Unterhaltungsblalt des Vorwärts Nr. 123. Dienstag, den 27. Juni 1899 (Nachdruck verböte».) Es lebe die Munfl l Roman von C. V i e b i g. «Ich gratuliere!" Der Verleger neigte sich verbindlich. „Darf ich fragen, ob Sie schon über die Buchausgabe dis- paniert haben? Oder erscheint der Roman zuerst in einem Journal?" Der Dichter lehnte sich bequem in seinen Stuhl zurück und steckte die Hand in den Busen.„In einem Journal er- scheinen lassen? Dieses Werk! Es widerstrebt meinen An- sichten von künstlerischer Vornehmheit." „Und die Buchausgabe?" fragte der Verleger weiter. „Ich habe an Sprottau Söhne gedacht. Sie wissen, ich Pflege mein jeweiliges Werk dem Verlag zu geben, in dessen Nahmen es am besten Paßt.� „So?" In Maiers Gesicht veränderte sich kein Zug, nur in die Stimme legte er eine kleine, kaum angedeutete Ver wunderung.„Dürfte Ihr Roman denn in den Rahmen der Sprottauschen Thätigkeit paffen? Nach den Andeutungen. welche die Zeitung brachte, glaubte ich dies nicht annehmen zu können." „Es war auch nur ein flüchtiger Gedanke von mir." Eisenlohr sann einen Augenblick nach.„Er wird dort gerade besonderes Aufsehen erregen." Maier antwortete nicht. Eine Pause entstand. „Hm," sagte der Verleger plötzlich,„würde Ihr Werk nicht bei mir mindestens eben so gut aufgehoben sein?" „Bei Ihnen?" Der andere strich sich das Kinn.„Mein Werk schon. Aber ob ich—? Lieber Freund, mit den Hono raren, die Sie zu zahlen geivohnt sind, kann ich mich nicht begnügen. Ihre jungen Autoren, die sogenannten aufftrebenden Talente, Gott im Himmel I Wenn Sie diesen Leuten mal einen kleinen Vorschuh von lumpigen paar hundert Mark geben, schreiben die Ihnen drei Bücher dafür." Maier lächelte fein.„Ganz so verhält sich die Sache doch nicht! Uebrigcns"— seine Miene wurde ernst—„Sie wissen recht wohl, dah wir unseren gutgehenden Autoren an ständige Honorare zahlen." „Gutgehende Autoren I Das paht auf die kleinen Talente, die wirklich mal in die zweite und dritte Auflage kommen— dann schnappt es." Eiscnlohrs geringschätziger Ton wurde hochachtungsvoll:„Das mindest ivertvolle meiner Bücher ist bereits in vierundzwanzig Auslagen verbreitet l Sie wissen, dah ich mit einigen bereits bcini vierzigsten Tausend stehe. Was zahlen Sic mir pro Auflage? Natürlich in der bekannten Ausstattung und deni bekannten Format. Ladenpreis zwanzig Pfennige pro Bogen." „Ich zahle Ihnen fünfundzwanzig Prozent vom Laden preis. Fünf Auflagen sofort. Jede folgende wird bei Ans gäbe honoriert." „Nein"— Eiscnlohr machte eine entschieden ablehnende Handbelvegung—„dazu können Sie mich nicht haben! Ich verlange siebenundzwanzigeinhalb per Cent vom Ladenpreis" — er betonte jede Silbe—„und zehn Auflagen sofort honoriert l" „Donnerlvetter I" Es entfuhr Maier unwillkürlich. Der Dichter lächelte,„Sehen Sie. ich sagte es Ihnen ja gleich. Für mich sind Sic noch zu klein. Sie müssen auf Namen, wie der meine nun einmal ist, verzichten," „Wann könnten Sie das Manuskript liefern?" „Bis zuni August denke ich bestimmt fertig zu sein; bin ich weiter so gut disponiert, auch früher,— jedenfalls koinmt das Buch rechtzeitig auf den Weihnachtsmarkt. Einen Titel habe ich— ich sage Ihnen, einen Titel!— der zieht!" Maicr sah wie versunken: jetzt richtete er seine kleine Gestalt mit einem energischen Ruck auf.„Ich gehe auf Ihre Bedingungen ein." „Na. das ist mal gescheit von Ihnen!" Der Dichter schüttelt ihm kardial die Hand.„Es ist mein bedeutendstes Werk, Sie werden sehen. Maier, Sie machen ein grohartiges Geschäft I" „Bei siebcnundzlvanzigeinhalb per Cent für den Autor" — Maicr sagte nicht mehr Prozent, sondern.per Cent' wie vorher der Dichter—„und fünfundvierzig für den Sorti- menter? I Bleiben dem Verleger für Herstellung des Buches und für seinen Verdienst siebenundzwanzigeinhalb per Cent." Er lächelte sarkastisch. „Sie können ja gleich zwanzig Auflagen zusammen drucken; da bleibt genug übrig!" „In der That," der Verleger nickte,„es kann sein, dah noch etwas übrig bleibt." Sie waren also einig. Der Autor wurde sehr gesprächig, sehr liebenswürdig und entwickelte seinem neuesten Verleger einen ganzen Rattenkönig von Paragraphen. Maier wider- sprach nicht, er machte sich Notizen. Als er sich nach einer weiteren halben Stunde verabschiedete, begleitete ihn Eisenlohr bis zur Zimmerthür. Ehe diese sich schloß, lieh Maier einen raschen Blick über die kostbare Einrichtung des Gemachs gleiten. Der echte Perserteppich dämpfte jeden Schritt. Die gemalten Fenster- scheiden»varfen bunte Schinimer; der mächtige Kopf des Löwenfells vorm Schreibtisch fletschte die Zähne, reizende Frauenköpse in breiten Rahmen lächelten nieder, und draußen, vom Altan herein, glänzte die Blumensülle. So wohnt ein Dichter,---- Unten am Haus stich Maicr auf eine Dame; diese warf ihm einen bitterbösen Blick zu, rauschte ohne Gruß vorbei und vorschwand in der Thür des Dichterheims, eine Wolke von Parfüm hinter sich lassend. War das nicht die Starzynska? Der Verleger blieb stehen. So elegant, in Seide? Zu ihm war sie immer sehr einfach gekomnien, hatte viel über ihre beschränkten Verhältnisse gc- klagt, auch um Vorschuh gebeten. Und jetzt—?