Zlnterhaltungsblall des Horwäris Nr. 91. Mittwoch, den 10. Mai. 1899 (Nachdruck verlöten.) 26] Der S�zuldrge? Roman von Hector Malot. IV. Als Mederic in Begleitung seiner Mutter zum erstenmal Besuch bei Herrn und Frau La Vaupaliere gemacht hatte, äußerte er sich beim Nachhausegehen nicht gerade freundlich über Hortense: „Das ist ja keine Frau, das ist ein Junge." Sie bemühte sich, ihn umzustimmen; sie machte ihn auf ihren scharfen Verstand aufmerksam; allein er blieb bei seiner Ansicht. „Zllles, was ich Dir zugeben kann," sagte er,„ist, daß dieser Junge durchtrieben, originell und amüsant sein mag; aber von Weiblichkeit keine Spur!" Dieses Urteil entsprach feiner bisherigen Geschmacksrichtung, die ihn an Frauen zumeist die üppigen Reize hatten schätzen lassen. Um so mehr erstaunte er über sich selbst, als er schon nach einer Woche wahrnahm, daß ihn diese hagere Frau aufs lebhafteste beschäftigte und daß ihr Bild durch nichts aus seiner Erinnerung zu bannen war. Ihr drolliges Wesen muß es sein, dachte er, das sie so interessant macht, und er wunderte sich dariiber, daß eine Frau ohne jeden körperlichen Vorzug und ohne ein Wort zu sprechen, durch die bloße Absonderlichkeit ihrer Nase oder ihres Mundes geistreich erscheinen konnte. Er mußte jetzt erkennen, daß dieser Junge wirklich eine Frau war, und daß ihn noch nie eine Frau so eingenommen, so aufgeregt hatte, wie diese. Wenn er in ihrer Nähe war, so verlor er sie nicht aus den Augen; war er fern von ihr. so suchte er sie, und unaufhör- lich sprach er mit jedermann von ihr, unt seiner Mutter, seinen Kollegen im Bureau, mit Turlure, den er über die Frau ihre Vergangenheit, ihre erste Ehe. ihren ersten Manu ausforschte. Turlure, sonst so redselig, hielt sich in seineu Antworten sehr zurück; er sagte ihm nur, es habe der intelligent veranlagten Frau nichts als eine gute Erziehung gefehlt, um einen hervorragenden Geist zu ent- wickeln, und schweifte dann auf das Thema der klösterlichen Erziehung ab, die er für mangelhaft erklärte. Was den ersten Mann Hortenses betreffe, so sei sie nicht glücklich mit ihm gewesen, denn er habe sie grob und roh behandelt. Als Mederic noch weiter fragte, bemerkte Turlure mit seiner durch- dringenden Polizeimiene: „Madame La Vaupaliere scheint Sie demnach sehr zu interessieren?" Mederic wurde verlegen und antwortete: „Mich interessiert alles Originelle und Geheimnisvolle." „Warum glauben Sie, es gebe etwas Geheimnisvolles in dem Leben von Frau La Vaupaliere?" „In ihrem Leben? Das weiß ich nicht, aber in ihrem Wesen sicher I Sie ist so verschieden von anderen Frauen, und meine Frage hat nur den Zweck, mir den Grund dieser Verschiedenheit zu erklären." „Halten Sie es ftir heilsam, mein junger Freund, den Charakter der Frauen zu studieren?" „Ich weiß nicht." „Ich wünschte nun nicht, daß Sie sich in die Erforschung dieser Frau gerade am allerwenigsten vertieften, denn sie ist eine Art von Sphinx, und vergessen Sie nicht, daß die Sphinx des Oedipus die Unklugen tötete, welche ihre Rätsel zu lösen suchten!" „Aber diese Rätsel waren schließlich doch nicht unlösbar, da Oedipus ja das vom Tier mit den vier Füßen erriet." „Wollen Sic etwa Madame La Vaupaliere zum Tode verurteilen, indem Sie das ihrige raten und sie, wie Oedipus die thebanische Sphinx, zwingen, sich in die Fluten zu stürzen?" „Könnte das geschehen?" „Ich weiß nichts davon, wie Sie sich leicht denken werden; ich spreche nur vom Gesichtspunke der Fabel aus." „Ich natürlich auch." „Das ist mir sehr lieb, denn ich bleibe dabei, daß es gefährlich für junge Leute ist. sich auf die Erforschung der Charaktere von Frauen einzulassen; man denkt beständig an sie, und eines schönen Tages ist man gefangen, wird von der Leidenschaft ergriffen und verliert alle Ruhe und Fröhlichkeit; und das ist vom Uebel, denn schon Plinius hat mit vollem Rechte gesagt, der Erfolg der Studien liege im Frohsinn." Turlure war innerlich stolz darauf, feinem jungen Freunde diese Zurechtweisung erteilt und durch die An» Wendung einer lateinischen Sentenz semem Geiste eingeprägt zu haben. In der That sprach der junge Freund nicht mehr mit ihm von der Sphinx. „Den habe ich vom Rande des Abgrundes gerettet k" dachte er. Und da er alles, was er that, Madame Turlure mitteilte, so mußte auch diese den Inhalt des mit Mederie geführten Gesprächs erfahren Allein Frau Turlure zankte ihn aus: „Was für Ideen Du doch hast! Der wohlerzogene, zarte, anständige Junge könnte sich in Madame La Baupakisre ver» lieben!" „Nun. La Vaupaliöre hat sich doch auch in sie verliebt." „Ach was, La Vaupalisre ist ein ganz anderer Mensch, als Mederic. Wie Du nur zu solchen Einfällen kommst, und was diese Frau �nur an sich hat, um Euch allen den Kopf zu verdrehen!" „Mir?" „Jawohl, Dir so gut wie den anderen. Wie gerätst Du nur auf die Idee, dieser