Hlntcrhaltmrgsblalt des Wrwarls Nr. 95. Mittwoch, den 17. Mai. 1899 (Nachdruck verboten.) so] Dvv S�zuldirle? Roman von Hector Malot. IX. Obwohl ihr der Mbe Charles die Absolution, die sie ihm zu entreißen gehofft, verweigert hatte, so war sie doch von dein Ergebnis ihrer Reise sehr befriedigt zurückgekommen. Sie hatte sich das Geständnis ihres Verbrechens schwieriger vorgestellt. Nun war es ihr sozusagen ganz von selbst cnt- flössen. Nun war sie die Sache los. Jetzt mochte der Abb« Charles sehen, wie er damit fertig wurde, denn nun hatte sie sie ihm zu tragen gegeben. Er mochte mm die härtesten Reden an sie richten, ihr die blutigsten VoNvürfe machen, die schwerste» Bußen, die sich erfinden ließen, auferlegen. - Und was dann? Sie würde alle Bußen vollbringen, und die Sache würde abgethan sein. Es war ihr bisweilen etwas un- augenchin, daß der brave Pfarrer nun ihr Geheimniß kannte, allein schließlich fand sie, daß das im Grunde ganz gut sei, weil sie nun mit ihm darüber plaudern könnte, ein Geist- lichcr ist nicht wie ein gewöhnlicher Mann: sein Herz ist offen, seine Lippen sind geschlossen; das ist viel Ivert, dachte sie in ihrer leichtfertigen Art, alles zu ihrem Vorteil auszu- legen. Das einzige Bedauern, das ihr von der Verweigerung der Absolution zurückblieb, kam ihr bei dem Gedanken, daß sie nun Mederic noch nicht glücklich machen konnte; aber der teure Junge liebte sie so herzlich, daß er warten würde, ohne sich allzu heftig zu beklagen. Mißlich war es für sie, daß sie ihrem Manne die Nach- richt von der Verheiratung des Onkels Benoit mitzuteilen hatte. Wie würde er diese unerwartete Botschaft aufnehmen? Oft genug hatte der Onkel Benoit zu ihnen gesagt:„Ihr werdet mich beerben, meine lieben Kinder, darauf könnt Ihr Euch verlassen. Auch rechnete La Vaupalisre ganz be- stimmt auf diese Erbschaft, als hätte er sie schon. So lange er nichts hatte, war er uneigennützig gctvesen, aber der Besitz hatte bald ein ehrgeiziges Streben in ihm erweckt, das eben mittels der Hinterlassenschaft des Onkels verwirklicht werden sollte: er gedachte das Bureau in Oiffel zu verkaufen und nach Paris überzusiedeln; dort wollte er große Geschäfte unternehmen; zwei oder drei Jahre sollten ihm genügen, um ein gemachter Mann zu werden. Was würde er nun sagen, wenn das uneheliche Kind Gibourdels durch die Heirat an- erkannt und erbberechtigt würde? Als sie ihm nach dem Abendeffen die bevorstehende Heirat mitteilte, rief er mit wntersticktcr Stimme: „Aber das ist ja ein Diebstahl!" „Kann er mit seinem Leben und seinem Gclde nicht machen was er will?" „Mit seinem Gelde nicht, denn er hat uns hundertmal feierlich versprochen, es uns zu hinterlassen." „Er könnte ja auch noch sehr lange leben bleiben." „Gewiß, und ich habe auch nicht auf seinen Tod spekuliert, aber es ging doch sichtlich abwärts mit ihm. lange Jahre hat er also nicht mehr vor sich." „ES ging so sehr abwärts mit ihm. daß er heiratet." „Und was hast Du geantwortet, als er Dir seinen Ent- schluß ankündigte?" „Der Abb« Charles hat ihn mir angekündigt." „Er freut sich gewiß noch dariiber." „Hat er von seinem Standpunkte ans nicht ein Recht dazu?" „Und Du hieltest ihn für einen treuen Freund!" „Die Religion steht ihm höher als die Freundschaft." „Also Du gicbst ihm recht?" „Ich habe ihm iveder recht noch unrecht zu geben." „Und Dein Onkel?" „Wenn die Sache noch nicht so weit vorgeschritten ge- Wesen wäre, so hätte ich versucht, ihn von seinem Vorsatz ab- zubringen, denn dieses Frauenzimmer wird ihm seine alten Tage schwer genug machen, aber sie hat ihn so in ihrer Gewalt, daß alle Reden der Welt nichts fruchten würden." „Das soll mich doch nicht abhalten, ihm zuschreiben." „Was