„Der wird sich freuen!" Maicr war ein wenig schadenfroh.„Die ist das reine Klebpflastcr, die wird man unter einer Stunde nicht los!"-- Wolfgang Eisenlohr saß eben wieder am Schreibtisch, als Wlodzimira Starzynska gemeldet wurde. „Ich bin nicht zu sprechen! Wie oft soll ich's Ihnen denn sagen?" fuhr er den Diener an.„Wenn Sie's nicht begreifen, muh ich Sie eben entlaffen! Ich bin nicht zu sprechen!" „Aberr fürr mich doch, teucrrcrr Meistcrr!" gurrte die Stimme der Starzynska von, Flur; sie war dem Diener auf den Fersen gefolgt.„Ich mache doch eine Ausnahme!" Sie stieß die angelehnte Thür vollends auf, niit ausgebreiteten Armen stürzte sie herein.„Ich habe Sie ewig nicht gesehen! Oh, wie schön ist es hierr!" Fräulein Starzynska sprach immer ein langschnarrcndcs. rollendes R. Man wußte nicht, rührte es von ihrem Aus- ländertum oder von ihrer dramatischen Studienzeit her; sie hatte sich zur Schauspielerin ausgebildet, war sogar in Warschau, Riga und Petersburg, wie sie sagte, mit großem Erfolg aufgetreten. „Wie schön ist es hierr!" Die Anne ausgestreckt, stand sie vor dem Schreibtisch, cS war, als wolle sie in Ver- zückung niederstürzen.„Hierr schafft nun derr Genius! Lauten Poesie!" Sie kam aus Eisenlohr zu.„Sie herrr- licherr Mensch!" Er wich ein paar Schritte zurück, die Starzynska war imnier etwas stürmisch, und doch zeigte sein Gesicht ein gc- schmcicheltes Lächeln unr die Mundwinkel. „Tenerrerr Meisten!" Sie lieh sich nicht mehr zurück- halten, sondern faßte seine Hand,„Ich komme herrgcstünzt, ganz atemlos, ich bin gcrrührt, crrschutterrt— dies wundcrr- schönc Gedicht! Diese Poesie! Ich habe Jhrrr Gedicht ge- lesen, heut in derr Zeitung I ,An die hohe Mutten zum Ge- burrtstag des Prrinzenl' Ich habe geweint. Sie müssen mirr auch ein Gedicht machen, nächsten Monat werrde ich zweiundzwanzig. Tcurrcrr, mirrr auch ein Gedicht!" Sie fiel ihm um den Hals. Er stand etwas verlegen.„Ich hätte nicht gedacht, dah Ihnen ein Gedicht—" „Oh. Herirlich! Mirr ein Gedicht' Ich lasse eS in die Zeitung setzen!" Sie lieh ihn gar nicht zu Wort kommen, sie überschüttete ihn mit Schmeicheleien. Er konnte nicht umhin, liebenswürdig gegen sie zu sein. Sie hatte eine Racefigur, üppige Büste, schlanke Taille, zier- liche Hände und Füße. Als Dichter war er für Schönheit empfänglich. Nebenbei war sie voller Tcniperamcnt und voll K-•-'.i. ,�.>1-., iT:■ von einer rührenden, schwärmerischen Bewunderung für ihn; sie hatte Geist. Immer öfter strich sich Eisenlohr das Kinn. Es war eine ihm eigentümliche, ganz charakteristische Gebärde; die schöne Weiße Hand wischte von dem bartlosen Mund abwärts, als wolle sie so das halb überlegene, halb eymsche Lächeln verstecken, das da zuweilen aufdämmerte, besonders in Frauen- gesellschaft. Nach einer Stunde wurde Wlodzimira sehr mitteilsam, sehr weich. Sie lehnte ihren dunklen Struwelkopf an des Dichters Schulter und klagte über ihre Verlassenheit, über die hilflose Stellung der Frau. Sich allein durchzuringen, o wie schwer! Dem weiblichen Autor werden tausend Hindernisse in den Weg gelegt. „Sie müssen mirr helfen, teuerrerr Meisterrr!" sagte sie in rührender Naivetät.„Kennen Sie Maierrrr?" „Er war vorhin erst hier. Er will durchaus mein neustes Werk verlegen." „Und haben Sie es ihm zugesagt, teuerrerr Meisterr?" Sie belauerte ihn wie die Katze die Maus. „Hm, so halb und halb." „Hm, teuerrerr Meisterrr I"— Nun fing sie an zu weinen.„Errr ist ein Scheusal! Trrauen Sie ihm nicht! Errr hat mich mit Antrrägen verfolgt, errr warr mirr zuwiderr— nun will errr mein Trranerrspiel nicht verlegen. Errr weist es zurrück, mein Trrauerrspiel I Alle Leute sagen, es ist aus- gezeichnet. Was soll ich machen?!" Sie rang die Hände und schluchzte fassungslos. Der Dichter hatte viel zu trösten; er that es mit sanften Worten und strich sich dabei besonders häufig um Mund und Kinn. Sie sank zu seinen Füßen und legte das wirre Haupt auf seine Hände, ihr voller Busen drückte sich an seine Knie. „Teuerrerr Meisterr, helfen Sie mirr l Sie allein können es I Derr Maierr muß mein Trrauerrspiel verlegen. Sagen Sie es ihm. Sagen Sie ihm, Sie gäben ihm sonst nicht" — sie hob den Kopf und blinzelte ihn an mit schwinunen- den Augen—„Sie gäben ihm sonst nicht Ihr neues Buch!" Er versprach es ihr. tFortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) AegtZpkifiszev SchlÄttgenzAttbev. Selbsterlebtes von Paul P a s i g. Wir hatten es uns kaum auf der breiten, mit schattigem Zeltdach überdeckten Terrasse unseres Hotels in Kairo bequem gemacht, als auch schoir ein Araber in langem, blauem K'aftan, den roten „Tarbusch"(Fez) auf dem Haupte, erschien und auf den Stein- fliese» des Fußbodens ein nicht gerade sauber aussehendes Tuch ausbreitete. Dann hockte er nieder und