Ilnterhaltungsblatt des Horwäris Nr. 85. Sonntag, den 30� April. 1899 (NochdritS»erböte«) so] Dov Schuldige? Roinau von Hector Malot. »Nicht für nüch; was ich sage, das denke ich, was ich denke, will ich, was ich will, das thue ich. Als zwischen uns die Frage meiner Witwenschaft anfgeworfen wurde, glaubte ich nicht, daß das nur leere Worte feien. Du Deinerseits hättest mir glauben müssen, als ich Dir versicherte, daß ich für meine Liebe zu allem fähig sei. Heute schrickst Du vor der vollbrachten That zurück, weil ich sie Dir auf ungeschickte Art vor Augen führte. Ich fühle, daß ich ein großes Unrecht begangen habe: handeln, nichts sagen, das hätte ich thun müssen. Vergiß weine Worte, die.,. schließlich vielleicht nur ein Versuch waren. Jedenfalls bist Du nicht im geringsten beteiligt, da Du es nicht fein willst. Du bist also auch für nichts verantwortlich." „Es ist zu spät." »Warum zn spät, da Du noch mchiweißt, ja, da ich selbst noch nicht weiß, was ich morgen thun werde.. „Du weißt noch nicht...?" „Können die Gefühle, die Du»nr zeigtest, nicht meine Gesinnungen ändern?" „Wenn ich solch«! Einfluß auf Dich hätte.. „Dein Einfluß ist grenzenlos. Ich habe stets nur zn Deinem Glücke gehandelt rmd werde es auch stets nur thun. Das habe ich Dir in der Vergangenheit bewiesen. Ich werde es Dir noch mehr in der Zukunft beweisen. Das mußt Du Dir sagen und glauben. Nichts als das." Sie hatte seine beiden Hände genommen und küßte sie zärtlich von den Fingerspitzen an bis zum Handgelenk. Er wollt« überlegen und antnwrten auf das, was sie ge- sagt hatte, aber diese Zärtlichkeit raubte ihm die Freiheit, sie erschlaffte, verwirrte ihn so, daß feine Gedanken davonflogen; sie sah er. nur sie allein; alles andere eristkrte nicht mehr; er schlang den Arm um ihre Taille und beugte sich über sie, aber sie stieß ihn sanft zurück. ..Ick, bitte Dich," flüsterte sie«dt einer Verwirrung, die ihn von Äops bis zu den Füßen erbeben ließ. „Du stößt mich zurück?" „Ich bete Dich an" Sie warf sich in seine Arme ohne zu sprechen, wie erstickt und erschüttert von ihrer Gemütsbeiveanna. „Was hast Du?" frug er. Sie antwortete nur durch noch leidenschaftlichere Um- armungen; uud als sie endlich den blopf emporhob, sah cr ihre in Thränon schwimmenden Augen und ihr von schmerz- tichen Zuckungen bewegtes Gesicht. „Aber, was hast Du nur? Was hast Du?" Sie preßte ihn an sich, ohne daß er etwas Anderes als ihr Schluchzen zu hören bekam— als die Worte; „Niemals habe ich Dich geliebt wie ich Dich jetzt liebe, rnid doch bin ich Deiner nicht würdig." Die Stunde verging in dieser Ltrisis. und sie trennten sich erst im Augenblick, als der kleine Schreiber zurückkehrte. Der Tag war für La Naupattere mit so viel Bureau Arbeiten ausgefüllt. daß er keine Zeit zum Nachdenken hatte; aber am Abend nach dem Effen ging er sofort auf sein Zimmer, und feine erste Sorge war; feine beiden Koffer. die er in einer dunklen Kammer ausbewahrt hatte, zu de- sichtigen; dann schrieb cr an seinen Vater, der in Ivetot wohnte und bat ihn. ihm eine Stellung als erster Sekretär bei einem Notar in tenuk Htnuc, DüPpe«der in Fecamp zu suchen. und nm seinen Weggang in Offsel zu recht stitigen, tertte er ihm mit, doch Courteheufe krank und bei solcher brutalen Laune sei. daß er nickst mehr mit ihm leben kömie. XXII. Eine weitere Folge diesor zwischen den beiden Liebenden stattgehabten Unterredung war es, daß in dem Ausland von Courteh»lse eine merktiche Besserung eintrat; zugleich zeigte er im Berkehr mit feinen Klienten nnc mit seinen Schreibern einen weniger reizbaren, weniger zänkischen Charakter. La Varchalsi-rc schrieb daher einen neuen Brief an feineu Vater, um ihm zu sagen, daß sich die Beziehungen zu seinem Herrn wieder gebessert hält eil. und daß er keinen Grund mehr habe. Oisiel zu verlassen. Die Enthüllungen, die ihm Hortense gemacht, hatten ihm zwar einen so lebhaften Abscheu eingeflößt, daß er zu fliehen gedachte, aber seine Liebe hatten sie keineswegs getötet, fondern sogar, nachdem das Entsetzen der ersten Ucberraschung verflogen war. nm noch gesteigert, weil sie ihm den Belveis lieferten, wie sehr er geliebt wurde. Daß man bis zum Vor- brechen lieben könne, wußte er aus manchen Beispielen; das Verbrechen hatte ihn entsetzt, aber die Leidenschaft, aus der es hervorgegangen, schmeichelte ihm. Wie konnte er unter solchen Umständen eine Frau Verlasien, die im Grunde nur seinetwegen zur Verbrecherin geworden? Er fühlte jetzt, daß es ihn nicht so leicht ankommen werde, seine Leidenschast zu opfern, wie cr geglaubt hatte, als cr den erste» Brief an seinen Vater richtete. Würde er jemals den Mut dazu bc- sitzen? Und würde dieser vorgebliche Mut nicht im Grunde eine Feigheit sein? Schon in seiner Stirdrerrzeik hatte cr gar oft Liebschaften, die ihm langweilig geworden waren, abbrechen wollen, war aber immer aus taufend Gründen, deren Kraft sich erst im Augenblick