InterhallungMatl des Vorwärts Nr. 101. Freitag, den 26. Mai. 1899 (Nachdruck verboten.) eq Dev Srhuldige? Nomon von Hector Malot. Nachdem er Hortense durch seinen brüsken Angriff getroffen und verwirrt gesehen hatte, hielt er den Augenblick für ge- kommen, nach einer anderen Seite zu operieren, um sie mit List einzusaugen. Als sie zu ihm sagte:„Sie beschuldigen jemand?"— hätte sie ebenso gut sagen können:„Sie beschuldigen mich I" Durch diese Frage hatte sie sich selbst preisgegeben, das hatte sie auch gefühlt. Jetzt fand er es geschickt, ihr einen Weg halb zu öffnen, auf den sie sich stürzen müsse, um dieser ersten Gefahr zu entgehen, Er folgte aufmerksam den Veränderungen der Phhsiog- nomie Hortcnses, beobachtete aber dabei doch keineswegs nur ihr Gesicht; so machte er mehrmals die Wahrnehmung, daß sie hüstelte, wie man es thut, um seine Stimme klar zu machen, und daß sie mechanisch, ohne Bewußtsein davon zu haben, sich leicht zwischen die Fingern rieb, als ob sie an denselben ein Jucken verspürte; das war für ihn wie ein Blitz im Dunkeln und er machte sich ihn sofort zu Nutze, in- dem er sagte: „Ich habe Ihnen vorhin erklärt, daß ich den Arsenik wiedergefunden habe, welcher die Vergiftungen, von denen ich Ihnen Mitteilung machte, hervorgerufen hat.. Wäre sie weniger verwirrt gewesen, so hätte sie bemerken müssen, daß er jetzt von„Vergiftungen" und nicht mehr von einer einzigen sprach, aber sie achtete nicht darauf. „Jetzt kann ich sie selbst Ihnen zeigen, oder deren direkte Wirkungen." Sie sah ihn an, als ob sie erwartete, er werde ein Fläschchen oder ein Papier mit Arsenik aus der Tasche ziehen. „Oh, nicht etwa an mir." „Ich verstehe Sie nicht." „An Ihnen, gnädige Frau." „Sie glauben, daß ich vergiftet bin „Sie sind es." „Ach, mein Gott! mein Gott!" Diese zwei Ausrufe wurden nicht im gleichen Tone hervor- gebracht; durch den ersten klang Schrecken, durch den zweiten Erleichterung hindurch; und Turlure hatte nicht nötig darüber nachzudenken, um sich diesen Widerspruch zu erklären: einerseits erschrak sie, sich vergiftet zu wissen, andererseits atmete sie aber lbci der Wahrnehmung auf, daß der Ver- dacht, mit dem sie zuerst sich belastet glaubte, jetzt auf einen alldcren fiel. „Fürchten Sie nichts, gnädige Frau," nahm er das Ge- sprach wieder ans,„Ihr Leben ist nicht in Gefahr, da wir jetzt wissen, wie und durch>vas cS bedroht ist; wie wir auch, wenn Sie mir Ihre Hilfe leihen, bald wissen werden... von wem." Sie blickte ihn an, ohne die Tragweite seiner Absichten erraten zu können. „Ich kcmie also denjenigen, der mich vergiften will?" „Sie kennen ihn, und wenn Sie seinen Namen nicht laut ausnifcn, so geschieht dies nur, weil ein achtungswertes, rührendes Gefühl das Siegel der Aufopferung auf Ihre zitternden Lippen drückt." Das wurde mit einem Ausdruck des Mitleidens gesagt, der Vertrauen einflößen mußte, dann fuhr er fort: „Ich sagte Ihnen, daß ich Ihnen an Ihrem eigenen Körper die Wirkungen des von Ihnen eingenonunenen Arseniks zeigen könne; das werde ich jetzt thun. Seit wir uns unter- halten, haben Sie fünfmal gehüstelt— ich habe es gezählt— dieser Reiz Ihrer Bronchen ist eine Wirkung des Arseniks; gleichzeitig haben Sie sich mehrmals zwischen den Fingern ge- rieben; dieses Jucken der Haut ist cbensalls nur eine Wirkung des Arseniks." Nach einer kurzen Pause, wie um die hervorgebrachte Be- stürzung zu genießen, fuhr er fort: „Sehen Sie nun die Hilfsmittel der Wissenschaft, gnädige Frau? Die Verbrecher, die sich einbilden, ihre Verderbtheit sei größer als die Wissenschaft, sind wirklich naiv. Ich gestehe Ihnen jedoch, daß diese Wahrnehmungen mir entgangen sein würden, wenn meine Aufmerksamkeit nicht durch... vorhergehende wachgerufen worden wäre.— Seit einiger Zeit ist Ihre Zofe gekommen, um sich Arznei gegen Erbrechen und Unbchaglichkciten, an denen sie litt, zu holen. Jene gruppierten Krankheitserscheinungen zeigten Syniptome einer Arsenik- Vergiftung. Es ist eine sehr ernste Sache, auf eine Vergiftung zu schließen; und selbst wenn alle Symptome von medizinischem Charakter sich vereinigt fänden, um sie als möglich erscheinen zu lassen, so müssen immer noch Umstände einer anderen Art die Annahme unterstützen. Diese Umstände waren für mich gegeben. Und ich mußte als Apotheker und als obrigkeitliche Person alle meine Sorgfalt zur Aufklärung der Sache ver- wenden. Ausgefragt, hat mir Ihre Zofe gesagt, daß auch Sie Uebelkeiten empfunden hätten, ist daS wahr?" Sie zögerte einen Augenblick. „Das heißt..." „Haben Sie sie empfunden oder nicht? Sie fiihlen, von welcher immensen Wichtigkeit diese Frage ist, auf die ich Sie bitte, mir mit einem Ja oder Nein zu antworten." „Ich habe allerdings Unbehaglichkeiten