Zlnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 105. Donnerstag, den 1. Juni. Z.LZZ (Nachdruck verboten.) tz Vev Msmpf' um Vliesenev. Eme Sommergeschichte von Heinrich Borchard. Ein Junisonntag ist es, ganz früh; die Swinemündcr- straße gehört noch den Spatzen; sie machen sich mitten auf dem Bürgersteig breit, zanken und balgen sich auf allen Ge- simsen, auf allen Ballonen, schreien ihre rüdigen Bemerkungen von den Dächern auf die Straße hinunter, von der Straße nach den Dächern hinauf, und baden ganz ungeniert, wo ihnen eine Pfütze gefällt.— Die Swinemünderstraße gehört den Spatzen. „Aber dahinten, hinterm Arconaplah die Menschenkarawane da. Vater. Mutter und die drei Jähren l... Verflucht l Det's ne andre Kiste!... Na, se jehn über'n Damm... fe wer'n woll bloß nach de Schwedter rüberjondeln... Die feije Bande macht sich dünne, wo se uns jesehn hat l... Des wollten wa Ihnen aber ooch jeraten hab'n!... Ree. se kommen ja die Straße ruff... nu bleiben se an de Rheinsberger Ecke stehn k... Kiek bloß eener: Mutter setzt den Freßkober mit'n Avec hin. un der Junge sängt an, des Mächen zu puffen l ... Die machen sich's da gemütlich! So'ne Jemeinheit l Na is det nich Störung der Sonntagsruhe... is et det nich?... Wenn ick man blos en Schutzmann auffabeln könnte!..." So, Fritz Futterbauch, der Spatz. Aber Zademacks ahnten nichts von ihm und seinem Unwillen. „Na, siebst de Vater," sagte Frau Zademack,„Du, immer mit dein Drängeln von wejen's Wechjehn, nu kann ick mir bter de Beene in'n Bauch stehn, bis de andern anjerückt kommen." „Det wär ooch bloß halb so schlimm... Deine Stelzen sind ja lang jenuch... Wir passen denn bester zusammen, verstehst de... un denn bloß noch innerlich son halben Meter jekürzt. denn jcht's ooch innerlich mit uns Beide..." „Ach Quasel!... Ick bin ticksch wie'n Äffet Deine duslige:„Militär'sche Pünktlichkeit". „Mritter: Pünktlichkeit is de Höflichkeit der Jroßen. Hast de denn ooch den Spickaal, Meta „Herrjes, den Spickaalt Der liejt ja noch in's Kleider- spinde!" „Denn kommt man; denn woll'n wa man jlcich wieder nach Hause jehn. Wenn det schon so anfängt, denn pfeif ick uff det janze Verjnüjen! Is doch wahrt... Man freut sich die janze Woche druff, un nachher lassen se'n Spickaal liejen... Na, also lost Nach Hauset Die Bummelei wer' ick Erich schon austreiben... Wat niachst de denn vor'n Jesichte, Meta?... Et will woll bei Dir rejnen?" „Na also. Du kannst ja nach Hause jehn, ick mit de Kinder bleibe hier!..." „Det wer'ir wa ja noch sehn, ob de Kinder mitfahren, det wer'n wa ja noch sehn! Ihr kommt jetzt stantepeh mit nach Hause, versteht Ihr!..." „Na, schön, nimm se man mit... Un wenn denn Deine Dochtcr ne olle Jungfer bleibt?.. Ooch jut... Du hast't ja jewollt!" „Ach so! Wejen den Vliesencr... Ick sage Dir, der beißt noch lange nicht an... Aber Herrjott, wenn de meinst, det det heute en Zweck hat, na Herrjott, na denn.." „Also, Emil, da hast'n Schlüssel, jetzt loofft de nach Hause un nimmst den Spickaal, er liejt ins Kleiderspinde... oder aber in de Kommode uff de Hemden. Na de wirst en ja finden. Müssen wir jetzt uff die Watten, können se nachher ooch uff unsen Emil Watten... Wat den einen recht is, is den andern billig... Det sage ick!" Emil sah mißvergnügt aus. „Ne, det kann doch ooch Bertha holen, die hat jüngere Beene, als wie icke l" „Na... wird's bald!" donnerte Mutter, und Emil erinnerte sich wohl des Satzes;„Der Klügere giebt nach" und ver- schwand. „Det iL doch Nitschke