Anterhalwngsvlatl des Worwärts Nr. 99. Mittwoch, den 24. Mai 1899 (Nachdruck verboten.) 34] Der Schuldige? Roman von Hector Malot. XV. Als La Vaupalisre an jenem Tage, an welchem ihni seine Frau die Heirat ihres Onkels Gibourdel mitteilte, zu ihr sagte, daß er sehnlichst wünschte, sie nicht mehr zu sehen und nicht mehr von ihr sprechen zu hören, war er vollkommen aufrichtig gewesen, und seine Worte hatten seinen Gedanken und seinen Wunsch ausgedrückt. Aber wenn er sich mit einer moralischen Trennung be- gnügen wollte, statt der gesetzlichen Scheidung, die er mit Freuden hätte aussprechen lassen, so geschah dies, weil er hoffte, der Abbruch des gemeinschaftlichen Lebens würde ihm einstweilen Ruhe bringen, bis er sich an das Tribunal wenden könne, um seine volle Freiheit zu erlangen. Leider hatte aber diese Kombination keineswegs die Wirkungen, die er von ihr erwartete, hervorgerufen. Die Ver- bindungsthür zum Zimmer seiner Frau war allerdings für immer geschlossen, aber an der anderen Seite jener Thüre schlief darum doch ganz ruhig eine Frau,— die seinige— während er darüber aufgebracht war, sie so nahe zu wissen. Im täglichen Leben vermied er zwar jede Gelegenheit, sich mit ihr allein zu befinden, das Wort an sie zu richten, sie anzusehen, wenn sich ihre Wege kreuzten, aber das alles ver- hinderte nicht, daß sie ihm bei Tische gegenüber saß, und daß er, wenn Eingeladene ihr Tete- a- Tete unterbrachen, nüt ihr sprechen, ihr zulachen, sie anhören mußte, als ob noch eine Vertraulichkeit des Herzens und Gedankens zwischen ihnen beiden bestände l Dies war eine Marter für ihn, deren Ent- setzlichkeit er sich nicht vorgestellt hatte. Eine derartige Trennung mochte bis zu einem gewissen Punkte fiir Eheleute erträglich sein, die nach einigen Iahren mehr oder minder glücklicher Ehe bei völliger Gleichgültigkeit angekommen wären, aber einem Manne und einer Frau konnte sie nicht genügen, die, seitdem sie sich öfters unwohl fühlten, nicht erst nach einem Grund suchten, sondern zunächst einander des Meuchelmordes anklagten, und dabei alles, was der eine an Verachtung gegenüber dem anderen auf dem Herzen hatte, sich ins Gesicht schleuderten. Gab es etwas Schrecklicheres für ihn, als diese Beschuldi- gung, die sie mit einer solchen Frechheit gegen ihn erhob, mit einer Frechheit, welche bei einem zurechnungsfähigen Geschöpf ein Symptom des Wahnsinns gewesen wäre, aber bei ihr nur ein Zeichen verderbter Einbildung war. denn so wie er sie jetzt kannte, zweifelte er nicht daran, daß sie selbst fast glaubte, was sie sagte:„Damit es einen Courteheuse gäbe, müßte ein La Vaupalivre da sein I" so schuf sie sich eine Mitschuld aus eigener Erfindung, weit mehr, um sich das Recht zu geben, ihm zu mißtrauen und ihr zu verachten, als um sich selbst für unschuldig zu erklären, denn darüber machte sie sich keine Sorge. Um dieser Pein zu entgehen und um sich zu betäuben, hatte er die Liaison mit Rosa Mialoux wieder angeknüpft; er verbrachte die ganze Zeit bei ihr, die er seinem Bureau entziehen konnte, speiste so oft als möglich bei ihr zu Abend und kehrte erst spät in der Nacht zurück, wenn es in seinem Hause stille war und er versichert sein konnte, daß seine Frau schon schlafen gegangen. Wenigstens sah er sie auf diese Weise so selten als möglich, aber ihr nicht begegnen, hieß noch nicht sie aus dem Wege schaffen; sie befand sich zwei Schritte von ihm unter demselben Dache und mit etwas Aufmerksamkeit konnte er dieses Un- geheuer ahnen Höfen, dem er seinen Namen gegeben und mit dem er sich auf solche Art verbunden hatte, daß er nicht wußte, wie er die Kette, die deu einen an den andern fesselte, zer- reißen könne; dieser Gedanke war ein schreckliches Alpdrücken, das ihn des Nachts laute Schreie ausstoßen machte, und sie pflegte dann am andern Morgen mit teuflischem Lachen zu ihm zu sagen: „Du weißt, daß man diese Nacht schon wieder im Hause geschrien hat. Du solltest Dich über dieses Schreien beunruhigen. Verraten sich nicht auf solche Art die Verbrecher, welche Ge- Wissensbisse empfinden V" Anstatt diesen akuten Zustand zu heilen, verschlimmerte ihn die Zeit im Gegenteil mit jedem Tage und trieb ihn, als das Uebelbefinden sich regelmäßig wiederholte, auf den höchsten Grad. In der That mußte La Vaupaliore die Wiederholung dieser Krankheitszufälle als äußerst charakteristisch für die Lage ansehen: es handelte sich jetzt nicht mehr um Be- fürchtungen, die man wohl hegen, aber nicht aussprechen konnte, sondern es lagen unbestreitbare, materielle, brutale Thatsachen vor, die sich nicht auf die Seite schieben ließen. Daß nicht er allein von solchem Unwohlsein ergriffen worden war, sondern daß] dasselbe sich auch bei dem Zimmer- mädchen wiederholt eingestellt hatte, war keineswegs