Nnterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 112. Sonntag, den II. Juni 1899 (Nachdruck verboten.) gl Der Vtennpf um Vlieseuev. Eine Sommcrgeschichte von Heinrich Borchard. „Nu sehn Se bloß mal, wie det Weib hinter de Männer her is." sagte sie leise zu dem Veilchen, dem jungen Herrn Vogler: Sonnenblume hatte es aber doch gehört, sie drehte sich langsam um und sah die Rose an. „Wat kiekst De denn? Bin ich Da wat schuldig?" „Na jewiß!... Hochachtung bist De ma schuldig l" „Du mutzt et ja wissen!... Im übrigen: Rutsch' ma'n Puckel runter?" „Aber meine Damen. Sie wer'n sich doch nich zanken!" „Ick ma zanken?... Mit sonne Person?... Nich in de Hand!... Dazu haben wa ja Jottseidank en bitzken zuville Bildung... Di is ma überhaupt zu dämlich zum' zawken. Wie schlau det wieder bei'n Kaffee war! Da is nc � öl'je Bohne mang.... Det sieht so meine Jrete Schultz| ähnlich wie nc Photographie. Wat, Jrctcken: Da is ne öl'je Bohne mang!" Mit dem Geschick der Bosheit hatte sie auf eine sehr wunde Stelle gestotzen. Die unschuldige„ölige Bohne" war Grete autzerordentlich peinlich, sie glaubte sich bei jener Gelegenheit wirklich dumm benommen zu haben. Thränen kamen in ihre Augen. Aber die unerbittliche Mcta hatte noch nicht genug Rache, sie zog eilig alle Schubfächer im Kopf auf und stöberte darin herum, ob sie nicht noch eine Demüti- gung für die Feindin fände— es war leider nicht viel vor- Händen— aber da hinten lag in einem Winkel noch eine Schulerinnerung, schon ganz verstaubt, die war recht.— „Det mit de öl'je Bohne is cn richtijet Jejenstück zu det Ding, wat se in de zweite Klasse mal jemacht hat bei de Schulprüfung. Wir kommen in Jeojrafie und Jeschichte rann un da siagt se nu der Dr. Noltc, wat denn eijentlich in Rom durch de Jänsc gerettet wor'n is.... Hat se nich Labrador jcsagt l... Is doch jediejen, wat?... Labrador I... Det kriejt die nur fertig!" Jetzt wurden Gretes Thränen frei und liefen in langen Bahnen über ihr Gesicht. „Du... Du... das... das... is so... so infam von Dir... so... jetzt noch die alten..." Sie konnte nicht Iveiterreden, schluchzte ins Taschentuch und räumte das Feld. „Adschö, Sonnenblume!" rief die Rose entzückt.„Verloof Da man nich l" Die schwaukcndc Gestalt entfernte sich langsam. „Adschö, Sonnenblume! Adschö! Adschö I Viel Ver- jniigeu!... Un sonst: Schlitz! Schutz vor alle Dage I... Die olle falsche Katze war ick jetzt los!" Meta Zademack war Siegerin und hatte doch die Schlacht vollkommen verloren. Gustav Blicseuer war drauf und dran gewesen, ihr gehörig die Wahrheit zu sagen und Grete nach- zu laufen, wenn nicht die Dea ex machina, das unscheinbare Fräulein Bliesener z>var ganz heimlich, aber doch sehr ein- dringlich den Kops geschüttelt hätte und dazu mit den kleinen grünen Augen gepliukt hätte." „Warum denn nich. Tante?" fragte er leise;„det war doch jeinein von des Mächen!" „Sei nich thericht, Junge! Et hat ja keenen Sinn, det so auffallend zu machen— denn is der Kladderadatsch da, De hast nischt als Unannehmlichkeiten un erreichen thust De denn jarnischt!... Jmma sachte I Du spielst janz ruhig hier weiter." Er war folgsam, Tante Bliesener konnte schlietzlich be- ruhigt fortgehen, Kreuzkraut und Vogelmiere für ihr Hänseken suchen. Warum Tante Bliesener nicht auch ein Nachmittags- schläfchen entrierte, nachdem sie alles in die richtigen Wege geleitet hatte? Wenn sie einmal noch sehr reich werden sollte.— oder sehr alt, und gelaugwcilt im Spittel sitzen sollte, dann wollte sie es sich angewöhnen— jetzt durfte sie es noch nicht,„die Künden würden nette Augen machen"! Es gab noch einen Teil der Gesellschaft, welcher weder schlief noch mitspielte, der über den trägen Verdauungsschlaf und die albenien Pfänderspiele hoch erhaben war— der Nachwuchs,— er lagerte, komisch anznsehn, im Unterholz beim Sumpf. Die Herrschaften, die schon im Wachstum der Flegel- jähre waren, glichen Giraffen: ganz kurzer Oberkörper und lange, dünne Beine, welche wuchsen und wuchsen, ohne sich um die obere Hälfte zu kümmern, die jüngeren Herrschaften waren die Dachse: Ganz kurze Beine und langer Oberkörper. Da hast du noch ein tüchtiges Stück Arbeit, Natur, bis du das alles in eine leidlich richüge Form gebracht hast! Dafür brauchst du dich aber. Ivenigstens bei diesen Berliner Kindern, nicht mehr uni den Verstand zu bemühen, der ist schon fix und fertig, ich glaube vom sechsten Lebensjahr an. „Wat koof ick mir for det janze Tellerdrehn un den janzen Quatsch I" sagte Lude Vogler zu Emil Zademack.