Mlerhattungsblatt des vorwärts Nr. 143. Dienstag, den 25. Juli. 1899 (Nachdruck verboten.) Es lebe die Mnnfl! 271 Roman von C. V i e b i g. Die schlanke Frau kam hochaufgerichtet wieder zum Cosa zurück, das Kind auf dem Arm. und ließ es nicht los. „Licht!" bat Heidi stürmisch und überschaucrte die Mutter mit Küssen. Marie Ritter lachte; es war ein Lachen ganz ohne Bitter- keit, ein recht von Herzen kommendes Lachen. „Ich zünde an," sagte sie heiter und ging zum Tisch. „Ich will das Kind nicht länger warten lassen!" Das erste Lichtchen flammte auf; Heidi stieß einen Schrei des Entzückens aus, glitt vom Arm herunter, hüpfte im Zimmer herum, jauchzte, klatschte in die Händchen, rannte wieder zur Mutter, umfing mit beiden Armen deren Knice und drückte das Köpfchen in ihre Rockfalten. „Sie haben mich vergessen," sagte Marie Ritter, und hob lächelnd den Kopf.„Und ich habe meine Kunst vergessen— hierüber." Sie sprach es ganz einfach und legte dem Kinde die Hand auf den Lockenkopf. Elisabeth wandte sich ab. hastig trat sie ans Fenster und spähte nach dem nächtlichen Himmel. Wo sie nur blieben—? I Die Uhr zeigte acht; Heidi wurde müde. Langsam tröpfelten die Kerzchcn ab. „Ich begreife n'cht, warum Heider und Erdmann und auch Ebel so spät kommen, alle drei?" Marie Ritter wurde nun auch unruhig.„Sonst erwarte ich niemand mehr. Sörensen ist in der Heimat." Sie nahm das Kind auf den Schoß und summte ihm leise ein Weihnachtslied. Elisabeth stand noch immer an: Fenster, die schlanken Hände aufs Fensterbrett gestützt, die heiße Stirn an die Scheibe gedrückt. Sie mochte sich nicht umdrehen, nicht die einsame Frauengestalt dort mit dem Kind auf dem ivchoß sehen. Aber wohin sie blickte— inuner das gleiche Bild. Draußen vor'm Fenster nn Dunkel der Regennacht tauchte auch eine einsame Gestalt auf— sie trug ihre eigenen Züge.-- Das war auch eine, nicht geschaffen, um das Glück allein zu tragen l Unfähig, niit dem Erfolg allein zu sein l Sie zitterte bis ins innerste Herz und preßte die thräncn- feuchten Augen zu. Marie Ritters Stimme störte sie auf:„Erdmann war die letzten Tage nicht wohl, es wird ihm doch nichts Ernstliches zugestoßen sein?!" „Ich werde hingehen!" sagte Elisabeth rasch. Es dünkte sie eine Erlösung, hier fort zu kommen. Schon stand sie an der Thür.„Ich weiß, wo Heider wohnt, nur ein paar Häuser die Straße hinunter. Ich will sehen, wo sie bleiben!" Draußen windverwehte Regenschauer. Hierhin fiel ein Tropfen, dorthin einer; wie eisige Nadeln stachen sie ins Ge- ficht. Ein Windstoß fauchte über die Straße, peitschte ihr die Röcke eng an den Leib und fegte ihr die Haare wirr ins Ge- ficht. Elisabeth trug keinen Hut, sie hatte nur eilig den Mantel umgeworfen und knöpfte ihn erst im Laufen zu. Jetzt fühlte sie die kalten Tropfen am Nacken niederrennen, und doch cm- Pfand sie kein Frösteln; ihr war heiß, heiß zum Ersticken. Das war das Haus; im Seitenflügel, drei Treppen. wohnten die Freunde. Oben glänzte ein Lichtchen; sie schie- nen noch da zu sein. Elisabeth erstieg die enge Treppe. Ueberall hinter den vielen Thüren rechts und links Kinder- gequarr. Man roch Tannenduft, frischen Kuchen und Zwiebelgebratenes. Man hörte Töpfe rücken, die Herdringe klappern, Singen und Lachen. Da spielte einer auf der Ziehharmonika irgend einen Tanz, da wurden einer Kindcrtrompete kläg- liche Töne entlockt:Z hier öffnete sich die Thür vorsichtig, eine junge Person mit gebrannten Haaren, im feuerroten Unter- rock, spähte neugierig hinaus aus die Treppe. Endlich war Elisabeth oben. Eine über der Klingel an- geheftete Visitenkarte zeigte ihr die rechte Thür; diese war nur angelehnt. Sie klopfte; da niemand„herein" sagte, trat sie ein. Zuerst eine kleine Küche; der Raum war unbenutzt, leer und kalt, durch einen Kattnnvorhaug der Herd verdeckt, eine dünne Kerze flackerte am Boden. Und hier—? Elisabeth erschrak— die schlechtschließende Thür des Nebenzimmers war aufgesprungen. Im Hinter- zimmer stand ein Bett; sie erkannte Ebel, der sich darüber neigte und eine ächzende, sich aufbäumende Gestalt nieder- zuhalten suchte. „Hast Du Eis. Kobcs?" Ebel hob den Kopf, ein Strahl von Freude glitt über sein bekümmertes Gesicht, als er Elisabeth erkannte.„Sic?!" Er sagte weiter nichts; eine Welt von Erstaunen, Freude, ja Entzücken lag in dem einen Wort. „Der arme Erdmann!" flüsterte er und heftete die Augen wieder fest auf den Liegenden.„Ruhig! Ruhig!" Er drückte den Unruhigen sacht nieder und legte ihm die Hand aus die Stirn.„Er bekam vor einer Stunde— ich wollte die beiden gerade abholen— eine tiefe Ohnmacht. Heider lief zum Doktor. Erdmann ist sehr schwach, er ist nicht bei sich." Elisabeth stand entsetzt; sie horchte, der Kranke sprach. Wie aus weiter Ferne klang seine Stimme, ganz ohne Kraft, ganz wesenlos. Er schlug mit den hageren Annen um sich. „Weg, geht weg! Ich fühle die Dornen— in meinem Kops-- oh I oh I" Er bäumte sich und rang die Hände wie in unerträglichem Schmerz.