geeignet, ihn zu beruhigen. Ein so diabolischer Geist wie Hortensens, war aller möglichen Erfindungen fähig. Der Notar erinnerte sich daran, wie sie ohne weiteres die Wirkung des Sulfonals an Fauchon hatte erproben wollen, warum sollte sie jetzt nicht ebenso gut auf den Einfall gekommen sein, das für ihn bestimmte Gist zuerst an dem Mädchen zu versuchen? Und warum sollte sie nicht auch, um den Verdacht abzulenken, sich selbst eine schwache Dosis des Giftes verabfolgt haben, um durch Hervorrufung eines leichten Unwohlseins den Glauben zu erwecken, es handle sich um einen Unfall, von welchem drei Angehörige des Hauses betroffen worden seien? Jeder andere mochte einen solchen Unfall für möglich und für wahrscheinlich halten, nur er nicht, der die Ver- gangenheit kannte: es war ihm unwohl, folglich mußte er vergiftet sein. Warum sollte sie auch mit ihm anders ver- fahren, als sie mit Courteheuse verfahren war? Jener erste Gatte stand ihr bei ihrem Liebesabenteuer im Wege, und sie schaffte ihn bei seite. Weshalb sollte sie ihn, den zweiten Gatten, respektieren, da sie ihn doch nicht ausstehen konnte? Treibt nicht ein Verbrechen mit Notwendigkeit zu einem anderen, namentlich, wenn das erste straflos geblieben? Allerdings hatte seine Drohung, sich an einen Chemiker zu wenden, seine Krankheitszufälle für den Augenblick be- endet, allein wer bürgte dafür, daß sie nicht lediglich, an- gesichts der Gefahr, ihre Methode geändert habe? Einen Beweis für diese Annahme erblickte er darin, daß er binnen kurzem aufs neue Magen- und Kopfleiden empfand, und daß sich dabei kein Erbrechen mehr einstellte. Dieses Uebel- befinden mußte eine Ursache haben, und er hätte blind sein müssen, wenn er nicht diese Ursache auf den Vorteil von Hortense zurückgeführt haben würde. Da galt es nun, schleunigst einen Entschluß fassen, bevor er auf dem Friedhofe den Platz neben Courteheuse einnähme I Dies war sein Hauptgedanke des Nachts, wenn ihn die Magenbeschwerden nicht schlafen ließen. Ein einziges Mittel bot sich mit logischer Sicherheit dar: Hortense frei zu machen, um es selbst zu werden. Dies war aber nur möglich, wenn er ihre Mitgift zunickerstattete, und er mochte noch so sehr rechnen, sein Haben, das zweifelhaft war, gegen seine sicheren Passiva abwägen, so stellte sich doch heraus, daß er, selbst wenn er sein Bureau für einen sehr hohen Preis verkaufte, doch immer noch seiner geschiedenen Frau eine bedeutende Summe schulden, also der Sklave jener Elenden bleiben würde. Das Einkommen seines Bureaus hatte sich, seitdem er dasselbe übernommen hatte, erheblich vermindert, einerseits, weil er die Notariatsgeschäfte nicht auf die gleiche einträgliche Weise wie sein Vorgänger betrieb, und andererseits, weil die länd- liche Bevölkerung, aus der sich seine Kundschaft rekrutierte, durch die Ackerbaukrisis der letzten Jahre verarmt war. Sein Notariat war infolge dessen nur noch halb so viel wert, als zur Zeit, wo er es übernommen hatte, und er war mithin durchaus nicht im stände, sich von seiner Frau zu befreien, ja selbst ihr am Tage der Scheidung eine annehmbare Sicherheit zu bieten. Ein einziges Mittel zeigte sich seinem verzweifelten Ver- stände, um die sehlende Summe zu erlangen: Rosa Mialoux zu heiraten. Ohne Zweifel war dies für sein bürgerliches Gewissen und seine notariellen Gewohnheiten ein kühner Schritt; aber war es am Ende nicht noch besser, der Mann einer Schau- spielerin zu werden— wie wenig Schauspielerin sie auch gewesen war— als der Mann einer Giftmischerin zu bleiben? In der Absicht, Rosa Mialoux zu dieser Heirat zu be- wegen, hatte er mit ihr die Reise nach Dicppe vereinbart, und damals gerade, als er an der Apotheke von Turlure so vorübereilte, war er aus dem Wege, um am Bahnhof mit ihr zusammenzutreffen. XVI. Als ihn Turlure vorübereilen sah, war seine erste Bewegung, die Schärpe, sein Amtsabzeichen, anzulegen, auf die Straße zu laufen und ihn mit den Worten: „Ich verhaste Sie im Namen des Gesetzes!" am Kragen zu packen. Glücklicherweise war er nicht der Mann, der nach dem ersten Eindruck handelte, sondern im Gegenteil ein Mann der Wenns und der Denns. Und andererseits hatte er auch keine seiner Schärpen gleich zur Hand: die Nummer Zwei, die für gewöhnliche Bedürfnisse, war in der Bürgermeisterei, und die Nummer Eins, die für öffentliche Feierlichkeiten, hatte Frau Turlure bei ihren Schmuck- und Wertsachen eingeschlossen. Er mußte also diesem Zuge seines Herzens widerstehen und anerkennen, daß eine derartige Verhaftung vielleicht nicht ganz im Geiste des Ge- setzbuches über das Kriminalverfahren sein würde: wie schade doch, daß er nicht, anstatt Bürgermeister, Untersuchungs- richter war! Wie lebhaft auch seine Enttäuschung war, so ging sie doch nicht bis zur