da? So'ne O- Beene hat nur Nitschke l" „Mosen, Jrenadiere!" rief Nitschke schon von weitem. „Mojen, Herr Nitschke!" „Jut det de kommst. de Olle hat schon jebrunnnt... Aber wat? Feinet Wetter ausjesucht!" „Na. na. na... det siebt noch en Dreesch l" „Bist de denn en Laubfrosch, Nitschke, det de det so jenav weißt?" „Nich janz— aber Hihneroogen Hab' ick." „Ach so! Uff die Weise!..." „Nu, sagt doch mal Kinder, is denn hier nich irgend wo schon'ne Destille auf?... Ick habe nänilich noch keenen Kaffee jetrunken... mir is janz koddrig." „Da drüben wird eben usffezogen," antwortete Herr Zademack. „Du jehst ma aber nich mit rinn. Du bleibst hier, ver- stehst de," und machte sich marsch bereit; sein besseres Drei- viertel kam jedoch dazwischen..„So dicke hast de doch det Jeld nich, daß de jlcich so anfangen kannst.... Lassen Se sich nich stören, Herr Nitschke, Sie find wieder Junggeselle un haben keene Familie wie wir..." „Schultzens kommen!" rief Meta, welche auf Borposten gezogen war. ..Schultz?, wo haben Se denn Ihren Weißlackierten jelassen un den Pellerinmantel un.de Peitsche? rief Nitschke ihm entgegen. „Man muß doch ooch mal zu's Civil runterfteijen, sonst halten Se ecnen for stolz. Effentlich is et zwar wejen de Motten. Die Biester kommen zu leichte ins Zeug, wenn man't nicht drägt.... Vor drei Jahre, da hatt' ick sonne kesse Schale... ooch Civil... un da nehm ick ihr mal raus... fliejen ma jleich de Motten, als wie'n Schnee- jestöber, um'n Kopp.... Na, nu is't jut, sag' ick.... Da Hab' ick doch sonne dicke Bündel Maikräuter mang jestochen l... Wat war?"... Jmma jrade die Stellen, wo de Maikräuter jelejen haben, ratzekahl abjejrast!"... Maikräuter un Tuch nmß woll so der Maitrank for de Motten sein.. „Ja, lieber Mann, wie könn' Se aber ooch Maikräuter nehmen," sagte Herr Nitschke, der alles konnte und kannte. „Da nehmen Se einfach een paar Bogen Zeitungspapier un wickeln det nu orndlich drinn ein... de Motten machen nämlich en Unterschied zwischen Druckerschwärze un Mai- kräuter... oder aber... Se nehmen Naptalin. det stinkt zwar mächtig... oder aber... Se nehmen Kampfer un Naptalin, det kocht man sich am besten selbst zusammen... et siebt det Dreck zwar ooch zu kaufen... oder Se nehmen---" Grete Schwitze und Meta Zademack waren inzwischen auch bei Toilcttengesprächen und Bertha stand natürlich dabei und lernte sich an. „Is det Dein Neuet Jrete? Pickfein l Wat kost' denn da der Meter von? Ick wer' ma woll ooch so eens machen lassen, hier det Jrüne hat jetzt ausjedient... oder vielleicht... Jicbt's den Stoff nich in hellblau? Det steht ma Keffer..., Hellblond un hellblau is imma nobel...." „De hast doch noch det Himmelblaue....** „Det?... Det?... Det is doch janz unmodern l Un wie is det jemacht!... Damit schanier ick mir über de Straße zu jehn, weil ma de Menschen nachschrein.... Ick mache mir jetzt des Neue jenau so wie Deins, det jefällt nia jroßartig l Janz jroßartig l... De pumpst et mir doch mal uff en paar Tage?..." „Na, jewiß l Wa können ja denn als Schwestern jehn." „Beinah sind wa's ja ooch I Wir zwei beide haben uns eijentlich doch noch nie jezankt, Jrete, so leicht, wie ick mir sonst zanke.... Na, un et sind doch woll vierzehn Jahre.... Wie Ihr damals ooch noch in de Reinickcndorferstraße jewohnt habt, wo wa imma uff'n Hof bei de Tonnen jespielt haben mit den Maxe Kunow,— oder wie er jehießen hat,— weeßt de noch?.. „Sage mal, Meta, waren Kunows nich die in'n Keller, die sich imma so jckeilt haben? Ick