wackere junge Mann könnte sich in die Frau verlieben?" „Nun. weil er sich so angelegentlich mit ihr beschäftigt. Uebrigeus widersprichst Du Dir selbst, indem Du für unmög- lich erklärst, daß Herr Artaut sich in sie verliebe, und gleich» zeitig behauptest, sie verdrehte uns allen den Kops." „Bei Euch alten Herren ist das etwas anderes. Euch erhitzt ihr sonderbares Wesen, ihre herausfordernde Dreistig- keit, ihr Mund, der alles verspricht; aber einen ehrbaren jungen Mann, wie Herr Artaut. lassen derarttge VerführungS- künste, eine derartige Vermischung von Unschuld und Frechheit völlig gleichgültig." Turlure fand den von seiner Frau gebrauchten Ausdruck „Unschuld und Frechheit" sehr bezeichnend, sehr treffend. Beide vergaßen aber, daß das, was ihrem erfahrenen Blick an den Geberden und Mienen von Madame La Vaupalisre als frech erschien, für Mederic einfach originell und drollig war. Diese Frau dünkte ihm in allem verschieden von den beständig ruhigen, kalten, würdigen und korrekten, die er bisher gekannt, und in diesem Unterschiede lag für ihn der Reiz. Auch wäre sie ihm wahrscheinlich gleichgültig geblieben, wenn sie und ihr Gatte wirklich das verliebte Paar gewesen wären, von welchem man ihm gesprochen hatte; denn nichts beschützt eine Frau so sehr, als daß man weiß, daß sie liebt und geliebt wird. Allein es gehört wenig Scharfblick dazu, sich vom Gegenteil zu überzeugen. Sechs Monate vor seiner Ankunft in Otffcl hatte dort eine Schauspielerin niederen Ranges aus Paris, bekannt durch ihre galanten Aben- teuer, ein Schloß am Seineufcr gekaust, welches sie mit einem Cirkusstallmeister, ihrem Verlobten, zu bewohnen ge» dachte. Allein am Hochzeitsabend war es zwischen den Neu- vermählten zu argen Händeln gekommen, die eine Scheidung unvermeidlich machten, und La Vaupalisre. durch dessen Vermittlung das Schloß gekauft worden war, stand Frau Rosa Mialoux als Rechtsrat in dem Prozesse bei. Seitdem er- zählten die Schreiber des Notariats einander mehr oder weniger verblümt, daß ihr Prinzipal nicht nur der Rechts- beistand, sondern auch der Freund und Tröster der verlassenen Dame geworden sei. obwohl sie gut zwölf Jahre mehr als er zählte. Daß dem wirklich so war, schienen die häufigen Besuche, die der Notar auf dem Schlosse machte, sowie seine häufigen, nicht durch den Prozeß motivierbaren Reisen mit seiner Klienttn nach Ronen und Paris klar zu beweisen. Von alle- dem mußte auch Madame La Vaupalisre Kenntnis haben; war daraus nicht der Schluß gerechtfertigt, daß auch sie ge- neigt wäre, einen Tröster zu acceptiercn? Watum sollte er nicht den Versuch wagen, es zu werden? V. Madame Artaut wünschte, daß ihr Sohn seine freie Zeit möglichst in ihrer Nähe verbringe und kein Bedürfnis fühle, zu feiner Zerstreuung nach Rouen zu fahren, wo er ihrer mütterlichen Aufsicht entzogen war. Deshalb gab sie, um ihm Unterhaltung zu verschaffen, jede Woche ein Essen, zu welchem auch der Notar und seine Frau gebeten waren. Ebenso folgte sie mit ihrem Sohn auch den Gegeneinladungen, welche diese an sie richteten, bald zu Mahlzeiten, bald zu Abendgesellschaften, bei denen musiziert oder auch eine Partie Boston, Whist Misti oder Rams gespielt wurde, da namentlich La Vaupalisre leidenschaftlich die Kartenspiele liebte. Anfangs hatte Mederic diese Abende herzlich langweilig gefunden, und seine Mutter war mit all der Mühe, die sie sich seinetwegen auferlegt hatte, genau zu dem entgegen- gesetzten des von ihr gewünschten Resultats gekommen, denn der junge Mann suchte beständig Vorwände, um nach Rouen zu fahren. Als er aber begann, sich für Hortense zu inter- essieren, war ihm auch das Kartenspiel nicht mehr zuwider, denn es bot ihm Gelegenheit, sie zu sehen, mit ihr zu sprechen, neben ihr zu sitzen, ihre Hand, ihren Fuß zu streifen. Eine Zeit lang genügte ihm das. Er fand ihre zarte, sammetweiche Hand mit den blauen Linien, die sich rosig färbte, wenn sie sie vor die Lampe hielt, ganz reizend. Und wie verwirrend war das rätselhafte Lächeln, mit dem sie ihn maß, wenn sich zu- fällig unter dem Tische ihre Füße berührten? Was bedeutete dieses Lächeln? War es einfach eine Frage? Oder war es eine Ermutigung, kühner zu sein? Jedenfalls enthielt es keinen Vorwurf, keinen Ausdruck der Geringschätzung, noch die Em- Püning einer verletzten Scham. Er wollte Gewißheit darüber haben. Für einen unternehmenden, auf Abenteuer sinnenden Charakter war nichts leichter: er brauchte diese reizende Hand, wenn er sie streifte, nur einmal in der seinigen festhalten; die Art und Weise, wie diese stumme Erklärung aufgenommen würde, mußte ihm sofort die gewünschte Antwort unzweideutig aeben. Allein Mederic war nicht unternehmend, sondern im Gegenteil schüchtern und zurückhaltend, denn er fürchtete, eine schroffe Abweisung zu erfahren und sich dadurch alle seine Hoffnungen zu