Entmutigung: noch war nicht alles zu Ende, die Frau begleitete den Ehemann nicht; es konnte sogar zu etwas gut sein, daß sie allein war! das ermöglichte ihm, einige geschickte Fragen an sie zu richten, sie sprechen zu machen, das Terrain zu prüfen, ohne den Gang der Sache zu gefährden. Als er nach der passendsten Form für diese Fragen suchte, zog das Geräusch eines leichten, schnell fahrenden Wagens seine Aufmerksamkeit auf sich und führte ihn wieder auf die Schwelle seiner Thüre zurück; in einem mit zwei Pferden bespannten Victoria-Wagen bemerkte er Rosa Mialoux in eleganter Reisetoilette, und sofort kani ihm die Idee, daß sie mit La Vaupaliöre auf dem Bahnhofe zusanunentreffe; ein neben dem Kutscher befindlicher Koffer bestätigte diese Voraus- setzung. Als sie vor der Apotheke vorüberfuhr, neigte sie den Kopf, und Turlure erwiderte aufs liebenswürdigste die Begrüßung. „Glückliche Reise, gnädige Frau, meine besten Wünsche!" Er atmete erleichtert auf. Also der Notar flüchtete nicht nach Belgien, sondern machte ganz einfach mit seiner Geliebten eine Vergnügungsreise; morgen, übermorgen, gleichviel welchen Tag, würde er wiederkommen; welches Glück, ihn nicht am Kragen gepackt zu haben! Was hätten die Herren vom Gericht gesagt! Er blieb vor der Thüre stehen und beglückwünschte sich über seine Klugheit, als Celanie, die Köchin von La Vaupaliere, vorüber kam. Er hielt sie an, frug sie auf das Allergenaueste nach dem Zustand des anderen Mädchens aus. Nach langem Verhör erfuhr er, daß Divine ein schwächliches Mädchen sei und daß sie sich stets am Sonnabend und Sonntag kränker fühle, weil sie stets am Freitage, während der Notar in Rouen und die Frau ausgegangen sei, abwechselnd seine Zimmer und diejenigen von Madame gründlich rein machte; darum sei sie jedesmal am Tage darauf, also Sonnabends, wie zermalmt und habe Uebelkeiten. Dieses> Zusammentreffen des Tages für alle drei, das übrigens Divine schon erwähnt hatte, mußte Turlure auffallen. Offenbar lag darin etwas Charakteristisches, das aus mehreren Gesichtspunkt und um so sorgfältiger geprüft werden mußte, als für ihn die Folgerung der Köchin nicht unbedingt vor- geschrieben war. Daß Divine sich am Sonnabend kränker als an den anderen Tagen fühlte, war eine sicher scheinende That- fache, aber daß diese Krankheit durch bloße Ermüdung verur- sacht werde, war eine vielleicht grundlose Erklärung, so schwach war die Kammerftau nicht. Nachdem Turlure nochmals mit ihr eine Prüfung an- gestellt hatte, ging er hinter seinen Tisch und goß in ein kleines Glasfläschchen verschiedene Flüssigkeiten, die er ge- wissenhaft abwog; sodann klebte er die Aufschrist„Nach Vor- schrift einzunehmen" darauf und übergab es der Köchin. „Sie wird es im Vorbeigehen bezahlen," sagte sie, da sie keine Lust hatte, ihrer Kameradin einige Sous vorzuschießen. Hatte Turlure schon daraus, daß sich Kupferarsenik in den von Divine jüngst gebrachten Stoffen vorfand, auf die Möglichkeit einer zufälligen anstatt einer strafbaren Vergiftung, an die er zuerst glaubte, geschlossen, so konnte die Auskunft, die ihm jetzt die Köchin gab, ihn nur zu den Zweifeln, die damals in ihm auftauchten, zurückführen. Warum stellt sich das Unwohlsein am Sonnabend ein, nach- dem sie Freitags den ganzen Tag in den Zimmern des Herrn und der Frau gearbeitet hatte? Und warum stellte sich das Unwohlsein nicht ein, wenn sie sich dieser Arbeit nicht widmete? Diese Arbeit oder vielmehr die Bedingungen, unter welchen, und der Ort, an welchem sie sie ausübte, hatten also ent- scheidenden Einfluß auf dieses Uebclbefinden! Das antwortete die Logik, und ebenso sagte sie ihm, daß er, wenn er seine Untersuchung bis ans Ende verfolgen wolle, zunächst die Umstände, unter denen Divine arbeitete, die Zimmer und die Möbel, deren sich Herr und Frau La Vapaulisre bedienten, zu besichtigen und zu prüfen habe. Dann erst würde man die erforderlichen Grundlagen be- sitzen, um sich darüber entscheiden zu können. XVU. Gewöhnlich machten Turlure und Mederic am Sonntag nach dem Mittagessen einen Spaziergang in die Umgebung von Oissel. Mit der Ausstattung des Botanikers, Zoologen und Geologen, die Botanisiertrommel auf dem Rücken, den Hammer in der Hand, einen Sack nnt Flaschen und Albums gefüllt über der Schulter, die Füße in starken Schuhen, die Beine in Gamaschen geschnürt, so gingen sie ans wissenschaftliche Entdeckungen aus. Der Apotheker war in dieser Aus- stattung wirklich kostbar: wenn man ihn so sah, konnte man überzeugt sein, daß die Natur keine Geheimnisse mehr vor ihm haben würde. Der Felsen Foulon lieferte ihm die Rluscari neglectum oder die Orchis odoratissima; die Felsen von Orival die in der normännischen Fauna so seltene Myrmedonia bituberculata, ja vielleicht das noch