Hlnterhaltungsblatt des Borivärts Nr. 126. Freitag, den 30. Juni. 1899 (Rachdruck Verbote».» Icfcc die Vuniff! 101 Roman von C. B i e b i g. In der schwülen Luft des Bureaus that das Wohl. Vor dem Auge lag mit einem Mal blühende Heide: ein Vogel stieg kerzengerade aus dem Kraut, schmetternd, immer höher hinauf in den sonnigen Aether. Der Verleger sah sie wohlwollend an.„Sie haben Talent, Fräulein, viel Talent und eine glückliche Charakterveranlagung. Heutzutage sind die Talente Treibhauspflanzen, üppig im Blattwerk, aber schwach von Wurzel. Sie sind gesund!" „Ja. das bin ich I" Sie lachte wieder und zeigte die weißen Zähne hinter den frischen Lippen. Wie ein Schauer glücklicher Sorglosigkeit rieselte das Lachen nieder; es fiel erquickend auf die Seele wie Regen auf verstaubtes Land. Ihre Wangen leuchteten in freudigem Rot.„lind glauben Sie wirklich, glauben Sie, daß ich etwas werden kann?" Sie beugte sich zu ihm und suchte vertrauensvoll seinen Blick. „Etwas Großes leisten?" Als hinge Ihre Seligkeit von seinem Urteil ab, so sah sie ihn an. „Sie sind noch jung genug, Sie haben, abgesehen vom Talent, Gesundheit und Energie— warum nicht? Rur eins fehlt Ihnen noch: Sie müssen Leute haben, die ihr Lob aus- posaunen, die das Tamtam schlagen; Leute, die nicht bloß Ihre Bücher leihen, sondern auch kaufen. Mit einem Wort: Sie brauchen noch eine Clique I" Sie sah ihn verständnislos an. Er fuhr ernst fort:„Das größte Talent hockt zeitlebens unbekannt in Dachstuben, wenn keine Clique sich seiner an- nimmt. Die ist ein mächtiger Faktor in unserem künstlerischen Leben." Sie schüttelte den Kopf und lächelte ungläubig:„Ich weiß nicht recht,>vas Sie mit„Clique" meinen. Aber das weiß ich: tvas wahrhaft groß und schön ist, das dringt immer durch. Es wäre ja traurig, wenn das nicht so wäre!" Er zuckte die Achseln.„Viele Talente verschwinden un- gekannt, andere, die gar keine Talente sind, Ivcrden auf den Schild gehoben. Auch»vir müssen uns der Clique beugen— »vir wollen leben." Er seufzte leicht. „O"— sie wurde rot und biß die Zähne zusammen— „eine falsche Welt! Da»nöchte ich nicht drin leben. Aber" — energisch schüttelte sie den 5topf—„so ist es ja doch nicht!" Sic lachte ihm ins Gesicht:„Sie»vollen nur bange machen! Bange machen gilt nicht! Ich fürchte mich nicht. Ich brallche auch gar keine.Clique',»vie Sie sagen. Ich werde schon durchkommen. Wem meine Sachen nicht gefallen, der braucht sie ja nicht zu lesen." Frisch und frei sagte sie es, den Mund ein wenig trotzig aufgelvorfen, den Kopf stolz gehoben. Ein herber Duft ging von ihr airs; ein starkes Leuchten brach aus ihren Augen, zog»vie Sonnenschein über ihr Gesicht und gab ihm eine reine, fast kindliche Schönheit. Der Verleger lächelte.„Sie haben Courage I Sie sind »vie Jakob Heider, der sagt:„.Ich pfeife auf das Publikum, und auf die Kritik—" na, ich will Ihnen das lieber nicht wiederholen, es ist ctivas kräftig. Ein Hauptkerl!" Maier lachte»vohlgcfällig.„Steckt voller Begabung, ist aber arm»vie eine Kirchenmaus; nebenbei bemerkt, schenkt er sein letztes Hemd»veg, wenn ihn einer darum bittet." „Der gefällt»nir!" Sie nickte befriedigt. Und dann sagte sie mit ein ein tiefen,»vohligen Aufatmen:„Ich»mißte es ja, daß mich heute ein Glück erwartete I.Wann»verden Sie mein Buch drucken? Bald, ich bitte Sie, bald! Ich kann es gar '"cht erwarten.„Einfache Geschichten" möchte ich's nennen „Unmöglich!" Er»nachte eine Gebärde des Entsetzens. „Kauft ja kein Mensch l Ich»verde Ihnen schon einen Titel finden. Uebrigens"— er legte die Hand schwer auf das . Manuskript—„für's Publikum ist das nichts. Sie sind kein Geschäft. Ich verlege das Buch,»veil es mich interessiert— schön— aber»vas meinen Sie»vohl,»vas ich daran vcr- diene?" „Nun?" Sie sah ihn erwartungsvoll an. „Gar nichts." Das Blut schoß ihr zu Kopf; das hatte sie nicht er- wartet.„Es giebt doch so viele Menschen, die mir wohl- wollen— ich habe Freunde," sagte sie stockend. „Ich mache Ihnen folgenden Vorschlag," fuhr er fort, ganz gcschäftsnräßig, ohne ihren Einwand zu beachten. Sie hörte ihm mit großen Augen, aufmerksam horchend, zu. Er entwickelte ihr die Verlagsbedingungen und sprach vollständig sachlich, ohne jede Spur des vorher gezeigten freundschaftlichen Wohlrvollens. „Also, ich kann Ihnen selbstverständlich kein Honorar zahlen," schloß er.