zerstören. Damit bewies er nur, daß diese Hoffnungen bereits sehr lebhafte waren, daß er Hortense be- reits zu lieben angefangen hatte; er wollte sicher gehen, ans Furcht, die Aussichten, die ihm seine Phantasie eröffnet hatte, zu verlieren; darum wollte er zu einem bestimmten Einver- nehmen gelangen, bevor er es wagen würde, ihr seine Wünsche zu erkennen zu geben. Das Kartenspiel, mit welchem man allwöchentlich zwei Abende verbrachte, bot ihm das Mittel, sein Ziel zu er- reichen. Sobald La Vaupaliöre die Karten in der Hand hatte. war seine ganze Aufmerksamkeit auf sein Spiel und das seiner Gegner gerichtet. Der gleichen Hypnotisiernng war Frau Artaut anheimgefallen. Wenn daher die vier Personen am Spieltische saßen, so existierte für den Notar seine Frau nicht mehr, und die Mutter hörte auf, ihren Sohn mütterlich zu beaufsichtigen: so hatten denn Hortense und Mederic volle Freiheit zu reden und zu thun, was sie nzrr mochten. Bisher hatte er diese Freiheit nur dazu gebraucht, von geringfügigen Dingen zu plaudern, aber jetzt wollte er sie gründlich ver- werten, indem er auf den Umstand spekulierte, daß Madame La Vaupalisre leidenschaftlich wurde, wenn sie gewann, aber völlig gleichgültig blieb, wenn sie verlor. Im Misti, einer Art von Trente-un, bildet derTreff-Bube das„Mistigris". den höchsten Trumpf. Eines Abends saß er neben ihr, als dieses Spiel gespielt wurde; er lenkte ihre Aufmerksamkeit durch einen leichten Stoß auf sich, zeigte ihr eine seiner Karten, die er in der Hand hielt, und winkte, sie möchte ihre Hand nähern. „Wozu?" frug sie mit dem Blick. „Um Ihnen diese Karte zuzustecken," antlvortete er auf die gleiche Weise. Lächelnd that sie, was er gewünscht hatte. „Was habt Ihr denn?" bemerke La Vaupalisre. der zwar den Austausch der Karten nicht gesehen, aber doch eine Bewegung beider wahrgenommen hatte. Sie antwortete lachend: „Mederic ist es, der mir durch eine lebhafte Pantomime mitteilt, daß er ein schlechtes Spiel hat." „Und Madame erwidert mir auf dieselbe Art," fügte Mederic hinzu,„daß das ihrige gut ist." Und Aug' in Auge versenkt, lächelten beide einander verständnisvoll zu. n m »Nun. wo ist daS gute Spiel?" frug La Vaupaliöre. lFortsctzung folgt.) Dvv VeWelffeht. Vor einigen Wochen ging durch die Zeitungen unwidersprochen die Nachricht, daß ei» Schutzmann zu einem Fabrikanten nach Ein- ficht des Revisionsprotokolls gesagt habe:„Na, das war ja bei Ihne» selbstverständlich, daß alles in Ordnung ist; na, und den fehlenden Kesselstein werden Sie wohl bald besorgen, damit wir nicht erst Weitläufigkeiten haben." Obgleich wohl keiner unserer Leser das Fehlen von Kesselstein bei einem Dampfkessel, wie jener Schutzmann, für einen Mangel halten wird, bestehen über die Mittel zur Verhütung desselben vielfach unrichtige An- sichten. Die mehr oder weniger harte Kruste, die sich mit der Zeit aus dem Speisewasser der Dampfkessel auf der Innenwand der Kessel ansetzt, ist in zweifacher Hinsicht schädlich: erstens ist sie die Ver- anlaffung großen Verlustes an Heizmaterial, indem sie die direkte Wärmeleitung zwischen Kesselwand und Wasser verhindert, und zweitens ist sie die Ursache vieler, wenn nicht der meisten Dampf- kessel-ExPlosionen. Zu ihrer Verhütung resp. Beseitigung werden fast täglich neue Mittel angepriesen, wobei man natürlich nicht verfehlt, darauf hinzuweisen, daß das Mittel in jedem Falle ausgezeichnet wirkt. Im hygienischen Museum in Verlin sind eine ganze Reihe in dieser Weise angepriesener Kesselsteinmittel anfgesteilt, über deren Unwirksamkeit kein Zweifel besteht. Zunächst ist es widersinnig, zu behaupten, daß ein solches Mittel in jedem Falle helfe, daß es ein Universalmittel sei. Denn solche kann es gar nicht geben, weil die Kesselspeisewüsser, je nach ihrer Herkunft, sehr verschiedene Bestand- teile enthalten, fodnß was bei dem einen Wasser die Absetzung von Kesselstein verhindert, bei einem anderen Wasser ganz unwirksam sein muß. Die Speisewässer der Dampfkessel können in zwei Gruppen eingeteilt werden: in solche, die im wesentlichen Kalk an Kohlensäure gebunden enthalten und in solche, die ihn an Schwefelsäure gebunden enthalten. Beide werden durch das Erhitzen des Speisewassers un- löslich; bei dem kohlensauren Kalk vollzieht sich dieser Prozeß, in- dem durch das Erhitzen die lösende Kohlensäure aus dem Wasser ausgetrieben wird und bei dem schivefelsauren Kalk oder dem Gips, indem derselbe beim Kochen der Lösung in unlöslichen Anhydrit verwandelt ivird. Dieser ist krystallinisch; deshalb geben gipshaltige Speisewässer den härtesten Kesselstein. Auch davon, wie das Wasser ans dem Kessel nach Abstellung des Feuers abgelassen wird, hängt die größere oder geringere Härte des Kesselsteins ab. Läßt man das Wasser ablaufen, so ivird der Kesselstein trocken und zähe, läßt man dagegen vor