der Trennung zeigte, Mrückgehalten worden. Und damals handelte es sich nur um Frauen, die mehr oder weniger unbedeutend waren und in nichts Hortense glichen. Schuldig war sie ohne Zweifel, sie hatte es iverden wollen; aber man mußte wissen, unter welchen Verhältnissen und zu welchen Zwecken; zudem mußte er anerkennen, daß er selbst chr Mitschuldiger war. Die Beffcrung im Gesundheitszustand von Conrteheuse ivar ihm eine enorme Erleichterung; je höher feine Mitschuld, desto schwerer war feine Verantwortlichkeit. In Wahrheit vermochte er nicht zu sehe«, wann und wie ihre Sie lldich eine wieder beginnen konnten; aber er hatte sich dar» nm Hortense anzuvertrauen und abzuwarten; sobald sie ihm ohne Gefahr einige nächtliche Stunden schenken könnte, würde sie ihn schon benachrichtigen. Aber während er auf die Tinge harrte, die sich ereignen sollten, bekam Herr Conrteheuse erneu Rückfall. Was hatte er nur? Das frug sich jedermann und mchr als jedermann frug es sich La Vanpalisre. der über diese unvorhergesehene Er- krankung ganz bestürzt war. War es das frühere Leiden, das sich wieder cüigestellt hatte, war es ein mues, das mit dem vorausgegangenen in keiner Verbindung stand? In mehreren Briefen hatte er bei Hortenfe in verstohlener Weise angefragt, ohne daß sie ihm geanstvortat hätte, ander blieb in Ungewißheit und Zlveisel. Eines Sonntags nach dem Mitiagcfscn ging La Vaupaliöre langsam ans dem Wege nach Ortval spazieren, tan dem Onkel Hortenfes, Benoit Gibottrbel zu begegnen, welcher früher von Zeit zu Zeit, jetzt aber sehr oft bei Eourteheuse zu Mittag zn effen pflegte. Endlich gegen toter Uhr hörte er hinter sich den Trab eines Pferdes und winde bald daraus von dem Alten eingeholt. „Aber das ist ja Herr La Vaupaliöre sagte Gibourdel, sein Pferd im Schratt gehen lassend.„Sie haben recht. Sonn- tags spazieren zn gehen; man muß dir Beine arbeiten lassen. Ich habe es meinem armen Neffen immer gesagt. Wenn cr doch auf unch gehört hätte, er würde nicht fein, wo cr heute istl Es ist traurig; in seinem Atter. Herr La Vaupalli-rc!" „Sie finden seinen Znstand viel verschlechtert? Aber was hat er deim?" „Weiß man es? Früher war es der Magen. die Ei» geWeide, jetzt ist es die Lunge." „Der Magen und die Gedärme sind also geheilt?" »EL scheint so." „Das ist schon viel," sagte La Vaup allere. Für ihn war es alles, denn er beunruhigte sich nicht über die Möglichkeit, Herrn Conrteheuse an einer BrnftkrankheU sterben zu sehen, ganz im Gegenteil. „Er hustet." fuhr Gibourdel fort,„er spuckt, er hat Nasen- blisten; ach, es geht viel schlimmer mit ihm!" „Aber was sagt denn der Arzt?" „Er hat ihn Freitag ans dem Wege nach Rollen gchoffeiv und der Arzt hält es für eine böse Grippe." „Das ist manchmal eine schlimme Krankheit-� Gibourdel sagte kopfschüttelnd: „Es ist etwas anderes." „Und was denn?" „Nun, diese böse Grippe ergreift keinen Gesunden, nur einen geschwächten, einen schon kranken Menschen. Ach I mein guter Herr La Vaupaliöre, ich bin in diesem Augenblick ganz erschüttert: mein armer Neffe, ein so braver Junge!" Und gerührt zog Herr Gibourdel sein blaukarriertes Schnupftuch hervor und schnauzte sich so heftig, daß sein Klepper einen Seitensprung machte. „Und meine arme Nichte! Witwe in ihrem Alter zu sein, das ist ein Unglück!" „Betrachten Sie denn Herrn Courteheuse schon als ver- loren?" „In Gefahr, nichts mehr, aber auch nichts weniger; Darum habe ich zu Hortense gesagt: Du mußt den Arzt holen lassen. Sieh nicht auf die Kosten!" „Aber Herr Courteheuse hat ja den Doktor Hanyvel befragt?" „Siemen ist nicht Oissel; der Arzt, bei sich zu Hause, ist nicht derselbe wie bei uns; man muß die Aerzte von den Kranken weggehen sehen; das wird in der Nachbarschaft er- zählt; davon spricht man. Ich habe das Hortense ausein- andergesetzt, und sie hat sofort an Hanyvel geschrieben; er wird also morgen oder übermorgen wie zufällig vorüber- kommen, um nicht diesen armen Coutehcuse, der schon genug leidet, zu erschrecken."_(Fortsetzung folgt.) SonnkÄgspIsttvevei- Bliitenschwer hat sich seit ein paar Tagen auf den sorgsam gepflegten Anhöhen um Werder Banm an Baum die Frühlingspracht entfaltet. Längst nicht niehr reicht der Begriff„Obstlamnicr von Berlin" für den gesegneten Landstrich dort zu; gewaltiger sind die Bedürfnisse Berlins geworden; aber dennoch imponiert das fröhliche Frühlingswunder an den Havelbuchten von Werder. Trotz des milden WiiNerS hat der rauhe Vorfrühling dieses Jahr das Keimen und Grünen eingeschüchtert. Run aber schlvillt es überall, wo in Berlin der Baumschmuck und ein Zierplatz die unifonnen Straßenreißen belebt; und in kurzem gicbt es nirgend mehr kahles Geäst. Auch dort nicht, wo die um- friedeten zarten Anpflanzungen am Bürgersteig der Gassen ihre Zweige wie dünne Acrmchen emporstrccken und wo in den Hinter- räumen der einförmigen Mietskasernen Haus um HauS sich Fabrik an Fabrik, Werkstätte an