Interhallungsblatt des Worwärts Nr. 89. Sonntag, den 7. Mai. 1899 Mlichdrmk verboten.) 24] Vev S�ttldige? Roman von Hector Malot. Als sie den Gang durch die beiden Zimmer gemacht hatten, öffnete sie einen Wandschrank: auf einem Brett stand eine Flasche Champagner. Mineralivasser, eine Büchse Sardinen, Konserven, eine Pastete, Brot, Kuchen, Früchte. „Was ist das?" frug er. „Unser kleines Abendbrot. Glaubst Du, daß ich Dich wieder fortgehen lasse? Wenn man nnch um sieben Uhr zum Essen rufen wird, so antworte ich nicht. So wird man glauben, daß ich ausgegangen sei. Dil bist von der Rue des Faulx eingetreten, morgen wirst Du durch die Thür, die in die Nue de l'Epoe mündet, fortgehen, wo es keinen Concierge giebt. Sei ganz ruhig, es ist keine Gefahr Vorhanden! Deine Frau wird nicht bloßgestellt werden." Sie sprach die letzten Worte in einem lustigen, scherz- haften Tone, aber der sie begleitende Blick war ernst und beivegt. „Wann speisen wir?" Ihr Herz hüpfte vor Freude, aber sie ließ sich nichts merken. „Wann Du willst!" Erst bei einbrechender Dunkelheit setzten sie sich zu Tisch, denn da sie für abwesend gehalten wurde, so durfte keine Kerze angezündet werden; sie mußten also den letzten Tages- schimmer benutzen, um wenigstens ungefähr unterscheiden zu können, was sie aßen. Sie war auf diesen Einfall nicht nur aus dem Wunsche gekommen, das Vergnügen dieses' kleinen Abendessens zu ge- . nießen, sondern auch, weil man bei Tische eher plaudert und weil sie ein lebhaftes Interesse daran hatte, zu beobachten, welche Worte ausgetauscht würden, wen» sie einander gegenüber geistiger, freier, unabhängiger wären, als in den Stunden der zärtlichen Stelldicheins. Getreil ihrer Gewohnheit, alles, was sie beunruhigte, frei- mutig zur Sprache zu bringen, fing sie, sobald sie sich zu Tisch gesetzt hatten, an: „Du wirst wohl nicht als möglich gelten lassen, daß es zwischen uns geschäftliche Fragen geben könne, und dennoch müssen solche erörtert werden. Ich denke, daß es das beste ist, wenn Du sie mit meinem Onkel Bcnoit verhandelst. Nur wirst Du, da ich nicht will, daß Du unter seiner Schfruiheit leidest, gegen die Du Dich doch, in der Lage, die Dir unsere Liebe geschaffen hat, nicht selbst verteidigen könntest, einen Notar zu Hilfe nehmen, und beide werden den Preis des Bureaus sowie die Verkaufsbedingnngen bestimmen. Was sagst Du dazu?" „Ich biil ganz damit einverstanden." Und das war alles: der Name Courtehensc wurde nicht einmal ausgesprochen, keine Anspielung auf seinen Tod, selbst nicht auf seine Krankheit gemacht. Uebrigens hatten sie sich tausend andere Dinge mitzuteilen, die sich auf ihre Lippen drängten und von denen die wichtigste war, ihre Zusammenkünfte zu ordnen, denn es der- stand sich von selbst, daß sie sich in diesem Hanse nicht ein zweites Mal treffen konnten. Mit ihrem erfinderischen Geiste hatte sie schon alles vor- bereitet. In einem Hause einer kleinen Straße, die von der Nile de Cyamps-des-Oiscaux nach der Rue de l'Avalasse führte, nahe bei dem Bahnhofe der Nue Berte, hatte sie eiue kleine Wohnung gefunden, die sie mieten würde. Dort würden sie sich jeden Freitag sehen, ihr Abendessen würde ihnen von den MictSleuten bereitet werden; um Mitternacht würden sie sich trennen, er. um den letzten Zug zu nehmen, sie um in einer Droschke nach der Nue des .Faulx zurückzukehren. Sonntags, wenn die Burcausmnden beendet wären, würden sie sich bei schlechtem Wetter in ihrem Nestchen, bei gutem hingegen auf einem Bahnhof ober oder unterhalb Rouens wiederfinden, um von dort aus Spaziergänge im freien Felde zu unternehmen, wo sie keinen Begegnungen von Leuten ihrer Bekannffchaft ausgesetzt wären: schöne Spaziergänge, die sie als verliebtes Pärchen»lachen könnten, besonders sie, die noch nichts kannte und nirgends gewesen war: in den Wäldern von Roumare, dem Pont de l'Arche, Jumieges, Lyons; und warum sollten sie nicht noch nach Havre und nach den Küstendörfern bis Dieppe fahren? Während vierzehn Monaten wurde dieses Programm ausgeführt, ohne daß jemals von der einen oder der anderen Seite eine Verspätung oder ein Wegbleiben vorgekommen wäre; im Gegenteil: sie fanden sich mit einem solchen Eifer, solcher Treue und Freude ein, daß man wohl sah, wie beide dabei dasselbe Glück empfanden. So gelangten sie ohne einen Tag des Ueberdrusses bis zu dem Augenblick, der für ihre Hochzeit festgesetzt war. Die Unfftände erheischten, daß dieselbe einfach und in aller Stille, nur in Gesellschaft der Trauzeugen und nächsten Verwandten, gefeiert wurde. Letztere waren der Vater von La Vanpalmre und der Onkel Bcnoit. der durch seine Rührung bewies, wie zärtlich er seine liebe Nichte liebte, deren Lob er nicht aufhörte, bald gegen diesen, bald gegen enen mit Thränen im Blick zu verkünden. Nur Turlure, mit der dreifarbigen Schärpe über