entnahm einem Linnen- sacke einige Eier, die er auf dem Boden nach Kommando umher- tanzen,' im Munde verschwinden und wieder zum Vorschein kommen ließ u. a. m. Nun, dergleichen hatten wir daheim in gröberer Auswahl und Vollkommenheit' zur Gcniige gesehen. Als er merkte, dab er uns zu langweilen begann, griff er nach einem länglichen verschlossenen Korbe, in dem«vir anfänglich Etzivaren vermuteten. Da hörten wir es hinter uns flüstern:„Die Schlangen I Die Schlangen!' und richtig, ehe wir eö uns versahen, bemerkten wir vor uns in unmittelbarer Nähe einen entsetzlich anzuschrnlenden Knäuel züngelnder Schlangen, der sich laiigsam zu entwirren begann. Unwillkürlich konzentrierten wir uns mit unseren Stühlen etwas mehr rückwärts. Ohne sich durch unser offen- kundiges Entsetzen auch nur im geringsten stören zu laffen, zog darauf unser„Künstler" ein klarinettähnliches Jnstrnment hervor und entlockte demselben einige langgezogene, klagende Töne. Sofort begann sich eine Schlange»ach der andern auf die Schwanz- spitze zu erheben und den Kopf nach dem Takte hin- und her zu be- wegen. Dabei bemerkten wir auch, daß ivir die gefllrchteten äghpti- schen Brillen- oder Uräiisschlangen, die de» alten Aegypten! heilig waren, Naja Haje genannt, vor uns hatten, niit denen Verbrecher im Altertum vielfach gerichtet wurden und vermittelst deren auch Kleopatra sich einst den Tod gab! Bei der Produktion ivar der Hals dieser unheimlichen Tiere unförnrlich erweitert, und die Augen funkelten. Es war uns anfangs gar nicht aufgefallen, wie, angelockt durch einzelne, besonders schärf markierte Töne, die Schlangen sich all- mählich ihrem Herrn und Gebieter näherten, sich ruckiveisc an dessen Körper emporwanden und jedesmal, wenn derselbe niit der Klarinette ein kurzes, scharfes Zeichen gab, gehorsam an der betreffenden Stelle verharrten. Sein Kopf war von einen! Prachtexemplar überragt, das drohend über die Gesellschaft hin züngelte! Ein weiteres Zeichen, und im Nu verließen die Reptilien den Körper und krochen am Boden hin. Dann ergriff der Gaukler die Schlangen bis auf eine. wohl die größte der ganzen Schar, die wenigstens über einen Meter maß. und legte sie in den Korb, den er wieder zudeckte. Mit diesem einen Ungeheuer beabsichtigte er offen- bar seine Vorstellung zu krönen. Er nahm nämlich ein nicht zu_ langes Metallstäbchen zur Hand und fuhr wieder- holt blitzschnell mit demselben ans die Schlange, die sich drohend aufgerichtet hatte, los. gleichsam als wolle er mit ihr kämpfen. Hierdurch geriet diese sichtlich in Zorn, die flammenden Augen quollen aus ihren Höhlen hervor, höher und höher erhob sich das züngelnde Tier— da, eine blitzschnelle Bewegung nach der Hand' ihres Peinigers, und wie zum Tode ernrattet sank die Schlange in sich zu- stimmen. Das war offenbar der nusregendste Moment der ganzen „Vorstellung", und jeder von uns glaubte, der Gaukler müsse binnen wenigen Augenblicken, ein Opfer seines Wahnwitzes, seinen Geist auf- geben. Nichts von alledem! Gleichgültig wischte er mit seinem Tuche ein paar Tropfen Blutes, die sich auf der gebissenen Hand zeigten, weg, um gleich darauf, als sei nichts geschehen, zum dritten und letzten Teile seines Programmes überzugehen. Ein geschickter Griff am Halse der Schlange, da etwa, wo der Kopf endet, ein leiser Druck— und steif und starr, thatsächlich einem Stocke vergleichbar, lag das Tier vor uns da, ließ sich, ohne auch nur eine Spur von Leben zu verraten, drehen und wenden, emporheben, auf den Boden fallen— kurz, die Schlange war in einen Stock verwandelt! Ein erneuter Druck an derselben Stelle— und der Stock war ivieder zur Schlange geworden! Nachdem der„Künstler" sein„Bakschisch" eingeheimst hatte, verabschiedete er sich mit dem arabischen Gruße, Brüst, Mund und Stirn mit der Rechten leise berührend. Der Leser wird mit der zweifelnden Frage zur Hand sein, ob denn in der That derartige Prozeduren so gefährlich sind, wie sie auf den ersten Anblick scheint, oder ob nicht vielmehr Täuschung und Betrug auch hier mit unterlaufen. Hierauf ist folgendes zu erlvidern: Zunächst unterliegt es keinem Ziveifcl, daß in vorliegen- dem Falle, wie in den»leisten übrigen, der Gaukler thatsächlich seine Kunststücke mit der äußerst gefährlichen ägyptischen Brillen- schlänge ausführte. Das lehrte uns der klare Augenschein. Nun kommt es allerdings häufig vor— und bildet vielleicht die Regel — daß den Tieren kurz vor der Procedur die Giftzähne aus- gebrochen werden. Wird der Gaukler dennoch gebissen, so hat dieser Biß, weil von einem der nngcfährlicheu Zähne herrührend, nichts zu sagen. Dies war zweifellos bei unserem Gaukler der Fall. Nun ist aber erwiesen, daß die quergebrochcneu Giftzähne oft in nn- glaublich kurzer Zeit durch neue, ebenso gefährliche ersetzt iverden. Daher läuft jeder dieser„Zauberer" Gefahr, ttotz alledem lebensgefährlich gebissen zu werden. Aber auch für solche Fälle ist man gerüstet. ES scheint nämlich