jloobe, die Frau war stärker wie er. un»vir haben uns denn imma jefreut, wenn er ihr..." „Ju'n Dag, Wulkows I rief Herr Schnitze, auf fünfzig Meter einem anlangenden Ehepaar, einem Riesen und einem Püppchen entgegen, indem er sein Organ in einen solche» Orkan verwandelte, daß seine Tochter plötzlich von dem weiteren Eheglück der Kunows verstummte. »Ach Jotteken." sagte Frau Schultze. ging an das junge Frauchen heran und kitzelte ihrem kleinen Fungen, den sie auf dem Arm trug, die dicken Pustebacken,„det Kleene haben Se ooch mitjenommen?... Wird et denn nich zu kalt sein?" „Det is zu kalt I" sagte Frau Zademack bestimmt.„Wie kann man ooch en Kind, wat noch nich en Jahr is, um Sechsen rausnehmen. Nu, sehn Se mal, det is. schon janz blau jesroren!" „Wirklich?" fragte Frau Wulkow ganz entsetzt.„Ernst, sieh' Dir blotz mal unsen Jungen an. er is schon janz blau jesroren!... Wenn wa doch man bloß zu Hause jeblieben wären!" „Aber, Miezeken, Du fällst doch auf allens rinn! Blau soll er sein! Jrün is er, total jrün mit violettverjnüchte Streifen wie'n Papajei.. „Ach, Du machst imma sonne Zicken! Nu denke, doch bloß mal, wenn er sich jetzt crkält' hat 1" „Nu, ängstije Dir doch nich, Mieze. Seh' mal: Wat de cinjebornen Eskimos sind, die stecken de janz. janz klecnen Kinder in'n Schnee, da wirst Du doch woll Deinen jroßen Jungen in'n Juni mit drei Windeln un mit— na, ick Weeg janich, wat De ihn allet anjepuinpelt hast— um sechs Uhr ins Freie tragen können?! Nich, Mieze?" „Et is doch nu aber mal keen Einjeborner. Weeßt de, Ernst, ick möchte doch lieber mit's Kind zu Hause bleiben. Du kannst ja.. „Denn kann ick janischt... Det macht ma keen Ver- jnügen alleene.. iFortsetzung folgt.) Machdruck verboten.) 40) Der Schuldige? Roman von Hector Malot. (Schills}.) Bis dahin hatte La Vaupaliöre, verblüfft über die teuf- tische Kunst, mit welcher Hortcnse die Thatsachcn zurechtlegte, ihrer Erzählung mit anscheinender Ruhe, ohne seine Frau an- zusehen, den Blick ins Leere gerichtet, zuzuhören vermocht, aber bei ihren letzten Worten, deren Bedeutung er nur allzuleicht begriff, wandte er sich unwillkürlich halb nach ihr um. Sie machte darauf die gleiche Bewegung entgegengesetzter Richtung, so daß er sie nur von der Seite sah und ihre Blicke einander nicht kreuzen konnten. Uebrigens waren aller Blicke Hortensen zugewandt, die der Richter und Geschworenen, wie die des Publikums, so daß diejenigen ihres Gatten weder von ihr noch von sonst jemandem beachtet wurden. Ohne besondere Bewegung fuhr sie fort: „Ebensowenig als über die Fußspur im Garten und das Sulfonal, hat Ihnen Herr La Vaupaliöre über den Tropfenzähler bündigen Aufschluß geben könne». Auch hierüber »verde ich die volle Wahrheit sagen: er kaufte ihn für die Fowlerschen Tropfen. Ich besaß die letzteren schon lauge zuvor, und ehe ich noch Herrn La Vaupalwre kannte; es war ein Heilmittel für einen Hund, das ich aufbewahrt hatte, wie man so mancherlei aufbewahrt, indem man einfach nicht daran denkt, es wcgzulversen. Einige dieser Tropfen, auf den Tabak des Herrn Courteheuse geschüttet, sollten ihm Uebelkeit verursachen und ihn von der Diät die ihm Hanyvel vorgeschrieben hatte, abbringen. Hätten wir ihn vergiften wollen, so hätten»vir ja keinen Tropfen. zähler gebraucht; auf cttvas mehr oder ctivas weniger Arsenik wäre es ja dann nicht angekommen. Der Tropfenzähler be- »vcist also, daß unsere Absicht keine mörderische war. Als Courteheuse einige Zeit derart befeuchteten Tabak geraucht