Mnterhaltungsbtatt des vorwärts ?cr. Z25. Dontterstng. den 29� Juni 1899 lNnckdruck verboleu.) Es leite dro Mnttst! L? Roman von C. V i e b i q. „Das ist doch kein Vergleich," sagte Elisabeth. Sie war einigern'.aszeii verletzt; zimi cistennial fiel es ihr auf, dach Kiste,»acher eigentlich nicht das gröszte Feingefühl besas;. Aber sie konnte ihm nicht böse sein, sie war gerührt, er entließ sie mit so viel gntgenieinten Natschlägen und Ennahnnngeil wie ein Vater seine Tochter.„Nur nicht übereile»! Die Ver- leger sehen schon, wo sie bleiben. Wen» er Ihnen ein Honorar bietet, bciTmujcit Sie ruhig die Hälfte mehr. Schade, daß ich nicht mitgehen kann, es wäre besser!" Lustschlösser mit goldenen Zinnen bauten sich ans vor Elisabeth, als sie zu Herrn Mnier ging. Der Weg zur tlöniggrätzerstraße wurde ihr nicht lang, ihr Gesicht war heiter. ihr Schritt zuversichtlich. Ihre derben Lederschnhe— sie stammten noch ans M eseritz— traten fest anfs Trottoir; über der frischgestärkten Leinenblnse blüten die runden Wangen, der Mund lächelte. Die Vorübergehenden sahen sich nach ihr nm. Sie stimmte sich leise eins; am liebsten hätte sie gc- pfiffen, lustig, hell und durchdringend wie die Burschen auf dem Feld, wenn der Schah naht. Eine Ahnnng kommenden Glücks war in ihr; schon fiihlte sie seinen Flügelschlag. Es war nicht das Herrn Kistemacher so bennrnhigcnde Honorar, das lockte sie nicht, o nein, etwas ganz anderes; sie tonnte es sich selbst nicht nennen. Etwas ganz Unbeschreib- bares. Unaussprechliches schwebte ihr vor in, Wachen und im Trani». Es webte tausend Fäden um ihre Seele und ver- strickte die ganz darein. Sie konnte nicht anders, sie zitterte nach jenem ungenannten Großen. Schaffen, schaffen, mit nie ermüdender Lnst. Leben, Leben, wohin man sieht l Nichts Kaltes, nichts Totes: die Fluren lebe», jeder Grashalm hat eine Seele, jeder Stein. Und Stimmen flüstern in, Windhauch, jauchzen, grollen im Sturm. Gestalten kommen und gehen, unverhüllt,— man sieht ihnen bis ins tiefste Herz. „Menschen! Meine Menschen!" lieber des Mädchens lächelndes Gesicht glitt ein liebevoll wanner Ausdruck. Das Blut schoß ihr in die Wangen, sie fühlte einen Strom der Liebe zu ihrem Herzen dringen. Da war keiner zu gering. Sie hatte mit den Tagelohnerkindern gespielt und Blicke in die Hänslciftnben gethan; sie kannte sie alle draußen, ihre Leide», ihre Freuden. Und unsichtbare und doch starke Fäden leitete» von da herüber in die große Stadt— Menschen sind Menschen. Selig, wer die Kraft hat. sie zu schildern! Selig, wer mit ihnen lacht, selig, wer mit ihnen weint! Elisabeth preßte die Hände ineinander, der starke Atem schwellte die Brust— dreimal selig I Sie schloß die Augen wie sonnengeblendct— sie fühlte die ganze Schöpfcrlvonne. „Guten Morgen, mein Fräulein," sagte Herr Maicr freundlich, als Elisabeth vor ihm stand.„Bitte nehmen Sie einen Augenblick Platz." Er wandte sich wieder ganz dem Herrn zu. der mit unter- geschlagenen Armen und in nachlässiger Haltung am Pult lehnte. TaS edle Profil desselben hob sich scharf gegen das lichte Fenster ab; Elisabeth konnte nicht umhin, eS be- wnnderiid zu betrachten. Sie war enttäuscht, als er ihr das volle Gesicht zukehrte— ein selbstgefälliger Mund, ein weibisches Kinn! Er betrachtete sie scharf sekundenlang. Sie errötete tief unter seinem Blick. „Aber", sagte Herr Maier halblaut.„ich wüßte doch wirklich nicht, inwiefern wir Ihnen nicht entgegengekommen wären? Wenn»vir allen unseren Autoren"— fein Blick streifte das junge Mädchen—„solche Honorare zahlen müßten, dann"— Er sprach nicht weiter. „Ich bitte Sie," der andere lächelte,„Sie können mich doch mich unmöglich mit Ihren jungen, unbekannten Autoren aus eine Stufe stellen, ich verlange gar kein Entgegen- kommen, nur mehr Rücksicht, Rücksicht! Ich habe Ihnen zu Liebe ans das vorherige Erscheinen meines Romans in einer Zeitschrift verzichtet; obgleich körperlich sehr angegriffen, das Buch nahezu vollendet! Bequem zum Oktober heraus- zubringen." „Aber ich weiß wirklich nicht"— der Verleger machte ein etwas verdutztes Gesicht—„worauf Sie hinauswollen?" „Ich? l Sie mißverstehen mich, lieber Maier." Er wandte sich zum Gehen.„A propos, lieber Maier—", er drehte sich noch einmal um—„worüber ich noch mit Ihnen sprechen wollte! Ich wundere mich, Sic haben ja kein einziges Talent meiner Schule im Verlag! Warum nicht? Da ist zum Beispiel die—" Er dämpfte die Stimme. Jetzt sprach Maier; auch leise. Es schien eine Debatte, noch dazu eine etwas erregte, werden zu wollen. „Nein," sagte der Autor plötzlich lauter,„da halte ich es wirklich nicht für ratsam, in Ihrem Verlag zu erscheinen; ich bin ja völlig isoliert." Maiers blasse Gesichtsfarbe spielte schon inS Grün- liche. Der andere behielt immer das gleiche, überlegene Lächeln. Sie sprachen wieder leise. „Nun denn, meinetwegen!" sagte plötzlich der Verleger. Es klang gereizt.