„Das Blut— mein Herzblut— geh!" Er richtete sich plötzlich halb auf und hielt mit ungeahnter Kraft Ebel mit eine,» Arm von sich ab. Jetzt schien er ihn zu erkennen.„Geh. ah"— er stemmte sich auf den Ellbogen, sein unruhig flackernder Blick irrte durchs Zimmer—„seien Sie so gut, da in der Schublade"— er wies mühsam aus einen tauncncn Schreibtisch an der Wand gegenüber—„liegt es— hierher, hierher!" Aengstlich war seine Stimme; er streckte die Hände aus wie ein vcr- langendes Kind. „Was will er nur?!" Es graute Elisabeth. Dieses verfallene Leidensgesicht mit den überirdischen Augen war schrecklich! Der flackernde Schein der Lanipc warf die Schatten, unnatürlich vergrößert, an die kahle Wand. Die ausgestreckteu zuckenden Hände des Kranken schienen riesenhaft, sie griffen immer hinauf, hinauf— immer riesenhafter, immer vcr- langender-- sie griffen ins Leere. Ein ungeheures Mitleid erfüllte Elisabeths Seele. sie fiihlte sich schwach, ohnmächtig zu helfen, und drängte sich dicht an Ebel. Wie gut er war! Er lächelte ihr beruhigend zu; er hatte keine Hand frei, aber ihr war, als unifasse seine warme Rechte die ihre.„Aengstige Dich nicht." sagte sein Blick,„ich bin bei Dir l" Auf dem Bettrand sitzend stützte er den Kranken mit seinen Armen und hielt ihn an der Brust, wie eine Mutter ihr Kind; Elisabeth hatte nicht geglaubt, daß ein Mann so zart sein könne. Er strich dem Leidenden das Haar aus der Stirn und trocknete ihm den Schweiß ab und redete ihm gut zu, immer mit der gleichen, wohlthucnden Stimme. Erdmann stöhnte:„Hier-- hierher-- gebt es mir doch!— Ach, die Dornen!" Er stieß einen gellenden Schrei auS und warf sich rastlos hin und her. „Wenn doch Kodes mit dem Eis käme!— Ja, lieber Erdmann, ja gewiß, ich gebe es Ihnen gleich l" Ebel legte dem Kranken seine Hand wieder auf die Stirn.„Er will sein Manuskript!" flüsterte er Elisabeth zu. „Verlacht— verkannt-- kein Hund wird mich zu Grab geleiten I" Jetzt sprach Erdmann ganz zusammcu- hängend, merkwürdig laut und feierlich wie im Triumph: „Ich bin ich geblieben, sie haben mich nicht untergekriegt. Nur der Tod— auch der nicht-- die Würmer zernagen mich--- ich bin Staub--- der Wind bläst mich zur Sonne--- ich selbst bin die Sonne--- neigt Euch!--- Hallelujah!" Eine schreckliche Hoheit lag auf seinem Gesicht, als er es mit hallender Stimme rief. Er sank zurück. Elisabeth zitterte anl ganzen Leibe. „Armer Kerl!" flüsterte Ebel,«es geht ihm so schlecht, aber den Glauben an sich hat er nie verloren. Wohl ihm!" Er hielt dem Mädchen die Hand hin.„Gehen Sie. es ist hier so traurig für Sie!" Sie legte ihre Hand in die seine.„Ich bleibe bei Ihnen." Sie neigten flüsternd die Köpfe nah zueinander. „Wir waren in Sorge, wo Sie blieben, ich wollte Sie holen." sagte sie leise. Es waren alle drei damit gemeint. aber sie sagte es mit einem so fteundlichen Blick, als ob sie ihn, ihn ganz allein vermißt hätte. Ebels Atem ging rasch: er war nicht so ruhig wie sonst. Die wirren Haare an ihren Schläfen zitterten vor seinem Gesicht; sie neigten sich beide zusammen über den Kranken, und fühlten fast Herz an Herz schlagen. Ein Strom des Mitleids vereinte sie beide. Seine Hand hielt noch immer die ihre, sie ließ sie ihm ganz ruhig, erst als Heider atemlos ein- trat, entzog sie sie ihm rasch. Heider war sehr erregt.„Ich war eben bei Mutter Maria— geht I Geht l" Er wollte Ebel keine Handreichung mehr thun lassen und drängte ihn vom Bett weg, setzte sich selbst als Wächter daneben und legte dem Kranken Eis auf den Kopf. Dieser schien zu schlummern. Ebel zögerte noch immer.„Soll ich nicht lieber hier bleiben?" Und doch hing sein Blick sehnsüchtig an Elisabeth. „Nein. Geht nur, geht!" „Aber ich komme wieder. Ich werde die Nacht mit Dir wachen." „Geht nur. So geht doch!" Heider sagte es fast brüsk. Er legte den Kopf auf den Rand des Bettes.----- Das war ein stilles Weihnachtsmahl gewesen: die jungen Leute hatten stumm einander gegenüber gesessen. Nun ging Marie Ritter und brachte das Kind zu Bett; es hatte erst jedem von ihnen das Mündchen zum Kuß geboten, und die unschuldigen Lippen trugen die zärtliche Berührung von einem zum andern fort. Sie waren allein. Am Tannenbaum waren die Lichter niedergebrannt: auch draußen dunkle Nacht. Nur in des Mannes Herzen, das fühlte Elisabeth, da war eine helle Flamme, die ihm aus den Augen leuchtete, und die als warmes beglückendes Herdfeuer ein ganzes langes Leben brennen würde. Nie, nie würde sie den Ausdruck seines Gesichtes vergessen, als sie ihm ihr kleines Mädchenbild unter den Weihnachts- bäum gelegt hatte; es sah aus, als wolle er es an die Lippen reißen, mit Küssen bedecken— da— er hatte die jähe Gefühls- aufwallung bezwungen, ihre Hand gefaßt und sie lvarm und ehrlich gedrückt.„Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen vielmals l Seit nur als Knabe von meiner Mutter beschert wurde, habe ich keine so große Freude mehr gehabt— auch da nicht-- nein, noch nie!" Es klang ordentlich rührend, und wie er ihre Hand preßte! Sein Gesicht wurde schön durch die Röte der Freude, durch den goldigen Glanz der Augen. Und welch guter Hausvater er war! Er hob das Kind auf den Stuhl und legte ihm vor: jschnitt Brot und bediente die Damen mit einer ruhigen geräuschlosen Liebenswürdigkeit. Er erriet ihre Wünsche, er sprach nicht zu viel und sprach nicht zu wenig: immer lvar seine Art wohlthuend. Auf Elisabeths Platz lagen Rosen, er hatte ihr nichts anderes zu geben gewagt: sinnend neigte sie sich darüber und sog den süßen Duft ein. Dann stand sie auf vom Tisch, eine innere Unruhe trieb sie, sie fühlte, da mußte etwas kommen. Langsam näherte sie sich dem Tannenbaum. Es>var sehr still. Sie schwiegen. Sie warteten. lFortsetzung folgt.) (Nachdruck««rbotcn.) Exkvvtne Hilze und Viilte. Bei den überraschenden Entdeckungen, welche Physik und Chemie in den letzten Jahren zu verzeichnen haben, hat die Erzeugung un- gelvöhnlich hoher oder niedriger Temperaturen eine entscheidende Nolle gespielt. Hitzegrade, welche 2000 Grad des hundertteiligen Thennometers weit überschreiten, und Kältegrade, welche tief miter 100 Grad herabgehen, nnd noch vor Ivenige» Jahrzehnten als das äußerste Erreichbare gali sind heute etwas Alltägliches, das in der Industrie seine regclmüßi..e Verwendung findet,! und die thatsächlich erreichten Temperaturextreme gehen weit nach oben und unten über die angeführten Zahlen hinaus. Die Resultate des theoretischen Studiums im Lavoratorium des Forschers finden bei den Natur- Wissenschaften stets früher oder später eine gewinnbringende praktische Verwertung, und das ist Ansporn genug zu neuen Fortschritten, deren gerade auf dem Gebiete der Hitze- und Kälteindustrie zahl- reiche in jüngster Zeit zu verzeichne» sind. Um bedeutende Kälte zu erzielen, giebt eS im allgemeinen zwei Wege. welche viel Aehnlichkeit mit einander haben, indem man entweder die Abkühlung benutzt, welche Gase bei rascher Ausdehnung erleiden, oder jene Abkühlung, welche eintritt, wenn leicht verdunstende Flüssigkeiten in Gasform übergehen. Von letzterer Thatsache kann man sich sehr emfach überzeugen,' tvenn man die Kugel eines Queckstlber-Thermometers mit loser m Aether. Chloroform oder Spiritus getränkter Watte umwickelt und einen kräftigen Lnftstrom, etwa denjenigen aus einem Blasebalg, darauf lenkt, welcher eine schnelle Verdunstung der Tränlflüssigkei't und ein Sinken der Temperatur bis weit unter den Nullpunkt zur Folge hat. Durch die mäßigen Kältegrade, Ivelche man vor etwa 25 Jahren zu erzeugen wußte, und durch hohen Druck war es um diese Zeit ge- luugen,. sämtliche bekannten Gasarten bis auf wenige in flüssige Form überzuführen. Diese wenigen aber, die sogen, incosrciblcn oder permaucuten, nämlich Wasserstoff, Sumpfgas, Kohleuoxyd, Stick« stoffoxyd, Stickstoff, Sauerstoff und ihre Gemenge, also auch Lust. trotzten den Verflüssigungsversuchen, auch wenn man den Dmck auf tausende von Atmosphären steigerte. Der Grund dazu lag in einem Naturgesetz, nach welchem jedes Gas bis auf eine ihm speciell eigen- tümliche Temperatur abgekühlt sein muß, ehe es durch Druck ver- flüssigt werden kann. Oberhalb dieser sogen, kritischen Temperatur. die natürlich für jedes Gas eine andere ist, sind alle Mühen ver- ebens und bei den schon erwähnten permanenten Gasen liegt ebeu ie kritische Temperatur weit unter Null. Die fabrikniäßige Herstellung flüssiger Kohlensäure tvurde nun der Ausgangspunkt zur Erzeugung hoher Kältegrade. Es ist ein beliebtes LaboratorinmS-Expcrimcnt, indem man flüssige Kohlen- säure verdampfen läßt, wobei der Umgebung viel Wärme entzöge» wird, Quecksilber im Zimmer gefrieren zü macheu. Aber die Temperaturemiedrignng geht dabei noch weit über die sO Grad Kälte hinaus, welche mau zum Erstarren des Quecksilbers, nämlich bis auf—130 Grad Celsius, braucht. Hiermit konnte man aber wieder andere Gase unter die kritische Temperatur abkühlen und verflüssigen, und indem man dann diese im luftverdnnntcn Räume verdainpfen ließ, brachte man es zu immer bedeutenderen Kältegraden. und mit ihrer Hilfe unter gleichzeitiger Anwendung kolossalen Druckes wurde eines der permaiienten Gase nach dem andern verflüssigt. Man gelangte so zu ISO bis 200 Grad Kälte, verflüssigte Luft, Stickstoff usw. nnd er- hielt mit deren Hilfe 230 bis 240 Grad Kälte, bei lvclchen unfaßbar niedrigen Temperaturen mau auch de» Wafferstoff und das aller- hartnäckigste der Gase, das erst vor toenigen Jahren entdeckte Helium. bändigte. Heut steht man mit erzcugbareu Temperaturen bis zu —256 Grad Celsius nicht weit mehr von jenem absoluten Null- Punkt, welchen die Physiker aus theoreüschen, aus der molekularen. kinetischen GaStheorie hergeleiteten Gründen bei— 273 Grad Celsius annehmen. Rur durch Anwendung dieser extrem