„aber ich kontrahiere mit Ihnen auf Rein- gewinn; die Hälfte Ihnen, die Hälfte mir. Sind Sie ein- verstanden?" Sie nickte. „Alle kaufen sie mein Buch!" sagte sie zuversichtlich. „Gelviß, es ist mir recht so. Ich bin so sicher, wir»verden eine Masse Bücher verkaufen. O, ich bin froh! Wenn das der Onkel noch erlebt hätte, oder der Vater oder mein Mütterchen I" Es stieg feucht in ihren Augen auf, aber der Mund lächelte; ihre Gestalt hob sich»vie auf Sprungfedern, elastisch, von freudiger Zuversicht geschwellt. Diese Augen mit ihrem großen, heiteren Blick sahen den Stern schon nah, näher am Horizont, ein herrliches Glanz- gebilde, Strahlen»versend rundum. Und der Horizont rosig in Freudengluten getaucht, ein Rosenmeer, den schönsten Morgen verheißend. Sie stand nicht mehr in dieser düsteren Stube mit den hohen Bücherregalen an den Wänden und dein kahlen Pult. Sie hörte nicht das Klappern der Schreibmaschine nebenan und das Rücken der Comptoirstühle. In ihrem Inneren sang eine süße Stimme Lieder der Verheißung— zauberische Melodien, die sich ins Ohr stehlen und das Herz wiegen, daß sein Schlag leicht»vird. Es klopfte. Sie schrak zusainmcn. Maicr hatte„herein" gesagt. „Ah!" der Verleger lachte,„iupus in fabula, gerade haben »vir von Ihnen gesprochen, Heiderl Morgen, Erdmann, was siihrt Sie denn hierher?" Der blonde Erdmann errötete»vie ein Mädchen; in seinem vertragenen Sommerrock stand er linkisch da. Ein dickes Manuskript hielt er unter den Arm gepreßt; jetzt ließ er's fallen,»nit eincin dumpfen Knall prallte es auf die Diele, gerade vor Elisabeths Füße. Beschriebene Blätter flogen nach allen Seiten. „Etivas stürmisch,»vie imnrer!" Maier gab sich einem Heiterkeitsausbruch hin; es schien, als seit»nit den zwei jungen Leuten, die eben eingetreten, eine burschikose Stimmung über ihn gekommen. Man kannte, den zugeknöpften Geschäftsinann kaum wieder. Elisabeth hatte sich gebückt, sie half die verstreuten Blätter auflesen. Nun standen sie und sahen einander an, das heißt Erdmann»vagte kein Auge aufzuschlagen, er stand»vie geknickt. Ein schalkhaftes Lächeln huschte über Elisabeths Gesicht, das Grübchen in ihrem Kinn zeigte sich. Maier stellte sie einander vor.„Eine junge Kollegin," sagte er,„verlegt ihr erstes Buch bei nrir. Kinder, Ihr müßt nun ein bißchen nett gegen sie sein, verrupft sie nicht gleich zu sehr." „Wenn sie»ras kann, braucht sie keine Bange zu haben." Heidcr zeigte blitzende»vciße Zähne, das einzig Schöne in seinem brämrlichen Gesicht, wenn man nicht den Ausdruck desselben schön nennen»vollte, diese ofscne� jungenhafte Frei- mütigkeit. Er faßte Elisabeths Hand mit einem kräftigen Druck und schüttelte sie. „Auf die Kritik Pfeife ich; nur auf die, die ich selbst schreibe, nicht. Schreiben Sie was Gutes, Fräulein, sonst, »venn Sie auch noch zehnmal hübscher»vären, als Sie sind, verreiße ich Sic fürchterlich l" Er zeigte die Zähne, als»vollte er beißen. Sie lachte ihm ins Gesicht:„Ich fürchte mich gar nicht. Hunde, die bellen, beißen nicht!" „Da, Sie haben ihn gleich erkannt, hahaha!" Maier schlug dcnr jungen Mann auf die Schulter.„Sehen Sie, Heider, Fräulein Neinharz hats gleich»veg, weß' Geistes Kind Sie sind!" Er wandte sich air Elisabeth:„Sollte maus glauben, daß dieser wilde Mann ein Lyriker ist, so zart und überfein empfindend, wie die nervöseste Frau?" Heider wollte aufbrausen, seine schmalen, dunklen Augen blitzten, die rabenschwarze aufgesträubte Mähne über der breiten Stirn schien sich noch niehr zu sträuben.„Aber, Herr Meier, den wilden Mann will ich mir meinetwegen gefallen lassen, aber Ihre Kritik meiner Lyrik--" „Sei still, Kodes!" Erdmann zupfte ihn heimlich; er sprach fast ängstlich und schien in Sorge, es mit dem Verleger zu verderben. Die Anwesenheit einer Dame schien ihm mich peinlich, er trat von einem Fuß auf den anderen. Elisabeth konnte sich eines gewissen Mitleids nicht er- Wehren— war der schüchtern! Und einen Teint hatte er wie Milch und Blut, zu zart für einen Mann. An den Schläfen sah man die blauen Adern, über der Nasenwurzel zog sich ein blauer Strich; der Mund war fein und keusch, als hätte nur die Mutter ihn geküßt. Der Hals war ängst- lich dünn und der ganze Mensch schien schwach, seine lang- geschossenen Gliedmaßen steckten schlottrig in den Kleidern. Sie sah ihn voller Teilnahme an; da traf sie sein Blick, er hatte die scheugescnkten Lider aufgeschlagen— waren das Augen! Blaue, feuchte, große Dichtcraugen mit einem heißen Funkeln darin. Sie war überrascht. Auf diese Augen war sie nicht vorbereitet gewesen— ein nahezu unheimlicher Kontrast! Da gefiel ihr der Andere besser. Sie wußte selbst nicht warum, gleich fühlte sie sich zu ihm hingezogen. Er sah so treuherzig aus und that, als hätte er sie schon früher ge- kannt. Sie kamen ins Plaudern und standen abseits vom Pult. Erdmaun hatte sein Manuskript vor sich hingelegt und schlang die Finger ineinander, daß die Gelenke knackten. Er hatte etwas auf dem Herzen und wand sich wie ein Aal vor dem Verleger. (Fortsetzung folgt.) DLtttsche Nttnfi- Attsltellung drv Vevlinev Secesflon. m. Der erste Eindruck, den man auf einer Ausstellung moderner Malerei empfängt, wird wobl für jeden die außerordentliche Mannigfaltigkeit der künstlerischen Ziele sein, die in den aufgehängten Bildern zu Tage treten. Das Streben»ach Originalität'beherrscht die Maler, und Anklänge, die sich bei dem einen