„Um Ihnen gefällig zu sein!" „Also schön! Ich halte Sie beim Wort. In circa vierzehn Tagen können Sie auf mich zählen. Den unterzeichneten Kontrakt schicke ich morgen. Vergessen Sie nicht: zwanzig Abzüge auf Büttenpapier für mich!" Nach einem zweiten scharfen Blick auf das junge Mädchen verließ er das Bureau. „Nun," sagte Herr Maier, als er zurückkam,— er hatte den Besucher bis ans den Flur begleitet—„da haben Sie gleich unfern berühmtesten Autor gesehen: Wolfgang Eisenlohr." „Das— das war er?!" Ein Zug großen Erstaunens flog über Elisabeths Gesicht.«Den habe ich mir anders gedacht!" „So?" Maier unterdrückte ein Lächeln.„Bitte, behalten Sie Platz, mein Fräulein." Sie war unwillkürlich aufgesprungen und hatte sich dem Pult genähert; hier sollte sie ihr Urteil empfangen. Eine letzte Scheu mischte sich in ihre Glückszuverficht,— hier hatte der große Autor gestanden I Envartungsvoll, mit glänzenden Augen sah sie den Verleger an. Er zog einen Schub auf; da lagen ihre Manuskripte. Er nahm sie heraus:„Eins, zwei, drei, vier, fünf I Fräulein, ich bin nicht abgeneigt. Ihre Novellen zu verlegen. Hier, die zwei schon in dem Käseblättchen abgedruckten und die drei noch nngedrucktcn, gicbt einen zwei Mark-Band." Es schwindelte Elisabeth. Stand sie denn fest auf ihren Füßen? So viel Glück I So viel Glück I Sie faßte nach der Tischplatte, um sich daran festzuhalten. Er sah ihre Erregung und nickte:„Sie haben Glück I Andere müssen Jahre und Jahre warten." „Ja, sehr viel Glück l" Wie beschämt senkte sie den Kopf. Der Verleger lächelte; er ließ seinen Blick wohlgefällig auf ihrer mädchenhaften Gestalt ruhen.„Sie sind noch sehr jung, Fräulein!" „O nein,"— sie wurde rot—„ich bin schon sechsnnd- zwanzig." „Ich hätte Sie für jünger gehalten," sagte er ohne jede Artigkeit.„Viele unserer Autoren haben sich in dem Alter schon fast ausgeschrieben. Heutzutage ist es Mode, in den Windeln anzufangen. Es kann einer gar nicht grün genug sein. Ihr Glück, Fräulein, daß Sie nicht zu früh angefangen haben!" Elisabeth sah ihn offen an:„Ich hätte lvohl schon eher gemocht, ich habe mich nur nicht getraut. Ich hatte zu großen Respekt I" Er lachte.„Vor wem?" „Vor der Kunst I" „Und den haben Sie jetzt nicht mehr?" „O ja, erst recht!" Sie nickte eifrig.„Jetzt, wo ich mich selbst mühe, weiß ich eist, was dazu gehört. Ich habe eine große Bewunderung für alle, die etwas erreicht haben." „Wollen sehen, wie lange diese Bewunderung dauert." sagte er mit skeptischer Miene; und dann, den Ausdruck ändernd, fragte er nach ihren ersten litterarischen Versuchen, ihrer Heimat und ihrem Leben auf dem Lande. UebrigenS war er ziemlich genau orientiert, er hatte sich anscheinend schon nach ihr erkundigt. Sic antwortete freimütig; ihr war, als hielte dieser kleine Mann ihr Wohl und Wehe in den Händen— er verlegte ja ihr Buch! „Und was hat Sie nun doch zmn Schreiben getrieben?" fragte er zuletzt. „Die Natur," sagte sie einfach.„Ich tveig selbst nicht, wie es gekommen ist; sie ist so schon, ich rmchte sie beschreiben. Und dann kamen Gestalten, die gingen hin nnd her nnd sprachen zu mir; ich las ihre Geschichte von ihren Gesichtern. Und dann Hab ichs eben so hingeschrieben. Wenn ich schreibe, ist es mir, als sagte mir einer inwendig immer was vor. Ost will ich gar nicht so schreiben, aber ans einmal stchts da. Ach muß. GS ist so komisch I" Sie lachte. Ahr Helles, fröhliches Lachen klang von den Wänden wider. War das ein wundervolles Lachen! Ihr Oberkörper schüttelte sich leicht unter der knittrigen Bluse; ihre Singen kuifsen sich halb zu, dag die dunklen Wimpern ans den rosigen Wangen ruhten; in dem vollen Kinn zeigte sich ein Grübchen. Und der Mang war so sonor, so gesund I tFortsepuna wcht.j Mttfov Alnsrltkvribett. Nun ist cS stiller getvorde» im Walde der musikalischen Nachli- gallc», Amseln, Spatzen»nd Nachteiilen: die ttonzerte der Saison sind in der Hauptsache seit längerem voriiber, nnd nur einige gc- mütlichere Produktionen von Gesangvereinen nnd Sinfoniekonzcrten, sowie die alhvöchcntlichm regelmäßigen Orgelkonzerte erinnern an die Fluten, die kommen nnd wieder kommen werden. Will uns der nächste Winter einen»och höheren Stand der musikalischen Gewässer bringen, als die bisherigen Winter gebracht haben? Es ist dies dnnbaiiS zu erwarten; ans einen täglichen Durchschnitt von einem halben Dutzend nnd alis einzelne Fälle von einem ganze» Dutzend musikalischer Vorsührnngen an einem Tage(die bloßen Ilnterhallungskonzertc natürlich ungerechnet) müssen»vir u»S schon gcsajzt machen. Auch das; die größte Masse in diesem ganzen Trubel wieder die kaum flüggen Sängerinnen bilden tvcrdcn, müssen wir voraussehen, lind daß die Fragen:..Wie all das? Woher all das? Wohin all das? Wozu all daS?