tiefen Teniperaturen ge- langen übrigens die Entdeckungen der zahlreichen gasfönnigen Ele- meiite, wie Argon, Metargon, Krypton, Neon, Helium und anderen. welche erst in den letzten Jahren aufgefunden wurden und den Be- weis erbrachte», daß die Atmosphäre' durchaus nicht so einfach zu- sannncngesetzt ist, wie mau bis vor kurzem glaubte. Das einfachste Mittel zur Erzeugung hoher Temperaturen ist die Berbrenmmg, also zunächst diejenige von Holz und Kohlen nnd brenn- baren Flüssigkeiten, die leicht in Gasform übergehen. Die damit er- zielbareu Hitzegrade lassen uüs aber bereits im Stsch, wenn wir schwer schmelzbare Metalle, ivie z. B. Platin, flüssig machen Ivolleu. Nimmt man ein gewöhnliches Gebläse zu Hilfe, so gelingt es gerade noch bei-i-1800 Grad Celsius, einen Platiudraht zum Schmelzen zu bringen. Höher hinaus kann man aber mit diesem Hilfsmittel nicht, ivcil man in der zur Berbrenmmg dienende» Gebläseluft uu- gcschickterweise den 4/5 des Luftvolumcns cinuchmenden Stickstoff der Luft niit erhitzen muß, der nichts zur Verbrennung beiträgt und ein unnützer Ballast ist. Diesen Ucbelstand umgeht man. wenn man statt Luft einen Sauerstoff nimmt, welchen mau im Knall- gasgcbläse mit der doppelten Raummeuge Wasserstoff zu Wasser verbrennt. Man erreicht damit eine Hitze von 2400 Grad. Theoretisch sollte mau aber eine viel bedeutendere Hitze, nämlich ungefähr 6500 Grad, erhalten. Daß dieses nun nicht der Fall ist, hat schon viel Kopfzerbrechen gemacht, bis man vor kurzen! die Erklärung einfach in der Thatsache fand. daß bei den höchsten init dem Knallgasgebläse erreichbaren Temperaturen von etwa 2400 Grad die Zerlegung des Wassers in seine Bestandteile Sauer« toff nnd Wasserstoff' in großem Umfang stattfindet, daß cS also jenseits der genannten Temperatur garnicht mehr zu der im Knall- gasgebläsc stattfindenden Wasserbildung aus seinen Elementen kommen könnte, die ja die eigentliche Ursache der großen Hitze-Ent- Wickelung ist. Goldschmidt hat gezeigt, daß besser als alle vorangesührtcn Brennstoffe sich zur Erzeugung höchster Temperaturen ei» Material eignet, welches ivohl niemand, da es ein Metall ist. als Heiz- Material ansprechen dürfte, nämlich das wohlbekannte, jetzt in große» Massen fabrizierte Aluminium in Pulverform. Es ist nichts einfacher, als mit diesem Stoffe im Zimmer eine Hitze zu erzeugen, welche die eines Hochofens weit übersteigt. Zu diesem Bchufc mischt man feines Aluminiumpulver mit einem Material, das leicht Sauerstoff abgiebt, also zum Beispiel Eisenoxyd oder Braun- stein oder übermangansaurem Kali, thut das Gemisch in eine Papier« tiite, ivelche man in ein mit Sand gefülltes, feuerbeständiges Gefäß. also beispielsweise in einen Blumentopf, bettet. Dieses Gemisch brennt freilich nicht beim Daranhaltcn eines brennenden Streich- Holzes, sondern niuß erst durch eine sogeiimmteZmidkirsche cntflmnmt werden, welche aus ähnlichen, aber leichter cntziindlichen Stoffen besteht. Nach 3 bis 4 Minuten ist die ganze Masse in Steaktion ge- treten und entwickelt eine Hitze zwischen 3000 und 3500 Grad. Diese Temperatur genügt, um das Aliinnnium mit dem Sauerstoff des Eisenoxhdes eine geschniolzeue Verbindung eingehen zu lassen, die identisch ist mit dem als Krystall hoch geschätzten Korund»nd dein als Schleifmittel bekannten Schmirgel � Eisen schmilzt dabei natürlich zu einer dünnflüsfigen Masse, und dieses Verfahren hat auch bereits in der Praxis seine Verwendung gefunden zum Zu- sammenschweitzen der Enden langer Metallteile, die man ihrer Dimensionen wegen nicht als ganze Stücke ins Feuer bringen kann. Der bequemste Hitzeproduzcnt bleibt der elektrische Stroni, der jetzt vorzugsweise im Moissanschen Ofen verwendet wird. Derselbe besteht aus einem ausgehöhlten Kalktiegel, welcher durch einen ebciffolchen Deckel verschlossen wird und in welchen von zwei entgegengesetzten Seiten her die bis auf eine kleine Entfernung einander genäherten Kohlcnstifte hineinreichen, die mit dem positiven bezw. negativen Poldraht einer elektrischen Kraftquelle verbunden find. Zwischen beiden Kohlenstisten entsteht durch den elektrische» Strom der Davhsche Lichtbogen, den jeder von den Bogen- lampen her kennt. Dieser Ofen, in welchem die Hitze über drei- cinhalb Tausend Grad gesteigert werden kann, und der eigentlich eine Erfindung des Charlottenburger Elektrikers Siemens ist. aber nach dun Franzosen Moissan benannt wird, weil dieser mit Be- Nutzung desselben eine Reihe wichtiger Entdeckungen machte, hat zur Darstellung des Diamanten, des Rubins, des Calciumcarbides. des Carborundes und noch vieler anderer interessanter Stoffe geführt, und wenn auch die künstlichen Diamanten»nd Rubinen sich in den Kosten weit Hoher stellen als die natürlichen, so sind dafür die anderen Stoffe um so wichtiger, namentlich das Calciumcarbid, aus welchem bekanntermaßm Acetylengas gewonnen wird. Ein anderer auf diesem Wege gewonnener