Beseitigung das Wasser langsam abkühlen, so gelingt die Ablösung leichter. Saure Grubenwäfser sollte man möglichst nicht zur Speisung von Danipf- kesseln verwenden, denn dieselben enthalten meist außer Kalk noch andere Salze, wie Eisen- und Kupfersalze, die die Kesselwände stark angreifen. Auch das Meerwasser übt eine zerstörende Wirkung auf die Kessel auf; hier ist die Verwendung eines geeigneten Kesselstein- mittels unbedingt geboten. Dagegen ist das aus Torfmooren stammende Wasser zur Kesselspeisung sehr geeignet, da es weniger feste Bestandteile enthält und diese sich als lockerer Schlamm absetzen. Man entfenit den Kesselstein von Zeit zu Zeit durch Abklopfen und Ausbrechen mit eisernen Werkzeugen, was aber für die Haltbar- keit der Kessel nicht vorteilhaft ist, da das Metall und die Ver- nietungen dadurch angegriffen werden. Bei kupfernen Kesseln kann man den Kesselstein sehr gut mit Salzsäure entferne», die de» kohlensauren Kalk löst und den Gips als feines Pulver dabei ab- scheidet. Besteht aber der Kesselstein ans Gips allein, so kann diese Säure nichts nutzen; auch bei Gefäßen, die Eisen enthalten, kann Salzsäure nicht angewendet werden. Die Kesselsteinkriisten sind, wie schon gesagt, schlechtere Wärme- leiter als das Metall. Dadurch wird an das Wasser nicht so schnell und so viel Wärme abgegeben, als bei reiner Metallfläche, und da- durch kann der Uebelftand eintrete», daß, wenn die Krusten dick sind, und das Wasser mit dem Metall nicht mehr in Berührimg kommt. das Metall dann schnell glühend wird, und plötzlich durch sehr starke Ausdehnung desselben die anhängende Kruste reißt. Sobald dann das Wasser von niederer Temperatur mit dem glühenden Metall in Berührung kommt, findet eine heftige Dainpfentwickeliing statt. die trotz Blasens der Ventile eine Explosion des Kessels bewirkt. Die anzuwendenden Kesselsteinmittel bestehen entweder auS organischen Stoffen, auS Salzen oder ans Fettstoffen. Sie werden am besten dem Wasser schon im Vorwärmer zugesetzt. Der Zusatz von Kartoffeln, Malz und Branntweinschlenipe macht daS Wasser schleimig und verhindert das Znsammenbacken der sich aus dem Wasser niederschlagenden Keffelfteinteilchen zu harten Krusten. Man hat beobachtet, daß durch Kartoffeln sich schon vorhandene Krusten wieder auflösten. Auch gerbftoffhaltige Materialien, namentlich Catechu, geben oft gute Resultate. Aber das so behandelte Wasser ist für weitere Zwecke nicht mehr zu brauchen, weshalb diese Mittel dort nicht angewendet werden können, wo man das jübrigbleibende Kesselwasser noch anderweitig braucht. Von den angewendeten Salzen ist Soda daS beste. Sie zerlegt beim Kochen einen mehr oder weniger großen Teil des Gipses unter Bildung von Glaubersalz in kohlensauren Kalk, der einen gut zu entfernenden Schlamm bild(< � Auch Chlorbarymn wird häufig gebraucht, ist aber nicht so empfeylenswert. Die meisten Geheimmittel bestehen anS Mischungen der verschiedensten Salze, die häufig eine entgegengesetzte Wirkung haben. Von den Fettstoffen mutz das vielfach angewendete Talg entschieden verworfen werden. Die Fettsäuren des- selben bilden mit dem Kall unlösliche Kalkseifen, die sich fest an dcnKessel ansetzen und nicht nur durch schlechte Wärnieleitung bedeutende Vcr- luste verursachen, sondern auch bei plötzlichem Losspringen von der Kesselwand heftige Dampfentwickelmig und Explosionen verursachen können. Auch die Wiederbenutzung abgetriebenen Speisewassers ist deshalb gefährlich, weil dasselbe von der Bcichhrung mit den ein- gefetteten Hähnen fetthaltig wird und die Bildung und Fest- setzung unlöslicher Kalkseifen am Boden veranlatzt. Dadurch wurde die Explosion eines Siederohrkessels in einer Leipziger Buch- druckerei am 6. März 1897 veranlatzt. Besser eignet sich als Kesselsteinmittel flüssiges Paraffin, das durch Kalk nicht verseift wird. In den letzten Jahren wurden von einer deutschen Maschinen- fabrik Pctrolcuminjektoren zur Verhütung von Kesselstein in den Handel gebracht, die sich gut bewähren sollen. Sehr zwcckmätzig ist das englische Gesetz, welches vorschreibt, datz kein Mittel gegen Kesselstein ohne Zustiminung des Kessel- Überwachungsvereins benutzt und kcins durch das Mannloch oder das Sicherheitsventil, sondern nur in kleinen Mengen durch das Speise- Wasser zugeführt werden darf.— lrv. Kleines Feuilleton. k. Nutcrbrochciie Thcaterporstcllimgen. Heutzutage lassen sich die Theaterbesucher nicht so leicht niehr hinreitzen, in den Gang der Handlung auf der Bühne einzugreifen, und es erregt ein be- solideres Aufsehen, wenn es einmal geschieht. Früher kam das öfter vor. Ein paar lustige Beispiele finden wir in einer Londoner Revue erzählt. Als Mdme. Celeste in dem„unsterblichen" Werke„Green Bushcs" auftrat und in der Rolle der Minini, der Indianerin, ihren Gatten, einen Engländer, crichotz, weil dieser sie verlassen hatte, erhob sich plötzlich eine Frau und rief laut:„Giebas ihm ordentlich I Er ist gerade so ein Scheusal, wie mein Mann I"— Als im Herbst 1874 iin Olynipia- Theater„Die beiden Waisen" aufgeführt Ivurden, warf eine junge Dame»üt den Worten:„Sie Biest I" erregt ihr Opernglas auf MrS. Huntley, die Mr. Henry Neville als deir Krüppel Pierre in der Dachstubensccne mitzhandclte.