festzustehen, daß gewissen Wurzeln und Kräutern die Kraft innewohnt, das Schlangengift nicht nur zu paralysieren, sondern gegen dasselbe geradezu zu„innnunisiercu", d. h. fest und unempfindlich zu machen. In erster Linie sind es verschiedene Osterluzeiartcn, darunter die in Nordamerika vielfach gebrauchte virginische Schlangenwurzel, die gegen den Biß der Klapperschlange mit meist gutem Erfolge an- geivandt werden. Alexander von Humboldt und Bonplaud ent- deckten ferner in Brasilien die Guacopflanzc, die sich nachweislich gegen Schlangenbiß bewährte. Die Anwendung dieser Mittel geschieht nun enttveder so, daß der ausgedrückte teilweise mit Alkohol vermischte Saft auf die Wunde geträufelt oder vor Hantieren mit dem giftigen Reptil in starker Dosis dem eigenen Körper einverleibt tvird. Letzteres geschieht vielfach durch Impfung, in Südamerika z. B. zwischen die Zehen, die Finger und in die Brustseiten, wozu noch, um das Mittel ivirlsamer zu niachen, ein periodischer Genuß desselben ttilt. Es ist criviescn, daß den so„immunisierten" Personen der Biß selbst der giftigsten Schlange nichts schadet. Der Grund hiervon liegt wohl darin, daß erwähnte Mittel zunächst außerordentlich schweißtreibend sind. Per- sonen aber, die gewiffermaßen beständig mit einer derartigen penc- trauten alkoholischen Atmosphäre umgeben sind, wirken antipathisch auf Schlangen. Das machen sich bekanntlich die berühmten„Gift- doktoren" der Kapländer zu nutze, die aus den körperlichen Ausscheidungen(Schweiß, Harn u. a.) die bewährteste Schlangcn- mediziu herzustellen tvissen, und die alte, abgetragene Mütze, das mit Schweiß durchzogene Untergewand eines solchen „Doktors" steht dort als wohlbewährtcs Heilmittel gegen den Biß giftiger Schlangen in hohem Preise und Ansehen. So erklärt es sich auch, daß Salmiak- und Ammoniakpräparate in allen Ländern gegenwärtig als bestes Mittel gegen Schlangenbiß geschätzt lvcrden. Andere, früher für unfehlbar gehaltene Pflanzen haben sich vor der fortschreitenden Wissenschaft nicht zu behaupten vermocht. Dahin gehört vor allem die auf Java, Sumatra, Ceylon u. a. heimische Schlangen- oder Mnngoswnrzel, von der die Sage geht, der gefähr- lichstc Feind der Brillenschlange, die Mnngoskatze, beiße, ehe sie den Kampf mit dem gefiirchteten Gegner aufnehnie, die ans der Erde hervor- ragende Wurzel zuvor ab und bestreiche dann niit dem so infizierten Speichel Pfoten und Kopf. Auch die Heilkraft des vielgepriesenen Schlangenholzes hat sich bei näherer Untersuchung als legendenhaft erwiesen. Während aber stark und intensiv riechende, zumal alkoholische Substanzen gewisser Arten abstoßend auf Schlangen wirken, steht zweifellos fest, daß andere Ingredienzien von anziehendem, syin- pathischcm Einfluß auf dieselben sind. Anders ivenigstens kann man die„Beschwörungen" der orientalischen„Künstler", die gegen Ent- gelt Schlangen in Gehöften, Häusem usw. aufspüren, hervorlockcn und unschädlich machen, kam» erklären, wozu allerdings noch der Einfluß komme» mag, de» die Musik auf die Schlangen ausübt. Ein englischer Reisender berichtet iiber einen solchen„Beschwörer", den er Gelegenheit hatte genau zu beobachten, solgendes: Mein Freund in Kairo, erzählt derselbe, wollte gern darüber beruhigt sein, ob in seinem Grundstücke sich Cch langen aufhielten. Er ließ deshalb den gesuchtesten Beschwörer der ilalifen- stadt kommen, dem er sein Anliegen mitteilte. Derselbe erklärte sich gegen das übliche„Bakschisch" gern dazu bereit, mußte sich aber zu- vor einer gründlichen Leibesvisitation unterziehen, weil Verdacht bestand, daß er Schlangen in seinen Kleidern verborgen habe, um sie dann als im Grundstücke gefunden vorzeigen zu können. Unser Verdacht erwies sich indes als unbegründet. Nun ging er ans Werk. Zunächst klopfte er im Garte» alle Gebüsche ab und rief in arabischer Sprache:„Ich beschwöre euch bei dem großen Gotte, ob Ihr oben seid oder unten. oder wo immer ihr euch aufhalten wöget, hervorzukommen! Ihr seid nichts weiter als Schlangen, und Allah ist größer, als alle Schlangen I Gehorchet diesem Rufe und kommt hervor!" Aber nirgends zeigte sich eines der gesuchten Tiere, und der Beschwörer versicherte, dieser Teil sei frei voir Schlangen. Nunmehr betraten wir das Gcflügclhans, und der Beschwörer begann seine Formel von neuem. Und siehe da, im Augenblicke wand sich unter einem Holzstoße eine gewaltige Schlange hervor! Er ergriff dieselbe beim Schwänze'und er- klärte sie für sehr giftig. Eine nähere Untersuchung ergab jedoch, daß sie völlig harmlos war. Dann lockte er noch einige weitere Exemplare derselben Gattung ans ihren Verstecken hervor, und nachdem er würdevoll sein „Honorar" empfangen, verabschiedete er sich cerenioniell iin offen- baren Bewußtsein feiner hohen Bedeutung. In diesem Falle war eine Täuschung völlig ausgeschlossen, und da der Mann sich der sonst bei dergleichen Proceduren beliebten Flötenmnsik nicht bediente. bleibt nichts weiter übrig, als anzunehmen, daß er durch eine in seinen Kleidern verborgene oder sciiicni Körper einverleibte, den Schlangen shmpathische Substanz diese Tiere anlockte.