seltenere Phosphaenus Rougeti; selbst die Ziegelbrennerei konnte ihm aus der Ziegelerde einige vorgeschichtliche interessante Werk- zeuge aus der Epoche von Mousticrs darbieten. Seit jenem Dienstag war für Sonntag vereinbart worden, daß sie den Fluß überschreiten und den Hügel von Saint- Andrien emporsteigen würden, von dessen Höhe sich eines der schönsten Panoramas der Normandie ausbreitet; von hier blickt man über die ganze Schleife hin, welche die Seine von Elbens bis Rouen bildet und die in der dunstigen Ferne mit dem dunklen Walde der Londe abschließt. Ohne Zweifel war gerade dieser Ausflug einerseits wegen der Aussicht auf die Landschaft gewählt worden; vor allem wollte aber Turlure seinem jungen Freunde die Viola Pboto- magensis zeigen, jenes zartblaue Stieftnütterchen, das auf seinem Heimatboden und in der kreidigen Erde jener Hügel einen so hübschen Teppich bildet. Trotz des Vergnügens, das er sich von jenem Ausflug versprach, war es doch klar, daß er ihn opfern mußte; die Geschäfte vor allem I In dem fieberhaften Zustand, in dem er sich seit Beginn seiner Nachforschung befand, würde er weder die Ungezwungenheit des Geistes, noch die nötige Sammlung haben, uni seinen jungen Freund zu führen und ihn wirklich auf ein Feld mit Viola Pbotomagsosis zu bringen. Die Botanik ist eine anspruchsvolle Herrin, welche keine Kameradschaft mit Kriminaluntcrsuchung verträgt. Unter diesen Umständen mußte er also Mederic benach- richtigen; zu diesem Zweck begab er sich zu Frau Artaut, um sich mündlich, was noch schicklicher sein würde als durch Brief, zu entschuldigen. Er traf Frau Artaut im Speisezimmer an, gerade im Begriff, die auf dem Tisch befindlichen Konserve- Büchsen, Flaschen. Früchte einzupacken und in Körbe zu legen. „Mein Sohn wollte Ihnen gerade schreiben." „Machen Sie eine Reise?" lFortsetzung folgt.) GenIitmuttg und Veuvberkuttg des AMeersttzsums. Unter den Materialien zur Herstellung unserer heutigen Rauch- gerate mmnit der Meerschaum einen ersten Rang ein. Die Heimat und die Fuudstelle dieses schönsten und begehrtesten Rohstoffes war lange Zeit das eifersüchtig gehütete Geheimnis einzelner Grotz- Händler, die ihres eigenen Vorteiles willen die Enthüllung um jeden Preis hinauszuschieben suchten. Den andauernden und vielseitigen Forschungen der denffchen Gelehrten gelang es jedoch, in der asiatischen Türkei und in dem Orient das Vaterland des Meerschaums zu ent- decken. Der schönste und reinste Meerschaum wird in Thiwa, dem ehe- maligen Theben, in der griechischen Provinz Livadien und in Esli- Schehr in Anatolien gefunden. Doch auch im Marinarameer, nicht weit von Konstantinopel, sowie in der türkischen Provinz Karavanien in dem Dorfe Kiltschik werden große Mengen Meerschaum zn Tage gefördert. Die Einwohner, die das Mineral gewinnen, müssen dafür eine Abgabe an das mohamedanische Kloster vom Derwischorden der Mowlewiten entrichten, denen die Einkünfte von den Naturprodukten jener Gegend von der türkischen Regierung seit mehr als 100 Jahren zugewiesen sind. Der Rohstoff, der hier gc- graben wird, ist wohl sehr weiß und leicht, aber meist sandig und daher nicht so wertvoll wie der von Thilva und Eski-Schehr, Ferner hat man Meerschaunilager entdeckt in der Krim, in Bosnien, bei Hrubschitz und Nendorf in Mähren, zn Valecas bei Madrid und bei Pinheiro in Portugal. Diese Erzeugnisse sind jedoch minderwertiger als die orientalischen. Der Meerschaum, ein zum Talkgeschlecht gehöriges Mineral aus Kieselerde, Magnesia und Thoncrdc, wird in kleinen knollenförmigen Stücken gewonnen, die, frisch gegraben, weich wie Wachs sind, an der Luft aber sofort härter werden und Risse bekommen. Um sie hicrvor zu hüten, müssen die frischgegrabeneu Knollen sofort in Papier oder Leinwand eingewickelt werden. In dieser Hülle bleiben die Stücke einige Tage lang liegen i dann werden sie herausgenommen und von der bräunlich gelben Rinde befreit. Nun kommt die Haupt- arbeit, das Ausmerzen der Adern sowie der Steine und sogenannten Masern, die sich vor allem in den härteren Meerschauniarten finden. Nachdem alle diese Unebenheiten mit stcnimeiscnsörinigen Messern beseitigt sind, werden die einzelnen Stucke nochmals eingehüllt und in erwärnitcn Räumen völlig getrocknet. Wenn dies geschehen, reibt man jedes einzelne Stück nut Glaspapier ab, bestreicht es mit Wachs und Seife und poliert es mit einem weichen Tuche aufs sorgfältigste. So bearbeitet ivandert der Meerschaum dann nach Brusia, Ivo die einzelnen Stücke ihrem Werte nach sortiert, verpackt und versandt werden. Die größten Meerschaumsendnngen gehen nach Wien, Leipzig, Paris und nach Amerika. Die Orientalen selbst sind selten Liebhaber von Pfeifenköpfen aus Kill-Keffi(Schaumthon), wie sie den Meerschaum nennen; sie geben