frankreich gelaug es, cine mechanische � Borrichtung zu treffen, durch die der Films mir ruckweise belvegt lvird, und dann während der Belichtung still steht. Dies bedeutete einen außer- ordentlichen Fortschritt in dieser Art der Photographie, die in den Kinetoskopen und Kinetographcn bald eine große Beliebtheit errang. Doch befriedigen diese Bilder mrd ihre Vorfühnmg keineswegs bloß die Schaulust, indem sie das Leben in prächtiger Weise reproducicreu, sondem dienen in hohem Maße der ivissenschaftlickcn Forschung: man kann z. B. bei der Betrachtung der Bilder den Films mit erheblicher Langsamkeit abrollen und dadurch eine Bclvcgung, z. B. den Gang voll. Menschen und Tieren, die in Wirklichkeit einen kleinen Brnchteil einer Sekunde beanspruchte, nuf die Dauer von mehreren Sekunden aus- einander ziehen. Es ist klar, dajj das Studium des Mechanismus ber Veivequngen hierdurch austerordentlich gefördert werden must. So führt die Betrachtung und Erforschung der Vorgänge, die stch in sehr kleinen Seiten, in wenigen Tausendsteln von Sekunden abspielen, zu einer tieferen Erkenntnis der Natur, als es auf den ersten Anblick scheinen möchte.— Bt. Kleines Feuilleksn. -1- Appell. Ein kleines Zimmer in einem Hofgebäude. Ein einfacher, schlicht gekleideter Mann sitzt von» am Fenster vor einem Tisch. Das Licht fallt spärlich auf die Bücher, die den Tisch bedecken und in denen der Mann rechnet. An den Wänden stehen mehrere Regale und ein Schrank. Im dämmerige» Hintergrund sind Stühle gestellt. Mehrere ältere Männer sitzen dort, meist voniübergebeugt. Sic starren schweigend vor sich hin, die schwieligen Hände auf den geflickten Knien, oder stützen sich den Kopf. Ihre breiten Schultcnr, die vom Wetter gehärteten Gesichter, die von groster Kraft zeugen, haben in ihrer verzweifelten Mutlosigkeit nicht mehr den Aus- druck vom Bewusttsein dieser Stärke. Müde und niedergeschlagen schweigen sie. Da wird die Thür aufgcstostcn. Ans dem Vorzimmer, in dem Vcrcinsspindchcn und bunte Embleme hängen, kommt noch ein Trupp solcher Männer. Der am Fenster steht ans und empfängt sie:.Na, Du auch ohne Arbeit?... Und, Heinrich, Du hast ooch noch»lischt? Kinder, Lrinder 1 Wo soll das hinführen?* Er ninimt ihnen die Karten ab und stempelt sie. Dann trägt er die Rnmnien» der Karten in eine Rubrik ein, die auf einen» Ncbentische liegt:«Da, die halbe Seite ist nun wieder voll. Wenn das hcnte so weiter geht... Schliestlich reicht die eine Seite gar nicht ,nehr." .Ach... weißt Du... rück mal ein bistchc» I" sagt der eine der Neuangckonunenc»» zn den Sitzei»dcn. Mehrere von ihnen stehen auf und gehen mit kurzem:.Morgen hinaus. Ei» anderer sagt zn dem vor ihn» Stehenden:.N» schon seit zehn Woche» jeden Morgen vor den Plätzen und vor'»» Bau... und dann immer herein von Schöncbcrg zn Fust. Fahrgeld hat man nicht mehr. Die vielen Kinder und die Frau--- Und immer wieder nach den Plätzen und den Bauten I Da wird man müde.. Die anderen antworten nur:»Ich geh nu auch schon sechs Woche»...*.Vier Wochen...".Neun Woche».. Sic nicken einander zu und schweigen. Der Mann am Fenster schreibt wieder. Das Kratze» seiner Feder ist das einzige, Ivas die Stille stört. Da schallen Tritte im Vorzimmer. Es konimen scho»»»vieder aildcre, die sich in die Rubrik ein- tragen lasten wollen.