Hlnterhaltungsblatl des Horwärls Nr. 117. Scmiltiig. den 18. Juni 1899 (Nachdruck verboten.) Es lebe die MunPH 1) Roman von C. V i e b i g. Erstes Buch. I. In der Alscnstraße hielt eine Reihe von Droschken unter den bmnnen knospenden Bäumen. Nur Taxameter und Droschken erster Klasse; in dies Viertel Berlins verliert sich nicht so leicht ein runipliger Kasten zweiter Güte. Vom Tiergarten herüber wehte eine angenehme laue Luft mit leisem Frühlingsmahnen. Oben in der ersten Etage des eleganten Eckhauses waren die Fenster erleuchtet; dreizehn in der Front. In Pausen von halben Stunden reckte sich einer der verschlafenen Kutscher ans seinem Bock, dehnte die steifen Glieder, gähnte und deutete .hinauf nach den hellen Fenstern— das konnte noch lange dauern, erst zwölfe! Die amüsierten sich noch I In der großen, comfortablen Wohnung des Bankier Mann- Hardt Ivogte die Gesellschaft; fast hundert Personen, Elite des Geistes l Das Souper war ausgezeichnet gewesen und soeben bc- endet. Man wandelte durch die Räume. Wie die Wohnung eingerichtet>var, herrlich! Das heißt kein übertriebener Luxus, nirgendwo ein Hauch von Protzentum. Alles fein, diskret, sanfte Farben in harmonischer Abtönung; ein gediegener, vornehmer Geschmack. Möbel ans allen Zeiten. Boule- Schränkchen, Rokoko-SofaS, Reiiaissance-Stühle; aber jedes am richtigen Platz, von einer graziösen Laune zusammen- gestellt. Da war ein lauschiges Eckchen hinter der niit künstlich verschossenem Damast bekleideten spanischen Wand; Blumen dufteten in der venetianischen Schale, und eine geschickte Kopie nach irgend einem alten Meister schaute darauf nieder— der Lieblingsplatz der Hausfrau. Da saß sie gern, stützte das dunkellockige Köpfchen mit den klugen Augen in die kleine Hand und spann feine Fäden. lleberall Büsten und Statuetten. Verschiedene moderne Meister— sie waren Hausfreunde— hatten den Hansherrn verewigt. Hier auf einem Gemälde, am Klavier, die Augen weit aufgeschlagen, mit einem geistvollen Ausdruck in die Ferne gerichtet. Dort in Gips, ein Buch in der ausdrucksvoll modellierten Hand; � diese Büste sollte in Marmor ausgeführt werden. Geschmackvoll reihten sich so moderne Werke denen früherer Jahrhunderte an. Bankier Mannhardt war in allen Künsten zu Hanse und ein Protektor aller Künstler. Seine Bibliothek enthielt sowohl gelehrte Folianten, als jede Neuerscheinung auf dem Gebiete der schönen Literatur, Biographien, Memoiren, Notenstöße, Prachkwerke, Anwgraphen von Musikern, Denkern und Dichtern; die wertvollsten Stücke davon unter Glas in geschmackvollen Rahmen. Er selbst leistete Bedeutendes am Klavier, aber er verschmähte es nicht, bei einer der pianistischen Größen der Residenz noch weiter zu studieren. 'Die Börse betrieb er nur so nebenbei; in offenherzigen Stunden gestand er es, er hätte eigentlich seinen Beruf verfehlt — Künstler. Künstler, das lvar's! Er war sich nur noch nicht klar geworden, zu welcher Kunst ihn seine Begabung am gc- bieterischsten drängte. Frau Leonore Mannhardt war die einzige Tochter eines reichen Handelshauses; sie hatte ihren Mann aus Liebe ge- heiratet. Als kleiner Kommis, ans irgend einem Winkel Poscns gebürtig, war er nach Berlin gekommen; sie hatte ihm die Stellung gemacht. Galante Zungen nannten sie eine zweite Rahel, eine Henriette Herz. Heute excellicrte Frau Leonore am Klavier; ihr Mann hielt in Gesellschaft stets mit seinen persönlichen Leistungen zurück. Sie sang ein kleines Liedchen, das ihr Gatte, Gott weiß wo, ausgegraben hatte; sie sang es mit angenehmem Stimmchen und feiner Pointierung, begleitete sich selbst, und zwar stehend, die wenigen Accorde lässig auf dem Klavier an- schlagend, das Gesicht mit liebenswürdigem Ausdruck ihren Gästen zugekehrt. Der Beifall ivar rasend. Sie lächelte und deutete auf ihren Gatten, der mit gekreuzten Armen an» anderen Ende des Flügels lehnte. „O bitte, nicht ich— dort steht er l O nein, ihm, ihm gebührt das Verdienst!" „Nein, nein, Lorle l" lehnte er lebhaft ab.„Ich bitte Dich, ich habe durchaus kein Verdienst hierbei!" Er warf ihr eine Kußhand zu.„Dir allein gebührt es I" „Ihnen beiden!"„Allen beiden!" Der Enthusiasmus steigerte sich. Man überschüttete das Ehepaar mit Kompli- menten:„Herrlich, reizend, entzückend, einzig in feiner Art! Dies geniale Znsammenwirken von Mann und Frau l Mehr, bitte mehr l" Man umringte den Flügel. Diener mit Kaffee, Bier und Likören konnten sich kaum durchdrängen. „Bitte, bitte!" Die Damen falteten anmutig die Hände. „Es sind ja so viele bedeutende Künstler hier!" Die Augen der Hausfrau streiften durchs Zimmer, sie neigte sich verbindlich—„so viele Größen! Ich muß mich verstecken!? Aber nun! Ein wahrer Tumult brach los. Allgemeiner Sturm auf den Flügel. „Laß Dich ertveichen, Lorle 1" rief Mannhardt.