Hinterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 145. Donnerstag, den 27. Juli. 1899 (Nachdruck verboten.) Es lobe vir LnmN! 29j Roman von C. V i e b i g. Die kleine Frau Schoenfließ machte selbst die Thüre auf und fuhr erschrocken zurück, als die stürmische Dame in Federhut und flatternder Boa hereinschnob. „Warrum komint Jhrr Mann nicht zurr Prrobe? Es ist unerrhörrt! Ich bin die Autorrin l" „Mein Gott, wenn er aber doch nicht kann I" sagte die kleine Frau ganz eingeschüchtert. „Was fehlt ihm bcmi?l" Es klang wie ein peinliches Verhör. „Er hat Magenschmerzen." kam es ganz zaghast heraus. „Er hat Gurkensalat gegessen— sich erkältet, und--* „Geben Sie ihm schivarrzen Kaffee, Rrotivcin mit Stärrke — ich werrde ihm Trropscn beforrgcn. Err mutz spielen! Err mutz! Wo ist err?" Frau Schoensließ wich zitternd zurück; sie war so nervös, die ganze Nachtruhe war ihr heute gestört worden.„Früu- lein, er liegt im Bett!" Sie hielt die Hineinstürmende an der Boa fest.„Aber Fräulein l" Die Starzynska hörte nicht.„Err mutz spielen!" Sie ritz sich los, schon war sie im Schlafzimmer. „Herr Schoenflietz!" Sie stand am Bett, fast wäre sie über die Wärmflasche gestolpert; es roch nach allen möglichen Thees und Medikamenten.„Sie müssen spielen I!" „Es thut mir sehr leid, aber unmöglich— Sie sehen—" Er zeigte stumm auf den ganzen Apparat. „Bah, die Kunst geht über alles! Sie haben eine heilige Aufgabe!" Sie fatzte ihn am Handgelenk und hob pathetisch die Rechte. Stehen Sie auf I!" „Wie Jalri Töchterlein— Stehe auf und wandle!" Ein cynisches Lächeln spielte um seinen Mund, er matz sie vom Kopf bis zu Fützen.—„Da Sie nun einmal hier ein- gedrungen sind, Fräulein— Tinchen, meinen Schlafrock, meine Pantoffeln l" Er niachte Miene, aufzustehen.—„Entschuldigen Sic, ich muß wandeln, aber schleunigst!" Ja, Wlodzimira Starzynska hatte schweres durchzumachen gehabt, in den Busen ihrer Freundin Mia hatte sie schreckliche Dinge ausgeschüttet. „Sie ist eine Heldm", sagte diese bewundernd. Heute war Frau Widmauu in fieberhafter Erregung; ihre Blicke flogen wie die eines Feldherrn rechts und links durchs Theater. Da war die Schar der Frermde: Bollen, Goedeke, Mannhardt. Herr Widmann— jetzt gab Frau Mia das Signal, jetzt klatschten sie wie rasend. Sie erzwangen den ersten Hcrvorruf. Und nun klatschte das Publikum nach, gut geleitet, augefeuert, wie Soldaten durch das Beispiel der Offiziere. Und oben vom eisten Rang neigte sich Eisenlohr und klappte lächelnd mit dem Opernglas in die Linke; das that noch ein übriges, wie ein Brausen ging eS durchs Haus. In einer originelleil Toilette— duftiges©chloarz, mit exotischen Riesenblumen durchwebt, Hals lmd Arme schimmerten darunter— stand Wlodzimira Starzynska an der Rampe. Sie verneigte sich, ihre Kohlenaugen feuerten ins Parquet, ihre schlanke Taille schien voll all den Autorsorgen und Mühen noch schlanker geworden. „Famose Figur k" flüsterten die Herren hinter der vor- gehaltenen Hand und blinzelten einander zu.„Bravo! Bravo!" „Außerordentlich chike Toilette!" lispelten die Damen. Sie benutzten eifrig Opernglas und Lorgnoll.„Letzte Pariser Mode. Bravo I Bravo I" Das ivar ein Erfolg! Ein berühmter Kritiker hatte zu- erst den Urteilsspruch gethan, nun war man sich einig: „Kein absolutes Meisterwerk; aber es war ein velheitzungs- voller. Großes versprechender Wechsel auf die Zukmift. Und für eine Frau, noch dazu eine so junge, ganz ungeheuer." „Bravo I" Das war mal etwas anderes— eine hübsche, junge Dame.—„Bravo! Bravo!" Man klatschte, daß die Handschuhnähte platzten, man rief: �Heraus," man. jubelte Beifall:„Bravo I Bravo l" Ganz hinten im Parkett, wo der darüber gebaute erste Rang drückt und die Lust heiß und dick macht, hatte sich eine Frau erhoben. Sie war anfaesprungen, hatte sich nach vorn geneigt, beide Hände aufgestützt und den Hals lang gereckt. Sie war schon groß; sie schien sich noch nicht groß genug, nun stellte sie sich auf die Zehen. Nichts entging ihr. Fiebernde Röte stieg auf ihre Wange». Jetzt— neuer Beifall drallste, der Vorhang hob sich noch einmal— zog sie die Brauen finster zusammen, ihre Lippen zuckten, sie murmelte ein ungeduldiges Wort. „Elisabeth I" Der Mann neben ihr fatzte sie am Kleid, zog sie nieder und flüsterte:„Wie werden sie erst einem Werk von Dir Beifall zujubeln!" Er sah sie voll der Seite an mit einem langen, liebevollen Blick— es war auch etwas von Besorgnis darin. Sie bemerkte weder seinen Blick noch seine Worte. Sie reckte den Hals auch im Sitzen, unverwandt starrte sie nach der Bühne. Er konnte keinen Blick in ihr Gesicht erhaschen, nur ihre Waugm sah er und das heitze rote Ohr. Jetzt war's zu Ende. Schon rasselte der eiserne Vorhang herunter. Die Freunde stürmten hinter die Bühne, um die Autorin zu beglückwünschen, immer neue Freunde fanden sich dazu; allen vorauf eilte Frau Widmann. Sie feierte heute einen Triumph; hatte sie nicht großherzig und neidlos dies Talent anerkannt, und der Freundin treu zur Seite gestanden? Vis auf die Wahl der Toilette hatte sich ihre Freundschaft erstreckt. Frau Mannhardt ließ sich von ihrem Gatten den kost« baren Abendmantel um die Schultern legen; sie war in Ge- selljchoftstllilette. Die drei Jahre schienen spurlos an ihr vorübergegangen, sie sah noch eben so zierlich aus, eben so pittiut mit den klugen Augen und dem seineil Lächeln. „Ausgezeichnet k Sehr ausgezeichnet!" rief sie ganz enthusiasmiert. „Du hast es ja gleich gesagt, Lorle!" Mannhardt sah sich um, waren da nicht cm paar Bekannte? Er stellte den ersten.