Werkstätte drängt. So können wir den neuen Mai ivillkommen heißen. Mit der wiederkehrenden Maifeier ist ein Ruhepunkt im Drang der Werk- tage gewonnen. Man kann Rückschau halten und den Gang über- sehen, den die Befteiungskämpfe des Proletariats genommen; und neu belebt wird die Phantasie von blühender Hoffnung, die nach vorwärts weist. Und wir brauchen insgesamt diese stärkende Energie, die vermehrte HoffnungSfreude. Denn ringsum zeigen so mannigfache Erscheinungen des öffentlichen Lebens die müden, die verdrossenen Züge. Wo es freiheitliche Energie, wo es erhöhte Menschenwürde zu wahren gilt, da ist man in weiten Kreisen Deutschlands so ängst- lich und was noch schlimmer, fast gleichgültig geworden. Die Aengstlichkeit der Bürgerschaft macht aber die Schneidigen stets auf- begehrlicher. Der Ton schneidiger Verwilderung dringt bis in die Schulstuben, wo die empfindlichen Schößlinge gehütet werden sollten; und jetzt müssen wir die Ironie erleben,' daß russische Stimmen dagegen protestieren, ihr Erziehungswerk mit dem deutschen verwechselt zu sehen. In Rußland hat die Herrschast der Prügelpädagogen— in der Theorie wenigstens— ein Ende; und in den nisfischcn Großstädten ist die Last der Lehrer gewiß nicht geringer, als bei uns. Auch bei diesen Lehrern gicbt es die Kinder- scharen der Rot, deren ftühestes Leben ohne Schutz der Familie, ohne kindliches wärmendes Behagen auf rauher Straße verläuft. Auch diese Lehrer leiden unter der Klassen-Ueberfüllung, die es schwer gestattet, auf die kindlichen Individualitäten prüfend einzugehen. Auch sie werden sicherlich oft genug in Zustände erhöhter Reizbarkeit versetzt. Aber sie müssen an sich halten und sich bc- herrschen. Das Gesetz der Russen hat der humaneren Erkenntnis Geltung verschafft. Derlei kann jeden bei uns nachdenllich stimme». Weite, weite Wege haben wir noch zu Ivandeln, ehe' elementare Rechts- und Menschlichkeitsbegriffe zu voller und ungehcnchelter Wahrheit werden. Das Schlimme ist, daß man so häufig sich um das Wesen der Dinge herumdrücken möchte. Wir haben eS in dem heiteren Kampf der Parteien um das Friedhofs- Portal des Friedrichshains wiederum erlebt. Man möchte dem Magistrat keinen ausgesprochenen Kanossagang zumuten; und so verfiel man auf den bekannten famosen Ausweg, der vertuschen und ver- schleiern möchte. Eine Diplomatie, hinter deren Kulissen jedermann lächelnd blicken kann, ist von voniherein zu spielerisch; ein Schau- spiel, das niemand als ernst betrachten kann. Aber dennoch giebt es da einen ängstliche» Teil, der Leber dies diplomatische Schauspiel zwffchen Polizei und Stadtvertretung mitmacht, als daß er irgend 13-— welchem ernsteren Konflikt zutriebe. Mit solchen tapferen Mannen vorwärtsschreiten, das ist allerdings eine bitterschwere Kunst. Ans der trüben Beklommenheit nud der blasierten Gleichgültig- keit, wie sie gcgenwärttg so mannigfach austreten, ziehen die „Pattiarchalischen" denn in der That ihre Vorteile. Jetzt, da Groß Millionäre in den Pfuhl der schwärzesten Socialdemökratte ver- dämmt werden, wenn sie nur den„unglaublich frechen und er- stunkenen Gedanken" anzudeuten wagen, die zärtlich gehegte patriarchalische Willkür müsse dem gleich bindenden Rechtsvertrag weichen, ist der kostbare Auftuf an die Herren Möbelfabrikanten und Tischlerinnungcn Deutschlands wider die„Kraftproben der Arbeiter". sehr wohl zu begreifen. Ueber die Enttvickelung der letzten Jahrzehnte möchte man sich in naivster Unbefangenheit hinwegsetzen. Ich will Herr im eigenen Haus sein, sagt der patriarchalische Fabrikant. Jede Forderung des Arbeiters stört meine Ruhe und macht mich nervös, sagt der Patriarch. Ein unznftiedenes Arbeitergesicht ist eine Frivolität, flucht der Fabrikant. Wenn Streitigkeiten zwischen dem Fabrikanten und den Arbeiten: ausbrechen, sollen da Arbeiterkommissionen sich erdreisten dürfen, die Dinge gelassen zu prüfen? Welcher„ungeheuerliche Ein- griff in die patriarchalische Würde. Vielleicht müssen die Arbeiter noch einen Lehrkursus im freundlichen Umgang mit dem Patriarchen durchmachen, bis sie lächeln können, gemiitlich lächeln und immer lächeln, wenn sie die Gnade des Patriarchen be- scheint. Zur müden Stimmung in der Bürgerschaft will es sehr gut passen, daß man so schwächlich nur regiert, wo es um Fragen von Menschlichkeit und Rechtsbewußtsein sich handelt. Wo Vcrzweiflungs- thaten, wie die That des Histermann, der sich und seine Kinder entleibte, möglich sind, da miißte es in der Gemeinschaft zu lebhafterer Energie kommen. Was ist denn mit einer und der widern sensationell anfgedonnerten Zeitungsnotiz gethan? Man zuckt mit den Achseln und seufzt: Ach ja, das Großstadtelend ist schrecklich. Damit ist das sogenannte Gemüt befreit. m:d befriedigt. Wenn man statt der andächtigen Er- gebenheit in den großstädtischen Jammer lieber auf Abwehr der ungeeigneten Verhältnisse in privativohlthätigen Vereinen und in der