„Bitte, meine Freunde, einen Augenblick!". Er stürzte ins Neben- zimmer; eine Mandoline am himmelblauen Bande schwingend, kehrte er zurück.„Hier, nicin Kind, nun thu's mir zu Liebe!" Er führte zärtlich ihre Hand an die Lippen:„Singe, singe!" „Wie originell! Pst!" Man war ganz Ohr. Und nun klimprige Mandolinenklänge. Mit einer ge- wandten Bewegung hatte Frau Leonore das himmelblaue Band um den Nacken geworfen; den dunkellockigcn Kopf nach links geneigt, den Oberkörper leicht zurückgcbogen, lehnte sie in ihrem schlichten weißen Kleide auf einem Taburett. „Mignon!" sagte jemand. Sie klimperte und sprach halb, sang halb dazu; getreu nach berühmtem Muster. Es war die betrübende Geschichte vom Mutterherzen, das der entmenschte Sohn herausreißt imd der entmenschten Geliebten bringt. Im raschen Lauf kommt er zu Fall. „Hast Du Dir weh' gethan, mein Kind? I" stöhnt noch das zuckende Muttcrherz— Klänge von unbeschreiblicher. rührender Besorgnis, letztes, halb gcächztes Stammeln einer übermenschlichen Liebe. Frau Leonore trug geschmackvoll vor, man glaubte, den letzten Zuckungen des Mutterherzens beizuwohnen; es ging einem bis an die Nieren. Die Damen»vischten sich die Thränen ab, die Männer schauten gedankenvoll vor sich nieder. Mannhardt geleitete die Gattin zärtlich besorgt zum Divan, sie war selbst sehr ergriffen. Die Diener präsentierten neu besetzte Tabletts. Man trank Champagner, man stieß an: „ES lebe die Knust I Hoch I Hoch unsere Wirte!" Ruhig blickte über'm Flügel Meister Sebastian Bach unter seiner Allongeperrückc, ihn ging das nicht an. Seine Büste stand der neuesten des Hausherrn gegenüber. Frau Leonore hatte darauf.' bestanden, diese müßte ins Musik* zimmer; trotzdem der Hausherr lebhaft protestierte, wurde sie mit Hilfe einiger Freunde dort aufgestellt. Die weißen Gips- gesichter sahen einander voll an. Es ivar ein animierter Abend; das Programm wechselte. Eine große Sängerin, der Stern des Opernhauses, sang; man öffnete die Fenster, der Musiksaal war zu eng für dieses mächtige Organ. linken ivachten die Droschkenkutscher auf:„Alle Achtung, zetert die!" Sie lauschten. Dann deklamierte zur Abwechselung eine junge, talent- volle Schauspielerin. Fräulein Silvia Maschka gehörte der neuen Schule an; von Pathos keine Spur, sie ivar ganz Natur. Sie hatte Gedichte eines jungen Lyrikers zum Vortrag gewühlt. Er war unbekannt, sie protegierte ihn; sie sprach rasch, sehr rasch, kein Mensch verstand ein Wort. Wozu auch? Aber man applaudierte ihr, man sagte:„Bravo!" Sie sah so allerliebst aus. iuit ihrem lebhaften Mienenspiel und den erhöhten Farben. Auf dem Lieblingsplatze der Hausfrau, hinter der spanischen Wand, hatten sich die Schriftsteller zusammengesunden; sie kamen heute nicht genügend zur Geltung, aber: nobless« oblige, man drängte sich nicht vor. Auf dem kleinen Eckdivan hatten drei Damen Platz ge- nommen; ein Herr mit Nußknackerzähnen und Ansatz von Embonpoint machte ihnen mit seltener Unparteilichkeit den Hof. Es war Balten, der Chefredacteur eines sehr gangbaren Unter- Haltungsblattes; diese drei waren die Sterne seines Journals. Drei große Talente auf einem Sofa! Links, Alinde Rosen, beherrschte den Salon; entzückende graziöse Plaudereien entstammten ihrer Feder, sie traf den Ton der guten Gesellschaft wie kein anderer Autor; ihr Stil blühte in sonniger Schönheit, die Helden waren unglaublich männlich, die Heldinnen unheimlich schön, Verlobung und Hochzeit die Hauptthemata. Jedes Werk ihrer Feder setzte die liebenswürdigen Leserinnen in Brand. Alinde Rosen war befreundet mit Frau Mia Widmann, der reizenden Blondine in der Mitte, deren Füßchen kaum den Boden erreichten Diese kleine Frau war eine energische Vorkänipferin der Frauenemanzipation. Mit niännlichcr Kraft zog sie in's Feld.„Ich schreibe unter M. Widmann. Sollte mich einer noch nicht kennen, hält er mich für einen Mann," sagte sie mit Stolz. Dies Madonnenköpfchen schwärmte für „freie Liebe", trotz Mann und drei Kindern. Heute war sie sehr erregt. Sie sprach nrit ihrer Nachbarin in der rechten Sofaccke, der schönen Frau von Lindenhayn. „Ist es nicht unerhört? Da verurteilen sie das arme Weib, weil es den Mann, der es verraten hat, niederschießt! Traurige, strafbare Ungerechtigkeit! Wir dürfen es uns nicht gefallen lassen Sie warf das Madonncnköpfchen hinten- über, daß die kunstvoll gedrehten Löckchcn auf der faltcnlosen Stirn wippten.