„Wie ick jcbaut bin, unterhalte ick ma lieber nach'n Essen vernünftij mit'n Kollejen un steck ma eene in's Jesichte." Dabei holte er vorsichtig aus der Hosentasche einen recht schmutzigen Papierklumpen und aus diesem ein Päckchen dünner, größten- teils geknickter Cigaretten. „Ick krieje ooch Eene ab, wat? Mir roochert mächtig!.. die kaputje da..." „Det möcht'st De woll?... Wat jiebst'en mir davor?" „Hast Du die braune Ejipten 1 Piaster schon?" „Det stimmt l... For den Schund soll ick Dir woll'ne Cijarette jeden— det mechte mancher I" „Willst de sonne drcieckijte Kap der jutcn Hoffnung, sonne janz alte?..." „Wenn De nischt Besseres da hast, dann rück raus mit." „Det stinimt! For die schundige Cijarette soll ick Dir woll ne dreieckijte Kap jeden, die De jleich wieder for 1l) Meter verkloppst— det möchte mancher I..." Schlietzlich einigten sie sich auf einen Magneten und eine noch reparierbare Trillerpfeife. Un nu bloß en Streichholz? „Au, des sag' ick Muttern?" schrie Bertha Zademack. „Wat sagst De Muttern? Wat?..." „Latz det bleiben. Emil!" „Wat sagst De Muttern?" „Sei doch nich so jrob, oller Ochse!" „Dir wer' ick det Petzen schon anstreichen!" „Muttal... All'!... Mutta. der haut ma immerzu!" Aber Mutter schlief oben und hörte nicht ihr Wehgeschrei; da stieß sie ihren Pciniger noch schnell und kräftig vors Schienbein und blitzte fort. „Det doch die Weiber überall ihre Nese nunstecken müssen!" philosophierte Lude Vogler, als Emil sich wieder neben ihm nieder- ließ und sich den Schaden besah.„Uebrigens vons Ankiekcn wird Dein Bcen ooch nich besser... Jieb ma lieber'n Streichholz." „Ick Hab doch kecnS!" „Nu wird's Dag! Det Notwendigste versitzt er! Mcestcr, wo hast Du de Jedanken!... Na, von die Asselbande da wird ooch keener Feuer haben... Sagt mal: Habt Ihr'n Streichholz? Nee— wie ick Da jesagt habe. Wozu is nu eijentlich die Sorte da!... Uffhängen is det einzige l— Na, denn haben wa also bloß jespatzt!"-- Vorsichtig steckten sie sich wieder die Cigarcttchcn in die Hosentaschen, die Taschen im Sonntagsrock waren nämlich fürsorglich zugenäht, damit sie nicht auch bis oben heran voll- gestopft werden konnten und der gute Rock auS der Form gebracht würde. Eine Weile saßen sie trübselig neben einander, dann begann Emil Zadeluack: „Hast Du schon de Schularbeiten zu morjcn?" „Kecn Veen! For die Brüder ooch noch arbeiten!— Bist Du schon fertig?" „Ick wer ja so wie so nich versetzt, un denn woll'n se mir ja auch rausnehmen— ick soll uss de hohe Schule." „Du Aalooge, wat willst Du uff de hohe Schule! Du bist doch ooch so eeiier, der sich for kceuc Arbcet scheut, der sich sojar dichte bei hinlcjt." „Da kannst De Recht haben, Lude.... Is et nich über- Haupt jemein, det de Arbeit schon erfunden is?-- „Aber Sache I... Wat würd'st Du dcnil mit den janzen Tag nlachen? Ick weetz schon, wat ick denn lerne Rat mal, Lude, wat ick thuc!... Ick würde jleich die Arbeit er- finden." „Quatsch nich Krause! Det machst De en andern weiß ......... t- L"i r�rVn rrK riiXÜlftM'ck „Denn jloob's doch nich! Und wenn ick se denn er- fundcn habe... bums, laß ick se ma patentieren. For mir is denn ausjesorjt, nich en kleenen Finger brauch' ick niehr zu rühren. Wat meinst De, wat da for Jcld bei gemacht wer'n kann!" „Ach so rum meinst De det, da hast De nu ooch wieder recht!" Während die Kleineren sich alle erdenkliche Mühe gaben, durch Fischen nach Salamandern und Kaulquappen sich die teit und die Sauberkeit zu vertreiben, unterhielten die >roßen sich in dieser Weise von Tod und Teufel, räkelten sich im Gras und kauten dazu an Blumenstengeln. Sie waren gerade ungefähr zu dem Schluß gekommen, daß das Leben sehr zeitraubend sei, als Meta Zademack atemlos zu ihnen stürzte. „Is sc hier jewesen?" „Wer denn, junge Frau?" „Na Bertha... Mutter sagt, se hat se von oben nich sesehn... Wa suchen se schon überall.— Is se nich wenigstens hier vorbeijekommen?" (Fortsetzung folgt.) Sountolgsplsludevei:. Die Gefahr, daß die Provinz der Hauptstadt Berlin eine Specialität voraushaben kvunte, ist nun glücklich beseitigt: Herr Graf Piicklcr wurde letzten Donnerstag nach Berlin eingeliefert, einer Volksversammlung nämlich. Leider scheinen die hiesigen Be- Hörden keinen Sinn für das mangelnde Bewußtsein des Bedauerns- werten zu haben, und so wurde die Versanimlung aufgelöst, gerade als der Redner sich den Gewohnheiten des von ihm be- sehdeten Volkes angepaßt hatte und zu mauscheln begann. Wir halten die Auflösung für ein Unrecht, das nicht zu mindest den Zuhörern angethan wurde. Trotz des bekannten Gerichtsurteils ist es sehr zweifelhaft, ob der neueste Führer des christlichen Deutschtums durch seine geistige Veranlagung als gemein- gefährlich gelten muß; wir meinen, er gehört in die Unterabteilung der Hornlosen. Und wozu könnte der Mann aufreizen, wenn nicht zum Mitleid mit seiner Person! Rohere Naturen freilich werden den Annen nur auslachen, aber es geht doch nicht an, diese ohne zwingenden Grund in ihrem Recht auf Heiterkeit zu beschränken. Es wäre nicht entsprechend, zum Ersatz auf die Lektüre der„Staats- bürgcr-Zeitung" zu verweisen; der übermäßige„geistige" Genuß