Nnterhaltuttgsblalt des Horwärts Nr. 113. Dienstag, den 13. Juni. 1899 (Nachdruck verboten.) vz De« Vsmpf um Vlieseuev» Eine Sommergeschichte von Heinrich Borchard. Eniil fand eine Antwort nicht ratsam, aber sein Freund Lude ritz ihn heraus.... „Warum denn nich? Vor ne halbe Stunde.. „Wo is se denn langjejangen?" „Na imma nach's Wasser runter... unjlückliche Liebe, verstehn Se..." „Dummheit!... Unjlückliche Liebe... det Kind I" „Erlauben Se mall... Det Mächen war in mir ver- knallt, un jetzt wird se woll schon versoffen sind... is ccne weniger!" „Pfui Lude f det sag' ick Deinen Vater „Thun Se sich inan blotz keenen Zwang an k Se können ihn ooch jleich erzählen, det ick jcsagt habe: Sie würden ooch ne janz jute Wasserleiche abjeben, en jrünet Jcsichte kann Sie janich schlecht stehn!" „Emil, De kommst jleich mit; oder willst De woll noch die Flejeleien von den Bengel ablernen? Et wird Dir überhaupt keenen Schaden thun, wenn de ooch nml cn biskcn nach Deine Schwester mitsuchst!" „Ach wat! Unkraut verjeht nich?" „Na. Jrete, haben die Jungen Bertha jeschn?" schrie Frau Zademack herunter— sie war auf dem höchsten Hügel der Umgebung erschienen, um von dort Umschau zu halten. „Nee, Mutter, hier war fe nich jewesen. Aber die Jungens sind so frech zu nur. det.. sie sprach nicht weiter, Frau Zadcmacks neuer Rosenhnt war nämlich wieder hinter der Kuppe untergetaucht. Frau Zademack hatte keine Zeit. „Wenn sich det Kind nu verlaufen hat? Bcr— tha. Bertha!... Keine Anttvort... doch— da ruft se... Nee— det sind sonne demliche Bengels, die mir nachäffen... Ber— tha! Bcr— tha 1" rief sie trotzdem wieder und „Ber— tha... Bcr— tha 1" antwortete das dreistimmige Echo in den höchsten Fisteltönen. „Vielleicht is se in's Lokal." Frau Zademack lief in Todesangst. Lustiges Leben da drinnen im Garten, helle Kleider flirren durcheinander, Ge- juchze und Lachen, Kinder mit Stocklaterncn, mit aufgespannten bunten Souncnschirmchen, im Saale Tanz und Musik. Ja, un daweile... im daweile liejt det Kind woll schon todt iu'n See— so is det Leben! Des blaue Kleid da... nee se is et nich... Herrjott, Hcrrjott?... Un lauter fremde Menschen noch dazu, die se janich kennen!...„Haben Sie vielleicht hier'n Kind jeschn mit'n blaues Kleid un en Hängezopp mit ne blaue Schleife?" ■.,Hm... War't denn en Junge oder'n Mächen?" „Rindsvieh!... Haben Sie vielleicht hier'n Kind jcsehcn mit en blaues Kleid und cn Häugczopp mit ne blaue Schleife?" „Na jewitz, Madamkcn!... Hat et nich ooch zwee Becne jehatt un ne Nase verlang in's Jesichte... Na sehn Se— ick kenn et!" „Schämen sollen Se sich wat, Sie junger Mensch Sie, hier»e unjlückliche Mutter zu venilkcn! Jotit sei Dank, Herr Stresow, det ick Ihnen treffe I... Unse Bertha is wech! Wenn det Kind man nich mit'n fremden Kerl miljcloofen is, der se womöglich abmurkst... det arme Kind!... Herr Stresow, ick bin schon jar kecn Mensch mehr!... So'n artjet Kind, wat se imma jewesen is. davon haben Se jar keenen Bejriff, un so fleitzij in de Schule! Herr Stresow, haben Se ihr denn wirUich nich?" „Na, Watten Se mal... jeschn Hab ick ihr." „Wo denn? Reden Se doch schon!" „Na Watten Sc mal.. „Reden Se doch schon!" „Na jewitz!... Det war doch Ihre, die sich vorhin wie verrückt jeschaukclt hat?... Sehn Se, da hackt se ja noch drnsf!... da oben!" Richtig, da oben über einem Hollnnderbusch, dessen Blüten- stände wie Satten dicker Milch aussahen, kam das arme Kind immer mit der Schaukel vorgeschossen, datz die Röcke flogen— »l Hängezopf und blauer Schleife keine Rede mehr, eine Mähne wehte wie ein schweres Vanncrtuch um ihren roten Kopf, das arme Kind kreischte vor Vergnügen. „Dag, Mutter?... Dag!... Wat, wir sind doch höher wie die da?... Zieh doch mal orndlich an, Jrete!... Wat, wir sind ville höhet?" Drüben das Paar auf der anderen Schaukel strengte sich jetzt aber auch an, und es schien ein regelrechter Wcttkamps vor Frau Zademack stattfinden zu sollen, aber das Preisrichter« amt wurde bündig abgelehnt. „Jleich kommst De ma runter! Sonne Jöhre... Die verdammtijen Zicken macht se ma doch jedesmal. Herr Stresow!... Dod kann man sich ärjcrn mit des Balj?... Du sollst anhalten, shast De nich jehört... Jrete Schultz un Dir Hütt ick ooch nich mehr for so dämlich jehalten!" Eine schwingende Schaukel hat aber nun leider die Eigen- tümlichkeit, sich nicht an das Kommando„Halt" zu kehren; diese Frechheit empörte natürlich Frau Zademack noch mehr. „Anhalten sollst De? Na. freu Dir man, wenn de runter- kommst. Du Fliehnvogel!" Aber die Schaukel nahm noch immer keine Vernunft an. Da ergriff Frau Zademack energisch das Schiff und hängte sich daran; vorwärts gings,— rückwärts.— vorwärts, der neue Rosenhut satz schräg über dem rechten Ohr, die goldene Uhr baumelte lang herunter— vor— wärts, rück— wärts, die Schaukel stand endlich. Einen Augenblick später flogen Bertha die Ohrfeigen rechts und links uin den Kopf, datz ihr die Sternchen vor den Augen flimmerten; dann trat der Schirm in Aktion. .