— Kleines„Feuilleton. t. Lebewesen im Regcntvasser. Die Wissenschaft hat die früher allgemem verbreitete Anschauung, daß das Regcntvasser rein ist und keine schädlichen Organismen enthält, richtig gestellt. Nicht selten ist es durch Kohlenstaub und Schwefelsäure verunreinigt, die aus der Atmosphäre hcrabgeschtvennnt werden. Aber auch organische Beimengungen finden sich im Regeutvasser. und zwar bestehen diese nicht nur ans Bakterien, sondern auch auS den Keimen von Urtieren fProtozoen). Dafür hat Dr. Lindner ans Kassel in dem letzten „Biologischen Crntralblatt" einen ansfiihrlichcn Nachweis erbracht. Er brachte Proben von vorsichtig gcsnniineltcm Regcnwasser in Flüssigkeiten, in denen solche Keime gut gediehen, z. B. abgekühlter Hcnaufgnß, Fleischbrühe, wässerige Milch, verdünntes Tierblut und ähnliches. Je nach der Jahreszeit, Lufttemperatur. Wind- stärke und Windrichtung war der Gehalt des Regenwassers an kleinen Lebewesen sehr verschieden. Schon bei der ersten mikro- stopischcn Untersuchung des Wassers fanden sich darin häufig außer einigen Pflanzenzellen von Algen, Pilzen oder Flechten mehr oder weniger zahlreiche Jnfnsorienkeimc von verschiedener Größe, teils vereinzelt, teils gnippentveise vereinigt, ferner im Sommer zuweilen Spuren von Blütenstaub, dann Kohlcntcilchcn auS Fabrikschornsteinc», Sandlvrnchen oder dergleichen mehr. Nach dem Znsatz von Fleisch- brühe oder einer andere» Rährfliissigkeit bildete sich in der Regel nach t— 2 Tage» auf dem Wasserspiegel eine rahmige Haut, die von lebhaft sich bewegenden Bakterien wimmelte. In dieser Haut kommen gewöhnlich auch die etwa vorhandenen tierischen Keime zur E»t- wicklnng. Zunächst erschienen nach 2—3 Tagen gewisse Geißelinfusorien, fast gleichzeitig mit ihnen zahlreiche weiße, sporenartige Kvrperchen, zun« Teil von der Größe der menschlichen, Blutkörperchen, oft auch noch viel kleiner: vorerst erschienen sie unbeweglich, nahntrn jedoch nach einiger Zeit eigentümliche BetvegungSerscheinungen an. Nach Verlans von drei bis' acht Tagen, oft aber erst»ach viel längerer Zeit machten sich in dem Kasseler Regcnwasser öfters vollständig ausgebildete, sehr gewandt rnckivärts schwimmende Glockcutierchen jVorvicellkus bemerkbar, die sich dann gewöhnlich in einigen Tagen millionenfach vermehrten. Diese Urtierchen, die schon früher häufig ans dem Schmutzivasser von Schweminkanälen. soivie ans Sinnps- wässern nachgewiesen worden sind, haben eine sehr merkwürdige Lebensgeschichlc. Am längsten kennt man sie als glockenförmige «nikroslopische Wesen, die auf einein Stiele anfsitzen, dann aber hat man beobachtet, daß sie sich gelegentlich von dein Stiele loslösen und ein freies Leben führen. Auch können sie sich derart einkapseln, daß sie von, Winde und von« Regen «nit fortgetragen«verde» und eine lange Zeit eines völligen Lebens- stillstandcs ertragen können, bis sie tvieder eine Gelegenheit zur Entivickelung erhalten. Außer diesen«nerkivürdigen Kleinivcseii hat Lindncr noch einige andere der bekanntesten Protozoenarten im Regellwasser gefunden. Es ist überraschend, daß diese winzigen Tiere auch in Schnee- und Eislvasser noch zu leben vermögen und eine Kälte von mindestens 5 Grad anshaltcn, ihre Wiederbelebung nimmt dann allerdings eine etivas längere Zeit in Anspruch. Sie sind überhaupt gegen Kälte widerstandsfähiger als gegen Hitze, da sie gcivöhnlich schon bei 40 Grad zu Grunde gehen. Zum größten Teil sind die bisher in Regemvasser gcsnndenen Kenne unschädlicher Natur. Oft enthält ein Tropfen 1000 und mehr lebender Wesen.— Litterarisches. — Erinnerungen an C h r i st i a n Friedrich G r a b b e ver- öffcntlicht der greise Schauspieler Albert Ellmenreich in der„Deutsch. Bühnen-Gen.". Sie erzählen von der Zeit, da Karl Jnuncrmann seine Mnsterbühne in Düsseldorf errichtet hatte. Grabbc schreibt über deren Leistungen in der„Düsseldorfer Zeitung".„Wie wohl jeder neue Ankömmling im kleinen Rhein- Athen ," Ellinen- reich,„machte auch ich Grabbes Bekanntschaft nirgends anders als in der Kneipe. Und zwar in seiner Stammkneipe bei Stange, die in der engen, vom Markte zum Hafenthor führenden Zollsträße lag und über dem Eingang als Synibol ein in Stein gehauenes Fisch- lein trug. Hier verkehrte der geistig und körperlich schon damals sehr verkoimnene Dichter fast ausschließlich. Teils saß er in« Kreise gewöhltlicher„Spießer", die er allerdings nur sarkastischer Be- Handlung«vürdigte, teils sammelte sich nm ihn ein.Kreis ans- erlesener Geister. Hier saß Grabbe stundenlang bei einen« Glase Wein, der seiner durch Spirituosen bereits abgestumpften Zunge nicht nnchr genügte, seltener bei einem Gläschen Grog, der ihn schon eher animierte. Vor sich hatte er stets eine«« Becher, in tvclchei» Fidibus neben Fidibus steckte. Hin und tvieder ergriff er cinei« davon