„Allsgezeichnet, ja, ja— meine Frau hat längst dies große Talent erkannt, sie war gar nicht von dem Erfolg über- rascht. Entschuldigen Sie, wir müssen eilen, wir müssen doch wenigstens ein paar Minuten vor unseren Gästen zu Hause sein. Wir erwarten die Autorin. Darf ich bitten, Lorle?" Er reichte ihr den Arm. Goedeke eilte geschäftig vorbei. Wommen Sie nicht zu spät, lieber Goedeke!" Eleonore winkte lächelnd mit dem Fächer nach ihm zurück. „Bin Ihnen sehr obtigiert, jnädigste Frau, ich beordere nur soeben den Wagen für unsere jefeime Autorin. Wir kommen sofort!" Er rief es ihnen mit lauter Stimme nach inid rannte dann den Gang hinunter. Vor einer Logenthür stieß er auf Volten, der soeben Alinde Rosen einen Schleier liin die rosaseidene Kapuze band,„'n Abend k Auch bei Mannhardts, lieber' Balten?" fragte Goedeke so im Vor- überstreifen. „Natürlich!" sagte Volten.„Ich habe die ersten Versuche der gefeierten Autorin der Oeffentüchkeit übergeben, ich werde doch nicht fehlen! Wir"— er zeigte aus. Alinde—„waren eben bei ihr hinter der Bühne, haben beide einen"— er wischte sich den Mund und schnalzte mit der Zunge—„einen Kuß bekommen!" Goedeke hatte das letzte schon nicht mehr gehört, er drängte sich durch die Menge, lies die Treppe hinunter, tauschte dort einen raschen Händedruck, erteilte dort einen Nicker und rief dort ein„servus",„servuS"! Er rannte fast gegen eine Dame, die voll einem großen Herrn am Arm ge- führt wurde; derb trat er ihr mif den Fuß. Zwei brennende Augen sahen ihn einen Augenblick an. Wo that er doch gleich das Gesicht hin, ivar ihm so bekannt— ah-- „'n Abend,'n Abend!" Es war die Reinharz. Donnerwetter, hatte die eingepackt I Die Wagen waren fortgerollt, die Menge hatte sich der- laufen, hie und da kamen noch ein paar Nachzügler, schwatzend und lachend. Der Musentempel war geleert, liur Wohlgerüche aller Art durchschwinigertcn noch die laue, verbrauchte Luft. Die Garderobieren zogen ihre abgeschabten Mäntclchen an. die Logenschließer steckten noch einmal ihre Nase in den Theaterraum: Alles in Ordnmlg! Kein Hauch zurück» geblieben von all dem Beifall, kein Wort der Ewigkeit auf» gespart— alles gegangeu mit den schwatzenden, geputzte» Menschen, mit den Kritikern, die nach Hanse eilten, nm, selbst noch im Verdauen, dem Publikum das Gericht zu sezieren, das man ihm vorgesetzt hatte. Unter den Nachzüglern waren auch Wilhelur Ebel und seine Frau. Elisabeth hatte gezögert, ganz langsam Schritt für Schritt gesetzt; sie ließ sich ziehen. Alle andern hatten schon den Theaterraum verlassen, da warf sie noch einen letzten langen Blick nach der Bühne hin. „Komm!" Ihr Mann legte den Arm um ihre Schultern und hüllte sie in den Mantel; steif und stumm ließ sie's geschehen. Als er ihr auch das Spitzentuch um den Kopf binden wollte, machte sie sich ungeduldig frei; sie trat vor den Spiegel. Ein erhitztes Gesicht mit gespannten Zügen und weitgeöffneten Augen sah sie an. Man stieß sie, um sie drängte sich die Menge; Leonore Mannhardt ging vorbei und grüßte steif; auch Frau v. Lindenhayn kam an Eisen- lohrs Arni vorüber; die immer noch schöne Frau nickte freund- lich. Elisabeth neigte mechanisch den Kopf; sie hätte den Gruß gar nicht bemerkt, wenn ihr Mann sie nicht angestoßen hätte. Sie sah niemanden. Ohne ein Wort ging sie an seinem Ann durch die klare Herbstnacht. Eine wunderbar reine Luft fächelte die breite Straße entlang. „Wie schön I" sagte Ebel.„DaS thnt wohl nach dem da drinnen. Was für ein ungesundes Zeug I" Ein paar Theaterbesucher, gleich ihnen verspätet, über- holten sie.„Genial!" sagte einer— er schien ein Mann vom Fach—„höchst beachtenswert I Ich werde nicht ver- fehlen, die allgemeine Aufmerksamkeit auf dieses Stück zu lenken!" „Da hörst Du's! Da, da, hörst Du's?" Elisabeth lachte laut auf.„Du stehst vereinzelt nüt Deiner Ansicht!" Ihr Lachen klang nervös und gereizt. „Möglich," sagte er ruhig,„darum ändere ich meine An- stcht doch nicht." „Tu verstehst nichts I" Sie sprach nüt schneidender Ironie. Er drückte ihren Arm.„Mein Liebchen," sagte er, sich zu ihr beugend und ihren Blick suchend,„sei nicht verstimmt. sieh, wie hell die Sterne scheinen! Atme— die Luft ist ein Labsal! Und dann komtnen wir nach Hans, und Du machst uns den Thee, und dann gehen wir noch einmal zu unserm Kind"— seine Stimme erhielt einen innigen Klang—„zu unserm lieben Kind I"__ „Fa," sagte sie tonlos.