„Wir Schriftstellerinnen sind zn Führerinnen, zu Verteidigerinnen der unterdrückten Frauenwelt bestimmt I Wie ist cS, Liebste, wollen wir nicht einen Verein gründen zur .Wahrung der geistigen und körperlichen Interessen der Frau'? Wir könnten doch vorderhand schon immer die Woche einmal zu- sammenkommen und beraten. Und denken Sie, welche interessanten Stoffe lassen sich finden, wenn man hinabsteigt ins intime Leben der Frau! Doktorchen I"... sie streckte die Hand nach Volten aus...„Sie werden Schriftführer. Einen Mann müssen wir haben!" „Natürlich!" Der Redacteur küßte das ausgestreckte Händchen; er hatte keine Ahnung, von was die Rede war. „Ich bin dabei! Alle drei Damen mit von der Partie?" Er sah sie schmunzelnd der Reihe nach an— alle drei nicht zu verachten! Frau von Lindenhayn war eine bewunderungs- würdige Schönheit, die kleine Widmann pikant. Alinde Rosen hatte noch schöne Reste. „Von was ist denn die Rede?" fragte Alinde gerade jetzt. Sie hatte bis dahin mit einen: blutjungen Bürschchen in Einjährigen-Uniform kokettiert; sie studierte das Militär. „Von was wird denn gesprochen?" „Wir wollen uns der leidenden Frauenwelt erbarmen," antwortete ernst die Widmann.„Wir müssen helfen!" „Pst! Pst!" In der Thür des Musikzimniers stand die Hausfrau. Fräulein Maschka hatte eben das Hcxcnlied von Wildenbruch, eine Meisterleistung sinnberwirrcnder Schnelligkeit, beendet; Beifallstürmc brausten, ein Orkan der Begeisterung für Dichter und Jnterpretin. Frau Leonore bat um Gehör. „Himmel, schon wieder eine Rede? Sie hat ja bei Tisch erst geredet!" flüsterte die Widmann. Volten nickte geheimnisvoll:„Sie schreibt such!" „Verzeihen Sie, wenn ich noch uni eine halbe Stunde Gehör bitte," sprach die Dame des Hauses. „Halbe Stunde—? l" Eine merkliche Unruhe flog durch die Fcsträume. „Hier"— die Gastgeberin zog mit liebenswürdigem Lächeln ein junges Mädchen vor, das bescheiden hinter ihr gestanden hatte—„hier Fräulein Elisabeth Reinharz soll uns eine ihrer kleinen Novellen vorlesen. Urteilen Sie selbst!" „Was— wer? Vorlesen? I" Man wurde aufmerksam, „Wieder eine Dilettantin niehr!" seufzte Frau Widmann. „Ganz angenehmes, aber unbedeutendes Gesicht!" Die schöne Lindenhayn hielt sich die Lorgnette vor die Augen. Alinde Rosen war gutmüttg:„Sie ängstigt sich I" „Passen Sie auf, Doktor",' neckten die drei,„nun be- kommen Sie was zu drucken, Frau Mannhardt protegiert wieder!" „Ich lasse mich nicht bestimmen," sagte Balten würdevoll, „ich bin auch gar nicht begierig." Sie standen aber doch alle auf und näherten sich der Thür des Musiksaales(Fortsetzung folgt.) SonHkngsplmtVvve*. Der Mangel an Bewußtsein hat, wenn man unseren Richtern und Staatsanwälten glauben darf, bereits epidemischen Charakter angenommen. Der größeren Intensität der Krankheit entsprechend sind die eigentlichen Leidenden nicht mehr diejenigen Personen, die von diesem interessanten Hebel befallen werden, sondern ihre Um- gebung, auf die sich die bewußtlosen Handlungen der Kranken be- ziehen. Der letzte, einer größeren Oeffentlichkcit bekannt gewordene Fall hat einigen Darmstädter Kaufleuten ihr Geld gekostet. Der Landgerichts- Direktor dieser Stadt, Herr Kiichler, leidet an perio- bischer Bewußtlosigkeit. Wenn er volles, subjektives Bewußtsein hat, befaßt er sich mit Gelddarlehen, die er guten Bekannten giebt; wenn er sich dafür Sicherstellungcn auf Kosten fremder Gläubiger geben läßt, so ist ihm das subjektive Bewußtsein abhanden ge- kommen. Die Staatsanwaltschaft hat deshalb nur gegen seinen allzu liebenswürdigen Schuldner die Anklage erhoben, gegen den Herrn Laudgerichtsdirektor aber nicht, tvcil sie— nach Meldungen der Blätter— annimmt, daß ihm das subjektive Bewußtsein von der Zahlungsunfähigkeit seines Schuldners gefehlt habe. So bedauerlich das Umsichgreifen psychischer Krankheiten ist, so sehr muß man sich über den psychologischen Scharfblick unserer Staatsanwälte freuen. Bleiben unsere Gerichte konsequent auf diesen: Standpunkt, so hoffen wir zuversichtlich, daß sich auch bei angeklagten Socialdemokraten die Spuren dieser merkwürdigen Krankheit werden nachweise,: lassen. Leider scheint man aber von der geistigen Kraft unserer Genossen eine so ausnehmend gute Meinung zu haben, daß man ihnen schon das Gedankenlesen zutraut. Bor zwei Tagen ist Genosse Qnarck das Opfer seines guten Rufes geworden: das Gericht nahm offenbar an, er hätte wissen müssen und habe gewußt, das sich die Anschauungen des Kaisers mit denen der Thronrede deckten, und diese Anerkennung seiner spiritistischen Fähigkeiten verschaffte ihm vier Monate Gefängnis. Auch ehemalige Staatsanwälte arbeiten jetzt niit dem partiellen Mangel an Bewußtsei». Der Universttätsrichter Herr Gchciinrat Daude, ehemals Staatsanwalt, setzte in einer atavistischen Anwand» lung beim Rektor die Beschlagiiahme der„Socialistischen Monats- hefte" in der akadennschcn Lesehalle durch. Nun hielt man seiner Magnificcuz, Professor Waldeyer, vor, daß er selbst ja das Halten dieser Zeitschrift erlaubt habe. Da war guter Rat teuer; aber, wo allcS fehlt, fehlt auch wenigstens teilweise das Bewußtsein, und so war sich der Rektor wohl bewußt, die Zeitschrift erlaubt zu haben, er war sich aber nicht bewußt gewesen, daß einer seiner Vorgänger sie verboten habe:„mithin war der Augeklagte freizusprechen", wie die Formel kantet. Auf alles, was socialistisch heißt, ist übrigens der Nettor ziemlich schlecht zu sprechen; passierte ihm doch neulich das Malheur, einen Vortrag zn bewilligen, den Genosse Schippcl hielt.