-- — Abonnenteufaug im Brichtflnhl. Das.Luzerner Tageblatt' hat von einem Abonnenten unlängst folgende Zu- schrift erhalten:.Ich ging am letzten Sonntag wie gewohnt zur Ohrenbcichte und legte nach besten, Wissen und Gewissen mein Sündenbclcnntnis ab. Plötzlich unterbricht mich der Herr Pater: .Lesen Sie auch eine Zeitung?' -Ja.' »Was für eine?' »Das Lnzemer Tageblatt.' .Haben Sie das Blatt abonniert oder erhalten Sie es gratis?' »Ich habe cS abonniert.' .Hören Sic. ich ivilt Jhncn etwas sagen: Sie dürfen dieses Blatt nicht mehr Icscn� sondern niüstcn das.Luzcrncr Volksblatt' abonniren. Sie gewinnen dabei doppelt, erstens ersparen Sic 7 Franken AbonncmcntLgcbühr und zweitens retten Sic Ihre un- sterbliche Seele.'— Theater. — r. Schiller-Theater..Der Herrgottschnitzer von A n» n» e r g o u', Volksschanspicl in fünf Aufzügen von Ludwig Ganghofcr und Hans Neuer t. Nicht mehr ganz so geistreich trete» hier die Bauern in die Erscheinung lvie in Auerbachs Dorfgeschichten, aber immer noch gcmütsticf und gesühls- selig genug, um von der platten Wirklichkeit einen recht unklaren und irreführenden Vcgrist zu geben. Was das Stück, mit dein zu Anfang der achtziger Jahre die Gesellschaft des Herrn Hofpaur ihren Zug antrat, bei alledem beachtenswert macht, ist das äustcrc Bciivcrl, die Vorführung bäuerlicher Eigenheiten, die ohne eigent- lichcn Zusammenhang mit der dürren Handlung gleich Guckkasten- bilden» am Auge des Zuschauers vorüberziehen. Von Belang ist da der dritte Alt»nit seiner Hochzcitsfeier, der manchen altvaterischen Brauch gewissenhaft aufgezeichnet enthält. In der Auffühning kam den» Schillcr-Thcater zu statten, dast es über etwelche süddeutsche Mitglieder verfügt, die sich mit dem Dialekt in durchaus erträglicher Harmonie abfanden. Frälllcin R o s n e r als Loni, Herr O l m a r als Pauli und Herr Patcgg als Pcchlerlehnl machten ihre Sache ganz vortrcstlich. Ein gleiches würde sich von Herrn T h n r n e r und Fräulein S e i tz sagen lassen, wenn von ihnen das Pärchen Loisl und Rcsl ctlvas ivenigcr karikirt gegeben worden»väre. Da die Regie mit ganz besonderer Sorgfalt' ihres Amtes gewaltet hatte, so kam im ganzen eine Vorstellung zu stände, die sich in jeder Be- zichung unter Brüdern sehen lassen konnte.— Kunstgewerbe. gk. Das South Kensin gton-Mnseum in London, da? durch seine Organisation geradezu mustergültig geworden ist und für die heutige Blüte des englischen Kunstgewerbes eine autzer- ordentliche Bedeutung gewonnen hat, wird iu seiner Wirksamkeit in einem Artikel, den Vachon in der„Chronique des Arts' veröffentlicht, des näheren gekennzeichnet. Es erhält von» Staate ein jährliches Budget von gegen 2 Millionen Mark. Mit diesen glänzenden Mitteln hat es eine ausgezeichnete, in seiner Mannig- zaltigkeit und der Güte der einzelnen Stücke unübertroffene Sanun- lung zu stände gebracht, deren Wert heute 20 Mill. Mark übersteigt. Die Ausgaben für Neuerlverbungcn beliefen sich während des Rechnungsjahres 1897 auf 144 200 Mark. Nicht allein London, sondern ganz Grostbritannien schöpfen aus ihm ihre In- spirationen und Modelle für die Kunstindustrie. Seine mächtige Organisation arbeitet von seiner Gründung(1855) an speciell auf dieses Ziel, den künstlerischen und technischen Unterricht, hin. Jedes Museum, jede Schule, jede städtische Behörde, jede industrielle Vereinigung hat das Recht, seine ständige Mitarbeit zu fordern, und sie wird jedesmal bereitwilligst gewährt. Es giebt lein Etablissement, das an der kunstindn'strieNei, Entwicke- lung mitarbeitet, das nicht in enger Verbindung mit ihn» stände, das' von ihm nicht ennutigt und finanziell und geistig unterstützt würde. Keine kunstgewerbliche Ausstellung wird organisiert, die fich nicht an das Mllseum wendete, um seine Bedentling und Interesse zu erhöhen. Im Jahre 1897 hat es