— innner drängender an nns komme» werden, müssen wir nns ebenfalls sagen. Wenn Ivir jetzt in der Svinmerrnhe einiges zum BcrständniS nnd zur Kritik der fraglichen Dinge beitragen wollen, so heißt es vor allem, vorsichtig sein, daß»vir nicht eine so viclsällig verursachte nnd so vielfache Verschiedenheit bergende Masscnerschcinling allzu einfach erklären wollen. Immerhin Iverden sich einige Gnmdttzpe» unserer Erklärung nnd Kritik der Verhältnisse scslhalten lassen. Der erste Standpunkt, von dem ans ivir das Ganze zu betrachten gut tbnn, ist der>v i r t s ch a f t l i ch c. Allerdings spielt okononiischc Not hier nicht die erste Nolle, wennglcich sie n. a. bei dein lieber- maß an Klavier- nnd Gesangslehrern mit in Betracht kommt. Ins- besondere aber ist es die wirtschaftliche Znknnfl der Mädchen. die hier mitspielt. DaS„Heiraten" tvird— ivir wollen garnicht sagen l innner schwerer, aber: immer gkeichgiltiger. Da soll mm die Musik Tisch niid Bett ersetzen. Opfer nach Opfer ivird anS den vcr- schicdcucii Sparbcntcln heraus gebracht, ivird den verschiedenen IlntcnicHmcrii(als da sind: angebliche Lehrer oder Lehranstalten, Agenten nsiv.) zugetragen»nd ist schließlich in iltanch verflogen. lind das Publikum fleht inssserii unter ökonomischem Druck als es für die Musik in der Hauptsache nur dort Gelder her-- gicbt oder hergeben kann, tvo es ans gcsellschastlichcn Gründen dazu veranlaßt ist. Hier ivird nun den mnsilalischcn Krnflcn der Erfolg meistens in dem Maße zu teil, als er über- Haupt schon vorhanden ist. Dem, der viel hat, wird noch mehr gc- geben, und dein, der Ivenig hat, ivird auch noch das Wenige ge- iioinmen. Voil.Rettungen" verkannter Großen ist in diesen Wer- bältnisscn fast keine Rede; Ivo anscheinend eine vorgeht, dort ist die Bcrkcnnnng schon vorüber, und das Publilum beeilt sich mir eben, die erfolgte Anerkennnng z» bejubeln. Was sich alles iveiter daraus ergicbt, braucht hier ivohl nicht erst nnscinandergcsetzt werden. Der zlvcitc Standpunkt, von dem ans Ivir die fraglichen Dinge betrachten sollen, ist der k ü n st l c r i s ch e selber. Man vergesse nicht, daß cS sich um eine Kunst handelt, also um etlvaS, daS weit über Mvdclannen steht, das zmn eisernen Bestand menschliche» Lebens überhaupt gehört nnd immer iviedcr treue Jüngcrschaaren um sich sammeln ivird. Wohl jeder Künstler lebt ja für seinen Berns, nicht als für ein Mittel zu einem andersartigen Zweck, sondern ans unmittelbarem Drang danach. Tic AuSli'ahnicn, die einer Eitelkeit, einem finanziellen Interesse nsiv. entspringen, dürften weit geringer sein, als man manchmal glauben möchte; ja selbst, Ivo solche Rcbcnintcrcssen im Vordergrund standen, können sie im Verlauf des Studiums hinler die vornchineren lind echteren zurück- treten. Demnach ist eine gclvisse Art und Größe von Ancrkcnmnig auch diesem gesamten Massenkriben zu zollen: es bezeugt eben ein ausgebreitetes Zntcrcsse für Hingabc an die Kunst. Ja man könnte auch noch den Nutzen für sie erhoffe», daß diese inasiche Konkurrenz den lüiistlcrischcil Durchschnitt des Dargebotenen erhöhe. In der That ist dies wenigstens teilweise dce Fall; zu einem andern Teil wird freilich nickir der Kunslivcrt. sondern der Anpassnngs- wert den Ausschlag geben. die Bedeutung des Hinein- stimme»-- einer dargebotenen Leistung i» die gegebenen Verhältnisse, in den Modegcschmack. in Perionalbezichimgcn usw. Außerdem aber dürfen wir riicht vergessen, daß der Kunst- beruf und ganz besonders der Mnfikerberuf noch mehr als die mcisteu anderen Berufe unter ciiiem fortwährenden Tiirev-- cinnndcr von Meisterleistnng und Dilcttantenlcistmig, von Fachniauns- urteil und Laienurteil, insbesondere aber unter der noch lange niclit ansgervtteten Gcivohnhcic des Pnblilnms leidet, die Knust nna> dem zn beurteilen, ivas an sich noch nicht künstlerisch ist,»an> Inhalt. Tendenz nsiv., bestenfalls nach ciiicui oberflächlichen Effekt- cindriick. llnd dies führt uns zu dein dritte», unseres Ernchteus wichtigsten Standpnilkt, von dein aus ivir die fraglichen Dinge bc- trachten solle», während sie gerade von diesem ans am aNcrscllrnsten beirackilct werden, zn dein p ä d a g o g i s ch c n Standpunkt. Unter all de» schönen Fortsckirittcn. die ilnscr Geistesleben in der jüngsten Zeit gemacht, hat dieKnirstpädagogikjedensalls am tvenigsten an dere Fntcrejscn übcrivrchert. Daß die Künste ebenso ivie Wisienschasten nnd ivie die bislang üblichen Scknilgegcnslände eines llntcrrichts ihrer Jünger bcdiirsen nnd zivar, tvie schließlich jeder cchlc Ilntcrricht, eines crzirhcriichcn, ivennglrich selbstverständlicher Weise für jedes Lehrfach nnd für jede Gruppe von Lchrsächern rigcntünllichc Vcrichicdenheiten des Ilnlerrichis vorgcsorgt iverden müsjcn: Diese Erkenntnis fehlt im ganzen noch immer, nnd ihr Fehlen ist