willst Du ihm schreiben?" „Das; er ein alter Narr und ein Schurke ist, denn das ist man, wenn man sein Wort nicht hält." „Und was soll dieser Brief bewirken?" „Wenigstens wird er mir die Galle erleichtern." „Nun, dann schreibe ihm." „Du nimmst die Sache so ruhig hin!" „Wie kann ich sie ändern?" „Du weißt doch, daß dieser Schritt alle meine Pläne über den Hairfen wirst; wenn wir diese Erbschaft nicht machen, so bleiben wir hier!" „Nun, so bleiben wir eben." „Und da die Einnahmen des Bureaus zurückgegangen sind, weil ich die Geschäfte anders betreibe, als Herr Eourte- heuse, so werden wir uns einschränken müssen!" „?!un, so schränken wir uns eben ein." Je mehr er sich in die Hitze redete, desto kälter blieb sie. hoffend, ihn dadurch zu beschwichtigen. Allein die Wirkung >var gerade die umgekehrte: es genügte, daß sie einer Meinung war, damit ihm sofort die entgegengesetzte ein- leuchtete. „Du möchtest also durchaus in Oiffel bleiben?" „Und Du möchtest also durchaus nach Paris?" Sie blickten einander einen Augenblick tief in die Augen. „Habe ich nicht gute Gründe, unsere Uebersiedelung nach Paris zu wünschen?" „Und kann ich nicht ebenso gute haben, hier bleiben zu wollen?" „Das meine ich gerade, und ich finde, daß diese Gründe sehr starke sein müssen, damit Du Dich so leicht in das ärm- liche Leben findest, zu dem uns Dein Schuft von Onkel durch seine Verheiratung nötigt." „Was nützt es, sich gegen etwas auflehnen, was man nicht verhindern kann? Wir mögen sagen und thun, was wir wollen, so wird dadurch meinem Onkel doch diese Person nicht entrissen." „In Eurer Familie scheint man der Leidenschast schwer widerstehen zu können." „Du weißt es Keffer, als irgend jemand: übrigens scheint sie mir im Geschlechte der La Vaupalieres nicht anders bestellt zu sein." „Was willst Du dannt andeuten?" „Ganz dasselbe, was Du damit sagen willst." Wiederum blickten beide einander herausfordernd an. Er nahm aufs neue das Wort: „Ich will damit sagen, daß Du, um so gerne in Oiffel bleiben zu wollen, hier Befriedigung gefunden haben oder bald zu finden hoffen mnßt, welche Dir, für eine Frau von Deinem Temperament, den Verlust der Erbschaft Deines Onkels sehr leicht machen." Es war dies das erstemal, daß er offen auf Mederic anspielte; sie geriet aber nicht in Verlegenheit, sondern antwortete: „Und ich wollte sagen, daß es Dir nur deshalb leid thnt, nicht nach Paris ziehen zu können, weil Du infolge dessen während des Winters einen Umgang entbehren mußt, der ans einen Mann von Deinem Temperament eine un- widerstehliche Anziehung ausübt." Zum erstenmale machte sie eine Anspielung auf Rosa Mialonx, allein er nahm dieselbe nicht so gleichnmtig hin, wie sie die seine ans Mederic. „Was Du da sagst, ist einfältig." „Nicht einfältiger, als das, was Du gesagt hast." „Jedenfalls benachrichtige ich Dich, da wir einmal von dem Gegenstande reden, daß Du, falls Du etwa das früher Geschehene zu wiederholen geneigt Wärest, Deinen Mann finden würdest." „Was ist denn früher geschehen?" „Ich werde kein Courtehense sein." „Damit es einen Courtehense gebe, müßte paliere dabei sein." Wer nur die Worte gehört hätte, dem wären sie ein Rätsel geblieben, aber der Ton, in dem sie gesprochen, und die Blicke, von denen sie begleitet wurden, ließen über ihren Sinn keinen Zweifel obwalten. „Du Wirst mich nicht hintergehen, wie Du Courtehcuse ein La Vau» — 3: hintergangen hast," sagte er,„und wenn Du Dich etwa meiner so entledigen wolltest, wie Du Dich seiner entledigt hast— wessen ich Dich ganz fähig glaube— so würde ich mich nicht ins Jenseits schicken lassen, ohne mich zu der- leidigen." „Damit ich auf die Idee käme, mich Deiner zu ent- ledigen, müßte sie mir eingegeben