Mnlerhaltungsblatt des Jorwärts Nr. 127. Sonntag, den 2. Juli 1899 (Nachdruck verboten.) 11] Es lebe dio Zinn st! Roman von C. Vre big. „Da muß ich mal beispringen", sagte Heider.„Gucken Sie weg, Fräulein, oder noch lieber, gehen Sie hinaus— da, vor die Thür I" Er nahm sie ohne weiteres beim Arm und schob sie ins Nebenzimmer.„Nehmen Sie's nicht übel, aber sonst bringt der Mensch kein Wort raus k— Nun red', Erd- man» f* hörte Elisabeth ihn sagen. Das Murmeln des Andern klang an ihr Ohr; sie stand am Fenster und trommelte ans die Scheiben. Einiges der- nahm sie doch. Erdmann bot ein schon einmal zurück- gewiesenes Manuskript an: er schien Geld nötig zu haben. Der Verleger war zäh..Lhre Sachen gehen nicht, lieber Erdmann. Sie sind zu scharf und ärgern die Leute. Ihr letztes Buch hat mir beinahe die Polizei auf den Hals ge- hetzt; ich hoffte immer, sie würde es konfiszieren, da wäre noch ein Geschäft zu machen gewesen l Aber so l In den Leihbibliotheken verlangt niemand Ihre Bücher, da habe ich gar keinen Absatz. Und Bücher kaufen» wer thut das?" „Hol' sie alle der Teufel I" sprudelte Heider heraus,„die Bücher und die Käuferl Wiffen Sie, Herr Maier. der Erd- mann kann doch rat mal nicht anders schreiben. Den können Sie umdrehen wie einen Handschuh, rechts und links ist bei ihm egal, der bleibt der Erdmann. Und ist's nicht gut so?" Er erhob die Stimme, daß sie wie eine Posaune in die Neben- stube dröhnte:„Jeder soll reden, ivie ihm das Maul gewachsen fft; haben Sie das nicht selbst gesagt?" „Schon, schon," Maier räusperte sich verlegen,„vom litterarischen Standpunkt aus, gewiß. Aber für mich ist es eine schwere Sache." Er machte eine Pause, als überlegte er.„Ich kann, ich darf nicht zusetzen; die Herstellung kostet viel, dann liegen mir die Bücher herum"— er seufzte tief— „glauben Sie nicht, daß ich Sie aufrichtig schätze?" Seine Stimme bekam einen warmen Klang.„Wenn ich heute ein Millionär wäre, würde ich mich keinen Augenblick besinnen, Ihr Buch zn nehmen, lieber Erdmann!" Was Erdmann sagte, war nicht zu verstehen. Heider lief in der Stube auf und ab, das Knarren seiner Stiefel über- tönte jedes Wort, jetzt blieb er stehen.„Da pfeife ich auf die Verleger l" „Kabes. Kodes I" Erdmann rief's in Todesangst. „Ach was, laß mich nur meinen» Herzen Luft machen! Wen» Sie nicht mal was riskieren wollen. Herr Maier I" Elisabeth mußte vor sich hin lachen f sie hatte kein rechtes Verständnis für das Gespräch nebenan, die Empörung Heiders kam ihr komisch vor. Es interefficrte sie gar nicht mehr, zu lauschen. Sie hielt sich die Hände vor die Ohren,— was ging sie das Gespräch da drinnen an? l Sie lauschte dem Freudenlied. das immerfort, imnierfort in ihr erklang. Draußen lag Sonnenschein cms verstaubtem Asphalt, ein ganzes Meer von Sonnenlicht; sie starrte mit glänzenden Augen hinein und träuinte herrliche, nicht zu beschreibende Träume eines großen, unnennbaren Glückes. Die Hände sanken ihr von den Ohren. Nebenan lenkte das Gespräch in ruhigere Bahnen. „Liebe Kinder," sagte Herr Maier,„ich thue, was ich kann. Meint Ihr, es ist'ne Wonne, berühmte Namen zu verlegen? Ich will kernen nennen, aber ich sage Euch, manchmal bin ich ganz marode. Eine sauere Arbeit! Und Ihr macht mir noch Vorwürfe? Ich brauche einen großen Schlager, wenn ich meine jungen Autoren anbringen will. So einer, der zieht, reißt eine Menge anderer mit sich. Ihr müßt Euch an den berühmten Namen kleben, wie Austern an den Felsen. Und wenn Ihr das nicht wollt, dann—" „Dann werden wir eben etwas später berühmt!" sagte Heider. Und Erdmann setzte hinzu, lauter, als er bisher ge- sprachen hatte:„Nein, bitte. Herr Maier, ich weiß, Sie meinen es gut mit uns, aber von so einem ins Schlepptau genommen werden, das paßt uns nicht." Er klemmte sein Manuskript wieder unter den Arm.„Komm. Kobcs I" „Warte 1" Heider lief zum Nebenzimmer.„Empfehle mich. Fräulein! Viel Vergnügen auf der halsbri-cherischen Lester!" „Oh, ich kann gut klettern!" sagte sie rasch und trat zu ihm.„Ich werde mich auch empfehlen." Sie zittg aus Herrn Maier zu und sah ihn fragend an. „Es wäre weiter nichts zu besprechen, ich setze den Kon- trakt auf. Sie können ihn demnächst einsehen." Er reichte ihr die Hand:„Auf Wiedersehen t" Sie gingen alle drei mit einander fort. Unten auf der Straße stieß Heider einen Seufzer aus.„Kein Vorschuß! Fräulein, haben Sie sich schon mal in der unangenehme« Lage besimden, Geld zu brauchen und keins zu haben?" Sie sah ihn erstaunt an. Er lachte.