Hlnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 114. Mittwoch, den 14. Juni 1899 (Nachdruck verboten.) 10Z Der Msuitpf um Vliefenev. Eine Sommergeschichte von Heinrich Borchard. Ja wirklich, er hatte rote Flecken; dem Niesen ging es durch und durch. Der Junge hatte rote Flecke! „Meinst De, Ernst, det et bloß Windpocken sind?" brachte Mieze stockend heraus.„Wenn et man nich... nee, nee, det kann nich sein... wenn et man nich... de wirk lichen... Ob't hier draußen een Dokter siebt?... Ernste, Ernste, wären wa man bloß zu Haus jeblieben l... Loof doch mal zu Herrn Bliesener runter, der wird doch sowat ooch wissen, er is ja doch Barbier... Oder et is Scharlach... Frau Vogler I... Frau Vogler!..." „Wat is los!... Wat denn!... Wo denn? Wat, wat, wat?.,. Herr Jes, Hab' ick mir erschreckt l... So aus'n Schlaf I" „Frau Vogler, er hat Scharlach un Pocken I" „Wer hat det?" „Unser Junge." „Machen Se doch nich sowat, Frauchen!'' „Sehn Se bloß I" „Det mccncn Se?... Ja?... Mickenstichel... Fühlen Se mal hier an meinen Fuß über de Halbschuhe, da Hab' ick ooch Scharlach und Pocken... Hat die Bande richtig durch'» Strumpf durchjcstochen... Hier bei'n Sumpf sollen ooch keene Micken sein? l"... „Frau Vogler... Jottseidank, Mickensttche I— Jottsei- dank l... Ick bin noch so dumm in de Sachen alle bei'n Kind!... Ernste, et sind bloß Mickensttche I... Micken- stiche! Hast De jehörtl" Es freut sich wohl selten�emand über Mückenstiche, und geradezu glücklich war vermutlich noch niemand, Wulkows werden die ersten gewesen sein. Frau Vogler gehörte bloß zu denen, welche sich über die Mückenstiche freuten, und zwar nur, weil sie den Anlaß gaben, von der Weltweisheit ihres Mannes zu sprechen. „Sechs Kinder I... Wat meenen Se, wat man da so mit durchjcmacht hat! Allens überhaupt! Aber bei meinen Mann hceßt's: Bange machen jilt nich! Det sieht er mit eenen Blick, wat, wat er zu sagen hat und wat nich, dajejen bin ickmit de Mickensttche vorhin der reene Waisenknabe! Wo se kleen jewesen sind und se haben det Morgens anjcfangen zu quarren mit Halsschmerzen un Bauchschmerzen un Koppschmerzen un ick vor Angst mit'n dicken Kopp rumjeloofen bin un womöjlich schon jcdacht habe, wo wa det Särjeken bestellen, denn hat er eenfach jcsagt: Junge, De sehst ma heite solange nich nach Schule un bleibst in de Falle, bis de Dir auskuriert hast! Un zu mir hat er dann jesagt: Paß' mal uff, Lieschen, so jejen zwölfe, wenn de Schule aus is, wie er denn uff eenmal jesund wird un ans det langiveilije Bette huppt I Dhut er't nich, mußt De zu'n Dokter sehn... Na aber unter dreimal sind se viermal aus't Bette jehuppt I... Woher der Mann det alles her hat, wceß der liebe Himmel." „Nee, Frau Vogler, det wird sich schon wieder verzieh'» I" rief Herr Schultze, Ivelcher soeben erwacht war.„Seh'n Se doch, wat oben for'n Wind is." „Wie kommen Sie denn dadruff?" „Haben Se denn nich eben über'n Himmel jesprochcn?" „llber'n Himmel?... Det haben Se geträumt. Aber der Himmel sieht wahrhaftig mulmig aus, det siebt een Transch." „Man merkt, det Se kcen Droschkenkutscher sind. Unser- eener würde sowat bei den Wind nie sagen; wir sind doch dadruff abgericht. For'n Droschkenkutscher is nämlich der Rejen wat for'n Budiker der Sonnabend is, blos det der Budiker schon bei de Schöpfung seinen festen Sonnabend jekriejt hat un er sich weiter jarnich darum zu kümmern braucht, der kommt doch pünktlich, uff unfern Rejen aber jar keen sichrer Verlaß is. Wir müssen uns eben dafor'ne höllische Nase au- jewöhnen, den Rejen müssen wir an'n Morsen, Ivenn wa rausfahren, schon riechen, det nich etwa der Nerdeckwagen zu Hause in de Remise pennt, un wir mit unser öffnet Phaeton uff de Haltestelle sitzen bleiben wie'ne olle Jumfer uff'n Tanzboden, wo et doch vor Fahrgäste wimiuelt, det einen ooch det Wasser in'n Mund zusammenloofen kann un nich blos uff't Leder von'n Fußsack!" „Ja, wird et denn nu