muß schädlich wirken. Liefert-Graf Pückler den Beweis, daß dcutschpatriotisch-anti- semitische Gesinnung einen ordentlichen Znsatz von Schwachsinn vcr- trägt, so hat ein anderer diese Gesinnung mit Unanständigkeit für vereinbar erklärt. Da die Herren sich zu solchen Feststellungen jetzt der Gerichte bedienen, glauben wir ihnen dies doppelt gerne. Der Mann, der nach der Aussage des bnndlerischen Wablkreis-Vorsitzen- den Ziese die erwähnten Eigenschaften in sich vereinigen solle, ziert übrigens unseren Reichstag und heißt Raab. Er hat sich bisher weniger bemerkbar gemacht als sein politischer Gcsinnnngsgcnosse Liebermann, der in der Freiiagsitznng stolz auf sein Osfizierspatcnt pochte und behauptete, Gciicralftabskarteu vorzüglich lesen zu können. lleber seine taktischen Kenntnisse schwieg er sich vorsichtshalber aus; denn bei dein kleinen Abstimmungsmanöver, das er vornehmen wollte, blamierte er sich gründlichst. Da die Gelegenheit so günstig war.ließenihn ein paar konservative Freunde nicht ollein und holten sich ihren wohlverdienten Anteil an dem großen Lacherfolg. Auch Herr v. Frege öfsiieteZ den Mund und bedauerte, daß königlich sächsische Behörden so straflos angegrisien wurden. Die Journalisten machten sehr enttäuschte Gesichter: es geschah wirklich sonst lein Unglück, auf das sie sich schon gefreut hatten. In Berlin ist den Agrarkonscrvasivcn ein kleines Mißgeschick passiert. Der Redacteur der„Deutschen Tageszeitung" mußte Herrn Srephany von der„Vossischen" für einen Ehrenmann erkläre», an dem kein Stäubchen Tadel hafte. Wahrhastig unangenehm I Auch Herr Stcphany wird keine besondere Freude haben; hosten wir. daß cinStcigen der von ihm mit seinen„paar Spargroschen" angekauften Papiere ihm die peinlichsten Anforderungen leichter erfüllen hilft. Neben diesem kleinen Schmerz haben die Biindler noch einen größeren zu tragen. Der Kaiser hat sich über die Arbeitcrwohnungcn auf einem Gut, das ihm ein strammer Agrarier im Vorjahr zum Geschenk gc- macht hatte, in abfälligster Weise geäußert. Und da an eincni Kaiser- wort nicht gedeutelt' und gedreht werden soll, müsten sich die Herren selbst drehen und winden, um darüber hinwegzukommen. In dem lobenswerten Bestreben, Genossen ihrer Schmach zu finden, haben sie Mißstände auch anderSwo, in Berlin, entdeckt. Man kann ihnen nur aufrichtig dankbar sein für den Eifer, den sie auf fremdem Gebiet an den Tag legen; aber man wird ihrer deshalb nicht ver- gesscn. Das ist überhaupt das Kennzeichen unserer herrschenden Klassen und Parteien, daß sie mit ihren vernünftigen Bestrebungen in die Ferne schweifen. Der Liberalismus liefert' mehr als ein Beispiel dastir. Er ist für die Demokratie— in Frankreich, für die Koalitionsfteiheit— in der Schweiz, für das allgemeine Wahlrecht— in Belgien, für de» Arbciterschutz— m England und so fort. In Frankreich hat endlich die Sache des Rechts ihren ersten ent- scheidenden Sieg errungen; das Urteil gegen Drehsus ist aufgehoben, die Anklage vor ein neues Gericht ver- wiesen Ivorden. Dieser Triumph einer kleinen Minderheit ist nur den. Umstände zu verdanken, daß die demokratischen Einrichtungen Frankreichs die Freiheit in Wort und Schrift verbürgen. Was würden unsere Nationalliberalen, die jetzt so in Dreyfus» Begeisterung schwelgen, dazu sagen, wollte man ähnliche Preß- und Redefreiheit für Deutschland in Anspruch nehmen! Für Koalitions- freiheit und Arbeiterschutz sind die Nationalliberalen wohl nirgends zu haben; aber unsere Freisinnigen— wenigstens auf internationalen Kongressen. In Deutschland ft'eilich, da geht es eben nicht, weil das heilige Manchestertum noch immer nicht tot ist. Daß der preußische Freisinn, verkörpert durch Herrn Richter, sich gegen das allgemeine Wahlrecht für den Landtag erklärt, kann nicht niehr wundernehmen. In hoher Politik' der Regierung Opposition niachcn, das treffen die Freisinnigen noch, weil es der Regierung nicht schadet; aber sonst— ist Herr Kirschner noch immer nicht be- stätigt? Bei dieser riickgratloscn Opposition— das Centnim zählt als Regierungspartei schon längst nicht mehr mit— haben allerhand schneidige Leute ein leichtes Spiel. Die neueste Attacke gegen kon- stitutionell festgelegte Freiheiten der Staatsbürger hat Herr v. Podbielski, leider mit Erfolg, unternommen. Er kassiert einfach das Recht seiner Untergebenen, Vereine zu bilden; aus den mutvollen Vertretern der Bediensteten und Unterbeamtcn macht er regierungsfromme Lämmlein, die gehorsam folgen. Der Post- general muß dazu keinen Zauberstab schwingen: Es genügt vollkommen die Hungerpeitsche. Auf diese Tragödie ist bereits der komische Epilog gefolgt; das„Kleine Journal" hat einen belvundern- dcnArtikel gebracht, der durch seinen unfreiwilligenHumor fürdcnWidcr» willen entschädigt, der einem bei der Lektüre aufsteigen möchte. Da