werden, und Mederic ist dessen in jeder Hinsicht unfähig, da er Dir in keinem Punkte gleicht." „Ehemals warst Du freimütiger," versetzte er laut. „Und Du warst nicht minder vorsichtig in Deinen Insinuationen; der Unterschied ist nur, daß Du ehemals Akte insinuiertes und jetzt Beschuldigungen; das ist sehr schlau, ändert aber nichts an der Verantwortlichkeit; jeder von uns hat die seine zu tragen, Du die der Einflößung, ich die der Ausführung." „Du Iveißt sehr Wohl, daß diese Anklage nur in Deinem teuflischen Geiste wurzelt; aber nichts von allem, was Du lagen magst, wird mich an Dich binden." „Ich habe Dich nicht an mich gebunden, sondern Du selbst, als Du mich vorantriebst, und noch mehr, als Du mich heiratetest: diese Bande sind unzerreißbar. Du versuchst um- sonst, sie abzuschütteln oder mich zurückzustoßen." „Da irrst Du Dich; etwas wird sie auflösen." „Und was denn?" „Das neue Leben, das wir von heute beginnen werden; Dn wirst begreifen, daß ich nichts Gemeinsames mehr zwischen uns ertrage." „Nichts mehr als die Vergangenheit." „Und daß wir künstig einander völlig Fremde sein werden." „Du solltest die Scheidung wollen?" rief sie. „Die moralische, ja, und so vollständig als möglich." „Die moralische?" „Die andere soll auch folgen." „Das kann noch eine Weile dauern!" „Hast Du Eile damit?" „Und Du?" „Ich sehne mich danach, Dich weder mehr zu sehen, noch zu hören; dann wünsche ich nur noch. Dich auf elvig zu Ver- gessen." Er schleuderte ihr diese Worte mit Hefttgkeit zu, als wollte er sie mit denselben zerniälmen, allein sie antwortete ruhig: „Für Leute, die ein Abgrund trennt, stimmen wir über gewisse Dinge inerkwürdig überein. Es ist, als hätten wir uns verabredet, das gleiche zu denken, denn auch ich mag Dich nicht mehr sehen, und möchte Dich für immer ver- gessen." „Das soll Dir bald zu teil werden, ich verspreche es Dir I" „Aber nilr recht bald!" Er schritt mit geballten Fäusten auf sie zu und rief: „Elende I" Sie blickte ihn fest und erhobenen Hauptes an und er- widerte: „Wir stimmen wiederum überein." „Oh, warum kann ich Dich nicht zerschmettern I" „Das ist's eben; Du wagst es nicht; mit bloßen Worten kann man Die, deren man sich entledigen will, nicht um- bringen." Sie blieben dicht vor einander mit flammensprühenden, drohenden Blicken stehen. „Du weißt, niir machst Du keine Furcht," sagte er. „Das ist ein Punkt, in welchem wir nicht mehr über- einstimmen," versetzte sie,„Du machst mir allerdings Furcht, denn ich habe Dich kennen lernen— zu meinem Unglück." „Du sprichst noch von Deinem Unglück!" „Das fehlt Dir gerade noch, daß Du Dich beklagtest und als Opfer hinstelltest." Sie waren im Haß soweit gekommen, daß sie, wenn sie sich nicht aufeinander stürzen wollten, sich notlvendig trennen mußten. „Packe Dich fort!" rief er. „Sehr gerne." Sie schritt der Thüre zu; als sie aber die Hand auf den Drücker legte, hielt sie inne und wandte sich zurück, denn sie hatte sich überlegt, daß es vielleicht unvorsichtig von ihr wäre, allzu deutlich ihre Gesinnung erkennen zu lassen; sie mußten noch eine Zeitlang neben einander leben, und da war es doch besser, diese Existenz erträglich zu machen. „Die Worte sind oft rascher als die Gedanken", sagte sie. 8 „Ja, und die Gedanken gehen oft weiter als die Worte," erwiderte er, da in ihm keine solche Beschwichttgung vor- gegangen war, mit der ganzen Brutalität der Wut. „Wenn das wahr ist, so ist es nicht sehr beruhigend." X. Welche Ueberraschung herrschte im Bureau, als am Morgen nach dieser Scene zwischen den beiden Ehegatten La Vaupalisre dem Gehilfen Fauchon die Weisung gab, das Mobiliar seines Schlafzimmers bei einer auf vierzehn Tage später anstehenden Auktion mit zu