Hlnterhaltungsblatt des Jorwärls Nr. 90. Dienstag, den 9. Mai. 1899 (Nachdruck verboten.) 25] Dev Schuld igo? Roman von Heetor Malot. Auch Madame Artaut verkehrte gern in diesem gastlichen Hause, in dem man sich so gut amüsierte. Gab es einen besseren Umgang für eine Mutter, die ihren Sohn sorgsam dehütete? Mann und Frau lustig, intelligent, zugänglich; hier konnte sich Mederic offenbar nicht langweilen; wenn während des Winters seine Freunde aus der Stadt ihn nur selten be- suchten, so bot ihm sicher das Haus des Notars dafür reich- liche Entschädigung. Allerdings war der nähere Umgang mit einer jungen Frau für einen so jungen Mann nicht ganz ungefährlich; allein bei Erwägung aller Umstände hielt es Madame Artaut doch für absolut ausgeschlossen, daß sich ihr schöngewachsener, kräftiger Sohn in die so seltsam und unregelmäßig gebaute Pariserin, die eher einem Jungen als einem Weibe ähnlich sah, verlieben sollte. Außerdem war Madmue Artaut eine ehrbare Frau und hielt deshalb für ganz undenkbar, daß Frau La Vaupaliere, die ihren Gatten liebte und von ihm geliebt wurde, sich von einem jungen Manne den Hof machen lassen werde. Der- gleichen Fälle kommeii, meinte sie, nur in Romanen vor. und das alltägliche Leben ist kein Roman. II. Der Notar und seine Frau lebten in der That mit ein- ander so, daß die Leute sagten, sie seien zwei Verliebte: sie fuhren um Mitternacht im Mondschein auf dem Flusse spazieren; sie liefen um vier Uhr früh in den Wäldern umher und kehrten taudurchnäßt und beladen mit riesigen Blumensträußen wie Kräutersucher heim; sie nahmen auf den Inseln ihre Mahlzeit miteinander ein, während sie zu Hause in ihrem Speisezimmer sich in aller Bequemlichkeit die Gerichte hätten warm vorsetzen lassen können. So leben nicht ehrsame Ehe- leute, sagte man, sondern nur leidenschaftlich Verliebte, die sich nicht um die hergebrachten Regeln und Gewohnheiten kümmern. Man spottete in der Nachbarschaft über das zärtliche Treiben des jungen Paares. Viele entschuldigten daffelbe aber eben mit der Jugend, und andere bemerkten noch, die arme Frau habe in ihrer ersten Ehe so viel von dem groben, brutalen, selbstsüchtigen Courteheuse zu leiden gehabt, daß ihr jetzt eine Entschädigung durch ihren liebenswürdigen zweiten Gatten wohl zu gönnen sei. La Vaupaliere war in der That liebenswürdig, nicht bloß gegen seine Frau, sondern gegen jedermann, Arme wie Reiche, und empfing den Arbeiter oder Bauern so höflich wie den an- gesehenen Bürger; mußte ein so trefflicher Junge nicht von seiner F-'-'n angebetet werden? Auch sie verdiente offenbar die Zuneigung ihres Mannes, Wie ganz anders war sie doch jetzt, als zu der Zeit, wo sie aus dem Kloster nach Oissel kam und durch ihr excentrisches Wesen, ihre Geringschätzung aller hergebrachten Schicklichkeits- regeln, ihre Verachtung der Mode den Aerger der Damen herausgefordert und die Herren von sich abgestoßen hatte I Jetzt fand man, daß der Schein getäuscht, daß diese seltsame Frau doch im Grunde ihre Principien habe und, genau be- trachtet, trotz ihrem knabenhaften Benehmen gar nicht so übel sei. Viele sahen schon den Moment heranrücken, wo sie. ihres Mannes überdrüssig, sich andere Huldigungen gefallen lassen werde. Manche rieten schon herum, wem wohl ihre Gunst zufallen werde. Als diese Frage aufgeworfen und von einem jeden nach seinen Ideen und seinem Temperamente anders beant- wortet wurde, war sie bereits längst gelöst. Die einst bei den beiden, als sie nur Liebende waren, so gewaltige Liebe war bei den Vermählten auf einmal erloschen; ihre Geschichte war die der zerpflückten Sternblume:„er liebt mich— ein wenig— von Herzen— gar nicht." Das„Ein wenig" war rasch überschritten; das„Von Herzen" hatte gewährt, so lange sie nicht frei waren; als sie aber ein- ander lieben konnten, so lange und wie sie mochten, da begann das„Gar nicht". Die schönste Zeit ihrer Liebe war noch daS Jahr der Witwenschast HortenseS. Die Ungewißheiten und Schwierig- leiten, welche sie zu Lebzeiten Courteheuses so oft beängstigt hatten, existierten nicht mehr; sie konnten einander sehen, so oft sie wollten, ohne dabei aber zu jeder Zeit und bis zm: Sättigung beisammen sein zu dürfen. Hieraus ergab sich für beide ein eigentümlicher Reiz ihres Verkehrs, den sie um so mehr genossen, je öfter er durch ungeduldiges Er- warten und die Pein der Trennung durch Erinnern versüßt, unterbrochen war. Wenn sie zu jener Zeit gemeinsame Spaziergänge in die Umgegend der Stadt, an die Sceküste oder nach Paris unternahmen oder tn ihrer kleinen Wohnung beim Bahnhof zusammentrafen, so sagten sie oft, ungehalten über die Vor- kehrungen, durch welche sie diese Stelldicheine verbergen mußten: „Wenn wir erst verheiratet sein werden..." Die Zeit hatte ihnen lang gedünkt. In Wahrheit der- ging sie sehr schnell. Sie waren nun als Eheleute völlig frei, konnten einander offen anblicken, laut mit einander sprechen, vor aller Welt zärtlich gegeneinander sein, und führten auch in