empfunden, aber..." � Er schnitt ihr das Wort mit einer Energie ab, die sie an ihm nicht kannte. „Suchen Sie nicht auszulegen," sagte er,„nicht Er- klärungen zu geben; wir sind mit unserer Unterhaltung noch nicht zu Ende, vielmehr gedenke ich. indem ich auf die Ver- gangenheit zurückgehe, für die Gegenwart klar zu sehen." Diese Drohung, auf die Vergangenheit zurückzugehen, war eine der Wirkungen, auf welche Turlure am meisten rechnete, um den Verstand von Frau La Vauvaliere zu ver- wirren; und indem er sie betrachtete, hatte er die Genugthuung. wahrzunehmen, daß er sich nicht getäuscht hatte. Lebhaft fuhr er fort: „In Ihrem Hause haben zwei Personen die Syinptome einer Arsenikvcrgiftung gezeigt: Sie, gnädige Frau, und Ihr Dienstmädchen." „Herr La Vaupalisre hat dasselbe Unwohlsein gehabt." „Bitte, lassen Sie Herrn La Vaupalisre für den Augen- blick bei Seite, wir werden uns sogleich mit ihm beschäftigen. Kennen Sie jemand, der ein Interesse daran hätte, Ihre Zofe zu vergiften? Gicbt es Gründe, daß man sie verschwinden lassen möchte?" „Nein, sicherlich nicht." „Ich habe hierüber eine Untersuchung angestellt und denke genau wie Sie. Also war der Vergiftungsversuch nicht gegen jenes Mädchen gerichtet; ohne Zweifel fragen Sie sich, wieso sie dann hat krank werden können. Ich gestehe, daß ich darauf keine genaue Antwort habe: das Mädchen hat vielleicht eine Flüssigkeit, die nicht für sie bestimmt war, zu sich nehmen, oder arsenikhaltigen Staub oder Dämpfe... in einem anderen Zimmer als dem scinigen... dem Ihrigen z. B.... ein- atmen können, wenn daS Verbrechen gegen Sie geplant war. Und da wir uns nun von dem Mädchen abwenden, so müssen wir wohl erkennen, daß das Verbrechen gegen Sie gerichtet war. Ich werde es Ihnen übrigens beweisen, indem ich unter- suche, in welchem Interesse und aus welchen Gründen man Sie verschwinden lassen oder wenigstens zu einer Scheidung führen möchte. Ich bin genötigt, jetzt einen Schritt in die Vergangenheit zu thun. und eine Reihe Thatsachen von außcrordcnllicher Zartheit zu besprechen, deren volle Wichtig- feit Sie erst fühlen können, wenn sie ein Ganzes bilden werden. Sicherlich haben Sie den augeblichen Einbruchs- versuch nicht vergessen, infolge dessen Herr Courteheuse das Haus mittels Elektncität verschließen ließ; aber ohne Zweifel erinnern Sie sich nicht mehr, daß ich zufällig an jenem Frei- tage auf das Bureau kam. und den Fnßabdruck des vermeint- lichen Diebes, den er aus der frisch gegrabenen Erde zurück- gelassen hatte, aufnahm. Diese Feststellung habe ich auf- bewahrt... sogar habe ich sie mitgebracht und wem: Sie er- lauben, wird sie mir zu einer Darlegung dienen, die viel mehr sagen wird, als alle Worte, und mir ebenso schwierige als Peinliche Erklärungen ersparen soll." Dabei hatte er sich erhoben, um auf den Knopf der Klingel am Kamin zu drücken; sodann zog er aus der Tasche ein großes, sorgfältig gusauuneugcsaltetes Papier und breitete es auf dem Tische aus. „Wollen Sie uns ein Paar Schuhe von Herrn La Daichallöre Bringen?" sagte er zu dem eintretenden Kammer- Mädchen. Als sie die Thüre wieder geschlossen hatte, sagte er zu Hortense: „Sie werden sehen." Und da sie nicht antwortete, trat eine für sie aufregende Pause ein. Endlich kam die Zofe zurück; er nahm ihr die Schuhe ab und verabschiedete sie durch ein Zeichen; als das Mädchen hinausgegangen war, legte er einen der Schuhe auf das Blatt; derselbe paßte genau auf die Zeichnung, die er der- mittelst Tinte nach dem Schnitt des Fußabrucks gemacht hatte. „Sie sehen." sagte er,„ivelcher Fuß jenen Eindruck gemacht hatte und verstehen die Folgerung, welche aus diesem Beweise hervorgeht: ein bestimmtes Verhältniß und ein bestimmtes Datum: ich werde also nicht weiter auf diesem Punkte be- harren, sondern sofort zu einem anderen übergehen. Als ich mich in dem darauf folgenden Frühjahr eines Sonntags in Rouen bei meinem Kollegen Desmazurier zu Besuch befand, überraschte ich Herrn La Vaupalidre, der eben im Begriffe war, einen Tropfenzähler zu kaufen; er wurde verlegen als er mich sah, und noch verwirrter wurde er, als er auf einige Fragen antivortete. Herr Courteheuse war damals bereits krank; sein Zustand verschlimmerte sich; da machte ich Ihnen jenen Besuch. dM>Sie sicherlich nicht vergessen haben. Heute muß ich JhneMmeinen Verdacht, den ich damals verbarg. mitteilen. Ich glaubte Herrn Courteheuse durch Arsenik ver- giftet und ich wollte sehen, ob Doktor Hanyvel sich nicht durch vorgefaßte Adeen verblenden ließ." „Herr Courteheuse war mein Freund; andererseits legte mir meine Eigenschaft als Bürgermeister dieser Gemeinde gc- wisse Pflichten auf, meine Einmischung war nur durchaus legitim. Als ich Herrn