man in Byznnz offenbar nicht verpflichtet ist, richtig deutsch zu schreiben, halten wir uns bei den grammatikalischen Schönheiten des Aufsatzes gar nicht auf. Er beginnt mit der Beantwortung der Frage, wer unter den obersten Staatsbeamten wohl die populärste Figur sei(an Witzblätter ist dabei nicht zu denken). Nun möchte der Artikelschrcibcr nirgends Anstoß erregen; er verbeugt sich also zunächst vor crrn v. Bülow und den, Grafen Posadowsky;„aber wirklich in intime ühlnng mit dem Volke in seinen breitesten Schichten ist nur einer getreten: der Staatssekretär des Reichs- Postamts. Von dieser Fühlung wissen aber die Beamten ein Lied zu singen! Wir erfahre», daß der Kaiser Herrn von Podbielski i n einen Amtssitz berufen habe; da dieses Kunststück dem Postgencral gelungen, sind wir nicht erstaunt zu vernehmen, daß er die Fähigkeit in sich trägt, neues Blut in die Arterien des Postkörpers zu leiten. Wem er dieses Blut wohl abgezapft habe» mag? Podbielski war also entschlossen. „mit der neuen Zeit fortzuschreiten". Geradezu prädestiniert hierzu ist er nach der Meinung des„Kleinen Journals" durch die Eigenschafr, dreißig Jahre preußischer Soldat und fünfzig Jahre märkischer Edelniaun zu sein. Und so erlebte er die Genug- thunng,„den Verband deutscher Post- und Telegraphen- Assistenten völlig umzustimmen und aus seiner Opposition zu einer Vertrauens- und Dankeskundgebung hinzureißen". Nun wissen wir auch, was die neue Zeit ist, nämlich die Zeit des Herrn Stumm, der nach dem Sprachgebranch des„Kleinen Journal" eine ganze Aera für Deutsch- land bedeutet.• So sehen unsere„unpolitischen" Blätter aus k Die ganze Meute ist losgelassen, um die Arbeiterschaft anzukläffen und womöglich in die Waden zu beißen. Aber der Kampf ist zu ernst, als daß diese Belästigung besonders empfunden werde» konnte. Die Arbeiter- schaft weiß sich allein, aber„der Starke ist am mächtigsten allein". Die Znchthausvorlagc hat alle Kräfte entfesselt, die in ihr schlummerten, und sie wird sich aller ihrer Feinde zu erwehren wissen. Das Gcwinsel der Prcßköter läßt uns kalt; wenn sie uns zu nahe kommen, setzt es einen Fußtritt. Für diese Gegner hat die Arbeiterschaft nichts übrig als ein verächtliches Lächeln.— Kleines Feuillekon. — ck. Dankbarkeit. Der Bahnwärter ging im Gewitter-Dnukel seine Strecke ab. Ehe der nächste Schnellzug kam, mußte er die Geleise untersucht haben, damit der sicher vorwärts fahren konnte. Er leuchtete mit seiner kleinen Laterne die Schienen entlang. Sie glänzten vor Feuchtigkeit. Der Gewitterregen drosch auf den Kies des Bahndammes, schlug dem Bahnwärter ins Gesicht und be- schwerte seinen Mantel, so daß er nur mühsam vorwärts kam. Ein Blitz zuckte über den Kiefernwald, der den Bahndamm zu beiden Seite» begleitete. Dann war wieder die mit Gewitter- geräuschen erfüllte Finsternis im Walde. Der Mann erkannte, daß er noch einige hundert Meter zu gehen hatte. Hinten, ganz weit hinten in dem Walddunkel glänzten schon die Laternen des Zuges. Wenn er sich kräftig gegen den Wind und den Regen stemmte, konnte er noch rechtzeitig mit seiner Untersuchung fersig sein. Da sah er eine dunkle Masse auf dem Geleise liegen. Er glaubte, eL sei ein vom Winde herübergeworfener Kiefeniast. Als er ober näher kam, erkannte er eine Kuh, die sich dort, so bequem wie mög- lich, gelagert hatte Er rief sie an. Sie rührte sich nicht, sondern starrte mit ihren Glotzaugen zn ihm auf. Er wollte sie mit seinem Mantel verscheuchen. Sie blieb faul liegen und bewegte ihr Maul, wie wenn sie wiederkäute. Da hörte er schon das Schnaufen des Zuges; die grellen Laternen leuchteten breiter und immer breiter. Der Zug würde ja über das Tier hinwegkommen, aber der Bauer, dein es entlaufen, würde sich freuen, wenn es gerettet war. Rasch schob der Bahnwärter das faule Vieh zur Seite, erst das ? unterteil und dann das Vorderteil. Der vorbcijagcnde Schnellzug ätte es beinahe noch gestreist. Nach langer Mühe brachte der Bahnwärter die Kuh bis zu seinem Hause. Wenige Tage später meldete sich der Bauer, dem das Vieh beim Gewitter aus dem Stall gebrochen war. Als er seine Kuh melkte und sie, wie stets seit ihrer Rettung, nur einen halben Liter Milch gab. schrie er den Bahnwärter an:„Dau hast mi mien Kauh verhunzt l Dan Schoap!... Dau giwst mi Schadenersatz; sonst verkloag ick ju. Dau Kierl, ick war Di, mien Kauh ver- Hunzen!"