vielmehr den kleinen, aus rotem Ton gefertigte» den Vorzug. Der erste, der den Meerschaum als Material zur Pfeifen- fabrikation benutzte, soll ein Schuhmachermeister in Pesth gewesen sein. Dieser Schuhmacher, Namens KovacS, beschäftigte sich in den Feierabendstuudcu mit Pfcifenschnitzcn, Im Jahre 1724 brachte ihm der Graf Andrassy von einer Oricntreise ein Stück weißen Minerals mit, das im Verhältnis zu seiner Größe von fast minimalem Gewicht war. Kovacs verarbeitete das Stückchen zn zwei Pfcifenköpfen, von denen er den gelungensten seinem Gönner verehrte. Dem Grafen und seinen Freunden gefiel die neue Pfeife ganz vorziiglich, umso- mehr, da sie die Entdeckung machten, Ivie sich durch das Rauchen aus dem Weiß allmählich ein herrliches Braun entwickelte, Sie ließen sofort größere Massen von diesem Mineral aus dem Orient kommen und zu Pfcifcnköpfcn verarbeiten. Die ersten Fabriken, die sich in Europa mit der Verarbeitung des Meerschaumes befaßten, entstanden im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts zu Lemgo im Fürstentum Lippe-Detmold, ferner in Nürnberg. Nach dem siebenjährigen Kriege begann daS thüringische Städtchen Ruhla, im Volksnmnde„die Rnhl" genannt, die Fabrikation von Pfcifcnköpfcn usw. ans Meerschaum. Die Ber- anlassnng dazu gab ein dortiger Einwohner, Namens Jffcrt, der auf der Leipziger Messe von einem polnischen Juden eine Kiste Meer- schäum erstand und nun versuchte, diesen zu verarbeiten. Da ihm jedoch die Kenntnis von der Behandlung des Rohstoffes abging, so brachte er es erst nach unsäglichen Mühen und Nachdenken dahin, daß ihm ein kleiner Gewinn aus dem neuen Gewerbe erwuchs. Be- harrlichkeit aber brachte ihn der Vervollkommnung näher. Ursprünglich blühte in Ruhla der Eiscu-Bergbau und die Waffen- schmiedekunst. Als die eisernen Harnische und Panzer abkamen, wandten sich die Bewohner von Ruhla der Messerschmiedekmist zu. Doch auch dieser Handel geriet im Laufe des 13. Jahrhunderts immer mehr in Verfall. Da bot sich in der Herstellung von Pfeifen ein neuer Erwerbszweig, umsomchr, als in dem Meerschaum ein so herrlicher Rohstoff geboten war. Schon im Jahre 1800 war das Geschäft in Ruhla so bedeutend, daß in 27 Fabriken über 150 Per- sonen arbeiteten, Ivelche die Mccrschaumköpfe soweit fertigstellten, daß sie in die Hände der Beschlägcr gegeben werden konnten. Das Beschlagen der Pfcifcnköpfe war bereits 1770 durch Simon Schenk aus Zillbach nach Ruhla gekommen, der auch die Verfertigung der Holzpfcifcn dort eingeführt hatte. Der Betrieb der letzteren, wie auch der der Pfcifcnbcschläge vergrößerte sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt; die Pfeifeuköpfc aus Meerschaum hingegen waren so teuer, daß der Absatz ein beschränkter blieb. Dies führte die Ruhlaer Fabrikanten zur Imitation. Der eigentliche Erfinder der Meer- fchaumkvpfe aus Abfällen dieses Minernles war ein gewisser Christoph Drciß, der es jedoch nicht verstand, aus seiner Erfindung Nutzen zu ziehen. Die ersten Köpfe, die in Ruhla durch Imitation gefertigt wurden, hatten jedoch eine so geringe Dauerhaftigkeit, daß einige Pfeifen Tabak, aus ihnen geraucht, sie zum Zerspringen brachte». Sie zeigte» sich voller Poren und Lüchelchcn, die von den in der Mccrschaummasse cuthalteuen Luftbläschen herrührten und die, beim Rauchen durch die Wänne ausgedehnt, das Zerspringen des Pfeifenkopfes verursachten. Erst durch viele und langjährige Versuche ist man dahin gelangt. Meerjchaum-Jmitatione» zu erzeugen, die in hohem Grade dem Nrstoff gleichen, dergestalt, daß es selbst dem Meerschaumkiindigen schwer wird, einen imi- tierten Pfcifenkopf von einem echten Mcerschaumkopfe zu unter- scheiden. Die Herstellung des künstlichen Meeschaums erfordert große Geschicklichkeit und Vorsorge hinsichtlich der Manipula- tionen; nur bei guter Ausführung wird ein befriedigendes Er- gebuis erzielt. Hergestellt wird die Imitation folgendennaßen: 100 Pfd. Wasserglas, 60 Pfd, kohlensaure Magnesia und 80 Pfd. feinstgemahlener Meerschaumabfall werden in zwei Eimer kochendes Wasser rasch eingeriihrt, zehn Minuten im Sud erhalten und in die Formen gegossen. Die Masse wird nicht nur zu Pfeifcnköpfen, sondern ebensowohl zu Büsten, Basreliefs, Cigarrcnspitzen, Vasen und Schmuck» fachen aller Art verarbeitet. Heute ist Ruhla die berühmteste Pfeifenstadt der Welt, obwohl alle Rohstoffe aus weiten Fernen bezogen werden müssen: Meer« schäum aus Kleinasien, Bernstein von der Oftsee. Weichselrohr aus Oestreich, Harze aus den ostindischen Wäldern, Holz aus Schweden und vom Libanon u. s. w, Ruhla erzeugt heute jährlich ungefähr 500000 echte und etwa 5 Millionen unechte Meerschaumköpfe. Der Preis der echten Köpfe schwankt zwischen 20 und 500 M.; ein un- echter Kopf hingegen kostet kaum den