der ersten Zeit das Programm, das sie sich während des Trauerjahres für ihre Vergnügungen und Spaziergänge vor- gesteckt hatten, gcwiffenhaft aus. Man sah sie an allen an- ziehenden Punkten, welche zu besuchen Courteheuse immer zwecklos, thöricht geftmden hatte. Allein seltsam: sie fanden dabei nicht den Genuß, den sie sich davon versprochen hatten. Weder der Sonnenaufgang, den sie von den Klippen aus betrachteten, noch das Spiel des Mondschimmers zwischen den Inseln erschien ihnen mehr so reizend wie früher; hingegen bemerkten sie jetzt, was ihnen früher völlig entgangen, daß man sich bei beiden Schauspielen leicht erkältet. Sie faßten daher gemeinsam den Beschluß, die Zahl ihrer Ausflüge abzukürzen, da es doch im eignen Hause am schönsten sei. Bald fanden sie auch das eigene Haus monoton. Sie wollten sich beide den Grund anfänglich nicht ein- gestehen, konnten sich ihn aber schließlich doch nicht verhehlen. Sie mußten sich sagen, daß die Stürme tn ihren Ideen wie in ihren Empfindungen sich gelegt hatten, daß ihr Sehnen befriedigt, ihre Liebe gesättigt war; daß sie sich zum ersten- male, seit sie sich kannten, ruhig zu prüfen vermocht hatten und daß sie beide vor einander diese Prüfung nicht bestanden hatten. Sie war enttäuscht darüber, daß dieser schöne Blondkopf mit seinem so graziösen Profil und seinen vielversprechenden Augen nicht mehr Geist, als den sie jetzt maß, enthielt, daß dieser Charakter, dem sie alle möglichen Eigenschaften zu- geschrieben hatte. so wenig Kraft und Schwung besaß. Wie anders war dieser Mann, als sie ihn sich ehedem vorgestellt hatte I Und doch war nichts an ihm verändert; sie mußte sich gestehen, daß sie lediglich verblendet gewesen war. und daß jetzt, wo sie mit offenen Augen sah, ihre Liebe in nichts mehr jener glich, die beide einander in die Arme gesiihrt hatte, als sie noch Madame Courteheuse hieß. Er war also doch zu etwas gut gewesen. jener verab- scheute Gatte! Warum hatte sie ihn dann aber aus der Welt geschafft? La Vaupalisre seinerseits sagte sich, jene diabolische Verführungskunst. die ihn so sehr beherrscht haste, daß er darüber alle Vernunft und Ueberlegung verloren hatte, sei wohl bei einer Geliebten, die die Gatttn eines anderen war, ganz reizend gewesen, sehe aber ganz anders mis, wenn man sie bei seiner eigenen Frau wahrnehme; hier ver- schivand mehr und mehr die Verführungskunst und nur das Teuflische blieb zurück. Was ihm an Frau Courteheuse bezaubernd und hübsch vorgekommen war, das empfand er an Madame La Vaupaliere als Fehler, ja als Makel und Gebrechen. Wenn beiden jemand vorausgesagt hätte, daß sie eineS Tages das Verschwinden des ersten Gasten bedauern würden. der ihnen so störend erschienen war und den sie so herzlich gehaßt hatten! Offenbar war der Mann ungerecht von ihnen beurteilt worden; er fehlte ihnen förmlich. Zu seinen Lebzeiten waren ihre Beziehungen intereffanter gewesen; wer gab ihnen jene Aufregung, jene Angst, jenes Entzücken wieder, die den Reiz und die Würze ihres Lebens gebildet hatten! m. Nichts ist bekanntlich schwieriger, als eine allgemein geltende Ansicht umzustoßen. La Vaupalisre und seine Frau galten daher zu der Zeit, als Madame Artaut ihren Wohnsitz in Oissel nahm, noch immer als„das verliebte Ehepaar", ob- wohl beide längst aufgehört hatten, zu nächtlichen Stunden im Mondschein zu schwärmen. Die gute Mutter hegte also nach dieser Seite keine ernstlichen Besorgnisse; ihr Mederic würde in diesem liebenswürdigen Hause einfach Unterhaltung finden, und weiter nichts. Freilich brauchte Frau Artaut nicht lange Zeit, um wahr- zunehmen, daß die Liebe der beiden Eheleute zu einander, wenn sie je eine innige gewesen, doch jetzt völlig erkaltet war, welcher Umstand eigentlich das beruhigende Raisonnement, das fie sich selbst gehalten hatte, umstieß. Allein inzwischen war fie nach Oissel übergesiedelt und hatte sich eingerichtet; nnn konnte fie doch nicht gut wieder wegziehen, aus dem einzigen Grunde, weil Madame La Vaupaliöre ihren Mann nicht liebte und dadurch die Möglichkeit einer Liaison zwischen dieser und Mederic gegeben war. Außerdem verkehrte Mederic keineswegs ausschließlich mit dem Notar und seiner Frau. Mit dem Apotheker und Bürgermeister Turlure, an welchen ihn einer seiner Onkel empfohlen hatte, pflegte er gleichfalls engen Verkehr. Der Bruder von Frau Artaut, ein Fabrikant chemischer Produkte in Rouen, hegte nämlich vor der Gelehrsamkeit Turlures die höchste Bewunderung und war überzeugt, daß dieser, nachdem er als Kind armer Eltern es durch eigenen Fleiß zum Chemiker gebracht hatte, gewiß ein berühmter Mann geworden wäre, wenn ihn nicht die Lage der Seinen gezwungen hätte, die erste beste Apotheke zu übernehmen. Turlure hatte außer seiner zahlreichen Familie auch noch für eine Mutter und eine alte Schwägerin zu sorgen. Das Männchen mit seinen großen Brillengläsern, mit seiner Ge- wohnheit, stets den Finger auf das violette Bändchen seines Knopfloches zu legen und die einfachsten Dinge mit lateinischen und griechischen Slamen zu bezeichnen, war ihnen anfangs lächerlich vorgekommen; aber bald fanden sie den Verkehr mit ihm ganz unterhaltend.