an 25 solchen teilgenommen. Besondere Gclvähr fiir eine gesunde Einwirkung des Milse im is bietet es aber, daß die Selbständigkeit der Leitungen der lokalen Musce»» mögliihst gewahrt ivird, da diese besser als die Beamten in London die Bedürft, isse der heimischen Künstler und Industriellen übersehen können. In engster Verbindung mit dem South Kensington-Mnseuin arbeiten in allen Jndustriccentren des Landes kleinere Museen, 06 an der Zahl, die von» Staat, von der Stadt oder von Vereinen ins Leben gerufen und sehr reich ausgestattet sind. Sie dienen der künstlerischen Schulung der in» Kunstgewerbe Thätigcn und des Publikums. Man ?at viel Fleiß darauf verwendet, den Aufenthalt»n diesen Museen o angenehm wie möglich zu machen, und die Saminlnngen in einer Weise geordnet, die überall den Zitsaiinnenhang zwischen Kunst und Technik klar hervortreten läßt. In»„Science and Art Museum" von Edinburg sind zum Beispiel die Arbeiten der Metallurgie — Gold- und Silbcrarbeiten, Bijouterien, Bronzearbeiten k. — so aufgestellt, daß»nan zunächst die neuesten Verfahren in der Galvanoplastik, die Metall-Legienmgcn, die volllommcusten Maschinen für Stanzen und Beschneiden der Stücke keimen lernt und dann die Anwendung der Kunst auf diese Techniken in historischer Reihenfolge sieht. Naturgemäß werden in jeder dieser Städte die Zweige der Kunstindusttie besonders bevorzugt, die in der Produktion des OrteS die größte Bedeutung haben, ohne daß aber Einseitigkeit groß- gezogen würde. Für Künstler und Arbeiter werden regelmäßig Vorträge mit Demonstrationen der 5tunstwcrke gehalten. Auch darauf achtet man, daß die Museen, wein» möglich, in schöner land- schaftlichcr Umgebung angelegt»verde»». So hat Ruskin im Jahre 1870 das Museum von Sheffield in einem schönen Park in der Nähe der Stadt errichtet, und in Manchester, Salford, Bi»-mingham Glasgoiv u. a. ist man seinem Beispiel gefolgt. Ständig werden die ausgestellten Werke gelvechsclt; und man leiht zu diesem weck auch von Sammlern und Museen Werke aus. in reger Austausch besteht vor ollem natürlich mit dem South Kensington- Museum. Im Jahre 1897 hat das Musenn» in die Provinz nicht weniger als 20 000 dekorative Kunstiverke aus seinen Sammlungen an die 00 Mt»seen geschickt und 9595 Stücke, Kunstgegenstände, Malereien. Gravüren usw. an 200 Kunstschulen. Die Subventionen, die diesen Museen zu dem Ankauf von Kunstivcrkcn und Reproduktionen gewährt»vurdcn, haben 20 000 M. überschritten. Die Anstrengungen»verden denn auch be« lohnt: 250 000 bis 300000 Personen besuchen diese Museen jähr- lich. Aus die Wahl der Beaniten ivird eine große Sorgfalt vcr- wendet. Genaue Sachkenntnis, Initiative und volle Hingabe an den Berus»verde» von ihnen gefordert. Die meisten Beamten werden i»n Svtlth Kensington- Museum ausgebildet. Sie beziehen den Anforderungen entsprechend sehr gute Gehälter. Das Gehalt deS Direktors des South Kensington-Muscums beträgt 18000 M. und freie Wohnung, des Direktors in Edinburg 16 000, in Dublin 14 000, in Binuing'ham 14 000 M. usiv. In jedem Jahr veröffentlichen alle diese Museen Berichte über Budget, Unternehmungen des Instituts, Vennehningen der Samnilungen, Entleihungeii, Zahl der Be- sucher usw., die wieder zur Propaganda»»neutgcltlich an das Publikum verteilt werden. Die Besuchszeit des South Kensiugton- Museums ist für das Publikum sehr bequem, von 8 Uhr früh bis 10 Uhr abends. In einen» Restaurant können Erfrischungen und Mahlzeiten eingenommen werden. Die Bibliothek dient in» Winter, ein schöner Garten im Sommer als Erholungsort. Die Gesamt- zahl der Besucher braucht unter diesen Umständen nicht zu über- raschen: Uebcr ci»e Million Menschen haben nach der offiziellen Statistik im Jahre 1897 das South Kensington-Museum besucht, 388 709 Bethnal Green, ein Zweigmuseun» in London;»nid die Gesamtzahl aller Besucher der 00' kunstgewerblichen Museen belief fich im Jahre 1897 auf nicht weniger als 0 321500.