zehnten Teil. Neben dem thüringischen Städtchen liefern heute auch Nürnberg und Paris Meerschaum-Erzengnissc, Hauptsitz der Industrie aber ist nach Ruhla die östreichische Hauptstadt, die jährlich über 100 000 Meerschaumpfeifen in den Handel bringt,— („K ö l n i s ch e Volkszeit un g".) Kleines Feuillelon. — Schneeverwehungen in den Felsengebirgen von Rord- amerika. Dem„Centraiblatt der Bauverwaltung" wird folgendes geschrieben: Neber die diejährigen Schneeverwehungen in den Felsen- gebirgen von Nordamerika sind ans der amerikanischen auch in die deutsche Tagesprcsse vereinzelte Nachrichten gelangt, die bei manchem fachmännischen Leser ein ungläubiges Lächeln hervorgerufen haben mögen. Sollten doch ganze Ziige wochenlang in Schnee festgesessen haben und die Reisenden nur mit Mühe aus der Gefahr des Verhnngerns oder Erfrierens gerettet worden sein. Ein in der „lUilrvÄcl- Gazette" vom 21. April veröffentlichter Bericht zeigt aber, daß jene Nachrichten keineswegs übertrieben Waren. Da die Einzelheiten manches Beachtenswerte bieten, sei nachstehend ein Auszug mitgeteilt: Die„Schneeblockade" der Colorado-Mdland-Eiscnbahn wurde am 14. April endlich gebrochen. Es war dies die größte Sperrung, die je vorgekonnnen ist; und sie wird auch in Zuknnst wahrscheinlich nie übertroffen werden, da dies- mal eine ganze Reihe von erschwerenden Umständen zusammentraf. Die Eiseübahngesellschaft kämpfte vom 27. Januar bis 14. April gegen den Schnee, ohne ihre Linien offen halten zu können. Es ivürden zu diesem Zweck zwei Jull-Schneepflüge und eine Dampf- Schneeschaufel, von je 5 Lokomotiven angetrieben und von großen Arbeiterrotten begleitet, in den Dienst gestellt. Einmal war eine solche Rotte 42 Stunden ununterbrochen in Thätigkeit; ein andermal wurden 2 Lokomotiven mit ihren Mannschaften gerettet, nachdem sie 26 Tage auf einer Gebirgsstrecke festgelegen hatten. Noch am letzten Tage fand man zwei Lokomotiven wieder, die 73 Tage lang eingefroren waren. An manchen Stellen war der Schnee über den Schienen bis zu 9 Meter Höhe aufgetürmt. Gegen das Ende der Sperrung hin mußte eine Rotte, die sich auf Schneeschuhen auf die Strecke be« gebe» hatte, an einer Stelle, wo man ein Schneeschutzdach ver- mutete, zwei Stunden lang graben, bevor sie auf das Dach stieß. Vielfach konnte die Strecke nur dadurch freigemacht weichen, daß man zunächst Tunnel durch den Schnee trieb und dann die zusanimengefrorcnen Massen mit Dynamit wegsprengte. Die der Eisenbahnverwaltung erwachsenen Kosten werden auf 250 000 Mark geschätzt. Im Februar allein wurden bis zu 773 Mann beschäftigt und 105 000 Mark an Arbeitslöhnen veraus» gabt. Dazu traten die Ausgaben für Nahrungsmittel, Geräte und 16 zur Schneefördenmg benutzte Lokomotiven. Die von anderen Verwaltungen geliehenen Schnccpflüge kosteten täglich 160 Mark, leisteten aber weit weniger als die Dampfschneeschaufel. Fast ebenso große Ausgaben hatte die Colorado- Südbahn, obgleich sie die Ge- birgsstrecke zwischen Breckenridge und der bekannten Minenstadt Lendville von vornherein aufgab und überhaupt nicht versuchte, ihre Wiedereröffnung zu erzwingen. Diese Strecke war am 15. April noch gesperrt. Die Denver- und Rio- Grande- Eisenbahn hatte besonders westlich von Leadville bis Glenwood Springs, wo sich die Geleise an den steilen Hängen der Schlucht des Rio Grande hin- ziehen, mit Schwierigkeiten zu kämpfen' Zahlreiche Lawinen und Felsstürze unterbrachen dort nämlicki den Verkehr oft tagelang. lieber die klimatischen Ursachen der geschilderten ganz außergewöhn» lichen Vorkommnisse ist man bisher völlig im Unklaren. Festgestellt sind als mitwirkende Erscheinungen nur hestigc Winde mid ein Wechsel von Thauwettcr und Frost, der den Schnee allmählich in eine Eis- .masse verwandelte, die mit der Picke gelöst werden mußte. Diese Erscheinungen sind um so auffälliger, als Colorado sonst ein selch warmes und trockenes Klima hat. Sein höchster Berg, der nur um wenige Hundert Meter hinter dem Montblanc zurückbleibende Pikes Peak, ist bekannt als Endpunkt der von Manito» ansgchenden Zahn- radbahn Abtscher Bauart. Der Gipfel dieses beliebten Ausflugbergcs zeigt im Sommer kaum Spuren von Schnee.