(Fortsetzung folgt.) TtÄkurmiplenfchckMicho Meberfichk. Bon Curt Grottewitz. Immer und immer wieder wird sich dem Menschen die Frage aufdrängen nach dem Ursprung alles dessen, was lebt und was ist. Woher diese seltsame große Welt, woher diese Kräfte, die nie er- lahmen, diese Fülle von Substanzen, aus denen die Erde, die Welt- körper bestehen, was ist ihr Ursprung, ihr Grund, ihr Zweck? Es ist auf diese„letzte Frage" auch heute noch keine Antwort möglich. Die Materie, die Elemente, aus denen alles besteht, und die Kräfte, die an die Materie gebunden sind, sie find da. damit müssen wir uns zufrieden geben. Aber wenigstens können wir uns etnigennaßen ein Bild davon machen, wie aus der vor- handenen Materie die Weltkörper entstanden. Schon Kant und Laplace haben die Ansicht ausgestellt, daß die gesamte Materie früher in Dampfform im Welträume umherkreiste, daß sie sich dann an ihren dichtesten Stellen konzentrierte und hier einen Mittelpunkt schuf, um den sie sich drehte. In unserem Sonnensystem drehte sich der Materiennebel um die selbst auch einen Nebel darstellende Sonne. Allmählig aber kühlte sich der Nebel ab, die Sonne wurde ein feurig flüssiger Körper, um den sich die Urmateric in konzentrischen Ringen, ähnlich denen des Saturn, drehte. Die heutigen Planeten find die Berdichtungen und die Ucbcrreste dieser ehemaligen Nebelringe. Auch sie waren einst feurigflüssige Körper, doch jetzt sind fie so weit abgekühlt, daß ihre Oberfläche erstarrt ist. Manche Himmelskörper aber, und dazu gehört der Mond, sind soweit erkaltet, daß fie gar keine Eigenwärnie mehr besitzen. Diese Theorie ist keineswegs eine müssige Phantasie, noch heute erblicken wir solche riesige Nebel im Weltcnraume, die sich einst zu einem neuen Stern- shstem entwickeln mögen. Auch die feurig-flüssigen Körper können wir in der Sonne und in den anderen Fixsternen noch heute beobachten und für die Ablösung in Ringform spricht außer den Saturnringen auch das Vorhandensein von Monden und der seltsam regelmäßige Abstand der Planeten von der Centralsonne. Mit der Erkaltung aber haben die Sterne noch nicht ihr letztes Stadium er- reicht, die Kometen mit ihren schweifartig aufgelösten Materien- kümmern, die Sternschnuppen, die Meteore geben uns einen sicheren Anhalt dafür, daß jeder Stern einmal der Auflösung entgegengeht, daß er in Bruchstücke zerfällt, die irre im Weltenraume uniher- keiben und schließlich als Meteore auf anderen Siemen ihre Rast finden. So vergehen auch Sterne, wie alles vergeht, was entsteht. Auch unsere Erde war einst ein feurig flüssiger Körper. Jetzt befindet sie sich in dem dritten Stadium, sie ist ein fester Körper gc- worden, der aber noch eigene Wärme besitzt. Wie lange mag es «w her sein, daß die Erde aus dem geschmolzenen Zustande heraustrat und ihre Oberfläche fest wurde? Auf diese Frage sucht Lord Kelwiu in einer Abhandlung im„Philosoph Magazine" eine Antwort zu geben. Das Alter der Erde als eines für Lebewesen bewohnbare» Himmelskörpers wird seit Darwin als ein ungeheuer hohes angenoinnren. Um die Entwickelung des Lebens nach Darwinschen Principien als möglich erscheinen zu lassen, ge« wöbnte man sich, mit Jahrmillionen um sich zu werfen wie msti Sandlörnern. Kelwin suchte indeß bestimmte Anhalts» punkte für eine genauere Zeitangabe zu gewinnen, und er benutzte dazu verschiedene Versuche und Berechnungen über die Erdcnwänne, die Umdrehungsgeschwindigkeit unseres Planeten, den Schmelzpunkt der am häusigsten vorkommenden Steine und andere Verhältnisse, die einer Berechnung oder einem Experiment einigermaßen zugänglich sind. Daß mau es bei dem Alter der be- wohnten Erde nicht mit ungezählten Millionen oder gar Billionen von Jahren zu thun hat, geht daraus hervor, daß die Hemmung, welche die Axendrchung der Erde durch die Reibung mit der beweg» liche» Wasscrmenge der Meere erfährt, die Unidrehnngsgeschwindig» feit der Erde seit 72 Millionen Jahren um die Hälfte vermindert hat. Vor dieser Zeit bclvcgtc sich die Erde noch einmal so schnell als jetzt um ihre Achse, die Ccntrisugalkrast am Aeqnator war vier- mal so groß als jetzt. Wäre die Erde damals erstarrt, so Ivürde die Abplattung der Erde eine viel größere geworden sein, und am Aequator hätte sich das Land aUgehäilft, während das Wasser an die Pole ge- flössen wäre. Vor 7200 Millionen Jahren war die Erde demnach noch flüssig, ja man kann schließen, da solche Rechnungen stets nicht ganz genau sind, daß die Erde sogar vor wenigen tausend Jahrmillionen noch nicht fest gewesen ist. Doch diese Zahl soll mir die Grenze des Erdalters»ach oben ein wenig beschränken. Genauer ist die Berechnung, welche sich ans die Abnahme der Eigenwärme unseres Planeten stützt. Hier sind die Resultate deshalb zuverlässiger, weil man über das Wärmeverhältnis der die Erde