dem schwarzen Frack, glaubte auf der Bürgenneisterei dieser Ver« bindung die Weihe einiger offiziellen Worte geben zu müssen und stellte die Eigenschaften der Ehegatten, des„hervor- ragenden Rechtsgelehrten", und der„unter allen durch ihre Anmut, verbunden mit den reinsten, häuslichsten Tugenden, bemerkenswerten Gattin" in das gebührende Licht. Ebenso verfehlte Abbe Charles, der der Einsegnung halber von Thuit gekommen war, in seiner kirchlichen Rede nicht, ihnen die Heirat Christi mit seiner Kirche ins Gedächtnis zu rufen und ihnen diese Ehe als ein Beispiel anzubieten, das, gottesfürchtig durchgeführt, ihr Leben läutern und den Segen des Herrn über ihr Haus bringen würde. Endlich, nach einem reichlichen Mittagsmahl, während dessen Gibourdel Mittel gefunden hatte, einem der Zeugen vier' Fasser Acpfelwein aufzubinden, ließ man das Pärchen allein. „Nun brauchen wir nur noch glücklich zu sein," sagte Hortense. „Und wir werden es sein." Zweiter Teil. I. Im Notariatsbureau nimmt jetzt Fauch on den Sessel des Sekretärs ein. Boulnois sitzt immer noch an seiner Kasse. Leon ist entbauert und auf den Posten des zweiten Sekretärs vorgerückt: an seine Stelle ist ein Bursche vom Lande ge- treten, dem er des Sonntags durch seine Eleganz, seine Handschuhe, seinen Spazierstock mit silbernem Griff und seine Lackstiefel imponiert. Neben dem Schreibtische Fauchons endlich steht noch ein Tisch, an welchem ein junger Volontär. Mederic Artaut, sitzt. Dieser kommt um zwölf Uhr, wenn er überhaupt kommt, und geht um vier Uhr wieder weg; in der Zwischenzeit liest er die Zeitungen, schneidet de» neuen Roman auf,, den er sich von Ronen mitgebracht hat, oder macht sich Notizen aus den botanischen oder natnrgcschichtlichcn Werken, die ihm Turlure leiht, mit welchen er bisweilen' derartige Studien treibt. Er ist ein braver, gefälliger Junge, bietet beständig gute Cigarren an und verteilt seine Zeitungen und Romane, so- bald er sie gelesen hat, an die Kollegen. Er vertrügt sich mit allen, selbst mit Boulnois, der vor den dreißigtauscnd Franks Rente der Mutter Artauts und dem schönen Hause, das sie am anderen Ende des Dorfes, auf der Straße nach Elboeuf, inmitten großer Bäume bewohnen, gewaltige Achtung empfindet. Boulnois hatte dieses zwei Jghre lang vergeblich durch das Notariat ausgebotene Haus der Mutter und dem Sohne zu zeigen gehabt und beide, als er ins Bureau zurückkam, nicht genug zu rühinen gewüßt. Höchst anständige Leute, hatte er erzählt,, die Mutter ist die Witwe eines in CochiNchina gestorbenen Kaufmannes; der Sohn hat jüngst sein Freiwilligenexamen beendet und seine Mutter ist so vernarrt in ihn, daß sie während des Dienst- jahres Mamers bewohnte, wo sein Rcginicnt stand; alle Freunde des Sohnes hatten freien Tisch bei ihr. Jetzt will sie nicht mehr in Ronen bleiben, obwohl dort ihre Verwandten leben, sondern wünscht wegen der zartcü Gesundheit des im orientalischen Klima aufgewachsenen Sohnes einen gesunden Landaufenthalt in der Nähe von Waldungen; darum zieht sie hierher nach Oissel, von wo er jeden Morgen nach Rouen fahren kann, um juristischen Unterricht bei einem Advokaten zu nehmen, und des Abends nochmals, um das Theater zu besuchen." „Er ist also ein rechtes Muttersöhnchen." „Ja, man merkt es ihm aber nicht an; er hat ein ganz gewecktes Wesen." Madame Artaut war aufs Bureau gekommen, um den Mietskontrakt zu unterzeichnen, und hatte bei dieser Gelegen- heit an La Vaupaliöre eine Bitte gerichtet, die er beim besten Willen nicht zurückweisen konnte, da sie von so guten Em- pfehlungen unterstützt war. Diese Bitte ging dahin, ihren Sohn als Volontär im Büreau arbeiten zu lassen. Sie er- klärte, sie wisse noch nicht, was sie später aus ihm machen wolle. Jedenfalls keinen Kaufmann; vielleicht aber einen Notar oder Richter, und da wäre es gut, wenn er sich in die juristischen Geschäfte einarbeite. Das Bureau war mit dieser Zusammensetzung keineswegs mehr dasielbe wie zur Zeit von Courteheuse: man arbeitete wohl noch, aber man scherzte doch dabei auch und brauchte nicht zu befürchten, daß der Prinzipal jeden Augenblick mit Schimpstvorten aus seinem Amtszimmer heraustrete. La Vaupaliöre war für seine Schreiber und Sekretäre mehr ein Kamerad, als ein gestrenger Chef. Es genügte ihm, daß die Geschäfte erledigt wurden; im übrigen ließ er jedem seine volle Freiheit. Boulnois profitierte davon, indem er immer so spät als möglich kam und so früh als möglich wegging. Die Veränderungen im Hause waren nicht minder gründlich, als die im Bureau. Zur Zeit von Courteheuse wurden nie Gesellschaften gegeben. Er mochte ebensowenig Leute empfangen, die ihm nicht zusagten, als Leute besuchen, vor denen er sich Zwang hätte auferlegen müssen. Die einzigen Gäste an seinem Tische waren Klienten, und die mußten das ihnen dargebotene Mahl teuer