hatte, bekam er einen Grippc-Ansall,»velcher die gleichen Symptome zeigte, wie die Grippe, an der ich im Jahre zu- vor gelitten hatte. Ich mußte also der Erklärung des Arztes vollen Glauben schenken und war überzeugt, Courteheuse leide an der Grippe. Als uns Herr Turlure besuchte, erriet ich bald seiiien Verdacht, und uin diesen Verdacht abzutvenden, gab ich ihin ein Tuch von mir, anstatt einem des Kranken, und unterschob eine Locke von La Vaupaliöre derjenigen von Courteheufe. W i r»varen zu dieser doppelten Täuschung gc- zwungen, Iveil man sonst das Vorhandensein von Arsenik festgestellt und uns des Mordes geziehen hätte. Als ich nach den» Tode des Herrn Courteheuse Herrn La Vaupaliöre heiratete, erblickte ich in dieser Ehe eine Wiedergutmachung und die Verwirk- Eichung meiner Träume, die Weihe unserer Liebe, die in Träumen geboren»var und,»vie ich wähnte, ni reiner Freude fortleben sollte. Allein ich täuschte mich: Herr La Vaupaliöre »vandte sich bald von mir ab, und sobald ich erkannte, daß ich nicht mehr geliebt ward, fühlte ich meine Schuld erdrückend auf mir lasten." Sie schien bei diesen Worten unter der Wucht ihrer Last zu erliegen, denn sie stützte sich mit beiden Händen auf die hölzerne Barre vor der Anklagebank; dann stihr sie fort: „Daß alsdann Zwistigkeiten zivischen ihin und mir vor- gekoinmen sind, bestreite ich nicht; daß wir uns aber, als»vir uns unwohl fühlten, gegenfeitig beschuldigt hätten, uns ver- giften zu»vollen, das ist eine Erfindung, die nur in der Verbrecherismanic des Herrn Turlure cutstehcn konnte, hervor- gerufen durch mißverstandenen, mißde»lteten Dienstbotenklaffch. Herr La Vaupaliöre hat niemals glauben können, ich»volle ihn vergiften, und niemals, niemals habe ich ihn fiir einen Mörder gehalten. Nun habe ich alles gesagt»»nd lediglich »viederholt, ivas ich bereits z»» Füßen des Pfarrers in Thuit gebeichtet habe, als es in meinen» Herzen Tag wtirde »ind ich die Bürde meiner Sünde nicht mehr zu tragen ver- mochte." � Wie vernichtet, sank sie auf die Bank zurück. Inmitten allgemeinen Twwllts erhob sich ihr Verteidiger Droche und beantragte, die Sitzung zu schließen, u»n den günstigen Ein- druck, den Hortense für sich erweckt hatte, festzuhalten: „Im Namen des nienschlichen Mitleids bitte ich den Herrn Präsidenten, die Verhandlung auf Montag zu vertagen;»»eine Mientin ist gebrochei», erschöpft, und außerstande, sich zu ver- teidigeu." XXV. Die Zeitungen beschäftigten sich mit nichts»uehr als dem Prozeß von Rouen. Seit dem Geständnis Hortenses äußerten sie sich für dieselbe noch günstiger als zuvor und riefen ein- mütig die Milde des Gerichts für das„schivachc Weib" an. Das Publikum bekundete lebhafte Sympathie für die An- geklagte; ja man � schickte ihr sogar Blumen i»»s Gefängnis. Alle Welt»var auf die weitere Verhandlung gespannt, namentlich auf die Auseinandersetzungen, die zivischeu den beiden An- geschnldigten stattfinden niußten. Die noch weiter vorgerufene»» Zeugen hatten»vcnig oder gar nichts auszusagen. Der Friseur»viederholte nur,»vas schon Turlure berichtet hatte, und Divinc beteuerte, sie könne sich an nichts nichr erinnern, und sie sei kein Mädchen, das etiva die Herrschaft behorche; doch gab sie zu, daß das,»vas der Herr Bürgenneister über ihre Arußerungen mitgeteilt hatte, möglicheriveise wahr sein köi»ne. Die Sachverständigen endlich erneuerten ihre»visseilschastliche Polemik niit Hanyvel. Nun blieb der Staatsmiivaltschaft nur noch übrig. Mann und Frau gegen einander