�Wat habe ick Dir jesagt, sage mal... Wat habe ick. I Wenn man hier blotz nich so ville Leute wär'n, denn würd' ick Da ja'S Fell locker machen, det de acht Dage nich sitzen kannst!... Ei weih!... De jloobst woll, zu faul un ver- logen jehört ooch noch frech, wat?... Wirst Du jleich iilhij sein!... De Menschen loofen ja zusamm'. stille bist De!... Komm Du ma man nach Hause... Det wcetz ich nu aber. Du komnist ma nie wieder mit zu'n Verjnüjen l Dir mach ick keen Verjnüjen mehr! An ne Hundestrippe mutzte man se imma haben— anders jeht's janich. Diese Schweine- bände, die!..." „Nu lassen Se doch det Kind sein, Frau Zademack, et thut Ihnen ja nachher selbst leid. Wat, Du willst ooch noch mitreden, Jrete? Sei ver- jnügt, det ick Dir nich ooch vennöble... Du hast se doch blotz zn's Wechloofen anjestifft l Wie kommt denn sonst det Kind druff?... Nee, Du hast se nich zu anjestifft? Wo hat denn Bertha det Jeld her sor de Schaukel, he?... Mir machst De doch nich dumm." „Vielleicht kann man Dir janich mehr dumm machen". höhnte einer aus der herumstehenden Menge. „Halten Sie doch Ihren Rand!" brüllte Frau Zademack außer sich.„Sie sind doch nich jefragt?" „Schnuteken, rcj' da man nich uff mit Deine Rand- bemerku ngen!" Frau Zademack zitterte vor Wut, und das Publikum johlte, pfiff und hetzte. „Kommen Se man wej, Frau Zademack. de Leute lachen doch. Se wollen doch nich zu'n ja schon... Koinmen Se Jelächter werden l" „Wat?... Ick zu'n Rotzncse zu ne alte Frau?.. Da! Jelächter I. l I Det sagst Du .. Die Schnauze wer' ick Da schon stoppen. Mächen! Da! Da hast De cens! Det hast De Dir redlich verdient... Un noch eenS sor de andre Seite, datz De nich schief wirst l.. Leute sprangen dazwischen. Während dieser höchst aufregenden Vorgänge ging es bei der übrigen Gesellschaft viel friedlicher zu. Meta Zademack hatte sich bald, nachdem ihre Mutter nicht mehr sichtbar war.»vegen Bertha beruhigt und sich bei den Spielenden wieder angefunden.„Die Küsserei mutz ja jleich anfangen... und Emil hat wirklich recht: Unkraut ver- jeht nich." Oben bei Morpheus wurde es auch lebendig. Herr Nitschke erwachte zunächst, und da es nicht einmal Bier bei Morpheussen gab, stieg er zu den Spielenden hinab, erfreute sie durch die Bemerkung:„Kinder, et siebt noch wat Jehöriget ab. de Barometer an de Füße thun ma weh!" und spielte sodann mit. Leim Heruntersteigen hatte er aber nicht verfehlt, über Herrn Wulkows lange Beine zu stolpern, und so als Wecker- uhr zu wirken. Herr Wulkow wiederum sah anderthalb Meter über sich das Stumpfnäschen seiner Frau so verführerisch ragen, daß er es sich nicht versagen konnte, mit einem Gras- Wedel darunter zu fahren.—— Das kann man doch nicht alle Tage.... Nachdem Miezeken im Schlaf den Kopf ein Paarmal erfolglos geschiittelt hatte, fuhr sie zu Herrn Wulkows hohem Entzücken entsetzt auf. „Ach so!... Du bist et?!... Ick wußte janich, wat det war.... Ick habe von so'n ollen Uhu jeträumt, der imma so um ma rum jeflogen is.... Wat is denn det aber mit den Jungen, der hat ja lauter rote Flecke ins Jesichte?... Ernste, Ernste, komm blos mal ruff! Hast De schon sowat jesehn?" (Fortsetzung folgt.) Von einer bensdibnvken AVelt. Wenn wir nach lieben Nachbarn im Himmelsranme suchen, dann müssen wir uns sieilich an andere Entfernungen geivöhnen, als wir sie hier auf Erden kennen. Unsere Nachbarn erreichen wir hier in wenigen Mimte», und selbst, tvenn wir von Nachbarvölken» sprechen, dem'sogenannten Erbfeind im Westen und dem Erbfrennd im Osten, so können wir von einem zum anderen durch das ganze Deutsche Reich auf der Eisenbahn in wenigen Stunden gelangen. Von uir- geheuren Entfernungen sprechen wir schon, wenn wir von unseren Verwandten in Amerika reden- denken wir gar an die großen Reisen. die unsere eisengepanzertcn Fahrzeuge nach dem entlegenen China unternehmen, wo sie Christentum und Schnaps hinbringen sollen, so dünken uns die Entfernungen fast unermeßlich. Wie klein sind aber alle diese Entfernungen gegenüber den Weiten im Himmelsraume. Richten wir den Blick znm freundlichen Monde, dem stillen Begleiter der Erde, so durchfliegen wir mit dem Auge etwas mehr als SO 000 Meilen. So groß ist bereits der kleinste Schritt, den wir am Himmel unternehnien. Wir fühlen, daß der irdische Matzstab zurückbleibt, und damit auch aller kleinliche Zank und Streit, der auf der Erde herrscht, wo die kleinen Menschlein sich einbilden, daß ihre Leidenschaften und ihre von Leidenschaften beherrschten Ge- danken der ewige Mittelpunkt alles Geschehens in der Natur seien. Wollen wir noch einen Schritt weiter am Himmel machen, so stoßen wir auf die der Erde am nächsten stehenden unter den S größeren Planeten, die als Morgen- und Abendstern erscheinende, anst schimmernde Venus und den in rötlichem Lichte er- glänzenden Mars. Der letztere