und machte Notizen darauf, die er niit nach Hause»ahn«, um dadurch seine«» schon geschivächtcn Gedächtnis ausziihclfcn. Dieser»«eist stumme Gast mit den« gespenstisch hohlen Blick, dem glanzlos- graublauen Auge, der hoch aufsteigenden Stirn, der schlotterige», ans- gemergelten Figur, dieser seltsame Mensch im altmodisch brauneu Frack, den«vcite», ansgetvachsene» Nankinghosen, der wohl aus der Militärzeit herübergeretteten hohen schivarzen Noßhaarkravattc— wer hätte in diesen« Ritter von der traurigen Gestalt, an der Wäsche durchaus«»sichtbar blieb,«vohl den Inbegriff genialer Dichter- kraft erkannt? Eins nur konnte ihn ans seiner täglich Ivachsendcn Lethargie reißen: wem« einer der Gäste das im Wirtszimmer be- findlichc Harmonium erklingen ließ, und etwa froinme Weisen spielte, namentlich sein Liebling Burg»uüller. Dann belebte sich des Schein- toten erloschener Blick, und Thräncn traten ihn« in die Augen. Eigentlich trinken, ettva gar sich betrinken, sah man ihn dort nie. Fast pünktlich zu bestimmter Abendftnnde, meist schon«nn 11 Uhr, erhob er sich und ließ sich von dein ihn ertvartenden Burschen»ach Hanse geleiten, in seine„Spelunke", wie er selbst sagte. Suchte«na» ihn in seiner Wohnung ans. so lag er fast zu jeder Tagesstunde a»lf dem Bette, auf den Knieen sein Manuskript. So arbeitete er. Eigentlichen Uiirgang pflog Grabbe(außer noch mit einen« Maler Wilhcln« Heine) init sonst keinen«,«venu ihn nicht jemand geradezu aufsuchte,«vobei dann sein chuisches und cxcentrischcs Wesen den Besucher«»eist bald verscheuchte.— Kunst. k. Ein n e u entdecktes Porträt von Raffaek wird gcgeinvärtig in einer kleinen Ausstellung altitalicnifcher Werke in Agnciv's Gallcrie in London gezeigt. Die Echtheit des Bildes steht anßer Ziveifel. Es ist bekannt, daß Raffael«vährend seiner Florentiner Periode eine Reihe von Porträts geiilalt hat. die zum Teil nicht i>«it Sicherheit identifiziert«verde» können und infolge- dessen als Bilder der verschiedensten Leute angesprochen«verde». Das Werk, nm das eö sich hier handelt, nah»« bis vor kurzen« eine» bescheidenen Platz in einer italienischen Privatgalerie ein und ging unter dem Namen Ridolfo Ghirlandajos(gest. lötZI), deS Sohnes von Doincnico Ghirlandajo, bis es von Kennern als ein Werk Raffacls erkannt«vnrde. Mai« hält es für«vahrfcheinlich, daß es das Porträt ist, das er nach der Ueberliefernng von den« Bruder deS Angela Doni gemalt hat. Allgemein bekannt sind die herrlichen Bildnisse von Ängelo und seiner Frau Maddalcna Doni, die 1505 gc«nalt wurden nnd sich jetzt iin Palazzo Pitti befinden. Das Werk, das jetzt seinen Weg nach London gefunden hat. ist ihnen durchaus gleich, nur daß die Bildfläche etivas kleiner ist. In jener Zeit>var Raffael noch nicht mit Aufträgen überhäuft nnd führte alle seine Gemälde inil eigener Hand ails. Dies gilt auch für das neue Werk,«vclches deut» lich zeigt, daß es von derselben Hand und aus derselben Zeit stauiint ivie das erwähnte in der Galerie Pitti. Der Euttvurf des Porträts, die schönen Augen, das buschige Haar, die lange, kraft- volle Nase sind gleich ivunderboll. nnd ebenso ist der Zustand de« Erhaltung ausgezeichnet. Die„Times" teilen«»it. daß die Berline» Galerie sich bemüht, das Gemälde in ihren Besitz zu bekomnien, gicbt aber gleichzeitig der Hoffnung Ausdrllck, daß es gelingen«nöge, es ii« London zu behalten.— Ans dem Tierleben. — Neber den»cncn Orang-Utang, der sich seit vierzeht Tagen in der Menagerie von S ch ö n b r n n n bei Wien befindet plaudert ein Mitarbeiter der„R. Fr. Pr.": Wenn der Wärter sagt „Komni, Peter, gehen wir spazieren!" so steht der Orang-Utans auf: er ist dann so groß ivie ein sechsjähriges Kind, hängt sich ir den Arm des Wärters ein nnd uiarschiert gravitätisch, aber»ich sehr aufrecht, im Käfig her»««». Das treffen die zivei ebenfalls aut Sumatra angekonuncnen Gibbons viel besser. Wenn die sich voit Besucher ablvenden, sich aufrichten und Schritt für Schritt in de> Hintergrund stapfen, glaubt man lebendig geivordenc Rkarionette» zu sehen. Der Orang-Utang ist nur sehr wenig behaart. Er ha> sich«vährend der letzten Tage nicht ganz«vohl befunden,«vahrschein- lich infolge eines Diätfehlcrs, und deshalb ist er ein wenig zu« Melancholie gezeigt. Er sitzt gern mit unterschlagenen Beinen ans einer über He» gebreiteten Decke, verschränkt die Arme, so daß du Hände gcinz verborgen sind, und neigt leicht den Kopf. Wenn man diesen Kopf länger betrachtet, kann man ihn nicht häßlich finden. Wohl ist die Stirne zurnckgedrückt, die Nase ist ganz flach und das Maul, das Peter innner geschlossen hält, steht iveit vor. Aber die schönen ausdrucksvollen schwarzen Augen machen alles wieder gut. Wie geschlifiene Edelsteine glänzen sie und drücken vieles ans, was der stumme Mund verschweigt. Wenn der Afie die dunkelfarbenen Lider senkt, die sonderbar abstechen von dem schwarzen Gcficht, das lange, dünne Haarsträhne umrahmen, so hält nian ihn für teil- nahmslos