-- ie. Französischer Lninpcnhaudcl. Frankreich führt jährlich für 27 Millionen Franken Lumpen ins Ausland ans. Der Lumpen- Handel ist auch in anderen Staaten bedeutend, erstreckt sich aber weniger auf die Ausfuhr, sondern dient vorzugsweise dem Bedarf der heimischen Industrie. In Frankreich aber ist der Eisenbahn- transport im Lande selbst zu teuer, da die Beförderung eines Waggons von IV 000 Kilogramm von Paris bis nach den groben Papierfabriken m Angonlbme mehr kostet, als der Transport der- selben Menge von Paris nach New Kork. Die französischen Lumpen werden besonders von England, Deutschland und den Vereinigten Staaten gekauft. England verwendet grösztenteils nur die feinsten Stoffe, die Stücke von gutem Tuch, neuem Kaliko und andere Ab- fälle, wie sie die Lumpensanimler in Paris an den Thülen der grohcn Magazine finden, die Engländer stellen aus dieser besonderen Lumpensorte die feinsten Luxnspapierc her. Deutschland hat mehr Verwendung für die geringen Sorten, die zu einem billigen Papier verarbeitet werden. Dazu müssen die Lumpen selbst sorgfältig sorttert werden. So wird Löschpapier aus rotem Baumwollenstoff bereitet, das dunkelbiolette oder schwarze Papier, das in den Kurzivaarengeschäften zum Einwickeln von Nadeln dient, aus schwarzem Bamnwollenstofs uslv. Die Vereinigten Staaten nehmen alle billigen Sorten von Lumpen ab und bezahlen sie mit 3— 10 Fr. pro Doppelcenttier. Diese Waare wird in Frankreich gar nicht zurückbehalten, da dort die Papierfabriken sich zur Herstellung minderwertiger Papiere nicht mehr der Lumpen bedienen. In den groben Sevstädtcn sammelt nian alte Seile und Segel, die ihre Zeit abgedient haben und auber Gebranch gesetzt sind: sie sind sehr geschätzt und lverden teuer bezahlt, denn sie dienen ausschlieb- lich zur Herstellung von Cigarettcnpapier. Die Papierfabrikation ist aber nicht die einzige Industrie, die dem Lumpenhandcl Nahrung giebt. Aus manchen Sorten von Lumpen werden wieder neue Gewebe verfertigt. Solche Lumpen werden, wenn sie neu sind, recht gut bezahlt, Flanellabfällc stehen auf 3'Fr. pro Kilogramm und Ab- fälle verschiedener anderer Stoffe, wie sie sich bei den Schneidern aufhäufen, auf 70 Cts. Es ist recht unterhaltend, einmal dem Ge- schästsbetricb bei einem Lumpenhändler zuzusehen, wie die verschiedenen Sorten ausgesucht und je nach ihrer Bestimmung in ver- schiedene riesige Kasten verteilt werden. Da kann man»eben einem Kasten mit 10 000 Kilogramm Militärhosen einen anderen sehen, der 200 Centtier schwarze und weihe Socken enthält. Dab die Lumpen- sammler sich nicht nur mit eigentliche» Lumpen abgeben, solidem auch die alten Papiere, Pfropfen, Nägel, Glasscherben uslv. auf- nchnien, ist bekannt.— Theater. — r. Das Schiller-Theater experimentierte am Freitag- abend auf litteratur-historischem Gebiete, indem es ein Lustspiel des Spaniers Lope de Bega aufführte, das in der deutschen Be- arbcitung von Eugen Zabel„Die schöne Toledanerin" benannt war. Lope de Bega ist, wie uns auch der Theaterzettel des Schiller-Theaters gütigst mitteilt, 1562 geboren, hat mit dem 13. Lebensjahre zu dildlen angefangen und im weiteren Verlaufe seines ausgedehnten Daseins so und so viele grobe Komödien gc- schrieben. Jeder Gebildete zieht vor dem Andenken dieses Mannes den Hut, auch wenn er ihn nur aus dem Konversationslexikon kennt, und wer seine Gröhe nicht zu würdigen versteht, ist einfach ein elender Banause. Doch es bleibt nun einmal die alte Erbsünde des Menschen: der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Lag es an der drückenden Luft des Juniabends oder an dem Umstand, dab die Eifersüchteleien, die das Stück ausfüllen, mit einer uns Modernen kindlich erscheinenden Naivctät eingefädelt sind, genug, wir langweilten uns zum Sterben. Die Verse flössen träge dahin, die Mitwirkenden männlichen Geschlechts girrten in einer fade», süblichcn Sprechweise, und die Damen Wiccke, Levermann und Meyer, die sich leidlich vernünftig gcberdctcn, konnten die Handlung leider auch nicht interessanter machen, als sie war. Es liegt beim Apoll, darüber zu richten, ob wir uns durch unser Gähnen gegen seine heiligen Satzungen vergangen haben; möge er uns ein gnädiger Gott sein, wenn wir schuldig sind. Durch die gelungene Aufführung dcS bekannten Einakters von Pohl:„Die Schulreiterin" wurde das Publikinn zum Schlnff ein wenig ermuntert.— Kulturg eschichtliches. fc. Die Universitätsbibliothek als Pfandkeih- I n st i t n t. lieber eine einzigartige Einrichtung, die an der Universität Jena gegen Ende des' 17. Jahrhunderts bestand, berichtet Georg Steinhaufen in dem soeben erschienenen Heft des„Central- blatts für Bibliothekwesen". Unter den Handschriften der Universität befindet sich nämlich ein Pfandbuch, aus dem hervorgeht, dab die Universitätsbibliothek im Jahre 1686 die Rolle eines Pfandleih- Instituts gespielt hat. Die Studenten führten damals gerade in Jena ein sehr üppiges und leichtsinniges Leben. Daher tritt bei den akadennschen Behörden mehrfach das Bestreben hervor, sie vor den Folge» leichtsinnigen Schuldenmachens zu schützen. In dem Visitattons- Dekret vom September 1679 findet sich z. B. die Bemerkung, daß .Crahmer und Buchführcruud andere ohne vorwissen desRektors odersonst eines Professors denen Sttidiosis nichts borgen