„Ich kann doch nicht alle Socialdcmo- kratcn kennen I" soll der Herr Professor verzweifelt ausgerufen haben, als man ihn auf den Fehltritt, den er begangen, aufnrerksam machte. Nein, wirklich nicht, Magnificenz, das kam: man nickt von Ihnen verlangen; das bringe» nicht einmal unsere Polizeibehörden zu stände. Manchmal kommen auch Fälle vor, wo die Parteien sich in die Psyche des Gerichtshofes vertiefen, besonders bei der Partei„der Bildung und des Besitzes", wie sich unser Freisinn so gern nennen läßt. Bevor die Freisinnigen einmal thaten, raten sie lieber ihr ganzes Leben lang, und bevor sie ihr Recht erkämpfen, verzichten sie lieber darauf. Bekanntlich ist Genosse Singer seiner Zeit in die Schuldcputatton gewählt worden. Der Magistrat hat sich be- wogen gefühlt, beim Kulwsministeriuin anzufragen. und das Miuisterium hat den: freisinnigen Magistrat den Ge- fallen erwiesen, die Wahl nicht zu bestätigen. Nun stellt sich aber heraus, daß das Ministerium gar kein Bestätigungsrecht hat. Trotzdem verlangte der Magistrat von der Stadtverordnete»- Vcrsannnlung die Vornahnre einer neuen Wahl. Die Majorität der freisinnigen Stadtverordneten lehnte voll Mut dieses Ansinnen ab; aber da sie vor nichts mehr Angst haben, als davor, man könnte ihnen wirklich Mut zutrauen, lehnten sie es auch ab, den Magistrat aufzufordern, Genossen Singer schleunigst in sein Amt einzuführen. Es giebt eben innner Helden, die sich den Rcgenschinn aufspannen, wenn nian ihnen ins Gesicht spuckt. Man denke auch, was geschehen wäre, wenn der Freisinn radikal sein Recht vettreten hätte; eS wäre— alle Haare der alten Tante Votz sträuben sich vor Entsetzen— es wäre zun: Prozeß vor dem Obcr-Verivaltuugsgericht gekommen l Und so empfiehlt das Blatt der Intelligenz, sich bei der Haltung des Freisinns zu beruhigen, der gleichzeitig radikal zu bellen und mit den: Schweife crgcbcust zu wedeln versteht. Es liegt der Gedanke nahe, daß der Koiumunalfreisinn umgekehrt die Furcht hegte, bei einem Rechtsstreit Recht zu behalten. Wie gerne hätte der Magistrat schon bei dem Streit um das Friedhofs- portal ausgeglichen: aber da mußte er zurück in die Schlacht. Jetzt nochmals kän:pfen— nie und nimmer I Herr von der Recke bestätigt noch immer nicht? Da scheint allerdings das Maß des bei unserem Freisinn Erreichbaren noch nicht voll zu sein. Das Interesse, welches deutsche Gerichte in der letzten Woche für sich in Anspruch nahmen, war in einem Falle auch durch die hohe Politik bedingt. Der lippesche Erbfolgestreit kam in einer Gerichts- Verhandlung zur Sprache. Angeklagt war ein. ehemaliger lippcscher Archivrcit der Unterschlagung von Urkunden, die anf die Erbfolge Bezug hatten. Da der Gerichtshof kein Bundesrat ist, der es nicht notwendig hat, Ja oder Nein zu sagen, mußte er sich zu einem Urteil entschließeil und sprach den Angeklagte» frei. Hoffentlich gerät dadurch nicht eines der streitenden Häuser ins Wackeln, und die Einwohner von Lippe nicht in neue Sorgen um einen Landes- Vater. Die Koburg-Gothacr aber wissen jetzt noch nicht, wem sie in angestammter Liebe und Treue zum Herrscherhaus zujubeln werden, obwohl eS mehrere Prinzen geben soll, die bereit wären, die Last der Negierung mitsamt der Civilliste anf sich zu nehmen. Bei dieser Qual der Wahl, die mehr oder minder unfreiwillig ist, hat sich ei» Blatt mit der Meinung hervorgetraut, es müßte ja nicht um jeden Preis einen Regenten geben, auch Republiken erfreuten sich des besten Wohl- seins. lieber diese Kühnheit geraten unsere.nationalen" Kreise iianz außer sich. Da ihrem Zorn nicht die nötigen Worte zu Gebote tehen, erlauben wir uns, ihnen ein kleines Gedicht von Hoffmann von Fallersleben zur Verfügung zu stellen, das förmlich den Extrakt einer staatstrcucn Gesinnung enthält. Da heißt es unter anderem: Ich stimme für die Monarchie. Da giebt's noch Rang und Stände' Mit Republik geht Poesie Und alles Glück zu Ende. Ich stimme für die Monarchie, ür Würden, Titel, Orden; n Republiken sind»och nie Verdienste