versteigern. Warum? Die Möbel waren ja noch ganz gut erhalten! Während die Gehilfen noch mit einander über den mög- lichen Beweggrund des Notars stritten, kamen Tags darauf zu ihrer neuen Ueberraschung Arbcitsleute aus Rouen und richteten für Herrn La Vaupaliere ein besonderes Schlaf- zinimer ein. „Was bedeutet das? Das Ehepaar, das man überall so zärtlich beisammen sieht, will sich plötzlich separieren? DaS ist ja verrückt!" rief Boulnois. „Wie lange ist es her, daß Sie die beiden zärtlich bei- sammen gesehen haben!" frug Fauchon. Boulnois konnte keinen Tag nennen, mußte aber zugeben, daß es schon lange her sei. „Da sehen Sie's ja?" rief Mederic ttiumphierend. „Was beweist das?" „Das beiveist, daß sie jetzt nicht mehr zärtlich mit einander sind." „Ja, so geht's im Leben," meinte Fauchon, der sich neuer- dings als Pcssiinist gefiel,„man wird eben alles satt." „Wenn man einander wirklich liebt," sagte Mederic,„so ist's fürs ganze Leben." „Das glaubt man in Ihrem Alter." antivortcte Fauchon; „später merkt man, daß die Liebe nur ein Unsinn ist." „Oh!" „Ich war auch so wie Sie, und Sie werden auch werden wie ich bin." „Hoffentlich nicht." Die Nachricht von der Trennung des Ehepaares wurde durch die Geschwätzigkeit des Zimmermädchens Divine auch im Dorfe bekannt und erregte im Hause Turlurcs nicht nur Er- staunen, sondern sogar eine gewisse Beunruhigung. Der Apotheker erinnerte seine Frau an jenen Stteit, den er seiner Zeit mit ihr über die Gefahren gehabt hatte, welche Herrn Artaut von der Verführungskunst der Notarin drohen könnten. „Wirst Du noch immer behaupten, der Verkehr mit dieser Frau habe den jungen Mann gleichgültig gelassen?" „Wir wissen ja noch gar nicht, iver von den beiden Ehe- leuten schuld an deni Zerwürfnisse ist— denn ein solches liegt offenbar vor. Vielleicht hat jene Rosa Mialoux den Anlaß gegeben. Man erzählt sich ja, Herr La Vaupaliere sei ganz verliebt in sie, besuche sie täglich, speise zweimal wöchentlich nut ihr zu Abend; auch seien sie wiederholt mit- einander nach Paris gefahren. Kurz der Notar soll sich bei ihr wie zil Hause betrachten. Da wäre es doch ganz natür- lich, daß Madame La Vaupalisre, verletzt und gekränkt, eine Trennmig verlangt und daß der Gatte, um sie los zu sein, eingewilligt hätte." „Wenn dem so ist, so wird es nicht bei der bloß häns- lichen Trennung bleiben, denn La Vaupalisre ist ehrgeizig, und Rosa Mialoux ist reich." „Eine Dirne." „La Vaupaliere ist frei von unseren provinzialen Be- denklichkeiteu. Er wird sich scheiden lassen, um sie zu heiraten; sie ist ja auch von heiratslusttgem Temperament, sonst hätte sie ihre« ersten Mann nicht genommen." � (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Abkvünnig. Eine Geschichte aus Hinterpommern von H ans O st>v a l d. Die Pstiigstsoiine flimmerte über den fnschgrünen Kornfeldern. Die Luft ivar gefüllt mit den kräftigen Gerüchen, die ans den Feldern aufstiegen. So weit der auf einer mit alten Pappelii be- staiidcncn Chaussee fahrende Nadler' über die weite, flache Ebene sehen koiuite, war kein arbeitender Mensch zu sehen. Kein Fuhrwerk durchkreuzte die Felder. Nur hinten, rechts von dem gerade vor dem Nadfahrer liegenden Dorfe, leuchteten über den hochgeschossenen Halmen einige helle Kopftücher von Mädchm, die nach dem nächsten Dorfe gingen. Er kam jetzt an eine ansteigende Stelle der Chaussee.' Oben, auf der kleinen Anhöhe, sprang er ab und blieb stehen. Lon hier ««8 konnte er die ganze Umgebung übersehen. In breiten Strichen dehnte sich weit das dichte Grün des Getreides. Dazwischen zogen sich dunklere, niedrigere Streifen— Kartoffeln. Das ging so über die ganze Ebene, bis zum Dorf, und, soweit er an ihm vorbeisehen