vielleicht der gefährlichste Frhlrr»nsercs Knnstlreibens, ihre Ertvcrbnng nnd Amvendnng ivird vielleicht die beträchtlickisic Förderung des Knnstlebrns sei». Aatür- licki iverden sich niemals Künstler züchten lassen, niemals fehlende Anlagen tünstlerischeu Gefühls durch kernenden Erwerb sctileelilbüi ersetzen lassen; aber ivas immer der Künstler braucht, um seine inneren Bilder herauszubringen, um schaffen zn können, was er will: das allcs läßt sich lernen nnd soll gelernt werden. Wir sehen dabei vorerst ab von den Fällen. in denen es nicht auf Hrranbildnng von swassenden oder»achschnffendrn Künstlern, sondern lediglich ans Kunstverständnis, ans cin Ergänzen der all- gkmeinen Bildung durch Belehrung über Kunstdingc und durch Eni- ivicklung eines ernsten, rcincn KunstgcschiuackcS ankommt, und bc- gnügen uns zunächst mit dem Protest dagegen, daß in nnseren höheren, mittlere»»nd elementaren Schulen ein derartiger Kunst- Unterricht nocli so gut Ivie ganz fehlt, und daß insbesondere unsere Vollsfckmle mit ihren kahlen Wänden und ihrer kahlen Prosa mit schuld ist an teilt, ivas ivir kurzwcg die Knnjllücke uusrrcS Volles nennen inöchlen. Wir bcschränken dieSmal unsere Fragestellmig auf den cigcnt- lichcu Knnstnnterricht, also auf die Heranbildung von schaffenden und nachschasfciidcn Llünstlcrn. Den Anschein hat es allerdings, als werde für ihn genug gclhmi: die große Zahl der Lehranstalten für Ninsir, der sogenannten Konservatorien in nnseren meisten Großstädte», die notorisch lniigen Zeiträume und intensiven Nerven- kräfte, die auf die Ertvcrbnng»ntsikalischen KönnenS verwendet iverden, möchten uns von einem sehr hohen Stand der berufsmäßigen musikalischen Ausbildung erzählen. Allein tvcr in diesen Dingen mir cinigrrmaßcil bcwandcrl ist, hat sicki niiscrcn Konservatorien gegenüber bereits läiigst resigniert: er weiß, daß sie. wenn nicht Schwindel, so doch großenteils etwas sind, das mir„auf dein Papier" steht, daß ihre Lehrer in erster Linie etwas anderes als specisische Lehrer sind pvas übrigens auch an iiiiscrcil Nniversitäten vorkommen soll), daß ihre Daibiclimgeil an Umfang ohne Verhältnis zu de» aufgrivcndcten Koste» stehen, und daß sie keine genügende Fürsorge für die gesamte ninsikalischc Ausbildung des Eleven tragen, daß sie bestenfalls specielle Fachschulen und bei weitem nicht Berufs- schulen sind, Fälle wie der, daß einem Gcsangsschülcr wöchentlich zweimal 10 oder 15 Minuten Gesangsnntcrricht. der ihm zweifellos unent- behrliibc Klavicrnntcrricht überhaupt nicht erteilt ivird, sind weder die lrafsefteii, die ivir aufzählen köiniten, noch anck, etwa ans den dunkelsten, viclinchr ans den hellsten Mnsikichiilcn genoiinncn. Und trotzdem wird ninn in Beantwortung der Frage, ob einem Kunst- jünger Privat- oder Schiilniiterricht zn raten sei, sich nur nuter außerordentlich günstigen Verhältnissen für einen genügend znsnnnnen» gesetzten Privatunterricht, sonst immer eher für cüicii Schulunterricht entscheiden müssen. Diese gesamten Verhältniffc stehen mm aber iviedcr mit zwei anderen Angelegenheiten in enger Verbindung. Einerseits mit der eines bcnifsniäßigcn geiiossenschastlichen ZnsnnimeiischlnsscS. Sind die fachmäßigcn Vertreter eines Berufs gesellschaftlich einig und gesellschaftlich stark st'teressicrt, so werden sie auch für eine genügende Hohe des Unterrichts auf ihrem Gebiet eher als sonst Interesse gewilincn; und nnigekehrt wird eine Gesellschaft fachinäßig Ans- gebildeter eher als eine andere für ihre sociale Stellung sorgen. So kann auch die Tendenz eines neulich viclbcmcrktc« Vortrags zu Dresden in dein Verein„Rechtsschutz für Frauen" über das Schau- spielcrinnen-Elend. die Tendenz nach Organisation der Beteiligten, für jeden kiiiiftlcjüscheit Beruf vorbildlich sei». Andererseits stehen jene niangelhaften Verhältnisse des cigcntlichcn KunftnntcrrichtS in r-ccv Perl'ii»du>iji nnt den schon erwähnten inongclhnsten Verhält- inisr» der Hrrandildnng zum KüiistverständniS im Rnhinen der oll- o.rineincn Schulen. Ein Pndlikuni, das nicht tinmal gelehrt worden ist, zu versteht», wo Künstlerisches anfängt und Ivo eS noch nicht anfängt, geschweige denn, das', es einen Geschmack dafür erworben hätte, was beispielsweise ein schöner und waS ein unschöner Eciangs- roii ist: ein solches Publitum ivird ivohl immer in Gefahr sein, den schlechteren Künstler über den tüchtigeren zu stellen.