was geworden. Ich stimme für die Monarchie, Wo weise wird regieret— Weil Grundbesitz mit Hab' und Vieh Nur ist repräsentieret. Ich stimme für die Monarchie, Wo die Ceusur noch waltet, Wo nicht der Presse Despotie Nach Herzenslüsten schaltet. Dieses Glaubensbekenntnis aller guten Bürger ist auch der italienischen Negierung und Majorität des italienischen Parlaments aus der Seele geschrieben. Sie bemüht sich deshalb auch, Italien von den paar Mängeln, die der idealen Monarchie noch anhaften, zu befreien, inden» sie das Wahlrecht einschränken, das Vereins- und Preßrecht aufheben will, und so fort. Aber in das sonst nur auf Anwcisnngen der Banca Nomana zugängliche Parlament sind auch Socialistcn cingcdrimgen, und sie bieten alle Mittel auf, uni die Bestrebungen der OrdnungSpartcicn zunichte zu machen. Sie haben sogar zu einer Waffe gegriffen, die ein biederer Wähler nur mit Entsetzen nennen hört: zur Obstruktion. Man kennt die Obstruktion bisher so ziemlich nur in der Verfälschung, die ihr die bürgerliche Opposttion in einzelnen Ländern gegeben hat i aber nichtsdcstolvenigcr ist auch dieses Aufgeben des parlamentarischen Grundsatzes der Majorität vollkommen berechtigt, Ivenn es sich um Sein oder Nichtsein handelt. Die wenigen Socia- listen, die die ungeheure Mehrheit des italienischen Volkes vertreten, haben kein anderes Mittel, das Attentat auf die Lebensintcressen des Volkes abzuwehren. Sie können sicher sein, daß nicht nur ihre Wähler, sondern die Arbeiter aller Länder ihr Verhalten begreifen und billigen Iverden: anf Professoren der parlamentarischen Ethik kann die Arbeiterschaft in ihrem Lebenskampf keine Stüclsicht nehmen.— Kleines Feuillekott. lk. I» den Mooren dcö Grunewaldes. Wenn an sonnigen heißen Sonntagen Weg und Steg und auch der Rasen unter den Riefern des Grunewaldes von ÄnSflüglern übersät sind, und der einsame Wanderer vergeblich nach einem lvcnigcr belebten Pfade sucht, dann weiß der Naturfreund immer noch einen Ort. den mit wenigen Schritten erreichen kann und>vo er den menschlichen Ameisen- hausen um sich herum sofort aus den Augen verliert. Das sind die Heidemoore des Grunewalds, deren größte unter den Namen Hunde- tehlefeun(zwischen dem Restaurant gleichen Namens und dem Gruncivaldscc), Ricmeisterfenn(hinter Panlsboru) und Postfeim (bei der sogenannten Russenbrückc) bekannt sind. Freilich führen keine Proiiicuadeuwcge in diese kleinen Wildnisse hinein, sondern, Schritt für Schritt muß man sich den Weg erkämpfen, bald hier den Fuß anf den vermoderten Stumpf einer Erle setzend, bald dort einen umgestürzten Baumstanim oder die aus dichtem Binsen- und Seggen- rasen gebildeten sogenannteii Bülten als Stützpunkt benutzend. Und auch nicht ganz ungefährlich ist die Promenade im Moor, denn wer den Fuß auf moosverkleidete, aber plötzlich trügerisch nachgebende Stellen setzt, wie sie im Moor so überaus häufig sind, macht mit dem nassen Elemente Bekanntschaft und läuft bei kühlem Wetter- Gefahr, einen Katarrh nach Hause zu bringen. Bei sonnigem Wetter aber laufen solche Einbrüche ganz ohne Schade» ab und überhaupt kommen die kleinen Fährlichkcitcn einer Moorpromenade gar nicht in Betracht gegenüber dem Interesse, das die ganz eigenartige Vege- tation im Moore zu erregen vermag. Das erste was uns auffällt, sind die tiefen schwammigen Rasen der Torfmoose(LxlikiZmim), die den nassen Boden zwischen den niedrigen, sogenannten Moorkiefern meist in«nnntcrbrochcner Decke erfüllen und ihre, im Pflanzenreich beispiellos in diesem Grade dastehende Fähigkeit, Wasser zu halten, unter dem Drucke des Fußes verraten, den sie hierbei sogleich unter Wasser setzen. Die einzelne Torsmoospflanze mag vielleicht nur wenige Jahre leben, aber der Rasen an sich besitzt eine so lange Lebensdauer, daß man diese Ge- wüchse mich als ewige Moose bezeichnet hat. Sie haben keine Wurzeln und der untere Teil verliert sich allmählich in ein verfitztes branneS Pflnnzengewirr, das in noch tieferen Schichten in Torf übergeht. Während so die Torfmoose mit ihrem unteren Teil lang- sam aber unaufhaltsam in das Torflager versinken und vertorfen, wachsen die Spitzen beständig weiter. Von oben gesehen erscheinen sie uns als strahlige Sternchen mit scheinbar quirlständig angcord- ueten Aestcn von bcild weißlicher oder grüner, bald rötlicher, purpurner oder brauner Farbe von oft hervorragender Schönheit. Nehmen tvir einen Nasen in die Hand, so können tvir eine überraschend große Menge Wasser aus ihm herauspressen, stellen wir ihn in Waffer, so saugt er sich in kürzester Frist ebenso voll Wasser, wie er vorher davon barg. Diese Fähigkeit beruht darauf, daß bei diesen Pflanzen die sonst unentbehrlichen