kommt uns zeitweilig noch näher, als die Venus, und auf ihn wollen wir unsere Leser hin- führen, obwohl wir dazu einen Raum von mindestens 8 Millionen Meilen überspringen müssen. Wie es auf einer so fernen Welt aussieht, können wir natürlich möbt so genau angebe», als wenn wir mit unserem Körper wirklich dort ge- Wesen waren; aber mancherlei ist doch von geduldigen Forschern mit Hilfe des Fernrohrs gesehen und durch mühsame Rechnung erkannt worden, so daß wir uns ein ungefähres Bild von dieser Nachbarivelt immerhin machen können. In der Geschichte der Astronomie hat dieser Planet eine wichtige Rolle gespielt. Es ist wohl bekannt, daß die alten Griechen glaubten, die Planeten müßten sich in vollkommenen Kreisbahnen bewegen; andere, als kreisförnnge Bewegungen schienen ihnen der Himmelskörper, dieser Zeugen göttlicher Vollkommenheit, nicht würdig. Da sie außerdem die Erde als das Centrum dieser Bewegungen' annahmen, so ivarcn sie genötigt, um die Erscheinungen mit ihren Vorstellungen in Einklang zu bringen, die Kreise der Planeten auf anderen Kreisen abrollen zu lassen ,' die znm Teil selbst wieder auf anderen Kreisen sich bewegten. Als Copcrnikus das ungeheuer komplizierte dieser Vorstellungen dadurch beseitigte, daß er die Sonne als den Mittelpunkt der Planeten- bewegüngcn hinstellte, ging er doch von den kreisförmigen Bahnen nicht ab, und war dadurch genötigt, ganz wie die Alten für jeden Planeten emcn kleinen Kreis oder sogenannten Epicykel anzunehmen, dessen Mittelpunkt sich auf dem Hauptkreis bewegte. Jahre hindurch fortgesetzte Beobachtungen unseres Nachbarn Mars zeigten dann dem unsterblichen Kepler, daß seine Bahn am einfächsten durch eine Ellipse, also eine ovale Linie, dargestellt werde, und führten ihn so zu den wahren Gesetzen der Planetenbewegnng. Seine Bahn um die Sonne legt der Mars in einem Jahr und 822 Tagen, also in 687 Tagen zurück. Befindet er sich mit der Erde ans derselben Seite der Sonne, so kommt er uns bis auf 8 Millionen Meilen nahe; rückt er oder vielmehr die Erde auf die andere Seite der Sonne hinüber, so wächst ihre Entfernung bis aufS3 Millionen Meilen an. Die große Nähe, in die er ungefähr alle zwei Jahre kommt, gestattet den Beobachtern, auf seiner Oberfläche mehr Einzelheiten wahrzunehmen, als es bei anderen Gestirnen der Fall ist. Schon im Jahre 1636 Wurde eine Marszeichnung angefertigt, die wir heute noch besitzen; auf dieser befinden sich bereits einige dunkle Flecken, die auch die heutigen stärkeren Fenirohre noch unverändert an derselben Stelle zeigen. Durch ihre Beobachtung hat man die Umdrehungszeit des Mars finden können; sie ist beinahe so, wie die der Erde, nämlich 24 Stunden und 37Vz Minute. Der Tag auf dem Mars dauert daher eine halbe Stunde länger, als der auf der Erde; auf Mars- tage berechnet beträgt seine Umlaufszeit um die Sonne oder sein Jahr 668V3 Tage. Auch die übrigen Größen, die auf seine Umdrehung Bezug haben, find sehr genau bekannt; man weiß, daß die Umdrehungsachse auf der Bahnebene um 283/4 Grad schief steht. Bei der Erde ist das bekannUich nur»m 23Vz Grad der Fall, und dies reicht bereits aus, um einen Wechsel der Jahreszeiten hervorzurufen. Bald fallen die Sonnen- strahlen auf die nördliche Halbkugel schräg und auf die südliche senkrechter auf; dann herrscht im Norden Winter, im Süden Sommer; nach einem halben Jahre dagegen haben sich diese Verhältnisse umgekehrt. Auf dem Mars dauern diese Jahreszeiten fast doppelt so lange, als bei uns; außerdem steht die Achse noch schräger, als die der Erde, sodaß der Winter noch kälter, der Sommer noch heißer sein muß, als hier. Freilich kann die Sonne auf dem Mars wegen seiner größeren Ent- fcrnung nicht dieselbe sengende Kraft haben, wie hier; doch würde sie uns vollständig versengen, wenn die Erde nicht mit einer schützen- den Hülle, der Atmosphäre, umgeben wäre, in der ein großer Teil der Sonnenkrast zur Erwärmung der Lust verbraucht wird. Ans dem Mars mag auch eine Atmosphäre vorhanden sein, im ganzen der unsriglli.ähnlich; doch ist sie sicherlich viel klarer, reiner und durchsichtiger, denn sehr selten werden wolkenähnliche, schnell wieder verschwindende Gebilde beobachtet. Die Sonne wirst dort also viel nngcschwächtcr und wird daher trotz der größeren Entfenning etlva dieselbe Glut zu entwickeln vermögen, als es bei uns der Fall ist. Auch darin stimmen die Verhältnisse mit den unsrigcn nberein, daß die südliche Halbkugel längere und kältere Winter, aber kürzere Sommer hat, als die nördliche. Bei uns ist der Unterschied freilich nicht allzu groß, weil die Erdbahn fast steisförmig ist; um 7 Tage ist hier das nördliche Sommerhalbjahr nur länger, als das ent- sprechende Winterhalbjahr. Beim Mars dagegen mit seiner länger gestreckten eiförmigen Bahn handelt es sich um 92 Marstage, die etwa 94 irdischen Tagen gleich sind. Um so viel länger fallen die Sonnenstrahlen schräg auf