oder auf etwab leihen" sollen. Das mag auch den Anlast gegeben haben, die Bibliothek als Pfaudstätte zu wählen, um die Studenten so wenigstens vor Wucherern zu bewahren. Sie konnten hier ihre Bücher versetzen und darauf gegen»lästigen Zins Geld erhalten. Der Urheber dieser Organisation scheint Dr. Kaspar Sagittarius, Professor der Geschichte, gewesen zu sein, der die Oberaufsicht führte und als„Inspektor" der Bibliothek mehrfach erwähnt wird. Er verfügte die Eintragung resp. Löschung im Pfandbuche. Dieses führte den Titel„Akademisches Pfandbuch, worin die von den Herren Sttidiosis versetzte Bücher hineingetragen worden, angefangen unter Herrn D. Wolfgangi Georg» Wedeln Rcctorat Anno 1686 im Monat September". Es ist zum gröstten Teil unbeschrieben und nicht lange regelmästig geführt worden. Die Eintragungen hören ans am 25. Februar 1687.' Da- neben befinden sich zahlreiche Beilagen, hauptsächlich Briefe von Sagittarius an den Bibliothekar Cummer, auf die hin die Ein- tragung erfolgte. Auch die Gesuche der betreffenden Versetzer liegen bei, z. B.„Ihre Magnificenz, Herr D. Sagittarius lverden ge- horsamst ersucht, Zeigern dieses Zetteleins die Bücher, auf welche ich 4 Thl. enipfangen, gegen Erlösung des Zins folgen zn lassen. Jena, den 8. July 1687." Auch Vermittler werden mit dem Ver« setzen beanfttagt, wobei häufig Betrügereien vorkamen. So schreibt Sagittarius znni Beispiel einmal an den Bibliothekar, dah eine mit dem Versetzen beauftragte Frau Anna Barbara „einen Thalcr mehr genommen, als der Studiosus bckonimen". „Ich will", so schliestt er,„so denn diese Begebenheit ivol in acht nehmen und soll uns dazu dienen, daß man solchen Weibern wol auf die Finger sehe." Die Eintragungen sind insofern wichtig, als sie über die Bücher, die sich damals im Besitze der Studenten be- fanden, einigen Auffchlnst geben. Die theologischen Studierenden versetzten häufig ihre hebräische Bibel, daneben Mathias Flacins, Salomonische Spruch-Postill, kbiloloxia sacra u. a. Bei den Juristen findet sich das Oorpus Juris, Crirninalia und Processus Juris, Synopsis Institutionurn Imperialiurn u.a. Von sonstigen versetzten Büchern lverden aufgezählt namentlich Wörterbücher, ein„Kräuter- buch"; Pufcndorf, Einleitung; Seckendorf, Tcutsche Reden; Mochiavclli. Das Ausleihen von Geld beschränkt sich auch nicht bloß auf Bücher. So sind eingetragen:„ein silberner Löffel, so man zusammenlegen kann, item ein paar silberne Schnhschnallcn und ein silberner Ohr- löffcl und Zahnstocher", ferner„Sieben Dntzet Silberner Knöpfe, welche 22 Loth wiegen"; endlich:„Zivecn kleine Globi." Eingelöst wurden die Bücher zuweilen erst spät, viele erst 1688. Eine Angelegenheit wird auch erst 1691 erledigt. Bei manchen Ei»- trägen fehlt die Notiz, dah die versetzten Bücher wieder eingelöst lvnrdcn. Im ganzen scheint sich die Einrichtung also nicht bewährt zu haben.— Völkerkunde. — Ueber die Indianer des südlichen Peru(ander Bahn von Mollendo landeinwärts) entnimmt der„Globus" einer Artikelreihe der in Valparaiso erscheinenden„Deutschen Rachrichten" (Mitte März dieses Jahres) über die Erlebnisse einer deutschen Gold- wnscherexpcdition folgende Mitteilungen: Die Kleidung der Männer besteht durchweg aus grauem Filzhut, blauer, kurzer Jacke mit Mcssingknöpfen, blauer oder grauer Hose und grauem Hemd, alles aus selbstgewebtem, rohem Wollen- stofs hergestellt. Die Frauen tragen eine miederartige Taille und eine Ilnmcnge von Röcken, ebenfalls alles von grober Wolle und blau gefärbt, ab und zu auch Schuhe und einen Hut, der bei allen irgend einer Mode des vorigen Jahrhunderts entspricht. Der einzige äußere Unterschied zwischen Frauen und Mädchen besteht in der Haartracht. Erstere flechten die Haare in einen Zopf, während letztere diese auf 25 bis 30 kleine Zäpfchen verteilen und dann unter- einander verbinden. Das Ganze hängt wie ein Brett auf den Rücken herab und verbreitet, reichlich mit Talg versehen, einen förmlichen Glanz. In ihrer Nahrung sind die Leute äußerst anspruchslos, sie begnügen sich ausschließlich mit Kartoffeln und dem daraus hergestellten Chuno. Letzterer ist Haupt- Nahrungsmittel und wird auf folgende Weise bereitet. Abwechselnd durch Wässern und Gefrierenlassen wird den Kartoffeln die Fcuchtig- keit entzogen. Nach hierauf erfolgter Trocknung werden diese sehr hart, klappern, auseinander geivorfcn, wie Walnüsse, halten sich mehrere Jahre und sind teurer wie Kartoffeln. Die Zubereitung einer Suppe oder eines Breies geht schnell vor sich. Der Chuno wird zwischen Steinen zerklopft, zu Pulver gerieben, gewäffert und dann in das kochende Wasser geschüttet, in welchem bereits ei» Kur cn ßcToctjt wurde. Ein abermaliges leichtes Aufkochen genügt, und das „Nationalgericht" ist fertig.