rejnen oder nich? Ick möchte nicht mit's Kind..." „Verlassen Se sich uff'n ollen Droschkenkutscher! Et is ja möglich, det's in de Nacht noch losjeht, aber jetzt— nee I Un nu... Wer kommt- mit runter zu de Kinder? Nitschke wimmelt ja da ooch schon rnm l... Olle, steh uff... Mit- spielen I... Herr Vogler, uff I... Mitspielen I... Zade- mack l... Zademack!" Bloß Mieze Wulkow und Herr Vogler blieben zurück, Mieze des Kindes wegen und der bequeme Herr Vogler offiziell Miezes wegen. „Et schickt sich nich,'ne junge Frau so janz alleene zu lassen I"---- Viel zum Mitspielen gab es aber unten nicht mehr, die Pfänder wurden schon eingelöst. Fräulein Piele ärgerte sich: Herr Bliesener war schon zum zweitenmale verurteilt, Elsa Vogler zu küssen, einmal hatte er auch, ob er Wollte oder nicht, Meta Zademack geküßt nnd sie hatte noch gar nichts abbekommen— warum spielte sie denn überhaupt? Etwa, damit sie vor Herrn Nitschke knieen und ihm drei Küsse auf den roten Stachelbart drücken durfte? Pfui Deibel!—„Det man bei det Auslösen ooch ja nich mogeln kann I" Endlich erbarmte sich ein guter Gott und zivar gründ- lich— Herr Wulkow wap nicht für kleine Portionen: 25 Stück er— ihr. Mit der gleichgülttgsten Miene der Welt erhob sie sich, als Herr Bliesener etwas schüchtern vor ihr stand. Herr Bliesener war sonst gewiß kein Kostverächter, aber sich vor den heimlichen Schiviegereltern herumzuküssen, fand er etwas bedenklich. „Mut fehlt den Jungen I" rief Herr Nitschke.„Hast De mir jesehn, Zademack, wie ick ranjejangen bin an Else Voglern?" „Immer rann an'n Speck!" rief auch der heimliche Schwiegervater. Fräulein Piele war beleidigt.„Na, wenn Se nich wollen I..." „Wer sagt denn det!... Aber mitzählen und nich schwesen I" Recht gewandt nahm jetzt endlich Bliesener Fräulein Piele in seine Arme, hob ihren Kops kußrecht und...„So." dachte sie— jetzt— jetzt... Bummmmm!... Brrrrrr! Das Gewitter! „O Gott, o Gott!" Fräulein Piele warf sich plötzlich mit solcher Wucht auf ihn, daß sie beide hinfielen. „O Gott, o Gott l Retten Sie mich I... Ach, lieber Herr Bliesener!... Retten Sie mich I Lieber Herr Bliesener!" Gewitter, Mäuse und Raupen war das furchtbarste, was sie kannte, danach kam erst der Tod und das Krokodil. Bummm! Brrr! Rrrrrr! Rrr! „Schnell! Schnell! Else, hast'cn Sonnenschirm?� «Nee, ick denke. Du hast'en, Mutter.. „Fräulein Piele, Fräulein Piele!" „Jajaja, Fräulein Bliesener, ja— ja?..." „Nehmen Se doch den Oberrock über'n Kopp l" „Mein neuer Strohhut, der is nu doch hin I" „Et rejnet doch noch janich l" „Aber wa kommen doch nich mehr trocken ins Lokal I... Sie mit Ihren dämlichen Ort for'n Mittagsschlaf I" „Sie haben sich ooch nich schlecht blamiert, Sie oller Droschkenkutscher!" „Donnerwetter auch l Der vcrdainmtijte Sumpf l Wir müssen drann langloofen, et is zwar en kleener Umweg, aber..." „Wo is denn mein Mann?... Bleiben Se doch en bisken stehn I... Herrjott, Vater is ja nich bei l... Else, hast Du'en nich jesehn?... Watten Se doch!" «Jetzt jicbst'en mir, Mieze, bei die Dunkelheit stolperst De womöglich." Brrrr— Bummm! „Ach lieber Herr Blieseneri" „Jetzt fängt's an, ick Hab' schon'» dicken Troppen� »Ja. wahrhaftig l" „Ernst, zieh Dir de Jacke an, det leid ick nich I Du bist so jeschwitzt, un det kommt noch lange nich bei's And durch I" „Zu doof, det ick mein'n Rejenschirm in'n Kremser jelassen habe l... Wer't Ihr mal da unter'n Baum wej, Bengels I Da schläft et zuerst ein!" „Un wenn schon! Denn hat man det ooch mal mit- femacht l.." „Hier!... mitjekommen l" „Wa loofen ja immer tiefer in'n Wald rein, wa müßten doch schon lange det Haus sehn!... Nu Hab' ick richtig meinen Kragen liefen lassen I"— „Da hinten is de Chassee!" „Na, denn sind wa doch falsch! Ick loofe hier rechts ruber!"