Armenvcrwaltung bedacht wäre. Wenn man den taugliche» Verstand statt der verschwommenen Gefühle anstrengen wollte. So un- zureichend unsere gegenwärtigen Wohlthätigkcitssyftemc sein müssen, so wenig Maß, Einheit und große Uebersicht naturgemäß die verschiedenen Privatvereine untereinander erzielen können: Selbst unter den jetzigen Bedingungen müßte die Arbeit zweckdienlicher gethan werden können. Das ungeheuerliche Elend, wie es zur Wahnfinnsthat getrieben hat, dies himmelschreiende durfte nicht unbeachtet bleiben. Ja, es giebt Existenzen genug, die in der Großstadt irgendwo verwesen wie die einsamen Hunde. Das stimmt aber nicht für das Trauerspiel des Histermann, ans dessen Unglück man ja aufmerksam geworden war. der nach schablonenhafter Form eine Armenuntcrstützung empfing. Er war keiner von den gänzlich Unbeachteten, oder von jenen Lumpenproletariern, die sich scheuen, in irgend ivelcher Forin auf sich aufmerksam zu machen, über sich nachforschen zu lassen. Er hatte ehrlich gearbeitet, so lange er nur konnte und hatte nickts zu verbergen; und dennoch war dies grauenhafte Ende möglich und nicht bloß den Tod des Verzweifelten, auch die Vernichtung zweier kindlicher Lebewesen nahm die Gesellschaft auf sich. Wenn mau das Phlegma solchen Erscheinungen gegenüber mit der Aufgeregtheit vergleicht, mit der man beispielsweise einem der letzt geführten Kriminalprozesse folgte, man Ivird an eine vcrlchrte Welt erinnert. Um einer vermeintlichen Sensation willen geht das Publikum nicht auf den wahren Inhalt ein. Wo kriminali- stischcr Eifer, der sich doch auch einmal mit Glanz bc- währen möchte, auf so dürftigem Fundament seinen Beweis aufbauen möchte, wo man dann einen der langwierigsten Prozesse durchführt, da macht man zwar nicht die Köpfe stutzig, denen jedes Sensationsmittel billig ist; aber die anderen fragen sich, ivarum der ungeheure Aufwand? Rechtssucher müssen peinlich strenge gegen sich sein; ein Kriminalfall um Tod und Leben ist eine unheimlich ernste Sache, selbst Ivo es sich um einen Guthmann handelt. Den vielen Anzeichen von Müdigkeit soll junge Energie cnt- gcgenstehcn. Möge sie denn auch von der diesjährigen Maifeier uns die Gemüter mit Wänne erfüllen. Viele Versäumnisse, viel Grämlich-Alterndes erwarten Besserung und verjüngte Art vom jung-aufstrebenden Proletariat. Sei jeder erste Mai ein Gelöbnis mehr, dessen eingedenk zu bleiben.— Alpha. Kleines Feuillekon. Mit de» Hexe» wollte ich nur einmal im Leben etwas zu thun haben, vor langen Jahren, am Abend vor dem 1. Mai. In der Gegend, wo man mich damals in der Arbeit hatte— mit dem ABC, dem Einmaleins und viel, recht viel Religion— galt der 1. Mai noch als Banernfeiertag. Also hatte man es am Abend vorher nicht so eilig mit dem Jns-Nest-Kriechcn. Die Vorftende war schon munter und die Lust, die in Aussicht stehende Rache giebt. Am Walpurgisabend zahlte man in Generalabrechnung den Hexen all die Bosheiten zurück, die sie im Laufe des Jahres ausgeübt: die Hexen wurden„ausgeplatzt". Nicht mit gewöhnlichen Peitschen und Geiseln, das hätte nur ein unregelmäßiges Gefitze gegebe» und gar keine Feierlichkeit verraten. Als die Sonne hinab war, stelzte der Grobknecht des Mertelbaner mit einem doppeltlange» Drischel- stecken, um den ein funkelncuer Strick sich schlang, durchs Dorf, die Lehne hinauf. Ilm sich hatte er alles Halb- und Ganz- erwachsene, soweit es in Hosen steckte und lcdig war; einige Buben waren auch dabei, aber das war eine Vergünstigung und lieb aus Protektion schlieben. Wie eine grobe, weihe Kugel lag das Dorf zu unseren Fühen, nur der Kirchturm stach aus dein Blust der Birn- und Kirschbäume. Und nun wickelte unser Sachverständiger und„Vorplatzer" langsam seinen Strick ab. War das ein Ding l So etwas langes giebl's heutzutage gar nicht niehr! Breit stellte sich der Stelzbeinige hin, mit beiden Händen fahte er die Stange, ein Ausholen dann, daß der Strick wagrccht in der Luft stand, und jetzt ging's los. Klatsch I... Klatsch I Jedesmal ein Knall wie ein Pistolenschub, und in ganz gleichen Zwischenräume» kehrte er wieder. Und gar nicht müde schien der Lange zu werden. Endlich hatte er doch genug: er warf den Kopf, ein anderer griff zwischen seine Hände, ohne Unterbrechung rollten die Knallcr... Es„mannelte", das Zwiclich war da. Und jetzt stichen mich Bubenstolz und Buben- trotz und Verwogenheit. Der und der hatte schon„geplatzt" und ich?... Gerade als der Arbeitende das Zeichen der Ablösung geben wollte, griff ich zu. Ja aber die Kraft! Nichts war's!... Der Strick sing einen der Umstehenden; der kollerte, ich hielt fest an dem Drischelstecken mit beiden Händen, stemmte ihn gegen den Boden. Auf einmal gab» einen Schneller, in schönem Bogen erst, dann in unregelmähigem Rollen gingS � den Berg hinab. Bald war der andere voran, bald ick, der Stecken immer in der Mitten; er vertapste uns nicht schlecht. Der uner- wartete Abschlnb der Feier schien den Unbctroficncn nicht zu mih- fallen. Es kam mir wenigstens so vor, als ich ihre lauten Aenherungen hörte. Von mir kann ich nicht dasselbe sagen. Da fehlte da ein Stück Haut, und dort langte es auch nicht mehr. Etlvas hatte ich hinzubekommen: einen langen Schlitz; der ging von unten an bis oben, wo die Hosen aufhören. Der Beinling flatterte. Und das ist ein schwerer Schaden und der helle Jammer für einen, der in der Fremde ist.