konnte, auch noch jenseits des Dorfes. Die ungestörte Stille, das klare Sonnenlicht atnicten eine Feierlichkeit,' die den Radfahrer nicht verließ, als er schon wieder vorwärts fuhr. Aber als er nun in das Dorf einbog, verlor er das erhebende Gefühl, das ihn zwischen den Feldern durchströmt hatte. Das Bild des Reichtums, der Ucppigkeit der Felder stimmte nicht zu dem An- blick, den das Dorf bot. Nirgends war ein stattliches Bauernhaus mit seinem Zubehör, Scheunen und Ställen zu sehen. An der Straße zogen sich regelmäßige, niedrige Hänser hin, die unter ihren langgestreckten Strohdächern alle dasselbe Bild boten: eine Reihe von Fenstern und eine Reihe von Thürcn, immer ein Fenster mit einer Thür abwechselnd. Vor einigen Thüren standen Frauen und scheuerten Eimer und Schüsseln. Zwischen den Häusern war ein schmaler Raum, wo bar- füßige Kinder Brennholz und Reisig aufstapelten. Als eins von ihnen, ein halberwachsenes, stännniges Mädchen, den Radfahrer beobachtend angeblickt hatte, lief es ihm entgegen mit dem lauten Ruf: „Onkel Albert I' Onkel Albert sprang mit einem Satz ab und strich dem Mädchen über die erröteten Backen:„Dunners, ist die Mieze groß ge- worden!" Das Mädchen führte ihn, stolz neben ihm hergehend, nach einem der Häuser, wo eine Frau ihre sämtlichen Küchengeräte vor der Thür zu liegen hatte. Sie richtete sich bei den freudigen Zurufen des Mädchens mühsam auf. Einen Augenblick huschte auch über ihr Gesicht der Glanz der Freude. Dann aber sagte sie kühl, gc- dehnt: „Oh... Albert I... Dann geh man rin I" Ohne ihm die Hand zu reichen, räumte sie die Schüssel» und Töpfe von den Stufen und ließ ihn eintreten. Er hatte sein Rad unter dem Fenster an die Wand gelehnt und ging, mit etwas verdutztem Gesicht, in den Flur, in dessen Hinter- grund ein kleiner Herd angebracht war, so daß der Flur zugleich als Küche diente. Da ihm die Frau nicht folgte, blieb er mitten in dem Raum stehen und drehte sich um: „Na, Tine?" „Ick muß irst dat Geschirr schn'crn I" sagte sie unwillig. Er sah ihr zu, wie sie mit dem Lappen und Sand an den Holz- ciincni, Eisentöpfen und Schüsseln arbeitete. Unterdes sammelten sich draußen die Kinder des Dorfes an. Verivundert und neugierig starrten sie das Fahrzeug an und den Mann. Da ging ein Mann vorbei, der eine bis oben zugeknöpfte Joppe Und hohe Stiefel trug. An seinem breiten Gang und dem herrischen, lauernden Ausdruck war zu erkennen, daß es ein Inspektor lvar. Die Ansammlung der Kinder veranlaßte ihn, näher zu treten. Als er den Radfahrer erblickte, machte er sofort wieder kehrt und ging, als kümmere ihn die Sache nicht, nach dem Gutshof zurück, dessen Garten das Herrenhaus von den Tagclöhner-Kasernen schied. Die Frau hatte ihn heimlich genau beobachtet und herrschte jetzt ihren Bruder an: cot.„Nu geh doch rin I" Er stieß die schlecht schließende Thür auf, die nach der Stube führte. Trotzdem kein Baum vor dem Fenster stand, war das Zimmer doch in Zwielicht gehüllt. Durch die winzigen, grünglasigen Fensterscheiben, deren mehrere durch Papier ersetzt worden' waren, tonnte kein volles Licht herein. Auf dem Bett, das den schmalen Raum fast ganz versperrte, lag ei» Mann im Arbeitsanzug. Er fnhr ans dem Schlaf empor und blinzelte den Eingetretenen an, als der ihn anrief:„Dag! Hinrich r Der Angekommene trat ihm zwar naher, doch wagte er es nicht, seinem'Schivager die Hand zu reichen, da er fürchtete, auch der würde sie nicht annehmen, wie seine Schwester. Doch reckte ihm Heinrich seinen starkknochigen Arm hin:„Rann, Albert?!" Der setzte sich auf einen Stuhl und erzählte, daß er eine Tour auf dein Rade zu den Feiertagen unternommen habe und nun auch hierher gekommen sei. Gestern, am Nachmittag, sei er aus Stettin fortgefahren. Er sei ja sechs Jahre fort, und nun habe er doch mal wieder sehen wollen, was seine Verwandten machen. Heinrich hatte sich wieder hingelegt. AIS der Schwager mit seiner Erzählung zu Ende war, fragte er, wie wenn er auf das Folgende gar nicht geachtet hätte:«Gestcru Nachmiddag büstc schon lot foahrn?