— Grimaldi wnrde im Sadlers Wclls-Theater eines Tages ausgezischt, nachdem er sein berühmtes kölnisches Lied„Tippitywitchet" gesungen hatte. Er wandte sich an das Publikum und sagte:„Ich habe genickt, die Stirn gerunzelt, die Nase gerümpft, geivürgt, gegähnt, geschrieen, gegrinst, Grimassen geschnitten, geschluckt, kurz alles gethan, waS mit Kinn. Stini, Rase, Backen, Augen und Mund zu erreichen war. Was wollt Ihr denn noch mehr?"„Was wir wollen?" gähnte einer aiis dein Publikum,„ein ncilcs Gesicht wollen wir!"— Eine be- sonders drollige Anekdote erzählte die später berühmt gewordene Mitz Mellon:„Als ich»och ein armes Mädel war, das sehr hart für seine 30 Schilling in der Woche arbeiten mutzte, ging ich während der Ferien nach Liverpool, wo ich innner sehr gut aufgenommen wurde. Ich sollte in einem neuen Stück austreten, und die Rolle einer in grötztcr Arinnt zurückgelassenen Waise darstellen. Ein herzloser Kauffiimm verfolgt die arme Heldin des Stückes wegen einer grotzcu Schuld und will sie ins Gefängnis bringen, wenn nie», and für sie Bürgschaft leistet. Das Mädchen erwidert:„Dann habe ich keine Hoffnung, denn ich besitze keinen Freund in der Welt." „Was? Wird kein einziger für Sie Bürgschaft leisten, um Sie vor dem Gefängnis zu retten?" fragte der gestrenge Gläubiger.„Ich sagte Ihnen schon, ich habe in der ganzen Welt keinen Freund," lautete die Autivort wieder: aber kaum hatte ich das gesagt, als ein Matrose oben in der Galerie ansspraug, sich über das Gc- länder schwang, und indem er sich von-einenl Rang zum ander» hinnblictz und über das Orchester hiulvegsprang, sich in einem Moment neben mich auf die Bühne stellte.„Einen Freund haben Sie doch, liebe junge Frau", sagte er mit dem grötztem Ernst,„ich will für jeden beliebigen Betrag Bürgschaft leisten, und Sie"— mit diesen Worten wandte er sich an den verblüfften.Schauspieler—, „Sie Schlingel, wenn Sie sich jetzt nicht drücken, wird es Ihnen schlecht gehen." Der Lärm im Theater nach diesem Ausspruch war unbeschreiblich. Trotz des Gelächters im Publikum blieb der Matrose uucrschüttcrlich als mein Beschützer bei mir stehen und konnte erst zum Gehen bewogen werden, als der Direktor mir ein paar Kassen- cheine, den Betrag der Bürgschaft, überreichte."— Litterarisches. Reue Lieder der besten neueren Dichter für'S Volk zu- sammengestellt von Dr. Ludwig Jacobotvski.— Berlin. M. Liemann.— Der Herausgeber sitzt im Vorstände der„Reuen freien Volksbühne", die auf ihre Ankündigungen drucken läßt: Die Kunst dem Volke! Was diese Vereinigung durch Vorführung dramatischer Werke erreichen will, sucht Jacobowsli durch reichliche Gaben lyrischer Natur zu erzielen, er will„dem Volke" einen Bnich- teil Kunstpoesie zuführen. Der Versuch- wurde gleich im Groben unternommen. Die 160 Seiten starke Sammlung„Reue Lieder für's Volk" ist in einer Auflage von 100 000 Stück gedruckt worden und soll fast nur auf den, Wege der Kolportage in ganz Deutschland verbreitet werden. Das Heft kostet 10 Pfennige. Auch der Heraus- gcbcr hat sich redlich bemüht. Er ist ein tüchtiger, gewissenhafter Schriftsteller, der weitz, was er will. Es ist nur zu begrützen, datz er in der Auswahl bis zu den„Jüngsten" herab- gegangen ist! es ist nicht»ottveudig, datz das Volk erst dreitzig Jahre nach dem Tode eines Dichters erfährt, was er geschaffen. Jacobotvski besitzt Geschniack, natürlichen, keinen Modegeschmack. Aber seine Sammlung ist zu lilterarisch. Jeder, der sich mit Verinittclung von Kunst an ein größeres Publikum befaßt, ist zu einem Kompromiß gezwungen. Vor jeder Darbietung mutz er sich fragen: Wie hoch darfst du das künstlerische Niveau ansetzen, datz der Großteil deiner Leser dir mit Verstand und Gemüt noch folgen kann? Setzt er den Strich zu niedrig, kommt etwas„Unparteiisches" heraus, will er oben hinaus, dann geht's ihm wie Jacobowsli. Der Sammlung„Neue Lieder" guckt der Litterat schon aus dem Titel. Der b e st e n neueren Dichter. Ist ein Urteil und ein überflüssiges. Die schlechtesten wird man doch nicht aussuchen I„Fürs Volk!" Klingt wie: Da hast du etwas. Ist etwas Gutes. Bedanke dich auch schön, du Handwerker, Arbeiter oder Bauer. Zum Schluß das Dr. vor dem Namen. Weitz der Herausgeber nicht, datz das„Volk", das er meint, nur einem Doktor Vertrauen entgegenbringt, dem Arzte? Das Büchlein wird in ge- wissen Kreisen wenig Anklang finden; der„patriotische" Rataplan- Ton fehlt ihm fast gänzlich. Pastorenreime giebts aber genug. Auf. diesem Gebiete fehlt dem Herausgeber die Lebenserfahrung. Er meinte, er mützte auch so etwas geben. Aehnlich steht es mit den socialen Gedichten. Mit Ausnahme einiger Prachtstücke von Liliencron,. Dehmcl 2c. seufzt da nur die Entsagung, predigt die Versöhnung. Den Charakter der ganzen Sammlung bestimmen die Liebeslieder, schöne und weniger schöne. Und sie werden das Büchlein empfehlen beim jungen Volke. Der„Buchschmuck" hätte wegbleiben können.