— — Ucbcr weitere Ergebnisse der dentschc» Ticfsee-Expe- dition, die in diesen Tagen wieder in Hamburg eintreffen ivird, sind von dem Leiter, Professor C h u n, Mitteilungen eingegangen, die im „Reichsanzeiger" veröffentlicht werden. Sie umfassen die Arbeiten der Erpcdition in der Zeit vom 22. Januar bis 12. März d, I. Auf der Fahrt längs der Westküste Sumatras bis zu den Nilobaren war die Ausbeute wegen der erstaunlichen Ueppigkeit, die in der Eritlvicke- lung pflanzlichen und tierischen Lebens von der Ober- fläche bis aus den Meeresboden in dein befahrenen Becken herrscht, für die Botaniker und. Zoologen sehr ergiebig.„Die niederen pflanz- lichen Organismen," sagt Chnn,„wie Diatomeen nndOscillaricn, ver- färben oftlgrobeStreckenjdcsObcrflächenwassers und wuchern so reichlich, dah unsere Netze bislvcilen von einem dicken Brei derselben erfüllt waren. Da die abgestorbenen Reste dieser unter der Einwirkung des Sonnen- lichts an der Oberfläche produzierten organischen Substanz massenhaft in die Tiefe sinken, so tritt sotvohl die flottierende pclagischc, wie nament- lich auch die auf dem Grund angesiedelte Ticfenfauna in einer geradezu erstannlichen Ueppigkeit auf. Während der Fahrt der „Valdivia" haben wir nirgends— auch nicht im antarktischen Gebiet — ähnlich ergebnisreiche Drcdschzllge ausgeführt, wie an der West- küste von Sumatra. Prächtige neue Fornien von Fischen, Mollusken sunter diesen ei» tadellos erhaltenes Exemplar des nur von wenigen Expeditionen erbeuteten Tintensisches Spirula), Krnstaceen und Glasschwännncn füllten die Netze, und der Reichtum an Ticfsee-Organismen war bei einzelnen Fängen ein so großer, daß wir ihn nur schwer zu bewältigen vermochten." Auf der Fahrt»ach den Korallenatollcn der Malediven- und Gagos-Jnseln wurden zur genaueren Er- forschung des noch unbekannten Bodenrcliefs täglich Lotungen vor- genommen. Besondere Aufnierksamkeit lvurde auf die Relief- Verhältnisse des Ticssce-Grundcs in der Umgebung der Karallcn- riffe gewendet. Sehr ergebnisreich gestaltete» sich ans diesem Wege die Fänge mit den große» Vertikalnctzen aus Seidengaze, die in wechselnde Tiefen— meist zlvische» 2000 und 3000 Meter— herabgelassen wurden. Sie lieferten eine Fülle kleinster, aber auch gar manche, durch ihren eigenartigen Bau fesselnde, große. Organismen. Wiederum waren es die schwarzen, mit Leuchtorgancn ausgestatteten Tieffee-Fische, die in verschiedenen neue» Typen besonderes Interesse erregten. Der Bau ihrer bisweilen tcleskopartig umgeformten und lvcit vor- geschobenen oder gelegentlich auf langen Stielen befestigte» Augen gestaltet sie zu höchst bizarren Formen. Ein ähnliches, bisher nn- bekannt gebliebenes KonstruktionSprineip der Augen, das im wesentlichen wieder auf einer leleskopartigen Umformung derselben beruht, vermochten Chun und seine Mitarbeiter bei verschiedenen pelagischcn Tintenfischen tLtepbkllopvtien) nachzuweisen, die gleichfalls in manchen eigenartigen neuen Formen erbeutet wurden. Ungemein reich ist der Zuwachs an Kenntnissen von Mollusken, Crustaceen, Würmern, See- walze»(Pelagothuria), Medusen. Schwimmpolypen und Urtieren, den die ausgiebige Verwendung der Vertikalnetze brachte. Gerade in dieser Hinsicht hat die Expedition einen Vorsprung vor den früheren Tieffee- Expeditionen gewonnen. Von besonderem Interesse sind die Unter- suchungen mit den Schließnctzen, die in der Form von Stufe nsängen unternommen wurde», um über die vertikale Verbreitung des organischen Lebens in der Tiefsee und über die »ntere Grenze pflanzlichen Lebens im freien Ocean Anffchlntz zn gewinnen. Es erwies sich als zlvecknmßig, an derselben Stelle eine größere Zahl von Stusenfängen zu veranstalten. In Bezug auf die Menge an lebendiger organischer Substanz lassen sich die Wasser- schichten in drei Etagen gliedern. Die oberste Etage reicht bis zn 80 Meter hinab und ist dadurch charafterisicrt.daß in ihr die nicdercn pfla nz- lichen Organismen unter dem Einflüsse des Sonnenlichts üppig gedeihen und durch Assimilation ihren Leib aufbauen. Die zweite Etage reicht von 80 Meter bis zu etwa 350 Meter. Sie ist dadurch charakterisiert, daß in ihr nur ganz wenig pflanzliche Organismen (ganz unabhängig von den verschiedenen dort obwaltenden Temperaturen) ihre Existenzbedingungen finden. Diese„Schattenflora" setzt sich aus einigen Diatomeengattungen(Planlctonislls, Asterornphalus, Coscinodiscus) und ans der kngligcn Algengattung Halospbaera zusammen. Unterhalb 