— Bumm! Bumm l Vrrrrrr! Bumm l „Hilfe! Hilfe!" „Wat is Ihnen denn?... Se können doch hier nich zum Aufweichen liefen bleiben!... Da is ja't Lokall" „Wo denn, wo?" „Da hinter uns, wa sind schon vorüberjeloofen." „Det lieft aber ooch so versteckt, sowat Unpraktischet..." „Det heeßt: Nu hört's uff zu rejnen— nu fießt et!" „Na Hab' ick Ihnen nich jut jeführt?" „Sein Sie man janz stille, Bliesener!" »Die Hauptsache is, det wa da sind!... Aber hier ruber! Hier! Hier in den kleenen Sommersaal! In den Tanzsaal is ja keen Plätzchen mehr!" „Na, Jott sei Dank!" (Fortsetzung folgt.) vir bedenken, wie wesentlich die Er- forschnng anderer Erdräume von der gleichen kontinentalen Größe die wissenschaftlichen Vorstellungen in jeder Beziehung gestaltet und umgestaltet hat, dann werden wir ennesscn können, welcher Gelvinn von der Erforschung des Südpolargebietcs zu erwarten ist. Wir wissen heute noch nicht, ob dort vielleicht ein noch«nentdeckter Kontinent existiert, oder ob nur einzelne Inselgruppen das Eisineec erfüllen. Wir kennen auch nicht die ganze Fülle von physikalischen und biologischen Erscheinungen, die Erdräumcn von solcher Größe eigen sind und deren Aehnlichkeiten oder Abweichungen von den Thatsachen anderer Gebiete notwendig erforscht werden müssen, wenn nicht große Lücken in der Kenntnis des Erdballs bestehen bleiben sollen. Alle Wissenszweige sind an der Erforschung dcS Südpolar- gebietes interessiert, und es würde zu weit führen, wenn ich hier die Aufgaben, die der Lösung harren, aufzählen wollte. In der Wissenschaft des Erdmagnetismus sowohl, wie in der Meteorologie und Meereskunde, in der Zoologie in gleicher Weise ivie in der Botanik liegen im Südpolargebiet fundamentale Probleme vor, die bis heute höchstens gestreift, nienwlS näher verfolgt sind. Schwer- kraftmcssnngen in höheren südlichen Breiten brauchen ivir für die bessere Erkenntnis der Erdgestalt, Forschungen über die dortigen Eisverhältuisse zum näheren Verständnis der geologisch so wichtigen Eiszeit, die in der Vorzeit weite Gebiete auch der gemäßigte» Breiten überzog. Vor allem aber brauchen wir die geographische Feststellung der Verteilung von Wasser und Land, Forschungen über die Aus- dehnung des etwa dort noch vorhandenen Kontinents, da hierauf alle Einzelnheiten beruhen. Die große Aufgabe erfordert große Mittel. Es wäre jedoch fehlerhaft, zu behaupten, daß diese lediglich auf ideale Ziele gewandt sind. Mit den wissenschaftlichen Arbeiten sind auch praktische Ziele untrennbar verbunden. Die erdmagnetische» Forschungen werden die für die praktische Schiffahrt wichtigen magnetischen Karten verbessern, die oceanographischen und meteoro- logischen Arbeiten die Gesetze und die Verbreitung der Strömnngen und der Winde auch jenseits der Gebiete des Eises erschließen, wo sie für viel befahrene Wasserstraßen bestimmend sind; die biologischen Untersuchungen endlich können neue Fanggründe eröffnen, die für den ausgebeuteten Fang an Thranticrcn in den nordpolaren Ge- wässern einen Ersatz zu bieten vermögen. Vor allem aber handelt es sich darum, die größte nautische Aufgabe zu lösen, die die Erde heute stellt, weil es andere unbefahrene Meeresrnuine von der gleichen Größe nicht mehr giebt und vor allem keinen, der an das Können der Seeleute ähnlich hohe Anforderungen stellt.— Kleines Feuillekon» — Ein Lchrerlebe». Mau schreibt der„Franks. Ztg.' aus Innsbruck: Zu Rössen bei Knfstei» Ivnrde der Lchrcrveteran Johann Schwaighofcr, ein Originalmcusch, beerdigt. Er war 1817 geboren und durch b? Jahre als Lehrer und Organist in verschiedenen Orten Nordtirols, zuletzt durch 32 Jahre in Kossen thälig, bis er 1894 pensioniert wurde. Infolge des kargen Gehalts, den er in de» erste» Jahren bezog, mußte er sich ans Nebenbeschäftigungen verlegen und so suchte er sich neben der Lehrthätigkcit als Taglvhner, Holztrifter, Steinmetz, Kunsttischler, Maler, Dach- decker, Hirt und dergleichen Erwerb. Später verlegte er sich auf die Herstellung physikalischer und uaturtvissenschaftlicher Apparate, worin er Großartiges leistete. Bei der Weltausstellung in Wien erhielt er hierjür auch eine Auszeichnung. Schwaighofer stand mit hervorragenden Gelehrten, Dichtern und Malern im Verkehr. Er war freisinnig und geistig frisch bis zum Tode. Originell wie der Mensch ist auch seine Grabschrist, die er selbst bestimmte, und die lautet: Hier ruht Johann Schwaighofer, Lehrer, geboren 1817 zu Rettenschöß, gestorben 1899 zu Kossen. Die Erde sei ihm leicht, Wie sein Gehalt.