zu hetzen, indem sie jedes von beiden nötigte, seinen Anteil am Verbrechen genau airzugeben. La Vaupaliöre schien bei den ersten Fragen, die an ihn ge- richtet Ivnrdcu, bereit, Hortense entschiede»» zu belasten; allein sie unterbrach ihn sofort mit den Worten: „Habe ich denn nicht bereits gestauden, daß ich alles ge- than habe?" Der Vorsitzende ertviderte: „Aber Sic waren es doch nicht, die das Sulfonal kauften?" „Nein.". „Und den Tropsimzähler?" „Auch nicht; aber ich habe Herrn Courteheuse das Sul- fonal und die Fmvler-schen Tropfen eingegeben." „Aus freien Stücken?" „In Uebcreinstiminuiig mit dem, welchen ich liebte." „Angetrieben durch ihn?" „Durch»neine Liebe." Der Vorsitzende»vollte das Verhör nicht weiter treiben und ging zur Vernehnmug der Entlastungszcugen über. La Vaupaliöre hatte nur einige vorladen lassen, obenan den Obmann der Notarskaminer; und alle bestätigten die Ehrenhaftigkeit und Rechtlichkeit, die er in seinen Aints- gcschäften gezeigt. Hottense oder vielmehr ihr Verteidiger hatte nur einen Zeugen geladen: den Irrenarzt Soubyranne, bekannt durch seine Arbeiten über die Halbverrückten und Willenskrankcn. soivie durch seine geschickte Dialektik, die ihn sür den An- geklagte»» gefährlich»»achte,»Venn ihn die Staatsanwaltschaft zuzog, für die Anklage aber, wenn er, wie in diesem Falle, auf Antrag der Verteidigung gehört wurde. Soubyranne bewies nun den Geschworenen aufs ein- dringlichste, daß die Angeklagte als ein Geschöpf mit unent- wickeltem Moralsinn ganz instinktmäßig handele, dabei leiden- schaftlich und in äußerstem Maße der Suggestion unterworfen sei, also notwendig demjenigen, der sich zu ihrem Herrn mache, blindlings und unbewußt gehorchen müsse. Sie erleide dabei eine wahre Beherrschung, wie die wilden Tiere unter dem Blick des Bändigers und Wie die Vögel unter den: der Schlange; das sei die sogenannte Ophidiophobie. Ohne Zweifel habe Frau Vaupalisre unter einem solchen Einfluß ihres Mannes, also willenlos, gehandelt. Der Staatsanwalt protestierte entschieden gegen diese Gutachten; das Gleiche that der Verteidiger La Vaupalisres, und es entspann sich daraus eine neue wissenschaftliche Debatte, von Ivelcher übrigens die Geschworenen kein Wort verstanden, sondern nur Kopfweh oder Schlafsucht bekamen. Es folgte sodann das Plaidoyer des Staatsanwalts, der sich mit besonderer Heftigkeit gegen La Vaupalivre wandte; nur aus raffinierter Habgier, in der Absicht, das Vermögen Courtehcuscs zn gewinnen, habe er sich um die Gunst der Frau bemüht, sie unter seine Gewalt gebracht, sie in sein Ivillculoscs Werkzeug verivandelt. Beide Schrildigen verdienten strenge. rücksichtslose Strafe. Der Verteidiger La Vaupalteres gab sich in seiner Replik Mühe, die Wirkung der Fowlerschcn Tropfen nochmals in Frage zu stellen, und bemerkte, der Ankläger habe die That- fache ganz außer acht gelassen, daß La Vaupali�re Hortense leidenschaftlich liebte, vergötterte. Sie mochte Wohl in ge- wissenr Grade von ihm beeinflußt werden, aber für jeden Un- befangenen war es klar, daß ihre Macht über ihn eine weit stärkere gewesen. Drochc endlich beuützte zunächst zn Gunsten seiner Klientin die Aussührnng des Vorredners, daß Courteheuse überhaupt nicht an Gift gestorben sei, und stützte sich im übrigen auf das Gutachten Sonbyrannes; ihr Wille sei schivach gewesen, aber ihr Gemüt sei ehrlich geblieben und habe sie sowohl vor ihrem Beichtvater als hier in dieseni Saale zum Geständnis getrieben. Die öffentliche Meinung