— Geographisches. — Neue Funde zur Geschichte der Kartographie. Gabriel Marcel hat im vorigen Jahre auf einer Studienreise in der Schweiz in Zürich und Basel wichtige Dokumente zur Geschichte der Kartographie entdeckt, die, ihrem Werte nach unerkannt, in den dortigen Museen und Bibliotheken verborgen waren. Der wichtigste Fund war wohl ein grober, 3,80 Meter im Umfang messender GlobuS im Züricher Museum. Eine Notiz auf dem Gestell zeigte die Jahreszahl 159S und die Anmerkung, daß der Globus für die St. Galler Abtei gefertigt worden sei. Die Kugelsegmente bestehen aus Karton und sind sauber graviert, die Meere sind dunkelgrün, die Landmassen gelb übermalt. Ob die angegebene Jahreszahl zugleich das Herftellungsjahr des Globus bedeutet, ist natürlich nicht sicher, aber doch sehr wahrscheinlich, und Marcel kommt zu dem Schlub, dast er vielleicht von Mercator 0f1b94) begonnen, zweifellos aber von seinem Sohne oder einem anderen mit der Kunst des Meisters vertrauten Manne vollendet ist. Auf Einflüsse Mercators deutet zunächst die Anwendung der„wachsenden Breiten"(Mercator- Projektion) hin; dann aber ergiebt ein Vergleich mit Mercators berühmter Weltkarte von 1569, dax der Globus eine ganz genaue, etwas vergrößerte Uebcrtragung der Weltkarte auf die Kugel- form darstellt. Die Ausschriften und Ortsnamen sind bis auf einige wenige Schreibfehler wörtlich und buchstäblich die nämlichen wie auf der Weltkarte, und auch der geographische Inhalt ist derselbe. Wie Marcel bemerkt, sind von Mercator gebaute Globen nicht bekannt; die Entdeckung dieses Züricher Globus ist also sehr wichtig.— Ferner fand Marcel in der Züricher Bibliothek einen abgeschlossenen Portulanatlas aus dem 14. Jahrhundert, in dein auf Blättern das ganze Mittelmeer und das Schtvarze Meer, sowie die atlantischen Küsten südlich bis Mogador dargestellt sind. Man hat hier vielleicht den einzigen vollständigen Porttckanatlas vor sich, der aus jenem Jahrhundert erhalten geblieben ist.— Sodann hat Marcel in der Baseler Universitätsbibliothek ein drittes Exemplar der erwähnten Mercator schen Welt- karte von 1569 entdeckt. Die beiden anderen sind vor Jahrzehnten von Jomard in Paris und 1891 von Dr. H a y e r in der Brcslauer Bibliothek gefunden worden. Das Baseler Exemplar ist vorzüglich erhalten. Gleichzeitig fiel dort Marcel ein Exemplar der bisher als verloren beklagten und besonders wertvollen zweiten Auflage von Mercators Europakarte von 1572 in die Hände. Die erste Auflage, die Mercators Ruhm begründete, rührt von 1554 her. Endlich brachte Marcel noch mehrere kleine Globen in Form von Trinkbechem aus dem 16. Jahrhundert ans Tageslicht, deren Angaben schwer zu entziffern sind, und eine OrteliuSkarte von 1564.—(„Globus.") Aus dem Pflanzenleben. SS. K ü n st I i ch e A l p e n p f l a n z e n. Bor einigen Monaten veröffentlichte der Pariser Botaniker Gaston Bonnier die Mitteilung, daß es ihm gelungen wäre, die Eigenart der Alpenpflanzen an ge- wöhnlichen Gewächsen künstlich zu erzeugen. Jetzt sind die Beob- achtungen soweit gediehen, daß eine zweite Mitteilung über den Gegenstand an die Pariser Akademie der Wissenschaften erfolgt ist. Bonnier hat aus derselben Wurzel Pflanzen gezogen, die er künst- lich unter verschiedenen klimafischen Bedingungen erhielt. Einige wurden wie gewöhnlich im Freien belassen, andere in Glaskästen, die von drei Seiten dauernd mit Eis umgeben waren, noch andere Stöcke endlich wurden während der Nacht unter Eis gehalten, bei Tage aber der Sonne ausgesetzt. Die letztere Grappe von Gewächsen hatte täglich Tcinperaturschwankungcn von 4 Grad bis 35 Grad zu erleiden, während sich die Pflanzen im Freien bei einer mittleren Temperatur von 20 Grad und die in den Eis- kästen unter einer solchen von 7 Grad befanden. Es haben sich nun i»r Verlaufe des Wachstums die auffallendsten Unterschiede gezeigt. Als Beispiel niögen zunächst die Versuche mit dem Camander (Leuenum scordonia) aus der Familie der Lippenblütler dienen. Es zeigt sich daran deutlich, daß die abwechselnd an der Sonne und im Eise gehaltenen Pflanzen in allen Eigenschaften am nieisten zurück- geblieben sind. Im Freien hatten die Pflanzen der genannten Art eine Höhe von 9b Centimetern erreicht, in den Eiskästen nur 42 Ccnfi- meter, während die unter daueniden Temperaturschlvankungeil er- haltenen nur 20 Cenfimeter Höhe besaßen. In entsprechendem Vcr- hälwisse stand die Länge der sogenannten Jnternodien, das heißt des Zwischenraumes zwischen zwei Knoten am Pflanzen- stengel, die im Freien 20 Ceurinieier maß. für die Eis- pflanzen noch nicht 9 Cenfimeter und für die letzte Gnippe gar nur 2. Auch die Farbe der Blüten und der Blätter zeigte sich deutlich beeinflußt. Die Blumen der Pflanze haben ge- wohnlich eine gelbweiße Farbe, die unter den, dauernden Einflüsse des Eises fast ganz Iveiß. unter dem abwechselnden Einfluß des Eises und der Sonne fast ganz gelb