bezahlen. Höflichkeit düntte ihm eine Last, die über seine Kräfte ging, und ein gutes Diner mit jemandem teilen, wenn er es allein verzehren konnte, schien ihm ein Akt größter Thorheit. Ob seine Frau darüber mit ihm derselben Ansicht war, blieb ihm gleich- gülttg; er hatte sie ja seinetwegen, nicht ihretwegen ge- heiratet. Diese Bärcngewohnheiten konnten bei La Vaupaliöre keine Fortsetzung finden. Courteheuse, der Bauernsohn, war Bauer geblieben und hatte sich dabei behaglich geftihlt. La Vaupaliöre hingegen, ein Sohn von Kleinbürgern, im Kollege erzogen, schon mtt zwanzig Jahren im Besitz einer Erbschaft gewesen, -die er in Patts verjubett hatte, war minder pttmittv an Ge- schmack und Bedürfnissen. Der eine war der Bourgeois in der ersten Generatton, dem es genügt, von der hatten Erd- arbett befteit zu sein, und Geld zu verdienen, zu dem bloßen Vergnügen, es anzuhäufen und auf ihm seine Sicherheit auf- zubauen; der andere, schon seit mehreren Generattonen ein Stadtmensch, liebte das Geld nur noch wegen dessen, was man sich dafür verschaffen konnte: Wohlbehagen, Luxus, Schein, Rang, Würde, Befriedigung und Eitelkeit. Sofott nach ihrer Verheiratung hatten Hottense und La Vaupaliöre ihr Haus zum Empfang von Gästen neu her- gettchtet; zwei Kähne schaukelten sich vor dem KioSk auf den Wellen; neben Celanie, welcher die Küche anvettraut blieb, war noch ein Zimmermädchen zur Bedienung bei Tisch an- genommen worden. Diese neue Lebensweise war zwar kostspieliger, aber was lag La Vaupaliöre daran, so lange nur die Ausgaben nicht die Einnahmen übersttegen? Er setzte seinen Ehrgeiz nicht darein, Vermögen anzuhäufen, sondern nur gut. an- genehm, möglichst mühelos zu leben; wie er selbst ettlätte, wollte' er sein Geld nicht in einen Strumpf stecken, sondern es genießen. Während Courteheuse bei seinem Amtsanttttt nur die un- umgänglichsten Besuche gemacht hatte, machte La Vaupaliöre alle, die der Anstand gestattete. Er und seine Frau zeigten sich gleich liebenswürdig und erschöpften sich in Einfällen, wie sie ihre Gäste unterhalten konnten: Wasser- und Waldpattien, Picknicks(ms den Inseln, Dejeuners und Diners im Hause oder im Kiosk. Die Gesellschaften beim Notar waren als Reizend bekannt und man stellte seine Freigebigkeit in vor- teilhasten Vergleich zu dem filzigen Leben, das Couttehcuse 'vesührt.'........(Fortsetzung folgt.) So» ttkötgspln ltdevoi« Nun kann es lustig werden im Haag. Vom Strand zu Scheveningen her fegt die frische Maienluft durch die Stadt und dttnnen walten die züchtigen Friedenshüter ihres Amtes. Sie umbraust der freie Seewind nicht; sie beraten im geheimen bei geschlossenen Thüren und Fenstern. Sie tttppeln um den grünen Tisch im Gänse- marsch einher und flüstern, wie die Wache des Kadi:„Stille, stille, kein Geräusch gemacht I" Denn wie leicht könnte, mdetz der Friedens- homunkel erzeugt wird, der mißgünstige Streit selber aufbrausen. Darum heißt es, fem behutsam auf Socken schleichen und in ge- heimcr Vettchwiegenheit beraten. Man soll den Neid der kttegerischen Genien nicht entfesseln. Oh du dreimal geweihte Friedenskonferenz l Maicnkomödie des Jahrhunderts, das zu Ende geht! Die Herrschasten im Haag sollten sich eine Klasse von Ber- liner Stadtvätern zum Muster nehmen, wenn sie zum Frieden- Brauen auf des Zaren Kommando zusammenkommen. Diese Berliner Stadtbäter beraten nicht erst lang und breit; ihnen ist das selige Fttedenslächeln angeboren. Vor Jahren einmal gab es eine Adolf-Ernst-Posse, in der der Spaßmacher Tielscher den immer vergnügten Chinesen Tsching-tschang spielte. Ticlscher sang ein populär gewordenes Couplet mit dem Kehrreim „Tsching-tschang lacht und nickt." Der Minister hält, wie ein strenger Präzcptor der alten Schule, das Zuchtrütlcin in der Höhe, die Nicht- bestätigung des Oberbürgermeisters; und die gehorsamen Väter? Sie stihle» sich wieder jung und in die selige Schulzeit entrückt. Sie lächeln und nicken. Es ivagt höchstens einer oder der andere vorzu- treten und in demütiger Verlegenheit bei dem Gestrengen anzu- fragen: Was hältst du da in den Händen, mein Lieber? Ist das ein Zuchttntlein und welchen Bosen bedroht es? Beinahe erschrickt man über diese verwegene Frage, dann setzt man stch errötend wieder auf den Platz. Tsching-tschang flacht und nickt. Und min erst das Fricdhofsgitter I Welches Gewicht von „Imponderabilien", von unwägbaren Einflüssen lagette über den sorgenschweren Köpfen der Herren vom Magistrat. Sollen Hader und Kriegstlimult uin ein Gitter von Stein oder Eisen entbrennen? Nein, wir wolle» uns in Ftteden fassen und ausgleichen. Und Herr Kirschner, der unbestätigte, wird seinen sonstigen Gram vergessen und in edler Pose, gleich der Antigone in der Tragödie vorttcten und deklamiren: „Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da". Wir leben