Antcrhaltnngsblatt des Horwärts Nr. 129. Mittwoch, den 5. Juli 1899 (Nachdruck verböte».) 13) Es lebe die Vnnll! Romair von C. V i e b i g. Als der Engel im Saal erschien, nahmen ihn Kistemacher gleich in Beschlag. Herr Kisteniacher bestellte Sekt am Büfsett, Frau Julie umarmte das junge Mädchen, küßte es vor aller Augen und sagte immer:„Wir drei!" Elisabeth wehrte sich mit leisem Befremden— so intim war sie doch nie mit Kistemachers gewesen! Als Herr Küste macher beim ersten Glas sprach:„Auf unsere innige Freund schaft," als Frarr Julie zum zweitenmal das Glas hob: „Prost Brüderschaft— Du Elisabeth!" wurde sie ganz still. Sie war froh, als plötzlich Jakob Heider im Gewühl auf tauchte. Sie war nicht erstaunt, wußte sie doch, daß er hier sein würde, freilich nicht aus eigener Wahl, sondern als Rc porter für irgend ein Lokalblatt.„Je kleiner das Blatt, desto größer muß der Artikel sein," hatte er gesagt,„aber was soll ich machen? Die Schieblade,„dat Schößchen", wie sie bei uns zu Hanfe sagen, ist leer, und mein armer Erdniann der hungert mir sonst!" Mit einem Gefühl der Erlösung, nachdem sie ihn flüchtig Kistemachers vorgestellt, hing Elisabeth sich an seinen Arm. „Wohin?" fragte Frau Julie. „Ich muß mich nock) ein wenig nach meinen anderen Ve kannten umsehen," sagte Elisabeth ganz verlegen. „Wir gehen jetzt." Herr Kistemacher erhob sich.„Es wäre auch Zeit für Sic, Fräulein Elisabeth." Nerwlmdert hob sie den Kopf— warum dieser zurechtweisende Ton? „Ich niöchtc noch bleiben," sagte sie ruhig. Der Abschied war kühl; Kistemachers waren sichtlich beleidigt. Heider wanderte init Elisabeth durch den Saal; sie waren in den paar Wochen, die sie sich kannten, gute Freunde gc- worden. Heute schalt er mit ihr. „Wie können Sie sich zu so etwas hergeben, Fräulein Reinharz?" Sie sah ihn verständnislos an. „Fühlen Sie denn nicht, wie ekelhaft das alles ist?" fragte er erregt.„Eine Schaustellung der Persönlichkeit, weiter nichts!" „Sie vergessen den guten Zweck!" sagte sie gereizt. Und gleich daraus, in ihrem Glücksgefühl den Aerger gar nicht aufkommen lassend:„Sind Sie drollig, Herr Heider! Ich bin so vergnügt. Alle sind gut zu mir. Ich bin auch allen gut, allen!" sagte sie warm und hob das Gesicht empor, daß es hell beschienen war.„Es ist so schön hier! Ich bin so glücklich!" Sie atmete tief, ein wundervolles Lächeln hob ihre Oberlippe imd zeigte die schimmernden Zähne.«Jetzt oder nie Iverde ich was I" Sie blieb stehen und preßte seinen Arm. Ihre Augen blitzten ihn an, frei, freudig, siegessicher: „Ich sühl's— ich»verde!" Er empfand den Druck ihres Arms in dem seinen, das weiche, volle Fleisch hob sich rosig von seinem dunklen Rock- ärmel. Ein Zauber ging von diesem nackten Mädchcnarm ans, ein Strom von Kraft und Frische. Da war nichts von Müdigkeit, nichts von Verlvelktseiu. Die ganze Gestalt ging auf so sicheren Füßen, geschwellt von freudiger Hoffnung, von mutiger Entschlossenheit. Diese Hände mit den schlanken und doch kräftigen Fingern würden schon zugreisen; diese Arme mit ihren starken Muskeln, in der klassischen Reinheit ihrer Form fest wir Marnror, die würden um den Preis ringen, ihn tragen, halten, nicht fahren lassen. Er sah in ihr frisches Gesicht und erividerte ihr Lächeln. Sie wurden getrennt. Andere kamen, ein ganzer Schwann, Herr Engen Goedcke und Fräulein Starzynska an der Spitze. Sie entführten Elisabeth. Die Starzynska in einer unglaub- lich eleganten Toilette schlang den Arm um des Mädchens Taille. „Die beiden Größen der Zukunft!" sagte irgend jemand. Heider sah Elisabeth verschwinde»!, wie eine Vision glitt sie an ihm vorüber, lächelnd, nickend. Ihr Engelsgewand leuchtete weit, es wehte wie ein weißes Blütenblatt durch das Bunt der Umgebung. Er stand ans und starrte ihr nach und vergaß, sich weitere Notizen zu machen.... Und nun war das Fest zu Ende, die Menge hatte sich verlaufen. Heider wartete am Ausgang, er hatte Elisabeth versprochen, sie nach Hause zu bringen. Ueber ihm schaukelt die Kugel der elektrischen Lampe. Vom Königsplatz her kam ein schwüler Jasminduft, die Bäume des Tiergartens rauschten. Der mittemächtige Himmel war dunkel, ganz schwarz. Heider schlug sich den Rockkragen in die Höhe— war das ein starkes Wehen, ein Gewitter im Anzug. Prüfend streckte er die Hand aus i noch fiel kein Tropfen, aber bald würde es regnen. Wenn sie doch känie! Jemand klopfte ihm auf die Schulter. Er fuhr herum. „Ah, Du bist es. Ebel", sagte er enttäuscht. „Kommst Du mit nach Hause?" fragte der junge Mann. „Wir könnten noch eine halbe Stunde in irgend einem Lokal sitzen, wenn das Wetter'raufkommt. Wir haben uns so lange nicht gesehen, heut auf dem Fest auch nur ein paar Minuten. Ja, kommst Du?" „Ich kann nicht. Vielleicht treffen wir uns morgen abend bei Siechen. Ja, morgen sicher! Heut kann ich nicht" — er sah unruhig nach der Thür—„ich bringe eine Dame nach Haus." „Dann will ich Dich nicht stören!"— der andere lüftete den Hut und trat bescheiden zurück—„also auf Wiedersehen morgen!" Er nickte freundlich und ging. Seine große, elastische Gestalt verschwand bald im Dunkel l Andere kamen heraus, Nachzügler, die ängstlich denHimmel betrachteten, Schirme ausspannten und nach Droschken riefen. Die Damen knüpften ihre Kopftücher fester und schürzten ihre Röcke. Die ersten Tropfen fielen. Kam sie denn noch nicht? Die Thür klappte im Wind hin und her, die langen Ranken des wilden Weins am Eisen- gitter wurden gepeitscht— endlich! Er hörte ihre volle Stimme, ehe er ihre Gestalt sah. Sie rief lachend:„Es regnet!" „Sie können unmöglich zu Fuß gehen!" sagte eine Stimme. „O doch!" Da war sie. Sie hielt den Regenmantel über dem weißen Kleid zusammen, der Saum schimmerte unten vor. Den Lilienkranz hatte sie abgenommen und sich über den Arm gehängt; das wirre Haar hing ihr unter einem Tüchlein in das glühende Gesicht. Zwei Herren kamen dicht hinter ihr.„Unmöglich! Sie müssen fahren, Fräulein Reiuharz, ich fahre Sie nach Hause," sagte der eine.„He, Droschke!" „Einen Moniang I" Der andere stürzte vor.„Ich be- sorje Ihnen eine! He, Kutscher, wo haben Sie denn Ihre Ohren? l" schrie er aufgeregt.„Da ist schon ein Droschkon. Hier I Bitte, bitte, verehrter Herr Kollege, placieren Sie sich I" „Ach, da sind Sie!" Elisabeth sprang auf Heider zu. „Das ist"—„schön" wollte sie sagen, aber ein plötzlicher Windstoß riß ihr das Wort vom Munde.„Ah— ah I" Sie hielt sich den Mantel fester zusammen. „Hier, Herr Kollege, hier, verehrter Eisenlohr l" rief Goedeke und riß den Schlag auf. „Bitte, Fräulein Reinharz I" Der Dichter faßte nach ihrer Hand. „Ich danke vielmals, hier, Herr Hcider bringt mich schon nach Haus." Der berühmte Dichter rührte flüchtig an seinen Hut.„Es ist besser, wenn Fräulein Reinharz führt; danke sehr." Ehe Elisabeth sich's versah, war sie in den Wagen ge- hoben, Eisenlohr saß neben ihr und zog den Schlag zu, Goedeke wollte gerade nachsteigen; nun stand er verdutzt draußen. ,.'n Abend!" Der Dichter nickte ihm flüchtig zu.„Los. Kutscher!" Das Pferd zog an, fort rasselte der Wagen. Noch cininal tauchte Heidcrs Gesicht auf. Dann umfing sie Dunkel. Und Regen an den Fenstern, mit großen, harten Tropfen pochend. Jetzt ein Donnerschlag, jetzt ein Blitz. Elisabeth fuhr zusammen. Nicht des Gewitters wegen; Eisenlohr hatte den Arm um ihre Taille gelegt. „Aürchtcn Sie sich nicht sprach er halblaut. „Ich fürchte mich nicht!" Sie wollte lachen, aber das Lachen kam nicht recht heraus, es blieb ihr in der Kehle stecken. Es war so beklommen in der Droschke, schwül zum Ersticken. So unbehaglich— warum nur? Und so dunkel I Sie fühlte seinen Fuß sich ans den ihren stellen— war das Zufall, war das Absicht? Hastig zog sie ihren Fuß so weit als mögLch unter den Sitz. Sein hcitzer Atem wehte dicht, ganz dicht an ihrem Ge- ficht. Sie rückte noch mehr in die Ecke, und drückte sich ganz zusammen. „Mein liebes Fräulein," sagte er,„mein liebes Kind!" Er suchte nach ihrer Hand. Sie fast wie gelähmt; sie wollte sie ihm entziehen und doch fürchtete sie, sich lächerlich zu machen. Er sprach so väterlich. (Fortsetzung folgt.) MotnvwiplenMnfklichlv Mebevfirlxt. Von Curt Grottewitz. So sehr die modcnie Naturwissenschaft unter dein Einflüsse Darwinschen Geistes steht, so gicbt es doch in ihr größere Gedicte, deren Aufgaben und Ziele i» gnnz anderer Richtung liegen. So geht die Forschung, ivclche sich mit den Mikroorgmnsmcii und überhaupt mit den kleinsten Teilchen organischen Lebens beschäftigt, ihre eigenen Wege, iveii» sie nntiirlich zuweilen auch in de» Dienst Dartvinistischcr Untersuchuugcu gestellt werden mag. Der Versuch, das Rätsel de? Lebens dadurch zu lösen, daß man mit dem Mikroskop die Zusammeiisetzuiig esnes organischen Gebildes bis in seine kleinsten und letzten Teile zn verfolgen strebt, ist eine Arbeit. eine Aufgabe für sich. Denn über die ursprüngliche Entstchung der Pflanzen und Tiere vermag der Darwinismus nichts auszusagen, er hat es nur mit den Gesetzen zu Ihn», nach denen sich das einmal vorhandene Leben weiter entwickelt. Aber schon vor dein Auftauchen der Transmntationslehre hatten die mit dem Mikroskop arbeitenden Forscher das Ziel fest vor Augen, die letzte» sichtbaren Grenzen des Lebens aufznsiuden. Als das Mikroskop von neuem und mit»eucin Eifer— cS war ettva zu Anfang der dreißiger Jahre— zur Vefwenduiig kam, ttmrde es zunächst allerdings anr meisten dazu benutzt, die Zu- saumiensetzung des tierischen und pflanzlichen Körpers genauer kennen zu lerne». Zugleich aber wurde dieses Hilfsmittel von einzelnen Forschern dazu verwandt, die Kenntnis gerade der Tiere und Pflanzen zn fordern, welche mit bloßem Auge nicht wahrzunehmen süid, also der Mikroorganismen. Als aber sodann die wichtige Entdeckung gemacht wurde, daß alles Lebendige aus mikro- skopisch kleinen Zellen besteht und daß eine solche Zelle den letzten nicht mehr teilbaren Lcbensbilhnngsstoff darstellt, da erhielt die Forschung die gewaltigste Anregimg, sich mit diesen Zelle» zu beschäftigen, in denen man dem Geheimnisse der Lcbensentstehung selbst uaheznkommen wähnte. In diesen drei Bahnen wandelt auch heute noch die mikro- skopische Forschung. Auch heute noch' dient sie zunächst als Hilfs« Wissenschaft für alle anderen naturwissenschaftlichen Zweige. Sie hat da die feinere Zusannncnsetzniig des tierischen und pflanzlichcii Körpers, aber auch der Mineralien anfznklärcn und das Wachstum der Lebewesen vom Ei an zn verfolgen. Das Mikroskop hat über- Haupt erst eine eingehende Kenntnis aller Lebewesen und Natnrkörper vermittelt, es hat ihren anatomischen Bau bis ins ciiizclnstc und kleinste crschlosicn und dadurch erst die Möglichkeit geschaffen, sie von einander zu genau unterscheiden und den ganzen Mechanismus ihrer LebciiSsilnktioncn zu begreifen. Die zweite Aufgabe der mikrostopischen Forschung liegt in der Vcschästigung mit den einzelligen Lebewesen, den MilroorganiSme». Diese Forschung ist zn einem großen selbständigen Gebiet an- gewachsen, das heute schon ein der Botanik oder der Zoologie fast ebenbürtiges Fach bildet. Ernst Häckcl Hatto vorgeschlagen, diese einzelligen Pflanzen und Tiere zusammen Protisten zu«ennen und sie als eine selbstäiUipe Gruppe von Lebewesen den Pflanzen und Tieren gegennberzustellen. Der Rame ist aber noch wenig eingebürgert, obwohl er sehr viel für sich hat. Thatsächlich Insten sich die einzelligen Pflanze» shstematisch nur sehr schwer von den einzelligen Tieren trennen, außerdem giebt es kaum einen Zoologe» oder Botaniker, der sich zugleich mit mikro- organischcn und mehrzelligen Wesen beschäftigte. Die Forschung über Mikroorganismen hat zunächst zur Eiiideckmig einer Unmenge von Formen geführt, viele, viele Tauseude von Arten kennt die Wissenschaft bereits, und»och inunersort werden neue entdeckt. Denn ihre Kenntnis ist ja auch von großem praktischen Werte. Aerzte untersuchen die Mikroorganismen, die Krankheiten an Menschen hervorbringen, viele Gelehrte richten ihr Angeiunerk dagegen ans solche einzellige Wesen, die an Tieren oder besonders an Pflanzen pathologische Veränderungen verursachen. Es vergeht kaum ein Monat, in dem nicht eine Anzahl derartiger Mikroorganismen entdeckt werden. Denn viele der kleinen Pilzchen kommen nur an einer ganz bestimmte» Pflanze vor. So konnte der Schwede I. Eriksson, der sich um die Erforschung der Getreiderostpilze verdient gemacht hat, erst jüngst feststellen, daß der Johaunisbeerrost(Luoujiüä lEbis) auf den verschiedenen Arten von Johannisbeeren ein verschiedener sein muß. Er koimte eincir solchen Rostpilz nur auf der roten Johannisbeere sRibes rubrum) ansiedeln, während derselbe aus anderen Ribes-Arteu nicht gedieh. Eine besondere Entwicklungs- form dieses Pilzes wächst dagegen auf einer Roggenart. Es ist eine mcrktvnrdige Eigenheit verschiedener Pilzchcn, in der Jugend auf einer ganz anderen Pflanze zu leben, als in einem späteren Entwickluugsstadinm. So verbringt eine Form des so schädlichen Gctreiderostes, der die Halme mit einem rostartigen Ucberzng bedeckt >md dadurch in ihrer Entwicklung ungemein hindert, seine Jugend ans dem Bcrbcritzenstrauch. Die verschiedenen Entwicklungsformen eines Pilzes haben dabei mit einander so wenig Aehnlichkeit, daß sie oft für gesonderte Arten gehalten wurden und in vielen Fällen wohl auch heute noch gehalten werden. Auch die Schädlichkeit des Pilzes ist in diesen verschiedenen Entwicklnngsphasen nicht gleich. Während der Getrciderost ans der Berberitze nnr unbedeutende Wülste ans den Blättern erzeugt, ist er ftir die Entwickelmig einer Roggcnpflanze meist von viel verderblicherem Einfluß. Pilze brauchen aber den Pflanzen, auf denen sie wohne», nicht durchaus immer schädlich zu sein. Das lehrt auch die jüngst durch die Zeitungen allgemein verbreitete Entdeckung, daß die giftige Wirkung des TanmcllolchS auf dem Vorhandensein eines Pilzes in diesem Grase beruhe. Das wistenschnftlich Jntcrcstantefte nämlich an dieser Entdeckung ist, daß der Pilz offenbar in einer Symbiose mit dem Grase steht. Denn Ncstler, der die Entdeckung selbständig neben Hanansek machte, erzog Tanmcllolchpflanzcn ans Samen, die er vorher von jeder Spur des Pilzes befreit hatte. Dennoch traten, obwohl Infektion von außen her dabei nicht in Betracht kommen konnte, in der ganzen Pflanze sehr bald die Pilze auf. Diese »nisten daher, vielleicht in Form von Sporen, bereits in den Samen des Taumellolchs vorhanden gewesen sein. Sonst ge- langen die Pilze von außen her auf ihre Wirtspflanzen. Hier beim Tanmellolch aber ist der Pilz imtrcnnbar mit diesem verbunden. Der Pilz erhält vom Grase Nahrung, waS freilich dieses von ihm erhälh das ist»och nicht zu entscheide». Das dritte Gebiet, dessen Erschließung dein Mikroskop zu vcr- danken ist, ist die Erforschung der gelle als des Lebensbildnngsstoffes, ans dem der Körper aller organischen Wesen besteht. Die Zelle ist in» loejeiitlichen eine eilveißartige, zähflüssige Substanz, das Proto- plaSma. sie führt als Mikroorganismus ein selbständiges Leben oder sie setzt in» Bereu» mit ihresgleichen die Gewebe der Pflanzen nlih Tchre zistainmeir. Ohne Zweifel ist die Anschauung vom Leben selbst durch die Thatsache, daß sich in einer so lviirzigen Zelle der ganze Lcbensprozcß abspielen kann, bedeutend»mgcivaadclt worden. Aber seit den dreißiger Jahren ist man nnr leider in dieser Richwing keine» uyuienSwerten Schritt vonvärts gekommen. Man hoffte, da»»an einmal das Leben auf eine so kleine Materie konzentriert sah, um» auf einfache Weise das Rätsel zn lösen. Aber diese Hoffnung Ivurde doch getäuscht. Dem» die Zelle erwies sich ni»i als genau so kompliziert, so»mbcgrciftich»vie irgend ein größeres Lebewesen. Sie zeigte die merkwürdigsten tausendfachen Formen, sie zerteilte sich in eine Membran, die sie»»»»»schließt, in das diese ansfiikleiide Protoplasma und an den» Protoplasma Wieden»»» bemerkte man Kerne, Farbkörpcr, eine piilsicrende, Vakuole genl»>»!ite Blase, siihlcrartige Wunperir»»id beiiiähnliche Fortsätze, die sich aus der Zelle gewisserinaßcn hermiSstüIptei» und wieder zurückzogen, sodann ein' Gerüst von Kalk- oder Kicsclstückchcn, das die Zelle»migiebt, und das eine für jede Art sehr charakteristische Fmin anfivcist. Dazu komme» noch die settsame» Vorgänge bei der Vennehrung der Zellen, die Teilung in zivei selbständige Wesen, doch neben der vegetativen Fortpflanzung auch Fälle, die an die geschlechtlichen Er- scheinungcir der höheren Pflanzen eriimerteii. Diese»lird ähnliche komplizierten Vorgänge»nd Eigeuschaften wurden also an den Mikro- oraniiiSmeu nnd an der Zelle überhaupt genau verfolgt, und sie lehrten ganz deutlich, daß man de»»» Probien» des Lebens mit der Erforschung der Zelle kau»» iiei»ie»s>vcrt näher gerückt ist. Und doch kann man sich auch heute noch der Hoffnung nicht verschließen, daß, i»>c»m überhaupt, über das Wesen dcS Lebens nur durch die Er- forschung des Protoplasmas, des UrbildiingsstoffcS, Alifklärung kommen kn»». Nach verschiedenen Richtungen hin verteilt sich hier die Arbeit der Wiffenschaft. Der Chemiker möchte die Zelle someit zerlegen, daß er in ihr die kleinsten chemischen Verbindungc»» oder gar Urstosfc nckeimen und ihre Thätigkeit beobachten könnte. Er sucht nach den Molekülen und Atomen, a»ls denen der ZellargaiiiSmus besteht. Den Biologen intcressicrcii»nchr die Lebenserscheimmgeu, die in der Zelle zum AnSdrnck kommen. Mit großein Glück»st jetzt die mechanische Er- klärimgSwcise bei der Erforschnng der Zelle angelvandt wordem So hat vor kurze»»» Ludwig Rhuinbler im„Archiv für Entwicklungs- Mechanik der Organismen" Bd. VII Expcriinente bekannt gegeben, diii-ch ivclche er die LebenSerscheiiningen bei Urtierchci» künstlich nachmachte. Nhumbler führt die Bewegung, die Aufnahme von Nahrung nnd Abstoßmig uuverdonlicher Reste, daS Pulsieren der Vakuole, ja den Gehäusebau ans rein mechanische Gesetze znriick, auf Adhäsion, Druck- nnd SpaiimingSverhältiiissc, kurzum auf ver- hältnismäßig einfache physikalische Vorgänge. Man könnte bei oem sonderbar regelmäßigen Schakciigcrüst, gegenüber dem die Schiicckenhänscr annsclig erscheinen, an einen bedcutci»den Bailmstiiitt der Kleinwesen denken. Nhumbler zeigt, daß die Schalenstnckchei» infolge der Druck- nnd Spanmnigsberhältnisse, die in den» Protoplasma wie in jeder flüssige»» Masse herrschen, aus fcetii Fimcre» der gelte herausgedrückt imben, sie find des 1111- verdauliche Ueberbleibsel aus der Rahrimg, welche die Mikrobe auf- «enommen hat. Aber diese unverdaulichen Kalk- und Kieselftückc fallen doch nicht von jener ab, da ihre Adhäsion an das Protoplasma grötzer ist als an das Wasser, in dem die Mikrobe schwimmt. Rhnmbker hat nun diese» anscheinend so wunderbaren Gebnnsebnn künstlich dadurch zu stände gebracht, dasi er Tropfen von Rizinusöl, das mit Glassplitteni durchsetzt ivar, in Alkohol schtvinnuen lieh. Infolge der physikalischen Beziehungen dieser verschiedenen Medien zu einander, bauten sich die Glassplitter zn sehr komplizierten Ge- häufen auf. die an scheuibarcr Kunstfertigkeit die Gerüste derjenigen Mikroorganismen noch iibertreffeu. deren Banthätig- leit man bisher am meisten belvundert hat. Durch ähnliche Experimente konnte Rhnnibler die Ausnahme von Rahnmg, die Abgabe von unverdaulichen Stoffen und andere Lebenserscheinnngen der Mikroorganismen künstlich nachahmen. Trotz alledem glaubt natürlich Rhnnibler nicht, das; er damit etwa den ganzen LebenSprozesi der Mikroben künstlich erzeugen lärme oder gar dasi seine Oeltropfrn wirtlich lebende Wesen seien. Aber seine Experimenle zeigen doch, wie oft die scheinbar kompliziertcfteu Lebens- erscheinnngen rein niechanische Lorgänge sind. Ob aber einmal so der ganze Lebensprozeh selbst mechanisch erllärt werden kann? Ob das Protoplasma sich mir durch seine tnnsendsältig kompliziertere chemische Znsammeiisetzniig von den SihumblerschenOeltropsen unter- scheidet oder ob es von einer besonderen Kraft beseelt wird, der materiell nicht beiznkommen ist? Gelvisse komplizierte biologische Lorgänge sind neuerdings eben- falls auf chemische Prozesse zurückgeführt worden. Die Hefepilze bringen bekanntlich die Gännig des Bieres, des Weines und des Braiuiltveins hervor, indem sie de» im Malz, im Tranbensast und in der Maische enthaltenen Zucker in Kohlenjänre und Alkohol zersetzen. Man saht deshalb die Gärung als eine» Lebensprozes; der Hefepilze auf, bei dem der Zucker in die angegebenen Bestandleile zerspalle» wird. Nim glaubt aber E. Büchner durch sorgfältige und neuerdings wiederholte Versuche bewiesen zn haben, dag Gärung auch ohne den Lcbensprozesi der Hefe, allein durch einen in ihr ent- haltenen Stoff erzengt werden könne. Er hat Hese zerrieben und durch Porzellan filtriert, ein Lersahre», durch das Mikro- Organisinen zerstört zu werden pflegen. Diese filtrierte Masse brachte aber trotzdem Gärung hrrbor, und die Wahrscheinlichkeit ist deshalb sehr groh, daß wirklich nicht der Lebeiikchvozeß, sondern ein bestimmter chemischer Stoff in der Hese das wirksame Agens bei der Gänmg sei. Vor kiivzein haben auch unabhängig von einander zwei bedeutende Mitrobenforscher Erlvin E. Snrith und M. W. Vehennck lLerhandlnngen der Akademie der Wissenschaften zu Amsterdam) seftgesiellt, daß eine Jnsektions- kraul hei t am Pfirsich und eine an den TabakSblälteril nicht ruf einer Beeinflussung durch Pilzchen beruhen, sondern durch eine„lebendige Flüssigkeit" hervorgebracht werden. Das seltsame ist, daß diese lebendigen Anfleckmigsstoffe übertragbar sind und sich ans Pflanzen vermehren. Das siiid also Erscheimmgen, die man sonst stciS der Einwirkung von Mikroorganismen zuschrieb. JedensaklS köimcn solche Lersiichc, biologische Vorgänge ans mechanische oder chemische llr- fachen znrnckznsühren, ans großes allgemeines Interesse rechnen. ES fragt sich nur, wiebiel Terrain das lebenbildende Prineip sich ab- gewinnen lassen wird. Wenn wirklich mir eine gewisse Anzahl von biologischen Vorgängen mechanisch sind, da»» wäre das Phänomen des Lebens zwar iviedennn ans ei» noch kleineres Gebiet zurück- gedrängt, aber erllärt wäre es ebensowenig wie vorher. Oder sind jene Versuche und Experimente Ivucklich der Anfang zu einer voll- ständigen mechanischen Erklärung aller Lebeiiserjcheinnngni?— Mlvines Feuilleton. — Tie Arbeiten am Simplontunncl biete», wie ein Mit- arbeitcr der„Köln. Ztg. in einein längeren Aussatz n. a. schreibt. noch bedeutend größere Schwierigkeiten, als etwa die faewn Gotthard- tmmel gemacht haben. Ilm nur eines herauszugreifen: die Temperatur in der Mitte des Siinplontuunels wird aus etwa 42 Grad berechnet, während das Thermometer beim Gotthardbau seinen höchsten Stand bei 30,3 erreichte. Der Simploiituunel wird mit 20 Kilometer Länge lgenan 19,738) der längste der Welt sei» (Golthardtuimek 14,034 Kilometer) und er liegt mit seiner größten Tiefe 2l40 Meter unter der Erdoberfläche. Der Bau würde mit den Mitteln, die beim Gotthardtunnel zur Anwendung ge- langten, gar nicht durchführbar sein. Man hat sich des- halb zur Änweiidmig eines neuen Systems entschlosien, das in der Anlage eines Dvppelttmucls besteht, dessen beide Gänge in einem Abstand von 17 Metern parallel laufen und in Zwischen- räumen von je 200 Meter durch Ouci schlüge untereinander in Verbindung stehen. Nur auf diese Weise wurde es möglich, dein Ttmncl genügend frische Luft zuzusührc« und die Arbeiter gegen die bei den unausgesetzten Gesteins pro ugungen so sehr zu sürchtenden giftigen Gase und Nachschwade» zu schützen. Um aber die Arbeiten, trotz der in der Mitte des Tunnels zu erwartende» Hitze zu cimöglichcn, mußte sogar das Waffer der Rhone zur Hilfsleistung herangezogen werden. Mächtige Röhre» von 1,0 Meter Durchmesser leiten auf eine Entfernung von mehreren Kilometern das Waffer der Rhone herbei, das sich mit einem Gefälle von tü Metern in den Tunnel ergießt, die Temperatur abkühlt und gleichzeitig, nuter Entfaltung einer Wasserkraft von über 1000 Pserdelräsien, zum Betrieb der Bohnnaschincn vcrivniidt werden kann. Niemals vorher ist in esiiem Tunnel mit größerer Hast und unter Ansbietimg größeren menschlichen Scharfsinns gearbeitet worden als am Simplon. Der Tunnel beginnt bei Brig und endet bei Domo d'Össola. Nach Norden zu zeigt er eine leichte Kriinmumg, läuft dann aber bis zum südlichen Ausgang in schmirgernder Richtung. In der Mitte liegt das Geleis innerhalb einer Strecke von 500 Metern völlig wagerecht, nach Norden zu neigt es sich um 2%o, nach Süden zu um 70/00, sodaß der Ausgang bei Domo d'Ossoln 50 Meter tiefer als der Eingang bei Brig zu liegen kommt. Bis setzt ist man in> Hanpttnnnel— der Nebentnnnel bleibt immer einige hundert Nieter zurück— um etwa 1200 Meter vorgedrungen. Ilnd zwar ans folgende Weise: In einer Breite von 3 und einer Höhe von 2 Metern wird ein Sohlenstvllen vor- geiiieben, dem in einem Abstände von 200 Metern die Haupt- arbeite», d. h. die Cnveiternng des Tunnels zum vollen Profil und auch gleichzeitig seine AnSniauening folgen. Im Sohlenstollen stehen„bor Ort" die bekannten, jedoch vielfach verbesserten Bohr- Maschine», die ungeheure Stahlbohrer von mehrere» Meten: Länge führen, die im stände sind, gleichzeitig zwei bis drei über 2 Meter tiefe, 8 Centimeter im Durchmesser haltende Löcher in das zum größten Teil ans Gneis bestehende Gestein zu bohren. Sind sechs bis nenn solcher Bohrlöcher seriiggestellt— eine Arbeit, deren Dauer von der Harte des Gesteins abhängig ist und die»mtcr Ilm- ständen bis zn 5 Stimden Zeit in Anspruch nehmen krnm,— so werden die auf Schienen ruhende», hydraulisch belrieberten Perforierinaschinen zurückgenommen und die Bohrlöcher mit Spreng- gelatine gesüllt. Die Sprenggelatine ist der stärlste Sprengstoff, den wir augenblicklich kennen. Sie wird ans einer Mischung von Ritroglhecnn(52 bis 07 Proz.) und Collodsinnwolle gewoimen, indeni beide Stoffe unter mäßiger Erw'ännnng solange umgerührt Ufidc*, bis eine teigartige Masse entsteht. Für jedes Bohrloch braucht man 0 bis 10 Kilogramm Sprenggelatine. Die Entzündung der eingeführten Sprengpatronen erfolgt nicht auf ekekttrschem Wege, weil durch die gleichzeisigen Explosionen ein nnter Teil der Kraft sich gegenseilig ausheben wurde. Man bedient sich vielmehr einer Zündschnnr, die mit Guttapercha nmwickekt ist und ein Ausfliegen der Minen nacheinander gestattet. Durch die außerordentliche Kraft der Gelatine wird das Gestein fast zu Schutt zertninnnert und ein weites Ilmherfliegen der losgelösten Masse vermieden. Ist der letzte Schuß gefallen, dann tritt zur Wegrnnmung des Gerölls abermals eine ganz neue Maschine, eine AN Wasserkanone, in Thäti gleit, die ans Stahlröhren, unter einem nngehenren Druck, mächtige Wassermengen gegen daS losgelöste Gestein schleudert und dieses auf eine weite Strecke auf eine Seite des TnimelS hinüberspült. So können, während der ans der Seite liegende Schutt eilig verladen und hinausgefahren wird, die Bohrmaschinen imberzüglich wieder„vor Ort" genommen werden und sofort eine Attacke beginnen. Die Erw eile rnngsarbe'.teu an dein 200 Meter rückwärts liegenden Hauplftollcn werden üi dessen imunterb rochen tnrch Nachschießen sortgesetzt. Doch treten hier keine Bohrmaschinen in Lertvendniig; die Löcher Iverden mit der Hand gebohrt wid weisen nur einen Durchmesser von 2,5 Centimeter auf. So dringt man täglich 5 bis 7 Meier tief in den Bergriesen ein. Archäologisches. — Römische Wandgemälde i n Bonn. Wie die „Rcichsztg." mitteilt, sind im Provinzialmuserun jetzt dir sehr interrffantcu Reste von römischen Wandmalereien, wcl-tlic vor längerer Zeit in Bomi beim Van der Kliniken am Kölner Thor gefunden w> rüden, güsaimur»gesetzt und ausgestellt Wörde«. Während der Be- sncher des Neapeler Müsen mS durch die Masse von prachtvoll er- haltenen Wandmalereien ans Pompeji sich kaum hindnrchsindet, sieht ma» sich in den meisten der westdeutschen Sninuiluiigen römischer Alterl iimer vcrgcbenS nach Zeugen dieser heitere» und anmutige« Kunst um. lind doch besaßen die besseren Stadthäuser auch in unseren Gegenden ihre bemalten Wände, und wenige Villen waren so ännlich, daß nicht wenigstens einem Zimmer der Fr st schmuck l unter Wände gegönnt worden wäre. In der Kniserstadi Trier erglänzten in den Thermen wie in dm besseren Privathänsein sogar die Lichlhöfe in„pompejanischem" Rot und einige Reste im dortigen Museum zeugen auch von dem bildlichen Schmuck der gemalten Wände. Auch die Tmipelzrllm Ivarcn aus- gemalt, wie dies der mtereffmite Tempel, welcher im Koblenzer Walde ausgegraben wird, neuerdings wieder beweist! ja selbst in den römischen Lagern mochte man nicht ganz den bunten Wand- schmuck entbehren; das große Legionslager bei Reuß enthielt mehrere Räume, deren Wände nicht nur fertig gestrichen, sondern mit figürlichen Darsteldmgen geschmückt waren. Aber überall sind doch nur spärliche Neste der entschwundenen Pracht erhalten; die Ungunst des nordischen Klimas, vor allem aber der Umstand, daß unsere Römerbauten ganz allmählich verfielen, nicht, wie in Pompeji, ans einmal verschüttet worden sind, hat dem zerbrechlichen Wandbewnrf arg mitgespielt. So dürfen wir nicht erwarten, noch ganze Gemälde wiederzufinden; aus Bruchstücken »inssen wir uns das ursprüngliche Ganze zusammmsuchen und dürfen froh sei«, wenn derZusmumenhaiig sich solveit wieder herstellen läßt, wie es bei der Wand aus Bon» der Fall ist. Die eigentliche Wand- fläche war rot gestrichen, oben von einem schwarzen Fries, unten von einem schwarzen Sockel begrenzt und durch schwarze Pilastcr in cinzelne Felder geteilt. Der obere Fries setzte wiederum mittels eines(innicn schmalen Streifens �egeii die Zimmerdecke ab. Auf dem Fries, von ivelchenr sich noch aiisehnlichc ilteste erhalten haben, sind Kämpfe zwischen griechischen Kriegern und?lmazmici: dar- gestellt: meist steht ei» Krieger �n Fils; einer berittenen Amazone im Kampf gegenüber. Neben diesen Kampsscenen enthielt der Fries aber auch einfache weiße Ranken, wie der Nest in der linken Ecke beweist. Die schwarzen Pilaster sind mit phantastischen kandclaber- artigen Gestellen bemalt, ans deren schwanken Armen Amoretten, Vögel und Fabeltiere sich wiegen oder Urnen schweben, zum Teil überdacht von sonderbaren schirmartigcn Dächern. Der schwarze Sockel war mit Blattpflanzen bemalt, von ihm haben sich zu spärliche Reste erhalten, als daß es der Muhe gelohnt hätte, sie ausznstclle». Ob die großen Wandfeldcr einheitlich rot ge- strichen waren, oder ob sie, Ivie so oft in Pompeji, noch fiir figürliche Bilder umschlossen, ist ungewiß; Reste von solchen haben sich jedenfalls nicht gefunden. Es ist aber ein guter Zufall. daß der Verein der Altertnmsfrcnnde im Rheinland ein solches Wandgemälde aus Pompeji besitzt, welches eine Komödienscene dar- stellt. Es ist jetzt neben der Bonner Wandmalerei ausgestellt. Daß aber auch aufgemalten Wänden in den Rheinlanden solche Gcnrescenen dargestellt tvnrdcn, ist ganz sicher, und jeder Tag kann neue Funde dieser Art bringen.— SlnS dc:n Tierlcbcn. ss. Eine große A n t i l o p e n- W a n d e r n n g hat kürzlich in der Kap-Kolonie stattgefunden, lvie Schreiner in dem„Zoologist" mitteilt. In früheren Jahren machten die Springbock- Antilope» durch jenes Gebiet häufig in ungeheurer Zahl ihre„TrekS", aber in neuerer Zeit hielt man solche Wanderungen in großartigem Maßstäbe für ausgeschlossen. Nmsomchr Vcrlvnndernug erregte der letzte außerordentliche Zug, von dem Schreiner selbst Augenzeuge war. Die größte Herde, die er bei dieser Gelegenheit sah, schätzte er auf mindestens eine halbe Million von Antilopen, und da sie nur einen verhäktnisnläßig kleinen Teil des gesamten auf der Wandcr- schaft begriffenen Trupps darstellten, so mußte der ganze„Trek" mehrere Millionen von Tieren umfaßt haben. Sie erlagen zu Tausenden den Flinten der Bocrcu und anderen Jägern, und eS entwickelte sich ein lebhafter Handel mit den Fellen, dem Fleisch und den Gehörnen der Antilopen. Schreiner ist der Meinung, daß eine so bedeutende Wanderung wie diese niemals wieder vorkommen wird. weil die Springböcke, nach der diesmal unter ihnen angerichteten Verheerung nicht mehr im stände sein tverdcn, ihre Zahl wieder au- nähernd auf den früheren Stand zu ergänzen.— Mineralogisches. en. Die schwarz c n Diamanten von Brasilien. Der Staat Aahia in Brasilien ist der einzige Platz. Ivo der so- genannte Earbon oder Carbonat gesunden wird, jene eigentümliche Spielart des Diamanten, die sich durch ihre dunkle, fast schwarze Färbung auszeichnet. Als Schmucksteiu ist er wegen dieser Eigen- schaft freilich nicht benutzbar, aber er bleibt wegen seiner außer- ordentlichen Härte in der Industrie sehr geschätzt. Besonders wird er zur Herstellung der sogenannten Diamantbohrer verwendet. Da diese GesteinSboh'rer in ihren Leistungen unübertroffen sind, so hat sich die Nachfrage nach schwarzen Diamanten rasch gehoben, und die Preise für das eigentümliche Mineral sind dementsprechend gc- stiegen, so daß der Carbon jetzt wohl zu den kostbarsten Steinen zu rechnen ist. Das Gebiet, in dem er sich findet, liegt im Innern deS Staates Bahia und ist erst nach einer lange» und er- mlldenden Reise zu erreichen. Die schwarzen Diamanten sind am häufigsten in dem oberen Teile des Paraguassu-FlnsseS. der von dem Endpunkte der Eisenbahn aiiS nur durch eine llcbcrlaudreise auf einem rauhen und unebenen Pfade mit Maultieren in einigen Tagen zu erreichen ist. Infolge der rohen Mittel, die bei der Gewinnnng der Steine zur Anwendung kommen, wird nur das Flußbett des Paraguassu und seines Nebenflusses San Amomo, sowie das Gehäuge einer Bergkette bearbeitet, die davon den Namen Lerra dos Lavras Diamantinas(Gebirge der Diamantenwäscherei) erhalten hat. Die schwarzen Diamanten kommen in einer Kiesart vor, die als Cascalho bezeichnet wird und im Fluß- bette unter dem Moder und über einer Lehmschicht liegt, während sie in den Gebirgen unter einer Felsschicht und über derselben Lehm- dank zu finde» ist. Die Eingeborenen des Gebietes suchen die schwarzen Diamanten merkwürdigerweise zunächst ans dem Fluß- bette zu erlangen, wo die Bearbeitung für unsere Begriffe gerade am schwierigsten erscheint. Es wird eine Stelle ausgesucht, Ivo der Fluß nicht' über 2V Fuß tief ist und keine zu reißende Strömung besitzt. Dann wird eine lange Stange bis auf den Grund gestoßen und ein Man» klettert nackt an der Stange bis auf den Grund hinunter, einen durch einen eisernen Ring offengehaltenen Sack mit sich nehmend. Unten kratzt er zuerst den Moder weg und füllt von dem darunterliegenden Kies soviel als möglich in den Sack hinein, bis er voll ist. Dann giebt der Taucher nach dem Boote hinauf ei» Signal, worauf er samt seiner Last hinaufgezogen wird. Der Kies wird dann am Ufer ans- geschüttet, weit genug, daß ihn der Fluß auch beim Eintritt einer Flut nicht fortwaschen kann. In dieser Weise