grünen, d. h. chlorophyll- führenden Zellen Iveit zu Gunstcn von chlorophylllosen großen Zellen zurückgedrängt sind, die durch eine llnmcnge von Poren mit einander in Verbindung stehen und lediglich den Zweck erfüllen, auS der.Pflanze einen Schwamm zu machen, d. h. so viel Wasser als möglich aufzuspeichern. Dieser Zweck wird so vollkommen er- reicht, daß die Torfmoose nicht nur das Wasser von unten, sondern auch aus der Atmosphäre den Wasserdampf mit großer Energie an sich ziehen. Die Torsmoose sind im Heidemoore die Pioniere für eine ganze Anzahl anderer charakteristifchcr Moorpflanzen, die sich mit ihm einfinden. Gerade jetzt flimmern uns allenthalben auf dem Moor die schncctvcißcn, auf schlanken Halmen sich wiegenden seidigen Bliitenflocken des Wollgrases entgegen, die man neuer- dings als Polstcrmatcrinl verwendet,'lind anf dem Rasen der Torf- inoose liegt überall ein Gewirr zierlich beblätterter, rankenartig hin- kriechender Pflänzchen, die meist zahlreich mit auffallend zierlichen Ivcithin lcuchlcndcn roten, dem MooStcppich gewöhnlich ciufflicgenoen Blümchen besetzt sind. Das ist die Moosbeere, eine kleine Ber- wandle der Preißelbecre, die übrigens auch in das Moor hinab- steigen. Die im Sommer erscheinenden Früchte der Moosbeere nehmen sich anf dem Rasen ebenfalls sehr zahlreich aus; sie werden von vielen trotz ihreS säuerlichen Geschmackes gegessen.— Weiler fallen uns zlvischen den Moorkicfcm etwa einen halben Meter hohe Sträucher auf, mit lveißen Blüten, die in einer Dolde stehen. Die schmalen Blätter sind am Rande umgerollt und auf der Unterseite rostfarbig, eine Eigentümlichkeit, die auch einer Anzahl anderer Hcidcmoorpflanzcn und mich der vorher genannten Moosbeere zukommt. Der scharfe aromatische Geruch beweist uns, daß wir es diesmal mit dein sogenannteii S n m p fp v r st oder falschen Rosmarin zu thim haben, einer den Hausfrauen in trockenem Zustande wohlbekannten Pflanze, da sie wegen des diirchdriiigende» Geruches blindelweis zum Schutze gegen Motten in die Kleider- schränke gelegt wird. Die interessanteste aller unserer Moorpflanzen ist jedoch der Sonnentau(Drosera), ein Pflänzchen, von dem die meisten Leser wohl schon gehört haben, daß es sich nicht damit begnügt, Nahrung ans dein Boden zu ziehen, sondern daß es auch Insekten fängt und verdaut. In den Mooren des Grunewaldes ist der Sonnentau überaus häufig, so daß man auf Schritt und Tritt den zierlichen kleinen Rosetten auf den TorfmooSpolstcrii begegnet. Die rundlichen Blättchcu auf den ziemlich langen Stielen sind am Rande und anf der Blnttfläche mit zahlreichen gestielten Drüsen(Drüsen- haaren) besetzt, deren purpurrote Färbe die ganze Pflanze rötlich schimmern läßt. Jede Drüse trägt ein winziges Tröpfchen einer Flüssigkeit, die mit dem Vcrdauungssaft der Tiere in der Znsammcusetzung Aehnlichkcit besitzt und außerdem_ so klebrig ist, daß ein auf di�. Blättchcn geratendes kleines Insekt sofort unrettbar gefangen ist. Die Bewegungen des Opfers lösen die Rcizempfindlichkcit der Drüsenhaare aus, sie krümmen sich gegen die gereizte Stelle, eine Drüse nach der anderen legt sich als weiche und' doch tötliche Fessel über den zappelnden Gefangenen, und zuletzt rollt sich auch das ganze Blatt über dem Insekte zusammen. Das Grab ist geschlossen und öffnet sich nicht eher, als bis die Drüscnflüssiglcit ihre Vcrdaunugsthätigkeit beendet und nur noch unverdauliche hornige Reste übriggelassen haben. Daß der Sonnen- tau auf diese Art der Ernährung mit angewiesen ist, hat das Experiment längst erwiesen, und wenn wir ein Pflänzchen ans dem Moose ziehen und die dünnen Würzclchen bemerken, so erscheint es uns ohnehin nicht glaublich, daß diese letzteren zur J£r- nährung ausreichend befähigt sein sollten. Wer zu Hause über ein sonniges Plätzchen anf dem Fensterbrett verfügt, sollte nicht ver- fehlen, den Sonnentau in sein Zimmer zu verpflanzen. Hierzu ist weiter nichts nötig, als einen handbreiten Rasen von Torfmoos, dem ein oder mehrere Sonncntau-Pflänzchen aufsitzen, auszuheben, ihn zu Hause auf einen Teller oder in eine Untertaste zu legen und für eine ausgiebige! Befeuchtung Sorge zu tragen. Für das übrige pflegen unvorsichtige Stubenfliegen und Mücken bald zu sorgen. Bevor wir dos Moor verlassen, suchen wir die Wasscrtüinpel ans, die es hier und da, z. B. hinter Huudekchle durchsetzen, um einen Straub der weihen Seerose zu pflücken. Bei hohem Wasserstaude ist dies ein schwieriges Unteruchmeu, das aber belohnt wird durch die prachtvollen Blumen unserer Vietorm regia im lleinen.