im Augenblick wirklich nicht in rauhen, zu Kon« flikten drängenden Tagen. Rur unser grundgüttger Herr v. Stumm, und wohlivollender Patriarch, derpopulärste Mann unter seinen Arbeitern, bleibt eine austechte Säule. Ob's um ihn blitzt und wettert, ob alte Genossen und Freunde von ihm weichen, was schiett es ihn, den antisocialen Kriegsmaiin und Haudegen? Er n»d sein erboster Kempe Herr v. Sardorff fuchlel» mit ihren rostig gewordenen Schwettern in der Lust herum und schreien ein ums andere Mal: „Der Untetthänigkeit eine Gasse. Schützet die Autorität!" Sie werden sich noch heiser schreie», die Aermstcn; und das wäre nicht gut. Denn die überhitzten Ritter sorgen für einige Abwechslung in einer Zeit des ttockcnen Tones, so peinlich strenge sie selbst innner dieselbe Leyer erklingen lassen. Nicht einmal die sensiblere» Pattser sind sonderlich aufgeregt, jetzt gerade, da ihr Parlament wieder zusammenkommt. Die „Affaire", deren Ende noch immer nicht abzusehen ist, hat sie swmpf und müde gemacht; und nicht einmal die Aussicht auf Parlaments- Skandälchen und Sensationen läßt sie regsamer und beweglicher et« schcinem Man duldet das Dreysus- und Militürlciden mit einer Art von fatalistischer Geduld. Ergebene Geduld war sonst den deutschen Schulmeistern gern nach- gesagt worden; und nicht ohne Grund. Wie offenherzig müssen es die junkerlichen Schulstallpolitiker im Abgeordiictenhaus gctticbcn haben, wenn es selbst so frommen Naturen, wie der Lehrerin Lischnewska, die die Mädchen vom Lnndc vor Sodom-Bcrlin dringend lvarnt, zu arg wird? Frl. Lischnewska ist ganz geiviß keine Anfrührett». Sie weist die moralischen Gefahren der Großstadt von sich, wie nur irgend ein Sittenprediger. Sie zeigt nicht einmal bittere Empfindlichkeiten über Anmaßungen, die den gcsainmtcn Lehrer-- stand kränken müssen. Solche Empfindlichkeiten konnten leicht rege werden, wenn man die Tiraden über die Begehrlichkeit der Lehrer anhören mußte, die nicht mehr mit Rind und Sau unter einem Dache leben wollen. Und doch hat Frl. Lischnewska auf den empfindlichsten wunden Punkt hingewiesen. Hart, aber gerecht für die agrattschen Schwärmer, die ihrem landwirtlichen Beruf über alles rühmen. Sic gerade sind es, die im wüstesten VildungShaß ihren eigensten Beruf schädigen. In der Industrie, im Handwerk, bei allen Formen von geistiger Arbeit gilt es heute als selbstverständlich, daß die reicher geschulte und befruchtete Intelligenz auch den Arbeitswett erhöhe. Wer rascher erfaßt, wird tüchttger schaffen, als der Schwerfällige und Beschränkte. Aber im landwirtschaftlichen Beruf soll die Schwer- fälligkeit gerade das eigentümliche Charakteristtsche, die gesunde Solidität, gegenüber der Leichtfüßigkeit von Arbeitern bedenten, die sich unterfangen, ein Ding selbständig und geschickt anzufassen. So rühmt mancher Unterojfizier den aNein seligmachenden Dnll u»d den Kadavergehorsam; so verhartt nmucher Bauer auf der Wirtschaftsweise der Großväter und spottet allem Fottschtttt. aus Trägheit und nicht aus der Kraft,_ die fest auf sich beruht. Selbst wenn man vom qroszstädtischen Bancru- fang und von Schliunnerem predigt und sich darüber ereifert, so sollte man nicht vergessen, daß gerade die geistig unselbständigeren, schwerfälligen Elemente viel leichter sich in bösen großstädtischen Retzen versangen, wenn sie einmal von der Großstadt angezogen werden. Jede halbwegs gewitzte Verlinerin wird leicht manchen Ginipel durchschauen, der für eine bäuerliche.Landflüchtige" unter Uniständen noch eine Gefahr bedeuten kann. Unlustig, wie so vieles jetzt im deutschen und im internationalen Leben, läßt sich unser Maieiiwctter diesmal an. Man kann nicht einmal recht vom grünangestrichenen Vorsommer sprechen, wo Frösteln und Schneewetter sich eingestellt hat. In Berlin inzwischen geht trotzdem alles recht nach dem sommerlichen Fahrplan. Im Zlusstellungspark ist die KimstauSstelInng, der alljährlich wiederkehrende Massenmarkt, eröffnet. Dem wirklich Knnstempfäng- Uchen bereiten diese modernen Ausstcllnngs- Ungetüme Pein; und es wäre wohl möglich, daß die scccssionistische Berliner Richtung hier eimgcrmaßen Ninkchr und Abhilfe anregte. In München ist es durch die strengere Auslese in den Ausstellungen der Secessionisten wenigstens etivas besser gelvorden. Man spottete so oft über das charakteristische Merkmal des Berliner Sommers, die.Bier- und Knnstkneipe mit Militärmusik" draußen in Moabit. Aber die Empfänglichkeit des normalen Menschen ist ivirklich in dem Massengewühl von Statuen und Bildern bald erschöpft, man braucht Erholung im Park. Auch das sommerliche Tingellangel und das Garten-Varistv gehören in der regelmäßig wiederkehrenden Masscnhastigkcit zu den gewohnten Erscheinungen im Berliner Mai. Dem massigen Specia- kitätemvcsen, wie es zur Zeit sich in Berlin entwickelt