an das Schaffen des andere» finden, werden ihm sicher zuerst nachgerechnet. Es scheint aber nicht, daß in dieser extremen Betonung der künstlerischen Eigenart gerade ein Zeichen der allgemeinen Stärke des Kunstlebens in unserer Zeit zu erblicken ist: sie deutet im Gegenteil eher darauf hin, daß die Kunst nicht tief in den Bedingungen des modernen Lebens wurzelt, sondern los- gelöst von diesen die Bahnen, die ihr in früheren Epochen vorgezeigt waren, erst suchen muß. Der Künstler der großen Zeiten der Kunst wuchs in die Kunstübung hinein als in etwas Selbstverständliches, seine Kunst hatte ihren Platz im Leben, sie stellte bestimmte Anforderungen an ihn, und er übernahm, tvas die vor ihm Schaffenden erreicht, als «in Pfund, mit dem er weiter im gegebenen Rahmen zu wuchern hatte. Heute fehlt diese Grundlage vollständig. Was der Künstler schaffen will, ist Sache der Reflexion. Gewiß treibt ihn seine Bc- gabung, aber doch nur ganz im allgemeinen. Es bleibt für ihn die Frage: Wie soll ich malen? und besonders der Zusatz: Wie soll ich malen, daß meine Bilder anders aussehen, als die der anderen? Daß jeder Künstler sich vor diese Frage überhaupt gestellt sieht, hat es dahin geführt, daß es heut fast so viele Richtungen gicbt als begabte Künstler. Eins darf dabei freilich nicht übersehe» werden: Dieses bctvußte Streben des modernen Künstlers ist mit einer großen Energie auf rein künstlerische Werte gerichtet. Jeder will n!it den Mitteln seiner Kunst und nur mit diesen wirken, das Spekulieren auf außerhalb der Kunst liegende Empfindungen ist den, modernen Maler fremd oder wird ihm, wenn er nachgiebt, als schwerste Sünde angerechnet. Der Maler lvill durch Farbe und Zeichnung wirken, er will den Stimmnngsgchalt seines Motivs erschöpfen; aber wir haben ge- sehen, wie oerschieden das Gelvicht sein kann, das dem einen oder anderen Element seiner Kunst beigelegt lvird. Ein Gegensatz zieht sich durch die moderne Malerei hin, in dem sich diese verschiedene Be- dentung der Kunstmittcl besonders scharf markiert: zwischen der ein- fachen Darstellung der Natur und der stilisierenden Richtung. Auch der naturalistische Maler arbeitet in seinen Bildern längst nicht mehr ohne wohlüberlegte Kompositioil; im Gegenteil, es ist auch bei ihm Ergebnis sorgfältigster Erwägung, wie sich daS Bild dem Nahmen einsügt, wie' Linien und Farben über die Fläche zu verteilen sind, Aber der stilisierende Alaler geht iveiter, bei ihm lvird die Komposition der Farbe und insbesondere der Zeichnung zu einem stark mitsprechenden Faktor der Wirkung. Man hat oft darauf Hingelviesen, daß man mit Farben und Linien unmittelbar Empfindungen auszudrücken vermag, und diese Ausdrucksfähigkcit be- nutzt der Maler, er läßt die Farben und Linien ihre eigene künstlerische Sprache reden. Selbst in die Landschaft wird dieses Princip hineingetragen. Walter Leistikow hat zwei Bilder in der Aus- stellung, die es in verschiedenem Grade verwendet zeigen. In seinem „Walde", in dem gelbrot der abendliche Himmel zwischen den Baum- stämmeu hindurchleuchtct, sind die Bäume, obwohl das Bild noch naturalistisch gehalten ist, doch so regelmäßig angeordnet, sie stellen so gerade und die Linien fallen so gleichartig steil ab, daß in dieser Gleichförmigkeit der Linien der Eindruck der tiefen Ruhe, der durch die Waldstimninng an sich gegeben ist, noch bedeutend gesteigert wird, und ebenso sind auch die Farben auf den einfachen starken Kontrast zwischen den kühlen, silbrigen Tönen der Baumstämme und den leuchtenden Farben des Himmels zurückgeführt. Weiter noch geht derselbe Künstler in einem anderen Bilde„Visby", einer Ruiuenstätte in bergigem Lande. Hier sind die Farben noch stärker vereinfacht, auf wenige bestimmte braune, grüne und blaue Töne, deren Komposition offenkundig nach ihren eigenen Harmoniegesetzen, viel weniger durch die Rücksicht auf die dargestellte Natur gegeben ist. Dann aber ist die Zeichnung direkt in starken Umrißliuicn ein- getragen, die Ruinen sind mit kräftigen Strichen umrandet, die Baumkronen als gleichförmige Fläche» mit festen Grenzlinien ge» zeichnet, und selbst durch den Himmel ziehen sich, die Wolken an- deutend, feste Linien. Man lvird zugeben, daß die schivere, melancholische Stimmung auch in dieser Art der Dar- stellung herausgekommen ist; verständlich aber wird ein solches' Bild eigentlich doch nur. wenn man es als eine rein dekorative Arbeit ansieht, die vollkommen fertig erst in ihrer Ausführung als Wandschmuck, als Gobelin etlva. lvird, für den eine die Flächen klar gegen einander abgrenzende Zeichnung aus technischen Gründen notlvendig ist. So weit wie Lcistikoiv in diesem Bilde gehen nur wenige der modernen Landschafter. Aber in Liebermaun, Dill und Leistikoiv scheinen mir die Endpunkte auf- gezeigt, zwischen denen die moderne Landschaftsmalerei sich bclvegt; und es ist Sache der