— Theater. — r. Neues Theater. Mit der modernen Posscnbcreitung geht es wie mit der modernen Kartcnschlägerci, um die es sich iii dem Schwank der Herren Jarno und Nickelt«Die Wahr- s a g e r i n" dreht. Hier Ivie dort besteht die Knust darin, mit einem Ragout aus anderer Schmaus, mit allerhand Erlauschtem das liebe Publikum im Handumdrehen kirre zu machen. Hat man dazu noch, wie der zugleich in der Jonglcurkuust des Dichters, Bühnenleiters und Schauspielers auftretende Herr Jarno das Glück, zur günstig gelegenen Ferienzeit ein im HanSlvurstfach grobgezogcnes Ensemble um sich zu vereinigen, so ist der Erfolg fast auf alle Fälle gesichert. Guido Thiels cher, Frau I u n k e r- S ch a tz und H a n s i Niese wirken zusammen; und da muß schon ein kannibalisch schwüles Wetter kommen, wenn sich für die paar Sommermonate aus Einheimischen und Fremden kein annehmbarer Zuschancrkrcis zusammenfinden sollte. Und mehr werden die Autoren wohl selber nicht verlangen. Für das, Ivos Iveiter wird, sorgt, wenn nicht der liebe Gott, so doch der bescheidene und einzig allem geistig Anregenden abholde Sinn des Publikums, der mit einem Stapel aufgehäufter Unmöglichkeitcu und mit einigen versteckten Zötlcin mehr als zufrieden ist. lieber das Ensemble, das sich für die Ferienzeit im Neuen Theater zusammengefunden hat, wäre nicht viel mehr zu sagen, wenn nicht Fräulein Hansi Niese nnt ihrem kernigen, resoluten Humor leb- hast an die Glanzzeit des Wiener Soubrettcutnms, und besonders an das Spiel der Gallmehcr erinnerte. Schade, dafs ein so hübsches, entwicklungsfähiges Talent wahrscheinlich auf die Alltäglichkeiten des höhereu Blödsinns angewiesen bleibt. Eine absonderliche Idee war es, mit der platten Berliner Posse Roberto Braccos Drama„Pietro Caruso" znsammen- zukoppeln. Dieser Einakter voll düsterer Gcwittcrstimniung ist hier von dem italienischen Schauspieler Zacconi eingeführt worden. Am Freitag wurde die Titelrolle von Adolf Link gegeben. Der Künstler trug einen ehrlichen Erfolg heim in der Darstellung des verlotterten Trunkenboldes, der, in unsauberen Geschäften ergraut, mit einer Art Bcttclstolz sich an der vermeintlichen Reinheit seiner Tochter weidet und seinem Dasein ein Ende niacht, als er ficht, dasz das heranblühende Kind die Maitresse seines Gönners geworden. Stefanie K r i fi und Harri Walde» spielten mit Geschick die Rolle der Tochter und des Grafen.— Ans dem Tievleben. — D i e häufige n Häutungen der Insekten bilden, wie Kuuckel d'Herculais zu seinem Leidwesen wahrnehmen nmfzte, ein Schutzmittel gegen die Ansteckung mit S ch m a r o tz e r p i l z e n. Der genannte Entomologe Ivar von der französischen Regierung nach Algier gesandt worden, um dort die im letzten Deceiiuiinn sehr verheerend austretenden Wauder-Henschrecken schon als Larven nnt den Sporen eines Pilzes anzustecken. den man auf den sterbenden erwachsenen Tieren entdeckt hatte. Er mußte sich überzeugen, daß die häufig sich wiederholenden, ini Durchschnitt" alle acht Toge cintretcii- den Häutungen ihrer Larven der Festsetzung der Sporen auf den Körperbcdeckungeii und ihrer Keiniung daselbst äußerst hinderlich sind, zumal sich diese Häutimgen auch auf die Atheniöffnungcn (Stigmen) und die innere Auskleidung der Athcmröhren(Tracheen) erstrecken, die nicht allein die häufigsten Eingangspforten für solche Schmarotzer bilden, sondern auch bei den erwachsenen Thieren, die sich nicht mehr häuten, den Platz für töttcude Angriffe des Pilzes hergeben. Schon in Argentinien, wohin man diesen Entomologen zur Austilgung einer dortigen Heuschreckenplage bcnifcii hatte, mußte er dieselbe Wnhniehmung machen, daß es nämlich leichter sei, das ausgewachsene Insekt, als, ivorauf man die größten Hoffnungen gesetzt hatte, die durch ihre zahlreichen Häutungen apschiitzte Larve zu infizieren.—(.Prometheus"). Technisches. — Für den Gotthard-Tunnel ist infolge der Steigerung des Zugverkehrs, da die natürliche Tunncllüftung nicht mehr genügt, eine k ü n st l i ch e Lüftung notwendig geworden, welche vcr- mittelst maschineller Ventilation nach dein System des Ingenieurs Marco Saccarso in Bologna ausgeführt Ivird. Die neue Anlage bewährt sich nach einem Artikel des„Vaterland" bestens und wird noch bessere Leistungen erzielen, wenn die definitive Triebkraft installiert ist. Die Lüftung des Tunnels geschieht auf folgende Weise: Durch die seitlich vom Tunnelportale aufgestellten Ventila- toren wird eine große Menge Luft mit bedeutender Geschwindigkeit in eine ringförmige, an der ganzen Tuimclperipherie angebrachte Kammer, und von dieser durch eine ebenfalls ringförmige schmale Oeffnung an der inneren Wandung in die Tuimclröhre geblasen, sie reißt die Luftsäule in dieser mit sich und nimmt bald die erforderliche Ge- schwindigkeit an, um in bestimmter Zeit das entgegengesetzte