850 Meter bis zum Gruud ver- mögen keine pflanzlichen Organismen zu existieren; sie zeigen stets deutliche Spuren des Zerfalls, der sich zunächst in einer abnormen Anhäufung von Chromatophorcn und Stärkekönicrir knndgiebt. Da indessen die pflanzlichen Reste mit mehr oder minder zcr- setztem Inhalt niasienhaft niedersinken, so erklärt es sich, daß in diesen dunkelcn Regionen noch eine reiche Lcbelvelt tierischer Organisnien austritt, von denen kleine Krnstaceen(Copapodcn, Ostralodcn) und Radiolarien(Challengeriden) lebend bis in die größten untersuchten Tiefen von 5000 Metern nachgewiesen wurden. Auf Praslin(Seychellcn)erhiclt die deutsche Expedition alle in botanischer Hinsicht interessanten Teile der Dodoicea Soycsiellarnin, der berühmtesten aller Palmen. Die zoologischen Sammlungen wurden auf den Seychellen durch mehrere seltene Vogelarten, die mir ans einzelnen Scychcllen-Jnseln vorkommen, bereichert. Von ganz be- soliderem Wette sind vier große lebende Exemplare der nur noch auf Aldabra vorkommenden Elefanten-Schildkröten. Unter ihnen be- findet sich ein mehr als hundertjähriges Exemplar von außerordent- lichen Dimensionen.— Kunst. -Id. D e g a s. Von Max L i e b e r n: a n n. Mit f ü» f Tafeln und zwei Abbildungen iin Text. Verlin. Bruno und Paul Cassircr.— Wenn Künstler wie Liebermann zur Feder greifen, um über einen anderen ihres Fachs zu schreiben, so wird man das, was sie an ihm zu rühmen wifsen, mindestens ebenso sehr als Beitrag zur Charakteristik ihrer eigenen Kunst nehmen können. Degas', des Franzosen, Kunst hat in der Vollendung, was Lieber- mann mit so tiefem, künstlcrifchcm Ernst zu erreichen strebt. Einfach und unmittelbar sein, wirken wie die Natur selbst, das ist es, ivas er am schärfftcn an Degas' Kunst hervorhebt.„Er findet das Gold, das ans der Straße liegt.' Alles ist bei ihm Intuition, daher der plötzliche, unmittelbare, schlagende Eindnick." Von einer allgemeinen Charak- tettstik der Ziele der Impressionisten— an ihrer Spitze Manct— geht Liebermann aus: wie fie wieder unbefangen an die Natur herantraten und sie genau so malten, wie sie ihnen erschien. Degas ist ihm der Vollender in dieser Bewegung; er hat fie zu einem neuen, ihr eigenen Stil gefühtt. Seine Bilder wirken wie Moment- aufnahine», ivic ein völlig migesuchtcr Ausschnitt ans der Natur, oft auch willkürlich, indem scheinbar wichtige Stücke durch den Rand einfach weggeschnitten sind. und doch steckt in dieser Art der Komposiiion die höchste Kunst; die Farben sind äußerst raffiniert so angeordnet, wie sie auch dekorativ am Wirt» sämstcn sind, die nur auf Charakteristik gehende Zeichnung ist mit eine»! so sicheren Gefühl dein Rahmen eingefügt, daß das Bild durchaus in sich geschloffen lvirkt. Das Inhaltliche fällt für eine Charaltcristil dieser Kunst eigentlich ganz fort. Mit Vorliebe wählt Degas seine Motive ans dem Leben der Balletcnsen und aus der Theatcrlvclt, die er in einer rücksichtslosen, die ganze Oede und das Abstoßende des Treibens schonungslos enthüllenden Weise schildert. Vielleicht hätte ein anderer inchr noch als Liebennann von der Schönheit der Farbe in Degas' Bildern gesprochen, der nichts in der modernen Malerei an die Seite gesetzt werden kann.— Lieber- manns Art zu schreiben ist anziehend durch den frischen persönlichen Ton. Er scheut auch Scitenhicbe auf die Akademie und die Akade- nciker nicht, deren Kunst gemeinhin allerdings das gerade Gegenteil der Dcgas'schen ist. Da» kleine Werk wird besonders wertvoll durch die Beilagen, die gute Reproduktionen Dega» scher Bilder geben. Geht diesen auch nnturgcmöß der Reiz der Farbe ab, sie kennzeichnen um so schärfer die Kunst der Zeichnung und der Komposition, von der Liebermann so ausführlich spricht.— Kunstgetverbe. — lieber die Lieblingsblumen in ihrer Ver- Wendung für die d c k o r a t i v e K u n st sprach Pazanrek im Verein für deutsches Kunstgewerbe. Nach einem Bericht der „Voss. Ztg." führte er etwa folgendes aus: Die Bedeutung der Blumen hängt eng mit den Anschauungen des Volkes zusammen, mit denen Maler und Bildhauer zu rechnen haben. Die in den Ornamenten zu benutzenden Motive dürfen iveder den zu gewöhn- lichen, noch auch den zn seltenen Pflanzen entlehnt sein. Eine ge- wisse Antipathie spricht gegen die Anwendung giftiger Pflanzen; eine Art von Sympathie dagegen, die mit guten Eigenschaften zu- sanimenhängt, für den Gebranch bestinnuter Formen. Maß- gebend wirken dabei oft kulturgeschichtliche, mythologische und religiöse Gesichtspunkte mit, die dem Lotos beispielslveise lvie der Palme, der Lilie und dem Mohn von jeher eine erste Stelle in der Kunst angewiesen haben. Bei anderen Gebilden, wie bei dem vierblättengen Klee, ist mit dem Volk?