—~ Volkskunde. — Ein lüneburgischeS Bauerngehöft wurde im borigen Jahr im Museum zu Celle in' allen seinen Einzel- heiten zur Aufstellung gebracht. Im letzten Winter ist nun neben dem lüneburgischen GeHöst ein W e n d e n h o f ausgestellt. Die wendischen Dörfer, sofern sie nicht durch Feuer zerstört' sind und bei Neubauten eine andere Gestalt bekomnien haben, liegen alle gedrängt in der Runde(Rundling) hufcisensörnng gebaut und haben gewöhn- lich nur einen Eingang.' Sie unterscheiden sich dadurch wesentlich von den Dörfern germanischen Ursprungs, deren Hänser der Länge der Strohe nach oder gemischt gebaut sind. Ein solcher Wendenhof ist nun, wir der„Rat.-Ftg." geschrieben wird, herausgegriffen und im Museum zu Celle zur Anschauung gebracht. Was beim Wendenhause zuerst in die Augen fällt, ist der Schmuck des Giebels. Dazu werden keine Kosten gescheut, und Holz wird nicht gespart. Die Balken des Giebels stehen in hübschen Können zu einander und so eng, dah weiüg Fachwerk durch Mauersteine auszufüllen war. Auf dem im Museunr geboteneu Modell steht aus dein grün gestrichenen Quer- ballen in alter Schrift der Bers:„All was'mein Thun und Anfang ist" usw. Danmtcr gerade über der Thür: Hans Nieder und Anna Süß sowie Anno 1757. Rechts und links von der Lchmdicle sind die Pferde-, Kuh- und Schweineställe. Die Stuben find geräumig, in kleineu Nebenräumen von der Stnbe sind die Schlafgelasse, die „Buzzcii", angebracht. Um noch ein Bild von einem alten ivendischen „Rundliug" zu geben, ist auf einem 1 Quadratnieter grohen Brette aus kleinen bearbeiteten Hölzern, die Häuser und Scheunen darstellen, ein solches Dorf zur Anschauung gebracht.— Ans der Urzeit. is. Meeres gn allen ans der Urzeit der Erd- g e s ch i ch t e. Die Wissenschast von den ausgestorbenen Tierar nnd Pflairzcn ist ohne Ziociscl eines der anziehendsten Kapitel der Natur- forsch ring, aber auch eines der schwierigsten. Sie soll unS unterrichten von der allmählichen Entwickcln'iig des orgmiischen Lebens auf der Erde und ist zn diesen» Zwecke darnnf angewiesen, die älteren uird neueren Schichten der festen Erdkruste auf ihren Gehalt an Versteineruirgen mid anderen Resten früherer LeberiSfonneii zu durchsuchen. Ein einziger Fund, besonders in den ältesten Ab- lagernngen. kann für sie wie für die Geologie von aller- größter Bedentmig sein. Aber gerade dieser Wiffcnschaft werden znweilen Rätsel aufgegeben, deren Lösmrg zunächst daS Berniögen des Menschen durchaus zu übersteigen scheint. Der Paläontologe bekonimt gelegentlich so»icrkwiirdige Bildungen auf uralten GestcinSoberflächen zu Gesichte, daß er zunächst gar keinen Rat und keine Deuning wissen kann. er kann nicht einmal erkennen, ob diese Spur wirklich von einem lebenden Wesen, einem Tier oder einer Pflanze, herriihrt, oder ob sie durch andere natürliche Kräfte geschaffen wurde und somit in die Gruppe desien zn stellen wäre, was die Natnrkmide früherer Zeiten als„Naturspiel" bezeichnete. Und doch werde» solche Neste, wenn das Rätsel erst einmal gelöst ist, oft zu kostbaren Schätzen. Dazu gehören auch geimffe ans Sandstein znslnm»cngesetzte Kiröllchei», die zuerst in West-Gotland in Schweden in den