zusammensetzenden Substanzen genauere Experimente machen kann und gemacht hat. Danach würde der Zeitpunkt der Erderstarrung zwanzig bis vierzig Millionen Jahre zurückliegen. Einige Zeit, bevor nun die Erd- oberfläche erstarrte, muß das Innere bereits fest gewesen sein, da es unter einem kolossalen Drnck stand, höchstens konnte ein Raum in der Nähe des Centrums mit glühendem Eisen, Kupfer, Blei, Silber, Gold und anderen Metallen, die auch bei sehr hohem Drucke flüssig bleiben, ausgefüllt sein. Die Erdrinde stellte nnn über dem festen Kern ein etiva 40 Kilometer tiefes Meer glühender Lava dar. Lord Kcltvin macht es wahrscheinlich, daß der Erstarruugsprozeß der Erdoberfläche verhältnismäßig sehr schnell vor sich ging und nur 12 Jahre m Anspruch nahm. Das Lavamccr ist einer chemischen Lösung zu vergleichen. In der Flüssigkeit Ivarcn alle Mineralien aufgelöst. Als die Temperatur sank, schieden sich die meisten Mine- ralicn als Kristalle und Körner von der Flüssigkeit ab. Diese Masse auf einander sollender Mincralparsikelcheu bildete den Granit. ES stimmt damit auch Lberein, daß die Hauptbestandteile des Granits, der Feldspat, Quarz und Glimmer bei ungeheuer hohen Tempera- turen erst schmelzen. Die Abkühlung der Erde brauchte also noch nicht sehr Iveit vorgeschritten zu sein, um diese Mineralien erstarren zu lassen. AuS der Flüssigkeit dagegen entstand der Basalt, der bereits bei 880 Grad schmilzt. Nachdem die Erde einmal fest geworden war, dauerte es jedoch nicht lange, bis sich ihre Oberfläche soweit ab- gekühlt hatte, daß Lebewesen auf ihr gedeihe» konnten. ES stagt sich nun, ob zu jener Zeit bereits freier Sauerstoff vorhanden war, da in den Hohlräumen von Granit und Basalt zwar Stickstoff, Kohlen» säure und Wasser, aber nie Sauerstoff gefunden wurde. Trotzdem wäre ein Pflauzenleben möglich gewesen, denn»och heute gedeihen in den 74 Grad wannen Quellen des Vellowstoiie-Parks Confcrven unter Wasser ohne Berührung mit der Atmosphäre. Dagegen zersetzen diese Pflanzen die in jenen Quellen vorhandene Kohlensäure und geben dadurch Sauerstoff an das Wasser und schließlich an die Luft ab. Die Pflanzen waren danach vielleicht die ersten Erzeuger des freien Sauerstoffs. Allerdings konnten sie diese Arbeit nur unter Mitwirkung des Sonnenlichtes verrichten. Und es fragt sich, ob die Sonne dainals bereits die Lichtmasse ausströmte, tvie heutzutage. Nach den Verechnuiigen hervorragender Physiker war die Sonne vor 60 Millionen Jahren noch nicht entfernt so ivarm wie jetzt. Erstarrte die Erde zu dieser Zeit, so blieb sie sicher 20 bis 30 Millionen Jahre unbewohnt. Denn erst vor etwa 25 Jahrnnllionen Ivar das Sonnenlicht und die Sonnemvärme so stark, daß Tiere und Pflanzen ihr Leben fristen konnten. Geben uns Kelwins Berechnungen einen Einblick in den Ucber- gang eines Planeten ans dem flüssigen in den festen Zustand, so macht uns Frank W. Verh in einem Vortrage wahrend der Harvard- konferenz amerikanischer Astronomen(25. August 1808) mit den Ver» Hältnissen auf einem bereits total erkalteten Himmelskörper, unserm Erdtrabanten, bekannt. Auf dem Mond beträgt die Zeit, während welcher er von der Sonne beschienen wird, 14 Erdcntage, so lang ist also ein Mondtag, eine Mondnacht ist eben so lang. Es ist darum selbstverständlich, daß in den Tagen und Nächten eine sehr verschiedene Temperatur herrscht. Da der Mond keine nennenswerte Atmosphäre besitzt, so können die Strahlen der Sonne ungehindert auf seine Oberfläche einwirken, und während der Nacht wiederum kann die Ausstrahlung der erwärmten Mondhalbkugel(also die Abgabe der Wärme an den Wcltenraum). ebenso leicht von statten gehen. Die Wärme, die der Mond von der. Sonne empfangen hat und wiedenim ausstrahlt, kann mit einiger Sicherheit gemessen werden, und ebenso kann das Bcrhaltcn der GesteinSmnsien,— aüerdingS der irdischen— auf Leitnnc, und AuS- strahlung der Wärme experimentell geprüft»verde». Unter Zugrunde- legung solcher Messungen und Experimente kommt Vcry zu dem Schluß, daß die Tagcstcmperatur des Mondes, desondcrs für die Gegenden, über denen die Sonne scnkrccht steht, über die Siede- tcniperatur hinausgeht. Schon 24 Stunden vor Eintritt der Mondnacht kühlt sich die Tcniperatur infolge der Wärme- ausstrahlung bis zum Nullpunkt ab, und in der Nacht herrscht die schauerlichste jtälte. Jndcß konnte Very durch ein neues Experiment uachiveiscn, daß der Mond keineswegs mit einer Schneedecke oder mit Eis über- zogen ist, da die Ausstrahlung einer von der Sonne beschienenen Schneefläche ein ganz anderes Verhalten zeigt als es auf dem Monde wahrgenommen werden kau». Da es nun auf deni Monde kein Wasser giebt, keine Winde wehen und in seinem Innern keine glühenden Massen vorhanden sind, so fallen alle die umgestaltenden Kräfte weg, welche die Erdoberfläche so mächtig umgestaltet haben und»och heute an ihrer stetigen Veränderung arbeiten. Allein diese umgestaltenden Kräfte»verde» ans dein Monde ersetzt durch den schroffen