— c. Eine Jndianer-Pnppcnsaminlnng, die sich im Besitze der Amerikanerin Frau A. L. Dickermann befindet, wird im„Globus' in einige» charakteristischen Beispielen vorgeführt. Zu allen Zeiten und bei allen Völkern haben die Kinder mit Puppen gespielt; sie haben sich überall ihre Puppen selbst geschaffen, oft in den primitivsten Formen. Steffens weist aber in den Erläuterungen zu den Ab- bildungcn darauf hin, daß auch die Frauen verschiedener Völker mit den Puppen wie mit lebenden Wesen umgehen. Jndianermüttcr füllen die Wiege des verstorbenen Kindes mit Federn in Forin des- selben, führen diesen Ersatz stets mit sich herum, plaudern mit ihm und behandeln ihn wie ihr Kind. Ost geschieht dies ein Jahr lang. Die betrübte Mutter wird dabei von der animisttschen Idee geleitet, das verstorbene Kind sei noch zu klein, um seinen Weg zum Paradiese z» finden und durch das fleißige Nmhcrschleppcn könne sie der Seele ivcitcr helfen; sie trägt daher die Nachbildung so lange, bis sie den Geist des kleinen Wesens genügend gcivachscn glaubt, um sich selbst im Jcuseits fortzuhelfen. Wie die Abbildungen zeigen, verstehen die Indianer recht gut, die menschliche Gestalt in Puppen» form nachzuahmen. Der Körcher der Puppen wird aus Thon oder aus ausgestopftem Leder hergestellt. In der Regel sind die Figuren reich bekleidet. Eine Puppe von den Odjibiva am Oberen See trägt ein Lcderkleid mit Perlenschnmck und Fransen, das durch einen Gürtel zllsanunengefaßt Ivird. Auch Mokassins und Leggins(Schuhe und Beinkleider) trägt diese Puppe, und lange Zöpfe ans Pferde- haar fallen von dem nur roh geformte» Kopf herab. Das Kind, das sie ursprünglich besaß, wollte sich durchaus nicht von seiner Puppe trennen; nur gegen eine hohe Summe war sie von der Mutter zu erhalten. Drollig ist ein Pnppcn-Ehcpaar ans Thon von den Zuni-Jndianern. Bis in die kleinste Einzelheit ist die Tracht, wie sie heute bei diesen Pucblo-Jndiancrn gebräuchlich ist, nachgeahmt. Das Gesicht ist stärker durchgebildet, mit großen, sonder- bar nach oben starrenden Augen, einem etwas geöffneten Mund und kräftig markierten Nasenlöchern; das Haar ist aus Roßhaar gebildet. Bei einer anderen Puppe desselben Stammes, aus ausgestopftem Leder, sind Augen, Nase und Mund durch bunte eingesetzte Perlen hergestellt. Auch eine Puppe der Apachen ist gleichfanr ein Modell der Apachefrauen. Sic hat silberne Ohr- ringe, und der Kopf ist mit echtem Menschcnhaar geschmückt. Das lange Kleid ist ans gegerbtem Hirschleder und wird durch einen Perkengürtel ziisanrmengehalten. Wie bei uns. io müssen auch bei den Jndiancrkindcrn die Puppen ihre Wiege haben; für diese sind die wirklichen Kinderwiegcn die Modelle. Bei den Flathead- Jndiancnr ist es z. V. ein genau entsprechender Apparat, in den die Puppe hineingeschnürt wird, es fehlt nur das Brett, das die Flathead ihren ftilidern vor die Stirn schnüren, um die bekannte Bcrunstalttmg des Kopfes hervorzurufen. Bei den Apachen besteht die Puppenlviege wie die große aus einem einzigen, zu einer länglichen ovalen Form gebogenem Zweige, der mit Hirschleder überzogen, bemalt und mit Perlen ge- schmückt ist. Ebenso erhalten auch die Jndianermädchcn eine voll- ständige Ausstattung für ihre Puppen an Geräten und KlcidungS- stücken. Ein Pnppeuhandtäschchen der Nez-perces, das in Montana erworben wurde, ist sauber aus Hirschhaut gemacht und mit zwel Hirschklauen und Perlschnüren geschmückt. Von demselben Stamme ist ein Puppenhemd aus Hirschhaut zu sehen, das auf den Schultern und am Kopfschlitz mit bunter Stickerei geschmückt ist. Diese ge- stickten Streifen sind indessen aufgesetzt und nicht direkt in die Hirsch- haut eingestickt. Die Indianer haben aber diese Puppen nicht etwa denen der Europäer nachgebildet; vielmehr wurden schon von den ersten Entdeckern derlei Puppen gefunden.