individuellen Veranlagung, zu welchem es den Künstler mehr treibt. Das Bestreben, kräftiger in die Farbe zu gehen, beherrscht nach einer Periode der„Granmalerei" die Maler unserer Tage fast allgemein. Wir sahen, auch in Liebermanus letzten Bildern kommt dies zum Ausdruck. Die Worps weder, von denen einige in der Ausstellung vertreten sind. suchen die saftigeren Farben in dem Moorlande, in dem sie sich festgesetzt haben. ES will aber scheinen, daß in ihrer Eutwickelung ein Stillstand ein- getreten ist, nur.Hans am Ende ist mit einem kraftvollen Bilde — eine weite, hügelige Ebene mit reifeir Kornfeldern— vertreten. Auch das ist des öfteren erwähnt, daß der Abend mit seinen tieferen Tönen viele Maler stärker anzieht als das volle Licht des Tages. In Benno Beckers„Florentiner Villa", die ganz in dnuklcn, grünen und bläulichen Tönen gehalten ist, tritt diese Tendenz be- sonders charakteristisch auf. Sehr beachtenswert ist auch der Versuch Paul S ch» l tz e- N a ii in b u r g s, in der„Burg Plauen" eine weite Uebersicht mit wechselnden Motiven, nicht nur den kleinen Ans- schnitt aus der Natur zu geben: im Mittelgründe die Burg, davor am Fuße der niedrigen Felsen ein Dorf, zu dem eine schivere steinerne Brücke führt. Jin Hintergründe liegt das ivcitc Bergland, durch das der im Hellen liegende Weg sich Hinschlängelt. Der Himmel ist bewölkt, unruhige Lichter gleiten über das Land. DaS Ganze ist in Tempera etwas schwer, aber kraftvoll gemalt. In der Jntcrienrmalcrci gestaltete sich das künstlerische Problem natürlich etlvas anders als in der Darstellung der freien Natur. Gewiß gilt auch hier daS Licht- und Lnftproblem, von der die Landscha'ftsinalcrci ausging, aber es ist nicht möglich, bei der Nähe, in der Menschen und Dinge sim Interieur vor uns stehen, dieselbe summarische Art der Behandlung anzuwenden wie dort. Die charakteristische Darstellung der Figuren, die Durchbildung der Zeichnung wird ein wesentlicher Teil der künstlerischen Aufgabe. Der Begriff Zeichnung gilt hier im weitesten Sinne; einen Kopf zeichnen heißt dann nicht nur, seine Konturen richtig an- geben, sondern auch die Innenfläche in ihrer körper- iichen Erscheinung durchbilden, ihn so geben, daß man durch die auch in ihrer Eigenart gekennzeichnete Haut das feste Knochen- geriist gleichsam hindurchfühlt, daß jede Fläche in ihrer besonderen Belichtung erscheint. Daß nuch für die Fntcrieurmalcrei das Licht- und Lnftproblem besteht, dafür mag Ludwig D ettma uns„Crypta" als ganz ausgezeichnetes Beispiel dienen. Man sieht in das enge Gemach. dessen gelvölbte Decke von Spitzbogen getragen lvird. Altar und Wände sind wie übersät mit all dein goldenen nnd farbigen Gerät. Nur die Kerzen auf dem Ältattisch geben dem Raum ihr zartes, feierliches Licht, in zitternden Wellen belvcgt es sich durch den Raum, streicht an den Wändcli, an den Spitzbogen hinauf, über den Boden und über die Tische hin; ihr Schein verblaßt bald und verliert sich mählich. Dieser Kampf des Kerzenlichts mit dem Dunkel ist wundervoll zart herausgebracht. Dettman» ist uie vorher etlvas so Gutes gelungen. Auch' sein anderes Bild, ein Abendnenhl in einer protestantischen Kirche im hellen Tageslicht, ist, wenngleich dem Gegenstand entsprechend lühler und nüchterner, eine tüchtige Arbeit. Bekannt ist bei ihm die Art des landschaftlichen Bildes— zwei Liebende, die einander eng umschlungen haltend bei sinkendem Abend den einsamen Pfad zwischen Kornfeldern wandeln. Max©Tcöoflt ist unter den jüngeren der bedeutendste Maler im eigentlichen Sinne dieses Wortes. Eine ansterordentlich starke Farbenphantasie lebt in ihm, in seinen Bildern kündet sich eine jubelnde Farbenfreude und ein Sinn für Harmonien, der auch die in der Farbenskala am weitesten von einander entfernten Töne zu einem Ganzen zu bändigen vernrag. Kein toter Fleck ist in ihnen, jeder steht in engster Beziehung zu der farblichen Idee des Ganzen, hebt ihn durch Steigerung oder Kontrast. Die malerische Erscheinung ist ihm alles; es fällt fast gar nicht störend auf, dnst seine Bilder zeichnerisch oft nicht auf derselben Höhe stehen. Und so lebendig ist seine Farbenphantasie, daß die Bilder in grofzem Zuge unbekümmert und sicher heruntergemalt sind. Sievogts Hauptbild in der Seeession ist ein Tripthcbon vom »Verlorenen Sohn". Es sind die alten Motive, in der Mitte der Heimkehrende, rechts und links der Prasser und der Niedergebeugte. Aber die Durchführung ist völlig eigenartig. Ein sprühendes Farben- bontmet aus Gold, Rot und Blaugrün ist das Bild links: Der junge Barsch sitzt in tollem Jubel mit Dirnen in einem phantastisch ausgestatteten Gemach, aus roten Lampions fällt ein nn- gewisses Licht über die Seene. In den Farben liegt das ganze Leben dieser Seene; kaum sind die Konturen geschlossen, wenn auch die Bewegung charakteristisch gegeben ist. Ein Gegenstück, ganz in einem