hat, dienen neuerdings ein paar Theatergebände mehr, wie das Mctropol- Theater im Inner» der Stadt; und das südlvcstliche Bcllealliance- Theater sieht gleicher Zukunft entgegen. Die kolossale Entivickclnng des Variete- Theaters hat mannigfach schon zu denken gegeben. Sie scheint auch das Zeichen einer gewissen Uebermüdmig zn sein. Man will schauen und seine Sinne betäuben lasse». Die erregten, überlasteten Nerve» versagen bei ernsteren Knnstreizcn, die vertiefte Anstncrksamkeit verlangen. Man flüchtet vor neuer An- strengmig und ergiebt sich dem dumpfen, zerstreuenden Spiel dcS Tingeltangels. Hier wird keine Konzentration verlangt. Eine .Nummer" jagt die andere. Jedes feste Band fehlt; die Rücksicht gegen die eigene Umgebung im Saal, wie gegen die Vorgänge ans der Bühne iverden geringer. Man kann rauchen und schwätzen und völlig.ausspannen". Das geistig Zcrflattcrnde des Tingeltangels ist es, das ihm miter den Gennß-Nebersättigstcn, wie den Müden, die nur ans lose Reize reagieren können, so viele Freunde zuführt.— _ Alpha. Kleines Ileuillekian. ar. Den Kraftverbrauch beim Radfahren hat Stabsarzt Dr. Sehrwald in Frcibnrg i. B. im Archiv für Hygiene als Erster physikalisch- mathematisch berechnet. Auf Grund einer' längeren Versuchsreihe kommt er zu folgendem Ergebnis: Die Arbeit beim Radfahren setzt sich zusammen ans der Uebcrwindung der Reibung, der etwas langsamen Steigung, der Trägheit, des Lnftividcrstandes. Die Hauptarbeit wird bei langsamer Fahrt durch die Reibung, bei schucllcrcr durch den Luftwiderstand verursacht. Dieser beträgt bei langsamer Fahrt V30 der übrigen Arbeit, bei schnellster das sieben- facbe und bei aufrechter Körperhaltung, Ivobei die Lnft auf die ca. l/2 Quadratmeter Vorderfläche des Fahrers trifft, sogar das zehn- bis drcizehnfache. Die Schrittmacher übcrtviuden den größten Teil dieses Luft- widerstimdcS nnd nehmen ihrem Fahrer dadurch bis zn 2/s seiner Gesamtarbeit ab. Die Strecke, die jemand zu Fuß ohne Anstrengung zurücklegen kann, erlaubt eine Berechnung der Fahrstrecke, die er sich zumuten darf. Wer das Fahren nicht als Sport treibt, geht am besten über eine Fahrgeschwindigkeit von 4 Meter, eine Fahrstrecke von 40—50 Kilometer in der Ebene pro Tag nnd eine Steigung von 3 Proz. nicht hinaus. Als höchste Tagesleistung darf sich ein nicht trainierter Fahrer ansnahmslveise� bis IM Kilometer gestatten, entsprechend der Tagcsarbcit eines kräftigen Arbeiters von 4L 000 Kilogramm. Die Arbeitsleistung des Fahrers läßt im Laufe der ersten Stunde ganz gclvaltig nnd auch noch in der zlveitcn bis vierten Stunde bedeutend nach, um dann bis zur 24. Stunde gleich- mäßig, aber langsam zu sinken.— — Zur Naturgeschichte des Elefauten bringt I. Lobe Bei- träge aus g r i e ch i> ch e n und r ö m i s ch e n S ch r i f t st e l l e r n, denen der„Globus" folgendes entnimmt: Juvcual nennt Mauretanien und Aethiopien in Afrika, Arabien und Indien in Asien tals Heimat dieser Kolosse,'; Diodor bemerkt, daß die meisten und größten sich in dem zuletzt genannten Lande fänden. Die meisten Elefanten leben wie die längstlcbcnden Menschen; einige bis zu 200 Jahre; nach übertriebenen Schilderungen wird selbst von 500 Jahren gefabelt. Appian stellt die Elefanten in seinem Gedicht von der Jagd an die Spitze der gehörnten Tiere; auch bei anderen alten Schriftstellern kehrt der Brauch wieder, von den Hörnern statt der Zähne bei den Elefanten zu reden. Eßbar sollen nach AelianS Ausführungen nur die Lefzen, der Rüssel und das Innere der Hauzähne sein. Der Elefant scheut vor einer Maus zurück, in ähnlicher Weise vor dem gehörnten Widder, dem Grunzen des Schweines und leuchten- dem Feuer. Eigentliche Feinde besitzt der Elefant kaum außer einigen Schlangen und dem Rhinoceros, das ihn zuweilen angrcist. Sonst soll selbst der Löwe fliehen, wenn er jene Ungetüme heran- nahe» sieht. Keines unter den großen Tieren ist so klug wie der Elefant, sagt Cicero; von der Schnelligkeit einzelner Exemplare finden wir vielfach Belege. In der Sagengeschichte der ältesten orientalischen Völker wird der Elefant überall als Kriegsgenosse er- wähnt. Im Altertum pflegte man auch Elefaiitcnbildcr auf Denkmälern, militärischen Feldzeichen, Münzen usw. anzubringen, und zwar vornehmlich da. wo dieses Tier im Felde gebraucht wurde. Dann hat auch der Elefant einen gelviffen religiösen Sinn; die auf- gehende, als Gottheit gedachte Sonne begrüßt er mit aufgerichtetem Rüffel und er wurde dementsprechend nicht selten selbst Gegenstand der Verehrung.