wird Tag für Tag tvährend der ganzen trockenen Jahreszeit, also etwa 0 Monate lang, fortgearbeitet. Bei Beginn der Regenzeit muß die Kiesgewinnmig eingestellt werden, da dann die Tiefe und die Strömung des Flusses zu bedeutend wird, und umunehr geht es an die Auswaschung de? Kieses und an die Suche nach echten und nach schwarzen Diamanten. Viele von den Tauchern können eine ganze Münte lang unter Wasser bleiben, während es die Besten unter ihnen sogar bis auf 1'/, Minuten bringen— eine erstaunliche Leistung, wenn man bedenkt, daß die Leute während dieser Zeit nicht nur den Atem anhalten, sondern gleichzeitig auch noch arbeiten müssen. Veniünftigcr geht man auf dem Lande selbst, an den Anhängen des Gebirges, zu Werke, wo man den Fels durchbohrt und den diamant- haltigen Kies durch eine Reihe von Tunneln zu Tage schafft, auch hier wird nur während der Trockenzeit gesammelt und die Regenzeit zum Waschen benutzt. Der größere Teil der schwarzen Diamanten wird in den Bergen gefimdcu. weil sie dort leichter zugänglich sind als im Flußbette. Die schwarzen Diamanten werden in allen Größen gesunden, der größte kam im Jahre 1894 an einem Wege, wo der erwähnte Kies blvsgelegt wurdc, zum Vorschein und wurde in Paris für bot») Mark verkauft. Die wertvollsten Steine sind die, deren Gewicht zivischen 1 und L Karat schwankt, die größeren werden stets zerbrochen, wobei viel verloren geht, da sie keine bc- sliinmten Bruchlittien besitzen.— Humoristisches. — Ein Blick in die Zukunft. Pfarrer zum neu- angestellten Lehrer:„lind machen Sie mir die Kinder ja nicht so sehr gescheit! Je mehr wir ihnen jetzt geben, desto weniger geben sie später uns."— — Moderne Ehe.„Ach Eduard, in dieser herrlichen Natur an der Seite eines geliebten Wesens zu weilen— ivie schön, wie wunderschön!"—„Ja, das— muß allerdings sehr schön sein!"— („Simpl.") Notizen. — Das Berliner Theater hat„Advokat Patelin", einen Schivauk in drei Akten von Brueys und Palaprat, der kürzlich mit großem Erfolg in der deutschen Bearbeitung von Wilhelm Wolters am Dresdener Hofthcatcr gegeben wurde, für die nächste Saison zur Aufführung angcnommc».— — Das E ii s e m b l c vom Berliner Deutschen Theater hat im Wiener„ R a i m n n d- T h e a t e r" mit Wolzogens„Lumpen- gesindel" eine» guten Erfolg erzielt.— — Der Berliner Magistrat hat seinen Jahresbeitrag für das Germanische M u s e u m in Nürnberg von GOO auf 1200 M. erhöht.— — Der Schauspieler Josef M e t h voin Schlierseer B a n c r n- T h c a t e r ist von der Direktion des„Deutschen V o I ks- T h e at e r s" in Wie» für sieben Jahre engagiert worden.— — Für die von d' A n n n n c i o zn dichtende und von MaScngni zn komponierende Trilogic nach Ariost'„Rasende»» Roland" soll Michctti die Zeichnung und die koloristische An- ordnnng der Kostüme liefern. Wenn das nun noch nichts wird!— — Die berühmte Marlboroughfche G e m in e n- s a m m I n n g brachte bei ihrer Versteigerung in L o n d o n G9G-ICO M. Vor 24 Jahren wurden für die Sammlniig als Ganzes 735 000 M. gezahlt. Dieser Rückgang ist nui so auffälliger, da man vom Einzelverkauf der Saminlung eine höhere Einnahme erwartete.— — Antiken G o l d s ch in u ck fand ei» Knabe bei einer Fuchs- jagd in Li h a y a d e r(WaleS). Der Antiquar des britischen Museums stellte fest, daß die Wertsachen, ein goldener Ring, ein gvldeneS Arm- band und ein in zehn Stücke zerschlagenes Halsband wenigstens tausend Jahr alt sind und zu den besten keltischen Goldarbeiten ge- hören. — Die seit dem 1. November 1893 in Arnstadt in Thür. bestehende„Deutsche Bahnmeister-, Wege- und Tiesban-Schule" soll zum nächsten Wintersemester zu einer„Bau technischen Fach- s ch u le" erweitert werden.— — Der Bibliothek der llniversität Heidelberg ist wieder eine kleine Sammlung Papyri durch Verniilkclnng Dr. Rein- Hardts in Bnschir(Persien) zugegangen. Sie enthält, dem„Schiväb. Merkur" zufolge, außer einigen hieroglyphischen und drmotischcn, sowie einer größeren Anzahl koptischer Papyri auch gegen 50 griechische, teils Urkunden ans der Ptolcinäcrzcit, teils littcrarische Bruchstücke.— — Zur Errichtung einer Lehrkanzel für Politik wurden der amerikanischen Universität P r i n c e t o n 100 000 Dollar über- wiesen. Der ehemalige Präsident der amerikanischen Union, Cleve- l a n d, wurde sür dieses Lehrfach berufen.— — Ein medizinischer Kongreß der Staaten von Mittel- und S Ü d n in c r i k a wird im Jahre 1900 in Santiago. in Chile stattfinden. Der Kongreß Ivird sich besonders mit der öffentlichen Hygiene beschäftigen. Gleichzeitig soll eine internationale H y g i e n e- A n S st e l l u n g abgehalten werden.— t. Eine Karte aller nutzbaren Rk i n e r a l i e n in Rußland wird gegenwärtig von dem Geologische» Komitee in St. Petersburg bearbeitet.— — Das in Innsbruck erscheinende dentschnntioiiale Witz- blatt„Der Scher er" wurde in Kirchenbann gethan.— Verantwortlicher Rebactcnr: Auguf» Jacobe!) in Berlin. Druck und Verlag vou iviax Babing in Berlin.