Courteheuse sah, wurde der Zweifel zur Gewißheit: die Arscnikvergiftung sprang förmlich in die Augen. So klar sie aber war, so brauchte ich doch etivas mehr als bloße Diagnose; ich ersuchte Sie also um ein Taschentuch, um das Blut zu analysieren; meine Stellung er- laubte mir nicht, den Doktor Hanyvel auf jene Krankheit auf- merksam zu machen; aus einer genauen Analyse mußte die Erkenntnis kommen." Bis dahin hatte sie kaum geantwortet, zuerst, weil sie wie zerschmettert war, und später weil sie um so mehr fürchtete, sich auf ein gefährliches Gebiet zu begeben, je beut- licher sie sah, wie dieses Verhör, das ihr anfangs unzusammen- hängend erschien, immer bestimmter ihr Ziel verfolgte; jetzt aber glaubte sie das Wort nehmen zu können: „Ich habe Ihnen das verlangte Taschentuch doch auch ge- schickt, wie mir scheint." „Jawohl. Und die vollkommene Unschuld, mit der Sie gehandelt haben, beweist, daß Sie sich nicht darüber beun- ruhigten, ob jenes Taschentuch direkt aus Ihren Händen in die meinigen gehen würde. Ich konnte Ihnen dies nicht anempfehlen und Sie konnten sich nicht denken, daß eine Unterschiebung stattfinden würde. Dieselbe hat stattgeftmden, und das Taschentuch, das ich empfing, war nicht das blutige von Courteheuse; das ist ein großes Unglück gewesen, denn wir hätten ohne Zweifel den armen Herrn Courteheuse retten können, und wir würden nicht in der schrecklichen Lage sein, in der wir uns befinden. Obgleich meine Untersuchungen ein verneinendes Resultat ergeben hatten, konnte ich doch nicht den Gedanken an eine Arsenikvergiftung aufgeben und schickte Isidor, Herrn Courteheuse das Haar zu schneiden; er über- brachte mir auch eine Locke, die ich untersuchte. Aber ebenso wie eine Unterschiebung beim Taschentuch stattgefunden hatte, fand auch wieder eine solche bei dem Haar statt." „Ich verstehe Sie nicht." „Anstatt des Haares des Herrn Courteheuse analysirte ich das Haar des Herrn La Vaupaliere, das natürlich kein Arsenik enthielt, und da ich diese Unterschiebungen nicht kannte, mußte ich meine Untersuchungen aufgeben, und Herr Courteheuse ist an Arsenik gestorben." „Aber das ist ja entsetzlich, fürchterlich, was Sie da sagen I" rief sie. «Fügen Sie hinzu, daß es unglaublich, undenkbar ist, und doch ist es die Wahrheit, wie schrecklich sie auch sei: Herr La Vaupalidre hat Herrn Courteheuse vergiftet; ich habe die Beweise der Anklage gegen ihn." „Aber derjenige, den Sie anklagen, ist mein Mann, mein Herr l" „Zu Ihrem Unglück, gnädige Frau, denn um Ihr Ehe- mayn zu werden und um sich eine Stellung zu schaffen, die ihm die Aermlichkeit seiner Hilfsquellen versagt haben würde, hat er sich dieses Verbrechens schuldig gemacht." „Sie sprechen von Beweisen..." „Ich verstehe Ihren Protest und sofort antworte ich Ihnen darauf: beim neulichen Begräbnis eines Mitgliedes unseres Gcmcinderates habe ich Herrn La Vaupaliere ein Haar abgenommen, habe es mikroskopisch geprüft und es den- jeuigen gleich gefunden, die mir Isidor gebracht und die ich aufbewahrt hatte. Liegt hierin nicht das vollständigste Be- kenntuis der Schuld desjenigen da, der jene Unterschiebungen bewirkte? Seine Geschicklichkeit selbst, seine Vorsicht selbst verurteilen ihn." Die Zusammenstellung der Thatsachcn, von denen er anfangs gesprochen hatte, war in der That zennalmeud. Sie hätte Ueberlegung nötig gehabt, um zu antworten, ohne eine Unklugheit zu begehen; statt dessen war sie gezwungen, ihm erschreckt, bestürzt von einer Ueberraschung zur anderen zu folgen. Trotzdem mußte sie irgend etwas antworten: „Das ist alles so fiirchterlich, daß ich, wie Sic sehen, ganz vernichtet, ganz außer mir, ganz verstört bin; ich weiß, daß Sie unfähig sind, so obenhin zu sprechen, und doch kann ich Ihnen nicht bei Ihren Anklagen, gegen die mein Herz und Verstand protestieren, folgen. Ich soll vergiftet sein, Herr Courteheuse soll das Opfer eines Verbrechens gewesen sein; Herr La Vaupaliöre soll jene Mittel angewandt haben, von denen Sie sprachen!— nein, mein Herr, ich kann es nicht glauben, es ist unmöglich I" „Auch ich protestierte, als ich angefangen hatte, die Wahr- heit zu ahnen, was vermag aber das Herz, der Verstand, das Gewissen gegen die Thatsachen?— und die sind da, ich habe sie Ihnen gezeigt, Sie sehen sie." „Aber schließlich, mein Herr, was erwarten Sie von mir? Was kann ich thun? Was verlangen Sie von mir?" „Ihre Hilfe, um die Wahrheit herauszubringen und alles, was Sie können, um sich zu retten." „Mich retten! Vor was?" „Vergessen Sic nicht den Fußstapfcn, und denken Sie an die Folgen, die man daraus ziehen kann?" „Was liegt mir daran?" „Das kann bis zur Anklage der Mitschuld führen." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verkoten.) Die LNÄvutovbrülsze von Cnvenvn. Aus den Kieferwäldern von Pisa lscrvorbrausend eilt das Dampftoß an der toskanischen Küste dahin. Jetzt wendet der Neiscnde, dessen Blick bisher auf die See hinaus gerichtet ivar, den Blick hinüber nach den ungeheuren Steinrnassen, welche zur anderen Seite des Eisenbahnzuges liegen und der schaffenden Hand des Bild- Hauers und Bankünstlers harren. Rieseninaffen sind es— massive Berge des edelsten Marmors I Es ist die Bergkette der Apuanistl'en Alpen, umrahmt von schönen, blendenden Krcidebänlen. 20 Jahr- hunderte ist der Steinbrecher hier an der Arbeit, und doch hat er gerade nur eine Spur seiner Thätigkeit hinterlassen. Der Neiscnde. welcher die Marinorbrüche besichtigen will, folgt einem der Wasserläufe, welche den Fluß Carrione bilden; an seinen Ufern liegt Carrara. Der carrarische Marmor übertrifft den parischen, den vom Pen- telicon und den vom Hymettus an Feinkönngkeit, Bildsamkeit und der Größe seiner Monolithen; er trat an die Stelle des griechischen Marmors, gerade zu der Zeit, als die griechische Skulptur dem Ver- fall entgegenging und die Römer ihre ersten Meisterstücke vollbrachten. Nach Plinins, der von dem ncuentdeckten Marmor von Luni(bei Carrara) spricht, müßte die Ausbeutung der Marmorbrüche in den späten Tagen der römischen Republik begonnen haben. In Wahrheit wurden diese Mannorbrüche weit früher erschlossen. Als die großen römischen Feldherren die schönen griechischen Statuen als Trophäen heimbrachten, erwachte das Empfinde» für diese Kunst und alles wurde von der Vorliebe für Marmorbildnisse beherrscht. Aus den Thälern ivurde der Marmor nach dem Hasen von Luni gebracht, von wo er nach Ostia verschifft, den Tiber hinaufgebracht und an der „Marmorata" niedergelegt wurde. Später schlvand diese Vorliebe der Italiener für die Skulptur; wir suchen vergebens nach Erinnerungen an die Marmorbriirbe bis zum lt. Jahrhundert. Barbarossa trat Carrara mit seinen Stein- brüchen an den Bischof von Luni im Jahre 1183 ab; in den folgenden Jahrhunderten waren viele italienische Fürsten Herren von Carrara. Im Jahre 1500 sah Carrara in seinen Mauern eine Reihe hervor- ragender Bildhauer: Bandinelli, Ammanati, Giambologna, zugleich Michelangelo. Es scheint, als ob im 17. Jahrhundert die Marmor- Industrie bedeutend zurückging, im 18. Jahrhundert aber kam sie zu neuer Blüte, und im Jahre 1769 gründete Maria Theresia in Earrfltn eine STIobcmie der schönen Künste. Schtner s�ädi�ten die Napoleonischcn Kriege die Industrie, aber jetzt gelangt sie Ivieder zu großer Blüte. Die Zahl der Marmorbrüchc in Carrara ist etwa 700, aber mehr als 300 werden noch nicht ausgebeutet. Im benachbarten Massa gicbt es etwa 200 Brüche, von welchen nur etwa 45 in Betrieb sind und in der Vcrsilia sind noch 150 andere, welche gleichfalls nicht mehr aus- gebeutet werden. Hieraus können wir entnehmen, welche riesigen Reichtümer noch in diesen schönen Bergen geborgen liegen. Die verschiedenen Marmorarten liegen nicht in Schichten, sondern gehen in einander über, wie die Farben des Rcgenbogens. Eine leichte Sandschicht bedeckt die Blöcke und scheidet sie von einander. Man hat bemerkt, daß Marmor, welcher der Sonne ausgesetzt wird, härter wird, wird er in den Schatten gebracht, so wird er feiner und weicher. Eine Beimischung metallischer Substanzen macht die Mannorarten manchmal fleckig, geädert oder gesprenkelt; durch solche Fehler werden sie für den Bildhauer weniger wertvoll. Obivohl es viele Arten von Marmor gicbt, unterscheidet man hier gewöhnlich nur drei Klassen, nämlich: Brccciati, Bardigli und Bianchi. Der clegantc Brccciato ist zu Ornamenten sehr beliebt, der gemusterte Bardigli dient als Architckturmarnior und zu Gebrauchsgegenständen: die größte Bedeutung hat der Bianchi als Statnentnarnior. In der Tönung ist dieser sehr verschieden und zeigt bisweilen einen blauen öder auch fleischfarbciicn Schimmer. Letzteres ist z. B. bei dem Crestola der Fall, der als der schönste und edelste gilt. Er steigt im Werl je nach seiner Frische, seinem Farbenton, seiner krhställrnischen Struktur und der Größe des Stückes; auch mutz er frei von linrcinigkcitcn sein. Der als Crcstola bezeichnete Statnenmarmor ist aber nicht allein wegen seiner schönen reinen Fläche, sondern mich seiner festen nnd gleichmäßigen Struktur sehr beliebt; er kann von geübter Hand sogar zu dünnen durchsichtigen Platten verarbeitet werden. Einen Beweis von der Vortrcfflichkcit dieses Marmors hat der Bildhauer Moli in seiner„Pompejanischen Mutter" geliefert: Die„Mutter" flieht mit ihrem Kinde vor dem Unheil und versucht, sich vor dem feurigen Regen vernnttclst eines Tuches oder eines Gewandes zu schützen, welches sich hoch