— Kunst.>— x I. Ein japanisches Porträt aus dem 13. Jahr» hundert. Ein Kunstiverk, das in seiner Art einzig dasteht nnd für die Geschichte der japanischen Kunst eine außerordentliche Be» dcutung hat, ist kürzlich nach Paris in die Sammlung Charles Gillot gekommen. ES ist das lebenswahre Porträt eines Priesters. Gaston Migcon, der das Werk in der„Gazette des Beaux-Arts" zur Abbildung bringt und eingehend würdigt, weist darauf hin, datz bei den Japanern die Kunst des individuellen Porträts bisher völlig unbekannt zu sein schien. Ihre Figuren sind fast immer monoton und ausdruckslos, obwohl sie ausgezeichnet verstanden haben, gewisse typische Ausdrucksformen für Grausamkeit, Verschlagen- hcit oder Sinnlichkeit zu finden. Das jetzt nach Paris gekommene Wcrl� ist ff das erste jsi'in �Europa bekannt', gewordene eigcnt» liche Porträt. Es ist ein Kakemono(Malerei auf Seide und Papier, die zusammengerollt wird). Die Darstellung ist von einer großen Einfachheit. Der Priester, der ein gelbbraunes Ge» wand trägt, sitzt zur Seite gewendet und ein wenig vorgebeugt in einem Fautcuil, über dessen hohe Rückenlehne ein grauer Stoff lose geworfen ist. Ucber seine Kme gebreitet liegt eine mit weißen Lotosknospen geschmückte Decke. Auf diese sind gelegt ein„Dcgoro". ein Wcihrauchlästchen von vergoldeter Bronze,' in Lotosforni, mit zarter Goldarbeit geschmückt, und ein Behälter mit den buddhistischen Büchern, der in einen Seidenstoff gehüllt ist. Das Ganze ist im Tone von einer diskreten Harmonie. Die Figur selbst ist mit kühnem und sichcrem Schwünge gezeichnet. Lebhafte und durchdringende Augen leuchten aus dem rundlichen Gesicht heraus, das von einer großen Gut- mütigkeit zu zeugen scheint. In Haltung nnd Ausdruck ist da« Porträt von großer Lebendigkeit. Die ein wenig dicken Hände sind peinlich genau gezeichnet, auch die Fingernägel minitiös angegeben. Der seidene Hintergrund ist an verschiedenen Stellen beschädigt und lätzt das Papier durchscheinen; dagegen haben die mit Gouachesarben behandelten Stellen, die Stoffe, die Requisiten, die Fleischpartien die Seide behalten. Eine Inschrift auf der Rückseite des Blattes giebt den Namen des Priesters nnd ermöglicht auch eine Datterung: „Jitchin-OShS-Shishitzu-Scnsei(Name'des Priesters) von Gaku- Auji(Name des Tempels) in dem Distrikt Higari, Provinz Damato". Ans historischen Dokumenten, die sich m einem Werke des 17. Jahrhunderts gesammelt finden, ergiebt sich. datz Jitchin, ein Haupt der Tondai-Sekte. im Jahre 1225 gestorben ist, sodatz das Porttät, nach dem Alter des Dargestellten zu urteilen, für die Jahre 1210—1225 anzusetzen ist. Die spärlichen Reste japanischer Malerei aus früher Zeit, die bisher bekannt geworden sind, bewegten sich ausschließlich auf religiösein Gebiete. Vielleicht gesellen sich aber zu dem ersten lebenswahren Porträt noch andere hinzu. Damals hatte man in allen Tempeln die Ge- wohnhcit, die Porträts der bedeutendsten Priester auf« zubewahren; und in jedem Jahre wurde an dem Tage, an dem man eine Gedächttnsfeier für sie veranstaltete, ihr Bild aufgerollt und ausgehängt. Die künstlerische Vollendung des Jitchin-Porträts, die sichere breite Behandlung, der Reichtum an gedämpften Tönen und das Verständnis für dekorative Wirkung setzten eine lange lünst» lerische Entwickclung voraus, zu der die Japaner sicher die erste An- rcgung von den Chinesen erhalten haben.— Erziehn«g und Unterricht. „ Das Schulturnen in Japan. In den Vorschulen für Kinder von 6— 10 Jahren wird Unterricht erteilt in der Sitten» kehre, im Lesen, Schreiben, Rechnen und Turnen. Dazu kommt dann noch Zeichnen und Singen, sowie für Mädchen Nähen. In den Elementarschulen bei den Kindern von 10—15 Jahren gehört da» Turnen zu den wichtigsten Fächern. Während der drei erste» Jahres sind ihm drei, in den beiden setzten siinf Ivöchcntsiche Lchrstimdcn gewidmet. An Stnndenzcihl wird es hier nur von dem Jnpanischen fö Stunden) und den fremden Sprache»(6 Stunden) erreicht vezw. übertroffen. In den höhere» Schulen, bei Knaben von 15— 19 Jahren nimmt es mit 6 Stunden die erste Stelle unter allen Lehrfächern ein. Der Unterricht gliedert sich wie bei uns in Frei-, Ordnrrngs- und Gerätübungen. Eigentümlich aber ist dem japanischen Schuliurnen das außerordentliche Gewicht, daS, wie die „Zeitschrift für Turnen und Jugendspier mitteilt, den militärischen Uebungen beigelegt wird. Vom Einzeldrill wird hier fortgeschritten bis zum BatmNoüsexerziercn, und schließlich werden Scheibcnslliicßen, Feldvienstübungen und Befestigungsarbeiten vorgenommen. Außerdem Iverden die Schüler der obersten Klassen noch besonders als Gehilfen der in den unteren Klaffe» unterrichtenden Tumlchrer aus- gebildet.