die südliche Halbkugel und um soviel längere Zeit als der Nordpol, entbehrt der Südpol das Sonnenlicht völlig. Alles dies ergiebt sich bloß aus den Bclvcgnngsverhältnissen mit mathematischer Notwendigkeit mid Gewißheit. Und die sonstigen Beobachtungen stimmen ganz und gar daniit übercin. An deu Polen zeigen sich meist ausgedehnte weiße Flecken, die im Sonnner des betreffenden Poles beträchtlich kleiner werden, beim Nord- pol manchmal völlig verschwinden; beim Südpol dagegen ist die weiße Kappe weit ausgedehnter und verschwindet selbst im Sommer niemals vollständig. Was sollen diese weißen Massen wohl anders sein, als Schnee und Eis, die sich ja auch an unseren Polen so reichlich finden. Im Sommer schncilzt der Polarschnce und das Polareis beträchtlich ab, das nörd- liche manchmal vollständig; die Wasserinassen müssen dann weit nach dem Aeguator zu vordringen. Ist aber Schnee, Eis und Waffer auf dem Mars vorhanden, so muß das Wasser auch verdunsten; der Planet muß also mit einer Atmosphäre umgeben sein. Gewisse Spcktralbeobachtnngcn zeigen das auch ganz deutlich und beweisen, daß die Atmosphäre viel Wasserdampf enthält. Dann wird es auf dem Mars also regnen, hageln und schneien können, ganz wie bei uns, wenn im allgemeinen auch ein klarer Himmel dort herrscht, Weiter haben die gewaltigen Fernrohre der neueren Zeit eine reiche Gliedennig auf der Oberfläche dieser Nachbarwelt erkennen lassen, so daß man Karten von ihr hat entwerfen können, die uns eine Menge Einzelheiten zeigen. Ans der nördlichen Halbkugel herrschen die gelblichen Flächen vor, die man allgemein für festes Land, ans der südlichen dagegen die bläulichen, die als große Meere betrachtet»Verden. Die Weltmeere erstrecke»» sich nicht,»vie ans der Erde der Atlantische und der Stille Oceai»,»veit »ach Norden und trennen die Eontinente, sonder» das große Nordland reicht znsannncnhängend über die östliche und»vest- liche Hemisphäre, und ebenso das gelvaltige Siidnieer, aris dem nur vereinzelte große Inseln hervorragen. Ebenso zeigt der Kon- tinent einzelne kleinere dunklere Stellen, also Binnenseen; sie hängen aber unter einander und mit dem großen Südmeer durch ein»veit verzlveigtes System dunkler, völlig gerade verlausender Linien zusnnimcn. Man hat sie Kanäle genannt und glaubt, daß sie zur Bewässerung des Landes und zur Verbindring der Seen dienen. Falls diese Deut»i»g richtig ist, so erhebt sich die Frage, wie diese gewaltigen lang gestreckten Kanäle wohl entstanden sein mögen? Wo man etwas Genaues nicht»veiß, da ist die Phantasie rasch bei der Hand, um mit schönen Erklärungen die fehlende auszufüllen. Der Mars ist zlvar beträchtlich kleiner, als die Erde— sei»» Durchmesser beträgt wenig mehr als die Hälfte des irdischen, feine Ober- fläche nicht ganz ein Dritteil der Erdoberfläche; auch ist seine Masse im ganzen weniger dicht, als die der Erde; aber sonst scheinen die Verhältnisse doch ziemlich ähnlich zu liegen. Was liegt da näher, als auch menschliches oder doch menschenähnliches Leben auf jener ferne»« Nachbarivelt anzunehmen? Dann können die Kanäle ja Kunstlverke fein, die von den Marsbewohnern erbaut wurde»», um nach der sommerlichen Schnceschinelze die andrii»gendei», das Land überschwemincnden Wassermassen abzuführen. Thatsächlich ist das auch vielfach behauptet Wörde»». Doch müssen »vir uns sehr hüten, vage Vermutungen für sicheres Wissen — 4i auszugeben. Freilich weist der äußere Anblick des Mars manche Sehnlichkeit mit irdischen Verhältnissen auf; wie würde es aber sein. wenn wir ihn in größerer Nähe betrachten könnten, wenn ihn unsere Aermohre dem Auge etwa auf 1000 Kilometer nahe bringen könnten. würde da die Achnlichkeit nicht bald völlig verschwinden? Bielleicht herrscht dort eine solche Kälte, daß im Winter selbst die Kohlensäure in der Lust gefriert, und die sog. Schneekoppen bestehen gar nicht aus Schnee und Eis, sondern aus der zu festen weißen Massen ge- frorencn Kohlensäure. Selbst aber, wenn dort Schnee und Eis existiert, und eine sommerliche Schmelze eintritt, so Wiste n wir" über die Bildung der Kanäle noch immer nichts; mindestens 80 Kilometer müssen fie breit sein, um in unseren Fernrohren überhaupt zur Wahrnehmung zu kommen, und nianche erreichen viel bedeutendere Breiten. Von den Kräften, durch welche solche mächtigen Wasser- ftrahen geschaffen wurden, können wir uns kaum eine Vorstellung bilden. Dazu kommt, daß vor 17 Jahren zuerst und seitdem jedes- mal, wenn der Mt.rs in die Erdnähe, in die günstigste Stellung zur Beobachtung rückte, bei vielen Kanälen binnen wenigen Tagen eine Verdoppelung bemerkt wurde. Statt einer dunklen Linie treten dann deren zwei auf, die in einem Abstände von by bis 60 Kilo- meiern völlig parallel verlaufen-, doch sind diese Verdoppelungen keine festen Gebilde, sondern verschwindeil ivieder, wie sie gekommen. In den 17 Jahren, seit man diese merkwürdige Erscheinung kennt und verfolgt, ist es nicht gelungen, eine auch nur einigermaßen bc- friedigcnde Erklärung von ihr zu geben. So zeigt die ferne Marswelt, von allen Welten unseres Sonnen- systems uns am nächsten und verwandtesten, sich doch so überaus verschieden von den uns bekannten irdischen Verhältnisten, und bietet unserer Erkenntnis Rätsel dar, deren Lösung den menschlichen Forschungstrieb wohl noch lange beschnstigen wird.