— Kunst. e. Bilderpreise. Im Vergleich zu den außerordentliche» Preise», die in den großen Pariser Geiuälde-Anktionen in diesen Wochen für Bilder von Corot, Pissarro, Jongkind usw. gezahlt werden, ist nachstehende Erinnerung aus dem Künstlerleben der siebziger Jahre recht intereffaut. Sie findet sich in den Briefen von Mauet und Sisleh, die Theodor Turct, der bekannte Sammler von Werken Holusais, wieder aufgefunden und jetzt ver- öffentlicht hat. Im Jahre 1870 lebte in der Rue Laffitte in Paris ein Kunsthändler, der unter dem Namen Vater Martin bekannt war. Der höchste Preis, den er für seine Bilder erzielte, betrug 1000—1500 Frcs. Er hatte entschieden Geschmack und eine feine Spürnase. Als einer der ersten hat er Corot verkauft. Daun hatte er sich, lange Zeit fast als einziger, der damals sehr schivicrigen Aufgabe gewidmet, die Werke Jonglinds in Aufnahme zu bringen. Nachdem ihm dies gelungen war, versuchte er es mit anderen unbekannten Künstlern. Jin Jahre 1870 war er fast der einzige, der den Kunst- liebhabcrn Werke von Pissarro anbot. Er kaufte sie von dem Maler für 40 Frcs. nnd versuchte sie für 80 Frcs. zu verkaufen. Gelang ihm das nicht, dann ging er auch bis auf 00 Frcs. herunter und begnügte sich mit einem Verdienst von 20 Frcs. Diese Werke, die damals Vater Martin zu einem so minimalen Preise losschlug, sind heute die gesuchtesten von Piffaros Werken. Es waren die Land- schaftcn, auf denen lange Wege, die von Bäumen eingefaßt werden, oder kleine Dörfer dargestellt wurden, die schon lange in den besten Bildersammlungen zu finden sind.— Aus der Vorzeit. — In H a n d s ch n h s h e i m bei Heidelberg wurden un- längst gelegentlich der Fortführung der Bergstraße von Neuenheim nach Haudschuhsheim wertvolle A l te r tu m S fu n d e gemacht, die zu den bedeutendstem zählen, was in den letzten Jahren an Aus- grabnngen im Großherzogtum zu Tage gefördert worden ist. Unter Leitung des Assistcutcn an der Karlsruher Altertmnssanunlnna, Prof. Schumacher, wurde ein großer A l e m a n n c n f r i e d h o f bloßgelegt, aus dessen Alter die zum Teil vortrefflich erhaltenen, charakte- ristischcn Beigaben eine» aimähernden Schluß zulassen. Danach wären diese Gräber eitva in das Jahr 400 nach Christo zu verweisen. Interessant ist bei den Beigaben besonders die Mannigfaltigkeit in der Abstufung der einzelnen Gegenstände je»ach Geschlecht, Alter und Rang der Bestatteten. Beachtenswert erscheint hierin besonders der weibliche Schmuck: Perlenketten von ein- fachstenl Thon nnd Glas bis zn kunstvoll bemaltem oder cingeleglem Amethyst und Bernstein; Bronzeschmuck aller Art, namentlich schöne Fibeln, Ohr- und Fingerringe, reiche Gürtclgchänge, bisweilen Stücke mit ornamentaler Zierde, deren Linienführung wohl nach Byzanz weisen dürfte. Nicht ganz den gleichen Ncichtnm zeigten die arrf- gedccktcn Mäimcrgräber, welche vornehmlich Waffen und Spuren kunstvoll gezierter Wehrgchänge enthielten. Die Fundgcgenstände iverden nach eingehender Prüfung durch den Konservator der Alter- tümer der Heidelberger städtischen Kunst- und Altertümcc-Samm- lnng einverleibt werden.— Eine weitere wichtige Ent- deckuug ist von der gleichen Fundstätte zn berichten. Brandspuren, auf die man mitten in dem Gräberfeld stieß, vcranlaßtcn Nach- forschungen, die mit ziemlicher Sicherheit da? Vorhandensein eines prähistorische» Dorfes ans der La-Töne-Periode ergaben. Eine Reibe von Wohngnibe» und Hcrdstätten mit Scherben und andere» Zeugnissen aus vorgeschichtlicher Zeit gestatten wohl den Schluß, daß hier Kelten angesiedelt waren, möglicherweise dieselben Leute, welche sich auf dem nahen Heiligcnberge eine befestigte Zuflnchtssiätte gegründet habe». Damit würden auch die vor einigen Jahren gewonnenen Ergebnisse von dem keltischen Ursprung des dortigen Ringwalls übercmstimmen.— Völkerkunde. — Von den nördlich st en Bewohnern der Erde, den ESIimo des Smith Sundes, ist durch Vermittclung des Museums in New Aork eine intercssaiste Sammlung des bekannten arktischen Reisenden Pcary an das Berliner Museum fürBölker- künde gelangt und jetzt dem Publikum zugänglich gemacht. Bekanntlich hat Grccly. so schreibt man der.National-Zciwng", in Grinnelland bis zum 82. Grad nördlicher Brette Hüttenreste und sonstige Spuren dieser hart nm ihr Leben kämpfenden Ausläufer der Menschheit ge- funden, ohne daß man sagen kann, wann sie dort gelebt haben, und ob etwa Vereisung und lokale Klimaschwankung oder die Schwierigkeit der Lcbcnsmittclbcschaffnng ihren Rückzug veranlaßt haben. Jetzt bezeichnet der 79. Breitengrad die Grenze der Bewohuthcit, und das nördlichste Dorf ist Jta, an den Ufern des Foulkesjord. Auf eine Strecke von etwa drei 356— 'Breitengrüden nach Süden find 230 Individuen verteilt, die durch eine weite Strecke»mbewohnten Gebietes von den übrigen Siede- lungen an der Westküste Grönlands getrennt sind. Pcani trat ans seiner glücklichen Durckiqnerung des ciserfülltcii Innern Grönlands im Jahre 1392/93 und besonders 1894/95 auf seiner letzten un- glücklichen Expedition. die dem gleichen Zwecke in höheren Breiten gewidmet war, wiederholt mit den nördlichsten Eskimo in