ältesten geschichteten Ab- lagernngen gefnuden und von den, Geologen Nathorst gedeutet wurden. Es find eigentümliche Gesteiiisklümpchen. bald von steril- artiger bald von scheibenförmiger Gestalt. Begreiflicherweise wußte man zunächst nichts damit anzufangen, aber der schlvedische Geologe kam durch einen glücklichen Einfall auf die richtige Spur. Erdachte nämlich daran, daß Meeresquallen die Urheber jener merk- würdigen Gesteinbildimgeii gewesen sein könnten. Wer einmal längere Zeit an der Meeresküste geweilt und dem Tierlebcn ans dem Strande Aufmerksamkeit zugewandt hat. muß häufig die Beobachtung gemacht haben, daß Quallen, an der Ostsee besonders die massenhaft vorkomiiieiide Ohreiiqualle, zuweilen in nngeheneren Mengen von der Brandungswelle auf den Strand hinanfgespült werden. Bei geringer Brandung bleiben die Tiere geivöhnlich ans dem Trockeiicu liegen und finden dort ihr Ende, indem die schleimige Masse ihres Körpers langsam zerfließt. Wenn nun aber der Sand, auf den sie zu liegen gekonimen sind, durchnäßt und iveich war, so wird selbst das geringe Körpergewicht einer solchen Qualle geniigen, um einen Abdruck in der Unterlage hervorziibringen. t5iit>ucdev bildet sich die schirmartige Scheibe der Qualle auf der Sandfläche ab, oder der weiche Sand drängt sich von unten. her in die Mundanhäiige dcS Tieres, die wie der Klöppel einer Glocke aus dem Schirm heraushängen, hinein und füllt den Zwischen- räum zwischen ihnen aus. Wenn min der Sand in dieser durch die Quallen leicht beeinflußten Form trocken»nd hart wird, und durch eine später hinübergcspülre Sandschicht geschützt bleibt, so können sich diese merkwürdigen Bildungen lange Zeft erhalten. Dies ist in jenem schwedischen Sandstein thatsächlich der Fall gewesen, denn das Alter der erwähnten stem- ruid scheibenförmigen Knollen ist nur nach Millionen von Jahren zu schätzen. Nathorst hat durch L ersuche jeden Zioeifel an der Entstehungsart der Bildungen be- uommen, indem er einfach durch Berjuche an lebenden Quallen zeigte, daß auf die soeben beschriebene Weise noch heute genau die- selben Gebilde entstehen können. Nachdem einmal eine Alrflläruiig der rätselhaften Fornren geschaffen war, fanden sie sich auch i» anderen Gebieten, in ganz besonderer Menge, aber in Amerika, und zwar in Schieserablagerungen von Alabama. Dort kamen sie in solchen Mengen mid in so schöner Aiisbildnn.q zum Vorschein. daß setzt der amerikanische Paläontologe Walcott einen ganzen Band der„Monographien der geologischen LandeSnntersuchuna derBereinigten Staaten" den„fossilen Quallen" gewidmet hat. Er hat sich aber nichtnur mit den amerikaiiischen Fornien abgegeben, sondern auch diejenigen von Schiveden, von Rußland, Böhmen und Bayern in Betracht gezogen, in welchen Ländern sie sich durchweg in der alten Formation des Cambrinm finden, außerdem aber kommen sie noch in der pennischen Formation Sachsens nnd in der Juraförmation Bayerns vor; hier in dem berühmten lithographischen Schiefer, von Solenhofen. In den weitaus nieistcn Fällen sind diese alten Spuren so roh nnd undeutlich, daß man diezarte Gestalt der ailsgcstorbenen Quallen nicht »»ehr daraus erkamen kann. ES finden sich aber auch Abdrücke im Gestein, die der Untersuchung günstiger sind, und so hat besonders in den Schichten von Alabama der Forscher eine ganze Anzahl von aus- gestorbenen Medusen bis aus Einzelheiteii ihrer Gestalt nachweisen können. Die Quallen lebten dort in verhältnismäßig seichtem Wasser, wurden vielfach an den Strand geworfen und schnell unter einem feinen kieselhaltigen Schlamin begraben, der sie später nach allmählicher Verfestigung zn einem feinen Kieselschiefer umbildete, ans dessen Platten sich die Abdrücke jener schleimigen Mcercsticre wohl erhielten. Auf 47 prächtige» Tafeln führt uns Walcott die Reste jener uralten Quallen vor, die in einzelnen Fornren bereits in überraschendem Grade den heutigen Vertretern dieser Ticrgrnppe gleichen.