— Aus dem Tierleben. — In Brasilien giebt es eine Kreuzspinne(EpeiroideZ bahiensis), die nach einer in den„Zoolog. Jahrbüchern" veröffentlichten Schilderung Prof. Göldis, des Muscumsdirektors in Para, eine ganz eigenartige Lebensweise hat. Ihr zartes, dünnfädiges Netz ist in' der Regel senkrecht, etiva 1 bis 2 Meter über dem Boden aufgehängt. Es liegt in einem dreieckigen Rahmen, der von einem oberen Quertau und zwei in einem spitzen Winkel zusammentreffenden Seiteutauen gebildet wird. Man muff aber sehr früh aufstehen, wenn man das Netz sehen und die Spinne bei ihrem Thun und Treiben beobachten will. Sie arbeitet nämlich nur in den frühen Morgenstunden und macht schon„Feierabend", wenn die Sonne aufgeht. Sie beißt dann die das Netz haltenden Taue durch und schleppt das nunmehr zu einem kleinen Ballen zusammengeschrunipfte Gewebe samt dem Jagdergebnis in ihren Schlupfwinkel, indem sie es am Hinterleibe nachzieht. Zu Hause angelangt, macht sie ihre Bürde mittels eines dickeren Stranges von Spinnstoff fest und begiebt fich nach kurzer Rast an die Prüfung der Jagd- beute: die kleinen Insekten, die der Ballen enthielt, werden gemächlich zwischen den Kiefern in Verarbeitung genommen. Es gelvahrt, sagt Göldi, einen komischen Anblick, ivie diese Spinne mit mathematischer Regelmäßigkeit um dieselbe Zeit vom Jagd- gewerbe aufbricht und heimkehrt, bevor die Hitze fühlbar wird i man wird an das im Süden so oft gesehene Bild eines Vogelstellers erinnert, der seinen ausgespannten Rokkolo zusammenpackt,— bloß mit dem Unterschied, daß sich unsere Spinne nicht erst die Mühe nimmt, das gefangene Wild herauszulassen; sie macht fich die Sache leichter, klappt einfach ihr Netz ein und verschiebt die Untersuchung, bis sie nach Haus zurückgekehrt ist.— Aus dem Gebiete der Chemie. ie. Die Bestandteile desGletscher Wassers wurden von zwei englischen Chemikern in den„Chemical News" besprochen. Bei der Untersuchung hat sich ein ganz anderes Ergebnis heraus- gestellt, qls man nach der äußeren Beschaffenheit des Gletscher» Wassers hätte erivarten sollen. Jeder, der sich im Hochgebirge auf- gehalten hat, ist sicher von der eigentümlichen Farbe des Schmelzwassers der Gletscher überrascht worden, deren milchiges Aussehen fich noch auf viele Kilometer hin den besonders durch Gletscher ge- speisten Flüssen, z. B. der Aar, mitteilt. Man sollte danach denken, daß das Gletscherivaffer in seiner Zusammensetzung sehr ivenig rein ist. Nach den vorgenommenen Analysen ist gerade das Umgekehrte der Fall. Der Älctschcr, dessen Wasser für diese» Zlvcck gewählt wurde, ist allerdings recht iveit von unseren Hochgebirgen »ntfernt. seine Schmelzwasser aber besitzen genau die nämliche milchige Farbe, wie man sie bei den europäi- scheu Gletschern beobachtet. Es handelt sich nämlich»m den Jllecillewaet oder Großen Gletscher in Britisch-Kolumbien. Die Wasser erwiesen sich als ungewöhnlich frei von organischen Bei- mengungen jeder Art. die die Reinheit des Wassers in gesundheit- licher Hinsicht bekanntlich am meisten schädigen. So enthält jener Gletscherstrom auf 1000 Millionen Raumteile Wasser nur 13 Teile Ammoniak, nur 24—44 Teile Stickstoff, nur 100 Teile Chlor, da- gegen 12— 30 000 Teile feste Stoffe. Diese letzteren, die als fein- verteilter Staub in dem Wasser schweben, geben ihm auch die milchige Färbung, was im besonderen noch dadurch erwiesen wird, daß die Gletscherwasser vollkommen klar werden, sobald man die festen Bestandteile zum Niederschlag bringt. Bei der mikroskopischen Untersuchung des Niederschlages stellte sich heraus, daß er aus im- gemein feinen Gesteinskörnchen, besonders aus Qnarzbruchstücken be- stand. Man kann also die Milchfarbe der Gletscherwasser im all- gemeinen dem Vorhandensein winziger Gesteinstrümmer zuschreiben.— Geologisches. ss. Eine vergängliche Inselwelt. Von Zeit zu Zeit dringt aus fernen Meeren die Kunde zu uns, daß eine Insel ver- schwunden ist. Erst kürzlich ivar das mit Bezug auf das Falco» Island in der Toga-Gruppc im Stillen Ocean der Fall, die sich infolge eines vulkanischen Ausbruches im Jahre 1835 plötzlich ans dem Meere erhoben hatte. Sie war damals etiva zwei englische Meilen lang und ragte 250 Fuß über dem Wasserspiegel empor, war aber schon im Jahre 1832 durch die Brandung merklich ver- kleincrt worden. Als im vorigen Jahre Kapitän Field mit dem englischen Kanonenboot„Penguin" das merkwürdige Stück Land wieder aufsuchen wollte, war es zu seinem Erstannen völlig ver- schwunden, und an seiner Stelle fand er nur eine Untiefe, über die die Meereswogen brandeten. Es ist kein Zufall, daß derartige Ereignisse verhältnismäßig am häufigsten im Großen Ocean vorkommen, da sie mit der vulkanischen Thätigkeit des Erdinneren zusammenhängen, die innerhalb des Bereiches der Polynesischen Inselgruppe noch heute eine sehr lebhafte ist. Es läßt fich noch ein anderes Beispiel für eine plötzlich auftauchende und allmählich wieder verschwindende Insel aus demselben Meercsgcbiete anführen. Die Metis-Jnsel, nur 75 englische Meilen nordöstlich von der Falcon-Jusel war ebenfalls ein vulkanisches Erzeugnis, das zum erstenmale im Jahre 1875 bemerkt und damals als ein 29 Fuß hoher Fels geschildert wurde. Spätere Eruptionen erhöhten ihn gar bis auf 150 Fuß, dann aber erhielt die Zerstörungswut des MeereS * Peraiitivortlicher Revacteur: Hugo Poetzsch in Berli freies Spiel und reduzierte das Eiland in 24 Jahren soweit, daß eS, gerade wie die Falcon-Jnsel, heute nur noch eine Sandbank unter- halb des Meeres darstellt. Die beiden Inseln bestanden allerdings aus einem sehr ivenig festen Stoffe, nämlich aus vulkanischer Asch« ohne eine Beimischung von festem, vulkanischen Gestein in Gestalt von Lava oder vulkanischen Bomben.