———— Drei Jahre waren Wilhelm Ebel und Elisabeth verheiratet. Sie waren also noch ein junges Ehepaar, und doch— Elisa- beth fühlte sich alt. Lange, lange Jahre zurück lag ihr der Abend ihrer Verlobung— da hatten Lichter am dunklen Baum gestrahlt, hoffnungsfroh und siegesfreudig war sie aufs Meer der Zukunft hinausgesegelt. Da war ihr Schiff mit Rosen bekränzt gewesen, lustig flatterten die Wimpel im Morgen- wind, Freunde begleiteten ihre Fahrt mit Halloh, ja, Freunde! Als Elisabeth Frau Mannhardt ihre Verlobung mitgeteilt hatte, starrte diese sie an, als spräche sie in einer fremden Sprache; das verstand Leonore nicht, das war Kauderwelsch für sie, in einem ganz thörichtcn Hirn ausgebrütet. Einen solchen Menschen heiraten! Mit der Freundschaft war es vorbei— ein eiskalter Hauch wehte plötzlich von ihr zu Elisabeth; diese fühlte das kalte Wehen und zog sich zurück wie eine Schnecke in ihr Haus. Sie machte nüt ihrem Bräutigam wohl noch einen Besuch bei Mannhardts, empfing auch eine Einladung— aber sie sagte lachend ab. Sie hatte nun, was sie wollte, denn sie wachte mit Eifersucht darüber, daß man ihreni Bräutigam die schickliche Rücksicht erwies. Je größeres Erstaunen die Leute über ihre Verlobung zeigten— und das Erstaunen war allgemein, man zeigte es ihr mehr oder minder unverhohlen— desto trotziger hob sie den Kopf. Was wollten sie alle? Gott sei Dank, daß sie niemanden brauchte. Keinen, nur ihn! Ein eigensinniger Zug setzte sich um ihren Mund fest, und sie war in der Verlobungszeit oft gereizt. lFortsetzung folgt.) Vuvdi Afiens Muficn. ii. Am 14. Dezember 1895 verlief, Hcdin mit einer aufs neue vor- trefflich ausgeriisteten Karalvanc wiederum Kaschgar und wandte sich südlich und dann sndlneftlicb nach Jarkcnt. von Ivo er dieselbe Strotze verfolgte, die schon vor V25 Jahren der berühmte venezianische Reisende Marco Polo gezogen war, als er von Samarkand her über Jarkent nach Chotan zog. Von hier wollte Hedin»och einmal einen kleinen Abstecher in die Wüste Takla-Makan machen, die ihm vor fast einem Jahre so verhängnisvoll geworden war. Auf dem Marsche selbst änderte sich der Plan allmählich und gestaltete sich zu einer vollständigen Durchquerung der Wüste von Süden nach Norden bis zum Tarin,, der dann bis zu seinein Ende im See Lop- nor verfolgt wurde. Zunächst war der Plan allerdings viel bescheidener; Hedin wollte die von dem berühmten russischen Reisenden Oberst Prschcwalskij, der zehn Jahre vorher die Gegenden besucht hatte, nördlich von Chotan am Chotan-darja sChotanflutz) angegebene Bergkette Masar- tag aufsuchen, die sich nach Prschewalskijs Karte bis an den Nord- rand der Wüste erstrecken sollte, nach Hedins Erfahrungen auf seiner vorjährigen unglücklichen Wüstenreise jedoch nur geringen Umfang hatte, da er ja die Wüste nach Osten durchziehend schlietzlich bis zum Chotan-darsa gekommen war, die kleine Bergkette aber stets weit in, Südosten und Süden erblickt hatte. Von dieser Bergkette wollte Hedin ostwärts bis zum Flußbett des Kerija- darja ziehen, auf ivelchem Wege die Ruinen einer verfallenen, im Sande begrabenen Stadt liegen sollten, wie ihm in der Umgegend von Chotan mit Be- stimintheit versichert wurde. Im Flußbett ivollte er dann wieder südwärts ans der Wüste heraus bis zur Stadt Kerija ziehen, von wo er nach Chotan zurückzukehren gedachte. Diesen, bescheidenen Plane gen, ätz wurde das große Gepäck, sowie das meiste chinesische Silbergeld in Chotan zurückgelassen und nur auf 50 Tage � Proviant mitgenommen. Somit bestand die Karawane, die an, 14. Januar 1390 Chotan verließ, außer Hcdin noch aus vier Mann und drei nicht übermäßig beladenen kräftigeil Kamelen. In dem Dörfchen Tarek-kel, einige Tagereisen nördlich von Chotan, wurde beschlossen, die»och weiter nördlich liegende kleine Bergkette beiseite zu lassen und direkt östlich in die Wüste zu gehen, um die begrabene Stadt aufzusuchen. Aus den, Dorfe ivurden ziver Männer als Wegweiser mitgenommen, welche die Stelle schon öfters besucht hatten, um dort nach Gold und anderen Kostbarkeiten z>l suchen. Am 24. Januar, nach einen, füiistägigen Marsche, war die Ruinen- stätte meicht. Von den vielen Rninenstätten, die Hcdin in Ost-Turkcstan besucht, erinnert keine an die merkivürdige Stadt, deren Ueberreste er hier sah. Während sonst die Ruinen aus Mauern und Tünnen bestehen, die aus an der Sonne getrockneten, oder auch aus gebrannten, Lehm erbaut sind, waren hier alle Häuser aus Pappelholz gebaut gewescir, und Stein oder Lehn, als Bauinatcrial gar nicht vorhanden. Die übrig gebliebenen, vom Wind und Sand angefressenen, 2—3 Meter hohen Pfosten von Hunderten von Häusern ließe» einen Schluß auf Lage und Plan von Straßen und Plätzen nicht zu, weil das ganze Gebiet, das 3—4 Kilometer Durchmesser Hai, unter hohen Düncir begraben liegt, und nur