— Aus der Pflanzenwelt. — lieber die Blütenfarben, ihre Entstehung und Nnancie- rung hielt Prof. Karl Müller in der letzten Sitzung des Vereins zur Beförderung des Gartenbaus einen Vortrag. Einem Bericht der „Boss. Ztg." entnehmen wir folgendes: Der Vortragende erörterte zunächst die Frage, ob die Mannigfaltigkeit der Blüteufarben ans ähnlich einfacher Gnmdlage— dem Dreifarbenshstem Rot, Blau. Grün— beruht wie die Photographie in natürliche» Farbe», oder ob so viel verschiedene Farben(Farbstoffe) vorhanden find, wie fichtbare Nuancen in den Blumen auftreten. Bei aller Manuig- faltigkeit der Blütenfärbung konmie» doch in der Hauptsache Im er Grundfarben in Betracht: Weiß, Blau, Rot und Gelb. Diese Grundfarben sind ihrem Wesen nach einzeln zu betrachten. Das�W ei ß beruht auf der Farblostglcil der niiiroskvpischen Elemente(der Zellen). Die farblosen Zellen liefern im lückenlosen Zusammenschluß eine wässerig erscheinende Masse. Soll diese schneeweiß erscheine», so bedarf es der Ein- lagerung reichlicher Luftmengen. DaS reflektierte Licht erscheint durch diese als schneeiges Weiß, so bei locker geschichtetem Schnee (der zusammengeballt wässerig aussieht), beim Schaum(Vierschauin), bevn geschlagenen Eilveis u. a. m. Die blaue Farbe dagegen beruht in allen Füllen auf dem Vorhandensein eines im Zellsaste gelösten Farbstoffes, des Aiithocyans, der seiner Entstehung nach ein Ablömmlung der Gerbsäure sei» dürste. In schwacher Lösung, auf weiß reflektierendem Untergrunde erscheint es himmelblau, in starker Löstmg je nach der Dicke der Schicht tiefblau bis schwarzbla», wie im veredelte» Stiefimütterchen. Das blaue Anthochan entspricht nun in seinem cheintschen Verhalten dem LackimiSfarbstoff. Wie dieser erscheint es in saurer Lösung rot. Daher der scheinbar »vidersinnige Satz: blaue und rothe Blüte» werden von demselben Farbstoffe erzeugt. Schwache rote Lösimgen auf weißem Unter- gründe lassen die Blüten zart rosa erscheinen. Je stärker die Lösung, desto satter rot sind die Blüten bis zum Schwarzrot, wie man au den zahllosen Farbcnabsinfnngen die roten Rosen wahrnehmen kaim. Was nun das Gelb betrifft, so ist eS im Gegensatze zu Blau stets an lebendes Protoplasma gebunden, das in Forin von Kügelchen oder mannigfach anders gestalteten Körperteil(Chromatophoren) den eigentlichen Farbstoff von öliger Beschaffenheit nach Art eines äußerst feinen mikroslopischen Schwammes in sich anffpeichert. Der geformte gelbe Farbstoff wird als Anthoxanthin oder Ziantophyll bezeichnet. Wahrscheinlich stimmt er mit dem Farbstoff der Karotten(den der Vor- tragende im Auszüge darstellte) Übcrein. Derselbe Farbstoff verursacht auch die Gelbfärbimg des Laubes im Herbste und steht, wie hieraus hervorgeht, mit der Zersetznng des grünen Farbstoffes der Blätter(das Chlorophyll) in Beziehung. Die Nuance der gelben Blüten hängt naturgemäß wieder von der Menge des vorhandenen Anthoxanthins ab. Alle anderen, nicht erwähnten Farben beruhen auf Mischwirfimg. So giebt rothes Anthochan, über gelbe Gewebemaffcn ausgebreitet, die verschiedenen Abstufungen des Orange vom Sattgelb bis zum tiefen Rothgelb. Violettblau und Gelb liefert braune Fär- Hungen M. Ergebnis der ganzen Vetrachtmig ist also, daß die Natur seit undenklichen Zeiten eigentlich das Dreifnrbcn- Verfahren an- wendet und zwar ans den Grundfarben Roth, Blau und Gelb, wobei Grün aus der Mischung von Gelb und Blau entsteht. Für die Schönheit der Blunren kommen nun aber nicht die Farben allein, fondern noch besondere Gestaltungen in Betracht. So ist beispielS- weis« zu beachten, daß der Schmelz der Blüten ans der Ausgestaltung der oherflächlicheii Zellen beruht. Insonderheit ist die zarte Saminet- beschaffenheit zurückzuführen auf Ausgestaltung zahlreicher nnkro- fkopischer Papillen, die in ihrer Gesamtheit ähnlich wie dicht gestellte mikroskopische Haare eine Sammetwirkung hervorrufen.— Astronomisches. 