* „Ja." Heinrich schwieg ein Weilchen, dann meinte er:„Dan mußt et jau höll'sch gand hewwen; ick hewtv sogor hüd rackern müssen. Ick bün» noch as wie zerschlagen." Jetzt kam die Frau herein. Ihre Augen thränten, eine ganze Wolke Rauch drang vom Flur in die Stube, trotzdem sie die Thür rasch schloß. „Raucht'S denn bei Eilch immer noch?" fragte der Bruder. Die Frau antwortete nicht. Erst nach einer längeren Pause sagte der Mann für sie:„Jan, dct's noch so, as wie vor söß Joahr." (Schluß folgt.) Mleines„Feuillekon. — h— Nnsmarsch. Er ging durch die letzten Straßen; vor ihm lagen schon brache Banblocks, Stein- und Zinnnerplätze. Bis gegen Mittag hatte er noch ini Arbeitsnachlveis gewartet. Dann aber übermannte ihn die Bitterkeit gegen diese Riesenstadt, die keine Beschäftigung für ihn hatte. Und nun war er auf dem Wege, sie zu verlassen. Bis jetzt hatte es geregnet. Sogar gestern noch, am Feiertag. Heute aber leuchtete die Frühlingssomic in ihrer ganzen Milde und Heiterkeit. Auf der Straße spielten die Kinder in dichten Schwärmen. Junge Frauen gingen spazieren, mit den Jüngsten au der Hand, die schwankend Gehversuche machten; die Allerkleinsten trugen sie ans dem Arm. Steingefährtc und Fabrikwagcn ratterten vorüber. Ans der großen Fabrik am Kanal klang das puffende und zischende Attnc» der Dampfmaschinen. Die Schornsteine bliesen ihren Qualm gegen den lichten Frühlingshimmel. Ucberall Thätigkeit, Arbeit, Beschäfttgung. Nur nicht für ihn. Im Park wandelten alte Herren mit ihren geputzten Töchtern. Junge Ehepaare radelten vorüber. In den Bäumen lärniten und lockten die Vögel. Ein strcng-süßer Duft ivehte hier. Einige Tische der Restanrationsgärten waren schon besetzt von Ausflüglcrn, über die der spärliche Schatten der jungen Bäume siel. Drüben, hinter den Wiesen, arbeiteten Frauen auf den kleinen Parzellen der Lauben- kolonicn. Dahinter'hasteten die Züge der Ringbahn vorbei. Die Straßen der Vorstadt, die sich jenseits der Ringbahn dahinzogen, waren in den weißlichen Flinmier der Frühlingsluft gehüllt. Aus den vielen Fabrikschloten, die zwischen den Hausmauern aufragten, drängte sich Qualm empor, langsam, aber unaufhörlich. Jetzt kam er an Gärtnereien vorüber. Ans den Goldlackfeldern jäteten, alte, verschrumpelte Frauen das Unkraut. Zwischen dürren Wiesen grüne» die ersten Getteidefcldcr. Die vereinzelten Häuser der Vororte tauchen auf. Die Schornsteine und Thürme, die Hänser- blocks der Stadt verschwinden immer mehr. Aber unaufhörlich huschen Radier vorbei, immer wieder kommen Geschäftslvagen ans den großen Fabriken der Oberspree, deren Schornsteine schon über dem KicferMväldchen aufragen. Ueberall Arbeit, überall Arbeit. Er läuft ihr entgegen, er läuft ihr nach... und doch... und doch muß er nun au'smarschieren.- Am Waldsaum, wo das helle Gehänge einer Birke über dem Dunkelgrün einer Kieferschonnug leuchtet, wendet er sich zum letzten- mal nach der Stadt. Der Frühlingsschinuncr verdeckt sie ganz. Nur am Dunst ist sie zu erkennen._ 1 Da geht er aufatmend mit großen Schritten weiter, hinein in den Wald. Vor ihm liegt ja die Weite, die lockende Weite, und die Stadt, die ihn so genarrt, ist hinter ihm, hinter ihm l-- Volkskunde. gk. Das H n t t l e r l a» f e n. Von dem eigentümlichen Brauch des Huttlerlaufens, wie es noch heute in der Umgegend von Hall in Tirol üblich ist, entwirft Dr. Wilhelm Hein