— sz. Kleines Lenillekon. k. Wie nltägyptischc Touristen die Trnkniälcr hcsrltzellen. Wenn heute die Touristen im Anblick historiicher Tcnkmäler ihr.r Crgrissenheit nicht anders Ausdruck zu verleihen vermögen. als dadurch, dag sie ihren A'anic». das Datum des dcnlwnrdigcn Tages:c. anlrivcl». so ist man höchlichst über sie entrüstet. Dag die alten Aeghpter dasselbe gethan— dafür Iveig man ihnen schönen Dank, und ihre.Dokumente" werden sorgfältig gesammelt. In der That sühren diese oft besser und unmittelbarer in das h'ebc» und den Geist deS allen Volkes ein, als mancher dicke Foliant. Die alten Äcghptcr waren eifrige Touristen und sie bekritzelten die Monumente, zu denen sie kamen, aus Leibeskräften. Die Phramidc von Meydum— erzählt der sranzösische Archäologe Maspero— hatte den Ausgräbern so gut widerstanden, dag man sie für ganz im- berührt hielt und sich wunder was von ihr versprach. Als ich endlich riiidrang, lvar daS erste, was ich sah— der A'ame eines Schreibers Solan, der an die Thürc geschrieben ivar; daneben halte sei» Kollege Amomnosn ein gleiches gethan. Sic lebte» mttcr der 18. Thnastie, snst LlXXI Fahre»ach der Erbauung der Phramidc, und sie ivaren zu diesem Grabe des Königs Snosnu gepilgert wie man heute zu alten Baudenkmälern wallfahrtet. Sic waren sogar zu dem engen Gang hinaufgeklettert, der zu der Grabkannner führt. Man riskierte, bei der Klcttcrtonr auf die Phrainide sich daS Genick zu brechen; nnd für gewöhnlich begnügte» sich die Touristen, in die kleine Kapelle zu gehen, die am Fnsie deS Baues für den KnlinS dcs verstorbenen Pharao cingcrichtet ivar. Dort schrieb man in aller Nnhe nicht nur seinen Namen ans einen schönen, Platz, sondern fügte auch allerhand Nemiilisceuzen aus alten Schriften hinzu und gab seinem Emhusiasiiius»msländlich Ausdruck. Der Sohn desselben Amomnosu, der sich oben verewigt hat, ist unten geblieben und erzählt in höchster Brgcistrniiig, wie er ,ge« konmicii sci, die schöne Kapelle Snofrnis zu besuche»." Er habe sie .im Innern gefunden wie den Hiiumcl, ivcn» NZ., die Sonne, sich an ihm erhebt. Der Himmel regnet Myrrhen, er löst sich aus in Weihrauch vor der Kapelle Snofrnis." Und als ob kiescr schöne poetische Ergug noch nicht genügt hätte, die Seele dcs Herrschers zu befriedigen, wendet er sich in langer Rede an die lünsligcn Geschlechter, mit der Bitte. für ihn zu beten. Andere, die nach ihm kamen. sanden angenschein- lich grosieS Gefallen an seiner poetischen Prosa mid machten eifrig die schönsten Stellen zu ihrem geistigen Eigen! in». Biel Kritik bc- wiesen übrigens die Tonristcn damals im allgemeinen ebenso wenig wie heute. Sic gerieten vor allem in Ekstase, wenn es nur recht alt ivar. Neben de» allgemeinen Schwänncreieu finden sich aber auch die gcnancsicn Angaben über die Zeit der Inschrift, unter ivelchein König, nach welchen bedeutenderen Ereignissen»sw. sie versaht ist, und diese Angaben werden zu ansgczcichnclen Hilss-- mittein für die Geschichte. Weiter geben die Sclircibcr genau die Motive an, die sie an den Ort geführt haben. Diese Giiinde sind pst sehr merkwürdig. Die Aeghpter Ivaren erfahrene Magikcr, und besonders ivaren diese verlassenen Bauwerke der gecignelste Ort für Zanbrriverkc. So begab sich unter der Rcgicrinig Rainscs II. der Schreiber Panna ans Memphis eines Nachts zu dem Grabmal eineö gewissen Shopsisnphtah, der zwei Jahrtausende vor ihm gclcbt und zu seiner Zeit in dcm Rufe gestanden hatte, im Besitze über» natürlicher Kräfte zu sein. Er brachte die geeigneten Zaubcrbücher mit und rentierte daraus in der Kapelle Bcschwönmgsformcln. Wenn allcS nach Wunsch ging, muhte ihm eine nngchcnre Schlange er- scheinen, die Schlange, ivclche sich in der Phramidc dcs Pharao Sahur! verbarg nnd in der die Seele dieses Königs sich zn enthüllen pflegte. Panna suchte von ihm ein Rezept zu erlangen, das sein Dasein auf Erden bis zu dem Alter von litt Jahren— das kein Sterb- lickcr überschreiten konnte— verlängerte. Die Gebete waren kräftig, denn sie ivaren den Büchern entnommen, die vom Goite Phtah selbst versaht waren i aber jedenfalls ivar die fscit nicht geeignet: Panna ging bis zur eisten Beschwörnngs- ormel— kein Erfolg!! Da verlor er den Mut und ging nach Hause, aber vorher schrieb er noch das Protokoll der«nfnicht- baren Sitzung in schöner Kursivschrift auf die Mauer. Auch sonst kritzelten die Kranken, wenn sie ein Orakel befragt hatten, auf einen Felsen in der Nähe oder auf eine Wand dcs Heiligtums eine Dank- sage an die Gottheit, die sie auf so ivunderbare Weise geheilt hatte. Einer der Frommen verewigte auch einen Angstschrei an seinen Schutzpatron:„Verlah mich nicht, o Rä-Harmakhis!" Ebenso aber liehen die llnznfriedcncn auch ihre schlechte Laune auf den Mauern aus. Der Archivar Phtahschadu hat zivar vergessen, uns zu verraten, womit sein Chef ihn so furchtbar geärgert hat, aber er hat auf Felsen bei Theben ein Couplet geschrieben, in dem dessen Persönlich- leit arg zerzaust wird..Der Befehl meines Herr», das ist ein Krokodil.— Sein Zahn ist im Wasser, aber wo?— Seine Zakme sind in dem Kaunl dcs Westens.