„Also nicht, sonst würden Sie keine so großen Augen machen!" Zutraulich ging er neben ihr her, mit den Annen schlenkernd, wie ein Schuljunge. Er hatte eine Art. die ihr fremd war, eine gewiss« Dreistigkeit, die doch nicht verletzte. Ihr Weg war der gleiche. Elisabeth ging zwischen da, beiden jungen Männern; hier in der freien Lust war Erdmann weniger schüchtern als im Zimmer des Verlegers. Sie sprachen von Maier. „Ein anständiger Kerl 1" sagte Heidcr,„er hat»ms schon ost Vorschuß gegeben. Man konnte ihn hellte wirklich nicht mehr drängen." Erdmann lächelte wehmütig, hielt seiu« lange Gestakt vornüber gebeugt und hüstelte.„Ich bin Dir jetzt schon drei- hundert Mark schuldig, Kodes!" „So? Davon weiß ich gar nichts!" Heider that sehr erstaunt.„Und wenn Du sie mir schuldig wärst, was wäre da? Du bist mir sicher. Erdniänncheu." Er wandte sich »klärend zu Elisabeth:„Wir Hausen zusammen. Wir habe» e.aen Tisch mit einer Schieblade, in die thut Geld, wer gerade welches hat. Das ist»msere Schatzkammer, wir greisen nur so hinein; weiin's alle ist. ist's eben alle f4 Erdmann war bedrückt. er schüttelte den Kopf.„Wenn Du nicht Uebersetzungen machtest und Kritiken schriebest und aus der Redaktion arbeitetest, dann—" „Tann wäre ich faul 1" schnitt ihm der andere rasch die Rede ab.„Latz gut sein, altes Haus, Du wirst noch mal so berühmt, daß Dir die Verleger nachlaufen." „Ich erlebe es nicht I" murmelte Erdmann. Es fiel Elisabeth auf. wie verfallen er plötzlich aussah.„Ich bin nicht gesund"— er deutete ihren mitleidigen Blick reckt—.„ich habe ein paar Tage gelegen, habe mich heute nur aufgerafft." Er seufzte.„Wenn Maier das Ding genommen hätte, wäre ich gesund geworden." „Er ist ein Genie I" flüsterte Heider dem Mädchen zu. „Die Zeit ist nur noch nicht reif für ihn!" Sein be- wundernder und zugleich besorgter Blick streifte den Freund. „Du darfst Dich nicht so abarbeiten. Du bist das der Welt sch»rldig." Erdmann hörte ihn nicht; er ging ganz in Gedanken versunken, den Kopf tief geneigt. Sein Manuskript preßte er unter den Arm. Von rückwärts gesehm, konnte man ihn für einen alten, verbrauchten Menschen hasten. Er schlich langsam. Heider und das junge Mädchen waren ihm bald voraus; sie unterhielten sich sehr gut. Heider war, wie sie. in der Freiheit aufgewachsen; die Augen leuchteten ihm, als er von seiner Heimat sprach, dem Rhein. Er sprach Mt Begeisterung von den grünen, breitflutenden Wellen, den Rebengeländen, die die Sonne küßt, von den rheinischen Mädchen mit den schnellen Zungen und der rheinischen Fröhlichkeit. Er wurde ein anderer. Sein burschikoser Ton verschivand, eine kindliche Weichheit kam in sein Gesicht, die kantigen Züge rundeten sich, ein liebenswürdiges Lächeln spielte um seinen Mund; er drückte sich schön aus, voll von einer zarten, edlen Em- pfindung. Die Wagen rasfellen vorüber— hier war die Lützow- straße mst ihren sich kreuzende»» Pferdebahngeleifen und ihrem Durcheinander von Fußgängern. Sie standen vor einem Schaufenster still und bemerkten nicht, daß Erdmanu an ihnen vorübcrschob, und er wiederum sah sie nicht. Elisabeth hatte ganz vergessen, daß sie nach Hause mußte Mile wartete mit dem Essen. Sie lehnte neben Heider an dem Messingstab, der das Schaufenster gegen die Straße zu schützte. Anscheinend betrachteten sie die Bücher der Auslage, die Photographien von Bergen und Seen und die beliebten Ansichts-Postkarten, aber in Gedanken beschäftigten sie sich miteinander. Vor einer Stunde waren sie noch fremd, und merk- würdig, jetzt gingen ihre Seelen nebeneinander her und freuten sich der Gemeinschaft. Wie Heimatluft wehte es von einem zum andern, Elisabeth gab sich ganz einem impulsiven Empfinden hin; sie war ersieut, wie ein Echo kamen ihr die eigenen Gedanken und Ansichten zurück. Das Wort glitt ihr so leicht von der Lippe; bei aller Freundlichkeit, mit der nian sie bei Mannhardts und bei Kistemachers überschüttete, war doch immer eine Schranke, kaum gesehen, kaum gefühlt, und doch war sie da. Hier war keine. Sie reichten einander die Hände mit einem herzlichen Druck. „Glück auf. Fräulein Rcinharz l" sagte Heider frisch.„Ich weiß es, Sie schreiben gut, ich lese es auf Ihrem Gesicht. Sie haben einen Mund, ein Kinn, so energisch, wie ich's noch bei keinem Frauenzimmer gesehen habe. Und in Ihren Augen ist Lyrik, viel warme Empfindung— Mund und Augen, eine glückliche Vereinigung!" Er zog den Hut von der schwarzen Mähne und schwenkte ihn mit einer komischen Galanterie. „Alle Achtung, ich bin noch keinem Mädchen begegnet, das mir so gut gefallen hätte! Und ich bin Kenner." „Danke!" sagte sie heiter, hob das frische Gesicht zu ihm auf und lachte ihn aus freundlichstrahlenden Augen an.