und apathisch. Aber er schlägt die Lider ans und scbo» hat er einen glänzenden Gegenstand erspäht, und ettvas wie Be- gierde drückt sich in den Augen aus. Er befreit einen Ann und hält ihn mit der Handfläche nach oben gerade vor sich hin. Das ist bei ihm die Geberdc des Begehrens; er hascht nach nichts und sucht nichts an sich zu reißen, wie es die anderen Affen thun. Be- kommt er nichts, so verschränkt er die Anne wieder und senkt noch einmal die Lider oder er legt sich eine Hand ans die Stinie und sieht gerade vor sich bin. Die Hand ist außer allem Verhältnis zu seinem Körper, sehr sckmial, aber erschreckend lang— die Finger, mit kohlschwarzen,»landelförnngen Nägeln verschen, haben an den Knöcheln alle Fältchen einer ntenschlichcn Hand, die Handknöcheln find sehr groß, und der OraUg-Utang reibt sich mit dem ersten der- selben die Augen aus. Empfindet er den Reiz zum Rießen, so hält er die Hand vor, um sie gleich darauf abzulecken. Den Nießrciz hat er empfunden, weil er mit blitzartiger Schnelligkeit aus der Brusttasche des Wärters eine Cigarre hcransnahni und sie sofort zu Mund und Nase führte. Als sie ihm der Wärter abnahm, machte er die größten Anstrengungen, ihrer wieder habhaft zu werden, und geberdete fich dabei genau wie ein Kind, das einem Großen etwas abringen will. Zuletzt artete der Kamps in eine regelrechte Balgerei aus, die dem Peter so große Freude machte, daß er' das Maul weit zum Lachen anfriß. Er bekonnnt zum Frühstück kauen Thee, den er aus einer Schale trinkt, die er mit beiden Händen festhält. Das rohe Ei wurde ihm zuerst in der Schale ver- abreicht; da er diese aber mitaß, wurde das Ei in einer flachen Blechlasse serviert. Da streckt er nun regelmäßig einen Zeigefinger hinein, leckt ihn ab und erst, nachdem er so de» Geschmack geprüft. faßt er das Geschirr, hält es geschickt hoch und schlürft das Ei. Nun kann er fich aber vom Geschmacke gar nicht trennen und hält das Ei, so lange es geht, ini Mmide, ehe er es hinunterschluckt. Vom Brot bricht er Stückchen ab und ißt sie bedächtig und mit Genuß. Das Mittagmal besteht aus gekochtem zerdrückten Reis und einer Portion Hühnerfleisch. Peters liebste Malzcit ist aber die Vesper, bei der er sich mit großem Behagen zu seiner Schale Kaffee zurechtsetzt.— Aus der Pflanzenwelt. — u c b e r den A ffenbrotbaum sprach in der Juni- sitzung des Botanischen Vereins für die Provinz Brandenburg Prof. Völlens. Einem Bericht der»Voss. Ztg." eutnehnten wir das Folgende: Der Baum ist weniger incrkwürdig durch seine Höhe, denn selten bringt er es auf niehr als 25— 30 Meter Höhe: dagegen ist der Uinfang ganz bedeutend, namentlich bei dcir Bäumen West- afrikos. ES sollen Stämme von 8—0 Meter Durchmesser gemessen worden sein. Räch den Bercchmmgen Adansons würde der Affen- brotbaum ein Alter von 5000 Jahren erreichen können; Prof. Böllens ist indessen überzeugt, daß diese Annahme auf irrigen Boraussetzungcn beruht, und daß die Bäume nicht älter als 500 bis 600 Jahre werden. Dem Wüchse nach ist die Adansonia am meisten mit einer Edelkastanie zu ver- gleiche». Von den Arsten erreichen nur eine Minderzahl, vielleicht tv bis 12, eine bedeutende Dicke; alle übrige» bleiben um ei» Vielfaches dünner. Dadurch erhält der Banm eine sehr durchsichtige Krone. Die Rinde ist grau und ziemlich glatt, der Stamm außerordentlich schwammig; einen Holzstock kann man ohne viele Anstrengung tief hineinbohren. Diese Eigentümlichkeit beruht auf dem Reichtum des Stammes an parenchymatisckicn, wasserreiche» Gewebseleinenten, eine Eigenschaft, die wohl darauf beruht, daß der Baum in trockenen Steppengebieten heimisch ist und daher beträcht- liche Wassermengen in sich auffpeichert. Die Blätter sind fingerförmig geteilt: an jungen Pflanzen treten jedoch, wie Bortragender an einem Topfexemplar zeigte, anfangs einfache Blätter auf, und erst nach dem ersten oder zweiten Jahre erscheinen die geteilten Blätter. Achn- lichcs ist auch an anderen tropischen Holzgcwächsen. namentlich anILeguminosen zu beobachten. Iii Büchern wird häufig behauptet, daß der Affenbrodbaum den größten Teil des Jahres vollkommen blattlos dastehe. Diese Angabe ist nach den Wahrnchm, ingen von Prof. Völlens nicht richtig. Vielmehr entbehrt der Baum nur sehr kurze Zeit hindurch des Laubes, das sich noch lange bis in die Trocken- zeit hinein und diese sogar häufig übersteht; die individncllen Ver- schicdenhcitcn sind in dieser Hinficht sehr groß. Der Baum tritt meist vereinzelt auf, selbst Gruppen von wenigen Bäumen sind selten. Eingehend beschrieb der Vortragende den Bau der an langen Stielen hängenden Blüten. Gewöhnlich beginnt das Blühen mit dem Aus- treiben der Blätter; es dauert aber dann noch wochenlang fort. Die Blütcncinrichtung spricht dafür, daß die Befruchtung durch Thicre sviel- leicht Nachtschmcttcrlingc) bewirkt wird. Die zu uns gelangenden Früchte haben sehr verschiedene Gestalt und Größe. Aus ihrer harten Schale machen die Neger