in dem soeben er- schicnenen Heft der„Zeitschrift für Volkskunde" eine anziehende Schilderung. Die älteste Nachricht über diesen Brauch findet sich bei Franz Ziska, der berichtet, daß„in der Umgegend des kleinen, im nördlichen Tirol liegenden Städtchens Hall vom ersten Tage nach Maria Neinignng angefangen(mit Ausnahme des Freitags und Sonnabends) bis einschließlich Fastnacht-Dienstag täglich Hude! ge- laufen lvird". Der Hudler, der gewöhnlich von einem reichen Bauern dargestellt wurde, trug vor dem Gesicht eine hölzerne Larve, die durch einen darauf geschnittenen Käfer oder Maus verunstaltet wurde. Um den Kopf hatte er ein Tuch gewickelt, das über de» Nacken hinablief und unter dem Hals zugebunden war. Er durchschritt die Reihen der Bauern und suchte sich einen heraus, der ihm vorlaufen sollte. Schickte dieser sich dazu an, so lief der Hudler ihm»ach und schlug ihm ununterbrochen unter die Füße, bis er ihn eingeholt hatte. Dann führte er den Ereilten in eine Schenke, wusch ihm beim Brunnen das Gesicht ab, bewirtete ihn mit einer Semmel und einem Glase Wein und begann seinen Lauf mit einem anderen Bauern. Dieses Hudlerlaufcii dauerte immer bis Sonnenuntergang, wo sich der Hudler entlarvte und im Wirtshaus den Tanzreigen anführte. Es wird erzählt, daß besonders am unsinnigen Donnerstag(dem Donnerstag vor Fastnacht) in manchem Dorf etliche dreißig Hudler umherliefen, und daß auch drei bis vier„Hexen"(in der Kleidung der Tiroler Bäuerinnen vermummte Männer) mitzulaufen pflegten. Seitdem hat das Hudlerlaufen einige Wandlungen durchgemacht, aber es wird noch immer eifrig betrieben. Der Zng.� so erzählt Hein, wird von einer Schar von vier„Zottlern" eröffnet. Der Zottler trägt einen niedrigen, breitkrämpigen Hut, von dem ein Fuchsschwanz herabhängt. Das Gesicht ist verhüllt mit einer be- malten Larve, aus Zirbenholz geschnitzt, mit Schnurrbart und halb gcöffneteni Mund; die Augenpupillen sind ausgeschnitten. Mit der Larve verbunden ist eine Perrücke aus Roßhaar, die ein kleines, ge- blümtes Tuch mit Fransen rundum abschließt. Rock und Hose haben einen Behang aus spiralförmig aufgenähten, gefärbten Leinenfranzen. Hinter dem Leibgurt stecken Brotkügelchcn, die die Zottler unter die Kinder auswerfen. Der erste Zottler geht dem Zug voran, knallt mit seiner Peitsche, schlägt Rad, springt wieder zurück und so fort. Dann folgt die Kapelle und die drei sogenannten„Altartuxer", die anf dem Tuxerhut einen mächtigen Aufbau aus Kunstblumen tragen, in dessen Mitte sich ein Spiegel befindet. Ihnen folgen ihre Gehilfen, die Senner oder„Mclchcrbuben". Die Huttler selbst sind bniazzoartiq bekleidet und treiben allerhnnd Schabernack. Sie schlagen die' Umstehenden mit mehligen Säcken, be- schmieren ihr Gesicht mit einem rüstigen Pfannholz und dergleichen. Auch spasthafte Vorstellungen geben sie, z. B. wie ein Bauer mit einer riesigen Speckkniste eine Katze in einem grasten Sack fängt und fortträgt, ivährend die Katze ihm unterwegs durchs SmfToch cnt- imsiht. Die Frauen beteiligen sich gar nicht an solchen Ver- mummungen, so dnh alle weiblichen Rollen mit Burschen besetzt iverde» mästen. Wie alle Volksbräuche, die zwischen Jul-- nnd Osterfest geübt Iverden, bezweckt auch das Huttlcrlaufcn Verjüngung und Fruchtbarkeit� es soll das Wachstum von Pflanzen und Menschen befördern. Aehnliche Volksbrmiche existieren auch heute noch bei den Indianern in Nordamerika. Mit der Maisreifc in Verbindung stehen einige Ncgertänze in Neu-Mexico. Bei einem dieser Tänze trägt jeder der Teilnehmer, die alle durch Larven vermummt sind, ein Bündel von Stöcken, mit denen sie sich gegenseitig schlagen. Bezeichnend ist es, dast die Hndlcr selbst noch heute fürchten, durch Unterlassen des Laufens Mistivachs zu verursachen.