trüben, bräunlich grünen Ton gehalten, ist das andere Seiten- bild. Zusammengekauert, fast nackt sitzt der Verlassene in einem Stall, den tief gesenkten Kopf hält die ans die Knie gestützte Linke, die Rechte hängt schlaff herab. Man fühlt, wie krampfhaftes Schluchzen den Körper erschüttert— ein ans Herz greifendes Bild de» Elends. Und in dem Mittelbilde schleicht der Verloreue ins Zimmer des Vaters, zum Skelett abgemagert, halb vertiert, mit zitternden Knien, wie ein getretener Hund. Ein nicht zu beschreibender Ausdruck von llnterwürsigkeit, Angst und Flehen um Hilfe liegt in dem Gesicht, in dem halb ge- öffneten Mund, in den starr auf den Vater gerichteten Augen, i» der abwehrenden und zugleich beschwörende» Geste der Rechten. Der Alte saß mit dem jüngeren Sohn am Tische, jetzt ist er herum- gefahren und hebt mit dem Ausdruck des Entsetzens die Hände... Das Gemach ist reich ausgestaltet und enthält eine Fülle farblich reizvoller Details. Es ist merkwürdig,— und man bemerkt eS besonders deutlich, wenn man das Bild ans einiger Entfernung sieht,— wie aus diesen starken Farbenkoutrasten der drei Bilder ein einheitlicher Farbenton, etwa ein Branngrün, herausspringt, der wie die Ober- töne bei einem vollen Klange milschwebt und ihnen den Gefühls- charakler giebt. Da» ist jene höchst enlwickelte Form der Farben- Harmonie, die das Bild nicht von vornherein in einem bestimmten Ton anlegt, und sich in der Skala nicht Iveil von ihm entfernt, sondern aus der Fülle scheinbar von einander unabhängiger Farben- elemente die Einheit erzwingt.——hl. Kleines Feuilleton. u. Vaeillc» und Lllkohol. Die Alkoholgegner haben ein neues Argument für ihre CulhaltsamkeitSlehre bekomme». Wie nämlich schon bisher bei einer ganzen Reihe von KrauIHeiten die Alkoholislen weniger Aussicht auf Genesung besitze». so hat sich neuerdings auch herausgestellt, daß sie weniger widerstandsfähig gegen Vaeillen sind, als Nichtkonsumente» de» Alkohols. Es wurden — natürlich nicht an Menschen, sondern an Kaninchen— eingehende Versuche gemacht, ob Alloholgenus; die Widerstandsfähigkeit des Körpers gegen Kommabaeilleu beeinflusst, und eventuell nach welcher Richtung hin. Das Resultat ist, das; die Tiere nach vorheriger, nicht etwa übermäßig groffer, sondern sich sonst in de» Grenzen des leicht Erträglichen haltender Alkoholzufuhr durch viel geringere Mengen von Kommabaeilleu z» Grunde gehe», als Tiere im nüchterne» Zu- stand. Es wurde auch schon die Ursache der Erscheinung aufgehellt; sie ist dadurch gegeben, das; infolge groher Vermehrung des im Blute befindliche» Felles das Blut viel von seiner ursprünglich vor- haudeue» bakterienlötenden Kraft verliert. Dies tritt übrigens nicht nur infolge chronischen Alkoholgenusses ein, sondern auch nach Morphium und Aethergeung.— — Woher stammt der Ausdruck„Biusenwahrheit"? Darüber giebt Kufimanl in seinen„Jugeuderimierunge» eines allen Arztes" folgenden humorvollen Aufschlusz: Das Pfeifeurauchen erzengte in Heidelberg auch einen besonderen HandelSziveig, den Binsenhandel. Die Pfeifen wurden durch sogenannte Binsen ge- reinigt; das waren die laugen, steifen Halme einer hohen Grasart. die auf den Berghalden um Heidelberg in Menge wuchs. Den Handel damit betrieb ein Mensch von kretinenhaftem Aussehen, aber spelulierendem Sinn. Er sammelte und trocknete die Halme, band sie zu Büscheln und verlaufte sie den Pfeifenrauchem. Er reiste sogar mit seiner Ware und war auf viele» llniversiläten als Heidelberger„Binsenbub" bekannt. Da er sich beschränkter stellte, als er war, galt er bei de» Studenten als das Urbild geistiger Beschränkt- heil, und man nannte„Binsenwahrheiten" solche, die sogar-der „Binsenbub" verstand.„Der Ausdruck," sagt Kntzmaul,„ist aus der Studentensprache in die Schriftsprache übergegangen, seine Herkunft dürste vergessen sein".— — Frühzeitige Raucher. Der„Prometheus" berichtet»ach einer französischen Zeitschrift, das; der Reisende Desire Charuetz 1880 aus einer wissenschaftlichen Reise durch Mexiko und Eeutral-Aiuerika im Staate Tabaseo die Gastkreundschaft einer Familie genoff, in der nidit nur Mann und Frau unaufhörlich rauchten, sondern auch die fünf Kinder, darunter zwei Mädchen im Alter von drei bis fünf Jahren, mit grogen Cignrren im Munde erschienen. Der Vater ver- sicherte dem erstaunten Reisenden, das; ihnen das nicht schade, und andere Reisende erzählen, dag in mexikanischen Schule» fähige Schüler von ihren Lehrern mit Eigarren belohnt werden. In Pnraguah sah Forgnes 1802 Männer, Frauen und Kinder qualmen; fünf bis sechs Jahre alte Kinder hatten 20 cm lauge Glimmstengel im Munde. Nach der Ansicht dieses Forschers wird durch den Tabaksgenus; das ganze Volk dieses Landes ruiniert, er sah eine reitende Frau, die ihren schreienden Säugling zn beruhigen versuchte, indem sie ihm ihre Eigarre zwischen die Lippen st eckte. WaS aber in