über ihrem Kopfe hält. Die Luft, welche sie beim Laufen bewegt, schwellt die Falten des Gewandes, das dank der meisterhaften Aussührung der Falten nnd der Zgrt- heit der Arbeit so dünn nnd durchsichtig wie wirkliches Leinen er- scheint. Die größten Monumente jedoch, die höchsten Säulen nnd die prächtigsten Vestibüle werden ans Vianco-chiaro sreinwciß) gemacht. Vnsari versichert uns, daß der Block von Bianco-chinro, welchen der Großherzog Cosimo 1. dem Ammanati zu der„Ncptnn"-Statnc gab, die ans dcni Signora-Platzc in Florenz steht, ki Meter hoch und 8 Meter breit war. Er war so prächtig, daß Benvenuto Ccllini, wie er selbst sagt, vor Wut ohnmächtig wurde, weil er diesen kostbare» Block nicht bekam. Die Steinbrecher in de» Apnanischen Alpen haben ei» schweres, ein getvaltiges Stück Arbeit zu bewältigen. Es sind da Blöcke, tvelchc von schwindelnden Höhen' hernnlergcstürzt zu sein scheinen; schreckliche Explosionen finden statt, bei welchen die Erde aufgerissen und bis in die Grundfesten erschüttert Ivird. Große Arbcitcrkolonnen sind damit beschäftigt, große Platten von den riesigen Felsen loszubrechen oder die zackigen Kanten zu behauen oder die erste Bearbeitung der Flächen vorzunehmen. Sie bedecken die Platten mit Sand, reiben sie init Bimstein ab oder trans- Portieren sie nach den Arbeitsstätten. 42 Sägereien, welche mit 200 geeigneten Maschinen versehen sind, stehen an den Ufern des Cnrrione; nnd in der fleißigen kleinen Stadt Torano giebt es 115 Bildhaneratelicrs und Ornamentefabriken. Der Transport wird von 450 Personen, � 300 Paar Ochsen nnd 425 vierrädrigen nnd 300 zweirädrigen Karren bewältigt. 3000 Leute arbeiten in den Marmor- brächen; etwa 100 Frauen bringen den Arbeitern Wasser, 550 Per- fönen find in den Werkstätten und den Laboratorien beschäftigt. Der Export nach dein Anslaiid beläuft sich auf 100 000 Tonnen jährlich. Dieser Betrieb der Steinbrüche hat große Mängel. Infolge der Unzulänglichkeit der Maschiiicric verläßt der Marmor Italien größten- teils im rohen Zustande und kommt bearbeitet vom Auslande zurück. Es fehlt sogar an gceignctcii Maschinen, die großen Monolithe von den Bergen loszulösen. Das Sprengen der Minen fordert noch viele Opfer. Man kann sich leicht' vorstellen, toas für Wirkungen erzeugt werden, wenn man weiß, daß 2000 Pfund Pulver fast 2 Meter tief gelegt werden. Der Schall eines Hornes zeigt an, Ivcnn eine Explosion stattfinden soll; die dadurch gewarnten Leute laufen nach irgend einer Höhle, um sich zu schützen, und eine furchtbare Menge von Felstrümmcrn stürzt über ihren Köpfen dahin. Manchmal fallen auch von selbst Steimnassen herab und ans den Kopf eines zufällig Borübergehcndcn. Früher war es Sitte, eine Glocke zu läuten, tvenn ein Toter oder Sterbender sich in den Steinbrüchen befand. Kaum ein Tag ging vorüber, ohne daß man ihren traurigen Klang hörte; aber da sie Schrecken und Angst in ganz Carrara verbreitete— denn alle Einwohner hatten Verivandte in den Brüchen,— so wurde schließlich das Läuten verboten. Leider konnte man durch dieses Verbot nicht auch die Schrecken dieser Berge aus der Welt schaffen. Die Maschinenkrast könnte hier wohl ein großes Werk vollbringen, den Gebrauch von Pulver und Dynamit einschränken nnd viele Arbeiter dem Leben erhalten.— FredHood. Kleines JTeuillekon. — Von der belgischen Südpol-Expedition unter dc Gcrlache,' die Anfang April nach Pnnta Arenas zurückgekehrt war, liegt jetzt ein ausführlicher Bericht in der deutschen„La Plata-Zeitung" sBuenos-Airesj vor. Er stammt von einem Mitglicde der Expedition. Danach sind zwar keine bahnbrechenden Ergebnisse erzielt, hohe Breiten nicht erreicht worden, ivohl aber wurden mannigfache wissen- schaftliche Schätze heimgebracht, lieber den Hauptzweck der Ex- pcdition, die Auffindung und Erforschung eines bis vor kurzem noch sagenhaft gebliebenen K a n a l e s in dem Hughes Golf, dessen sEinfahrt im Jahre 1893/04 von dem Kapitän des englischen Schiffes„Jason" entdeckt worden sein sollte, sowie über die Fahrt der„Bclgica" von den Staaten- inseln durch diesen Kanal macht die„La Plata-Zeitung" folgende Mitteilungen: Schon von San Juan del Salvamiento, ans den Staateninscln aus(welcher Hafen im Dezember 1897 verlassen wurde) hielt die„Belgica" rein südlichen Kurs und legte die Fahrt parallel des 63. Grad westl. Länge nnter Dampf glücklich bis zu den Süd-Shctlandsinseln zurück. Wenige Meilen vor diesem Insel- komplex wurde die Lust jedoch so dick, daß eine Fernsicht ganz un- möglich war, Weshalb man die Maschine stoppte und Lothungen vornahm, welche dreißig Faden ergaben. Plötzlich saß die„Belgica" jedoch auf einem kleinen Riff fest. Als sich nach einer Stunde etwa das Wetter aufheiterte, gelang