Tunnel- portal zu encichcn.'Der Rauch wird sehr rasch aus dem Tunnel hinausgejagt, er kann sich hier nicht mehr verdichten, und es wird so nicht nur dem Zugspcrsonal der Dienst und die Bahnarbcit im Tunnel selbst(Auswechselung der Schwellen, Bahnuntcrhalt) er- leichtert, sondern auch zur längeren Erhaltung des Oberbaues bei- getragen, welch letzterem der stickige Rauch nicht zuträglich ist. Bei der Inbetriebsetzung der neuen Anlage Ivar es möglich, den im Tunnel herrschenden mäßigen Südzug mit nur 70 Umdrehungen der Ventilatoren alsbald in kräftig den Rauch jagenden Nordzug um- zuwandcln. Wenn die Anlage installiert ist, wird es möglich sein, die Ventilatoren 120 und noch mehr Umdrehungen ausführen zu lassen.— Humoristisches. — Die verkannte Bartbinde. Bauer:„Bei dera Sonmierpnrtei muß d' Frau a' rechter Drach' sein! So oft ma' ihr'» Mann z' Haus ficht, hat er's Maul v e r b u u d e n I"— — Bon der Schmiere. Direktor(zum Schauspieler): „In dem nencii Stück werden Sie im 5. Akt sterben. Da soll mm ein dreistimmiger Leicheugesang vorgetragen werden; weil wir aber nur noch zwei Säuger zur Verfügung haben, müssen Sie dann selbst mitsingen l"—(.Weg. Bl.") — Ein S ch i I d a e r Stückchen Ivird aus einer Stadt Eis- lcithnniens erzählt. Dort besteht eine Wasserleitung, welche so ausgiebig dotiert ist, daß täglich ein Wasscrguantnn: von 350 Litern auf den Kopf der Einwohnerzahl entfällt. Da machte man plötzlich die Wahrnehmung, daß, trotzdem die Wasserleitung für die dreifache Zahl der Bewohner genügt hätte, doch in den Häusern W asser- niangcl herrsche. Man imtersiichtc. Prüfte und fand, daß der Zufluß sich nicht vermindert hatte. Der Fehler mußte also anderswo, er mußte in der Wnsscrvcrschwcndung liegen. Die hohe städtische Obrigkeit erließ flugs einen Ausruf an die Hausbesitzer, in welchem aller nicht dringend nötige Verbranch von Leitnngs- Wasser aufs strengste verboten wurde. Die Verwendung des Wassers zum Schwemmeii der Wäsche, zum Einkühlen von Getränken, zmn Aufstellen von Fischbchältern wurde mit Geldstrafe, ja mit Ent- ziehnug des WasierbezugeS bedroht. Aber es half nichts— das Wasser reichte nicht mehr.- Die arme Stadtverwaltung wußte sich nicht mehr zu helfen, beriet hin, beriet her; da plötzlich kam Hilfe— von einem Kanalräumcr. Er erzählte, daß neben dem dunklen In- halt seiner nächtlichen Wirksamkeit reichlich klares Wasser fließe, da unten, wo es so fürchterlich. Da ging den Herren Stadt- und Gcmeiiidcräten ein Licht auf. Man hatte zum Zwecke der Durch- spüluug des Kaualsystems im Frühjahr die Wasserleitung zum Ab- lauf in dasselbe geöffnet, aber— die Wiederabsperrung vergessen.— Notizen. — Die Erstaufführung von Heinrich Zoellners Musik- drama„Die versunkene Glocke" findet Anfang Juli im Theater des Westens statt.— — Bei der Abschiedsvorstellung des Schauspielers A. Paul im Dresdner Hostheater kam es zu den l e b h a f t e st c n D e m o n st r n t i o n c n gegen die Mitglieder der Verwaltung, deren Jiitrignen die Entlassung des beliebten Künstlers herbeigeführt haben sollen. Am Schluß der Vorstellung dauerte der Applaus eine halbe Stunde; gegen hundert Mal mußte der Vorhang gezogen werden.— — Der französische„K o m p o Iii st E r n e st Chan s s o n stürzte auf einer Radtour bei Paris so unglücklich, daß der Tod auf der Stelle eintrat. Er hat ein Alter von 44 Jahren erreicht. Eine Oper„Artus-" ist von ihm in Karlsr u he-zur Ausführung nngeiiommen.— — Der Pariser Bildhauer Rodiii erhielt von der Pariser Stadtverwaltung die besondere Vergünstigung eines eigenen Terrains für die W c l t a u s st c l l u n g 1000. Rodin arbeitet seit zwanzig Jahren an einem kolossalen Hochrelief, das die Pforten der Hölle nach Dante darstellt. Der Künstler wird ein besonderes Haus aufführen lassen, um dieses und einige andere Werke aufzustellen.— — Im Kanton T c s s i n haben die Grcnzwächter der Eid- geuossenschaft im Laufe des Jahres 1898 über 13 000 Fallen und so n st ige Fangvorrichtungen für Singvögel zerstört.— — Zur Erforschung des Kenia g e b i r g e s in Britisch-Ostafrika hat Dr. Mackin der von der Oxfördcr liniversität eine Expedition niiteriiommen. Er ivird von mehreren Fachleuten und von einigen schweizerischen Bergführern begleitet. Die Mittel sind teils von der Londoner Geographischen Gesellschaft, teils von einem Mitgliede der Expedition aufgebracht.— — Der jüngst von G. Witt von der Urania- Sternivarte in Berlin v c rm e i u t l i ch n e u e n t d e ckt e Planet bl dl hat sich als der schon im Jahre 1865 von Peters cutdeckte Planet.Jo" entpuppt.— Verantwortlicher Redacleur: Augnst Jacobe!) in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlir.