Mnterhatttmgsblatl des Woriväris Nr. SS. Sonntag, den 21. Mai. 1899 (Nachdruck verboten.) S3Z Der Schuldige? Roman von Hector Malot. „Da die Scheidung die Sonderung des Vermögens nach sich zieht, so würde der Ehemann, der selbst nichts hat. sehr in Verlegenheit kommen. Darum ist möglich, daß er keine Scheidung verlangen möchte, und andererseits richtet er sich auf eine Weise ein. daß seine Frau eine Scheidung gegen ihn nicht verlangen kann. Wenn der Tod die Ehe auflöst. so hat das auf die materiellen Interessen nicht dieselbe Rück- Wirkung wie die Scheidung oder die Trennung von Tisch und Bett." „Nun bist Du wieder auf Deine Idee zurückgekommen." „Man muß, wenn man eine Lage ins Auge faßt, sie von allen Seiten prüfen. Warten wir nur den Besuch des Zimmer- Mädchens ab." „Und wenn es nicht käme?" „So würde keine Vergiftung oder keine Fortsetzung der- selben vorliegen, was nach den gewechselten Drohungen sehr möglich ist, und dann würde ich mich nur noch mit dem Tode von Courteheuse zu beschäftigen �haben." Erst am Sonnabend fand der erwartete Besuch der Zofe statt. Es war Zeit, denn Turlure fing an. die Hoffnung zu verlieren. Einerseits empfand er eine wirkliche Befriedigung darin. sich sagen zu können, daß„seine Gemeinde nicht der Schau- platz eines neuen Verbrechens sein würde." Aber andererseits fand er eine beunruhigende Eni- täuschung bei dem Gedanken, daß dieses neue Verbrechen zur Entdeckung des ersten vortrefflich beigetragen haben würde. Und das berührte ihn bei dieser Angelegenheit auf das leb- hafteste, daß durch ihn ein unbekannter Mord an das Licht gezogen, daß das schuldige Paar dem Gericht überliefert, die öffentliche Strafrechtspflege, als deren obersten Verteidiger in seiner Gemeinde er sich betrachtete, Genugthuung erhalten würde. Darum sah er mit brennender Begier dem Besuch Divinens entgegen. Es gab Augenblicke, wo ihn die Ungeduld des Wartens so auffegte, das er sein Pult verließ, sich auf die Thür- schwelle stellte und seine Brillengläser hinauffchiebend, um Keffer ins Weite sehen zu können, die Straße, in der das Notariat lag, hinabspähte. Endlich ani Sonnabend morgen sah er Divine. etwas unter ihrer weißen Schürze tragend, eintreten.— dieses Etwas war ein Konfitürenglas. Mit einer beinahe brutalen Hast riß er ihr das Glas aus der Hand und nachdem er den Gehilfen hinausgeschickt hatte, fragte er sie auf das umständlichste über das Unwohlsein so- wie über die genommenen Mahlzeiten aus. „Gut", sagte er, nachdem er ihren ausführlichen Bericht angehört, nun lassen Sie mich arbeiten und koinmen Sie morgen wieder." „Sie werden mir doch etwas geben, das mich wieder herstellen wird?" „Ich hoffe es." „Es wäre endlich Zeit!" Als sie ihn verlassen hatte, eilte er nach seinem Labora- torium und schloß sich in dasselbe ein. Die Diagnose einer Arsenikvergiftung, wenigstens einer solchen von chronffcher Form, ist oft schwer festzustellen, da- gegen aber bietet eine Untersuchung nach dem bloßen Vor- handensein von Arsenik dem Chemiker nicht dieselben Schwierigkeiten wie eine solche nach vielen anderen Giften, z. B. nach vegetabilischen, und für Turlure, der sich seit acht Tagen in seinen Büchern der Giftlehrc und in chemischen und pharmazeutischen Zeitschristen geschanzt hatte, bot diese Unter- fuchung keine Mühe. Enthielt die von Divine überbrachte Flüssigkeit Arsenik? Das war die Frage, die geprüft und entschieden werden nuißtc; hatte er diese Frage einmal bejaht, so gedachte er den Arsenik herauszuziehen und zu isolieren. Als Frau Turlure erfuhr, daß daS Zimmermädchen von Frau La Vaupalidre dagewesen sei, Pochte sie an die Thüre des Laboratoriums, aber ihr Mann öffnete nicht, sondern frug durch die Thüre: „Bist Du es, Töte-Bonne?" »Ja-" „Ich arbeite jetzt, wenn ich weiter mit meiner Untersuchung vorgeschritten sein werde, werde ich Dir öffnen." Sie kam ein zweites, ja ein drittes Mal wieder, und er gab ihr jedesmal dieselbe Antwort. Endlich holte er sie selbst: „Du hast etwas?" ffug sie ängstlich. „Du wirst sehen." Als sie beide in das Laboratorium eingetreten waren, schloß er sorgfältig die Thür zu. Sie wollte noch weiteres von ihm erfahren, aber anstatt ihr zu antworten, nahm er mit einer Zange eine glühende Kohle, auf ivelche er eine pulverisierte Substanz streute, die brennend sich in einen leichten weißen Rauch auflöste. „Räch was riecht es Dir jetzt hier?" frug er. „Oh! Aber wie soll ich....?" „Ich bitte Dich, teile mir ganz einfach und freimütig Deinen Eindruck mit. Ich will mich nicht auf den meinigen verlassen, der von meiner Angst beeinflußt sein kann und vielleicht, ich gestehe selbst, nicht so unbefangen ist, wie man es von einem Sachverständigen erwarten muß." „Nun, es scheint mir, daß es.... nach etwas wie Knob- lauch riecht." Er klatschte in die Hände und rief: „Ausgezeichnet! genau so riecht es;' Du hast das ohne Einflüsterung gefunden; Du sagst es. weil Du es glaubst." „Nun? beweist denn dieser Geruch, daß eine Vergiftung vorliegt?" „Nein; aber er bewefft, daß sich in dem Erbrochenen des Mädchens Arsenik befindet, und der Schluß daraus ist. daß ihr Gift beigebracht worden ist. Auf welche Weise? Durch wen? Das ist eine andere Sache, die wir später aufklären werden.... Beendigen wir zuerst diese. Ich habe Dich den Arsenik riechen lassen und Du hast dessen Geruch anerkannt; es bleibt mir jetzt noch übrig, ihn Dir zu zeigen." Während er so sprach, lief er fieberhaft in seinem Labora» torium hin und her; er nahm eine kleine, enge, an einem Ende verschlossene Glasröhre und that das gleiche Pulver, das er aus die Kohle gestreut hatte, hinein, nachdem er dann das Innere der Röhre venntttelst eines zusannnengerollten Löschpapiers gereinigt hatte, hielt er die Röhre in die Flamme einer Spffituslampe und begann sie allmählich zu erwärmen. „Wenn der in diese Röhre gebrachte Stoff Arsenik enthält." sagte er,„so wirst Du sehen, wie sich unweit des rot erhitzten Teiles ein schillernder Ring bildet; dieser Ring wird der wiederauftebende Arsenik sein. Nun gieb acht!" Sie hätte diese Aufforderung nicht nötig gehabt, denn mit einer Aufregung, von der ihre Hände zitterten, folgte sie seinen Manipulationen. „Wenn die ganze Welt Chemie verstände," sagte sie,„so würde es keine Giftmischer geben." „Sieh' her, der Augenblick ist da.""""f* Der Ring, den er angekündigt hatte erschien bald, glänzend, schillernd, in der Röhre immer höher aufsteigend. in dem Maßstab, in welchem die Hitze stärker wurde. „Nun?" sagte er in trinniphierenden Tone,„glaubst Du jetzt an eine Vergiftung?" „Das ist doch fürchterlich!" „Sage lieber: es ist vortrefflich, und verehre die Wissen- schaft, die solche Wunder schafft; aber wir sind noch nicht fettig: wir wissen jetzt, daß es Arsenik ist, nun müssen wir suchen, zu erfahren, von welcher Art Arfenikverbindung die Vergiftung herrührt, denn das kann von hoher Wichtig- keit sein." Frau Turlure empfand stets Hochachtung vor ihrem Manne, aber in diesem Augenblicke hörte sie und sah sie ihm mit Be- wunderung zu. „Vorerst tappe ich noch ganz im Finstern," sagte er,„und es ist erst das Resultat unserer Versuche, das zu Dir wie zu mir sprechen wird. Ich mutmaßte Arsenik und Du siehst, daß ich nicht unrecht hatte; aber mit welcher Ver- bindung dieses Elements haben wir zu thun? Ich weiß es so wenig wie Du; versuchen wir, es herauszufinden!" Der Reihe nach versuchte er verschiedene Reaktionen, die aber alle nicht das gewünschte Resultat ergaben. Endlich. nach einer geraumen Zeit, hellte sich sein verdüstertes Ge- ficht auf: „Klicke her," sagte er.„welche Farbe siehst Du?' „Blau-grünlich." „Der Stoff ist in der That blag-grünlich, das beweist, baß wir es mit Kupferarsenik zu thun haben, das man im Handel Scheelesches Grün nennt.— Das ist aber höchst merkwürdig und erstaunlich l" «Warum?" «Weil Kupferarsenik ein gewerbliches Produkt ist und diese Vergiftungen alsdann niöglicherweise das Ergebnis eines Zufalls sein könnten.". „Welches Glück!" „Sei nicht so rasch mit Deiner Meinung, denn es könnte ebenso gut die Anwendung von Kupferarsenik auf den Be- rechnungen eines geschickten Giftmischers beruhen, der hier- durch die Nachforschungen des Gerichts irreleiten und sich für die Verteidigung bewaffnen wollte. Ist es das? Ist es etwas anderes? Ich weiß noch nichts darüber; meine ehrlich angestellten Versuche haben mich aus ein neues Gebiet geführt." „Also wäre kein Verbrechen begangen worden?" „Es ist möglich, daß gegenwärtig keines vorliegt: aber die Gegenwart macht die Vergangenheit nicht unschuldig, wir bleiben immer dem Tode Courteheuse gegenüber." „Kann er nicht dieselbe Ursache gehabt haben?" „Was würde dann der Einkauf eines Tropfenzählers und die Unterschiebung der Haare bedeuten?" „Du. möchtest also der Ursache seines Todesfalls nach- forschen?" „Selbstverständlich will ich das, und will auch die Schul- digen aufs Schafott bringen?" „Glaubst Du. denn nicht, daß sie härter bestrast, daß sie elender und unglücklicher sind, wenn sie beisammen leben muffen, als wenn sie hingerichtet werden?" „Und die öffentliche Rechtspflege?" „Nun, was wirst Du also thun?" „Zunächst will ich mich sammeln; dann werden wir sehen." „Warum gehst Du nicht nach Rouen, um die Herren von der Staatsanwaltschaft zu Rate zu ziehen?" „Warum nicht gar? Damit sie mir meine Angelegenheit vor der Nase wegschnappen: die Erfahrung, die ich in der Affäre Ausseur und Paquct gemacht habe, genügt mir; diese Sache wird die meinige bleiben!" Die Sammlung seines Geistes während der Nacht verlieh ihm jedoch nicht die von ihm erwartete Einsicht und am anderen Morgen fühlte er sich noch ebenso aufgeregt, ebenso ratlos, denn keiner der Pläne, die er kombiniert hatte, war ohne Gefahr, und doch mußte er, ehe das Mädchen wieder- kam, einen Entschluß fassen. Sollte er sie einfach als Apotheker, d. h. wie ein Arzt thun würde, behandeln, oder sollte er sie in seiner Eigenschaft als Bürgermeister ausfragen, kraft der Art. 49 und 50 der Strafprozetz-Ordnung, die von der frischen That handeln? Dies war eine Frage von hoher Wichtigkeit, denn wenn das Mädchen plauderte, so wurden die Schuldigen gewarnt und konnten ihm, sei es durch Flucht, sei es durch Selbstmord entrinnen. Wie er das, auf der Schwelle seiner Thüre stehend, überlegte, sah er von weitem La Vaupaliöre im Reiseanzug herankommen, gefolgt von seiner Köchin, die einen Hand- toffer trug._(Fortsetzung folgt.) SonnkÄg-spraudvvei. Kon den Anschlagsäulen her lockt es in verivirrender Fülle. Jährlicki erweitert sich das Bedürfnis, aus den steinernen Mauern zu entfliehen. Ein karger Trost find die Maienzioeige in den engen Wohnungen. Hinaus ins Freie drängt es. Und jährlich mehr erioeitert sich die Zahl der stillen Landschaften und verschwiegener Städtchen, die ihre Reize anpreisen und zu Pfingst- und Sommer- fahrten einladen. Früher gab es nur Hauptpartien an der Havel, an der oberen Spree und in die„Märkische Schweiz", die gleichsam ein Monopol als„märkische Landschaft" be- saßen. Das ist jetzt aiiders geworden. Der Wander- ström ist derart angeschwollen, daß aus ihm die Städte und Städtchen Nutzen schöpfen wollen, die vordem ein ziemlich abge- schiedenes Dasein führten. Manches zu dieser Veränderung hat gelviß auch das Zweirad als Verkehrsmittel beigetragen. J Unter den märkischen Landorten ist heutzutage ein förmlicher Wetteifer eingetreten. Sie rühmen ihre heimlichen Seen und sie rühmen ihr Gehölze. Und von ihnen beiden geht so häufig jeuer sonderbare Zauber aus, der bald herbe erfrischt, wie das rauhe spröde Landschastsbild am Morgen, bald wie mit sanfter Schwer» mut erfüllt, wenn der helle Tag zu verdänuneru sich anschickt. Schade, daß im wesentlichen dies Bild der märkischen Kleinstadt gegenüber der eigentümlich bewegten Landschaft so einförmig ge» diehen ist. Das Poesievolle, alles,'was die Phantasie erregt, schwindet leicht vor der Nüchternheft dieser Städtchen mit ihren schrecklichen Kopfsteinen und der Charakterlosigkeit ihrer Bauten. Da giebt es keine Heimlichkeiten, bei denen man verweilen möchte; nicht die mannigfachen wunderlichen und kapriziösen Launen, die manche» Winkelwerk südlicher und westdeutscher Städtchen so malerisch er- scheinen lassen. Die märkischen Kleinstädte haben so vielfach eine sturmbewegtc Vergangenheit; wer sie aber jetzt durchwandert, der wird bei ihrer meist uniformen Erscheinung vom Hauch der Geschichte kaum berührt. Ins Nahe und ins Weitere drängen sich die massigen Scharen der Pfingstausflügler. Schon wirbt die weitere Oderlandschast und nicht etwa ein Lieblingspunkt wie Freienwalde und sein ruhiger« waldeinsamcr Baaste um die Gunst Berlins und neuerdings macht das märkische Oderberg ans sich aufnierksam. Die Entdecker' von intimen Landschaften haben es also nicht mehr bequem. Wenn sie früher durch Forste und über Becker streiften und an einem Fleckchen irgendwo Rast machten, so hatten sie ihre besondere Lust daran. Das Fleckchen Erde war nicht überlaufen, für ihren raffinierten Egoismus gleichsam nicht entweiht. Gegen- wärtig sorgen die Stillen im Lande reklame-geschäftig selbst dafür, daß mau ihrer gedenke, daß der Strom von Ausflüglern nicht an ihnen achtlos vorüberfließe; und jede ver- borgcne Waldschenke steckt eine halbe Geviertmeile im Umkreis ihre Handwciser aus.„Vcrgeßt mich nicht, vcrgeßt mich nicht." Pfingsten, das Fest des friedlich schaffenden Geistes wäre wohl auch das beste Sinnbild für die Fricdcnsdiplomaten an» holländischen Seestrand. Noch„sitzen sie fröhlich beisammen und haben einander. so lieb". Und als schöne, feierliche Einführung konnte das Ruhmes- wort gelten: Der 18. Mai ist fortan ein geschichtliches Datum. Er bedeutet die Einleitung einer neuen Aera. Ach, ach, wie oft ist man diesem Hochgefühl bei zünftigen und unzünfsigen Diplomaten be- gegnet; und eh« ein paar Jährchen um waren, war's mit der historischen Bedeutsamkeit vorbei. Die Herrschaften tvollen lauge über ihrem Friedensbräu sitzen; gut Ding braucht Weile. Sie opfern ihre sommerliche Ruhe; und es ist imr gut, daß sie im benachbarten Scheveningen von Zeit zu eit ein erfrischendes Seebad nehmen können. Vorausgesetzt, daß e im stände sind, sich der beutegierigen, lauernden Zeitungsschreiber zu erivehren. So ängstlich behütet ist nämlich die Fricdensära vom 18. Mai, daß, mit Herrn v. Frege zu sprechen, kein„Preßjüngling" in den Tops der Fricdcnsbrauer gucken darf, um durch voreilige Schwatz- haftigkeit das Werk nicht zu„berufen". So hielten ehedem die Alchymisten, Ivenn sie in ihren Tiegeln und Retorten den Goldzauber herauf- beschworen, alles Unberufene von sich ferne. Denn ein mißgünstiges Wort, eine verruchte Geberde, und der Zauber ist wirkunglos. Besonders pathetische Naturen haben auf vorhergegangene Kon- grefie hingewiesen und sich in die Brust geworfen, weil diesmal der Haagcr Kongreß im inteniationalcn Glanz alles Vergangene über- rage. Mexikaner selbst und Chinesen sind im Haag erschienen. Von welchen gemischten Gefühlen sie belvegt sind, davon ist allerdings nicht die Rede. Die einen könnten sich sonst des erschossenen Maximilians, des Habsburgers erinnern, der auf napoleonische Machenschaften hin in ihrem Land sein Imperium aufrichten wollte, und die anderen» die„kranken Chinamünncr" brauchen nicht erst in geschichtliche Ferne zu schweifen. Die. Preßbengel"— dieser Ausdruck ist derber und Volkstum« sicher, als Herrn v. Freges zahmeres Wort vom Prcßjüngliug,— könnten sich eigentlich mächtig viel einbilden, wenn sie sehen, wie man sie allerorten mit Mißgunst verfolgt und indirekt ihren unbequemen Einfluß zugiebt. Aber so wenige haben sich die Mühe genommen, die Psychologie der Preßbengel, ihre Resignation den oft beobaclilelen Eitelkeiten gegenüber und ihren kecken Skeptizismus, der sie in ihrem Kuli-Dascin erfrischt, zu studieren. Was sind dem unheiligen Preß- bengel, wenn er auf der Journalistentribüne sitzt, die feierlichsten Autoritäten unten im Saale. Er braucht stärkere Eindrücke, als sie ihm gemeiniglich geboten werden,— denn die Gewohnheit stumpft ab. Er braucht nicht allzuviel Scharfsinn, nicht einmal ein spitzfindiger Kopf muß er sein, um hinter steifleinenen Würden, hinter schulmeisterlichenr Größenbewußtsein das gar zu Menschliche herauszuspürcn. Der vielgeweckte Sinn, fremde Eitelkeit zu studieren. hinter flatternd aufgeblähten Mänteln daS dünne Pcrsönchen zu er- kennen, verhindert es gewiß nicht, daß der Preßbengel selber, der referierende wie der räsonniereude, seinerseits von Eitelkeiten ge« plagt wird; aber das Kerlchen schwingt sich doch weit eher zu lustiger Selbstironie auf, und Lnftigkcit versöhnt, als ein Träger der Toga, der mit ernst bemessenem Schritt durch die öffent- lichc Arena wandert. Nun erhebt gar einer der Wiirdereichstcn den Zeigefinger und verkündet, wie einer der gestrengen Himmlischen dem Gelichter der Erdgeister: Ich will euch l" In die Tiefe will ich euch verschlagen! Der Preßbengel hat aber doch die Berufskrankheit gleichsam, daß ihm die drohende Pose um so weniger imponiert, je theatralisch- feierlicher sie sich darstellt. Die arme Ration der Preß- bengel weiß und eS ist in ihr fast zum Instinkt geworden, daß der nicht sonderlich viel Umstände und lange Vorreden zu machen kiedt, der ine Gewählt hat. Dem Preßbengel thut eS im Innersten beinahe leid, daß kühlende Wasserstrahlen die erhitzte Pathetik des Herrn v. Frege zum Stillstand brachten. Wer weiß, was fie sonst noch geboreil hätte und in kargen, trockenen Zeiten ist das Geschlecht der Prcßbengel für jeglichen Humor so dankbar. Hätte nun Herr V. Frege wirklich die Macht besessen, seinen Plan auszuführen und die Besucher der Journalisten-Tribüne zu unfreilvilligem Streik zu verdammen, ich glaube, die Prcßbengel wären vor innerer Lust, wie übermütige Kinder, von einem Bein aufs andere gehüpft. Schade um den köstlichen Spaß, der uns verdorben ist.— _ Alpha. Kleines Feuilleton. lk. Teichlebe». Wenn wir uns bei sonnigem Wetter dem Rande eines Teiches nähern, um das Leben und Treiben auf, an und in ihm zu beobachten, so offenbart fich uns eine schier un- erschöpsliche Fülle der bildenden und schaffenden Natur. Als ihr erster und uns geläufigster Vertreter erscheint uns die Schar der quarrenden Frösche, die bei uiiserer Annäherung plumpsend das nasse Element aufsuchen. Hier bleiben sie meistens ans der Ober- fläche, um uns anzuglotzen und den Moment zu erspähen. Ivo fie wieder den wärmenden sonnigen Fleck am Ufer aufsuchen können, Wir haben inzwischen Gelegenheit, die ausgebildeten Tiere mit ihren Larven, den sogenannte» Kaulquappe» zu vergleichen, die sich mit ihren langen Schwänzen zwischen dem Gewirr der Algen und anderen Wasserpflanzen in Scharen herumbewegen und noch keine Spur von Extremitäten verraten.— Kleine stahlschwarze Käferchen ziehen auf dem Wasser, wo es die Sonne bescheint, ihre Kreise, deren merkwürdig unregelmäßige Wendungen ihnen den Name» Taumel- oder Tnmmelkäfer eingebracht haben. Die beiden Hinteren Beinpaare des Taumelkäfers sind flossenartig ver- brcitert und verkürzt, so daß es nicht wunder nimmt, wenn er an Geschicklichkeit im Schlvimmen und Tauchen unter den Wasserinsekten seinesgleichen sucht. Der Fang gelingt nicht leicht und nur nach verschiedenen mißlungenen Verbuchen; hat man den Käser erwischt, so fällt ein gewisser Bleiglanz seiner Flügeldecken auf, dem er den Raulen«bleierne Ente" zu verdanke» hat, den ich von Berliner Kindern, hörte. Ganz eigenartig find die Augen dieics Thieres ausgebildet; fie werden nämlich von der Wasserlinie, wenn der Käfer auf dem Wasser liegt, halbiert und find oben und unten verschieden beschaffen. Die obere Hälfte ist dem Brechnngsvermögen der Lust, die untere demjenigen des Wassers angepaßt, so daß der Taumelkäfer in de» Stand gesetzt ist, gleichzeitig auf, über und unter das Wasser zu schauen,— In der Schnelligkeit der Bewegungen kommt ihm ein anderes Wasseriusekt nahe, der ihm sonst sehr UN- ähnliche Rückenschwünmer, der zum Geschlcchte der Wanzen gehört und mit einem Stechrüsscl begabt ist, mit dem er seine Beute aussaugt und mit dem er uns empfindlich in die Hand stechen kann, Wir fangen ihn daher vorsichtigerweisc mit dem Wasserkäscher, um ihn in unser Zimmeraquarium überzusühren und hier seine merk- würdigen Schwimmlüuste zu bewundern. Das circa 2 Centimeter lange bräunliche Tier schwimmt auf dem Rücken, indem es seinen schmalen kahnfviungcn Körper durch a ternpo-Schlcige zweier langer rudxrartiger Beine blitzschnell durch das Wasser stößt. Die abgc- rundete»ach unten gekehrte Fläche seines Körpers, also sein eigcnt- licher Rücke», ist weißlich gefärbt. Sehr wenig beachtet wird gc- wohnlich die Wasserspinne, die wir an allen Teichen in zahl- reichen Exemplaren bemerke», sobald wir mir unsere Auf- merlsamkcit auf die unscheinbaren bräunlichen Tierchen lenken, die meist auf den seichten Wasserstellen herumlausen. Uni ihre Thäfigkcit besser beobachten zu können, fangen wir einige dieser für uns ganz harurloscn Spinnen und setzen sie zu Hause auf dem Spiegel unseres Aquariums wieder aus. Wir sehen sie dann hier und dorthin laufen, gewissermaßen wie um sich zu orientieren, dann aber beginnt uns das munterste der Exemplare durch andere Künste zu interessieren. Wir sehen eS am Stengel einer Wasserpflanze entlang unter die Oberfläche kriechen und bc- merken, wie dabei die sammtartigc» Härchen seines Hinterleibes Lust mit hinabnehmen, die unterm Wasser wie Quecksilber glänzt. An einer ihr offenbar zusagenden Stelle im Pflaiizcngewirr macht die Spinne halt, zieht ein paar Fäden, die sich kreuzen und streift dann mit den Hinterbeinen die Lust von ihrcnr Körper ab' die Lustperle, die sich dabei bildet und natürlich das Bestreben zeigt. nach oben an die Oberfläche zu entweichen, wird hieran eben durch die vorher gesponnenen Fäden verhindert. Run kommt das Tier wieder nach oben, um neuen Lustvorrat zu holen und mittels des- selben die Luftblase so lange zu vergrößern, bis uns eine Lnstpcrle von solcher Größe durch das Pflanzengcwirr ent- gegenschimmert, daß die Spinne gemütlich in derselben Hausen kann. Die physikalische Thatsachc, daß leichtere Körper in einem nachgiebigen schwereren Medium nach oben zu steigen suchen, ist unserer Wasserspinne sehr geläufig, wenn sie ihr auch mir rein mechanische Rechnung trägt und schwerlich ein Bewußtsein davon hat, was sie eigentlich thut, wenn sie durch die Spinnfäden die LiisMasc am Wicdcraufstcigcn hindert.— Wieder eine andere Art von Bewegung im Wasserleben wird uns durch die Teichläufer verkörpert. Diese schmalen dunkelfarbigen Insekten gehören wie der Rückenschwimmer zum verabscheuten Geschlecht der Wanzen, find aber stir uns sehr harmlose Tiere. Mit ihren sechs dünnen langen Beinen schießen sie stoßweise auf dem Wasserspiegel dahin; die ohnehin schon sehr geringe Körpermasse wird dabei ans einen verhältnismäßig fs großen Raun, verteilt, daß von einem Einsinken der Tiere nicht das mindeste zu bemerken ist. Im scharfen Kontrast zu der gespcnsterartig huschenden Beivegung der Teichläufer stehen die wuchtigen Stöße, mit denen der sog. Gelbrand- käfer seinen massigen Körper durch dasWaffer rudert. Seinen Namen hat er von dem gelben Saum, der seinen dunklen Körper»inrandct. An Größe wird er noch von dem schwarzen Pechkäfcr übertroffe», der über- Haupt der massigste deutsche Käfer ist und im Berein niit dem Gelb- ra»d und den noch gefräßigeren Larven dieser Tiere in Fischteichen erheblichen Schaden anrichtet. Selbst größeren Fischen setzen sich diese Käfer an den Leib und fressen ihnen bei lebendigem Leibe Löcher in das Fleisch. Niemals darf man daher große Wasserkäfer zu anderen schwächeren Tiere» ins Aquarium setzen, viel besser kann man sie in mit Wasser gefüllten Zuckergläsern be- obachten, wo man sie längere Zeit durch Fütterung mit Fleischstückchcn am Leben erhält. Das Geschlecht der Wasser- und Schwimmkäfer ist sehr artenreich, es finden sich alle Gröbenabstufungen und nian kann nicht leicht einen Haufen der den Teich überziehenden Wasserlinsen ans dem Wasser holen, ohne zwischen denselben eines oder mehrere dieser eleganten Schwimmer zu finden, die dem Unachtsame» sehr flink durch die Finger zu entwischen verstehen. Obwohl diese Käser sich im Wasser aufhalten, können sie ohne Lust nicht leben: von Zeit zu Zeit sieht man fie daher an die Oberfläche kommen, wo sie sich einen Augenblick an die Oberfläche hängen, um den Lustvorrat zu erneuern. Letzteren tragen die einen Arten am Bauche mit sich herum, wo die Luft von feinen sammetartigen Härchen festgehalten wird und dem Tiere unter den» Wasser auf dem Bauche ein wie Quecksilber glänzendes Ansehen verleihen, andere wieder bergen die Lust in einem Hohlraum zwischen den Flügeldecken und der Oberseite des Hinterleibes. In ästhesischer Hinsicht am wenigsten zu befriedigen vennögen von den Wasscrtieren die sogenannten. Sprockcn". So heißen in der Mark und anderwärts die Larven der sog. Wassermotten oder Köcher- jungfern: gewöhnlich nennt man fie Köcherlarven. Es sind raupen- artige Tiere, die wie der Einsiedlerkrebs den iveichen Hinterleib durch eine Umhüllung zu schützen suchen. Zu diesem Zwecke fertigen fie sich mehr oder weniger röhrenartige Gebilde, in denen die Tiere wie in Köchern stecken und die.sie, indem sie Kopf und Vorderbeine herausragen lassen, beständig mit sich herun, schleppen; bei den» geringsten Zeichen von Gefahr ziehen sie sich völlig in das Gehäuse zurück. Die Gehäuse selbst fertigen die verschiedenen Arten teils aus Sandkörnern, teils aus kleinen Steinchen, kleinen Schnecken- schalen und dergleichen. Am häufigsten begegnet man jedoch im Frühjahr in jedem Wassertümpcl mit Pflanzenwuchs den Köcher- larvcn in einem aus kurz- und kleingeschnittenen Pflanzen- teilchcn bizarr zusammengeklebten Hülsen, die nichts weniger als schön aussehen und durch die plumpen Bewegungen, zu denen sie die Hauswirte nötigen, den Eindnick nicht eben verbessern.— Das Leben in, Teiche ist viel zu mannigfaltig, als daß es hier mehr als nur in wenigen Haupttypen gestreift werden könnte. ebenso steht es mit dem Pflanzenlebe». Schon die größeren Wasser- pflanzen, die See- und Teichrosen bis herab zu Froschlöffel, Leich- kraut und Wasserlinse bilden eine sehr stattliche Schaar, die ganz unübersehbar wird, sobald man die Grenzen weiter zieht und die niederen Pflanzen, besonders die Algen, in den Kreis der Beobachtung niit einbeziehen will.— Kunst. hl. Die Deutsche K n» st a u s st e I l u n g der„Berliner S c c e s s i o>," wird heute allgemein zugänglich sein, nachdem gestern Mittag eine Vorbesichtigung stattgefunden hat. Es ist die erste Ausstellung der Berliner Seccssion überhaupt, und es ist freudig zu begrüßen, daß die Berliner Künstler, nach langem Hin- und Herschlvanken, sich endlich zu energischem Handeln auf- gerafft haben, sodaß diese erste Ausstellung auch sofort i», eigenen Hanse eröffnet werden konnte. Das nach dem Plan der Baumeister Grisebach und Dinklage errichtete einstöckige Gebäude liegt draußen in Charlottenbnrg an der Kantstratze"(neben dem Theater des Westens). Es ist sehr einfach gehalten und läßt seine Bestimmung als Knnstausstellungshaus sofort erkennen. Die Ausstellung macht im ganzen einen vorzüglichen einheitlichen Eindruck. Sechs größere und kleinere Ausstellungsräume, vier für Gemälde nnd einer für Skulpturen mit Oberlicht, nnd ein geteilter Raum für die Schwarz-Weiß-Ausstelluiig sind sehr zweckmäßig eingerichtet. Auch die Dekoration der Räume ist einfach, die Wände sind in den ver- schiedenen Räumen mst blaugrancr oder rötlich grauer Leinwand ausgeschlagen. Die ansgestelltcn Werke selbst, deren Zahl außer- ordentlich beschränkt ist(der Katalog zählt alles in allem 837 Nummern), zeigen eine sehr glückliche Auswahl. Die Ausstellung ist in der That, wie das Vorwort zum Kataloge bemerkt, mindestens ebenso stark charatterisiert durch das, was sie nicht bringt, wie durch das, was sie bringt. Künstlerische Qualitäten hat jedes der Werke, die in"ihr zu sehen find. Auch Ein- seitigkeit der Auswahl wird man ihr nicht zum Vorwurf machen kömien. Sie bietet einen guten Ueberblick über das, was heute die deutsche Kunst leistet. Es muß späterer Betrachtung vor- behalten bleiben, dies im einzelnen zu zeigen. Für heute sei nur bemerkt, dah auch Arnold Böcklin, Hans Thoma und be- sonders Wilhelm Leibi mit ausgezeichneten Werken vertreten sind und daß neben der Berliner Secession die M ü n ch e n e r Secession und Luitpoldgruppe, sowie die secessionistischcn Gruppen von Karlsruhe und Dresden sich reichlich beteiligt haben. Unter den plastischen Werken fallen ausgezeichnete Arbeiten auf. Reichhaltig ist endlich auch die Sammlung von Pastellen, Aquarellen und Zeichnungen, darunter Originalzeichnungen von Busch und Oberländer.— Psychologisches. k. Der seelische Zu st and während der Betäubung. In der ersten Zeit ihrer Entdeckung schrieb man den Betäubungsmitteln wunderbare Wirkungen zu. Die Bekenntinsse eines Opiumessers riefen zahlreiche andere Beschreibungen des„kirnst- lichen Paradieses" hervor, das durch Aether, Chloroform und Stickstoffoxydul erzeugt wurde. Namentlich von dem letzteren wußte» die englischen Chemiker Wunderdinge zu erzählen, und als Vauquelin eS einmal selbst versuchte, schilderte ein Freund, der dem Experiment beiwohnte, dem Assisteitten in aller Ausführlichkeit, welche Glückseligkeit der Patient jetzt empfinde. In Wirklichkeit aber litt Vauquelin, während er betäubt Ivurde, an einem be- klemn, enden Angstgefühl. Thatsächlich erklären auch die meisten Menschen, wenn sie sich an die verschiedene» Stadien der Betäubung noch erinnern. ein unklares Angstgefühl enipfunden zu haben, eine Art von instinktivem Widerstand gegen die zunehmende Einschläferung ihrer Sinne. Dieses Gefühl mit seinen Folge-Erscheinungen von dunklen Eindrücken läßt bei manchen Kranken eine so peinliche Erinnerung zurück, daß sie sich kaum mehr zu einer Betäubung entschließen köimen. Die Glückseligkeits- Empfindung tritt im Betäubungszustand wohl auch hervor, aber nie dominierend, wie man früher glaubte, sondern immer mit anderen Associationen und Eindrücken verbunden. Am nierk- würdigsten ist der allmählige llcbergang aus dem bewußten Zustand in den empfindungslosen Schlummer, der von einer Reihe von Versuchspersonen selbst beobachtet Ivorden ist. Jnteresiante Aus- sagen über den seelischen Zustand während der Betäubung lverden in dem neuen Heft der„Revue philosophique" mitgeteilt. So entlvirst ein Arzt von seinen Empfind, liigen während der Betäubung folgend« Schilderung: Als ich zum erstenmal betäubt wurde, hatte ich beim Erwachen alles vergessen, aber beim nächsten Mal bemertte ich, daß dieselben Empfindungen, die das erste Mal aufgetreten waren, und die ich seitdem völlig vergessen hatte, sich »viederholten»md mir plötzlich wieder alles vor Augen stand. Man hat zuerst die Empfindung des Klopfens, man weiß nicht wo; die Augenlider fallen zu und man fühlt sich langsam wie durch die Wolken hernbgleiten, ähnlich wie das Hinabsteigen in einem Fahr- stuhl. Am m'erklvürdigsten ist es aber, daß, als die Anästhesie schon vollständig eingetreten war, das Gedächtnis noch nicht an Schärfe verloren hatte.' Längst vergessene Ideen tauchten lvieder auf, und nie vergaß ich, daß ich meine Empfindungen während der Betäubung analysieren wollte. Ein Schüler von Simonin, der sich zu experimentellen Zwecken betäuben ließ, schildert den Verlauf deSBetänbnnqsprozesses folgendermaßen:„Die erste Einatmung von Aether ruft Husten und starke Hitze in der Brust hervor. Bei der zweiten schivächt sich das ab, und bei der dritten hört der Husten auf. Alsdann bemerkte ich, wie die kleine Zehe des linken Fußes einschlief, und die Lähmung setzte sich fort im Fuß, Bein n. s.>o., aber nur auf der linken Seite. Bei der vierten Einatmung verstärkte sich diese Empfindung, bei der fünften trat ein Gefühl von Trunkenheit auf, und zu derselben Zeit schlief die große Zehe des rechten Fußes ein. Als ich zum sechstcn- mal den Aether einatmete, schien das rechte Bein und die Hälfte des Oberschenkels auf der rechten Seite gelähmt zu werden. Die Hitze wurde stärker und Ohrensausen stellte sich ein. Trotz- dein mir immer mehr die Sinne schwanden, verstand ich alles um mich herum, aber hörte nur mit dem rechten Ohr und sah nur auf dem rechten Auge. Beim siebentenmale wurde der Kopf inir schwer, und eine solche Schwäche ergriff mich, daß ich frische Luft schöpfen nrußte und den Apparat entfernte. Der Betäubungs- Prozeß hatte sö Sekunden gedauert." Bei den meisten Menschen stehen die akustischen Phänomene im Vordergründe. ES ist zunächst, als ob das Trommelfell in Vibrationen geriete; Ohrensausen tritt auf, man hört unaufhörlich Glvckentöne, die mit aller Kraft erklingen, endlich das mächtige Schnauben einer Lokomotive im vollen Dampf oder den tiefen Fall der Kaskaden. Diese Geräusche werden bald schwächer, bald stärker, bis sie endlich in dem Rhythmus erlöschen, indem man einschläft. Ost ist das Gehör noch intakt, nachdem die Anästhesie sonst schon allgemein geworden ist. Aber es gicbt auch Fälle, in denen die Sehschärfe»och lange intalt bleibt. Gerdh z. B. konnte trotz tiefer Betäubung bei schwacher Beleuchtung noch das Wort„Philosophie" entziffern. Die zunehmende Unfähigkeit, die Aufmerksamkeit zu konzentrieren, und das Gefühl der physischen Ohnmacht ruft häufig das Angstgefühl hervor. In einigen Fällen aber ist eS doch möglich, sich durch starke Willensanstrengung der völligen Betäubung zu entziehen. Ein Soldat, der eine Krankheit vorschützte, um seine Entlassung zu erhalten, sollte mit Aether be- täubt tverden, damit er seinen' Betrug eingestehe. Er»veigerte sich nicht, trotzdem er den Zweck wohl begriff. In der Betäub»mg aber, die nachweislich eingetreten tvar, spielte er seine Rolle sehr geschickt iveiter und antivortete nur auf Fragen, die ihn nicht kompromittieren konnten. Gerdy erzählt, daß es ihm durch große Willensanstretigung gelang, während der Betäubung zu gehen.— Aus de« Pflauzenlebe». Den ältesten botanischen Gatten der Welt besitzt angeblich die Stadt Padua; er wurde im Jahre 1545 begründet. Seinem Alter entsprechend enthält er einige Exemplare von Bäumen, die schwerlich auf der Erde Nebenbuhler finden tverden. Da ist ein Baum der Art Vits» agmis castus, zu deutsch der Baum deS„keuschen Lammes", auch einfach Keuschbaum genannt oder mit einem anderen Namen AbrahainSstrauch oder Mönchspfeffer, der ein Alter von 840 Jahren besitzen soll, also schon fünf Jahre nach der Begründung des Gartens gepflanzt sein muß. Dieser Strauch erreicht nur eine Höhe von 2 Metern und ivird»vegen seiner eigentümlichen Belaubung und seiner bläulich violetten Blüten auch bei uns gelegentlich als Zierpflanze in Gärten gehalten. Das Geivächs hat seinen Namen schon im frühen Altertum auf Grund des Aberglaubens erhalten, demzufolge der Genuß des Samens auf den Menschen die Wirkung haben sollte, jede geschlechtliche Regung zu unterdrücken. Ferner ist eine Zwergpalme aus demselben botanischen Garten erwähnenswert, die zwar um einige Jahrzehnte jünger ist, aber noch immer auf eine Lebenszeit von über 3 Jahr- Hunderten zurückblicken kann. Eine Pla ane von der gewöhnlichen Art Platanus orientalio hat nachweislich das stattliche Alter von 219 Jahren. Die Menge von Bäume»», die über 100 Jahre alt sind, läßt sich garnicht im besonderen aufzählen. Rur einer unter ihnen verdie»»t noch genamtt zu werden, da seine Heimat in China und Japan liegt und er doch in dem Garten von Padua in einein Exemplar bereits ein Alter von 143 Jahren erreicht hat. Es ist eine männliche Pflanze des Gingko-BmimeS, eines Nadelholzes von der Familie der Eiben. Später»vurden iveibliche Zweige auf den Baum gepftopst, so daß dieser jetzt männ- liche und weibliche Blüten zugleich hervorbringt. Bon den ge- nai»nten Bäumen hat die über 3 Jährhunderte alte Zwergpalme einen besonderen Ruhm erlangt, da sie das Interesse Goethes, der am 27. September 178S Padua und seinen berühmten Garten be- suchte, ganz besonders a»if sich zog. und ihm die wesentlichste An» regung z»» der 1790 veröffentlichten Abhandlung über die Meta- »norphofe der Pflanzen gab.— Hmnoristisches. — Scheinbarer Widerspruch. A.: Sehen Sie doch »lur unsere,» neuen Praktikanten an I So oft ihn der Vorstand zu sich ruft, geht er nicht, sondern läuft durchs Ziminer zu ihm hinein!" B.:„Aber ich bitte Sie! Dieses Laufen ist ja doch nur Kriecherei!"— — Schwer zu befriedigen. Bäuerin:„G'rad z' tod könnt' ich mich weinen, wenn ich Dich so aus'm Wirtshaus'raus- kommen seh'!" Bauer:„Da»veiß ma' scho' nimmer, was>»a' thun soll l Heut' ftüh hat der Herr Pfarrer aufbegehrt,»veil er'S g'jeheu hat. lvie ich in' s Wirtshaus'nein' gangä bin, uild Du weiilst jetzt, weil ich ans'm Wirthaus'raus komm'!"— S p r a ch st u d i e.„Mit»vas handeln Sie und Ihr Mann, Frau Huber?" „Er thut mit alte G'lvandeln ha»»deln und ich thu' mit Hendeln und Hnndeln handeln l"—(„Flieg. Bl") Notizen. — Ein Drama von Erich Schlaikjer:„Heinrich Lor nsen, ein bürgerliches Trauerspiel in drei Aufzügen", ist von der„Neuen F r e t e>» Volksbühne" zur Aufführung an- genonunen.— — S ch n i tz l e r s Einakter-Cyklns„Die Gefährtin",„ParacelsuS" und„Der grüne Kakadu"»vurden im Münchener Residenz- Theater plötzlich abgesetzt, da„die Tendenzen des„Grünen Kakadu" in höheren Kreisen Mißfallen erregt haben" sollen.— c. E i»»v e i ß e r Tiger. Von Iveißen Tigern waren bis jetzt zwei Fälle bekannt. Der eine»vurde in Poona getötet und hatte eine Länge von 3,55 Meter. Die Haut eines anderen weißen Tigers»vurde 1839 in London ausgestellt. Kürzlich ist in Assam »vicder ein»veißer Tiger getötet»vörden. Es ist ein sehr schönes Exemplar in der Haarfarbe der Albinos. Die Haare sind voll- komme«»veiß. Nur in der Haut befinden sich schlvarze Streifen, die aber nur sichtbar»Verden, lvenn die Haut durchnäßt ist. Sie hat 2,85 Meter Länge und gehörte einem»vohlgebauten jungen Tiger.— t. Die Zahl der lebenden Vogelarten Ivird ans 13 000 geschätzt. Das Britische Museum in London führt in seinem „Katalog der Vögel" 11 ö00 verschiedene Arten auf, die in 2255 Gattungen untergebracht sind.— — In dem Thonlager bei D o b b e r t i n in Mecklenburg »vurden Reste eiiieS Ichthyosaurus gefunden. ES ist der erste. der in Norddeutschland geftulden Wörde»» ist. Wie der„National-Ztg." geschrieben Ivird, fand man vier Wirbel deS Schwanzendes, die dem geologischen Museum der Universität Rostock überwiesen sind.— Berantlvortli.cher NcdaMur: August Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing tn Berlin, �