von solchen Häusern, die auf Erhebungen des Nntergnindes oder in Dünenlhälcrn gelegen sind, ragen Ruinen aus dem Sande hervor. Trotz der Schwierigkeit, die Ausgrabungen in den, beständig wieder nachrutschcndcn Sande verursachen, gelang es Hcdin, einige Funde zu machen, die ihm einen Begriff von de», allgcmciiic» Charakter der Stadt geben konnten. Die Heiligenbilder, die er fand, deuten auf eine bedeutend größere Kunstfertigkeit, als jetzt bei de», Volke in Ost-Turkcstan zu finden ist; Seidenzucht, Gartenba» und Industrie hatten einst dort geblüht. Ivo jetzt der Wüstensand herrschte. Die Bewohner waren Buddhisten arischen Stammes und wahrscheinlich ans Hindustan grkonunen. Vor wie langer Zeit diese bisher ganz unbekannte alte Stadt ein blühendes kräftiges Leben gekannt hat, läßt sich kaim, vermuten. Doch kann man einige Anhaltspunkte dafür aus den Veränderungen gewinne», die auch jetzt»och der Boden der unwirtlichen Wüste er- leidet. Wie Hcdin schon früher und auch am Bette des Chotan- darja beobachtet hatte, ist die Erosionsarbeit deS Wassers an, Ost- rande stets viel bedeutender als am Westrande; die Flüsse jener Gegend rücken also langsanr nach Osten vor, ivie er auch später noch au vielen Flüssen, die von Küen-Lüi, koniiilcnd in die Wüste ein- schneiden, bestätigt fand. Der Wald am Flutzufer stirbt dabei laug- sam ab, und neuer Wald entsteht au dem ostivärtS verlegten Ufer. Auch diese Stadt lag unverkennbar an einem alten Flutzufer, das nur das alte Bett des Kcrija-darja sein kann, der jetzt 5 Meile» ivcitcr östlich dahin strömt. Auch ans der Zahl der starken Nordost- und Ost-Stürmc, welche den Saud und die Düne» weiter nach Südwesten und Westen vordringen lassen, kann ein Schlutz auf die Schnelligkeit gezogen ivcrde», mit der die Wüste die menschlichen Wohustättcn erobert. Danach sind etwa 2000 Jahre uotivcndig gewesen, damit der Saud von der Gegend jener alten Stadt bis zu seiner heutigen Grenze vordringen konnte. Vor 2000 Jahren aber mögen die Bewohner erkannt haben, daß sie ihre Wobnstätten gegen die Macht des Wüstensandes nicht behaupten können, sondern ihr Heimatland der Herrschast der Wüste überlassen müssen. Von dieser verlassenen und zu Grunde gerichteten Stätte alter Kultur wandte sich Hcdin ostwärts zum Bett des Kerija- darja. Zun, Umkehren nach Süden glaubte er innner noch Zeit zu haben, und zog nun zunächst an, Flusse nach Norde», um diesen, der von Europäern noch nie besucht und auf den Karten daher nur punktiert angegeben war. so weit wie möglich zu verfolgen. Zu seiner großen Ucberraschung entdeckte er, daß an den Ufern des Flusses ein halv-> wildeS, friedliches Hirtenvolk wohnt; jcdvcki sind diese nicht selbständige Herren, sondern die Schafherden, die sie hüten, haben ihre Be- fitzer in Kerija, wohin von den Hirten nur ab und zu jemand kommt; Hedin traf Hirten, die mir einmal in ihrem Leben dort gewesen waren, und sogar einen fünfunddreitzigjährigen Mann, der noch nie aus dem Wald herausgekommen war und sich von einer Stadt oder einem Bazar gar keinen Begriff machen konnte. Im ganzen leben dort in den Wäldern des Kerija-darja etwa 160 Menschen, weitab von jedem Verkehr, umgeben von dem toten- stillen Sandmeer der Wüste; außer ihren nächsten Rachbarn sehen sie nur gelegentlich die Besitzer ihrer Herden, wenn diese wegen der Schafschur zu ihnen komme». MS Hedin etwa 10—11 Meilen am Kerija-darja nordwärts ge- zogen war, erzählten ihm die dort wohnenden Hirten, daß eine Tage- reise nordwestlich ebenfalls die Ruinen einer im Sande begrabenen Stadt lägen. Er besuchte auch diese, wobei er schon auf dem Wege dorthin fand, daß er in einem alten Flußbett entlang zog, daß also auch hier der Fluß früher weiter westlich und sicherlich an der Stadt vorbeigeflossen war. Sie war viel kleiner, als die zuerst auf- gefundeiie, gehörte aber offenbar derselben Zeit an; es fanden sich dort dieselben Malereien auf dem Kalkpntze, wenn auch mehr ruiniert und abgeblättert, dieselbe Architektur und dasselbe Bau- Material. Als Hedin wiederum dem Laufe des Flusses folgie, verlor sich dieser nach weiteren vierzehn Meilen allmählich im Sande, der ihn besiegt und erstickt; die Vegetation hörte auf, und nach allen Seiten erstreckte sich wieder die unermeßliche Wüste. Zunächst wurde der Marsch in die Wüste hinein noch fortgesetzt, weil Wasser in 1— 2 Meter Tiefe stets gegraben werden konnte: durch die Erfahrungen auf der ersten Wüstenreise belehrt, beschloß Hcdin, stets nur soweit zu wandern, als der Wasservorrat erlaubte, und im Notfall lieber auf demselben Wege zurückzukehren, anstatt sich ohne Wasser in die nn- bekannte Wüste hinein zu wagen. Bei dem weiteren Marsch nach Norden wurde das Wasser innner spärlicher aus dem Brunnen geholt, und am 13. Februar war es völlig zu Ende. Den schon bekannten und durchforschten Weg noch einmal zurückzulegen, war sehr nnniigcnchm, und Hcdin sträubte sich heftig gegen