Paraguay als Ausnahme vorkommt, bildet in Laos die Regel. Die jungen Laos, die bis zum dritten und vierten Lebensjahre gesängt werden, schwelgen ab- wechselnd in Mutterinilcki und Tabaksranch, sie vertauschen alle Augenblicke die Pfeife mit der Mutterbrust, wie Henry Mousot beobachtete. Aehuliches berichtete der Schiffsleutnant Reelns ans Darien: die Säuglinge wechselten zwischen Mutterbrnst und Eigarre. „Die Frauen Dariens und ihre Kinder," sagt Reelns,„treiben mit dem Tabak Mißbrauch und haben die seltsame Manier, in der Weise zu rauchen, das; sie das angezündete Ende der Eigarre im Munde halten. Diese Damen behaupten, daff sie nur in solcher Gebrauchs- form am Tabak Geschack finden können, aber es gehört eine gewisse ttebuug dazu, sich dabei nicht zu verbrennen".—' Kulturgeschichtliches. g. Märkische B r a u k u n st. Die Marler waren von jeher als ebenso gute Brauer tote Trinker bekannt. Wußten die alten Wende» schon aus dem Honig der wilden Bienen einen Met zu bereiten, der auch den deutschen Eroberern trefflich mundete, so er- freuten die märkischen Bräus des Mittelalters sich sogar hohen Ruhms. Weit geschätzt waren die Biere der Altmark, allen voran das von Gardelegen, die„Garleh", der Salzwedeler„Soltman", das Kyritzer „Fried und Einigkeit" und„Mord und Totschlag", die Natieiter „Zitzeuille", der Boitzenburger„Beiß de» Kerl" und der Tauger- münder„Kuhschlvanz". Von den Namen sagt ei» alter Schriftsteller, daß sie„beim Fliegengott oollkomme» lächerlich sind, den Schlemmern und Demmern aber doch so angenehm klingen, daß sie bei Nennung derselbe» die Sirenen zu hören vermeinen und anfangen zu dürften". Von der Garley rühmt Matthias Meriau fj llläl), daß sie„herrlich und gesund sei, auch von verständigen Medieis dem Weine vorgezogen werde". Ein lateinischer Dichter aber schwärmt Gardelege» au:„Sage, wer möchte nicht in dir leben, o Stadt, die du überströmst von so lieblichem Getränk? Alles was man zum Leben gebraucht, fließt reichlicki dir zu, ob deines Bieres uektarischer Kraft." Als die Krone aller Biere galt indessen das Bemaner, dem ein Poet 26 Verse widmete und von dem er fingt:„Dich muß billig jeder loben,— O du edler Nektarsaft,— Denn durch deine Wunder» probe»— Wird verdoppelt Geist und Kraft.— Mancher lvär vor zwanzig Jahren— Schon nach Nobis-Krug gefahren,— Hält' er dich nicht brav gelecket,— Und den Tod so ab- geschrecket."„Nobis- Krug" ist das Gasthaus der Unterwelt. Weißbier wurde nach den Urkunde» in Berlin bereits zn Anfang des 16. Jahrhunderts gebraut. Als die Refngies einwanderte», erfuhr die kühle Blonde eine unerwartete Veredelung. Die Franzosen schufen ans ihr die„Ehampagner-Weiße". Zu Ende des 17. Jahrhunderts Ivar die Weiße in Berlin schon National- getränt und die Weißbierbrauer mußten 4 Nthl. über die gewöhnlichen Bierzinse entrichten. Ein lateinisches Distichon des 16. Jahrhunderts aber lautet in der Ilebersetzung: „Wenn auf hohem Olymp die seeligen Götter mal kneipten, Glaubt mir. Jupiter selbst setzt ihnen Weißbier vor." Im 18. Jahrhundert war das Potsdamer Bräu berühmt, be- sonders das„Köuigsbier" und das„Broihan". Beckmann nennt als bestes Potsdamer Bier das„Bornstädter", von dem das Städtchen nach seiner Angabe pro amao 8500 Tonnen vertrank.— Völkerkunde. e. Musik und Tanz bei den Eingeborenen auf Ponape. In dem soeben erschienenen Heft des„Journal of the Anthropologieal Institute of GreatBritain" veröffentlicht F. W. Christian eine eingehende Arbeit über die Bevölkerung der Karoliueii-Jnseln, aus dem folgendes über Musik und Tanz nnfPonape von besonderem Interesse ist: Wie alle Eingeborenen der Karolinen lieben auch die Betvohner von Ponape besonders die Musik, und eine Ladung Guitarren und Ziehharmonikas Ivürde bei ihnen reißenden Absatz finden. Als Signal zum Krieg oder zur Versammlung brauchen sie die Miischeltrompete („Cham"), wie die alte» Mexikaner das Attabal. Dicht am zugespitzten Ende der Muschel ist ein kreisrundes Loch ein- gebohrt. Einige sind sehr groß und. werden oft unter den Grimdsleinen von alten Häusern aufgefunden. Eine viel gebrauchte Flöte wird von den Eingeborenen aus Schilfrohr oder Bambus gemacht. Sie mißt nicht ganz einen Fuß und ist an einem Ende durch einen Stöpsel von Blättern verschlossen, und am Mundstück sind sechs Löcher eingebohrt. Es ist aber keine Nasenflöte, ivie sie auf Formosa oder Samoa gebräuchlich ist. Weiter benutze» die Eingeborenen auf Ponape Trommeln, die aus Holz gefenigt werden. Ein Exemplar, das sicki jetzt im Britischen Museum befindet, ist ungefähr 5 Fuß hoch und hat genau eine Gestalt wie ein ungeheuer großer anfrechtstehender Würfelbecher. Ueber die Ocfsiiiliig der Trommel wnr die Haut der Stachclroche gespannt. Sie wurde bei festlichen Gelegenheiten mit einem Stock von Hibi-Zcus-Holz geschlagen. Der spanische Chronist Periero beschreibt noch eine kleinere