— Litterarisches« ckg. Das er sie Berliner Somn,er-Theater wurde im Jahre 1783 und zwar von keinem geringeren, als dem alten Döbbelin begründet. Die„gähnende Leere', welche die schöne Jahrcshecke in dem kleinen Spielhaus des Direktors hervorrief, zwang diesen eigentlichen Begriinder der Berliner Schauspielkunst nach einem Ersatz für seineu mageren Geldbeutel auszuschauen. In der „Berlinischen Korrespondenz" jenes Jahres heißt es:„Die Kunst geht nach Brot— Döbbelin folgte mit der seinigen dem Publikum und er« öffnete ein Sonuner-Theater im gräflich Reußischen Garten, wo der Zusammenfluß der schönen und glänzenden Welt von Berlin sich hingezogen hatte. Man speist an heißen Tagen unter Zelten, und es hat gewiß sein Angenehmes, unter einem großen und geräumigen Zelte, dessen Seitenwände zum Teil grüne Hecken sind, einem Schau- spiel zuzusehen. Der Mangel der Erleuchtung ist mit dem schönen Mangel des garstigen Lampendampfs verknüpft und wird durch den Genuß der frischen Luft ersetzt oder überwoge».' Die erste Vor- stellung wurde durch einen Prolog eröffnet, den„Mademoiselle Döbbelin' sprach und der mit folgenden Worten begann: Willkommen im Grünen, Ihr Damen und Herrn So zahlreich als möglich!— Wir sehen es gern! Und laden Euch alle feierlichst ein, Den neuen Tempel einzuweihn. Hier sei, von Euch beschützt, mit Sorgen unbekaun? Thaliens Sommcrvaterland. Die bewegliche Schlußbitte der Dichttmg: --- Um aller Musen Willen. Besucht ThalienS Hain, verlaßt uns, Gönner, nicht! fand bei den Berlinern leider keine Gegenliebe. Der Berichterstatter der„Berlinischen Korresp." klagt im weiteren: „Wenn ich den Künstler so arbeiten und kämpfen sehe,— dann dauert er mich, und er dauert mich doppelt, wenn bey aller Mühe und Kosten ihm nicht eine aufmunternde zahlreiche Menge von Zuschauern lacht,— wenn selbst der regnende Himmel ihm nicht lacht, Ivenn rings um der offnen Bühne her sich die geitzige Begierde drängt, um unbezahlt die herrliche Stimme der Niklas zu hören, und ein schmutziger Mund sich öfnet, um drüber zu triumphieren, daß mair umsonst draußen hören kann, was— dem Unternehmer soviel Geld kostet.' Regen und Zaungäste, die Feinde so nianchcn modernen Unternehmens, sollten denn auch wirklich der Tod des ersten Berliner Sommer-Theatcrs sein. Statt der erhofften Einnahme fand Döbbelin nur Acrgcr und Unkosten darin.— Musik. Seit Ende de? vorigen Jahrhunderts ist der ganzen mustk- siebenden und tanzlustigen Welt ein Besitztum eigen, wie es nicht viele wieder giebt: der Walzer. Seine Vorgeschichte führt zurück einerseits auf Tanzlieder, andererseits ans den echt deutschen, specicll süddeutschen„Ländler"(dreigliedrig wie jener, aber gemächlicheren Charakters), vielleicht auch auf den„Springtanz' der Minnesinger. Sein erstes bestimmteres Auftreten mag ins Jahr 1787 fallen, als in der Oper„Una cosa rara* von Martini ein derartiger Tanz er- folgreich auf der Bühne erschien. Seine jetzige Form, der Wiener Schnellwalzcr, dürfte auf Weber?