diesen Gedanken! aber es mußte sein. Nur einen Tag sollte noch trotz des stärker werdenden Durstes nord- wärts gezogen werden; fand mau auch dann kein Waffer, so war die Umkehr beschlossen. � Aber an dieser, i Tage gab der gegrabene Brunnen in IVa Meter Tiefe wieder Wasser. Allerdings war es so salzig, daß nicht einmal die Tiere davon tranken; dennoch war von Umkehr nun keine Rede mehr. Denn Hcdin und auch seine Begleiter wußten aus längerer Erfahrung, daß das Brunnenwasser in der Nähe der Flüsse iiinncr salzhaltig ist; der Tnrimfluß mußte jetzt also nahe sein, und die Wüste sich ihrem Ende nähern. Schon am nächste» Tage wurde auch die dunkle Waldlittie des Tarim erblickt, und am 23. Februar zog Hediu»ach einer erfolgreichen Wüstenwandcrung von 41 Tngeir rn Schah-jahr am'Nordufcr des Tarim ein. Hier in Schah-jahr faßte Hcdin einen ganz neuen Neiseplan; er kehrte nicht, wie ursprünglich beabsichtigt, nach Westen bis znni Chotan-darja ziehend und diesen entlang die Wüste noch einmal durchquerend nach. Chotan zurück, von wo er nach dem Lop-nor hatte ausbrechen wollen, sondern er beschloß, durch die Urwälder des Tarim direkt den See, i» den er sich ergießt, aufzusuchen. Den Lop-nor, von dem östlich und nordöstlich sich die Wüste Gobi in ungeheurer Ausdehnung erstreckt, überhaupt aufzusuchen, bntte von Anfang n» in dem Plane der Reise gelegen. Dieser See bildet eine Streitfrage zwischen den Geographen, die Hcdin, wenn möglich, entscheiden wollte. Die erste Kenntnis von ihm und seiner Gegend war nach Europa durch die Reisen Marco Polo's gekommen; in der letzten Zeit ivar er wieder von Prschcwalskij aufgesucht worden, der ihn viel weiter südlich fand, als ihn die alten Karlen, sowie die 1SG3 in China herausgegebene Karle zeigen. Das Mcrklvürdigste war, daß PrschclvnlSkij einen Süßioasseriee fand, während im Stromgebiet des Tarim das Wasser ans einem so salzhaltigen Boden zusaunncnströint, daß Bnnuien süßen Wassers zu den Ausnahurcu gehören und nur ünnrittclvar an den Gebirgsränderu vorkoinmc».. Auf die Einzelheiten der sich hier anschließenden wisscnschaft- lichcn Streitfragen können wir natürlich nicht eingehen. Wir be- merken nur, daß Hcdins Reise sehr ergebnisreich ivar, indem er feststellte, daß thatsächlich die alten Karten recht hatten, daß aber cbcuso Prschcivalskij vollkonuneu recht hatte. Der See ist, ivie überhaupt der ganze Unterlauf des Tarim außerordentlich vcr- ändcrlich; die Winde und der vom Fluß mitgcfiihrte Schlainin arbeiten andauernd an dieser Veränderung. So durchfuhr Hcdin einen von Norden nach Süden gerichteten See, Ivo Prschelvalslij keinen See gesnndrn hatte, und der von diesem als Lop-nor konstatierte Doppclsee zeigte sich in einem Zustande der Anstrocknung begriffen, so daß er kaum noch als See, sondern vielmehr als Sumpf zu bezeichnen, war. Diesem südlichen Teil führt der Tarim jetzt bedeutend weniger Wasser zu als vor zehn Jahren, während er jetzt das alte Becken des iLop-iior wieder kräftig füllt. Hcdin kehrte nach Durchforschung dieser Verhältnisse am Südost- rand der Wüste nach Chvta» zurück, von Ivo er am 20. Juni nach Tibet aufbrach. Den nördlichsten Teil dieses höchst gelegenen Hoch- landcs der Erde durchziehend, kam er im Dezember auS den, Gebirge heraus und erreichte, mehrmals»och die Wüste Gobi berührend, im März 1807 sein Reiseziel, die chinesische Hauptstadt Peking, von wo er die Heimreise antrat.— Lb.' Nleines Feuillekon. Kä. Grostliatcr-Uhren. sNachdruck verboten.) Die englische Stadt Gloucester in der Grafschaft gleichen Namens war früher Mittelpunkt der englischen Uhrenindustrie, hat aber in neuerer Zeit in dieser Hinsicht jede Bedeutung verloren. Es ist eine alte Beob- achtung, daß die Industrien wandern und ihr Heim wechseln, an einem Orte niedergehen und an einem anderen neu eniporblühen, je nachdem es äußere Umstände, die sehr mannigfacher Art sein können, bedingen. Berühmte Uhrmacher in Gloucester waren Washbourn, Peyton, Thackwell, Mikes. Higgins und Weight; man findet ihre Namen noch auf alten englischen Standuhren, welche man treffend als„Großvnter-lkhren* zu bezeichnen pflegt. Henry Weight fertigte auch mehr als 100 Uhren für Kirchen und öffentliche Gebände, und man erzählte sich, daß er das Glockengelänte der St. Nikolas- Kirche in Gloucester nach Vollendung des für diesen Zweck komponierten Tonstückes, eines Opus des Hilfsorganisten der Kathedrale, binnen 40 Minuten montiert habe. Auch die Finemores in Birmingham, eine Uhrmacherfamilie, welche die Herstellung künstlich bemalter Zifferblätter als Specialität betrieb, stammte aus der Grafschaft Gloucester. Diese Ziffer- blätter werden noch jetzt als Kunstwerke geschätzt, und man bezahlte dieselben in den letzten Jahren mit 300 M., auch wenn dieselben Darstellungen vielfach wiederkehrten. Es wurden, je nach dem Preise, welcher erzielt werden sollte, Zifferblätter mit einfacher und reicherer Malerei hergestellt, und es scheint, daß sich diese Arbeiten der Fine» mores eineranßerordcntlichenBeliebtheit und Verbreitung erfreut haben. Eins der einfachsten, aber sehr begehrten Muster zeigte Blumen und einen fliegenden Vogel auf blänlich-wcißcm Grunde. Ein anderes Zifferblatt trag einen Adler und wm mit dem Motto„Tsrnpus! fugit" versehen, wieder ein anderes zeigte Merkur auf einer Halbkugel. Ein kostbares quadratisches Zifferblatt enthielt auf den vier Ecken Darstellungen der Jahreszeiten; der Frühling Ivar durch einen Hirten oder Hirtin vertreten, der Sommer durch eine Darstellung der Heuernte, der Herbst durch die Schafschur oder durch ein Sportbildchcn, der Winter durch einen holzbeladcnen Knecht, der seine Last durch de» Schneesturm einer in der Ferne sichtbaren Hütte zuträgt. Ein anderes Meisterwerk stellte Britannia mit Schild und Dreizack dar, begleitet von einem Löwen, dessen Augen beweglich waren. Sehr beliebt ivare» auch biblische Secnen: David vor Snnl spielend, Hirtcnbildcr und dergleichen, endlich„der Sünden- fall": Adam und Eva im Paradiese; Adam pflückt einen Apfel vom Baum, während die verschiedensten Vögel und andere Tiere aus dem Blattwerk ringSuin hervorschauen. Eine andere Art Zifferblätter sind die mit lebenden Darstek« lnngen, die man verschiedenen englischen Meistern zuschreiben muß. Sie zeigen u. a. hin- und hergehende Schiffe, ferner Monde, welche erscheinen und wieder verschwinden und so das Auf- und Untergehen dieses Trabanten anzeigen. Herr Weight, ein Nachkomme der er- Ivähnten großen Uhrmacherfamilie, weiß von einem merkwürdigen Schatz zu berichten, den einer seiner Verwandten, ein Müller Namens Lea, besaß. ES war eine Standuhr, bereu Zifferblatt eine Wasser- mühte in voller Thätigkcit zeigte; das fließende Wasser wurde durch Glasröhren dargestellt, welche sich um ihrcAchse drehten. AmMiihlwasser stand ein Pferd, das durch seine Bewegungen sehr charakteristisch das Trinken markierte. Im Vordergründe drehte ein Mann einen Schleifstein, an welchem ei» anderer eine Axt schliff, und an der Seite standen zwei Männer, damit beschäftigt, Holzblöcke zn zcr- sägen. Außerdem sah man auf dem Zifferblatt die Dorfkirche mit einer kleinen Turmuhr, Ivelche genau dieselbe Zeit anzeigte, wie die große Uhr, Ivelche die ganze Darstellung enthielt.— Das Ivar aber noch nicht alles; diese Uhr spielte sehr anmutig zwölf verschiedene Weisen. Derartige Kunstwerke sind jetzt nur noch selten zn finden. Die billigen amerikanischen Uhren, welche um das Jahr 1849 eingeführt wurden, haben die.Großvatcr-Uhren" als„unzeitgemäß" völlig verdrängt. Aber oblvohl sie„veraltet" find, haben sie die Amerikaner in großer Anzahl angekauft und zum Teil auch hohe Preise dafür gezahlt.— Kttltnrgeschichtliches. dg._ Leonhard T h n r n e y s s e r zum Turm war ein ge- Horner Schweizer und gelernter Goldschmied. Er hatte bei Johannes Huber in seiner Vaterstadt Basel auch etwas Naturwissenschaften be- trieben und dann, als er Basel einer Betrügerei wegen verlassen mußte, ein wildes Abenteurerleben begonnen. Heute Landsknecht, morgen Bergmann in Schweden, hatte er später wieder in Nur»- berg, Straßburg und Konstanz als Goldschmied gearbeitet, die Wappcnstecherei erlernt und dann die Oberlciinng der Ebersivalder Bergwerke in Tyrol übernommen. Er errang in dieser Stellung hohen Ruhm, wurde schließlich„Meister aller Minen in Tyrol" und war der erste, der die Erlaubnis erhielt,„eine Weibs- Person zu nnatonneren". Eine Reise nach den« Orient führte ihn auch in die Geheimnisse der jüdischen und orientalischen Aerzte ein. 1670 erschien in der Eichhornschcn Druckerei zn Frankfurt a. O. sein Werk:„Pison oder von Kalten, Warmen, Mineralischen und Metallischen Wassern samt der Vcrglcichnng der Plantarum und Erdgewächse", darin er seine bergmännischen Erfahrungen bezüglich der Mark niederlegte. Sie versprachen genug. In der Spree sollte Gold zn finden sein, bei Morin Rubinen und der- gleichen mehr. Das Werk erweckte die Aufmerksamkeit des äußerst gcldbedürfligcn Kurfürsten, er rief den Wundermann, der — 580— auch als AlchhMist hohen Nuhm genoß, an seinen Hof. 1571 kam er nach Verlin, das graue Kloster wurde sein Wohnsitz. Als Arzt, Astrolog und Alchymist trieb er hier seinen Hokus Pokus. Großartic aber waren seine industriellen Unternehmungen. Seine Buchdruckern gehörte zu de» ersten derartigen Instituten Deutschlands. Die Thür- uchsserschen Drucke waren an Schönheit bis in die neueste Zeit un- erreicht. Tie ersten Künstler arbeiteten dafür. Salomon Deichmann korrigierte Lateinisch und Griechisch, Magisters Joachim Gröpler Deutsch. Der Faktor Gregor Eber setzte Lateinisch und Griechisch. Die Woche wurden 6 Bogen fertig, pro Tag aver einige Tausend Bogen abgezogen. 