Tcinperaturlvechsel. Die ununterbrochen aufeinander folgende Siedehitze und Eiskälte bringen in dem Gestein der Mondoberfläche Zerbröckelungen und tiefe Klüftungen hervor. Es sind auf de», Monde bereits deutliche Veränderungen»vahrgenonimen worden, die Mondoberfläche ist ja sehr genau bekannt und die einzeliicu Regionen, Berge, Thäler, Rillen, Krater sind längst n>it Namen benannt und kartographisch verzeichnet worden. Wenn nun Oberfläche»- Ver- ändcrnngcn,»vie sie vor einiger Zeit H. I. Klein unwiderleglich»rach- gclvieseii hat, beobachtet»verde» konnte», so müssen diese, um gesehen zu»Verden, natürlich schon einen beträchtlichen Ilmsang besitzen. Und da andere uingcstaltendc Foktoren auf dem Monde nicht vorhanden sind, so dürfte», diese mächtigen Vcränderimgcn den» jähen Teinperatur- Wechsel zuzuschreiben sein. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Verlvittening der Mondobcr- fläche einmal zu seinen, gänzliche»» Verfall führen köniite. Aller- diugs Ivisscn»vir nicht genau,»reiche Ursachen zu den. Unter- gange von Sternen geführt haben. Eine geläufige Ansicht ist die, daß Himmelskörper nucinanderprallc» uud dabei in Stücke zer- sprengt»verde». Die Annahme solcher plötzlichen Katastrophen findet freilich in der heutigen Wissenschaft»vcuig Anklang. Sicher ist nur, daß Stücke von Wcltkörpcrn auf unsere Erde gelaugt sind. Diese Trümmer sind indetz schiver zu deuten, lieber ihren Ursprung und die Art ihrer Ablösung von anderen HinnnelSkörpern vermochte man bisher an ihnen nichts zu ersehen. Nur daß sie von fremden Steruc» stannncn, ist sicher. Ihr Weg durch die Atmosphäre, ihre Reibung mit der Luft und ihr dadurch vcranlaßtes Glühen und Schmelzen läßt die Meteore sofort als solche erkennen, auch»vcnn man ihr Niederfallen nicht direkt beobachtet hat. Die Meteore sind im übrigen ihren. Aussehen»vie ihrer chemischen Zusammensetzung »ach natürlich sehr verschieden. Neuerdings hat Franz E. Sueß, wie er in einen, Bencht des„Wiener Akadeniischcn Anzeigers" mitteilt, eine besondere, ziemlich selten vorkommende Steinart, die Moldavite als Hcrköinmlinge aus dem Wcltcnraumc erkannt. Die Moldavite sind glasgrüne und glaSähnlichc Steine, die höchstens die Größe eines Eies erreichen. Sie kommen im oberen Thale der Moldau vor und sind auch»ach diesen, Flusse benannt. Später hat man sie auch in Süd- bornco und in ganz Australien, auch hier als lose isolierte Findlinge entdeckt. Sie zeigen ans ihrer Oberfläche ganz bestimmte Eindrücke uud Linien. welche mit denen der Meteorite» übereinstimmen und auf die rasche Bewegung durch die Luft zurückgeführt werden müssen. Es kann nicht iiachgcwicsen werden, ob die Moldavite der mährischen und der australischen Gruppe einem und demselben M cteorfalle zuzuschreiben sind, doch gehören alle dem Aus- gange der Tcrtiärzeit, vielleicht schon der jetzigen Erdcpoche an. Merkwürdig ist, daß ninn an manchen Steinen der böhmisch- mährischen Fundstelle deutlich erkennen kann, daß sie Spreng- stücke sind von größeren Steinmassen, die in der Luft explodiert sein müssen. Tauach läge einige Wahrscheinlichkeit vor, daß die kleine östrcichischc Gruppe von der großen hintcrasiatisch- australischen gewaltsam losgetrennt worden sei. Glasartige Stoffe als Mcseorsteiiie sind bisher nicht bekannt, die Moldavite weichen in dieser mineralischen Beschaffenheit von allen bisher beobachteten aus dem Wcltcnraume stammende» Steinen ab. Das ist natürlich kein Grund, ihre kosmische Herkunft anzuzweifeln. Mittels der Spektral- analyse hat man auf den Himmelskörpern viele Elemente nach- weisen können, die auch auf unserer Erde vorhanden sind. Es ist aber selbstverständlich, daß die Sterne außerdem auch Grundstoffe oder nnndcstens Mineralien besonderer Art enthalten. Die Natur liebt nicht die Gleichartigkeit, und so mag auch jeder Stern sein eigenes Material haben, wie er seine eigene Bahn, sei» eigenes Schicksal hat.-7-_ Kleines Feuillokon. -st-. Eine Frechheit.„Nein, nein I Das ist doch zu stark I. I. Nein, nein I" Sie schloß vorsichtig die Thür und ging heftig bis an den Tisch, auf den sie sich stützte. Zitternd strich sie sich das Haar aus dem erhitzten Gesicht:„Nein nein I Was man sich alles bieten lassen muß!" Herr Moor ließ seine Zeitung sinken, ohne seine liegende Stellung auf dem Sopha zu verändern.»Was haste denn schon »vieder?... Ich weiß nicht, Du bist in der letzten Zeit gar nicht zu verknusen. Immer gleich aufgeregt, immer gleich aus dem Häuschen." „Ach, na ja," antwortet sie ärgerlich;„ich habe die ganze Arbeit. Alles überrennt mich, alles will von mir Bescheid, alles soll ich besorgen I... Es ist zu viel für mich. Jetzt, wo so viel zu thun ist, wo alles geliefert werden soll, muß das auch noch komnien." „Na,»11 bitt ich mir aber gefälligst einen anderen Ton ans I" sagte er barsch, auf seine Zeitung schlagend und sie wieder vor daS Gesicht haltend. „Ja. ja. Du sitzt hier und ich habe den Aerger." „Na, ivirdS nu gefällig?... Denn sag' doch