„Anffordernng zum Tanz' vom Jahr 1829 zurückgehen. Auch andere unserer musikalischen Klassiker pflegten ihn als Kunstfornr, zumal Schubert. Schon aber hatte Joseph Lanner(1891—1843) die Forni ergriffen und sie als der erste in einer Reihe wohlbekannter Komponisten zu einem volkstümlichen Gut von so künstlerischer Höhe ausgebildet, daß Feinschmecker in diesen Dingen alles ihm folgende nur als ein allmähliches Verlassen jener Höhe betrachten. Von' ihm ging— anderer. z.B. des biederen I. Haag, nicht zu vergessen— der ältere Johann Strauß(1894 bis 1849) aus, der Stammvater der berühmten Familie. Von dessen drei Söhnen starb zuerst der, mit dem Kenner die allergrößten Hoffnungen ins Grab getragen sahen, Joseph; der Sohn Johann, der eben Verstorbene, wurde der hauptsächliche Träger des Familien- ruhmes; nun lebt noch der dritte der Brüder, Eduard. Und „so lang der schöne Edi Strauß noch Walzer geigncn geht', ist auch für die stets neue Bekanntschaft des weitesten Publikums mit Stranßschen und ähnlichen Weisen keine Gefahr. Seit Jahrzehnten bieten in Wien seine„Promenade- Konzerte' ein beliebtes Mittelding ztvischen Knust und Unterhaltung und führen teils klassische oder halbklassische Stückchen, teils die Tänze des berühmten Bruders, teils die blasseren ihres eigenen Dirigenten vor. Nim ist Eduard Strauß auf den Neffen mit seiner Kapelle wieder in Berlin eingekehrt und reißt mit dem gut gelagerten Re- pertoire das Publikum zur Anerkennung einer Kunst hin, vor der jetzt, zugleich niit den Gerüchten über den Tod der Wiener Operette, kaum zu hoffen ist, daß auch nur Epigonen sie lange weiterführen können. Zur Kritik fordert da schwerlich etwas heraus; wie die Bewegungen des bald niit dem Stab, bald mit dem Geigenbogen dirigierenden und bald wieder selbst mitspielenden»Hof-BaU*. nUlstkdirektors" alles Eckige vernieiden, so ist auch sein musikalisches Wirken darauf angelegt, nirgends anzustoszen: es ist zu tocrtuoll,»uu reine Unterhaltung, zu wertlos, um volle Kunst zu sciir Den letzten Ausläufern einer der herrlichsten Tradittonen unserer Musikgeschichte sei aber ihr Erfolg jedenfalls gegönnt.— Der Montagabend, der mich zu ihnen führte, war derselbe, für den unsere alte Oper die seit drei Vierteljahren fort und fort an- gekündigte Neueinstudierung der sunt Unrecht selten gehörten) „Euryaiithe" von Weber endlich und füglich aufs Repertoire gesetzt hatte. Ich war fünf Tage vorher, an die Schwierigkeit des Villet- kaufes längst gewöhnt, nnt Eifer zur kurz geöffneten Vormittagskasse geeilt und glücklich in den Besitz eines leidlichen Billets gelangt. Sonntag früh Absage I Auch das noch geduldig hingenommen— man mutz ja mit der„Königlichen" Nachsicht haben, wenn die Arme es selber so schwer hat. Auf dem Weg zum Friedrichshain stieg mir jedoch die bange Erinnerung an mein Billet auf. Also seitab zur Oper,»im zu erfahren, datz niein armes Billet für die auf Sonnabend verschobene„Euryanthe" nicht gelte, wohl aber heute abends zurückgenommen werde. Nun hietz es: warten bis W Uhr 1 Dann„Anstellen" im Freien l Nach Ve? Uhr zur Kasse — Geld zurück— und ein Billet für Sonnabend??„Ja da müssen Sie morgen vormittags kommen I"„Auch kein Reservieren jetzt mög- lich?"„Bedaure I" Also kann morgen vormittag die Hetze von neuem beginnen. Der Leiwng unserer„Königlichen" aber sei gesagt: Wenn sie schon nicht die Rücksicht hat, dem im Berufsdienst arbeitenden Vertreter der Presse die ihm gebührenden Erleichterungen im Beziehen seines bar und mit Borkaufkosten zu bezahlenden Billets zu gewähre»: und wenn sie sich nicht scheut, in ihren Verschiebungen ihre artistische Ohnmacht vor die Oeffentlichkeit zu trage», so sollte sie doch dem gesamten Publikum gegenüber so viel Takt und Ehrgeiz haben, die Abgabe der Karten derart einzurichten, datz es nicht erst durch komplizierte Reisen und Zerreitzungen seiner Tagesthätigkeit sich die Anwartschast auf einen Kunsteindruck sichern— oder vielnichr bis auf weiteres vorbereiten inutz.