— und scin Auge blinzelt." Das scheint eine Malice gewesen zu sein, über die die Thebaner Wochen bindnrch bersten wollten vor Lachen. In den Jnhrtansendcii ist das Satz dieses Witzes ein wenig verdampft, nnd man versteht ihn gar nicin mehr ohne folgenden Kommentar: Zunächst galt daS Krokodil a's ein verräterisches Tier, das sich in trübem Wasser»ufhält— in dem „Kanal",— und sich scblafcnd stellt, um seine Beute nicht fortzuscheuchen. So stellen es die alten Wandmalereien dar, wie es ruhig daliegt, mit un- schuldigster Miene, als wäre cS nur eine grohe Eidechse, die niemand etwas zu Leide thuu könulc. I!ud im Augenblick, Ivo mau am wenigstens darauf gcfnht ist, kommt ein Schlag mit dcm Schwanz, ein paar Mal Ziislbnappcn, und ein Schaf, ein Hund oder ein Mensch ist vcrschivniiden. Phtahschadu hatte also einen Auftrag erhalten, der sehr srcundlich aussah, aber gefährlich anSzusühreu lvar, und er vor- glich'hu mit dcm falschen Krokodil- cr halte eine Ahiinug, dah sein Leben auf dem Spiele stand, wenn cr auch noch nicht Junhte, Ivo die Gesabr slcrlle, und deshalb sprach er von den, Kmlal des Westens, über den der Weg zum Grabe führte. In dieser Gemüts» Verfassung machte cr seinem ocprchlcn Hcrzcu in der Ileinen Bosheit Luft.— — Gk.vas tiom Jiigerdenksch. In der Halbmonatsschrift .Niedersachsen" findet sich mttcr dicicm Stichwort folgende interessante Abhandlung. Die Jäger reden nicht nur ihr Jägerlatein, sondern auch ihr eigenes Jägcrdrutsch, das dem Laien vielfach unverständlich ist. Eine Rebhnhnstmnlie nennt der Jäger beispielsweise Kette. Dieses Wort hat aber mit unserer Eist»»Kette(vom lateinischen catvnic) nichts zu schaffe». ES hicfi nach P. LcnibkeS Studien über die deutsche WeidniannSsprachc im vorigen Jahrhundert noch Kitte {althochdeutsch ebnUi, mittelhochdeutsch kütie, niederdeutsch kötte) und bedeutet so viel wie Hansell. Schar. Dasselbe bedeutet das Weid» mannSivort Rudel lein Rudel Hirsche), es ist dicS die VcrklcinennigSfocnl vom»littelhochdcutschen und niederdeutschen rocls— Rotte.{Man denke au den Rnmcn Rodcrich!) Auch das Wort Rüde scheint aus rode, nidc cutstandcn zu scin. Ein Hirschbock hcisst im Ziieder» denlschen Hatzbock. Tie niederdeutschen Ortsnamen Hatzfeld, Hätz» brach(Hastbrnch) l-cdculeu Hirschfcld, Hirschbruch.— Das weibliche Schwarzwild nennt dcr Jäger Bache, vom niftlclhochdcutschcn bac-be, uicdcrdculschcn backe, englischen back{back side)— Hinter» teil, Scbiiikcn. Eine Bache ist also ein Schinkcnticr.— Eine grobe San hcis-.t so viel wie starke, massige Sau. Grob, niederdeutsch j..row, bedeutet ursprünglich dick, stark..Grow Korn" nennt noch henie der iiicdcrdcnlscke Bauer dickes, stämmiges Getreide.— Das WkidmaimSwort Dicke. Dickung dagegen ist abgeleitet von dick, daS ursprünglich dicht bedeutet. So spricht dcr Niederdeutsche noch henle vom dicken Nebel!— DaS Weidmnnnswort Balg bc» dcittcl iirsprüiiglich Schlauch(althochdeutsch xalc). Die Bcneiuunig Balg ging auf die Tierhäute über, weil ans diesen die Schläuche jür Getränke hergestellt winden. So bezeichnet nnscr Wort Oxhoft ursprünglich einen Schlauch nnö RindSIcdcr{oxb.ovt, Ochscnhaut). — Drossel nennt der Jäger die Lufiröhre deS Hirsches vom millclbochdcntschcn drozze— Kchlc. Auch das Wort cr» drosseln, der Bogclimme Drossel nnd dcr noch hcntc vor» kommende Name Drosselbart sind ans drozze gebildet.(Unsere Vorfahren verstanden unter Drosselbart einen Menschen mit einem Kropf.)— DaS Schreien des Hirsches nennt der Jäger röhren, vom mittelhochdentschcn reren, niederdeutschen roren — brülle».— DaS WcidmannSwort B r n n st ist nicht von brennen abzuleiten; es hicg ursprünglich brmrbt mid bildete sich auS mittel» hochdeutsch dreman bnninnen(dumpf brüllen) wie Vernunft aus vernehmen. Auch das Wort Bremse, nicdcrdcuisch Bröinse, d. h. Brunnnflicge. ist von dreman abgekiiet.)— Viele unscrer heutigen Wörter und Redensarten ciitstanunen der Jägersprache, wie vorlaut, naseweis, bärbcispg. nnsgclasscn, Wikdfaug, drirch die Lappen gehen. auf den Busch klopfen, zur Strecke bringen, auf falscher Fährte, auf der Spur sei», Sprünge machen. Wind belonnncn rc.— Zsnllurstcschichtlichcs. dg. Die„ K n o k c n h o n w e r", wie in Alt- Verlin die Schlächter hieben, dürfen sich rühnic», mit zu den ältesten Gcwcrken unserer Stadt zn gehören. Das älteste noch erhaltene Statut dcr Berliner Schlächter wurde.gegeben 1811 am St. Marcustagc", <25. April). Es beschäftigt sich mit den Fleischscharren, die den Knochcnhauer» übergeben Ivcrdcn sollten. In jedem Vierteljahre sollten sie pro Scharren!gS mir in: Interesse der reiche» Käufer. De» Arme» und Hoipilaliten ivurde d.io lr>i»rc Vieh»derlasse», r>5 n»f denr Markt zu verhaudcl», war verdate», klin genaue Koulrollc iibc» zll löuiieu, Ware» die Schlächter nugrlvieseu, ihre Ware stets im Scharreu zu verkaufen. Rur wenn Osler» oder Jahrmarkt war. durste jeder, der über de» HaiiSdcdars geschlachtet hatte, Fleisch zum Handel