endlich, was los ist!" Sie dämpfte ihre Stimme:„Ja, das hast Dn davon, weil Du nicht die Preise abgemacht hast von den Mustern. Nun haben sie mir die Marke von dem einen Umhang, Du weißt doch, den mit dem gestickten Besatz und dem Seidenstitter, auf den Zuschneidetisch gelegt und mit Kreide darunter geschrieben: Also doch drei Mark II ... Ja, Dn weißt doch, wir geben ihnen nur eine Mark fünfund- zwanzig: wir sagten ihnen doch, wir könnten nicht mehr geben, weil wir selbst nur zwei Mark bekämen." .Na. und?" „Ja, begreifst Du denn nicht? Sie wissen nun, daß wir drei Mark bekommen..." Herr Moor besann sich noch ein Weilchen. Dann schrie er IoS mit seiner rauhen Stimme:„Na, so'ne Frechheit I Rausschmeißen werd' ich sie alle miteinander. Immer raus, raus!" Er sprang auf und eilte nach der Thür, die zum Arbeitszinimer führte. Seine Frau uniklammerte seinen Arm. Verstört und ängstlich flehte sie:„Nicht doch, Karlchen, bleibe doch nur ruhig. Bedenke doch, jetzt zu Pfingsten I Wo sollen wir denn gleich wieder Arbeiterinnen hcnichmen?" „Jh, es laufen genug herum. NauS muffen sie. Alle mit- einander I" Er schrie, so laut er konnte. «Ja aber, ehe die Neuen eingearbeitet sind. Dn hast die Plage nicht mit dem Anlernen. Und wie wollen wir denn zu Pfingsten liefern?" Er schrie immer weiter:„Ich schmeiß sie raus. So'ne Frech- hcit I" Aber er ging nicht hinein in die Arbeitsstube, aus der daS eifrige Gesurre und Geklirre der Nähmaschinen und daS lustige Singen der Mädchen klang. Seine Frau redete ihm zu, bis er sagte:„Na, denn geh' meinetwegen hinein und sage ihnen, sie könnten fünfzig Pfennige mehr bekommen. Wir hätten unS geirrt---- Aber ist das nicht'ne bodenlose Frechheit?... Na, wenn nicht gerade so viel zu thun wäre!.. Er legte sich wieder auf das Sofa und nahm seine Zeitung vor.-- Theater. Im Schauspielhaus konnte man am Sonnabend fast verwundert aufhorchen. In einer Märchennovität, der„Krone" von Anton v. P e r f a l l. dein Romanschriststeller, erscholl immer wieder die trunkene Jiibelhhmue„Freiheit, Freiheit l" Man durfte aber der guten Gesinnung des Hoftheaters und des Herrn v. Pcrfall vertrauen. Das Märchen, das wie„ein lehrhaft Spiel zu Nutz ge- rechter Könige" ausklingt, ist von irgend welcher revoltierenden Ge» sinuung weit entfernt. Der Jüngling Achmet, der dem Volk von Rum die Freiheit bringt und den finsteren Tyrannen Sarbar vernichtet, ist kein Revolutionär. In ihm selbst pulsiert echtes königliches Blut, er ist der Sohn des gerechten Königs von Rum, der vom Usurpator Sarbar ennordet wurde. Der kleine Achmct war von einem Fischer damals wie durch ein Wunder ge- rettet und nach der Ferne zu einem Wirker gebracht worden, als dessen Sohn Achmet nun aufwuchs. Wiewohl all sein Thun daS königliche Geblüt verriet,— das ist bei Märchenprinzen schon so, selbst wenn sie als Bettelleute und Freiheitsprcdiger auftreten—, ahnte Achmct doch nichts von der Wahrheit. Erst als ein falscher Bewerber um die Krone von Rum auftrat und diese mystische Krön« zu leuchten und zu funkeln begann, da Achmet sich ihr nahte, war der Märchenprinz von seinem Gottesgnadentnm überzeugt. Er wird die Bauern nicht mit Hunden hetzen lassen uud die Bürger nicht in Todes- schrecken erhalten. Wie dem echten Königssohn die magische Krone geleuchtet hat, so wird er, ein echter König, über Rum herrschen. Was nun eigentlich ein echter König ist, das wird im lehrhaften' Spiel, das fast aller Orten im Stück an Trivialität streift, nicht weiter erörtert, Banalitäten, in Märchcnform gekleidet, werden um nichts an Wert erhöht. Deklamatorische Künste, schönrednerische Sprache ninchen die Sache gleichfalls nicht viel beweglicher; und so saß man denn ge« lassen da, beguckte die Märchenbilder der Sccne, ließ die grell und pathetisch vorgetragenen Tiraden des Herrn Christians(Achmet) vorüberbrausen und zum Schluß fand man weder zum Beifall, noch zum Zischen die richtige Energie. Ein einschläferndes Märchen! Das Schauspielhaus feiert am 11. d. Mts. einen Er« inncrungstag, dessen hier mit wenigen Worten gedacht sei. Vor 26 Jahren wurde Arthur Vollmer Mitglied des Hoftheaters. Jetzt, da wir in Berlin mit fremder und nicht selten minderwertiger Schau- spielcrci überflutet werden, kann man sich der gesunden Kraft eines heimischen Künstlers und eines ehrlichen Arbeiters doppelt erfreuen. Erst in diesen Tagen war eine Pariser Truppe mit Frau Rosa Bruck als„Star" an der Spitze bei Kroll. Man muß füglich sich ver« wundern, was sich als Star ausgeben darf, wenn Frau Bruck ein »Stern" zu fem vorgab. Damit soll nicht gesagt werden, daß die Franzosen nicht emen braven Durchschnitt darstellten. Im Lessing-Theater tritt mit besonderen Ansprüchen Frl. Sand- rock, die uns vom Vorjahr her bekannt ist, als Gast ans. Das Treiben mit der Sandrock in Wien, als sie aus dem Burgtheater schied, erinnerte an die Tage schlimmster Wienerei. Man hat sie mit göttlichen Ehren behandelt und selbst der Jdiotenstreich blieb nicht aus. Man«spannte