es, das Schiff ohne Havarien ab- zubringen nnd die Fahrt durch die Bransfield- Straße fort- zusetzen. An der Deceptionsinscl, einer aus der Shetlandsgnlppe, wurde Halt gemacht und der fast vollständig geschlossene, eiförmige Port Poster, wo die nordamerikanischen Walfischsahrer zu über- wintern pflegen, aufgesucht, nach wenigen Stunden aber wieder verlassen. Unaufhörlich drangen die Forscher von dort aus nach Süden vor, und da eine frische Brise, die sich bald aufgemacht, die Fahrt ungemein begünstigte, kam schon nach Verlans einiger Stunden Kap Cockburn, der nördlichste Punkt von Palmerland, in Sicht, womit auch die Einfahrt in den Hughes Golf erreicht war, in den die „Belgien" in derHöhc derHoseasön Insel eindrang. Inzwischen hatte sich die Brise sturmartig verschärft, so daß das Schiff zu rollen anfing und reichlich Wasser über Bord nahm. Eine große Welle riß dabei einen Matrosen über die Reeling, er konnte nicht gerettet werden nnd ertrank. Kapitän Gerlnche hatte sich vorgenommen. de» vom Kapitän des „Jason" angeblich im Hughes Golf entdeckten Kanal zu verfolgen und nach dem Südpol vorzudringen. Es kam aber anders. Statt nach Süden wandte sich der hundcrtfünfzig Meilen lange Kanal, den die Forscher in der That entdeckten und auch, da freies Fahr- Wasser vorhanden, benutzen konnten, nach Westen, wo sie gegenüber der Goßler- nnd Elisabcth-Jnscl, unweit des Einganges der nur im Anfang erforschten breiten Bismarckstraße herauskamen nnd dort offenes Meer antrafen. Die Fahrt durch den ncucntdeckten Kanal bot für die Forscher eine Fülle geographischer und Naturwissenschaft- sicher Daten, welche eine entschiedene Bereicherung unserer spärlichen Kenntnisse über die antarktische Zone darstellen. Ueberall, wo es der Strand»md die ungeheuren Eiswäiide zuließen, wurde gelandet, um Messungen nnd kartographische Aufnahmen zu machen, wobei auch die Bereicherung der botanischen nnd mineralogischen Sannnlnngen nicht vergessen wurde. Die Ufer- beschaffenheit war allerdings zum Landen nur Wenig geeignet, da die oft 600—880 Meter hohen Felswände geschlossen bis ans Meer herantraten, anderswo wieder majestätische Eisberge und Gletscher eine Landung verhinderten. Dieses großartige Bild der im flimmern, den Glänze des ewigen Eises erstrahlenden Landschaft wurde wirkungS- voll durch tausende von Pinguinen belebt, die teils paarweise, teils in Scharen zusammensitzend, damals gerade dem Brutgeschäst ob« lagen und die feierliche Sttllc durch ihr heiseres Geirächz, das sie beim ungewohnten Anblick des dahiiisegelndcn Schiffes ausstießen, unterbrachen. Unter diesen zahlreichen Flosscntauchern oder Fett- gänsen konnte man im allgemeinen zwei Arten unterscheiden, die gewöhnlichen braunschwarzen und die Riesenpinguine mit chrom- gelbem Vorderhalse. Die Lebcnsgewohnhciten dieser Tiere sind äußerst merkwürdig; während der letztere einen ausgesprochenen phlegmatischen Charakter besitzt nnd oft stundenlang unbeweglich auf einem Flecke sitzen bleibt, ist die kleinere Art, soweit es die plumpen flossenartigen Füße zulassen, bedeutend lebhafter. Ganz merkwürdig ist das Verhalten der Riesenpinguiue ihren Jungen gegenüber: einem älteren Tier bleibt gewissennaßen als„Kinder- bonne" die Wartung einer großen Schar von Jungen überlassen, Welchem Amte es sich mit der größten Achtsamkeit unterzieht. So- bald nämlich eines der Kleinen im jugendlichen Uebennute zu schreien anfängt und ans der Reihe, in der alle sitzen, aus- brechen will, wird es von der Wärterin zurückgeholt. Dem Kanal sowohl, wie namentlich dem Ausgange desselben gab Gerlach den provisorischen Namen„Belgica", da er nicht sicher war, ob der» selbe von ihm auch zuerst entdeckt worden ist. was zu entscheiden nunmehr der Geographischen Gesellschaft in Brüssel überlassen bleibt.- Musik. Der junge Kapellmeister Karl Zimmer, der mit seinem „Berliner Sinfonie-Orchester" seit mehreren Jahren den oft recht schwierigen Kampf mit der Teilnahnilostgkeit und Unselbständigkeit des Berliner Publikums aufgenommen hat, nimmt einen neuen Anlauf, auch im Sommer der guten Musik eine Stätte zu bereiten. indem er an jedem Mittwoch in I. G. Kistenmachers Garten hinter den Zelten ein großes Konzert dermis! altet. Thnt der Wirkung der Streichinstrumente auch der offene Acunn Abbruch, so bleibt doch genug übrig, um sich daran zu erfreuen, und es lohnt, das Ohr von der Grobkörnigkeit der überall unvermeidlichen Militärmusik zu enttvobnen. Warum sollte heute nicht mehr möglich sein, lvas man vor dreißig Jahren als Selbstverständlichkeit ansah, wo der „alte Lirbig" im damaligen.Odcum" regelmäßig Tansende an- dächtig lauschender Zuhörer um seine Sinfouic-Aufführuugen der- sammelte I Ein Eintrittsgeld von 20 Pf, ist doch zu erschwingen!