— Astronomisches. es. Während der letzten Versanimlung der British Astronomical Association kamen einige merkwürdige astronomische Thatsachen zur Sprache. Zunächst wurde ein Schreiben des bekannten amerikanischen Astronomen Professor Pickering verlesen, das sich mit den Jupiter- Monden beschäftigte. Soviel man bisher wcitz, hat der grötzte Planet des Sonnensystems ö Begleiter, von denen der letzte be- kanntlich erst vor kurzer Zeit entdeckt worden ist. Der erste und der dritte Mond. nach ihrer Entfernung vom Hauptplaneten ge- rechnet, haben für gewöhnlich im Fernrohre wie alle anderen Himmelskörper des Planetensystems das Aussehen einer nahezu kreisrunden Scheibe, zuweilen aber nehmen fte eine eiförmige Gestalt an. Das Wunderbarste ist. datz wenistgstens bei dem ersten Jupitermonde der beschriebene Wechsel in der Gestalt mit vollkommenster Rcgclmätzigkeit eintritt. Man kann die Zeit, in der er in eine längliche Gestalt übergeht, ziemlich genau vorher berechnen. Der dritte' Jupitcnnond dagegen hat zwar auch zeitweise eine elliptische Form, jedoch in uurcgelmätzigen Zeit- abständen, autzcrdem hält der veränderte llmritz zuweilen mehrere Tage an, während der Wechsel bei dem ersten Jupitermond sehr schnell geht. Molesworth ist zu der Ueberzeugung gekommen, datz der eigen- tümliche Gcstaltwechsel bei dem ersten Jupitenuonde daher rührt, datz er am Aequator cine helle Zone und an den Polen ztvci dunkle Regionen aufweist. Wenn nun die dunkle» Flecke an den Polen gerade dem Beobachter gegenüberstehen, wird das betreffende Gebiet unsichtbar, und so sieht man den Himmelskörper in einer länglichen Form, weil eben die schwachbeleuchteten Polaraebiete für das Auge verschwinden. Da diese Erscheinung von der Umdrehung des Mondes um seine Achse abhängig ist,' so mutz sie in rcgelmntzigc» Zeitabständen eintreten. Die entsprechende Wahrnehmung bei dem dritten Jupitermonde wird in ähnlicher Weise auf das Vor- handensein dunkler Flecken zurückgeführt, die dann den Anblick «ineS ovalen statt eines kreisrunden Körpers vortäuschen, wenn sie an den Rand der Scheibe gelangen.— Noch interessanter war eine Mitteilung des Astronomen Whitmcll über die Mars- Monde. Der Mars besitzt bekanntlich zwei Trabanten, die die homerischen Namen Deimos und PhoboS erhalten haben. Wenn man sich auf den Mars versetzt denkt, so würde man den PhoboS in einer einzigen Marsnacht als Mond aufgehen, untergehen und noch einmal anfgehen sehen. Innerhalb dieser Zeit könnte ein einziger Beobachter den Mond zweimal als Vollmond und einmal als Neu- mond oder zweimal als Neumond und einmal als Vollmond er- blicken. Mondfinsternisse müssen für den Mars ganz unverhältnitz- mätzig viel häufiger sein, als es für die Erde der Fall ist. Im Ablauf eines einzigen Marstages, der die Länge von 24 Stunden 87 Minuten besitzt, können nicht weniger als drei Mondfinsternisse eintreten, die übrigens wie auf der Erde ebenfalls in die Zeit des Vollmondes fallen. Die Verfinsterungen des Phobos- Mondes, der der nähere am Planeten ist, sind so häufig, datz auf drei Vollmonde immer zwei Mondfinstennsse fallen. Während der Sonnenivcnde hat ein Teil des Planeten eine Reihe aufeinander- folgender Vollmonde, zur Zeit der Tag- und Nachtglcichcn ein anderer eine Reihe hintereinander folgender Mondfinsternisse. Uebrigens ist es nach den neuesten Untersuchungen wahrscheinlich, c- Veranlivortlicher Redacteur: August Jacobey m Berl datz gelegentlich auch für den Planeten MarS eine vollständige Sonnenfinstenns eintreten kann, was bisher als sehr fraglich galt. Die Verfinsterungen des zweiten Mondes Deimos sind entsprechend seiner grötzercn Entfernung vom Planeten weniger häufig.— Humoristisches. — A n m a tz u n g.„Herr, sind Sie satisfaktionsfähig V „Jicbt's ja jar»ich I" „Wie können Sie dann die Frechheit besitzen, mich zu ohr- feigen?"—(„Simplic.") — E r l ä h t handeln. Schmierenschauspieler sals ein Kollege von ihm die Rolle des �.Hamlet' will):„Ach, die Rolle geb' ich nicht um ein Königreich Herl" „Kriegst zwei Regensburger Würstel!" „N i m ni sie, edler F r e u n d I"— — T r o st. Ein Jrländer, der eine fröhliche Kneiperei mit- gemacht hatte, kam ziemlich angeheitert des Morgens um 3 Uhr nach Hause. Als er die Treppe hinaufkletterte, kam ihm der Doktor ent- gegen und verkündete ihm, datz er soeben Vater von Drillingen ge'ivorden sei. Der Jrländer blickte auf die Uhr, die gerade drei zeigte, kratzte sich den Kopf und sagte:„Ich bin nicht abergläubisch— aber ich bin doch froh, datz ich nicht um zwölf nach Hause ge« kommen bin.