dringen. Sonst war es seldjt den Garküche»»utersagt. Fleisch zu verkaufen oder auch nur an die Thür zu hängen. In einer„Fleischcr-Ordnimg" von lCöli wird der Preis der einzelnen Kleischarten genau festgesetzt. Danach kam das Pfund.vom gut gcmestctcn Ithide durch das gantzc Jahr zehn g»tc Pfennige", dadei sollte»keiner mit Znnchnumg der Kaldauneu ividrr seinen Wille» beschtveret werde», sondern allein da? Pfund Kaldaunen um acht gute Pfennige, Lunge und Leder ader das Pfund vor fünf gute Pfennige verlauft werden." Der Flcifchverkauf muhte im Sommer in» sünf, iin Winter um sechs Uhr morgens beginnen, damit ein jeder Fleisch bekomme» und solches zur rechten Zeit zum Feuer dringen und gaar machen lassen könne." tli» uraltes Privileg der Berliner Schlächter war das HntnngSrecht. Das Köllnijche Gr werk trieb fein Vieh auf den Urban, das Berlinische auf die.Stadt- sreihcit", die sich vom Ssmiidaner Thore bis zur Jungsernheide und »ach Lichtenberg und Boxhagen hinzog. Erst mit der Einführung der allgemeinen Gewerbesreiheit, die zugleich die Flcischtaxe aushob, winde auch daS Hiitungsrecht aufgehoben.— Pstichologischcs. ss. Gehirnlicht. Es ist ctiva ztvei Jahre her, das-, Seriplnre von der Dalc- Universität in Reiv Häven(Vereinigte Staaten) eine höchst nrerkivürdige llntcrsnchnng veröffentlichte. Sie beschäftigte sich uiit den Lichtbildern, die fast jeder Mensch gelegentlich vor sich sieht. wenn er die Augen schließt. Die Erscheinung an sich ist selbst- verständlich der Beachtung der Wissenschaft nicht entgangen, aber um» begnügte sich bisher stets damit, ihre» Ursprung in den chemischen Vorgängen auf der Netzhaut des Auges zu suchen, und man sprach daher auch von ihr als dem»Eigeulicht dcr Netz- haut" oder dem.Nctiuallicht". Scripture dagegen gelangte auf Grund seiner Beobachtungen zu dem höchst auf- fallenden Schluß, daß die Lichtbilder nicht von der Netz- baut und überhaupt nicht vom Auge, sondern geradezu vom Gehirn ausgingen, und uaniile die ganze Erscheinnng infolge dessen .Gehirnlicht". Als Beweis für seine Ansicht führte er an, daß stets nur ein Lichtfeld an Stelle von zweien vor den gcschloffeue» Augen erschien und daß dieses eine Feld keine Anzeichen einer Vereinigung aus zwei Angcnbildern böte, serner daß die Figuren in dem Licht- jelde mit der Bewegung der Augäpfel sich nicht veränderte», endlich daß die Figuren auch dann keine Bewegung zeigten, wen» das Auge durch einen Druck mit den Fingern seitlich verschoben würde. Nach- dem die früheren Ausführungen des amerikanische» Psychologen mehrfachen Zweifeln begegnet sind, setzt er jetzt die Erörtenmg seiner- frits in der New Dorler.Scicnee" fort und berichtet von einem jüngst gehabte» Erlebnis. Er beobachtete während einer Nacht die Bilder des»Gehirnlichtes" unter ganz denselben Erscheinungen ivie früher. Als der Tag zu dämmern begann, so daß Scripture den Fenstcn'ahmen in dem schwachen Morgenlichte zu unterscheiden vermochte, blieben die Lichtbilder bei offenen Augen bestehen. Wenn ,r mit den Fingern beider Hände gegen das äußere Ende der Aug- äpfel drückte und sie auf diese Weife gleichzeitig in entgegengesetzten Stichtungen verschob, so erschienen zwei Bilder des Fensterrahmens, die sich'in entgegengesetzten Richtungen entsprechend dcr Verschiebung der Augäpfel beivegte», die Lichterscheinung aber verdoppelte sich nicht und bewegte sich auch nicht. Da ei» Irrtum in der Beob- achtmig angeblich ausgeschlossen war. so hält Scripture diese Er- scheiuung für eine» vollkommenen Beweis der Enlstchuug jener Licht- bilder in dem Gehirn.— Medizinisches. n. Ein genähtes Herz besitzt ein kürzlich an? einer italienische» Klinik entlassener 23jähriger Man». Er wurde vor ettva zwei Monaten angefallen und erhielt zivci Dolchstiche, die das Herz trafen. Trotz des schweren Blutverlustes konnte er noch lebend in das Krankenhaus gebracht tvcrdcu. Der dortige Arzt. Dr. Pamoni, der den interessanten Fall in der„Ilivista di Chirurgia" beschreibt, nahm sofort eine uuifangrciche Operation vor, indem er durch mehrere tiefe Schnitte den Ltanm zwischen dcr drittelt und fünften Rippe bloSIegte und so den Znstand des Verivundeten Herzens beobachten konnte. Es fand sich eine Stichwunde im Herzbeutel, die bis zur Länge von 6 Centimeteni erweitert ivurde, damit man den Verlauf der Verletzung feststellen konnte. In der vorderen Wand dcr Herz- kammerfanden sich zivei Wunde», die je etwa 1 Centiineter lang waren»nd das Blut in Strömen ans dem Herzen treten ließen. Trotzdeni dieser Befund ivenig Hoffnung gab, versuchte der Arzt eine Heilung Herbeizuführen, indem et die Wunden nacheinander ver- nähte. Das fast llnglanbliche gelang, die Nähte Ivnrden glücklich auf dem Herzen untergebracht und der Patient konnte nach 49 Tagen das Hospital geheilt verlassen. Technisches. — Antiker Wasserleitungskitt. F. Dörner untersuchte, wie die«Tech». Rnndsch." mitteilt, den Kitt, welcher zur Dichtung der römischen Wnsserleitimg bei Smyrua»nd von dazugehörigen Thon- leitungcn gedient hatte, und fand namentlich kohlensauren Kalk in ihm. außerdem aber organische, in Aelher lösliche Substanz, die aus Stearinsäure und Palmilinsänre bestand. ES liegt somit höchst- wahrscheinlich der von Vitnivins bcziv. PlininS erwähnte Ocllilt vor, ivelchcr durch Zusaminenreiben von»lebendem", das heißt ungelöschtem. Kalk und Oel erhalten wurde. Es bildet sich dabei eine Kallseise, welche sich nach dem vorstehenden bis auf den heutigen Tag erhallen halte, loie es scheint, allerdings nur zum Teil.