wurden. Auf die Farbe der Blätter hatte die Kälte den Einfluß, daß das Grün eine frischere Farbe in, Vergleich zu den normalen Blättern erhielt, dagegen färbten sich die Blätter durch die starken Tenwcraturschivanknngen grünrot. Auf diese Weise tvar eS gelungen, willkürlich Pflanzen zu erzeugen, die fast in jeder Beziehung den natürlichen Alpen- gewächsen glichen, und zwar entsprach ihnen diejenige Gruppe, die bei Tage in der Sonne und bei Nacht unter Eis gehakten wurde. Pflanzen, wie sie Bonnier unter dieser Behandlung erhielt, glichen durchaus den Stöcken derselben Art, die in den Alpen und Pyrenäen in einer Höhe von 1500 Metern wachsen. Auch an diesen ist z. B. die teilweise rötliche Färbung der Blätter den Pflanzenkundigen schon seit langem aufgefallen. Auch der innere Aufbau der Pflanzen zeigte sich durch die beschriebene Be- Handlung wesentlich verändert: die äußeren Gewebe waren gleichsam zum Schutz gegen die Kälte dichter und dicker geworden, an den Rand der Biätter hatten sich neue Zellenlagen gebildet und die Atmungsthätigkeit der Blätter ist beschleunigt. Die Blüten sind ver- hältnismäßig groß und ein wenig fieser gefärbt. Diese Eigenschaften der natürlichen Alpenpflanzen wurden außer beim Gamander auch beim Kreuzkraut, beim Steinklee, beim Hafer, bei der Wicke, bei der Goldrute und verschiedenen anderen Gewächsen erzeugt.— Humoristisches. — Boshafte Annonce. 10 Mark Belohnung demjenigen, welcher mir angiebt, wann ich den Herrn Bureauchef in seinem AmtSIokal sicher treffen kann. E. Müller.— — Zeitgemäß. Chef(zum stellesuchenden Reisenden); „Können Sie auch mit der Kundschaft gewandt verkehren?" Reisender:„Bitte, habe hier einen Phonographen mitgebracht, und einige Ausnahmen, wie ich mit den Kunden vcr- kehre I"— — Genaue Bestimmung. Meta:»... Was, Dein Geschichtslehrer hat Dir einen Kuß' gegeben?" Elsa:„Ja— gestern nach der Schlacht bei Eaimae!"— („Flieg. Bl.") Notizen. — Von Klaus Groths„Quickborn" wird eine billige Volksausgabe und eine vom Maler Hans Olde illustrierie Ausgabe vorbereitet.— — Den Bau eines neuen Theaters in Wiesbaden beabsichtigt Dr. Rauch, der bisher in Wiesbaden das Residenz- Theater geleitet hatte und unter der Direktion Hirschberger der arfistische Leiter des Berliner Thalia-Theaters hatte werde» sollen.— — Die Dresdener Hofoper plant für den Spätsommer einen Verdi-C yklus, der die Hauptwerke des Komponisten um- fassen soll.—« — Die Nachricht, daß Arnold Vöcklin neuerdings einen Schlagansall erlitten habe, bestätigt sich glücklicherweise nicht.— — Der Kunst-Schriftsteller Bruno Buch er ist im Alter von 73 Jahren in W i e n g c st o r b e n. Er war Kustos des östreichißben Museums für Kunst und Industrie und hat eine Reihe von Schriften über das Kunstgewerbe verfaßt.— — Im„Princeß- Theater" zu London ist das Volksstück „Einer der Besten", das die Schicksale des Kapitän Drehfus schildert, wieder aufgenommen worden. Bei den Höhe- punkten bricht das Publik, in,, daß das Theater allabendlich bis zum letzten Platz füllt, stets in Beifallssalven aus, die einen ausgesprochen demonstrativen Charakter tragen.— — Nach einem Vorschlag des Prof. Koch soll ein Reichs» Institut zur Erforschung der Tropenkrankheiten in Hamburg gegründet werde».— — Die Arbeiten des türkischen Gcncralstabs für die Karte der europäischen Provinzen der Türkei sind nuninchr beendet; von der Karte werden auf lithographischen, Wege 3000 Exemplare angefertigt werde». Die Arbeit dauerte 20 Jahre. Die neue Karle ist im Maßstabe von 1: 210 000 hergestellt und be- steht aus 64 Blätter».— — Der Meteorologe der„Neuen Züricher„Zeitung" stellt die Thatsache fest, daß wir gegenwärtig in, centrale nropäischen Gebiet höhere Temperaturen verzeichnen, als sie jetzt am Saume der Sahara in Nordafrika vorkommen! Die jüngsten Telegramme des französischen Wetterburcaus geben für den 5. Juni nachstehende Wärmemaxima: von Oran 19 Grad, Algier 24 Grad. Tunis 26 Grad, Anmale 22 Grad, RemourS 18 Grad, während bei uns Nachmittags-Temperawren, im Schatten gemessen, zwischen 26 und 30 Grad zur Aufzeichnung gelangten.— — Zun, Scheuern von Blech und Zinn gicbt die in Wasser ausgelaugte Kartoffelschale ein der Pottn>che ähnliches Beiz- Nuttel.— — Zur Erforschung des Problems, ob unter der Erdoberfläche ein Zusammenhang der S ch w e r e z u n a h m e niit der T e n, p e- raturzunahme bestehe, hat die Akademie der Wissenschaften in Wien den Obersteil R.». Sterneck damit betraut, Untersuchungen in Bergschächtcn auszuführen.— — Eine Kirche in London bezieht bis zum heutigen Tage ein regelmäßiges Einkommen aus einer Stiftung, die seiner Zeit zu den, Zivccke gemacht wurde, Holz für die Scheiter» hänfen zu kaufen, auf denen Ketzer zu verbrennen waren.— Verantwortlicher Redaclcnr: August Jacobe,» in Berlin. Druck und Verlag von Ätax Babing in Berlin