Be- riihrnng und brachte große ethnographische Sammlungen heim. Eskimo mit ihren Hunden und Schlitten waren teilweise seine Bc- gleiter, und auch gegenwärtig hat er fünf Eskimofamilicn nach seiner Station am Sherard Osborne Fjord mitgenommen, von>vo aus er in diesem Frühjahr nach dem Nordpol vorzudringen gedenkt. Die»mterielle Kultur der Jtaner unterscheidet sich nicht wesentlich von ihren Verwandten, die sich über das ungeheuere Gebiet von der Tschuktschenhalbinsel im äußersten Nordosten Asiens über die ganze Nordküste des amerikanischen Kontinents und die vorgelagerte Insel- tvelt bis Labrador und zur Ostseite Grönlands erstrecken. Männer und Frauen tragen im Winter Wamms und kurze Hosen ans Eis- bär- oder Fnchsfell nebst einem Hemd ans Vogclbälgcii, ebensolchen Strumpfen und langen Rcnnticrsticfeln. Im Sommer treten kurze Seehunds- und Rcnnticrfellklcidcr an ihre Stelle. Die Jacke der verheirateten Frauen hat einen nach hinten herabfallenden Beutel, eine Art Kapuze, in dem sie das Kind trage». Von Waffen ist die typische Harpune n»d der gewaltige Speer vorhanden, erstere mit langem Narvalzahn als Träger der eigentlichen Harpune, mit einer Seehundshant oder einem hautübcrspanutcn Holzrahmen als SchwiMIner. Der Bogen scheint nur in vereinzelten Excmplnrcn nach Norden gewandert zn sein, obwohl das Museum auch einen solchen besitzt, der sehr schön aus Knochen zusammengesetzt ist. Ebenso kommt der bekannte Kayak, das mit Doppelruder getriebene, einsitzige Fellboot, nur noch selten vor. Das Hnuptbcwcgungsmittcl sind Schlitten und Hunde. Fische spielen für den Unterhalt eine geringe Rolle, nnt Ausnahme der Lachse, die mit dem für den Eskimo überhaupt typischen, sehr sinnreich konstruierten LachSspecr er- beutet werden. Angelhaken dagegen, die in Alaska so zahlreich iin Gebranch sind, sind hier nicht vorhanden. Im Frühling verläßt der Eskimo seine dumpfe Schneehütte und baut das Zelt aus zusammen- genähten Rennticrfellcn. Bemerkeusivcrt ist bei dem Zcltgcrüst und sonst der große Mangel an Hölzmaterial. Die häuslichen Geräte, Schnitzereien aus Wallroßzahn n. dgl. m. stimmen init denen ihrer Staunnesvertvandte» weiter im Süden iiberein.— Aus dein Ti erleben. 88. Wölfe in Frankreich. Das französische Landwirt- schaftSministerium veröffentlicht soeben ein Bulletin über die im Jahre 1897 inucrhalb dcS Landes getöteten Wölfe und die dafür �bezahlten Prämien. Es waren nicht ivcuigcr als 139, darunter 4 trächtige Wölfinnen, 94 Wölfe bcziv. nichltrngende Wölfinnen und 421 junge Wölfe. An Prämien wurden 11849 Fr. bezahlt, nämlich 459 Fr. für eine trächtige Wölfin, 199 Fr. für andere erwachsene Wölfe oder Wölfinnen und 49 Fr. für einen jungen Wolf. Die meisten der Raubtiere wurden im Departement der Charcnte erlegt, nämlich 49 in dem einen genannten Jahre, dann folgte das Departement der Dordogne mit 31, der Maas mit 13, der oberen Saone mit 12 usw. Wie cS nicht anders zu erwarten ist, hat sich die Zahl während der letzten 15 Jahre bcttächtlich verringert. Im Jahre 1883 wurden noch 1319 Wölfe getötet und 194 459 Fr. Prämien bezahlt, seitdcin haben sich beide Ziffern beinahe regcl- inäßig. Jahr für Jahr vennindert. Auch die Gefährlichkeit der Tiere �iir den Menschen scheint abgenommen zu haben, und zwar nicht nur mit ihrer Zahl. Für die Töttnig cincS Wolfes, der einen Menschen angegriffen hat, Iverden 299 Fr! Prämie bezahlt, und solcher Fälle kamen 1883 noch 9 vor, während sie sich seitdem nur noch fünfmal wiederholt haben, zum letzten Male im Jahre 189S.— Physikalisches. ie. Eine für die Telegraphie ohne Draht bc- d e u t s a m e N n t e r s u ch n n g hat der Pariser Gelehrte Branly im Verein nnt Gustave Lcbon ausgeführt und der Pariser Akademie der Wissenschaften vorgelegt. Es' sollte das Verhalten elektrischer Wellen mit Bezug auf verschiedene nicht metallische Stoffe festgestellt werden. Besondere Aufmerksamkeit tvurde dabei solchen Snbstauzeu geschenkt, die als Baumaterial zur Verwendung kommen und deren Durchlässigkeit für die elektrischen Wellen bei der Antvendung der Telegraphie ohne Draht innerhalb von Städten von ausschlag- gebender Bcdenttmg sein muß. Nach jenen neueste» Untersuchungen '■wechselt die Durchlässigkeit bei derartigen Stoffen sehr beträchtlich. Am leichtesten werden Sand- und Bausteine von den elektrischen Wellen durchdrungen, während ihnen der Portlandcemcnt einen nahezu vollständigen Widerstand leistet. Ferner nimmt die Durch- kässigkeit begreiflicherweise mit der Dicke der betreffenden Schicht ab, so daß Cemeutwäude von-39 Ccntimetern Dicke der Fortpflanzung l�er Wellen schon bedeutend hinderlich sind, während solche voii ; 49 Centimetern kein besonderes Hindernis darbieten. Endlich sind die Mauern für die Fortpflanznng der elektrischen Wellen um so ■ ungünstiger, je mehr Fcuchttgkcit sie enthalten.