— Dr. B. B. Kleines Feuillekon. —Id. Ein Spaziergang unter der Spree. Mildes Sonnen- licht schaukelt auf dein Wasser. Die von Dampfern, Seglern und dem leichten Winde anfgeivorsencn Wellen spielen durch einander. Sonntagsheitcrkcit liegt in der Lust. In langem Zuge ziehen die Mitglieder der Arbeiter-Bildungs- schule auf den Bauplatz des Tunnels, der Stralau nnt Treptow verbindet und künftig die Ausflügler auf elektrischen Bahnen unter dem Wasser hindurch von einem Ufer zuni andern führen soll. In einem Fachwerkhaus arbeitet die Maschine, die den Tunnel provisorisch beleuchtet und bei Regenwetter das Wasser aus ihm saugt. Ein Eisengitter unigicbt die Rampe, die sich langsam, zwischen gelben Ziegclmaucrn, dem Tunnel entgcgcnneigt. Erwartungsvolle, verhaltene Spannung läßt alle nur g'edänipst sprechen. Und da, nach einer Biegung, bohrt sich der Tunnel hinein in die Erde. Ein rundes Gewölbe, an der Sohle etwas abgeflacht. An» Eingang keuchtet noch die weißliche Helle des Tageslichts, iveiter hinein aber in dem ungeheueren Loch glüht nur die gelbe Kette der elektrischen Birnen. Es ist mehr ein Gefühl der Vertvunderung als der Beklemmung, das jeden beim Eintritt in die Röhre beschleicht. Der Zug schiebt sich hinein; langsam geht es zwischen und auf den Schienen vorwärts, hinunter die kann« bemerkbare Senkung. Zu beiden Seiten begleitet die Wandernde» je ein schwarzes Rohr. Das eine bringt Trintwasscr von Stralau nach Treptoiv, das zweite befördert das einlaufende Regenivasser hinaus. Oben, in der Mitte der Wölbung, zieht sich der Draht entlang, der später den Strom zuführe» soll. Bald schwirrt das Summen vieler erstaunter Menschenstimmen die Wände entlang. Ein weit, weit entferntes, unterdrücktes Rollen scheint hindurch zu tönen. Wenn man sich zur Seite biegt, kann man die Schatte» der vorwärts drängenden Menschen am Gewölbe auf und nieder husche» sehe». Schon ist der Zug mehrere hundert Schritt in den Tunnel gedrungen— ein Blick nach riicklvärts zeigt den immer kleiner werdenden Eingang und das schwächer leuchtende Tageslicht. Ein weißer Strich sagt,' daß man sich jetzt unter der Spree befindet. Immer noch geht es schräg hinab, wohl noch mehr als hundert Meter. Dann ist die Mitte erreicht— zwölf Meter unter der Flußsohle. Hier laufe» zivischen den Schienen zwei schmale Rinnen, die das Regenivasser auffangen sollen. In sanfter Biegung geht es links hinauf. Hier ist die Kurve. Es muß technisch schwer gewesen sein, der aus Gußstahl und Schmiedeeisen zusammen- geschraubten Röhre einen Knick zu geben. Die Maschine, die Platz ftir den Tunnel in dem Moorboden ge- schaffen hat. war vorn spitz. Ein ziveiter Teil hatte die Form des Tunnels. An ihm waren zwölf hydraulische Pressen, die sich gegen die schon vorhandenen Ringe des Tunnels stemmten und den vorderen Teil jedesmal um soviel vorwärts drückten, daß wieder ein neuer eiserner Ring eingefügt werden konnte. Der erhielt dann innen und außen einen Cementmautel, und die Maschine begann ihr Vorwärtsdrängen von neuem. So ward unter dem Wasser der Weg geschaffen für die Wagen, die ebenso hoch sind wie unsere mittelgroßen Straßenbahnwagen. Wenn man in dem Tunnel steht, der nur 3,80 Meter breit und hoch ist, glaubt man nicht, daß fie darin Platz haben und sich bewegen können. Die Röhre schrumpft zusammen, so daß der vom Tageslicht erhellte Ausgang, wenn man in der Mitte angelangt ist, nur wie ein kleiner, blasser Fleck schimmert. 1— ES ging nun wieder aufwärts, noch etwa fünf Minuten. Unter- Wegs hieß es, die feuchte Kellerkühle, die hier herrsche, mache den Tunnel vorzüglich zu einem Vierkellcr geeignet. Die Stimmung wurde wieder munterer, als das Tageslicht sich mählich mehrte. Und endlich umfloß Sonnenschein wieder die aus dem Tunnel Auftauchen- den. Die lichte Warme des Nachmittags ruhte auf deni Platz vor der Sttalauer Dorfkirche, wo später immer ein Wagen warten soll, bis der von Treptow herüber ist. Vierhundertundachtundfünfzig Meter waren wir unter der Erde, unter dem Flusse gewandert.