— Humoristisches. — Auf der musikalischen Soiree. A.:„Sagen Sie einmal, nach was für einer Methode mag diese Dame Unterricht ge- habt haben? Die singt ja ganz schauderhaft!" B.: ,O, die hat gar keinen Gesangunterricht gehabt. Sie ist sogar sehr stolz darauf, daß ihre Stimme ganz Natur ist." A.;„So, so, also Natur-Heul-Methodel"— — N a ch s ü ch t i g.„Na, mein Kleiner, Ivillst Du auch mal solch ein berühmter Mann werden, wie Dein Papa?" „Nein, ich will Lehrer in Schöneberg werden l"— — Druckfehlerteufel.(Aus einem Roman.)„Schüchtern, mit hochwogendem Besen trat sie ihm entgegen, während er mit vor Erregung zitternder Hand ihr eine iveiße duftende Hose reichte.'—(„Lust. Bl.') Notizen. — Die Verhandlungen des Hamburger Theater-Komitees mit Baron Alfted B e r g e r sind jetzt zum Abschlüsse gelangt. Wie die„N. Fr. Pr." erfährt, übernimmt Baron Berger vom Herb st« 1900 ab Pacht und künstlerische Leitung des zu erbauenden neuen Theaters in Hamburg, das den Titel„DeutschesSchau spiel- haus' führen wird.— — Im Dresdener Schauspielhause wurde Fried« rich Hebbels Tragödie„ G Y g e s und sein Ring' mit gutem Gelingen aufgeführt.— — In Paris hat sich eine Gesellschaft gebildet, die Richard Wagner's„Tristan und Isolde" dort zur Aufführung bringen will. Das Unternehmen ist durch ein Grundkapital von 75 000 Frks. sichergestellt. An der Spitze der eingetragenen Gesell- schaft stehen Lkapellmcister L a m o u r e u x»nid Willy Schütz. Das �ouveau-Tböatre ist für die Zeit vom 1. September bis 14. De- zember 1399 von den» letzteren gepachtet.— ar. Die Berliner Secessions-Aus st ellung war in den erste» beiden Feiertagen außerordentlich stark besucht. Die Ve- suchszeit»nußte mn eine Stunde verlängert werden. An» ersten Feiertag Ivar der Katalog bereits vergriffen. Auch die Verkäufe be- ginnen schon; sie beziffen» sich bis jetzt auf rund 110000 Mark. Wilhelm Leibs Bild„Dorfpolittkcr" ging für nahezu 100000 Mark in anderen Besitz über; es war aber schon seit langen, nicht mehr im Besitz des Itünstlcrs. Ferner wurden verkauft: Wilhelm Trübners„Kürassier", Louis Corinths„ Heimziehende Bacchanten" und S t a s s e n s„Elysium."— ar. Max Lieber manns Bild„Schusterwerkstatt', das aus der ersten Hälfte der 80er Jahre stammt, ist für 20 000 M. von der Ratio n algalle rie angekauft. Es befand sich vorher in f r a n z ö s i s ch e in Besiy.— — Bei der vom Kultusminister ausgeschriebenen Preis« konkurrenz von Entwürfen zu einer Taufmedaille, an der sich 100 Künstler beteiligt haben, wurde von der Landes-Kuust« kommisfion der e r st e Preis von 2000 M. dem Bildhauer Rudolf Bosselt in Frankfurt a. M. zuerkannt. Preise von je 800 M. erhielten die Bildhauer Georges Worin- Berlin»»»d Adolf Amb erg- Charlottenburg; Preise von je 500 M. Meinhard I a c o b y- Grunewald(Berlin), E. G o m a n s k i- Berlin und Emil T o r f f- Berlin.— — Wie auf der Generalversammlung der Vereinigung bildender Künstler Oestreichs(Sccessiou) am 13. d. M. festgestellt wurde, war das finanzielle Resultat des Unternehmens glänzend. Die erste Ausstellung in der Gartenbaugesellschaft endete, trotz der>großen Spesen von 40,000 fl. mit einem Ucberschuß von 3358 fl. Die im eigenen Hause ver- anstaltetc» Ausstellungen hatten einen solchen Erfolg, daß die Ver- einignng schon jetzt in der Lage ist, das bei ihrer Begründung auf- genommene verzinsliche Darlehen zurückzuzahlen und außerdem den Betrag von 20,000 fl. als Betriebsfonds für weitere Unter- nehmungen festzulegen. Die Versammlung beschloß, die auf der gegenwärtigen Ansstellimg befindliche Büste„Rochefort" von R o d i n anzukaufen.— — Den» städtischen Museum in Dortmund sindin der letzten Zeit wieder große Altertumsfnnde zugeführt worden. Der Direktor des Museums ließ an der Lippe, in der Nähe der Nauschenbnrg, Nachgrabungen anstellen, wobei mehrereh undert Grabstätten aus der Zeit vor Christi bis in die ftänkische Zeit entdeckt wurden. An 200 Gräber sind schon geöffnet. Der darin gefundene Stein-, Eisen- und Bronzesctimuck wird dem Museum zu« geftihrt. Weiter wurde ein römisches Kastell aufgedeckt.— — Eine von Augusto F r a n z o i unternommene Forschungsreis« im Gebiete des A m a z o n e n st r o m s ist durch Erkrankungen seiner Begleiter am gelben Fieber gescheitert; die Reisenden werden im Juni in Genua zurückerwartet.—_ >. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.