— Notizen. — In Mannheim richteten, um die Anffühnmg von Halbe? „I u g e n d" im dortigen Hoftheater zu verhindern, eine Anzahl Katholiken eine Beschwerde an das Ministerium gegen den Hoftheatcr-Jntendanten Bafsennann. Das Ministerium gab indessen einen abschlägigen Bescheid. Darauf wandten sich die Katholiken an den Erzbischof, welcher seinerseits Beschwerde bei dem Ministcrinm gegen die Aufführung von Halbes„Jugend" erhob, mit der Most- Vierung, datz das Stück eine Herablviirdigung des katho- lisch en Klerus und eiste raffinierte Vorbereitung eines Unzuchtsaktes enthalte. Das Ministerium forderte hierauf den Intendanten Bassermann zur Berichterstattung auf.— — Der Aufruf zn Sammlungen für das Leipziger Goethe« Denkmal hat bis jetzt erst 10 000 Mark gebracht, statt der erforderlichen 30 000 Mark.— — Von den unter dem Titel„Neue Kunst" vom Salon Ribera herausgegebenen zwanglose» Heften ist ein drittes Heft mit einem Aufsatz von Willy Pastor.:„Gemalte Luft' erschienen.— — Die Berliner National-Galerie, die bisher nur cine Landschaft W. Trübuers besessen, hat jetzt auch das fignr- liche Bild„Auf dem C a n a p ö" des Frankfurter KüttstlerS an- gekauft.— — Im N a ch l a tz von Johann Strautz fanden sich nach der„N. Fr. Pr." außer deni fast vollendeten ersten Att des Ballets „Aschenbrödel" eins Reihe von Walzerteilen, sowie zahlreiche Skizzen und Notizen vor, in denen der Künstler in flüchtiger Weise musikalische Gedanken notierte. Die Familie tvill einen Kom- ponisten mit der Aufgabe betrauen, diesen Nachlatz zu sichten und zusammenzustellen. Man erörtert lebhaft die Frage, wem die schwic- rige Aufgabe zufallen wird, die„Aschenbrödel"- Partitur fortzu- setzen. Für den zweiten und dritten Akt hat Strautz nur wenig zu verarbeitendes Material, unzusannnenhängende Gedanken hinter- lassen.— — Die Academie frarnjaise hat in der Sitzung unter dem Vor- sitze Brunetiöres den Preis Gobert ini Betrage von 10 000 Fr., der für die glänzendste stilistische Leistung auf dem Gebiete der ftanzösischcn Geschichtsschreibung bestimmt war, zn neun Zehnteln an B a u d r i I l a r d verliehen; der Rest kam an L e h a u c o u r t.— — In Toledo soll ein Mannskript von Tacitus„Agri- c o I a" aufgefunden worden sein. Der Bischof von Toledo v e r- weigert aber selbst die B e s i ch t i g u n g des alten Manuskripts mit der Begründung, datz irgend welche Veröffentlichung aus dem Inhalt des Textes den Wert der Entdeckung schmäler» würde.— —.Der Astronom an der llrania-Sternwarte in Berlin, Gustav Witt, hat in der Nacht zum 9. Juni im Schlangenträgcr abermals einen neuen Planetoiden auf photographischem Wege entdeckt s18S9, KL), der nahezu S. Grötzc hat, also Heller ist, als die in der letzten Zeit entdeckten kleinen Planeten.— — Die Chinesen haben ein eigenartiges Mittel erfunden, um die Brieftauben gegen die' Raubvögel zu schützen. Dieses Mittel besteht m einer sehr leichten Pfeife, die anS BambuSrinde gefertigt und anf dem Rücken der Taube befestigt wird. Bei dem Fluge ist diese Pfeife im Gange und setzt die Sperber, Hühnergeier und andere Raubvögel in Schrecken.— — llntcr der kleinen Bergstadt Eleveth im Minendistrikte von Messaba(Minnesota) hat man, wie der„Prometheus" berichtet, ein reiches Eisenerzlager entdeckt, dessen Ausbeutung nur durch eine Fortschaffung der Stadt möglich werde» kaim. Ilm die Grund« und Hausbesitzer zum Umzug zu veranlasse», hat man in einiger Entfernung von der heutigen' Stadt eine neue Stadt Eleveth mit gepflasterten Straßen und Troltoirs angelegt, und es hat sich cine Häuscr-Transport-Gesellschaft gebildet, um auf Kosten der Bergwerks« gesellschaft die Wohnhäuser in die neue Stadt zu führen. Der Um« z u g der Stadt hat bereits begonnen.— x. Druck uud Verlag von Max Babing m Berlin.