88. Vom neuen Saturnmond. Prof. William Pickering von der Harvard-Sternwarte m Cambridge bei Boston, der Entdecker des neuen Trabanten des Planeten Saturn, hat den Vorschlag ge- macht, diesem den Namen„Phoebe" beizulegen, den in der griechischen Mythologie eine Schwester des Gottes Saturn trägt. Bisher führen bereits drei Saturn-Monde die Namen bon Schwestern des Saturn, nämlich Tethys, Dione und Rhca. ferner zwei die »amen seiner Brüder Hyperyon und Japetus. Aus den bisherigen Beobachtungen des neuen Sawrn-BegleiterS geht hervor, daß er sich in einer stark länglichen Ellipse um den Planeten bewegt und ' 7" BcranuvvrlUchcr Redacleur: August Jacobey in Ber daß seine Bahn nahezu in der Ebene der Ekliptik liegt, was übrigens nach der bereits früher geäußerten Ansicht de» Astronomen Asaph Hall bei dem großen Abstände des MondeS voni Hauptkörper zu erwarten war, da die Anziehung des Saturn auf diese» äußersten Mond die der Sonne nur um ein geringes überwiegt. Daß der fragliche Mond den astronomischen Beobachtungen so lange entgangen ist, ist gar nicht zu verwundern, und man darf behaupten, daß wir von seinem Vorhandensein ohne die Anwendung der Photographie noch lange keine Kennwis erhalten haben würden. Auf den photogravhischen Aufnahmen, die an der Harvard-Stern» warte von dem System des Saturn gemacht wurden, erscheint der achte Satuni-Mond, der bisher den äußersten Abstand von dem Planeten einnahm und von diesem um mehr als Sonnen- dnrchmefser entfernt ist, noch als ein deutliches Objekt, während daS Licht des iicnen, noch weiter entferiiten MondeS noch um l1/* Größenklassen schwächer erscheint. Wenn man auf dem Saturn selbst stünde, so würde dieser Mond nur als ein schwacher Stern von etwa sechster Größe erscheinen und mit bloßem Auge noch eben sichtbar sein, d. h. nur noch für außerordentlich scharfe Augen. Der Durchmeffer des Mondes kann vorläufig auf etwa 320 Kilometer geschätzt werden(etwa die Entfernung von Berlin bis zur Elbe- Mündung). Danach dürfte er der kleinste Körper des ganzen Sonnen- systems sein, mit Ausnahme der Planetoidengruppe. Der Direktor der Lick- Sternwarte, Professor Kceler, schreibt mit Bezug darauf: „In Anbetracht der außerordentlichen Lichtschwüche des Trabanten und seines großen AbstcrndeS vom Saturn ist nicht überraschend, daß seine'Entdeckung nicht durch das Fernrohr geschah. Wenn' ein großes Teleskop auf den Saturn gerichtet wird, so liegen die Monde lveit außerhalb der Grenzen des Gesichtsfeldes."— Meteorologisches. — Eine prächtige Halo-Ers cheinnng wurde am 6. März nachmittags 3 Ilhr in Bremen beobachtet. Der„Mutter Erde" wird darüber mitgeteilt: Der Tag war klar und kalt, zerschlissene, faserige Eiiri und ein heftiger Wechsclwind kündigten indessen gegen Mittag den Einfall einer oberen, warmen Lustströmnug an. Zur Zeit des Phänomens waren Sonne und westlicher Himmel von einem feilien Cirrusschleier bedeckt, der sich plötzlich zu drei Liclitringen verdichtete, deren kleinster in mattem weißen Schimmer erstrahlender Hof rechts von einem hellen Wolkenstrcisen durchbrochen wurde, an der KraizungSsteLe eine glänzende Nebensonne bildend. Den zlveiten größeren am Liinenrande die umgekehrten Regenbogeiifarben aufweisenden Lichthof tangierte»in großer, nach Norden offener, fragmeiitarischcr Kreisbogen, der gleichfalls an der Juneiiseite die Regenbogeiifarben in nmgekehrter Folge aufwies. Den fesselndsten Teil des Phnnoinens bildete iiidesscii ein den Zenith durchschneidendes Bruchstück des dritten konzentrischen Ringes, das ans azurnem Grunde in glühendster Farbenpracht erstrahlte. Die Erscheimmg nfiihrte, an Helligkeit und Glanz wechselnd, ca. 12 Min nie», schien iudcffcn nur iveuig Beobachter zu finden.— Humoristisches. — Der Afrikareisende.„Ihr Herr Gemahl hat also die Absicht, eine Fußtour nach Tirol zu machen?" „Ach Gott. Ivie schrecklich, hat er Ihnen daS mich gesagt? Denken Sie mir, seit er ans Afrika zurück ist, leidet er an Ber- größerungsivahn. Wein, er z. B. auf dein Tcmpelhofer Feld war. lomnit er nach Hause und erzählt mir, er habe die Zugspitze be- stiegen."— — Mütterlicher Rat..Thn' doch waS! Du bist ja groß genug i warum dichtest Du eigentlich nicht? Deine Frcundui Ella dichtet ja auch."—(„Siuiplic.") — I n C o in p a g n i e. A.(in der Kunstausstellung, vor einem S t i kl l e b e n):„Dieses Bild ist von m i r und dem berühmten Maler Zucci!" B,:„Wieso?' A.:„Ich Hab' nämlich die Wärst' gemacht, und er hat sie abgemaltl"—(„Flieg, Bl.") >>> Notize«. — In der kleinen Kirche von G o l d b a ch bei Ueberlingen am Bodensce sind unter der vierfachen Wandschicht Spuren von Bildern aufgedeckt, die aller Wahrscheinlichleit nach als Erzeug- nisse der in mittelallerlichcr Kunstübung einzig dastehenden M a l e r- schule der Abtei Reichenau zu betrachten find.— — Der Verlag der„Jugend" in M ü ir ch e ir wird die in seinem Besitze befindlichen Originalzeichnungen der Jahr- gänge 1896 und 1397 der„Jugend" versteigern. An dem Er- trägnis werden die Künstler beteiligt.— t. Eine topographische Landesaufnahme be« absichtigt die französische Regierung in ihrer Kongo-Kolonie. Eine niit der Ausführung betraute Expedition ist bereits m Vor- bereitung.— t. Eine Sammlung von 7000 Bogelbälgen, die sämtlich ihre Heimat in Nord-Amerika haben, � ist von der Naturwissens chastlichen Akademie m Philadelphia angekauft worden.—____ in. Druck und Vertag von Ültax Babing m Verirr.