- glcmben zu rechnen. Bei der dekorativen Malerei ist in dielen Fällen naturgemäß die Farbe fiir die Wahl eines Pflanzenniotivs mitentscheidend. Au den einzelnen Formen übergehend, erwähnte der Vortragende noch die heraldischen Blumen, die wie die Lilie im Wappen von Florenz seit Jahrhunderten immer wieder verwertet wird; neben ihr kommt— ohne die ältesten Zeiten heran- zuziehen— die Rose in den verschiedensten Bildungen vor. Die Zweckbestimmung eines Gegenstandes wird vielfach bei der Wahl einer Dekoration zu berücksichtigen sein, so daß man beispielsweise Haselstrauch nicht gerade zum Schmuck von Gläsern heranziehen wird. In der älteren Kunst überrascht uns die viel- gestaltige Dehandlrmg der Lotosblrmre, der Cypresie, der Myrthe, danu des Akanthus und der Palme, während die Japaner vor- wiegend Kirschen, Begonien, Molven und Chrysanthemum, meist in Verbindung nnt symbolischen Tieren, verwenden. In der deutschen Knust kommt schon zur gothijchen Zeit die heimische Flora zu Ehren: Kresse, Rhabarber, Pcterfilie und andere Pflanzen lverden mit Vorliebe nachgebildet. Neben Lavendel, Minze und Rosen dient der Granatapfel als symbolisches Zeichen. Auch Weinlaub findet� sich geschickt in große Rankenfricse eingeflochtcn. Der Redner vcNveiltc länger bei der Symbolik der Lilie rurd Rose, welch letztere nachher durch die Freimaurer und Roscnkrcuzcr abermals zu Bcdcutrmg gelangte. Zu beachten ist das Eindringen neuer ausländischen Pflanzen in unsere Kunst, so der ArianaSblnte, die 1514 zum erstenmal an den spanischen Hof kam. Im sechzehnten Jahrhundert folgt dann eben- falls die Sonnenblume.— Kulturgeschichtliches. gk. Woher stammt unsere Decimalrechnung? Man ist henle im allgemeinen der Anficht, daß unsere Decimal- rechinmg ans die Araber zurückzuführen ist. Der französischc Forscher Astier hat mm kürzlich auf dem Kongreß der Gelehrten Gesellschaften in Toulouse eine neue Theorie vorgetragen, nach der der Ursprung der Decimalrechnung sckion bei den Babylon iern zu suchen ist. Zun, Beweis führte Astier eine Rechentafel lAbucns) an, die bis jetzt noch von keinem Mathematiker oder Lexikographen des Alter- mnis beachtet worden ist. Sie ist durch einen Gelehrten der Rrnaisianceze't Psicrius Lalerianns Bolsani erhalten und befindet sich in Bolsl.us„De suciis Egyptiorum litteris." Die Ziffern dieses Mmeus stimmen ganz nnt den kuuei formen Buchstaben der Inschriften von Ninive und Babylon überein. so daß der chatdäische Ursprung des Abacus unzweifelhaft scheint. Wir finden hier den Gebrauch von 9 Ziffern fl— 9), während uuui für die Null besondere Kolumnen gebraucht. Liest man links »ach rechts, so ergicbt sich ganz deutlich eine deeimale Progression. Die Decnnakrechrnmg miß also den Babyloniern seit den ältesten Zeiten schon dclanut gewesen sein, und man kann vermuten, daß sie sie überhaupt erfunden habe». Astier glaubt nicht, daß unsere Ziffern, wenigstens in ihrer heutigen Gestalt, chaldäffchen Ursprungs sind, aber er dehanptel, daß das Komma, das schon im Zahlensystem der Griechen verwandt wurde, und heute in unserer Dezimal- rcchinmg gebraucht>mrd. sich ans das primitive System der keil- förmigen Ziffern zurückführen läßt. Astier weist auch ans die Statue des alten chaldäischen Königs Gondea im Lonvre hin, der iu seine» Händen einen Kompaß hält und auf den Knieen eine viereckige Platte, die mit dem Abacus Aehnlichkeft hat.— Authropologisches. •*. Da» Mongolen au g e behandelte G. Abclsdorff in einem Vortrage in der ophthalmolögischen Gesellschaft, der� sich nnt den Augaibesimden bei Malayen, Riougole» und Negern beschäftigte. Wie der„Globus" den Berichten dieser Gesellschaft entnimmt, ist der Scbi erstand des Mongolenmigrö in der Regel nur ein schewbarcr, der äußere Augenwinkel steht nicht höher als der innere, sondern das eigentümliche Aussehen wird, wie bereits mehrere Forscher betont habe», vor allem dadurch hervorgerufen, daß am oberen Augen lidc oberhalb des freien Lidrandes diesem parallel vom äußeren zum inneren Augenwinkel eine Fakte iu der Weise verläuft, daß fie über den Lidrand herabhängt und die Ikriprnngsstclle der Ailgcniviinpern und diese selbst halb verdeckt. Am mneren Angenivinkcl verläuft sie halb- mondförmig nach dem unteren Lide und verstreicht in der oberen Warrgenharit, so daß der imiere Augenwinkel halbkreisförmig er- scheint und die Brauenwarz« entweder ganz oder doch zum größten Teil verdeckt wird. Auch bei Javanern, welche als Malayen in der lörperlichen Bildung den Mongolen von den übrigen Menschenrassen ivobi ain nächsten stehen, waren nach AbelSdorst einige ausgezeichnete Beistriele des mongolffchen AugentypuS vsrhrmden. Allerdings sah der Bmaffer hier auch wirkliche Schiefheit der Lidspallni, indem der » ißcre Angeowiickel höher als der iimcre stand.