Kalebassen. das breiige Fruchtfleisch wird gegessen oder unter Zusatz von Wasser zur Herstelliing eines limonadenartigen Getränkes verwendet Auch die Blätter werden benutzt, teils(wenn sie jung sind) als Gemüse, teils als Arznei- mittel. Besonders wertvoll ist für die Eingeborenen die Rinde des Baumes; sie stelle» einen Bast daraus her, der zur Herstellung von Schnüren und Seilen dient. Früher hat man diesen Bast, na'ineut- lich aus Angola, auch nach Europa ausgeführt, und er ist in England zur Papierfabrikation verwendet worden. Ein ähnlicher Versuch lvurde in neuerer Zeit in Ostaftika für Deutschland gemacht. ist aber fehl- geschlagen. Da der Baum, wie oben erwähnt, nicht bcstandweise austritt, würde auch die Gewinnung größerer Menge» des Bastes zu große Schwierigkeiten bieten.— Meteorologisches. lieber einen Meteor st ei»fall in Zürich berichtet die»Straßb. Post" nach den Angaben einer Augenzeugin: Am 10. Juni kurz nach 10 Uhr abends wurde die an der Alfred Escher- Sttaße ivohnhaftc Beobachterin direkt über dem neuen Schulhause in Enge eines seltsamen blendenden Lichtscheins gcivahr, der von einer glühenden Kugel mit nachfolgendem sprühenden Flammcnschweif herrührte. Ans der niedcrsausendcn Feuerkugel sah man ebenfalls deutlich helle und lange Funken oder kleinere Flammen eniporsprühcn, wie beim brennenden Holze. Etliche Sekunden lang schien die nähere Umgebung wie von einem elektrischen»Scheinwerfer" grell beleuchtet, gleichzeitig wurde ein schwach zischendes, doch deutlich vernehmbares Geräusch hörbar, das den Fall des unmittelbar hinter den nächst- stehenden Häusern, in der Nähe der Lavaterstraße niedergegangenen Lichlmcteors begleitete. Eine am Frühmorgen des folgenden Tages sofort vorgenommene Untersuchung ergab genau an der vermuteten Stelle, im stmibigen Straßenkörpcr eingedrückt, mehrere massive, steinige Bnichslückc' von braun-schwarzer Farbe, zum Teil mit einer diiimen Oxhdschicht bedeckt und stark eisenhaltig. Man erkennt auch deutlich an dm gefundenen Stücken eine ausgeprägte Schmelzrinde, die vom Magneten stark angezogen wird und ver- mutlich beim Eintreten in unsere Atmosphäre durch die mächtige Erhitzung in Glut geraten ist. Die Feile greift das eine Bruchstück gut an und entfernt stellenweise ein graphitglmizendes Metall von seinem Korn.— HulnoriflifcheS. — Befähigungsnachweis. SonntagSreiter:»Ich möchte ein Pferd I" Pk-r deVerleiher:„Können Sie aber auch ein Pferd be- steigen-� Sonntagsreiter:„Was glauben Sie denn von mir, ich habe den St. Gotthard bestiegen!"—(»Lust. Bl.") — Im Vegetarier-Verein. Vorsitzender lals btt einer Hochzeit Fleischspeisen durch das Vcrcinslolal der V e g e- tarier getragen werden):»Aber, meine Herren, werden Sie doch nicht sentimental!"— — Ein Unmensch. In Dahme ist das„Rcstanrant zum Kaisergarten" abgebrannt. Dazu bemerkt der„Anzeiger fiir die Städte Dahme. Baruth und Golßen" vom 16. Juni:„Einem nur ganz besonderen günstigen Umstände war zu verdanken, daß nicht nur die Familie des Wirts. sondern auch der dort wohnende Theatcrdircktor Dreßler nebst Familie in den Flannnen umgekommen sind."— Notizen. — Einen silbernen R i e s e» k r a n z von ncehr als vier- hundert Blättern will man dem Jnnsbrucker Dichter Adolf P i ch l e r zu seinem 80. Geburtstage spenden. Jedes Blatt kostet 5 Gulden und auf jedem steht der Rame des Gebers.— Heller- Geschmack!— — Die Sammlungen für das Goethe-Standbild in Straß bürg haben bisher nind 84 000 M. ergeben, während der Gesamtbedarf, der ursprünglich auf 150 000 M. angenommen war, infolge der?tichrbc>villigu»g eines Reichszuschusses auf etwa 120 000 Mark ermäßigt ivorden ist.— — Der Znstand des wahnfimiig gewordenen Schauspielers Emil D r a ch in Wien gilt als sehr erust und soll nur geringe Aussicht auf Heilung bieten.— c. Bei der Versteigerung der Sammlung F o r m a n in London erzielten ein paar Steigbügel 54 000 M. Es handelt sich um eine italienische Arbeit ans der letzten Hälfte des 15. oder der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Sie sind aus Eisen, teils mit Silber- platten belegt, teils vergoldet und gcttieben; die beiden äußeren Seiten haben einen sehr schönen Rand in durchsichtigem Email— Zellcnschinclz auf Gold. Die Bügel sind 6>/s Zoll hoch und 6 Zoll breit.— — An die Stelle des Prof. P e t t e n k o f e r in M ü n ch e n, der wegen seines hohen Alters sein Amt alö P r ä s i d e n t der bayrischen Akademie der Wissenschaften niedergelegt hat, wnrde Prof. Dr. v. Z i t t e l gewählt.— — Das rasche Welken d e r B l u m e n läßt sich, wie der »Praktische Wegweiser", Würzburg, schreibt, vcnneiden. wenn man einen großen Eisennagel in das Blumenwasser der Vasen thut.— — Die Rose n ernte in Bulgarien ergab in diesem Jahre 20 000 Gram weniger Rosenöl als im vorigen Jahre. Die Preise des Oels sind bereits im starken Steigen begriffen.—_ Verantwortliche: Redacleur: Zlugust Jacobey m Berlin. Druck und Verlag von Atax Babing in Berlin.