— Kulturgeschichtliches. gk. Tabakspoesie. Im 18. Jahrhundert wurde das„Wunderkraut" der neuen Welt, das in Deutschland nach dem dreißigjährigen Kriege allgemeine Beliebtheit genoß, vielfach in Gedichte» gefeiert. Beim Durchblättern der Gedichtsammlungen des 18, Jahrhunderts machen solche Tabaksgedichte unter dem ewigen Einerlei von Glück- wunschgcdichten und Licbesliedcrn einen sonderbaren Eindruck. Die „Zeitschrift für vergleichende Littcraturgcschichtc" teilt einige Proben dieser Poesien mit. Die verschiedenen Kulturländer unterhielten auf diesem Gebiete einen regen Austausch. Unter den Gedichten von König<1745) und in den„Poetischen Wäldern" von Christian Gryphius finde» sich Uebcrsetzungcn eines französischen Gedichts von St. Amand. BeiGryphius ist dasSonnct bctitelt„DerTabakschmanchcr" und beginnt also:„Ich lehn' an den Camin den abgekränttenLeib, Toback undPfeiffen sind mein bester Zeitvertreib." Das französische Sonnet, das viel knapper und abgerundeter ist als diese langatmige Uebersetznng, geht seinerseits aber wieder zurück auf ein Gedicht des Sir Robert Ayton, das im Anfang des 17. Jahrhunderts entstand. Der eng- tische Dichter findet in kummervollen Stunden Trost bei seinen beiden Pfeife», bald bei der Fagott-, bald bei der Tabakpfeife, und— mit beiden pfeift er auf alles. Das„Fagott" hat aber der französische Nebersetzer mißverstanden, und da das Wort iin Französischen auch Reisigbündel bedeutet, den Dichter auf einen Holzstoß gesetzt. Gryphius kam das wohl zu komisch vor, und so ließ er ihn in den Kamin blicken. Viel bedcntsanier ist ein Tabaksgcdicht, das sich in des„Frey- Herr» von Canitz Gedichte" von 1727 findet. Es soll„aus dem Französischen des Herrn Lombard, ehemaligen Predigers zu Middelburg", sein und beginnt:„Du Labsal meiner stillen Ruh, Du lieblich- rauchend Pfeiffgen Du..." Das Gedicht fand solchen Anklang, daß ein förmlicher llcbersctzerkrieg entbrannte. Eine viel wort- getreuere llebertragnng beginnt:„Du meiner Einsamkeit Ergetzen, Geliebtes Pfeiffgen, meine Lust!..." Sie scheint die früheste zu sein und wird einem„gelehrten Herrn Tentzel" zugeschrieben, während der„vortreffliche Polyhistor zu Utrecht I. G. Graevius dieses ftanzösische Sonnet auf das von ihm so wert ge- haltene Kräutlcin verfaßt haben soll." Selten hat wohl ein Gedicht die deutsche liebe rsetzungskunst so zu einer Kraftprobe herausgefordert ivie dieses Tabaksgedicht: nicht weniger als 15 verschiedene deutsche Uebcrsetzungen lassen sich nachweisen. Da heißt es einmal:„Du niciner stillen Ruh bezauberndes Vcr- gnügen", oder„Mein Pfeiffgen, das mich in der Einsamkeit er- freut.. oder„Du labest mich in Einsamkeiten..." usw. Aber auch in diesem Fall scheine» weder Lombard noch Graevius lvirklich die Verfasser gcivesen zu sein, sonder» die Quelle ist wiederum in England zu suchen, wo die Liebhaberei am frühesten ciiuvurzelte und die Tabakspoesie die besten Blüten zeitigte. Das französische Sonnet könnte die— allerdings freie— Bearbeitung eines Tabaksliedes aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts dar- stelle», das in England sich einer außerordentlichen Beliebt« hcit erfreute. Es ging von Mund zu Mund und erfuhr so natürlich mannigfache Wandlungen. Fast alle Niederschriften unterscheiden sich von einander. Eine ctlvas lang ausgesponnene Bearbeitung dieses alten englischen Liedes ist das von dem frnn- zösischen Sonnet unbeeinflußte deutsche Lied:„So lang ich meine Tabakspfeife..." In der originalen deutschen Tabakspoesie ist wichtig der„Tobacksbrnder" von Mich. Kautzsch. Der ellenlange ursprüngliche Titel lautet:„Sonderbare Beschreibung des Edclen Krautes des Tobacks, darbcy allerhand lustige Begebenheiten und lächerliche Historien, so sich öfters bey dem Tobacksschmauchen er- eignen, mit allerhand neuersonuenen und vormals nie in Druck herausgegebenen Tobackslicdern vorgestellet von Michael Kautzschen. Gedruckt un Jahre 1834." Von diesem Buche sind mehrere Auflagen erschienen. Bemerkenswert ist in der neuen Auflage von 1741 mit dem Titel„Politische Erzählungen Aus einer Lustigen Tobacks- Gesellschaft" die Einschiebung des aus dem Englischen stammenden und in den verschiedensten Fassungen erhaltenen Liedes: „So offt ich meine Tobacks-Pfeiffe, Mit gutem Knaster angefüllt, Zu Lust und Zettvertreib ergreife. So ist sie mir ein Trauerbild, Und fügt mir diese Lehre bey. Daß ich derselben ähnlich seh..." Das menschliche Leben wird mit dem verwehenden Rauch verglichen. Der Vergleich ist alt und spielt in den deutschen wie in den ftanzösi- scheu und englischen Tabaksliedern eine große Rolle. Ein ergötz- licher Zug dieser Poesie ist es auch, scheinbar ein Liebchen zu preisen und erst am Schlüsse zu verraten, daß man die Tabakspfeife meint. So beginnt ein Lied:„Ach,>vie ist mir doch so bange, daß ich von Dir scheiden soll I..." und schließt dann:„Brüdern. Schwestern, hört dies eine. Alle, die Jhr's noch nicht wißt. Daß die Holde, die ich meine. Meine Tobackspfeiffe is." Die Dichter besangen die Pfeife als treneste Lebensgefährtin mit Schwärmerei und Verehrung.