— Technisches. — Ei» Konkurrent des Acethlens. Kaum hat sich das unter den Beleuchtungskörpern einen festen Platz errungen Acethlen und eine neue Industrie ins Leben gerufen, da schafft ihm die Wissenschaft schon ciiicn gefährlichen Konkurrenten. Es handelt sich um ein ähnliches Gas, das von seinen Erfindern E t h h l e n getauft Ivorden ist. Bei der Herstellung des Rohstoffes dazu spielt ebenfalls die Elektricität eine wichtige Rolle; überhaupt ähnelt seine Entstehungs- weise sehr der des Acethlens. Auch hier liefert die Hochofenschlacke den erste» Rohstoff. Die zur Herstellung des Ethhlen benutzte Schlacke besteht aus Kalcium, Aluminium, Silicium und Kohlenstoff. Sie wird zcr- klcinert und dann mit gepulvertem Coaks innig gemischt. Leitet man durch dieses Gemisch einen starken elektrischen Strom, dann bildet sich Karbolit, das mit Wasser das Ethylen giebt, wie das Kalciumkarbid das Acetylen. Coakskohle ist ein guter Letter und wird in dein Gemenge durch die Schlacke gewissermaßen isoliert. Sobald nun die Kohle ei» elektrischer Strom durch- fließt, bilden sich im Innern der ganzen Masse gewisser- maßen unzählige elektrische Lichtbogen. deren außerordentliche Hitze die Umwandlung der einzelnen Bestandteile zu Karbolit be- wirkt. In zwanzig Minuten ist die Umwandlung schon beendet. Durch diese»cue Entdeckung hat ein bisher ganz wertloser Abfall der Hüttcniudustrie plötzlich wirtschaftliche Bedeutung erlangt, und das umsoinchr, als durch diese Ausbeutung der Schlacke die Her- stellung des Eisens sich billiger gestaltet.'Ucberdics soll auch das aus dein Karbolit entwickelte Ethylen billiger sein, als das aus Kalcinmkarbid gewonnene Acetylen. Die erste Karbolitfabrik wird bei einer Hochofenanlage in Hammoud, im amerikanischen Staate Indiana, errichtet werden.—(„Tägl. Rundsch.") Humoristisches. — Unpraktisch. Kondukteur(zu einer Bauersfrau, die soeben einen Wagen der elektrischen Bahn bestiegen):„Steigen Sic nur wieder aus— Sic müssen ja nach der entgegengesetzten Richtung fahren I" Bäuerin(»achdein sie den Wagen wieder verlassen):„Ihr könut'S mir g'stohl'n wer'» mit En'rer Elektrischen! Früher, Ivo nö a' Roß ang'gespaunt war, hat ma' dö g'ivußt. was vorn' oder h i n t' ist— aber jetzt kennt si' kein Teufel mehr aus!"— — Der pfiffige Pcperl. Lehrer:„So, Kinder, jetzt rechnet einmal ohne Finger!... Wie viel ist 3 und 4?" P e p e r I(unter die Bank schanend, nach einer Pause):„71" Lehrer:„Recht!... 4 und 9?" Pcperl(wieder unter die Bank sehend):„19!" Lehrer:.Wart', Lump, ich rechne Dir mit den Fingern!.. (Legt ihm die Hände ans dem Rücken znsäimnen.) So jetzt I 5 und 3?" P e p e r l(nach einem lange» Blick unter die Bank):.8!' Lehrer: �Ja, wie hast Du denn das herausgebracht?" Pcperl:„Mit den Zehen, Herr Lehrerl"— — Die Hauptsache. Sohn:„Du, Vater, was ist cigent- lich e' Konferenz?" Vater:„Da wird immer ausg'macht, wo sie's nächste Mal wieder z'samm'komme I"— Notizen. — In B a s e l wurde ein Denkmal für den Dichter Hebel enthüllt.— — In N c w V o r k hat man die Absicht, sämtliche Werke, welche Rudyard Kipling noch schreiben wird, i in v o r aus von dem Dichter zu erwerben und sie zum Gegenstand einer aus einigen Personen bcstchcndcn Aktiengesellschaft zu mache».— — In der Generalversammlung der B ii h n c u- S ch r i s t- st e I l e r und K o m p o n i st e n in P a r i S wurde festgestellt, daß im Rechnungsjahre 1898/99 Honorare und Tantiemen im Betrage von 3 971 299Frs. von den Theatern an Pariser Autoren abgeführt wurden, davon 959 293 Frs. aus den Departements und 288 319 Frs. aus dein Ausland.— —„Der Bärenhäuter", eine zweite Oper mit diesem Titel von A rn o l d M c n d c lö s o h n. soll schon zn Anfang der nächste» Saison im Theater des Westens zur E r st» a u f f ü h r u n g kommen.— — Die deutsche Ansgrabnngs-Expedition in Babylon ist seit einigen Wochen bei der Arbeit und hat bereits eine große Anzahl reliefierter glasierter Ziegel ge- funden.— t. Am D n k o n- F l u s s e ist, wie über New-Dork gemeldet wird, ein reiches Platin-Lager aufgefunden worden. t. Der internationale st a t i st i s ch c V e rein, der im Jahre 1885 in London gegründet worden ist, wird vom 4. bis 9. September dieses Jahreö in C h r i st i a n i a tagen.— � — Der Konsum von Eiern. Außer den Eiern, die in G r o ß b r i t a Ii n i e n und Irland selbst produziert werden. führen die vereinigten Königreiche jährlich noch die Kleinigkeit von l'/e Milliarden zum großen Teil vom Kontinent und aus den englischen Kolonien ein. Deutschland hat eine Einfuhr von etwas mehr als 1�/s Milliarden und bezahlt dafür etwa 99 Millionen Mark. Das Haupt-Exportland für Eier ist Rußland, dessen Ans- fuhr 1896 1 475 999 999 Stück betrug.—____ Keraiitwortlicher Macteur: August Jacsbcy m Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.