— Hnmorlstislkle». — Er weiß e k ja. In eine Apotheke der stcirischen Lande?- Hauptstadt tritt ein Bauer und blickt forschend umher. Tann wendet er sich ohne ein Wort tvieder zur Thüre. »Na. Vetter," fragt der Apotheker,»was hätten©' denn gern V" »Oes hnbt'S es net," ist die Antwort. »Aber ivar»»» denn nicht? mir haben alles, was Sie brauche»." »Oes Hnbt'S es net." »Wenn ich Ihnen aber sage, wir haben alles. So sagen Sie doch mir. was Sie habe» wollen." »Zon Sakra. Ls Hnbt'S es»et, i siach's ja. Laßt's mi aiissi I" »Nein, eist sagen Sie. was Sie wollen!" »An G o a ß c t st e cl'»!"(Peitschenstiel.)— — A e» g st l i ch. F r a n(zum Professor, dcr ans dem Standesanit die Geburt seines Kindes anzeige» soll):»Aber»icbt wahr» Mälmchcu. Du nimmst Deine Gedanken zujarnme»... nicht daß Du Dich da auf dem Standesamt noch einmal ver- heiraten läßt!"— — Vorteilhafter. A.: Heute winde mir Fräulein Schachtel- Halm vorgestellt; an deren Wiege haben aber auch nicht die Grazien geslaiidril!" V.:»Nein, aber dcr Geldschrank!"— (»Meggcnd. hnm. Vl.") Notizen. — Alexander D» in a s d. Aelt.»Drei M n s k c I i e r e n" wurde» in den Jahren 1873 bis 1898 nicht weniger als 2 840 000 Exemplare in Frankreich allein abgesetzt.— •— In Italien ist die Anssnhr bedeiilender alter K n n sl- werke durch das Edict Pacca verboten. Kürzlich verlaiiste der Prinz Ehigi in Rom ein in seinem Besitze befindliches J»ge»dbi!d von B o t t i e e l l i für 915000 Fr., rerpssich'tete aber den Känse. sich bei der Regiernng zu melden und aiizngeben. daß da? Bild in Rom bleibe. DaS versprach der Käufer mich. Er schickte eine Visitenkarte uiit eiiier römischen Adresse a» daS lliiterrichlSliiimsteriiim, worauf ihm bedeutet wurde, er müsse den Bcsitzwcchsel ans Stanvel- pnpicr anzeigen. Tics geschah, alxr als nun die Regiernng ihre Inspektoren schickte, cnldcckle mal», loie die»F-.lf. Ztg." inii- teilt, daß Name n»d Adresse deS Käufers falsch und dieser selbst samt dem Bilde fort sei. Wer der Käufer ist und wo das Bild hingewimdert ist. lvciß man noch nicht.— — Die französischen Ausgrabungen bei S n s a förderten u. a. einige wichtige Funde anS dcr Steinzeit zu Tage.— — Da? Ficld Colurnbian Akusciim in Ehikago wurde jüngst durch eine brinerkcnSwerte Sehenswürdigkeit, ein Relief- Modell des Mondes, bereichert, das 19 F»ß(0 Meter) Durchnicsser bat und dessen(halblngclsönnige) Oberfläche dem Beschauer alle Details des mis sichtbaren Teils der Mondoberfläche in getreuer Nach- bildnng zeigt.— — Der K o n g r e ß für McereSforschnngen in Stockhok>n ist am 25. Jmii geschlossen Ivordrn. iiachdeiii die von de» beide» Sektionen nuSgearbeitelen Vorschläge angenomiuc» worden sind. Die Errichliiiig eines Genera lbnreanS mit dazu gehörigem Laboratorinm zur hydrographischen und biologisä en Erforsch»»') drs nördlichen Atlantische» OccanS. der Nord- und Oflsee ist beschlosscii Ivorde». Es ivurde auch auf den» Kongreß dcr Wunsch ansgc- sprochen, daß die F a r ö c r und Island an da? enropäische T c l c g r a p h c n n c tz angeschlossen werde» möchten, da dies sowohl siir die Fischerei wie für den Wcllcrdienst von Nutzen wäre. Was das isländische Kabel belrifft, so haben sowohl daS isländische Althing>vie dcr dänische Reichstag schon längst für diesen Zweck jährliche, den Zeitraum von 20 Jahren musasleiidc Uiiterstützinigcn vcwilligt. Das meteorologische Institut in Kopenhagen hat sich an europäische»nd amerikanische metcoroglsche Juslilnte mit der Auf- forderimg gclvandt, sich für die Beziehung von Wctteriiachrichte» anS Island'zn' verpflichten. Sobald sicb die nötige Abomicntriizahl zusanmleiigcftliidcn hat, wird an die Verwirklichnng deS isländischen Kabels gegangen werden.— t Die C h i k a g o e r Hochbahn-Gesellschaft bat ISO 000 Fuß A l ii m i» i n>» d r a h t in Bestellnng gegeben, um ihn zur Stromleitung auf ihren Bahnen zu beimtzen.— —»ButzkeS selb st zünde ii de Glühlörper Aktie»- Gesellschaft in Berli n."(„Berk. Tagbl." 27. Juni, Abend- Ausgabe.)— Gedörrter Zwetschgenhändler.—_ Beranlwortlicher Redaeleur: Hugo Poc Usch in«erlin. Dmck und Verlall von Max Bading m Versm