Trommelart, die er im Distrikt Not gesehen hat. Diese wird mit Fischblasen überzogen, die am Tage des Festes frisch herbeigeschafft werden. Als Ornament hat sie viereckige Zeichen, und außerdem ist sie in verschiedene» Farben, namentlich rot und schwarz demalt. Ist das Fest vorüber, so nehmen die Eingeborenen die Häute fort und spannen beim nächsten Mal andere auf, denn die Blasen springen leicht und müssen fortwährend erneuert werden. Sehr be- liebt'ist auf Ponape auch die Ziehharmonika und die moderne Maul- trommel, wie sie auf Somoa existiert, aber die modernen haben das alte Instrument verdrängt. Von Tänzen existieren in Ponape zwei Arten: Der eine Tanz wird von den Männern allein stehend ausgeführt, der andere von Frauen und Männern zusammen im Sitzen und er besteht in graziösen Bewegungen der Hand, der Handgelenke und der Arme. Die Tänzer legen immer ihre Feiertags- kleidnng an und salben den Körper mit Fisch- oder Koknsunjzöl. Die Männer trage» helle, gelbe kurze Röcke, die Köpfe sind mit Blumeu-Guirlandcn oder Kränzen von grünem Farnkraut ge- schmückt, Nacken und Arme sind reich behängt mit Gewinden von frischen Kokusnuffblättern; und auf den Fingern jeder Hand tragen sie eine Art Ring, getvöhnlich aus den Nippen von Koknsnnstblättern gebildet. Diese' rufen beim Schütteln eine Art von harmonischein Rauschen hervor, das sie„anichinich" nennen. Einige Chöre haben einen schönen tiefen sonoren Glockenklang, wie die der Marquesas- Inselbewohner. Eine Anzahl von Worten, die in den Gesängen auf Jap und Ponape gebraucht werden, sind von der Umgangssprache ganz verschieden und waren mich für Christian, der die Sprache von Ponape in Wort und Schrift völlig beherrscht, ganz unverständlich. Viele der Heldensagen sind wohl von den Marschall-Inseln und von Dap in die Gesäuge von Ponape eingedrungen. Tic Klagcgesänge bei Begräbnisse» werden auf Ponape sehr feierlich und unheimlich gestaltet.— Geographisches. — In Island hat der Geologe Dr. Thorodson, wie der „Fels. Ztg.* geschrieben wird, kürzlich eine Reihe Untersuchungen ab- geschlossen, die sich über 17 Jahre erstrecken und zum erstenmal eine vollständige Topographie und Geographie von Island geben. Vor 1882 kannte man nur etwa vier Fünfteile der Insel, nur 25 Gletscher waren untersucht, und groffe unbewohnte Lava- wüste» waren von einem menschlichen Fuff noch nie betreten worden. Jetzt sind 112 Gletscher untersucht, und die bisher unbekannten Grenzen des ewigen Schnees sind festgestellt. Auch die geologischen Verhältnisse Islands hat Dr. Thorodson studiert. Betreffs der vulkanischen Phänomene kommt er zu ganz neuen Resultaten. Er hat alte isländische Manuskripte untersucht und wird das Er- gebuis seiner Forschungen in verschiedenen geographischen Zeitschristcn veröffentliche»,— Physiologisches. ie. Tod durch Blitzschlag. Es ist leider durchaus nicht selten, daff Mcnschen und Tiere von einem Blitze tätlich getroffen werden, aber trotzdem giebt beinahe jeder derartige Hnglücksfall ein Rätsel auf, da die Erscheinungen jedesmal andere sind. Ein neues merkwürdiges Beispiel berichtet ein englischer Arzt im„Lancet" von zwei Brüder», die er Seite an Seite tot auf der Landstrasze fand. Der Sitz des Wagens, auf dem sie gesessen hatten, lag noch unter ihnen, der Tambour, der ebenfalls mitgerissen war, über ihren Kopsen. An dem älteren der Brüder, einem jungen Manne von 28 Jahre», war nicht die g c r i n g st e Spur e i n e r V e r- l e tz u» g erkennbar, desto mehr dagegen an dem jüngeren. Dessen Haut war über der Brust und dem Leibe vom Hals bis zu den Lenden verbrannt, aber nicht fortlaufend, sondern in einer Unzahl krcis- sörmiger Löcher von lh6 bis Ve Zoll Durchmesser. Der metallene Kragenknopf war geschmolzen und unter ihm die Haut tief ein- gebrannt. Ein Geruch nach verbranntem Fleisch war auf der ganzen Breite der Strohe bemerkbar. Der Rücken vom Halse ablvärts war ebenfalls verbrannt, aber minder stark als die Vorderseite. Die Jacke und das Hemd waren verkohlt, die Weste und der Ilcberrock aber unverletzt. In die wollenen Unterkleider war nur auf dem Rückteile ein Loch eingebrannt. Andere Beschädigungen waren nicht bemerkbar, auch war nichts an den Kleidern zerrissen. Anderthalb Stunden nach dem Tode war noch keine Leichenstarre ein- getreten. Die Taschenuhr des jüngeren war noch in gutem Gange und schien wnnderbarcrwcise auch nicht vom Blitze magnctisiert zu sein, da sie die Zeit ganz richtig angab Das winzige Menschen-Kunstwcrk hatte asto die Gewalt des Blitzes bester ausgeholten als der Mensch selbst. Der Bezug des Kissens, ans dem der jüngere gesessen hatte, war auffeu verbrannt, aber der hölzerne Sitz darunter war nnversehrt. An der Rücklchue des Wagens Ivar die Farbe etwas verlengt unmittelbar hinter dem Platze des einen der Insassen, sonst wicS das Gefährt nicht die ge- ringste Blitzspur ans. Das Pferd endlich war ganz unverletzt ge- blieben und war allein mit dem Wagen nach Hause getrabt. Amb auf dem Wege waren Spure» des Blitzschlages nicht zu- be- merken.