ihr die Pferde aus." Solche Wienerei fördert den Komödiantrnwahn und Adele Sandrock meint nun alles in großer Virtuoscnmanier spielen zu können. Sie bleibt im Genre- haften selbst die stolze Heroine, mags auch ein grober Irrtum sein. _ Arthur Vollmer gehört zu den gediegensten komischen Kräften der deutschen Bühne; auf virtuose«Starmaniercn" läßt er sich nicht ein. Sein Hiimor wurzelt auf den» Grund von Bonhoinmie und ist gutmütiger Art. Er kann bis zum Grotesken, bis zur Karikatur sich steigern, wenn es gilt, donquixoiische Gestalten darzustellen; aber die verletzende Scharfe fehlt dann auch in der komischen Ucbcrtreibung. Er ist ein komischer Charakter- dar st eller, nicht also, was man gemeiniglich einen Komiker nennt. Darum ist er lange nicht so volkstümlich Ivie Emil Thomas, der Berlinische, oder Steinberger, ein Wiener Possenreißer niedrigen Stils. Er nmß mehr thun, als sich seinem Teniperamcnt über- lassen; und er hat mit durchgebildetem Kunstgeschmack an sich und seinen komischen Charakteren gearbeitet und sich dem Ensemble eingefügt. Diese Arbeit adelt sein können.——ff. — e— In der Reihe Historisch-moderner Fe st spiele erschien am Sonntag Shakespeares„Troilns und Cressida". Die Leitung dos Unternehmens hat jetzt die Gesellschaft für Kunst und Wissenschast übernommen und als Festspielhaus tvar statt des Neuen Theaters das Theater des Westens gemietet. Der altertiimelnde Zettel verhieß, daß die Komödie, die sich die lebendige Buhne nicht zu erobern vermochte, in ihrer von Wolsgang Kirchbnch arrangierten, die Tendenz erläuternd schärfenden Vearbertüng so dar- gestellt-werden sollte,«wie die Historie mag vorgeführt worden sein von Seiner Majestät Dienern in» großen Saale zu Whitehall, vor den Augen Seiner Majestät." Man entledigte sich dieses Versprechens, indem man auf Sccnon- Wechsel und modernes Regiehandtverk verzichtete und die griechischen Helden in einer Hostracht christlicher Zeitrechmmg agieren ließ. Troilus und Cressida ist die Komödie des heldeumäßigen Blödsinns, der hohlen Würde, des geplünderten Ruhms, des historischen Größen- bewuhtsems, das nichts ist als eitler Größenwahn. Die Welt Homers rückt aus dein gigantisierenden Dämmer idealer Ferne in die intime Nähe, wo die Unrciuigkeiten der Haut und des Herzens grell sichtbar werden und die heroischen Züge überschreien. Die Edelgestälten erscheinen, wie sie Thersites gesehen hat. Patina verlvandeÜ sich in Schminke. Thersites ist Held und Chorus des Stückes. Es ist auch esne Art Rettung des mißgestalteten Griechen. Denn er allein sieht und erkennt die Wahrheit/ das allgemeine Rarron- und Lumpentuin in der Pose der Kriegsheldenschaft, sein eigenes Narren- und Lmnpentum nicht ausgeschlossen. Selbst seine Feigheit ist zivar komisch aber nicht verächtlich. Er hat nun einmal nicht das Glück der brutalen Muskelkraft und es ist begreiflich, daß ihm das stete Geprügeltwerde» keinen Spaß bereitet. Gleichwohl, trotz aller Schläge, behält er den Mut seiner Bosheit; wie Ajax die Zunge im Arme trägt, so hat Thersites den Arm in der Zunge und er rührt kräftig diesen Arm. Das griechische Lager ist eine Ansammlung von Komödianten und Schurken. Jeder ist durchdrungen von seinem Wert und vcr- achtet seinen Nächsten. Vor einander sind sie keine Helden, um so größere vor sich selber. Nur die griechische Höflichkeit und Heuchelei ermöglicht den gesellschaftlichen Verkehr und verhindert das Aus- einanderfallen. Nestor erscheint als kindischer Fasler, der das Weisesein als Beruf und das Altfein als Tugend eitel übt. Agamemnon ist eine auf- und ausgeblasene Majestät. OdhsieuS ein ironischer Intrigant, Ajax ein aufgeregter hirnloser Menschenmetzger, Menelaus ein dümmlicher Hahnrei, bei dem eS Frau Helena aus triftigster Ursache nicht hat aushalten können, und Achilleus, der göttliche Held, ist ein windiger, feiger Prahler, der Hektar von seinen Mhrmidonen schlachten und dann den v v n i h m Besiegten im Triumph an sein Roß binden läßt— ein Vorbild für jene moderne Arbeits- teilung, da die einen schießen und erschossen werden, während die anderen in guter Hut fern vomZSchlachtfeld sich als Sieger erproben. Freilich hat erst der Bearbeiter die knappen und nicht ganz unzwei- deutigen Andeutungen des Dichters breiter und tendenziöser aus- geführt. Die ausgleichende Gerechtigkeit des Dichters aber hat den Troern— ihrem Schicksal zum Hohn und zur Sühne— die größere Tugend verliehen. Die Komödie von Troilus und Cressida kann in jedem Kostüm gespielt werden, ohne anachronistisch zu wirken. Nicht nur die Helden der Elisabethzeit hätten in dem Spiegel die Wahrheit über sich er- schauen können, der Hof- und Militärruhm der Uniformen aller Zeiten und Länder wird in ewigem Bilde dem gerselnden sLachen ausgeliefert. Die Konuidie der Götzeudäurmerung l Eine Komödie, kein travestierender Operettenspaß I Charaktere enthüllen sich, nicht aber werden Helden im MaSkentand lächerlich verkleidet. ES werden keine'Pappnasen