— Zu Donnerstagabend kündigte der rührige Kapellmeister, der in der Kunst des Dirigiercus auffällige Fortschritte gemacht hat(dem aber vielleicht einstiveilen doch noch von dem Sport des Auswendig- DirigiercnS abzuraten sein möchte!) einen ,1. W a g n e r- A b e n d" in der Brauerei Friedrichshain am Königsthor an. Das sollte ver- mutlich(und hoffentlich) bedeuten: einen ersten Komponisten-Abeud, der diesmal Richard Wagner gewidmet ist I Das hierzu gewählte Lokal gestattet, das Konzert auch bei ungünstiger Witterung in dem geräumigen Saale abzuhalten. Der Eintrittspreis ist hier gar mir auf 10 Pf. festgesetzt. Bravo!-- Lm. Meteorologisches. —» U eb e r Wetterprognosen und Wetterberichte des 13. und 16. Jahrhunderts sprach Prof. Hellmann in der letzten Sitzung der Meteorologischen Gesellschaft. Wie wir einem Bericht der«Voff. Ztg." entnehmen, führte der Redner im Anschluß an die von der Gcscllichaft herausgegebenen Neudrucke alter meteoro- logischer Veröffentlichungen folgendes ans: Die ganze meteorologische Litteratur des 15. und 16. Jahrhunderts läßt sich, abgesehen viel- leicht von den Kommentaren zur Meteorologie dcS Aristoteles, in zwei Gruppen scheiden, nämlich Schriften über das zu erwartende Wetter und Berichte über Witterungs- Ereignisse. Verständlich werden die Wettervoraussagungen erst, wenn man auf das Alter- tum zurückgeht. Schon die alten Griechen beobachteten, wie wir aus Homer und anderen Schriftstellern wiffen, mit Aufmerksamkeit die WitterungSereigniffe. Meto» stellte bereits einen Witterungs- kalender auf, der auf systematischen Beobachtungen berichte und besonders die Zeit des Eintritts gewisser Phänomene voraussagte. Später wurden in Athen an den öffentlichen Säulen Paraphthegmata angeschlagen, die eine Art von klimatologischen Berichten enthielte». Bald aber kam man durch die Vermischung der Meteorologie und der Astronomie zu gewissen Trugschlüssen, die an Bedcntüug zu- nahmen, als das Centrum der Astrononiie nach Alexandrien verlegt wurde, wo der astrologische Aberglaube überhand nahm. Der Ein- fluß von Claudius PtolcniaeuS. den man als den größten Astro- nomen, aber auch als den größten Astrologen des Altertums bezeichnen kamt, läßt sich bis in das 17. Jahrhundert verfolgen: allerdings war er beeinflußt durch die Araber, die sich seit dein achten und neunten Jahrhundert sehr mit der Astro- Meteorologie beschäftigten. Vom 13. Jahrhundert ab trat unter dem Einfluß der Kirche und der Fürsten eine Blütezeit der Astrometeorologie ein. Man begann die Politik, die socialen Er- eignisse, das Wetter ustv. für ein Jahr voraus zu bestimmen. Die Schriften hierüber uannte man Judicium aimi oder Vaticinhun.mni oder Proguosticon anni, später allgemein Practicae. Diese Schriften kanten durch die Erfindung der Buchdruckcrknnst zu großer Ver- breitung. Sie waren ursprünglich eine wirkliche Gelehrtenarbeit, der sich die hervorragendsten Vertreter der Astrologie unterzogen: später wurde aus ihnen ein leichtes Gewerbe gemacht. Natürlich sind die Wetterprognosen jetzt als Unsinn anzusehen, aber sie haben für uns insofern ein Jntcreffe, als sie zu meteorologischen Arbeiten angeregt haben, indem sich bald sorgfältige Beobachter fanden, die au der Hand der Prognosen die wirklich eingetretene Witterung auf das genaueste beobachteten. Die Practicas erreichten ihre höchste Blüte in Italien schon vor 1300, verbreiteten sich aber auch rasch über Deutschland, Ivo sie vielfach Polemik und Satire hervorriefen. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts erschienen in Deutschland bis 20 ver- schiedene Praktiken jährlich. In Frankreich war die Praktikenlitteratur nicht groß, in England war sie, abgesehen von den Kalendern, gleich Null.�in Skandinavien verbreitete sie sich erst später. Eine zweite Form der Wetterprognosen bildeten neben den Praktiken die Kalender, die meist Einblattdrucke waren. Sie sind, da sie ihrer Bestimmung nach fast nie länger als ein Jahr lmfgehoben wurden, überaus selten und haben sich meist nur als Vorsatzblätter in Buchdeckeln vorgefunden. Eine besondere Abart dieser Kalender bilden die Bauerukalender, die ursprünglich für Analphabeten bestimmt Ivaren und von den Geistlichen gemacht, an die Bauern verteilt wurden. Sie enthalten die ersten Symbole für meteorologische Vorgänge, so z. B. für den Wind einen Hut, und haben sich mit diesen Symbolen fünf Jahrhunderte hindurch er- halten. Später, zuerst in der Schiveiz um 1300, wurden die Bauern- kalender auch in Buchform herausgegeben und sind in dieser Form in Steiermark. Kärnten, Krnin und Kroatien noch heute im Gebrauch. Dem Band 12 der Neudrucke hat Vortragender zum Ver- gleich ein derartiges