„Sie gefallen mir auch sehr gut!" Er küßte nicht ihre Hand, aber er hielt sie eine ganze Weile in der seinen. Seine Augen ruhten mit einem warmen Blick auf dem Mädchen; die Vorübergehenden mochten sie wohl für ein Liebespaar halten. „Wir wollen uns wiedersehen. Ist es Ihnen recht, Fräu- lein Reinharz, wenn ich Sie besuche?" sagte er.„Sie müssen in unfern Kreis kommen; tüchtige Kerle dabei— und unsre Mutter Maria, na, warten Sie nur! Es geht freilich etwas einfacher zu als bei Ihren Mannhardts und bei den drei Litteratur-Parzen— wenn die sich doch nur einmal gegen- feitig den Faden abschnitten l" Elisabeth sah ihn erschrocken an. „Nein, nein!" Er lachte.„Haben Sie nur keine Angst, ich bin durchaus nicht gegen schriftstellernde Frauen. Im Gegen- teil, wenn ein Weib ehrlich fein Herz giebt, den Mut seiner Meinung hat und doch nicht vergißt, daß es einen Unterrock anhat, dann— Hut ab I Aber die Weiber, die sich mit angelogenen Empfindungen aufplustem und die Welt mit einem Syruppinsel anmalen,— sind lächerlich I (Fortsetzung folgt.) Sonntslgsplttnvevei. Während im Haag der WcltfricdcnS-Kongreh aus dem Sommerschlaf spricht, tobt in der Welt wilder denn je der Streit, der a» Gewalt und Blut sich mästet. Der Parlamcntarisnius der roniani- scheu Völler erschöpft sich in erregten Zuckungen, wenn er sich auch freilich durch die Grütze der Ziele und die Höhe der Intelligenz erheblich von den parlamentarische» Balgereien des niederöstreichischen Germanentums nntcricheidet. Die Vernunft ist immer noch jenes edelste, aber zarteste Kampfmittel, das scheu versagt, wenn die wilden Tiere in den Triebkäfigcn dcS rohen Menschentums brüllen. In die mühselige Kulturarbeit tvcht immer noch die Gewalt ihren erstickend überwuchernden Samen. Die Argumente der Politik steigern ihre Gewitz- heit mit dem Matze der Durchschlagskraft. Sie beben an nnt der sehr nnmatzgeblichen Hypothese einer einfachen Ohrfeige, setzen sich fort mit der nicht unbegründeten Meinung eines Fanstschlags, um über Gnmmischlauch. Säbel, Revolver sich zu der mathematischen Ge- witzheit einer Schncllfeucr-Äanono zu steigern. Die Gewaltpolitik, verwerflich schlechthin vor dem Ideal der Humanität, hat ihren sehr elastischen moralischen GelNnigstarif. Durch alle Grade des Guten und Bösen hindurch wird dasselbe Mittel gclvertrt, je nach dem Zweck, dem es dient, und der Person oder der Klasse, die es benutzen. In dem Beivntztsein der Menschheit wohnen hier die krassesten Widersprüche einträchtig beisammen. In China dringt eines Tages eine fremde Macht ein und nimmt sich kraft ihrer mechanischen Gewalt ein Stück Landes. Man tauft diesen Erobcrnngszng ohne Kriegserklärung mit dem klingende» Namen: weitschaucndc Wellpolilik. Der Chinese aber sieht das Recht des Fremdlings nicht ein. Die Ausbrüche seines Hasses stemmen sich gegen die Thätigkeit des Eroberers. Der aber kommandiert Feuer, und das Blut der Rebellen färbt den Boden. So tvaren die nationalen Deutschen für den ersten Napoleon Rebellen und>me heute die gedungenen Helden der Feder dazu aufrufen, um die frechen Chinesen gebührend zu züchtigen, so waren am Anfang des Jahrhunderts die Idealisten nationaler Selbstbestimmung Hetzer und Atlfrührer, die sich den Segnungen überlegener Kultur plump widersetzten. Zu der gleichen Zeit, wo man sich das Recht des Kleinkalibrigen gegen die Verteidiger des heimischen Bodens anmaßt, begründet' der Vertreter des Deutschen Reiches im Haag die ewige Notwendigkeit der militaristischen Barbarei aus der Pflicht, die nationale Ehre und Grütze gegen jedermann zn schützen. Im Kohlenrevier lassen sich arme, elende, unaufgeklärte polnische Arbeiter, die»och nicht die Kraft organisatorischen gesetzlichen Kampfe» erkannt haben, in ihrer Verbitterung und Verzweiflung zu Gewalt- thätigkeiten hinreißen. Ein Staat, in dem die herrschenden Klassen einen großen Teil der Bürger in tiefiter Erniedrigung halten, ein Staat, in dem die herrschenden Klassen erbittert die Kämpfer verfolgen, die nm die Erhebung der Massen ringen, ein solcher Staat sollte nicht darüber erstaunen, daß Ausbrüche eines undiSciplinierteu Temperaments vorkommen, sondern sollte das gnädige Wunder preisen, daß sie so selten sich zeigen. Aber der Staat fühlt sich nicht verantwortlich für die Folgen seiner schlechte» Er- ziehung. Er züchtigt seine Kinder, wenn sie ungezogen sind. Die Polizei erhält das Recht, auf der Stelle