protestiere gegen ihre Schllld und fühle sich durch eine unwiderstehliche Strönumg der Sympathie zu ihr hingezogen. Das öffentliche Gelvissen spreche sie frei, und so werde auch die Jury thun. Auf die Frage des Präsidenten, ob sie»och etwas ihrer Verteidigung hinzuzufügen hätten, schüttelte La Vaupalisre verneinend den Kopf, aber Hortense erhob sich und sagte: „Ich flehe die Geschworenen an, sie mögen mir es niög- lich machen, zu büßen." Es war Mitternacht vorüber, als die Geschlvorenen nach anderthalbstündiger Beratung auf ihre Sitze zurückkehrten. Ein bekloinmenes Schweigen herrschte im Saal. Der Obmann las das Verdikt vor. Auf die erste Frage, bezüglich La Vanpaliercs: Ja. mit Zulassung mildernder Umstände; auf die zweite, betreffend Hortense: Nein. „Man führe Frau La Vaupaliöre hcreiu I" befahl der Präsident, mühsam seine Bewegung unterdrückend. Sie erschien. Alles erhob sich; es entstand, da sie jeder sehen wollte, ein furchtbares Gedränge, in welchen! man kaum die Worte des Präsidenten vernahni: „Sie sind frei I" Sie verschwand sofort wieder; im Gange wurde sie von Mederic erwartet und stürzte mit dem Ruf in seine Arme: „Dein fiirs Leben, für ewig I" Er trug sie nach eineni Wagen, der an der Thür wartete. Nun wurde La Vaupaliore hereingeführt. Da er mit den Gerichtsgcbräuchen vertraut war, so konnte er aus dem Unistande, daß er nicht zugleich mit seiner Frau eingeführt worden, bereits den Schluß ziehen, daß sie freigesprochen und er verurteilt war. Zum Tode?— Der Gcrichtsschreiber verlas das Verdikt und der Gerichts- Hof zog sich zur Beratung über die Strafe zurück. Alles drängte sich vor, un: das interessante Schauspiel der moralischen Agonie auf seinen Gesichtszügen zu lesen. Diejenigen, die nicht das Glück genossen, auf den ersten Bänken zu sitzen, lärmten oder rissen Witze. Als der Gerichtshof zurückkehrte, mußten die Huissiers erst die nötige Ruhe schaffen, damit man vernehmen konnte, wie der Präsident mit feierlicher Stimme das Urteil verlas: „Zwanzig Jahre Zuchthaus I"— Kleines Feuillekon. br. Trinkgcscyc der alten Stcinhauer sivahrscheinlich ans den» 17. Jahrhundert stainmend): 1. Jeder mutz anständig, den Rock(die drei unteren Rockknöpfe auf der linken Seite) zugeknöpft an, Tische sitzen. Niemand darf da- her die Hand auflegen oder den Arn» anfstenlmen. 2. Niemand darf ohne Erlaubnis von seinen» Sitz aufstehen, oder, ohne»ms Wort zu bitte»», sprechen. 3. Wenn der Altgescll klopft, müsscii alle aufstehen und den Hut abnehmen, bis es heitzt, Gesellschaft soll bedankt und bedeckt sein. 4. Niemand darf ein Glas oder einen Becher mit der Hand darreichen, es müssen diese Gefäße vor jeden, auf den Tisch gestellt »Verden. b. Krüge und Gläser dürfen nur mit der rechten Hand angefaßt werden. K. Nieinand darf»nehr Wein oder Bier verschütten, als er mit der Hand bedecken kann. 7. Niemand soll unzüchtige Reden führen, auch nicht»nit Karten oder Würfeln spielen. Wer dagegen fehlt, dein»vird die Büchse vor- gehalten, daniit er Strafe bezahle.— — Waö alles im Wein cnthaltei« sein kann. Nach dem 1898cr Jahresbericht der Ilntersuchlingsnnstalt für Nahrtuigs- und Genutzinittcl des Allgeineinen östrcichischc» Apothckervercins ergaben sich bei den vörgcnomineneii Untersuchungen von Wein und Most folgende ungelvöhnlich ungehörige Bestandteile: eine Kunstmoft- säure mir 07,3 Proz. Essigsäure, 1,58 Proz. Extrakt, 0,6 Proz. Mincralstoffen»vor n»it einem Theerfarbstoff(Rumbraun) gefärbt, mit Saccharin versützt, mit Biriräthcr