1576 hatte Thurnehsser auch noch eine Schriftgießerei. Johannes Hoher und Basilius Butzkins, berühmte Maler jener Tage,„illuminierten� für ihn! ebenso hatte er Maler, Zllwninatoren und Holzschneider in Görlitz, Leipzig. Halle, Koburg usw. I» ganz Dentschland rissen sich die Künstler um die Ehre, für Thurnehsser arbeiten zu dürfen. Neben der Druckerei hielt derselbe«och eine Teppichwirkerei. Ein sehr schönes Stück daraus befindet sich noch im Berliner Gewerbemuseum. Im ganzen beschäftigte er allein im Kloster an 5gv Arbeiter. Ungeheuer war der Freindenstrom, den Thurnehsser nach Berlin zog. Von ollen Weltrichtungen kamen Patienten, um sich von ihm mit„trink- barem Gold" und„Perlen-Elixieren" heilen zu lassen. Trotz seiner glänzenden Stellung trieb das Heimweh den Schweizer wieder aus Verlin. 1584 ging er zurück nach Basel. Eine Frau und ein Bruder verbrachten sein ungeheures Vermögen, und er begann von neuem das alte Abenteurerleben. 1596 ist er zn Köln am Rhein gestorben, neben dem Grabe des Albertus Magnus ist auch das seine zn finden. Seine Berliner Ilickernchmnngeu ginge» nach seinem Fortgang wieder ein.— Bolkskuiide. — Das Farnkraut in der Sagenwelt. Die eigen- tümliche Art der Fortpflanzimg der Farnkräuter hat, wie wir einem Artikel der„Köln. Ztg." entnehmen, von jeher das größte Erstanne» der Mensche» erregt und dein Aberglauben Thür und Thor geöffnet. Unser» Altvordern war selbstverständlich die Natur der Sporenkörper und die Entstehung der Pflanze aus ihnen ft'cmd, und so wurden dem rätselhasten Samen des Farnkrautes gar wunderbare Kräfte zu- erteilt. Aber es waren böse Geister, die darin walten, ja der Teufel selber wirkte in ihnen auf seine besondere Weise, also daß er scheinbaren Segen, in Wirklichkeit aber reichen Unsegcn durch sie unter der Menschheit verbreitete. Ein so zanberkräsliger Same war nicht leicht zu erlangen; nur zu bestimmter Zeit durfte man ihn suchen, natürlich um Mitternacht, und wann der Same gerade zur Reife gelangt war. Aber das war die Schtvierigkeit; denn er reifte nicht allmählich heran, sondern plötzlich, und wenn man nicht diese» Augenblick ergatterte, so fiel er als goldener Rege» zur Erde und verschwand. Sein T rang zum Erdiunern war so groß, daß man ihn nicht auffangen konnte, selbst metallene Mörser durchschlug er. Ein kohlschwarzes Bocksell aber durchdrang er nicht, denn der Bock steht ja in unlieblicher Beziehung zum Teufel. Am ein- fachsten ist es, wenn man sich mit diesem Herrn direkt in Verbindung setzt, der als vorsichtiger Geschäftsmann seinen Klienten erst allerlei widrige Proben bestehen läßt, die ihm dessen Seele sichern, ehe er ihm die ersehnte Düte mit Farnsnincn über- reicht. In der Christuacht fand sich der Unselige vor Mitternacht auf einem Krenziveg ei», über den schon Leichen nach einem Fried- Hof getragen worden waren. Hier suchte» ihn die Geister der Wer- storbeuen auf, um ihn von seiner Absicht abzubringen. Wehe ihni, wenn er sich niit ihnen einließ. Er durfte nicht sprechen, nicht lachen, sonst zerriß ihn der Teufel. Hatte er aber bis MiUcr- nacht ausgeharrt, so erschien der Böse und händigte ihm den Farn- samen ein. Ein Bursche bat einstmals einen Kaincraden, der sich schon einmal de» Zaubersainen verichafft, ihn bei seinem Gang begleite» zu dürfen. Zur vorgeschriebenen Zeit waren sie am Kreuzweg, der Führer zog eine» Kreis, gebot Schweigen und las sonderbare Dinge anS einem kleinen Buch. Bald darauf brauste das »vildc Heer vorüber, dann hing ein Mühlstein an einem dünnen Faden über ihnen, alsbald kam ein vierspänniger Wagen, dessen Fuhrmann nach der nächsten Ortschaft fragte. Als die beide» aber der Vorschrift getreu nicht antworteten, rollte der Wagen weiter. Da glitt eine große Holzschüssel herab und fragte, ob sie dem Wagen nachkommen könne. Das kam dem Burschen so komisch vor, daß er laut auflachte. Er heimste dafür von seinem Gefährten eine kräftige Ohrfeige ein, da er durch sein Lache» den Zauber verscherzt hatte.— Der Farnsamc macht unsichtbar. Einst ging ein Mann in der Mittsommernacht auf der Suche nach seinem Füllen durch eine Wiese; da fiel Farnsmne in seine schuhe. Als er zurückkam, achteten seine Hausgenossen nicht auf ihn. Als er aber rief: Ich habe das Fohlen nicht gefunden, da erschraken alle ge- wältig, denn sie hatten seine Stimme gehört, ohne ihn zu sehen. Er vermöchte sich das alles nicht zu erklären, als er aber die Schuhe auszog, in denen der Farnsmne war, wurde er wiederum allen ficht- bar. Außerdem verlieh der Farnsmne seinem glücklichen Be- sitzer unverwelkliche Jugend und wunderbare Körperkräfte. Ein Webergeselle arbeitete nur Sonnabends und schlug die übrigen Tage der Woche mit Faulenzen und wüstem Leben tot,' aber was er an dem einen Tage gewoben, ivar mehr, als sonst ein geschickter Arbeiter in einer Woche fertig brachte. Als er einst an einem Sonnabend ein Stück Leintuch von hundert Ellen gewoben, ivollte seine Meisterin dies Prachtwerk gleich abliefern. Ihr Weg führte sie an der Ehiuger Kirche vorbei; da hörte sie gerade zum Segen schellen und stellte den Korb