das Todesurteil zu spreche» und zu— vollstrecken... In Herne herrscht wieder Ruhe. Die von der Polizei Getöteten werden neben den Opfern der BetricbS- nfälle eingescharrt. In Jena plünderten studierende Jünglinge unlängst ein Hotel und gefährdete» die Passanten der Straße durch ihre Wurfgeschosse. Kein Polizist feuerte unter die nichtsnutzigen Aufrührer. Kein Militär rückte im Sturmschritt heran, und nicht einnial Staats- anwnltschaft und Gericht legten sich ins Mittel. Ja die„Post" unterließ es sogar, einen Zusammenhang zwischen den Landfriedens- brechcr» von Jena und den Hetzereien der socialdcmokratischen Agitatoren festzustellen. Auch sonst empfindet dieser waffenklirrende Staat wie eine zimperliche Jungfrau. Der Arbeitswillige zum Beispiel erscheint ihm köstlich" schimmernd im Schmetterlingsstaub, und er wacht darüber, daß kein rauhes Wort eines ruchlosen Streik- bruders von dem Glanz ein Pünktchen auslöscht. In dem Reiche, Ivo die Kasernenhofblülen schimpffroh die starken Mauern des Staates umranken, wird es nicht geduldet, daß die Ehre eines Arbeitswilligen mit einem groben Ausdruck verletzt wird. Nur sollte sich so ein Arbeitswilliger hüten, in trunkenem Zustande einen Offizier zu belästigen, alsdann schivindet selbst seine Unantastbarkcit. Mitte» in dieser Welt von Gcwaltthatcn, die der Staat bald billigt, bald bestraft, manchmal bekämpft und öfter verübt, finden sich doch Ansätze zu einer Entivickelung mit friedlichen Mitteln. Wir denken nicht daran, datz Dreyfus nun auf französischem Boden weilt und damit die Macht des ReckitS gegenüber dem Recht der Macht einen preisenswürdigen Erfolg errungen hat. Auch daran wollen wir nicht erinnern, ivie auf dem Verwaltungswege in aller Ruhe die Revolution von l848 � ans der Geschichte getilgt wird. Diese verheißungsvollen Anzeichen eines gewalt- losen Zeitalters verschwinden vor deni herrlichen Mittel, das man eben entdeckt hat, um eine baderfreie Politik ohne Hindernisse und Reibungen kraftvoll, fruchtbar und mühelos durch- zuführen. Die rohe Politik der Reaktion, die in Deutschland herrschte, beginnt sich in eine linde Politik der Redaktion zu verwandeln. Der RcichStagspräsideut Graf Ballestrem hat in einem unüberlegten Augenblick die Kritik kaiserlicher Reden im Reichstag frei- gegeben, sofern sie nur authentisch veröffentlicht werden. Das ist natürlich geeignet, das tonstitutioncllc Gewohnheitsrecht und andere schöne Dinge aufs ärgste zu gefährden. Was soll daraus werden, wenn sich die Monologe des Monarchen unter Mitivirkung des Parlaments zu Dia- logen anStvachsen, die Reden durch Gegenreden bcantivortet lvcrdcn. Der Kaiser freilich, der die schlagfertigen Erwidenrngen lieben soll, würde persönlich kaum an solchem Brauch Mißfallen finden. Aber ein derartiges Verfahren ist doch nun einmal nach Herrn Brefelds Zeugnis ungesittet und darf nicht geduldet werden. Welch unlösbarer Konflikt scheint sich da zn erheben. Der Präsident gestattet dem Reichs- tag, ivas die Regierung verbieten mutz. In dieser Not hat ein genialer Beamter angeblich im Bureau des Reichstages das Mittel der Zukunft entdeckt und auch gleich angewendet, lvic man fiirderhin unbehelligt durch die blöden Einflüsse irregeleiteter Untcrthanen die Völker zu ihrem Glücke führen kann. Das Mittel ist absolut schmerzlos, unfchl- bar wirksam und kostet nicht einmal so viel Arbeit wie die Fälschung eines Wechsels. Man hat nur nötig, die Beschlüsse deS Parlaments angcnicsscn zu redigieren. Ein Federstrich genügt, um jeden Konflikt aus der Welt zn streichen. Hat Graf Ballestrem die Thor- heit begangen, die Kritik kaiserlicher Reden zu gestatten, so hat der Redactcnr der Reichstagsstenogramme daS Vaterland vor unabsch- baren Gefahren gerettet, indem er das Gegenteil in die Akten hineinschrieb. Man hat das plnmperweise eine Fälschung genannt. In Wahrheit ist es eine staatsrettende Erfindung, der Heilsweg zum ewigen Völkcrfrieden nach innen wie nach außen. Freilich müssen wir gestehen, datz der Entdecker des neuen Universalrczepts schon Vorgänger gehabt hat. Wir erinnern uns eines Schulkameraden, der einen sehr nervösen Vater sein eigen nannte. Um nnn den häus- lichen Frieden nicht zu stören, pflegte er in seinen Zeugnissen das „nicht* vor dem„genügend* mittels chemischer Einwirkungen zu bc- seitigen. Indessen das war nur eine kümmerliche Vorahnung der jetzigen weltumgesta ltenden Erfindniig. Fortau wird leine Ne- gierung mehr in ihrer Weisheit durch die Unvernunft der Völker gelähmt werden. Schon liest man in den Ncichstags-Stenogrammen, dast die Zuchthausvorlage einer Kommission überwiesen ist. Der Mittelland- Kanal wird, wie immer der Entschluh des preußischen A bgeordnetcnhauses ausfallen mag, in dem Stenogramm unter allen Umständen als angenommen erscheinen. Und wenn über Jahr und Tag der Reichstag die Einführung der socialen Republik be- schließen wird, so wirb man amtlich dafür die Einführung der absoluten Monarchie lesen.—.Joe Kleines Feuillekon. — Eine indische Version des Hcro und Leandcr-Motivs ist die folgende von der„Franks. Ztg." mitgeteilte Volksgeschichte, die im Pcndschab, besonders in Labore, sehr beliebt ist: I» einem Dorfe namens Naryala lebte ein Töpfer, der eine schöne Tochter hatte, Soni geheißen; Jzzad Veg, ein rcicker, junger Kaufmann, er- blickte sie einst, als er sich gerade die Waren des Töpfers besah, und hielt bei ihm um die schöne Soni an, doch der Vater wies ihn ab. Da nahm er all sein Gut zusammen, verkaufte es und legte die Tracht eines armen Fischers an, worauf er jeden Tag die Familie des Töpfers mit Fischen versah. Seine Wohnung aber befand sich auf dem anderen Ufer des Stroms, über den er jedesmal in einem großen irdenen Krug setzte. Einmal fing er jedoch nichts, und, verzweifelt hierüber, schnitt er sich ein Stück' Fleisch aus seinem eigenen Körper, briet es und überbrachte cS seiner geliebten Soni. Diese merkte den andersgearteten Geschmack und tadelte Jzzad Bcg, daß er ihr einen schlechten Fisch gebracht hätte. Da gestand er ihr alles ein, und voll Bettmnderung für seine starke und treue Liebe willigte sie ein, ihm seine Besuche zu ertvidern, indem sie hierzu ebenfalls einen irdenen Krug benutzte. Inzwischen hatte aber ihr Vater entdeckt, wer der anne Fischer war, und im stillen beschlossen, ihn aus dem Wege zu räumen. Er vertauschte zu diesem Zwecke des Nachts den irdenen Krug Jzzad BegS, den dieser für gewöhnlich am Ufer stehe» ließ, um ihn zur nächsten Fahrt bereit zu hallen, mit einem .Krug aus ungebranntem Thon. Zufälligerweise war es aber Sonis .'Krug, die gerade ihrem Geliebten einen Besuch abgestattet hatte, so daß sie bei der Hciuckehr mitten im Strom ertrank. Beim Unter- gehen erkannte sie den bösen Streich ihres Vaters und verfluchte ihn und das Dorf. Ihr Geliebter nahm sich aus Kummer das Leben, ebenso ihr Vater, als er seines Irrtums gewahr wurde, und der Strom schwoll an und erfüllte SouiS Fluch, indem er mit seinen Fluten daS Dorf fortriß.— ss. Wie der Tabak sein Aroma erhält. Aus den Unter- suchungeu der letzten Jahre wurde ziemlich allgemein der Schluß gezogen, daß die im Tabak eintretende Gärung und die daraus ent« stehende Gcschmacksverbesserung eine Folge' der Thätigkeit von Bakterien sei, und es sind daraufhin viele Versuche unternommen worden, den eigentlichen„Tabaks-Bacillus* zu entdecken. Einige- male sollte dies bereits gelungen seilt. Dr. Löw von der Biologischen Gesellschaft in Washington macht diese Hoffnung jetzt jedoch zu Schanden, indem er feststellt, daß Bakterien überhaupt keinen Teil an den Verändernngc», denen der Tabak unterliegt, be- sitzen können, da der Tabak ein sehr ungünstiger Nährboden für Bakterien ist und sogar solche Keime, die zufällig auf den Blättern vorhanden sind, infolge des Gärungsvorganges tötet. Löw hat aber eine andere wichtige Entdeckung gemacht, die sehr zur Ausklärung beitragen wird. Er hat zwei oxydierende Fermente gefunden, die zweifellos auf die Erzeugung der Farbe und des Aromas im Tabak bestimntend einwirken. Eine falsche Vehandlmig der Blätter kann diese Gärstoffe zerstören und damit diejenigen chemischen Verände- rungen verhindern, die die Verfeinerung des Geschmackes hervor- bringen. Auch das Nikotin, dnS in den frischen Tabaksblättern nicht vorhanden ist, ist einer der Stoffe, die durch die Wirkung jener Fermente erzeugt werden.— — Trcibhauögurkcu. Der Anblick eines Gnrkentreibhauscs, so schreibt die Zeitschrift„Mutter Erde*, ist ein in» höchsten Grade seltsamer. Ist man dock daran gewöhnt, sich die Gurke als ein liegendes Gewächs vorzustellen, das seine Ranken flach über den Erdboden erstreckt. Hier dagegen scheu wir die Pflanzen, an Spalieren in die Höhe kletternd, mit äußerst kräftig ausgebildeten, frei in der Luft herabhängende» Früchten. Die Anregung zur Spalicrgnrkcnzncht mag die japanische Klettergnrke gegeben haben und auch die vielen verschiedenen jetzt kullivierten Arten sind wahrschein» lich alle Kreuzungen mit diesem llrtypus. Das Mnttcrlaiid der Killtur ist England, welches durch die viel betriebene Wcinzncht an Spalieren besonders dazu prädestiniert erschien. In Deutschland wurde bisher neben der Landgnrkcnzucht ausschließlich Knstcnkultur getrieben, die jedoch nicht bloß recht mühevoll, sondern auch unzu- verlässig ist. Der llollkommenste und ertragreichste Betrieb ist da- gegen die Gnrkeukultur in Gctvächshänsern. Zwar muß hier mehr Arbeitskraft auf das Anbinde» der Pflanzen an den Drahtspalieren verwandt werden; dieses Mehr au Arbeit tvird aber durch Erleichterungen anderer Art sowie den viel höheren Erlrag und durch beffcrc Qualität reichlich aufgewogen. Die Treibhansgnrke» welche im Geschmack alle anderen übertreffen, können, falls mit der Anzucht der Pflanzen Ende Dezember begonnen wird, Mitte März bereits geschnitten und auf den Markt gebracht werde». Der Ertrag ist ein ganz überraschend großer. Eine einzige Pflanze bringt bei richtiger Behandlung in drei Monaten 80—90 Gurken. In einem Hanse von 4 Metern Breite und 42 Metern Länge können 110 Pflanzen ausgesetzt werden, welche bei entsprechender Kultur in der angegebenen Zeit wenigstens 9000 Früchte bringen.— Musik. Nun haben wir gleich zwei Sommeropern, abgesehen von der Ansuütznng des„5>roll" und vom alten Opernhans, das jetzt Ferien macht, so daß ein paar Tage lang in Berlin vier Opern-Theater spielten. Im„Westen* war schon seit längerem die neue Opern- dircktion Max Heinrich eingezogen, im Schiller-Theater wirkt seit Donnerstag die bereits bekannte, zum Teil ergänzte.Marwitz- Oper*. Gemeinsam ist beiden eben der Charakter der Sommeroper: die Zusammenfnguug eines Personals von den verschiedensten Stellen her, so daß recht verschiedenartige Leistungen nebeneinander stehe» und das Ensemble noch unsicherer ist als in ständigen Theatern. Im ganzen läßt sich denen von Heinrich ein besseres Singen. denen von Marwitz ein besseres Spielen, unterstützt durch eine etwas sorgfältigere Ausstattung und Jnscenierung. nachrühmen. Letztere sind ja auch schon besser„eingefahren*; andererseits„spielen* sie etivas zu viel. Sie begannen mit Lortzings komischer Oper„Der Wild» s ch ü tz* und brachten am nächsten Abend Spinellis lyrisches Drama „A Bas so Porto", sowie Mascagnis„Cavalleria r u s t i c a n a', die am Dienstag zuvor auch in der Marwitz- Oper als Nachspiel zu Rossinis„Barbier von Sevilla* gekommen war. Durchschnittlich gelingen solche tragische Stücke derartigen Theatern besser als die feinen Spielopern; für letztere fehlt es der einen wie der anderen Gesellschaft sowohl an der graziösen Beweglichkeit der Komik als auch an der Pietät der Ausfcilung. Der„Barbier* wurde, damit noch das rusticane Zug- stück angefügt werden konnte, unbarn, herzig zusammen-, will sagen auseinandergestrichen— auf die gerade in Berlin unter Direktor Engel 1890 durchgeführte Ersetzung des Dialogs durch Recitative mußten wir natürlich erst recht verzichten. Bon der künstlerischen Höhe der nculiche»„Zanberflötcn*-Auffnhrung war diesmal nicht viel geblieben. Indessen ragte» zwei Sänger auch diesmal wieder hervor: Felix Dahn als„Figaro" und Robert Blaß, der prächtige Bafsist, in der Barytonrolle des„Basilio*. während Richard Radow, mit einer niehr barhtonalen Stimme die Baß- Partie des Dr. Bartolo singend, leider zu einem ettvas possenhaften Ton des Ganzen beitrug. Als Rosine zeigte Rita Neumann eine ziemlich gute Koloratur. In der„Cavaüsria* bewährten sich besonders die Sängerinnen Gertrud Neumanu- Hahndorf („Sanwzza") und Martha Hartmann(.Lucia*), sowie Herr Wilhelm D ö r w a l d. Bei Marwitz sind vor allem zwei schauspielerisch tüchtige Kräfte hervorzuheben: Frida Ha ivliczek und Henuy Borchers. Jene besitzt eine gerade in dieser Umgebung besonders schätzens» ivcrte Kunst des Sprechens und des vornehmen, mit den geringsten Bewegungen wirkenden Spielens. Ihrer Stimme haftet der dort fast allgemeine Fehler des schrillen Schreiens nicht an; leider jedoch ist die Stimme recht matt und nicht soder nicht mehr) ordentlich herausgearbeitet. Wenn Ivir beachten, daß die Sängerin im „Wildschütz* eine Sopranrolle(„Gräfin*), in der„Eavallsria* eine Altrolle(„Lucia*) gab, so haben wir einen viel- sagenden Einblick in die Unbillen, die unter solchen Vcr» Hältnissen den Stimmen angethan werden. Da brauchen wir uns wohl nicht wundern, wenn Henuy Borchers die hübschen Töne, die sie manchmal, namentlich zu Beginn irgend einer längeren Stelle zeigt, bald in einem Uebcrschrcien umbringt. Sie sang nach« einander die„Mutter Maria* in„A Lasso Porto" und die „Sanwzza* in der„Cavalleria*; beide mit großer, tvenngleich über- treibender und steigcrungsloser dramatischer Kraft. In ähnlicher Weise tüchtig spielte Ocar v. Lauppert dort den„Ciccillo" und hier— für einen unpäßlichen Kollegen rasch einspringend— den „Alfio", beide male mit etwas zu viel„Sprechgcsang". Auch Otto Schröder als„Turiddu" hielt sich gut; daß er die„Siciliana* in der Einleitung zu tief sang, lag ivohl an einer ungenügenden Verständigung mit dein Orchester, dem übrigens ebenfalls noch manche Anfrassung zu wünschen wäre. Josefine Vettori spielte im selben Stück die„Lola" und im„Wildschütz" das„Gretchen" sehr charakteristisch; ihrer Stimme wäre eine Ueberwindung des Flackerns der Töne recht sehr zu gönnen, während ein gleicher Wunsch bei der Stimme von I a n k a Major(„Baronin* im selben Stück) kaum der Mühe wert ist. Herr Carl Jörn, der hier der„Baron" und in „A Lasso Porto" den„Luigino" sang, besitzt ein nicht übles Stimm- Material, das jedoch ganz anders benützt iverden müßte. Die Titel- rolle im„Wildschütz", der Schulmeister Baculus, wurde von Georg Thölke gut gesprochen, annehmbar gesungen und ziemlich trocken gespielt; recht nett machte sich hier TheoRaven als „Pancratius". Wenn wir in dieser Weise die Gelegenheit benutzen, um leichter als sonst auf typische Sing- und Spielsünden aufmerksam zu machen, so dürfen wir doch nie vergessen, daß gerade solche Unternehmungen, weit entfernt von dein Vorteil eines fcft eiligcflihrciien ThklitcrS und fllir von dcr materiellen Sichcrkeit einer Hofviilnie. eines vesonders milden Maßstabes bedürfen. Wir können dankbar sein, daß dein Publiluni in der gefährlichsten Jahres- zeit so viel dargeboten wird,»nd müsse» solche Jorlschritte, wie sie bei Marwitz mitten im Verlaus der.Wlldschütz--Aufsübru»g zu merken waren, noch eigens anerkrrmen. Immerhin solllen die Dirckiioncn auch da'nr sorge», daß etwas Besonderes geboten werde. nicht bloß ein leidliches Abspiele» oder Vorspielen bekannter Sachen. Also: wenn schon nicht Premieren, so doch sorgsame Nenstndieriingen, Mnsteranssnhningen— nicht im Sinn eines Ensembles von .Sternen", sondern im Sinn einer hingebenden Ausführung dessen, was die schassenden Künstler mit ihren Werten gewollt haben.— tz. Archäologisches. — Römers nnde in S t o«k st a d t. Auf dem beschränkten Raum bei dem Klärbassin der Zrllstvssiabrik in Stockstadt, der im vorigen Jahre schon eine große Menge von römischen Beneficarier- Votivsteinen ergab, ist abermals ein möchtiges Denkmal dieser Art von rotem Sandstein tief im Boden gefunden worden. Das im ganzen wohlerhaltene Monument ist l.40 Meter hoch, im Mittel KS Zentimeter breit, 86 Centimetrr dick und in anßergcwöhrrlicher Art reich profiliert. Zwischen den Rosetten der beiderseitigen Rollen lEonvolnten) zeigt sich am Gesims von einem kranzartig gewundenen Halbmond umrahmt, ein nrenschlichcr Kopf, der wahr- scheinlich den Gott Merkur, dem das Denkmal gewidmet ist, vor- stellen soll. Die sünszeilige Inschrift ist in sehr korrekten Fornren, die auf gute Zeiten hinzmveisen scheinen, sauber, aber wenig tief ansgehauen. Sie hat in den zwei ersten Zeilen die ungewöhnliche Höhe von L Eenlimeter und besagt, daß ein T. H V1TV8. Bencficiar des Statthalters, den, Merkur zusolge eines Gelübdes dieses Denk- mal gewidmet hat. Leider ist durch eine Abwctzung des Steins von der linken Seite a»S der zweite Buchstabe im Rainen des Stifters. wahrscheinlich ein A, bis zur Unkenntlichkeit verschliffen. Nach vorliegenden Anzeichen sind an der Stelle noch weitere Funde zu erwarten.— Völkerkunde. — Webemuster und Tätowierung ans den Lutshu-Jnseln. Die zu Japan gehörigen Lutjhu- Inseln sind von dem Amerikaner Dr. William Furueß zum Zweck wissenschast- licher Forschungen besucht worden. Ueber seinen Besuch hat er. wie Wir dem.Globus" enlnchmen, eine» lebhaft geschriebenen Bericht erstattet, in dem er auch ans den Znsainmenhanq zivischen Weberei und Tätowieren ans jenen Inseln eingeht. Das Tätowieren wird dort von Weibern besorgt, die daraus ein regelrechtes Geschäft machen. Die Besteuerung der Männer hängt zusammen mit der Vicnge Reis oder Hirse, welche sie von ihren Ländereicn ernten. während die Frauen nach der Güte des von ihnen gewebten feinen Stoffes besteuert werden. Es giebt etiva 20 Stoffarten, welche je nach der Schwierigkeit, mit der die darin eingelvebten Muster hergestellt sind, taxiert werden, und ist ein Weib vorzüglich in der Schaffung eines be- stimmten Webemusters, so wird ihr dieses auf die Hand tätowiert. DaS gilt als eine besondere Ehre, ist aber auch insofern kostspielig. als mit der