— Ans dem Pfla»zenlebcn. — Ein n ng e w ö h nli ch er Pflauzenbastard wird von Eh. Randiu beschrieben. Er wurde von dem englffchen Pslanzeit- züchtvr Sä. Mitten durch Kreuzung zweier verschiedeucr Glockenblumen- Arten«�umparmls. isopbyUs mid C. fragili«) gezogen und bietet die EigeUtiinviichtcit, daß er nicht nur keine Mittelfann der gekreuzten «neu bildet, sondern sciucr gmlzcu Blüteubildung nach eigentlich nicht mehr in der Gattung Ovmpanul». ja in der Familie der Canqmmüaceeu überhaupt nicht mehr Platz findet. Die GlockeriWiitl» haben bckamitLch cincii»mterhalb der Blüte BerintttvorNtcher Rrdactem: August Jacodcy m Bcr sichenden Frnchtknoten. der von fünf Kelchzipscln überragt wirb. eine einblättrige Krone und ftiiif freie Staubgefäße, die einen Griffel mit dreiteiliger Narbe umringen. Häufig erscheint der eine oder der andere dieser Blütenkreise verdoppelt, man kultiviert sogar Gartcnformen mit drei- bis fimffacher Krone; aber die sonstige Anordnung der Blütenteile ändert fast niemals ab. Bei dem Mftten- schen Bastard erscheint der Typus dagegen auffällig ver- wandelt. Der Kelch hat sich in einen Quirl von fünf ge- stielten Blättern mit langem Saum, wirklichen Blätter« gleichend, verwandelt, und inmitten der mrveränderten Krone mit den fünf Staubgefäßen steht der völlig freie Fruchtknoten. ganz wie der einer Lilie oder Tulpe. Der shsiemattsche Botaniker wird geneigt sein, diesen: Mischling das Recht zu bestteiteu. den ihm von Mitten beigelegten Namen Campanula Belchünana zu führen. denn der nntcrständige, Kelch und Blume ttagcnde Fruchtknoten ist ein Hauptmerkmal aller Campannlaeeen. Wie ist diese Abänderung zu erklären? Soll man den Rückschlag herbeiziehen und dieser Theorie zu Liebe annehmen, daß die Canrpmmlaceen durch Ber- ivachftuig von Kelch und Fruchtknoten aus einer Gruppe nnt ober- ständiZem Fruchtknoten entstanden seien?— �Prometheus".) Astronomisches. ar. Ein größererSonncnfleckist, stne der Astronom Berbcrich in der.Natmlvissemchoftlichen Rundschau" mitteilt, kürzlich beobachtet worden, nachdem seit November 1898 aus der Sonnenoberfläche fast völlige Ruhe geherrscht hatte, so daß man denken komtte. daß die Ntiriimumphase des Mecken Phänomens eingetreten sei. Zur Zeit, als der nenr Fleck durch den Mittelmeridian der Sonnen- scheide hindurchging, wurde Volt den magnetffchen Apparaten des Observatoriums Kcw eine leichte Störung verzeichnet. Au dem Fleck find, tvie schon öfter in früheren Fällen, merkwürdige Wirbel- bewegungen beobachtet worden.— Humoristisches. — Beruhigend. Frau(ffleij der Suche nach einer Sommenvohilintg);. Und können meine Buben auch im Klnffe baden 2" Bauer:„Freili', so viel f wollen!" Frau:„Ich ineine, ob es nicht gefährlich ist?" B a«l c r:„Gefährlich? O»a, guä' Frau! Da muß sich ein'S schon recht gut auskenna. weusts im Aubach ersaufen will!"— --- Furchtbare Drohung. A. sder sich mit einem Sonntagsjäger gexarckt):„Warte» Sie nur. wenn Sie wieder aus die Jagd gehen, komm' ich auch hinaus und— schau' Ihnen zu!"— — Gelungene Kur. A.t. Wie. Sie haben c? erreicht, daß die Frau Amtsrichter wieder ihre Sprache erlangt hat?" Sanitätsrat:„Ja! Ich Hab' ihr gesagt, ich wüßte ein Geheimnis!"—(„Flieg. Bl") Notiz e». — Die Vorsteltmig voll Shakespeares„Troilns und Cressida" im„Theater des Westens", welch« dir „Historisch-SRoderuen Fcsrspicle" am 7. Mai(mittags 12 Uhu geben. wird eine technische Rcurrung fiir Berlin biete». Es wird nach Art der Shakesvearezeit gespielt lverden, und zwar in der Weise, wie mau bei Hose in Whitchall derartige Werke aufführte.— — Siegfried Wagners„Bärenhäuter" ist für die nächste Saffou vom' Berliner Opernhaus onge- nomine,,.— — G e r h a r t H a n v t m n n n s„ V ersn nken e G l e cke' ist von dcmLeipzigcrUniversiiärs-Mnfitdirettor Heinrich Zöllner in Leipzig zu einem ftinsakligei, Musikdrama verarbeitet worden. Das Werk wird in nächster Zeit im Verlage von Breitkopf u. Härtel erschemcn.— — Die Berliner S e c e s s i o n hat den Van ihres A n S- st e l l n ri g s g« b äu d es so gefördert, daß er bereits unter Dach gebracht ist. Das erste Gemälde ist bereits eingeliefert worden, es ist ein Werk B ö ck l i n S„Die Cimbernschlacht". Die Ausstellung wird bestimmt Mitte Mai eröffnet werdeir. ES wird nur ein illustrierter Katalog ansgegebcii.— c. E i n wertvolles Geschenk hat das kunstgewerl'liche Milsemu bei der Sttogauotvschen Celttralschntc für technischi» Zeichneu zu Moskau erhalten. ES ist eine im Laufe vieler Jahre zu- sammengevrachtc Sammlung von Stoffen, Bronzen, Elsenbein- Er- zcugnisicn. Porzellan, Keramik aus Japan, Siom und Indien. die'üv 900 Stücke enthält und in ihrem Wette ans Über eine Million Rubel geschätzt wird.— — Die ö st r e i ch i s ch c Marine hataufdcm A d r i a t ischen Meere Brriuchr mit drahtloser Telegraphie gemackt. Es gelang über See bis 15 Kilometer eine ansgezeichne,« Ver- ständigimg. Dagegen mißlangen Versuche auf Land, wo sich schon bei 8 bis 4 Kilometern große Schtmettgkeiten ergaben.— — Räch einer amtlichen Schätzung sind im Sommer und Herbst des JahreS 1898 schon S Millionen Doppel- centner si birischen Getreides nach dem«uro pä ischen Rußland befördert worden,_ in. Druck und Verlag von ZTkax Babing in Berlin.