hin, kniete nieder und empfing den Segen. Aber das von dem Teufelsgesellen ge- fersigte Ssiick war wieder zu Garn geworden, und es kam heraus, daß er sich zauberkräftigen Farnsamen besorgt hatte. Dem Farnsamen gab man auch den Namen Wünschelsame, denn er erfüllte seinen Besitzern alle ihre Wünsche; die jeiveiligen Inhaber scheinen sich aber stets in bescheidenen Grenzen gehalten zu haben, denn es wird nichts von großen Wunschzetteln und nichts von bitterer Enttäuschung gemeldet. Auch das Kraut selber barg Zauberkräfte. Wer darauf'tritt, ohne es zn sehen, der wird irr und wirr und kennt nicht niehr Weg und Steg. Wechseln der Schuhe oder verkehrtes Vorbinden der Schürze hob den Irrtum auf. In Thüringen nannte man das Kraut wegen seiner irreführenden Eigen- schaft Jrrkraut. Man liebte es, blühenden Farn über der Thür aufzuhängen, das sollte Glück bringen. In der Walpurgisnacht (1. Mai) ivard alle? Wasser der Brunne» und Bäche zu Wein, aber nur,>ver das Farnkraut bei sich hatte, vermochte diesen Wein zu schöpfen.— Humoristisches. — Verzeihlicher Irrtum. Fahrgast(auf der Vicinak- bahn aus dem Fenster rufend):„Sie, Schaffner, fahren wir demr noch nicht bald ab?" Schaffner:„Aber erlauben Sie,»vir sind ja schon seit einer Viertelstunde nntcrlvegs."— — Der Alpen kraxler. Hausfrau(die morgens da? Zinnner ihre« Mieters betritt):„Ist das mit dem Herrn ei» Kreuz — jeden Abend kraxelt er auf de» höchsten Schrank und übernachtet da!"— l.Megg. hum. Bl.") Notizen. — Fünfundzwanzig Ansichtskarten des„Wahren Jacob" sind bis jetzt im Verlage von I. H. W. D i c tz Rachf. in Stuttgart erschienen; eine einfarbige Serie von dreizehn Karten zn einem Preise von 60 Pf., und eine' farbige Serie von zwölf Karten zu einem Preise voir 1,20 Mark.— — Von einem„gemeinverständlichen Fachblatt für sämtliche Branchen der Metallindustrie", der„ M e l a l l o t e ch» i s ch e u Rund schau", daS vom Juli ab am 1. und 15. jeden Monats in Stuttgart herausgegeben wird, ist die erste Rummer erschienen.— — Die Centralftellc für Vermittlung des internationalen Schülerbriefwechsels, der vom sächsischen Neuphilologen- verband in Leipzig ins Leben gerufen worden ist. hat seit ihrer Gründung 5559 d e u t s ch c S ch ü l c r in ihre Listen eingetragen. Von Frankreich ans haben sich bis jetzt 185 höhere Schule» der Leipziger Vermittclnngsstclle bedient.— — Die Londoner Gesellschaft zur Vorbeugung v o n G r a u s a m k e i t e n gegen Kinder hat im Lause des letzten Jahres über 28 660 Fälle von ungehöriger Kindcrbehandlmrg aufgedeckt.— — In der letzten Sitzung der P a r i s e r„AJe-ulömis des Sciences morales et politiques' wurde mitgeteilt, daß der Schlvede Nobel dem französischen Jiistitnt die nötigen Fonds zur Schaffimg von fünf i n t e rn a ti o» a l e ii Preisen von je 3(» WO Krone» überwiese» habe; mit den ersten dreien sollten ausgezeichnet iverden eine Entdeckung auf physikalischem, auf chemischem und auf physio- logischem Gebiete, mit dem vierten ein litterarisches Werk von idealer Tendenz, mit dem fünften eine Arbeit, die die Verbrüderung der Völker, die Anfhebmig oder Verminderung der stehenden Heere und die Ansbreitmig der Friedenskongresse behandelt.— — An ch eine G o e t h e- i>i e m i n i s c e n z. Der„Franks. Zeitung" wird miS Weimar folgendes eigens im Sperrdruck be- richtet: Wicdcnmi ist einer der weuigeu dahingeschieden, die noch mit Goethe in V e r ü h r n n g gekommen sind, der 8ljährige Kom- merzicnrat Hoftöpfer S ch m i d t. Er hatte bei Goethes Be- t a t t n n g als damaliger K n r r e n t s ch ü l e r d a S Kruzifix v o r n n s g e t r a g c n.— — In London wurden fiir ein Alk- Ei 6000 Mark, der bisher höchste Preis, bezahlt. Das Ei, das in der Denkschrift der Zoologischen Gesellschaft von 1888 beschrieben wurde, hat eine» kleinen Riß.— — Eine internationale Konferenz, die sich mit der Frage der Verhütung von Geschlechtskrankheiten be- schäftigcn wird, findet in der ersten Hälfte dcö Monats September in Brüssel statt.— — Eine M a r k c n- A ii s st e l l n n g soll im Oktober in A n t- werpen unter der Ehrenpräsidentschaft des Bürgenncisters Van RhSwyck eröffnet werden. Die Ausstellung wird belgische nnd ans« ländische Postmarken. Telegrapheumarken und Stempelmarken, sowie eine Postkarteiisammliing umfassen und in den Räiunen des alten Milscnms in Antwerpen ihren Platz finden.— — Druckfehler im 16. Jahrhundert. In einem Buche, das der Buchdrucker Wolfgaug Stöcke! im Jahre 1524 in Dresden herausgab, findet sich nach der„Papierzeiiimg" der folgende Zusatz im Druckfehler-Verzeichiiis:„Die anderen Buchstaben, so zn- weilen verrückt oder gar ausgeblieben, muß ein verständiger Leser dem Sinn nach lesen, denn es ist im Winter bei dem schlechten Lichte, so die Stuben wann und die Drucker faul und schläfrig sein, bald was übersehen."— Verannvortlicher Redacieur: Augnst Jacobetz in Berlin. Druck und Benag von Max Baving m Berlin