Büchlein, den Agramer Schustcrkalcnder für 18VS, beigegeben. Die zweite große Gruppe der meteorologischen Veröffentlichungen aus dem fünfzehnte» und sechs- zehnten Jahrhundert bilden die Wetterberichte. Die Ge- wohnhcit, über außerordentliche meteorologische Ercignisse Bericht zu erstatten, ist sehr alt. Schon in Rom trugen die pontifices in die anualcs maximi auch alle außerordentlichen Witternngsereigniffe ein, die als prodigia oder ostenta galten. Die späteren Wetter- berichte erschienen in der Form von Flugschriften und Flugblättern. die sich mit optischen Phänomenen außerordentlicher Art befaßten und starke Gewitter, Ueberschlvemmungen und Nordlichter, die oft niit den Kometen verwechselt werden, als Lieblingsgegeustände hatten. Diese Wetterberichte fanden bei dem unbefriedigten Lese- bedürfnisse der damaligen Zeit eine sehr starke Verbreitung. Von einzeliicu Phänomenen hat Vortragender schon bis zu zwölf ver- schiedene Berichte ermittelt, trotzdem die ciuschläglichc Litterattw, die eine unschätzbare Fundgrube für die Wittcrungsknnde bildet, lange nicht ausgebeutet ist.— Humoristisches. — Gegenbeweis. Held(als unter mehreren Aepfeln mich eine Wurst geflogen kommt):»Und da sagt der Direktor noch. ich sei unbeliebt!"— — Unerwartete Antwort. Wirt:.Ich begreife nicht, Herr Wamperl, was Sie so nervös machen kann." G a st:»Die kleinen Portionen."— — Ausweg. Chef:.Sagten Sie nicht neulich, Sie kämen mit Ihrem Gehalt nicht aus, Meier?" Kommis:„Allerdings: es reicht gerade für Mittag- und Abendbrot I" Chef:»Hm, hm. ich habe mir die Sache überlegt... Da könnten wir ja in Zirkmift die Frühstückspause wegfallen lassen!"— '(.Megg. Vl.") Notizen. Von Ernst v. Wolzogen wurde ein Münchener Stück .Die hohe Schule" vom Berliner Lessing-Theater mid vom Deutschen Volksthcater in Wien für die nächste Spielzeit zur Ausführung angenommen.— —.Die Glücksritter", eine komische Oper von Eugene deVolborth, hatte am Weimarer Hoftheatcr eine» Achttmgserfolg.— — In N ü r n b c r g soll in der Pfingstwochc 1VOO das erste bayrische M u s i k f e st abgehalten werden.— — In M c d i a s ch in Siebenbürgen fanden am 14. und 13. Mai die ersten Ausführungen von.Der Herr der Hann". Oper in drei Akten nach dem ficbcnbürgisch-sächsischcn Volksleben. Dichtting und Musik von Hermann Kirchner, mit glänzendem Erfolge und unter großer Beteiligung des Publikums aus allen Teilen dcS Landes statt.— — Für sechzig Vorstellungen auf einer Tournee in den Vereinigten Staaten im nächsten Jahre erhält die Sängerin Emma C a l v ö nicht weniger als 360 000 M. Honorar, für jede also 6ch0 M.— — Der Archäologischen Gesellschaft zu M o n S wurde der Auf« trag erteilt, auf Staatskosten die Wiederherstellung der alten Burg des Grafen von E g m o n t bei H i e r ch i e s diirchzusiibreu. Man verspricht sich davon wertvolle archäologische Funde und eine Be» rcichcrung der Kenntnisse der niitlelalterliche» Befestigungsknnst.— — Die englische archäologische Schule hat vom griechischen Kulttisministerium die Erkaulmis erhalten, in der Nähe von Velestino(Thessalien) Ausgrabungen vorzunehmen. I» jener Gegend befinden sich zahlreiche Gräber aus vorgeschicht» l i ch e r Zeit.— — Der Führer der denlschcn armenischen Expedition. Dr. Waldemar B e l ck. teilt in einem Briefe, den die..Berk. Volks-Ztg." veröffentlicht, mit, daß er in S e d a k a n eine für die alte Geographie sehr wertvolle, leider starl zerstörte K e i l i n s ch r i f t gesunden und mit Erfolg entziffert habe. Es ist eine Inschrift des Chaldäer-KvnigS RufaS 1.(gest. 714 v. Chr.) und berichtet über die Känipfe mit Sorgon von Assyrien. Zwei Seiten enthalten eine ab- geschlossene assyrische, zwei andere eine chaldäische Inschrift, das Ganz« ist aber ein zusammengehöriger Text.— — Dem bevorstehenden Kongreß russischer Aerzte in Kasan, dem sogenannten Pirogow-Kongreß, liegt u. a. ein Antrag auf Abschaffung der Prügelstrafe vor.— — Das fast vollständige Skelett eines paarhörnigen Nashorns wurde, Ivie der„Prometheus" mitteilt, kürzlich mit andern Säugetierresten in den Asphalt-Berg werken von Pyrimont(Saroyen) gefunden. Von dieser im Miocän Nord- amerikas stärker vertretenen Gruppe von Rhiuoccroteii mit zwei neben cinnuder stehenden Rascnhöriicrn war bisher in Europa nur eine Art bekannt, von der ein Exemplar im Pariser Museum aufbewahrt wird. Die neu gefundene Art ist aber verschieden, viel größer und mit mehr nach vorn stehenden Hörnern veriehen. DaS Skelett ist ui die paläontologische Sammlung der Universität Lyon gekonime».— Die nächste Kummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 28. Mai.__ Verantwortlicher Redacleur: Hugo Poetzsch m Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.