— Physiologisches. ie. Das Geruchsverniöflen bei Männern und Frauen. Zwei Mitglieder der Gcscflschaft für Biologie in Paris haben zu ermitteln versucht, ob die Männer oder die Frauen besser zu riechen vermögen. Es wurden 41 Männer und 44 Krauen im Alter von 20 bis 36 Jahren ausgewählt, die etwa die gleich« Lebens- tveise führten und denselben Bildungsgrad besaßen. Dan» wurde zunächst bei jeder einzelneu Person ausprobiert, in Ivelchem Grade der Verdünnung noch die Gegenwart von Kampfer wahrgenommen wurde. Einige' von den Leuten mutzten noch ausgeschieden werden, da sie überhaupt gar keinen Geruch, weder für Kampfer, noch für Acthcr, noch für sonst einen der angewandten Riechstoffe besaßen. Im übrigen stellten sich folgende interessante Ergebnisse heraus. Von 74 Versuchspersonen waren nur 4 nicht im stände, den Kampfer bei einer Vcrdüuunng von Vwoo mit Waffer zu erkennen. Unter deuMäimeru waren diejenigen mit sehr schtvacheui Gerlichsvermögenzahlreicher als unter den Frauen. Durchschnittlich konnten 33 Männer den Kampfer noch in einer Lösimg von 9 Teilen Kampfer zu 100 000 Teilen Waffer toahruehmen, während jede der 37 Frauen ihn bereits in einer Lösung von Vioooooo bemerkte, so daß daS Geruchsvermögcn der Frauen dem der Männer durchschnittlich um das Neunfache überlegen loar. Die Gelehrten mutzten bei diesem Versuche recht vorsichtig sein, denn es lag der Verdacht nahe, datz mancher behaupten würde. er röche deu Kampfer, �während das eigentlich gar nicht der Fall war. Mau gebrauchte daher die Vorficht, die Wahrheit der ge- machten Angabe» dadurch zu prüfe», datz man zuweilen auch die Kampferflaschen mit solchen verwechselte, in dcuc» nichts als reines Waffer war. Da aber diese Täuschimg stets crlmmt wurde, so konnte man in die Wahrheit der Angaben uubediugtes Vertrauen setzen. Noch wichtiger ist die Thatsache, datz der weibliche Geruch auch ein seiiicrcr ist als der mann- liche. Man gab den Männer» und den Frauen neun»er- schieden« Lösungen verschiedeuer Riechstoff« zu rieche», nämlich Oraiigeublütcmvaffer, Lorbeerkirschemvafser. alkoholische Lösung vo» Citrouenschale. künstlichen Moschus, Pfcfferniiuzeffenz, Knoblauch- und Kampfer- Effeuz mid AuiSöl. Die Frauen kolinte» aus der Mischung dieser Gerüche noch 3 bis 4 herausfinden, während der Mau» niir 2 bis 3 zu unterscheiden vermochte. Es erscheint danach als Thatsache. datz das Gcruchsvermögeu bei der Frau in jeder Beziehung höher cirtwükelt ist als beim Mmm. Man könnte freilich noch auf den Gedanke» kommen, datz die Männer sich zum größten Teile selbst ihre« Geruch verscherze» diirrti Trinken und Rauche», aber man hat ganz entsprechende Unterschiede zwischen männlichen, und weiblichem Gcruchsvermögeu auch bei Knaben und Mädchen gefunden.— A«s der Pflanzenwelt. — Ist der Taumelkolch allenthalben giftig? Zu dieser Frage schreibt F. Ludwig in der„Mutter Erde'; Während man früher allgemein das Tanmellolchgras, Lolium temulentum, zu den Giftpflanzen zählte, wird es in iieucrcn botanischen Büchern als nicht giftig aufgeführt, oder als„angeblich giftig", imd es werdet! die zweifellos nach feinem Genuß bei Tieren rnid Menschen konstatierten Bergistnngsrrscheimmgen ans Beimengungen von Korn- radensamen. Mutterkorn nsw. znrüikgesührt, obwohl die Symptome der Bergistnngcu durch letztere thatsä'chlich ganz andere find. Aehiilich wie die dem Tanmellolch zugeschriebenen Wirkimgen waren dagegen die durch gewisse Pilze verursachten tanmelcrregrnden Wirkungen des Getreides, die Worouin in klsnrien i» Rußland konstatierte, und dir 1890 in der Dordogne in Frankreich beim Roggen austretenden giftigen Eigenschaften. Das Brot, das in der Dordogne ans den, Tannielrogg'cn gebacken worden war, vcnnsnchtc etn-a 2 Strmdcn nach dem Genntz Taumel, Schlästigkrit und während der nächsten 24 Sttmdcn Unfähigkeit zu irgend welcher Arbeits- lcistutig. Lente, die nach dem Genntz des Brotes auf die Felder gc- gange» waren, konnten allein nicht zurückkehren. Hunde, Schweine. Geflügel, die von dem Brot zn frrffcn bekamen, wurden verdrießlich, taumelig und nahmen 24 Stunden weder Speise noch Trank. Die Symptome glichen ganz denen des Lolchs. Als Urheber der tanmel- erregenden Wirkung des Getreides wurde ein Pilz nachgclvirsen. der in allen Körnern anfangs weiße, dann rosarote Myeellngrr bildete. Die nur sporadisch' beim Tamnellolch miftrctcndcii Vergistnngs- rrscheiuuilgen und die Aehnlichkeit der Symptome mit denen durch den Genuß des Taumelroggens ließen schon au eine ähnliche Ursache denken, da machten Bogl, Hauausek und Ncstler die Eutdeckiuig. datz die Samen des Tamnellolchs typisch ein nicht fruktifizicrrndes Pilz- mycel enthalten, das mit den, Wirt dauernd verwunden ist(nach Nestler von der Steugelbasis bis zur Früchts, aus ihm seine Nah n mg bezieht, ohne ihn zu schädigen und ohne dir Keimfähigkeit deS Samens zu beeinträchtigen. Es dürfte kaum eurem Ztorisel miterlicge». datz der Pilz der eigentliche Urheber der giftigen Eigenschaften des Taumel- lolchs ist, zumal andere Lolinnrartcir den Pilz nicht enthalten. Räch Hanausei und Rcstlcr käme der Pilz ausnahmslos in dem Samen vom Tanmellolchgras vor, so datz er