Schönheit des Webemnsters auch die Stenern erhöhl werden. In Ooschima bedient man sich außer den auf die Hände tätowierten Muslern noch eines eigentümlichen Zeichens, das ans der Innenseite des Handgelenkes angebracht wird. Es besteht aus einer Zusammenstellung verschiedener Figuren: dem geöffneten Schnabel eines Vogels, dem Henkel eines Theelopfes, dem Kopse einer Schildkröte und dem Schwänze eines Fiiches. Reben dem Fischschwanze steht aus dem Knöchel der rechten Hand stets eine viereckige Figur, während an derselben Stelle der linken Hand entweder ei» runder Fleck oder ein Stern eintätowiert ist. Das Viereck soll eine Spule mit ausgewickelten» Garn darstellen. In anderen Gegenden sind diese Zeichnungen etwas anders gestaltet. Dort stellen lang eintätowierte Linien auf den Fingern Bambus- dlätter dar. Verschiedene Zeichnungen auf dein Handrücken wurden aber nur teilweise erklärt. In Myako-Jima stimmten sie mit Webemuster» überein, unter denen Scheren, die Fußstapfen von Vögeln «nd Eßstäbchen vorlonmici». Aus der linken Hand steht ein Dreizack »zur Abwehr böser Geister". Die Tatowicning findet nur im Juli «nd August statt, wenn die Feldarbeit ruht; denn die Hände schwellen dadurch stark auf.— Aus dem Tierreiche. — Eine große naturhistorische Merkwürdigkeit ist. wie der„Voss. Zeitung" aus Stockholm geschrieben wird, den» zoologischen Museun» der Universitätsstadt L»md angeboten worden. Sie stammt aus Madagaskar und besteht aus einem E i des aus- gestorbenen Riesenvogels dieser Insel, des Asp�onus rnaximus, den man für den in den orientali- schen Sagen vorkommenden Bogel Rock hält. Dergleichen Eier und Stücke davon find mehrfach tief im Sande an den Flußmündungen der flachen SandMste Madagaskars, zuerst, soweit bekannt ist, im Jahre 1860, gefunden ivorden. Die Stücke gleichen Porzellanjcheiben von einem halben Eentimeter Dicke. Knochenreste des Bogels fand man sehr spar- sam, und erst der neueren Forschung ist es geglückt. soviel Material beizubringen, daß man sich ein einiger- maßen vollständiges Bild von dein Bau der Tiere machen konnte. Ihre nächsten Verwandten bilden augenscheinlich die Strauße oder »och mehr die Geier. Sie waren im Vergleich zu den Vögeln der Gegenlvart von kolossaler Größe und klumpig gebaut, was sich auch schon aus dem Umstand schließen läßt, daß ein Ei dieses Riesen- vogels dem Umfang nach sechs Stück Straußeneiern oder 160 Stück gewöhnlichen Hühnereiern entspricht. Daß die ge- sundenen Eier so gut der Zeit widerstanden haben, erklärt sich zuin Teil daraus, daß die kalkige Schale in krhstalli- nische Forn, übergegangen, also versteinert worden ist. Das jetzt nach Schweden gekonnnene Exemplar, das von einem jungen Schwede» während seines Anfenthaltes auf Madagaskar erworben und dem Museum in Lund für 1000 Kr. angeboten wurde, ist be- sonders gut erhalten, mißt 33 Eentimeter in der Länge und 67 Centi- meter im Umfang.— Humoristisches. — Nobel.„Wie, Herr Kommerzienrat lassen sich ans Ihrem Fahrrad von dem Diener schieben?"—»Nu, wie haißt I Hab' ich's nötig zu strampeln?!"— — Unbewußtes Bekenntnis. Rechnungsrat(zu seinem Kollegen):... Dir will ich es anvertrauen: Ich schreibe seit einiger Zeit gegen Honorar kleinere Beiträge für belletristische Zeitschriften!.. Du glaubst gar nicht, welch' einen reizvollen Wert das Geld hat, das man sich durch Arbeit verdient!"— — Gerechte Entrüstung. In dem„aufblühenden" Badeort Schwcselhansen wurde der Flaschnermeister Blechhaferl eines Tages von der halben Einwohnerschaft fürchterlich durch- geprügelt.' Der Unglücksinensch hatte, als gerade die Badesaison beginnen sollte und ganz Schwefelhansel» auf den ersten Badegast lauerte, zur Enipfehluug senier neupatentierten Badewannen am Bahnhof eine große Blechtafel anbringen lassen mit der Aufschrist: „Bade zu Ha u s e l"—(»Flieg. Bl.") Notizen. — Auch das Theater des Westens will in der nächsten Saison unter Hospauers Leitung die Operette Pflegen. In Aussicht genominen find:»Der B e t t e I st n d e n t" von Millöcker, „Der Vogelhändler" von Zeller,„Girosls-Girofla" von Lccoq» imd„Hofmanns Erzählungen" von Lssenbach. An neneil Opern iverke n find vom Theater des Westens die solgendcn geplant:„Der König wider Willen" von Chabrier, dem Komponisten der„Vriieis",„Zwei Witiven" von Smctana und die „Reise»ach China" von Bazin.— — Frau Vi c l b a unternimmt, wie das„B. T." erfährt, in der nächsten Saison«ine Tonrnöe durch Europa und wird bei dieser Gelegenheit auch zum e r st e n m a l in Berlin singen.— — Das in u s i l a l i s