— Humoristisches. — Vorbereitung. Wirt:„Ja. Seppe!, was ist denn das. Du holst heut' schon die zehnte Maß, was ist denn los bei Euch daheim?" S e p p e l:„Ja, wissen©', der Vater hat morgen einen Toast auszubringen, und da probiert er heut' daS Austrinken auf einen Z n g I" — Wie schade! Backfisch:„Ach, weim Schiller nnd Goethe doch heutzutage lebten, was für reizende A n s i ch t s« Po st karte il verse würden die dann wohl dichten!*— — Auf der S e k n n d ä r b a h ii. Passagier:„Donner« Wetter, der Zug fährt ja heute ordentlich schnell, Schaffuer!" Schaffner(geheimnisvoll):„Ja wissen S', wir haben nämlich einen Eilbrief im P o st s a ck!"— („Meggend. hin». BL") Notizen. — Die Anssiihriing von Shakespeares„Troilns und C r e s s i d a", welche die„ H i st o r i s ch- m o d e r n e u F e st- spiele" am 7. Mai. mittags 12 Uhr. im Theater des Westens veranstalten, wird überhaupt die erste Aufführung sein, die dieses Werk in Berlin erlebt.— — Im Berliner Schau spielhause findet am ll. Mai die E r st a u f f ü h r u n g von P e r s a l l S fünsactigem Schauspiel„D i e Krone" statt.— — Maj Drehers Schauspiel„H a n s" ist von dem Burg« theater m Wien, von den Hostheatern i» Dresden. M ü n ch e n mid Hannover und von zahlreichen Stadt» t h e a t e r n zur Anssühnuig angenomnieu worden.— 1. E i ii R i e s e n- K o n z e r t s a a l, der 3l>(XX) Personen fassen soll, wird in San Francisco gebaut.— — Ju G o s l a r ist der Maler Hermann Wislicenus ge» st o r b e n.— — Das Nenmnnsier in Würz bürg besitzt neben anderen Ktostbarleiten ei» wertvolles altes Bild. Es ftannnt von Michael Wohlgemuth und stellt die Anbetung der Könige dar. Den Mittelpunkt des Gemäldes bildet das nackte Jesus- k i ii d. Diese Naturwüchsigkeit des kindlichen Körpers erregte jedoch dos Mißfallen eines geistlichen Herrn. Er ließ, Ivie der „Franks. Ztg." geschrieben wird, das Bild durch einen Maler nach seinen Angäben„verbessern" und dem nackten Kindchen eine schöne grüne Draperie vor malen!— o. Die ersten Bolks-Brausebäder in Paris sind mnnnehr eröffnet worden. Für 20 Centimes lmm jedermann in einer bequem eingerichteten Zelle eine schottische Douche nehmen. Die Zelle hat einen Parkettboden und enthält einen Spiegel, Garderobcnhalter, ein Tischchen, Seitcnbretter usw. Die Wände sind mit weißen Fayencen bekleidet. Die Douche ist über einem Bassin aus Eement angebracht. Die Anstalt enthält 1ö solcher Zellen.— — Die von Marconi mit der drahtlosen Telcgraphie im Kanal neuerdings angestellten Versuche erwiesen, daß sich be« wegende Schiffe ans hoher See nnteinander und mit der Küste kommnniziere» tönnen, und daß Telegramme ausschließlich auf den Pmilt konzentriert werden iöniien, für welchen sie bestimmt sind.— — Nene Forschungen über C o n f n c i n s und B u d dha veröffentlicht der japanische Gelehrte Fulutchi Genichiro, der, ent» gegen allen bisherigen Aimahmen, den Beweis versucht, daß Buddha (Shakamnni) und Eonfucius Zeitgenossen gewesen, und zwar sei Confnciu« 13 Jahre nach Buddha geboren und sechs Jahre fpäier als dieser gestorben.— Ber-mtwortlicher Nedacterrr: Zlugnft Jneobcy in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.