geradezu cni charaktcnstffchcs Merkmal derselbe» bildete. Vorläufig mochten wir dies nach der Analogie dcö Pilzes beim Taumelroggen und lvrgen der urnerlich mehrfach auf- tretenden Meinung, daß der Tanmellolch nicht giftig fei, bezweifeln. Vielleicht tragen diese Zeilen dazu bei, datz man in de» verschiedensten Gegenden die Lolinmsameri mikroskopisch untersucht ruid, falls der Pilzmantel fehlen sollte, Fiittcrnngsbersuche mit dem Samen cm- stellt. Wie das Ergebnis aber auch sein möge— eine sehr weite Verbreitung der Symbiose des Pilzes mit dem LolchgraS steht fest. Erfterer findet in letzterem Nahrung, ohne wesentlich zu schaden. und letzterer erhält den Schutz gegen Tierstatz durch Erzeugung eine? Giftes durch den Pilz, das echte Giftpflanzen selbst erzeugen müssen.— Technisches. — Aufschwung der AcetylengaS-Beleuchtung in Deutschland. Bis Juli 1398 waren in Deutschland rund 62 000 Acetylengasflammen installiert, welche an die Stelle von 61000 Petroleum-, 68 000 Fettgasflammen und 11000 Flammen sonstiger Belenchtnngsarte» getreten waren. Dagegen betrug die Zahl dieser Acetylengasflamnien am 1. Januar d. I. nach den Er» niittelmigen des Statistischen Amtes schon rund 170000; innerhalb eines halben Jahres ist also eine Vermehrung«in 108 000 Flammen oder um 174 Proz. erfolgt. In Deutschland wurden im Jahre 1898 6600 Apparate mid SOOOOO Brenner im Werte von über 3,5 Mill. Mark verkauft. Der Earbidumsatz betrug mehr als 15 Mill. KiL. wovon der fünfte Teil allein auf die preußische Eisenbah»-Ver- waltnng entfiel. 700 Patentanmeldungen und 1100 Musterschutz» gesuchc für Acctylcnapparate find schon denn Deutscheu Patentanite eingegangen.— Humoristisches. — Dringende Mitteilung. Der Reittier Krause, der sich in letzter Zeit eine stattliche Korpulenz angeuiästct hat, steigt mit äußerster Austrengnug auf den Hinterperron der Pferdebahn. Als sich der Wagen in Bewegung setzt, ruft von der Straße her ein Be- ininiter: Herr Krause. Herr Krause!— Der sieht sich um und grüßt. Der Bekaimte läuft nach und giebt durch Zeichen zu verstehen. Krause solle abspringen, er habe ihm etwas Wichtiges initzuteilen. Endlich cntschlictzt sich der Fahrgast, den gefährlichen Sprung zu riskieren. Der Bekannte:„Herr Krause, Ihnen mutz ich doch Ivas sagen.. Krause sganz atcmloss: Na was denn eignttlich?" Der Bekannte:„Herr Krause, in allem Ernst: Sie. werden dick!"— Naiv. Backfisch: Was und wie doch die Liebe sein mag,— mutz'mal im Kouvcrsatious-Lcrito»«achschen!— t.Lust. Bl.'j ■ Notizen. — Für die Rheinische G o e t h e- A n S st e I l n n g in Düsseldorf, die am 5. J«li eröffnet werdcu soll, sind bereits über 2000 Rnmmern eingegangen.— — Im Volkstheater in B n d a p e st kam bei der Auf» fühnnig der Operette„Toledad" der sonderbare Fall vor, datz die Darstellcriii Fräulein Knry in der Erregung, mn ftir starken Beifall zu danken, vor dem Publikum niederkniete.—__ — Der Landschaftsmaler Otto v. Kamele ist im Alter von 73 Jahren gestorben. Seine Motive fand er fast auSsthlietzlich in den Alpen.— — Die Stadt Dresden schreibt eine Konkurrenz ftir den Renban ihres Rathauses ans, die ftir alle deutschen Architekten frei ist. Die Preis« betragen zm'annncn 30000 Vi.— — In Paris fand man in einem Hause, da? seit 18 Jahren nicht mehr bewohnt war, nach dem Tode der Besitzerin eine große Sammlung von wertvollen Werken der Jnrpresfioiiistcn, von Manet, Mouet, SiSlcy, Cssaime n. a. und von kunstgewerblichen Arbeite».— — In Krefeld beschlossen die Stadtverordneten die Enichttinq einer popnlär-wisseuslhaftlicheu städtischen Bücherei nach dem Lorbilde der Kölner Bücherei. — Bei der Feier des hundertjährigen Bestehens der Londoner Royal Institution führte zum erstenmal vor einer größere« Gesell» schaft Prof. Drivar deu vo» ihm flüssig gemachten Wasser- st o f f vor.— t. Eine Britisch-Französische G ckehrten»V«r» s a m m I u n g wird in der Mitte deS Monats September ab- tvcchsclnd in B o n l o g n e und in Dover tagen. Diese Ber- anstalttmg beruht ans einem Austausch von Einladungen zioisthen der Britischen und der Französische» Bereinigung zur Förderung der Wisscnschaftcu.— — In Ungarn bestanden bisher nur drei Privat- S t e r n>v a r t c n. aber keine staatliche. Run hat der Besitzer der einen, der Ministerialrat Dr. v. Konkolky in O'-Gyalla zwischen Komon, und Rrnhänscl seine Sternwarte den, Staate über« geben und sich nur das BerfügungSrecht in der Stcnnvarte ivährcnd seiner Lebenszeit vorbehalten.— — Ein R i r s c n w e l s. Ein Fischer in Heidemühl« hat in der O b r a einen Weis gefangen, der die Länge von 4 Meter hat und 109 Pfd. wiegt.— — In der Stadt Bnffallo giebt es 180 Fabriken, die Zweiräder und Zweiräder-Bestandteile herstellen, etwa 100 Geschäfte, in denen nur Zwciräder verkaust werden, med fast 1000 Reparaturwerkstätten. Verantwortlicher Redacteur: August Jacobey in BerUr.. Druck und Verlag von Max Bavtug m Berlin.