Stoff ist das Urancarbid, welches in Verbindung mit Wasser Kohlenwasserstoffe liefert. Unser Petroleum ist nichts anderes als ein Gemenge der verschiedensten Kohlcnwasser- stoffe, von welchen man im allgemeinen annimmt, dast sich dieselben aus tierischen Körpern der Urzeit durch langsame Zersetzung im Erdinnern gebildet haben. Es ist nun aber nach den chemischen Reaktionen der Carbide die Vermutung nicht von der Hand zu weisen, dah sich dieselben auch durch das in die Erde eindringende Waffer aus Carbiden gebildet haben können, an denen unser Planet in den Zeiten, als derselbe noch um einige Tausend Grad wärmer war als heute, sehr reich gewesen sein muh. Interessant sind die physiologischen Wirkungen extremer Temperaturen auf lebende Organismen. Strömender überhitzter Wasserdnmpf tötet organisches Leben in kürzester Zeit, und es wird bekanntlich von diesem Umstände zur Stcrilisierung von Verbands- stoffen, zum Keimfrciniachcn von Konserven und Getränke» und vor allein bei fast sämtlichen chirurgische» Operationen der ausgedehnteste Gebrauch gemacht. Dasselbe Ziel wird unter Anwendung größerer trockener Hitze erreicht: nur muß dieselbe durch eine erheb- lich längere Zeit einwirken,»m das widerstandsfähige Heer der Kleinlebewesen, unter denen sich die gefährlichsten Krankheitserreger befinden, zu vernichten. Je höher wir nun im Stammbaum des Lebens hinaufgehen, um so tiefer sinkt das Hitzemaximum, welches vertragen wird. Am sensibelsten zeige» sich diejenigen Geschöpfe, welche im Wasser lebend jahraus jahrein einer annähernd gleichmäßigen Temperatur unterworfen sind, also vor allem die Mecrticre. Auch die Süßwasserfische können große Wärmeschwankungcn schlecht vertragen und namentlich die Forelle ist in dieser Beziehung höchst cnlpfindlich. Die ivarmblütigen Tiere sind fast noch weniger widerstandsfähig, am allerwenigsten der Mensch, der, wie das Beispiel von Danipfkcsselcxplosionen und des Platzens von Dampfrohrcn zeigt, eine ausgedehnte Verbrühung regelmäßig mit dem Tode be- zahlen>n»ß. Trockene Hitze wird viel besser vertragen, wie jeder weiß, der gewöhnt ist. in den Dampfbädern die römisch-irische Trockenkammer zu benutzen, in denen eine Temperatur zwischen 40 und l>0 Grad Celsius herrscht. Französische Masseure bringen in gewissen Heil- «iistalten in Paris bis zu zehn Stunden in Räumen zu, Ivelche auf 70 bis 80 Grad Celsius erhitzt sind; ja man kann in solchen Schwitzkammeru und in den Kammern von Ziegelöfen selbst Temperaturen bis zu 120 Grad Celsius auf die Dauer von einigen Minuten bis zu einer Viertelstunde aushalten. Was nun die Wirkung niederer Temperaturen betrifft, so ist der Mensch— natürlich Dank seiner Kleidung— das ividerstandsfähigste aller Säugetiere. Die Thatsache, daß in der oftsibirischen Stadt Werchojansk Monate hindurch eine Temperatur herrscht, bei der das Quecksilber gefroren bleibt und ivelche sogarmauchmal bis— 09 Grad Celsius sinkt, spricht eine beredtere Sprache als viele Worte. Pictct hat in cincm Gefrierkabinctt, dessen Temperatur er bis ans— 110 Grad Celsius erniedrigen konnte, Versuche über das Verhalten verschiedener Tiere gegen Kälte gemacht. Bei Fischen ist ein Erfrieren unter Kälte- grade» zwischen 20 und 30 Grad ohne Schaden für den Wieder- eintritt des Lebens nach dem Auftauen. Frösche, Blindschleichen und die Eier von Seidenraupen ertragen Kültegrade bis zu 40 Grad; Weinbergschnecken endlich wurden durch zehn Tage einer Temperatur von— 100 Grad ausgesetzt und gelangten nach dem Auftauen wieder nun Lebe». Roch erstaunlicher ist die Widerstandsfähigkeit von Pflanzen und Pflanzensamcn. Samenkörner von Weizen, Hafer, Kürbis, Horn« klce, Erbsen, Sonnenblumen, die vorher lufttrocken gemacht waren, verloren ihre Keimkraft nicht, trotzdem sie 110 Stunden hindurch einer Kälte zwischen 180 und 190 Grad ausgesetzt waren, und Bakterien gar erwiesen sich trotz tagelanger Kälte von 215 Grad als lebens- und fortpflanzungsfähig. Bei Krankheiten der Verdanungsorgane, bei Diabetes und Neu- rasthenie erwies sich die Einwirkung der Kälte sogar als gcsundheits- förderlich, und die Pariser Aerzte wandten die lokale Kälte mit Erfolg zur Behandlung von Appetitlosigkeit bei Tuberkulösen an, indem sie einen Sack init fester Kohlensäure von—80 Grad Celsius auf die durch eine dicke Watteschicht gegen die direkte Einwirkung geschützte Magen- und Lebergegend derartiger Patienten legten.— '_" Theodor Adler. Kleines Feuillekon. — Woher stammt der Namen des„Römer"- Glases? Ueber den Ursprung der Bezeichnung„Römer" für die bekannte Weinglas-Art hat man schon die verschiedensten Meinungen aus- gesprochen. Man brachte sie in Zusammenhang mit dem einst viel getrunkenen Wein„Romany", man ivolltc sie in Verbindung mit „room" sRanm) bringen, oder man erklärte sie einfach als„römische Gläser". Aber gerade die letzte Erklärung fand bei den Gelehrten am wenigsten Beifall, sie schmeckte ihnen zu sehr nach Volksetymologie. Nunmehr bringt indessen Ernst Zimmermann in der Münchener Monats- schrist„Kunst und Handwerk" eine für die Streitfrage wichtige Stelle aus dem Schickrmqsprotokoll sMemorialbücher desPrötonotars), das sich im Kölner Stadtarchiv befindet, bei. Dort heißt es unter dem 11. April 1459(in freier Uebertragung):„Haben unsere Herren be- schloffen, daß man in Zukunft am Freitag, wenn unsere Herren nach der Prozession mit dem heiligen Sakrament ein Essen halten, falls man dann keine römischen Gläser haben sollte(bat man dan gheyn r ö m s ch e g l ä s e r e Haren falls" ic. Damit ist der Ursprung des Wortes Römer aus„Römische Gläser" wohl festgestellt. Weiter aber meint Zimmermann, daß man es hier mit einer wirklich traditionellen Ueberlieferung zu thun habe, da in dem 15. Jahrhundert noch keineswegs wie in der Renaissance die Sucht vorherrschte, alles historisch wie etymologisch aus die Römer zurückzuführen. Bisher war die früheste bekannte Bezeichnung aus dem Jahre 1539, und sie findet sich in dem Gedenkbuch des Herman von Weinsberg, gleichfalls im Kölner Stadtarchiv. Ans beiden Stellen geht hervor, daß die„Römer" genannten Gläser für besonders wertvoll galten. Diese etymologische Znrücksührnng des Wortes ist ein neues Dokument dafür, daß die im Mittelalter am Rhein wieder- auftauchende Glasindustrie ebenso wie die in Venedig als eine direkte Fortsetzung der römischen, die einst in de» Kolonien geübt ivurde, zu gelten hat.— — Ueber das Orakel zu Delphi und sein Verhältnis zur griechischen Politik hielt Albert Peri an der Hochschule in Basel einen beachtenswerten Vortrag. Nach den Ausführungen von Ernst Curtius in seiner Griechischen Geschichte wäre das Delphische Orakel der Mittelprinkt für alles Große und Bedeutende im hellenischen Leben getvesen, eine Orakelstelle für Recht und Religion, Politik, Kolonisation usw. Damit wird also dem Orakel und der delphischen Priesterschaft die Bedeutung eines selbständigen Machthabers für Hellas beigelegt. Die neueste Forschung steht dieser Auffaffung, wie der Vortragende nach einem Bericht der„Frkf. Ztg." ausführte, ablehnend gegenüber: sie faßt das Orakel mehr als ein„Echo der Stimme des Fragenden" ans. Bei einen» der wichtigsten Gebiete griechischer Politik, dem der Kolonisation,»vozu sich das delphische Apollon-Orakel— Apollo» war eine Zeit lang in erster Linie der Kolonistengott— oft vernehmen ließ, zeigt es sich deutlich, daß die echte»» Gründungsorakelsprüche nicht aus besonderen Kenntnissen»nid großer Weisheit der Priester in Delphi beruhen. Auf die innere Politik Griecheillands ivar der Einfluß Delphis gleichfalls nickt der bedeutende, wie»na» früher annahm, auch trieben die Priester keine selbständige und konsequente Politik. Die Demokratien, die Tyrannenherrschaften, die Aristokratien er- hielten ohne Unterschied Auskunft von dein Orakel, und keineswegs war das delphische Priestertun» der ausschließliche Hüter aristokratischer Vcrfassungei», wie Ernst Curtius»»»eint. In »vichfigen Angelegenheiten sind die Orakelsprüche kaun» jemals mag- gebend gewesen, allein»»»an»vollte trotzdem nicht auf sie verzichte»», ivare» sie doch untcr Ilmständen treffliche Mittel zur Beeinflnssung der Stimmung gewisser Bevölkerungsklassen. Hier mochten sie also ihren Dienst thun. Der hohe Rnhn», den das Orakel von Delphi genoß, häirgt vor allein damit zusaminen, daß es die delphische Priestcrschaft stets verstanden hat. die einflußreichsten Bearbeiter der öffentlichen Meinung, so Pindar, Herodot und später Aristoteles sich dienstbar zu mache»». Mit den, Beginn des 4. Jahrhunderts geht der Einfluß des delphischen Orakels immer mehr zurück und ans den, 3. Jahrhundert, da die Aetoler Herren von Delphi waren, sil»d keinerlei Orakel politischer Natur mehr enthalten. Unter Sulla plünderten die römischen Soldaten den Apollontempel, später ließ Kaiser Nero ein halbes tausend Statuen aus Delphi»vegschaffen. dessen Blüte längst dahin»vor. Einmal noch kainen für Delphi bessere Tage unter dein hellenensreundlichen Römerkaiser Hadrian. Hierzu mochte»vohl des Kaisers Lehrer Plutarch das Seine bei« getragen haben, der als delphischer Priester das Orakel»vieder z» Ehre»» zu bringe» suchte. Den letzten Orakelsprnch in Delphi erhielt Kaiser Julianns Apostata. Es war keine Antwort, wie der Imperator sie erwartet hatte, nur eine elegische Klage, daß Phöbus Apollo» obdachlos und ohne Lorbeer und das Wasser der Wahr- sagnng versiegt sei.— Theater. — Iä.»Die Trutzige" von Ludwig Anzengruber, die am Sonntag in einer Matinee im Neuen Theater mit H a n s i Niese in der Titelrolle aufgeführt wurde, hatte es fertig gebracht, das Theater trotz der Sommerniittagshitze ganz ansehnlich zu füllen. Hansi Niese konnte in ihrer Nolle ihre ganze Frische und prachtvolle Begabung für naturwüchsige, derbe Frauengcstalten zeigen. Trotz ihres kräftigen Auftretens entbehrt sie der Anmnt nicht. Die Liesel Hübner hat feit dem Tode ihrer Mutter ihr kleines Anwesen mit allem Eifer bewirtschaftet. Und da sie hübsch war, beneideten sie die Mädel, und die Buben stellten ihr nach. Sie ließ sich ober von keinem bethvren und ward nun gehaßt von Weib und Mann. Sie war ihnen nicht schlecht genug. Aber ihr schnelles, bissiges Mundwerk hielt sie immer oben auf. Da soll sie der Wegmacher- Mart'I ducken durch Vorspiegelung echter Liebe. Aber sie durchschaut ihn und putzt ihn'runter, daß er sich vor sich selber schämt. Und bei der nächsten Gelegenheit stellt er sich offen auf ihre Seite. Das ist die packendste Scene des Stückes. Die Bauern machen der Liefe! ein Habcrfeldtreiben und wollen ihr daS Dach abdecken. Und da bettelt Liesel weinend und jammernd, ihr Häusel doch nicht zu zer- stören. Hansi Niese gab hier tiefe erschütternde Töne. Selbst da. wo das Stück, wie durch die Verlobung des Wegmacher-Mart'ls und der Liesel, ans Flache und Konstruierte grenzt, wußte sie noch zu packen. Die Scenericn waren oft recht anmutig; auch die kleinere» Rollen waren gut besetzt. Aber Fräulein N o l a n d, die die Rivalin der Liesel gab, war doch zu ivcnig ursprünglich und Herr Jarno zu spitzfindig gegen die Liesel der Hansi Niese. Da fühlte sich Adolf Link alS spaßmachendcr Lipp mehr im richtigen Element.— Archäologisches. — Altäghptifche Liebeslieder. Professor Max Müller hat soeben eine Sammlung von Liebesgedichten der alten Aeghpter herausgegeben. Das Buch vereinigt die bedeutendsten Proben der altägyptischen Poesie, Vor vier Jährtausenden schon be- sang der alte Aeghpter seine Geliebte mit demütiger Lerehnnig, und das junge Mädchen lieh seiner Sehnsucht poetischen Ausdruck, Die alten Aeghpter Ivareit durchaus keine Asketen, ans ihren Dichtungen spricht Lebensfreude und Thatkrast. Die Heiraten wurden von den Eltern vermittelt— bei den Knaben mit 16, bei den Mädchen mit 12 Jahren; oft aber hatte auch schon bei ihnen die Pflicht mit der Liebe einen harten Kampf zu be- stehen. Scheidungen kannte man nicht, dagegen bestand in den älteren Zeiten die Polygamie neben der einen rechtmäßigen Frau ziemlich öffentlich, verschwand aber später. Die vollständigste Sammlung von Liebesliedern fand sich in einem Londoner PapyruS, der wahrscheinlich in die 18. oder 19. Dynastie gehört. Es ist auf- fallend, daß in den Liebeslieder» stets das Wort„Schivester" als Anrede der Geliebten gebraucht wird, vielleicht geht dies auf die Sitte der Pharaonen zurück, ihre Schwestern zu heiraten. Der Ans- druck ist m diesen Gedichte» freilich oft noch sehr unbe- Holsen, und merkivürdige, schwerverständliche Bilder werden herangezogen, um den Empfindungen Ausdruck zn verleihen. aber sie zeugen auch von zarten Gefühle», und sie sind meistens einfach, epigrammatisch in der Diktion. Da finden wir z, B. die .Klage" einer verlassenen Geliebten, die in freier Uebersetznng— folgendennaßcn beginnt:„Ich wende meine Augen zum äußeren Thor, Siehe es kommt mein Bruder zu mir. Meine Augen heften sich starr auf den Pfad. Mein Ohr lauscht, ob die Klinke sich rührt.,." ES folgen dann Klagen, daß der Geliebte nichts mehr von ihr wissen wolle, wahrend sie nur an ihn denke und in ihm lebe. Ein anderes:„Auf die Pilgerfahrt Bin ich gegangen Mit de» Ruderern, Zn kämpfen auf Befehl, meine Myrtenbündel aus der Schulter, So bin ich gegangen zu Anch-tone; Zu Ptah, dem Gott der Wahrheit, will ich sagen, Gieb mir meine Schwester unter den Bäumen, Ihre Lippen über- fluten von süßesten Weinen..." Eine hübsche Pastorale ist die„Ein- ladung der Vogelstellerin":„Der Pfad Deiner Schwester, der Ge- liebten Deines Herzens, führet zur Hecke, o mein teurer Bruder, Was immer Du wünschest, gewährt Dir mein Herz, Alles will ich Dir bringen... Alle Vögel Arabiens fliegen über Aegypten, Ge- salbet i» Myrrhen, Die besten, die kommen. Mein Netz hat sie ge- gefangen, Sie bringei« ihren Wohlgernch von Arabien, die Klauen voll Balsam. Meine Wünsche fliegen, Dich zu treffen, Znsammen wolle» wir sie befreien, Hören sollst Du den schrillen Schrei Meiner Myrrhengcsalbten, Wenn Du bei mir bist..." Sehr beliebt sind kurze Epigramme, wie„Die Um- annung":„Wenn ich Dich umschlinge und Deine Arme un, mich fühle, Bin ich auf einmal im fenieii Arabien, Wie einst mit Abira— gesalbet mit Ocl." Oder— etivas prosaischer—:„Wenn ich küsse Deine offenen Lippen. Bin ich im Rausche wie vom Bier..." Goethes„Liebhaber in allen Gestalten" ist die Variatton eines ur- alten Motivs, wie folgendes zeigt:„Ich wünscht', ich iväre der Ring, der rund um deinen Finger sich windet! Dann würdest Du mich immer behüten Als Schmuck deines Lebens", oder:„Wäre ich ach! nur der Kranz von Myrten, O teure Schwester! Wie würde ich fest Deinen lieblichen Nacken umklammern."—_ Beraulwortlicher Redacleur: August Jacobep m Beil Technisches. gr. EineBrückenauswechselung in der Schweis Nachdem man bereits langer Zeit die Verschiebung von Gebäuden in Amerika geübt hat, find bekanntlich in letzter Zeit auch derartige Transporle in Deutschland mit gutem Erfolge durchgeführt worden. Vor kurzer Zeit ist nun auch in der Schlveiz eine ähnliche Aufgabe unter besonders erschwerenden Umständen gelöst worden. Bei Wipkingen lau der Linie Wiuterthnr) sollte eine Auswechselung der Eiscnbahnbrücke über die Limmat ohne jede Beeinträchtigung des Bahnverkehrs vollzogen werden. Da der letzte Abendzug 10 Uhr 40 Min. die Brücke pasfierte und der erste Morgenzug unr 5 Uhr zn erwarten war, so mußte natürlich in der kurzen Zeit mit Anstrengung aller Kräfte gearbeitet werden. Die neue Brücke von 52 Meter Länge war auf ein Gerüst von 18 Meter Höhe gebracht und mit der alten Ueberbrückung auf einen aus eisernen Träger» bestehenden Wagen gelagert. Unter Benutzung von Flaschenzügen und hydraulischen Winden gelang es den wohlinstruicrten 20 Mann, welche zn dieser Arbeit zur Verfügung standen, die Auswechselung der Brücke bis 2Ve Uhr morgens durchzuführen. Nachdem dann noch eine Probe- belastung durch sehr schwere Lokoinotiven mit Tender stattgefunden hatte, zeigte es sich, daß die neue Eisenbahnbrücke die auf 24 Milli- meter berechnete Durchbiegung nicht erreichte. Während der Belastung wurden Seitenschwankungen nicht beobachtet und nach Entfernung der Probebelastung hatte die Brücke sich wieder von der 21 Millimeter großen Durchbiegung in die ursprüngliche Lage zurückgezogen.— Humoristische?. Prinzessinnen. Oberin szur Prinzessin):„Nur keine Sorge, Hoheit, bei Ihrem eminenten Auffassungsvermögen werde» Hochdieselben den neuenGlauben spielen Verlerne nl"— — Jnristen-Deutsch. Gymnasialdirektor:„Es thut mir leid, gnädige Frau, aber der Aufsatz Ihres Sohues ist wieder nial'ne Fünf. Was soll nur aus ihm> verde», wenn er sich nicht einen bessern deutfchen Stil angewöhnt?" Geheim rätin:„Ganz einfach: Juri st."— — Schweres Dasein. Student(auf einem„Ausflug mit Damen"):„Stellen Sie sich doch das nicht zu leicht vor, mein Fräulein. Auch der Ernst des Lebens tritt an den Studenten heran, denken Sie nur an die Komment st u n d e und an die Mensurl"—(„Sims licissimuS,") Notizen. — Ein Verein für Kinderforsch nng ist in B e r l! n auf Anregung des Herausgebers der„Zeitschrift für pädagogische Psychologie", Dr. F. Kemsies, in der Entstehung begriffen. Er macht t sich die Erforschung des kindlichen Seelenlebens im Fntcreffe einer richtigen körperlichen und geistigen Erziehung in Schule und Haus zur Aufgabe. Die Grundlagen für ein zweckmäßiges Znsammenwirken fachinännischer Kreise werden zur Zeit durch Umfragen festgestellt.— — Die diesjährigen Bayreuther Festspiele begannen am Sonnabend mit der Aufführung des„ R h e i n g o l d". Die musikalische Leitung der Vorstellung hatte ebenso wie bei der„Walküre" am Sonntag Siegfried Wagner.— k. E i n cS a m m e l f o r s ch u n g ü b e r d i e W a n d e r u n g e n der europäischen Zugvögel soll seitens der Regierung von Bosnien und der Herzegowina angebahnt werden.— — Ein außergewöhnliches Wachstum weist die rheinische Industrie- und Hafenstadt Duisburg auf. In den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts hatte sie nur wenige Tausend Einwohner. Im letzten Jahrzehnt hat Duisburg um mehr als 30 000 Einwohner zugenommen, in de» Jahren seit der Volkszählung um 10 000, und heute zählt die Stadt 85 000 Einwohner. Sie dürfte bald die achte rheinische Großstadt sein.— — Zur Erforschung der N e u si b i r i s ch e n Inseln und des S a ii n i k o w l a n d e s wird die russische Akademie der Wissen- schafteu eine Expedition aussenden.— — Dr. R, Hauthal vom La P l a t a- M u s e u in in Buenos A y r e s hat sich in den letzten Monaten mit Nachforschungen nach dem„r ä t s e l h a f t e n T i e r" in der Wildnis von Patagonicn, von dem schon öfter die Rede war, beschäftigt. Er machte Ausgrabungen in einer Höhle, die den Eingeborenen als„8sao cks la ultima Espevanza" bekannt war. und er entdeckte ungeheure Knochen, die Hirnschale und die mächtige» Klauen des Tieres. Auch ein ganzes Fell wurde gefunden. Die Funde werden demnächst in das La Plata- Museum in Buenos Ayres übergeführt werden. Die Ein- geborenen behaupteten Dr, Hauthal gegenüber, daß das Tier noch vor 50 Jahren in dieser Gegend angetroffen wurde, und daß es vielleicht heute noch auf den wüsten Inseln der Magellan-Straße zu finden wäre, die von ihnen nie aufgesucht würden. Außerdcn, wurden Skelette von Eingeborenen. von Guanakos n. a, ent- deckt. Die Ausgrabungen sollen im Frühjahr des nächsten Jahres fortgesetzt werden.— t. Die Gewinnung von Erdöl im j a pa n i s ch e n Bezirk Echigo ist in ständigem Aufschwung begriffen. Der jährliche Ertrag stellt sich auf« bis 700000 Fässer. Außerdem sind vor kurzem neue und sehr reiche Oelquellen in demselben Bezirk entdeckt worden.—____ u. Druck und Verlag von Max Babing tu Berlin.