— Ans dem Tierleben. — Ein Zug wandernder Ameisen. Der„Monvemcnt Geographique* entnimmt dem Tageburch von P. de Bos. Missionar in Kinmenza unweit vom Stanley Pool im Kongostaate, eine Mit- teilung über die Länge eines Zngcs»'ändernder Ameisen. Es hcifft da:.Wissen Sie, wieviel Zeit ein Stamm wandernder Ameisen braucht, um vorbei zu marschieren?— Am Mittwoch früh 7 Uhr zog ein Stamm dieser Insekten quer über einen Alleeweg auf der Missionsstation, am Donnerstag zur selben Stunde dauerte der Zug noch an und heute(Freitag)»im 10 Uhr vormittags marschieren die Ameisen noch immer. Ich habe versucht. festzustellen, wie viele in der Minute vorüberzogen, jedoch ohne Er- folg; so gros; war ihre Zahl und Schnelligkeit.' Sodann noch einige interesiante Einzelheiten: Während die kleinen Tiere, die Arbeiter, mit trockenen Blattstiickchcn, Holzstückche» u. dgl. bepackt marschierten, bildeten die grösseren, mit Kiefern versehenen Soldaten als Posten eine Hecke längs des ZugeS der anderen und bauten an freiliegenden Stellen mit ihren Leibern eine Art Gewölbe für die Arbeiter.*—- (.Pronietheus*.) Technisches. — Mit der drahtlosen Telegraphie stellen einige Straffburgcr Gelehrte in Kuxhaven seit einiger Zeit Versuche an, die, nach einem Bericht des.Kuxh. Tagebl." bis jetzt schöne Erfolge gehabt haben. Kürzlich wurden zum erstenmal vor einem größeren Publikum ivirkliche Depeschen mit Professor Brauns Telegraphie— so nennt sich die Erfindung— vom Leuchtturm Kuxhaven nach Kugelbaake befördert, die in ganz derselben Weise aus dem Nehmex-Apparat hervorgingen, wie dies bei den gewöhnlichen Telegraphie» der Fall ist. Cantor, Privatdozcnt an der Universität Strafeburg. der die Versuche leitet, hatte, ovglcich er bei seinen bis- herige» Experimenten schon sehr viel größere Entfernungen bewältigte. die Strecke Leuchtturm— Kugelbaake deshalb gcivählt, weil sie den Teilnehmern an dem Versuche auf bequeme Weise Gelegenheit gab, sowohl von der Geber- als auch von der Aehmerstatton' Einsicht zu nehmen. Tie vier in der Elbnmudniig verankerten Leuchtschiffe sollen die schon seit Jahren erwünschte tclcgraphische Verbindmig mittels der Professor Brannscheu Telegraphie erhalten.— Humoristisches. — Ein Elender. M a u d:„Dick hat mir gestern einen HekratSqutrag gemacht* Ella:'„Nun? Was sagtest Du?' M a n d:„Ich sagte ihm, er thäte bester, mit Mama zu reden, und was denkst Du, was der Elende da gesagt hat?* Ella:„Nim?* M a u d:„Das hält' er bereits gcthan, sie Hütt' ihn aber nicht gemocht.*—(..Jugend*.) — Wohlüberlegt. A.:„Warum hast Du Deine Frau aus einer so töchtcrrcichcn Familie gewählt?* B.: Das liegt doch auf platter Hand! mit einer Achtel- Schwiegermutter wird mau doch leichter fertig als mit einer ganzen!"— — VoShaft. Adeliger Dichterling:„Meine Ahne n habe» auch alle gedichtet.* Herr:„Da führen Sie wohl einen— Papierkorb im Wappen?"— Notizen. — Gabriele d'Annuucio will für Mascagni ein Overnlibretto schreibe», dessen Stoff er dem„R äsenden Roland" des A r i o st entnehmen wird.— c. Vor einiger Zeit wurde in Moskau der Gedanke erwogen, mich dort medizinische F r a n e u l u r s e nach der Art der Petersburger einzurichten. Wie russische Zeitnugen nun melden, hat man bereits die Erlaubnis crhalicn, Mittel für dieses llnterilehmen zu sammeln. Es lvird in Moskau jedenfalls leicht gelingen, das nötige Geld zusamineuznbringe», da auch für die Petersburger Kurse die meisten Gelder aus Mosia» kamen,— — In Koblenz sind nach dem„Korrespondenzblatt d. wcsld. Zcitschr." in den lrtzten Wochen bei Ausschachtnngcii eine ganze Anzahl römischer M e i l e n st e i n e gefunden worden, die siir die Geschichte der römischen Heerstraße im Rheinthale von Wichtigkeit sind.— — Der schwedische Forschnngsreisende Sven H e d i n hat, wie der„Boss. Ztg." ans Stockholm geschrieben wird, seine neue Reise nach Centralasien angetreten. Sie geht nach Oftturkesta» tmd dem nördlichen Tibet. Hcdi» will abermals eine Wüstenreise anssühren. ferner das ofttnrlcstanischc Stromsystcm studieren, sowie das Lob-Norgcbict besuchen.— — Die Japaner haben am 15. Mai eine der interessantesten Kleinbahnen dem Betrieb übergeben, die in Asten überhaupt besteht. Tie Strecke beträgt nur sechs deutsche Meilen, fährt von Fuknshima nach Donezawa. ersteigt aber auf diesem kurzen Wege ein Hügelland der schroffsten Formation und erreicht mit ihrer höchsten Schiene eine Höhe von 8(XX1 Fuff. die sie mittels 19 ans dem Felsen herausgehauenen Tunnels erlangt, deren längster 1010 DardS mißt.—______ Die nächste Rümmer des llnterhaltuugsblattes erscheint am Sonntag, den 2. Juli. Verainworu'ichee Redacieur: Hnzo Pvetzsch in Berlin Track und Verlag von Akax Badiug in Bertm.