angeklebt, man sieht die natürlichen Nasen «ur auS der Nähe. Der vorgestrige Belebungsversuch mißlang in wesentlichen Stücken, und nur an einzelnen Stellen wurden durch die unzerstörbare Kraft der Dichtmig größere Wirkungen hervorgerufen. Man hatte Verantwortlicher Redacteur: August Jacvbey in Ber sich zu keinem einheitlichen Stil durchgearbeitet, der wohl in der stolzierenden Würde des Puppenspiels die schicklichste und stärkst« Wirkung finden möchte. Man spielte vom schwitzenden Jambenpathos, das in der Aufregung Worte und Sätze bis auf kümmerliche Ueber- bleibsel fraß, bis zu Offcnbach, selbst bis zu Blumenthal und «Charlehs Tante" in allen Tönen und Farben. Aus den unsicheren verivischten Fratzenskizzen ragte der Thersites Albert HeineS- durch die derbe Kraft gestaltungsficherer Laune hervor. Frau Reisenhofer verlieh dem galanten Frauenzimmer, der keuschen Buhlcrin Cressida einen Zug bäuerisch-täppischer Koketterie, mit dem die lüstern-zierliche Griechin, das kluge Spottlied auf die Treue, sicherlich auch un großen Saale zu Whitehall nicht behaftet ge- ivesen ist.— Kunst. — Die Große Berliner Kunstausstellung 1899 sam Lehrter Bahnhof) ist am Smnnag unter den üblichen Formalitäten eröffnet worden. Wie der gleichzeitig im Verlage von Rudolf S ch u st e r(Berlin) erschienene Katalog zeigt, wurdest« von deutschen und ausländischen Künstlern mit 127L Gemälden und 229 Bildwerken beschickt, Zeichnungen, Stiche nnd Radierungen sind durch 87 Aussteller mit 80 Nummern, das Kunstgewerbe durch 37 Aussteller vertreten. Der«Verband deutscher Illustratoren" hat den größten Raum des Gebäudes erhalten. Die Secessions-AuS» st e l I» n g in dem neuen Gebäude am Theater des Westens soll um die Milte des Monats eröffnet werden.— Humoristisches. — Wink. Schusterjunge:«Heeren Se, Frau Meestern, wenn Sie jetzt een kleen bisken Schmalz in die Suppe thun thäten— würde die aber Oogen inachen!"— — Diplomatisch. Frau:„Gut, Du sollst den Hausschlüsiel niitkricg'n, daß dii Deinen Bekannten zeigen kannst— bist Du aber um zehn nicht wieder heim, leg' ich mich zu Bett und häng' die Sperrkette vor."— — Schutz in Lebensgefahr. Ein Lnftschiffer ersucht die Polizeibehörde zu Cxbausen um die Erlaubnis, folgende Produktion veranstalten zu dürfen: er will bei Nacht niit einem Luftballon aufsteigen und in einer Höhe von füiiftauseud Fuß eiu Brillantfeueriverk abbrennen. Bescheid der Polizeibehörde: Die Schaustellung erscheint im höchsten Maße bedenklich, da der Ballon, wie mit Sicherheit anzunehmen, Feuer fangen wird. Es steht zu befürchten, daß der Aeronaut herunterfallen oder verabspringen muß, was seine Zerschmetterung in tausend Atome zur Folge haben würde. Die Produktion lann deshalb nur dann genehmigt werden, wenn der Luftschiffer sich verpflichtet, ein starkes Sprungnctz mitzunehme» und dasselbe unterhalb des Ballonkorbes auszuspannen.—_ („Luftige Blätter.") f Notizen. c. Aus Victor Hugos Nachlaß werden von Paul Menrice zwei Veröffentlichungen vorbereitet: ein Band„Memoiren", — kurze Erzählungen, Notizen, Eindrücke von Menschen und Land- schaflen, die der Dichter aus lose Blätter schrieb, die eine Reihe historisch wichtiger Dokumente enthalte» und jetzt gesammelt worden sind,— und eine Ausgabe der Liebesbriefe, die er seiner späteren Frau während der Brautzeit geschrieben bat.— c. Die erste vollständige französische Ausgabe von „Tausend und eine Nacht" wird jetzt vorbereitet. Das Werk soll in 1ü Oktav-Bäuden im Laufe der nächsten siuif Jahre erscheinen.— — Elvira Clemens vom L e s s ing- Th e at e r wurde für das Wiener Burg-Theater engagiert.— — Lotte Witt kommt nun doch nicht an das Deutsche Theater. Sie hat mit dem Burgtheater einen neuen Vcr- trag für weitere 8 Jahre geschlossen.— — Vor ausverkauftem Hause fand am Sonntag im Münchener Hoftheater die Premiöre der dreiakcigen Oper„Der Fremd- l i n g" von Heinrich Vogel stall, der s e l b st die Titel» rolle sang. Die Aufnahme war glänzend. Der stürmische Bei» fall galt jedoch, wie dem„B. T." gemeldet wird, mehr dem beliebten Sänger als dem Komponisten Vogel.— #— Der Bau der m e t e o r ö l o g i s ch e n S t a t i o n auf der Schneekoppe wird, wie die„Schief. Ztg." erfährt, in diesem Sommer bestimmt in Angriff genommen werden.— t. Eine Untersuchung der Nordsee-Strömungen mit Flaschenposten wird unter der Leitung der belgischen' Re» gierimg durch Gustave Gilson von der Universität Lüttich gegen» wärtig in Angriff genommen.— — Die wahre Sittlichkeit hat noch in Bischofsburg in Ostpreußen ihre Stätte. Die„Elbinger Zciliiug" meldet von dort:„Die von dem Schauspieler Herrn Kugelberg hier veranstaltete Vorstellung war gut besucht. A!L nach Beendigung einer drastischen Vauernposse Balletteusen auftraten, was unser Ort bisher nicht gewohnt gewesen ist, verließen sämtliche an Wesen» den Damen nach und nach denSaa I." Nach und nach? Scheinen also doch nicht alle ganz freiwillig gegangen zu sein.—■ in, Druck und Verlag von Viax Bading m Berlin.