— AuS dem Tierleben. — Zu der Frage„Gesellschaftsinstinkte bei den Vögeln* wird den,„Prometheus" von einem Mitarbeiter ge- schrieben: Im Frühjahr v. I. fiel es nur auf. dast einzelne Sper- linge sehr häufig»ach den» Fries über meiner Balkonthür flogen. Der Grund zu diesen häufigen Besuchen war nur zuerst nicht klar. Da bemerkte ich nach einigen Tagen, dast sich zehn bis zwölf Sper- linge anf dem Geländer des Balkons vcrsainmeltc» und uuanfhör- lich nach dein Thürfrics einporäugten. Plötzlich flogen sie alle zn- gleich in einer Linie nach dem Fries hin. Im Zimmer stehend, konnte ich nicht genau sehen, was sie eigentlich schafsten, doch konnte ich feststellen, daß sie längere Zeit neben einander unmittelbar an den» Fries in stets gleicher Höhe schwebte»». Ich ivollte die Tiere in ihren» Thuir nicht stören und trat erst anf den Ballon, nachdem sie Iveggeflogen»vnren. Jetzt sah ich, dast über dc»n Fries etwas Mörtel fehlte und ails den» ent- standenen Loch in der Mauer ein langer Hobclspahn hervorragte. Am nächsten Tage beobachtete ich dasselbe Schauspiel; diesmal»var der Spahn völlig aus. der Mauer herausgezogen. Auch iveiterhin fand ich aitf den» Balkon öfter einzelne Hobelspählie. Die Hand- »verker hatten beim Bau des Hauses den Hohlramn zwischen Thür- stürz nnd Mancrbogen mit den» genannten Material ausgcfiillt»nd dann die Ocsfiinng Ivohl nicht ganz fugenlos verschlossen. Es dürfte klar sein, daß ein Sperling hier eine giinstigc Gelegenheit zun» Nestbau erblickte, dast er allein aber zu schlvach war, die nötigen Aufränmungsarbeiten zu leisten, daß er sich deshalb mit Leklvandtcn und Bekannten zu gemeinsai»ier Arbeit verband. Wer aber glaubt, daß jetzt über den» Thürstnrz ein Spcrlingspaar niste, der irrt sich, denn— eS sind zwei Paare.— Ans dem Gebiete der Chemie. t. Ein neneS P f e i l g i f t. Zwei Chemiker an der Nniversität Edii»burgh habeil kürzlich eine»» Stoff untersucht, der in Afrika als Pfeilgift' venvandt wird und bisher einer»viffenschaft- lichcn Prüsimg nicht unterlegen hat; er»vird aus dem Holz der Wurzel und des Stengels der Pflanze �soll-rntliera Schimperi durch Kochen gewonnen und enthält eine bisher unbekannte giftige Ver- bindung, die von den Entdeckern als Asokantherin bezeichnet wird. Die Pflanze gehört zu der Fainilie der-Axaczmacesii, der so viele Giftpflanzen angehören, z. B. der Oleander, der Hundskohl fApoeymim), der Stroplianthus nnd andere. Die Wirkung jenes Pfeilgiftcs ist eine außerordentlich heftige»md wirft sich zunächst anf das Herz, dessen Lähinung es bei stärkeren Dosen alsbald Herbeiführt. Die beiden schottischen'Chemiker nahmen Jmpfversnche an verschiedenen Tieren vor, unter andern» auch an Fröschen, bei denen anch Herzlnhiiiung eintrat,»vährend die Lnngcn- awumg»nerkivürdigcrlveise noch einige Zeit fortdauerte. Die Wirkimg des Gi'steS soll in einen» schädlichen Einfluß»ncht anf die Nerven, fondern anf die Muskcli» bmihei», weshalb z. B. bei Fröschen die Hcrzlähttinng anch dann»och eintritt, Ivenn die Tiere des Gehirns und des Rnckeninarles beraubt sind.— Techitisches. Ozon in der Industrie. Der aktive Sauerstoff oder daS Ozon hat nenerdings für das Großgcwerbe eine große Be- deiltung geivonnen. Ozonisierter Sauerstoff— reines Ozoi» ist noch nicht bekannt— sieht in dicker Schicht bläulich, zusammengepreßt dunkelblau aus und verdichtet sich unter cinc»n Druck von 150 Atmosphären zn indigoblanen Tropfen. Für die vielseitige Verwendung des Ozons in der Industrie zählt die„Tägl. Rrrndschau" folgende Beispiele anf: Bierfässer iverden niit Ozon gereinigt und Oele damit geklärt, Schmieröle mit seiner Hilfe bereitet und Trocken»nittel